Herzlich willkommen in der schönsten Zeit des Jahres: Keine lästigen Fragen nach der abendlichen Freizeitgestaltung mehr, sondern einfach pünktlich um 20.15 Uhr auf dem Kanapee drapieren, Glotze an und zwischen 2,5 Stunden Werbung 30 Minuten lang sogenannten „Promis“ dabei zusehen, wie recht und schlecht sie sich im australischen Dschungel schlagen und ganz nebenbei noch alle anfallenden Aggressionen auf mindestens eine Person konzentrieren und hübsch abreagieren. So gefällt mir das. Wir sehen schon: Die Ansprüche an die Jahreszeit sind ausgesprochen gering, weil in Wahrheit befinden wir uns natürlich ganz und gar nicht in der schönsten, sondern wahrscheinlich der scheußlichsten Phase des Kalenders. Winterlich-weihnachtliche Lichterl, die uns den Weg durch die ewige Finsternis weisen und das Gemüt ein bisschen wärmen, sind passé. Alle Feste sind abgearbeitet. Langsam wird es zwar ein bisschen weniger dunkel, doch keinesfalls auch weniger scheußlich – denn im Gegenteil zur hinlänglichen Annahme ist der Winter mit der Silvesternacht nicht vorbei, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Das hat Petrus in den vergangenen Wochen hinreichend bewiesen, und ich bin zuversichtlich, dass er noch die ein oder andere Schauerlichkeit in petto hat, um den Januar traditionell auf circa 90 Tage zu verlängern. Zwischendurch ein kleiner Sonnenflecken, damit wir uns alle einbilden, der Frühling gäbe sich die Ehre. Mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Rotznasen und Pestilenzen im Umfeld sich spontan verdrei- bis vierfachen – es ist halt bei genauerer Betrachtung doch keine ganz so gute Idee, sich im tiefsten Winter mit Shirt ins Straßencafé zu setzen, auch wenn sich 3 Grad zugegebenermaßen bumperlwarm anfühlen nach einer längeren Periode der Minusgrade. Zu allem Unglück ist die Welt auch noch geschmückt mit feinen Haufen grauschwarzer Ekelberge, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem Winterwonderland, über das wir neulich noch gejauchzt haben. Stapfen wir also mit Wolljacken, Daunenmänteln, Pudelmützen, Fäustlingen und nassen, kalten Füßen durch die Gegend und tragen schwer an unserem Schicksal. Wäre da nicht ein Lichtblick in jeder Bäckereiauslage auf unserem Weg: Krapfen! Köstliche Hefeknödel, gefüllt mit einer roten Sache, deren einzige Daseinsberechtigung ebenjene ist, knirscht der Kristallzucker herrlich zwischen den Zähnen. So man solcherlei noch findet. Denn die Suche wird massiv erschwert durch den sogenannten „Erfindergeist“ der Zunft. Statt sich auf den Klassiker zu konzentrieren, belästigen diese mich mit Kreationen, die dem berühmten Mango-Gelbwurst-Sorbet und Garnele-Rosmarin-Creme der Eisdielen in nichts nachstehen und dabei auch noch mit ähm besonderen Namen bedacht werden. Als wäre „Salty Depp mit Popcorn“ nicht schon schlimm genug, gibt es plötzlich auch noch Schlemmerkrapfen mit Leberkäse, Ziegenfrischkäse oder gleich als Burger mit Ketchup und Mayo. Der Missmut, der mich hierbei befällt, passt allerdings eigentlich sehr gut zum ewigen Januar. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Bäcker. Vielleicht gibt’s ja bald noch Schafshodenkrapfen und solche mit Insekten. Eine runde Sache.