Freitag, 15. Mai 2026

Eisheilige

 

Servaz miteinander! Ach nein Verzeihung, es muss ja „Servus“ heißen, ich bin schon ganz durcheinander … Mamert, Pankraz, Servaz, Bonifaz und Sophie – so heißen die Kollegen, die uns grad das Leben vergrätzen. Alljährlich bringen sie uns für eine Woche den Winter zurück, und das akkurat im allerschönsten Frühlingsjubel, wo wir doch grade dabei waren, festes Schuhwerk und dicke Daunen für mindestens sechs Monate auf den Dachboden zu verdammen. Doch mitten im Räumen und Rühren muss man plötzlich innehalten und, einen Fuß schon auf der Stiege, kleinlaut mit dem ganzen Wärmekrempel wieder umkehren. Eisheilige, das sind fiese Gesellen und eine Gesellin, namentlich die Kalte Sophie, die uns am heutigen Freitag beehrt und damit den offiziellen Reigen der Verwunderung beenden, die uns ebenso zuverlässig alljährlich trifft. Wie kann das jetzt plötzlich so kalt sein, grade war doch noch T-Shirt? Ich denke, die Eisheiligen sind eine Art Memento Mori des lieben Petrus. Eine mit hocherhobenem Zeigefinger vorgetragene Warnung, gefälligst den Frühling und Sommer aufs Heftigste zu genießen, denn mit einem Fingerschnips kann sich wieder alles ändern und der Winter hat uns zurück in seiner eisigen Faus. Am mementomorischsten, zumindest als Unterstützung blicken mich die „Briemerla“ (mittelfränkisch für „schöne Blumen“) vom Balkon aus an, wo ich sie wider besseres Wissen bereits ausgesetzt habe. Hier frieren und frosten und leiden sie nun still vor sich hin, die bunten Stempelchen wie Augen, aus denen vorwurfsvolle Blicke blitzen: Warum hast du uns das angetan, du weißt doch genau, dass es über die Eisheiligen für uns viel zu gefährlich draußen ist? Und ich nicke beschämt und gelobe Besserung. Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz. Also gut. Dann überwintere … nein, überbrücke ich eben mit vorfreudigen Gedanken auf meine wahren Eisheiligen. Kennt ihr noch Ed von Schleck? Ich glaube, das gibt es nicht mehr, aber es war eine sehr coole Sache in einer Plastikröhre, in die man unten ein Plastikröhrl stecken und dann sanft, sehr sanft nach oben drücken musste. War man zu ungeduldig, flutschte die gelb-weiß-gequirlte Eiscreme einfach auf den Boden und das Geschrei war groß. Oder Bumbum, das Boris-Becker-Gedächtniseis, bei dem die Glasur irgendwie eklig aber geil war, niemand weiß, wie das Eis eigentlich schmeckt, wohl aber, dass der dazugehörige Kaugummi aus dem Stiel nach zwei Sekunden keinen Geschmack mehr hatte. Pfuargs! Und das Big Sandwich mit der praktischen Waffel zum halten und Abbeißen, von der man keinesfalls abbeißen darf, weil sonst links und rechts und vorne und hinten und überall gleichzeitig hervorquillt und die bunte Pückler Schnitte überall landet, bloß nicht in deinem Magen … Ich finde, das sind echte Eisheilige. Und statt Memento Mori rufen die nur weithin hörbar „Memento Gaudi“ – jawollja!

Freitag, 8. Mai 2026

Kurzcamping

 

