Es war ein lauer Oktobernachmittag. Der stadtpark-eigene Jongleur klaubte zum 694. Mal fluchend seine 17 Bälle vom Boden auf, denn es war ihm erneut nicht gelungen, sie alle gleichzeitig in der Luft zu halten – ein Gefühl, das ich nur zu gut kenne. Gänsefedern wehten sanft in einer weichen Brise und vermischten sich mit Kot und Laub hier und da zu romantischen Skulpturen urbaner Herbststimmung. Ein Rollschuhkind fiel und weinte, ein anderes fiel nicht und lachte. Irgendjemand pfiff – ob eine Melodie oder einem Hund hinterher, ich weiß es nicht mehr. Denn plötzlich zerschnitt ein gellender Schrei die goldene Glückseligkeit. „WAAAAAAAAAAAAAAAAHAHAHAHAHAAAAAAAAAS??? Das ist EXAKT eine Schminkanleitung für Frauen ü40! HAHAHAHAAA ich schmeiß mich weg, genau so mach ich das auch. Und DU AUCH, gib’s zu!!“, schrie die Freundin. Und ich gab zu. Denn schließlich hatte ich grad vorgelesen: „Streichen Sie das Makeup großzügig, aber ungleichmäßig flächig in Ihr Gesicht. Warten Sie, bis alles getrocknet ist. Bewegen Sie anschließend Ihre Gesichtsmuskeln. Das Makeup bricht an verschiedenen Stellen auf.“ Und in der Tat: Ungefähr nach diesem Prinzip verfahre ich bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen ich mich aufraffe, mir ein Gesicht ins Gesicht zu malen – zumindest, seitdem ich Brillenträgerin bin. Gleitsicht, damit es auch ja in alle Richtungen schön verschwommen ist, wenn man ohne Brille versucht, etwas zu verrichten. „Schminken“ ist seitdem eher so eine Art Verdachtshandlung geworden, bei der man hoffen muss, dass die Arbeitsschritte in den langen Jahren vorher so akkurat eingeübt worden sind, dass sie auch blind von der Hand gehen. Dann heißt es: Auf Dunkelheit oder ehrliche Begleitung hoffen. Ich selbst hatte mich von der Gebrauchsanweisung allerdings eher an die Art Makeup erinnert gefühlt, bei der junge Damen schichtweise verschiedene Pasten auftragen, bis sie etwas im Gesicht tragen, was mich an die altrömische Schreibtafel erinnert, die wir einst in der 5. Klasse gebastelt haben: Eine dicke Schicht Wachs auf einem Holzbrett, in die man dann seine Botschaften hineinkratzen konnte. Seitdem möchte ich immer eine Rakel dabeihaben, um hilfsbereit überschüssiges abzukratzen oder Mitteilungen auf Wangen zu ritzen. Jedoch: Bei der vorgenannten Gebrauchsanweisung handelte es sich, so versicherte ich der Freundin eilig, jedoch nicht um eine Schminkanleitung aus der Bravo oder wo die das heute herhaben, sondern einen Benutzerhinweis für eine sogenannte „Crackle Cream“, die ich im Drogeriefachgeschäft entdeckt hatte – im Halloweenregal, versteht sich. Neben kleinen Kanistern Blut und künstlichem Wundschorf hat mich dieses sehr begeistert, und weil es ja bald soweit ist, spiele ich mit dem Gedanken, nicht nur dieses Jahr ENDLICH an Türen klopfende Kinderlein mit in Schokobonpapier gehüllten Sardellenoliven zu beglücken (und überdies noch weitere Boshaftigkeiten zu recherchieren), sondern mich selbst in eine derart böse Hexe zu verwandeln, dass wer auch immer meinen Fernsehabend stört, mit einem empfindlichen Schrecken das Weite suchen wird. Vielleicht kann ich’s dann doch ein bisschen leiden, dieses Halloween.
Katharina Wasmeier - Runter vom Sofa!
ɾҽԃҽɳ ιʂƚ ʂιʅႦҽɾ> ʂƈԋɾҽιႦҽɳ ιʂƚ ɠσʅԃ
Freitag, 23. Oktober 2026
Freitag, 16. Oktober 2026
Twerken statt Heizen
„It’s
gettin‘ cold in here, so put on all your clothes!” Herzlich willkommen
zu unserem Proseminar „Klassiker der Hiphop-Geschichte neu Interpretiert“. Heute: Nelly. „I am getting so cold,
i wanna take my clothes on!” Während Ihre Dozentin, Frau Prof. Dr.
honoris causa K. Wasmeier (ich) durch den Vortragsaal twerkt – uh, uh, yay, ah!
–, sich dabei in höchstem Maße sexy ein Kleidungsstück nach dem anderen
überwirft und dabei herausfordernd mit den Titten (ja nein, nix! Wir sind hier
im Hiphop, da darf man das, Motherfakkas!) bounct (was unter uns gesagt mit
zunehmendem Alter eine wachsende Herausforderung ist, weil also bis das ganze
Wolkenfleisch, einmal in Bewegung versetzt, wieder zum Stillstand kommt, das
kann schon dauern – aber hey: Alles für die Lehre!), gibt es gewisse
Disharmonien im Haushalt bzw. unter den Mitbewohnern. Deren sind es zwei, also
der Mitbewohner und ich, und das ist im Sinne der demokratischen Mitbestimmung
immer schon eine schwierige Anzahl gewesen, weil Ergebnisse bei Abstimmungen
auch heiklen Inhalts vergleichsweise oft keine absolute Mehrheit für eine
Partei ergeben und du dich dann am Ende doch wieder ums Recht des Stärkeren
prügeln musst – zö la wieh, wie der Franzose sagt. Jetzt möchte