Ein Kurzurlaub dauert typischerweise zwei bis vier Tage und dient der „schnellen Erholung vom Alltag“. Hab ich prompt gemacht und jetzt ganz im Matthias Claudius’schen Sinne was zu erzählen. Die Idee: Vier Tage Camping mit Freunden in der Fränkischen, Wandern, Essen sowie die Seele im Gleichklang mit den Beinen baumeln lassen. Der heilige Schwur, ausgesprochen am Abreisetag um 15 Uhr: „Wir brauchen ja echt nix und nehmen nur das Nötigste mit.“ 16.35 Uhr: Besorgte Nachbarn fragen, ob wir etwa ausziehen. Nein, tun wir nicht, aber es ist wie verflixt: Ob vier Tage oder vier Wochen – man braucht halt so seinen Krempel, und während für die Klamotten zwar ein Handtäschchen reicht, tendiert die Reisegruppe Wasmeier ja zum Vorbereitet sein auf alle Eventualitäten und schleppt darum u.a. wohlweislich eine Heizdecke mit auf den Trip. 18 Uhr: Befahren der Autobahnauffahrt. 18.02 Uhr: Lichtsignale und Geschrei eines anderen Fahrers und die Info, „euer Caravan hat eine Scheibe verloren.“ Schreck, Standstreifen, Fenster-Check. Seltsam, alles da. 19.10 Uhr: Ankunft in der Campingschlucht bei Sonnenuntergang, Kleinkinder planschen nackt im Fluss, während ich beim Verlassen des Autos den sofortigen Kältetod erleide. Das geht ja gut los. 19.30 Uhr: Hä, warum ist es so hell in der Nasszelle? Oh, kein Dachfenster mehr … Zu diesem Zeitpunkt beginnt von mir unbemerkt auch etwas, das ich „campinginduzierte Dezivilisierung“ nennen möchte. Man betritt den Ort als reinlicher Mensch mit einem leichten Hang zum Zwanghaften, hat ein Duschkonzept erarbeitet, ausreichend saubere Unterhosen dabei und freut sich darüber, dass die sanitäre Anlage nur zehn Meter entfernt ist, schließlich muss man ja beständig Hände waschen. Morgendusche an Tag 2 entfällt außerplanmäßig, weil verschlafen. Abenddusche Tag 2 entfällt jedoch auch, weil zu müde. Morgendusche Tag 3 entfällt, weil nachher schwitz ich eh wieder, außerdem is‘ doch nur Camping. Nachmittagdusche Tag 3: Für 50 Cent tropft vier Minuten ein entweder zu kaltes oder zu heißes Rinnsal aus dem Duschkopf. Logo: Das machen wir nicht mehr! Indirekt proportional zur Aufenthaltsdauer nimmt zudem das Reinlichkeitsbedürfnis insgesamt ab. Latscht man zu Beginn noch alle halbe Stunde zur Sanitäranlage, wischt man sich 24 Stunden später die Hände nurmehr notdürftig an der Hose ab, um weitere 24 Stunden später überrascht festzustellen, dass es ganz ohne Händewaschen eigentlich auch gut geht, die zehn Meter zum Waschbecken sind endlos weit und man muss sich ja vielleicht mal nicht so anstellen … So geht’s dahin, und nach vier Tagen fragen andere Nachbarn daheim auf der Straße überrascht, wie lange wir wohl weg waren. Immerhin: Die Heizdecke hat mir das Leben gerettet, die Zeit war wunderschön. Und das ist ja wohl die Hauptsache. Jetzt geh ich aber lieber mal schnell Händewaschen.

Freitag, 1. Mai 2026

Meteoropathie

 

Fremdwörter machen das Leben nicht leichter, aber schöner. Zumindest für diejenigen, die sie benutzen (können) und darob im besten Falle auch verstehen. Für die anderen Sprecher nicht so sehr, deswegen muss man immer ein bisschen aufpassen beim Verwenden der schönen Vokabeln, dass man damit seinem Gegenüber nicht ganz gewaltig auf den Schlips tritt. Oder aber man möchte dem Gegenüber sehr gerne ganz gewaltig auf den Schlips treten und verwendet extra viele schöne Wörter, um den anderen möglichst doof dastehen zu lassen. Was ich natürlich nie machen würde. Dennoch habe ich hier just ein paar neue Kandidaten, die wirklich hervorragend geeignet sind, um sich möglichst, Achtung, distinguiert hervorzutun, sprich: als prahlerisches Arschloch zu erkennen zu geben. Besonders wichtig bei der Benutzung von Fremdwörtern ist, dass es eine astreine Alternative auf Deutsch gäbe, aber man lieber dennoch zum, Achtung, elaborierten Worte greift. Ich habe überlegt, euch öfter mal eine kleine Handreichung anzufertigen, damit auch ihr als feine Prahlköpfe durch die Welt, Achtung, kontemplieren könnt. Als da wäre: ephemer (flüchtig, nur kurze Zeit bestehend: Meine Liebe zu dir war ephemer.), konzis (kurz gefasst, prägnant: Wasi, sei doch in der Kolumne mal konzis!), perzipieren (wahrnehmen, bemerken: Perzipierst du auch diesen Lebkuchen-Gestank in der Nordstadt?), ambig (zweideutig: Also für mich klang die Zahlungsaufforderung vom Finanzamt recht ambig.) und Aporie (Ausweglosigkeit, unlösbarer Widerspruch: Mir scheint, als handle es sich bei der genannten Deadline um eine Aporie!). Nach dieser kleinen Aufwärmübung können wir jetzt zum eigentlichen Problem des Tages kommen, das da wäre: Ich habe ein schweres Leiden entwickelt in den vergangenen Jahren. Das Leiden geht einher mit bleierner Müdigkeit, Schädelweh, unbezwingbarer Schwäche und maximal gesteigertem Schlafbedürfnis, sprich es macht mich quasi lebensunfähig und das gerne an Tagen, an denen von der Menschheit eine große Lebensfähigkeit vorausgesetzt wird. Klingelt bei mir dann das Telefon, hebe ich mit größter Mühe den Hörer ab (also ich drück halt den grünen Knopf) und hauche in diesen mit durchsichtiger Stimme „Ich kann nicht, ich habe schlimme Metereopathie!“ völlig unabhängig davon, was der Anrufende von mir gewollt haben könnte. Gelegentlich kommt es auch vor, dass ich brutal miese Laune habe und freundlichen Worten oder Gesten blumenstraußzerreißend ein „WAS SOLL MIR DAS JETZT HELFEN MIT MEINER SCHLIMMEN, SCHLIMMEN METEREOPATHIE?!“ die Tür weise. Schlimme Krankheit, kann man nichts machen. Ganz besonders nicht gestehen, dass es sich bei der spezialschlimmen Krankheit um eine simple Wetterfühligkeit handelt, bei der es helfen könnte, sich einfach mal ein bisschen zusammenzureißen … Sehr distinguiert, n’est-ce pas?

Freitag, 24. April 2026

Italienisch

 

So langsam bewegt sich das Leben wieder Richtung nach draußen, und auch wir Balkonier machen es uns gemütlich. Theoretisch zumindest, weil um ehrlich zu sein sieht es auf meinem Balkon noch genau so aus wie die letzten Monate: ziemlich trist. Aus den Blumenkästen hängen schwach im Wind wehende Pflanzengerippe, der Boden kann sich nicht entscheiden, ob er grau oder gelb eingestaubt sein möchte, und alles in allem ist es noch recht fern da draußen von meinem Idealbild mit Blühpflanzen, Hängekräutern und Lichterketten. Für eine Sache taugt’s aber allemal, und das ist mir zugleich angenehmst wie peinlich. Weil: die Nachbarn. Die Nachbarn, so sie sich ebenfalls auf ihren Balkonen befinden, können nämlich seit einiger Zeit Wundersames belauschen. „Vorrei un cornetto e un tè, per favore.“ Oder „Il mio vestito non è brutto.“ Oder „Anna e Lin sono di Sydney. Loro insegnant inglese qui.“ Gehaltvolle Sätze wie diese kommen wahlweise aus meinem Telefon oder aus mir selbst. Denn ich habe eine neue Stufe auf dem Weg zur Klischee-Mittvierzigerin erklommen: Ich lerne Italienisch. Wer ist schuld? Ich weiß es nicht, sicherlich aber nicht meine akademische Sehnsucht nach Toskana und Rotweindegustation oder dem typischen Wunsch nach dem Lebensabend in der Finca, auch hege ich keine sonderlich große Leidenschaft für italienische Popmusik oder Filmkultur. Höchstens hege ich eine große Leidenschaft für italienisches Essen (il cibo), und allein dafür muss man gelegentlich mal über den großen Berg reisen (viaggiare). Indeed tu ich das schon mein Leben lang und habe als Kind mittels eines Bilderbuchs Basiswörter gelernt und Zählen als Sportart betrieben. Für mehr hat’s mich nie interessiert, meine letzte Sprachlernerfahrung datiert auf die 10. Klasse, wo irgendein Wahnsinniger beschlossen hatte, das wäre die exakt perfekte Zeit für eine vierte Fremdsprache (Nicht. Ist es: nicht!) bzw. ein jedes Treffen mit dem Vatertier, das nicht müde wird, trotz minimaler Erfolge (minus null!) seit circa 40 Jahren maximalen Aufwand zum Erlernen des Italienischen zu betreiben. Dann kam im Winter (inverno) eine Freundin und mit ihr eine App mit einer grünen Eule, der ich sofort verfiel. Seit nunmehr 65 Tagen lerne ich also täglich, mal mehr, mal weniger intensiv, aber mit großer Begeisterung, weil ich das Prinzip „Gamification“ verstanden und lieben gelernt habe. Oder es mich. Lustig: Der Mann macht das auch, aber mit einer anderen App, weswegen zeitweise verschiedenste Stimmen verschiedenste Worte und Sätze durch die Wohnung oder aus dieser hinaus bläken. Selbstverständlich muss das neue Wissen bald erprobt werden. Schön Klischee. Am besten hier im Ristorante. Ich freu mich schon auf die schiefen Blicke. Und dann such ich mir das nächste Hobby. Seidenmalerei vielleicht?

Freitag, 17. April 2026

Urängste

 

Am Wochenende wäre beinahe ein mittelgroßes Malheur passiert. Im Rahmen meiner unilateralen Gesprächstherapie hier möchte ich sogleich meine Erfahrungen teilen, denn das war so: Ein Auto will gewaschen, geputzt und gepflegt werden – vor allem im Autoliebedeutschland eine Beschäftigung, der man gerne am Wochenende nachgeht, um das gute Stück regelmäßig auf Hochglanz zu bringen. Ich bin darin nicht gut, um nicht zu sagen: schlecht, aber so alle Jubeljahre komm ich schon auch mal auf die Idee, nachzuschauen, welche Farbe sich eigentlich unter dem Gatsch aus festzementiertem Streusalz und eingebackenem Blütenstaub verbirgt. Also Waschanlage, und weil Leute immer nicht verstehen, warum ich kein Fan von Achterbahnen & Co. bin: Ich hol mir meinen Thrill in Alltagsbeschäftigungen, beispielsweise einmal jährlich in ebenjener Autodusche. Dieser Vorgang war mir noch nie geheuer. Schwieriges Rangieren zwischen komischen Geleisen, man muss 17-mal prüfen, ob auch wirklich alle Fenster und Dächer geschlossen sind, werden die Scheiben dem Bürstendruck standhalten, wann ist der richtige Zeitpunkt, wieder loszufahren und früher hat man dann am krisseligen Radioton gemerkt, dass die Antenne wohl doch nicht abgeschraubt war. Eine veritable Urangst also. Davon hab ich mehrere, und ich weiß immer nicht, ob das noch normal ist oder schon pathologisch, und ich werde es vermutlich auch nicht herausfinden, weil heutzutage ja alles pathologisch ist und jede Charaktereigenschaft im Therapeuten-Sprech mal schnell beim Abendessen oder in der Norma-Schlange durchdiagnostiziert wird. Weitere Urängste von mir: die Verdurstungsangst (immer Wasser dabeihaben, man weiß nie, was passiert. Ja, auch in der Innenstadt nicht.); die Erfrierungsangst (ein Temperatursturz nach Regen, Sonnenuntergang oder einfach spontan ist selbstverständlich immer möglich, und grade im schönsten aller Nürnis ein Durchfahren verschiedener Klimazonen innerhalb einer Stunde absolut machbar); die In-der-Rutsche-Steckenbleib-Angst (als wäre ich in den letzten 30 Jahren gerutscht … ); die Sonnenstuhl-Zusammenbrech-Angst (besonders heikel kommen mir da diese fiesen, wackligen Liegen daher, bei denen ich nie weiß, wie sie richtig aufgestellt gehören, und dann will man sich im Biergarten hineinbequemen und ZACK! großes Gelächter … Wird aber aktuell abgelöst von der Aus-dem-Sonnenstuhl-nicht-mehr-hochkomm-Angst.); die unbemerkter-Pickel-im-Gesicht-Angst (…); die Mundfäule-Angst (schröckliche Vorstellung!) … Oh, es werden dann doch mehr Urängste, als ich anfangs gedacht hatte. Naja jedenfalls: Ich rein in die Riesendusche, wollte den Schlüssel abziehen und dann gemütlich draußen in der Sonne stehen und warten, bis das Programm durchgelaufen ist. Hab ich also die Tür schonmal geöffnet und dann sind sehr viele Sachen gleichzeitig passiert: 1. Der Autoschlüssel ließ sich nicht abziehen. 2. Die Autotür war offen. 3. Die Waschanlage begann ihr Werk, allerlei Lichter blinkten und erste Wassertropfen sprenkelten die Frontscheibe … Vor lauter Schreck weiß ich nicht mehr ganz genau, was dann passiert ist, aber ich scheine nach einigem hilflosen Schlüssel-Gerüttel auf die Idee gekommen zu sein, geistesgegenwärtig die Tür wieder zu schließen. Das war knapp. Und muss jetzt erstmal wieder reichen für ein Jahr. Meine Angst? Vollkommen berechtigt!

Samstag, 11. April 2026

Hermeneutischer Zirkel

 

Ich fülle diese Zeilen seit fast genau 15 Jahren, hab grade nochmal nachgeschaut. 2011 hat der liebe Kollege Erik S. mir den Staffelstift mit den Worten „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ übergeben, und wenn ich mich nicht verrechnet habe, war er damals wesentlich jünger als ich es jetzt bin. In 15 Jahren ändert sich vieles, vieles aber auch nicht, und da ist es wohl kaum verwunderlich, dass das ein oder andere Thema hier schon mehrfach beackert worden ist. „Ich bitte um Milde“, um sogleich eins meiner größten Vorbilder zu zitieren, den ehrenwerten Herrn Klaus Schamberger, der mir einst am Telefon verriet, er schriebe seit 1969 Kolumnen und zu Hochzeiten sogar vier verschiedene pro Woche – eine Leistung, die mich blass werden lässt. „Milde“ ist mein Stichwort, denn mir scheint, auch ich werde von Jahr zu Jahr milder und bin im Vergleich zu den Anfangszeiten schon so milde, dass ich glatt als Babynahrung durchgehen könnte. Man schreibt so vor sich hin, durchschifft den Kalender, die Ereignisse, die Jahreszeiten, und während sich an Grundsätzlichem oft nicht viel ändert, tut es das Detail sehr wohl. Zum einen. Zum anderen ganz offenkundig meine Haltung. Auf Gscheidhaflerisch heißt das „Hermeneutischer Zirkel“, so ein akademisches Dings, bei dem es eigentlich darum geht, dass der Rezipient, also Leser, ein und den selben Text immer anders lesen, interpretieren und einordnen kann, weil die eigene Erfahrungs- und Verständniswelt sich in der Zwischenzeit immer ein bisschen ändert (also so ähnlich halt, sorry Germanisten, ist schon bisschen her). Ob das jetzt andersherum auch funktioniert, also so, dass die Schreibende ebenfalls immer eine andere Sicht- und Verständnisweise auf ein bestimmtes Thema hat im Laufe ihres Alterns, hatten wir damals glaube ich nicht durchgenommen, ich finde aber, man kann den Spieß durchaus so herumdrehen. So geschieht es mir zumindest grad im Anblick einer bestimmten Pflanze, die ihr alle grade draußen im schönsten Frühlingssonnengelb vor sich hin leuchten sehen könnt und der ich unlängst einen schmachtenden Blick zuwarf. „Schon schön, wie die so leuchten“, hab ich gesagt und bin sofort angeschrien worden. „WIE BITTE? DU? Du hast die doch jahrelang als verachtenswürdige Streberpflanze verteufelt!“ Nun, das ist richtig. Die Forsüzie und ich, wir standen sehr lange Zeit auf Kriegsfuß. Dieses Vordränglerische, Grellnervige, das war mir früher nix. Heute bin ich scheinbar altersmilde und mit dem strahlenden Strauch versöhnt. Wie schön, dass es diese Pflanze gibt, die selbst dem hartnäckigsten Winterstarrsinn tapfer die Stirn bietet, ihre blütenkleinen Fäustchen ballt und laut hervorschreit „Du kannst machen, was du willst, aber am Ende wird der Frühling, werden das Gute und Schöne gewinnen!“ Soweit, dass ich ihr ihren echten Namen gewähren möchte, bin ich zwar noch nicht. Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Forsüzie sein. Und milde. Oder?

Samstag, 4. April 2026

Hitparade

 

Das Internet ist wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen. Zum Beispiel, wenn man eine Erinnerung verifizieren möchte an Erlebnisse, die sich so ungefähr vor 25, 30 Jahren (huch!) abgespielt haben müssten und darum möglicherweise etwas vage sind. Dann muss es eben ohne gehen, aber sagt nicht, ich würde lügen! Also: In diesem genannten Früher gab es über Ostern eine sehr wichtige Sache und intensive Beschäftigungsmöglichkeit. Nämlich spielte ein Radiosender über alle Feiertage hinweg die Top 500-Lieblingshits der Hörerschaft. Das ist ja erstmal nichts Besonderes, weil das machen die ja im Prinzip dauernd. Aber in dem Fall kam ein ganz besonderer Service mit daher, nämlich: eine feinsäuberliche aufgelistete Liste aller geplanten Hits, die auf einer Doppelseite in der Zeitung vorab präsentiert wurde. Immer noch nicht so besonders? Dann habt ihr wirklich keine Ahnung, sprich: seid entweder viel zu alt oder viel zu jung. Weil für mich und meinesgleichen hatte dieses Wochenende eine unfassbar große Bedeutung – was dem Anlass entsprechend nur angemessen war. Ostern! Das höchste Fest der Christenheit, das aber zu meinem Unverständnis nicht mit einer vierwöchigen aufgeregten Vorbereitungszeit einhergeht wie im Dezember. Zu dem auch keine überdimensionalen Palmwedel vor dem Hauptbahnhof geschmückt werden, sich keine Horden zum allabendlichen Eierlikörchen auf dem Hauptmarkt treffen, relativ wenig geweint wird wegen unerfüllter Geschenkewünsche und meines Wissens nach vergleichsweise selten Kinderchöre überall erscheinen und Osterlieder trällern. Ich meine: Okay, wir feiern im Dezember eine Niederkunft, das sollte ja immer ein Anlass für Festivitäten sein. Aber an Ostern passiert doch die große Magie, der echte Shizzle, das könnte man doch ruhig ein bisschen mehr würdigen? So tat das also in unserem Sinne dieser Radiosender und bescherte uns armen Millenials, die wir ja nichts hatten – kein Smartphone, kein Internet, kein Netflix, es war so schrecklich! – ausgesprochen aufregende Tage mit einer Art frühzeitlichem Spotify, was auch nur minimal aufwendiger war als heutzutage. Anhand besagter Liste wusste ich auf die Sekunde exakt, um wie viel Uhr welcher lebenswichtige Song gespielt wurde, und damit DIE Chance, ihn endlich in voller Länge und ohne lästiges Geschwafel vorne und Werbejingle hinten auf Kassette (sowas wie ein USB-Stick) zu fixieren. Ich saß also drei Tage vor dem HiFi-Turm in meinem Kinderzimmer, die Zeitung um mich gehüllt wie eine Toga. Nagelneu gekaufte Kassetten häuften sich um mich herum, und ich war absolut bereit. Bereit, den „record“-Knopf zu drücken, wenn eines meiner Lieblinge in die Pipeline des Äthers gelangte, den wichtigen Fang sogleich sorgsam auf dem Coverzettel zu notieren und somit musikalisches Überleben für das kommende Jahr zu sichern. Leider gibt es das heute nicht mehr. Ich habe also viel Zeit für Eiersuche und Geschenke. Versteckt ihr mir was? Das wäre dem Anlass doch angemessen. Frohe Ostern!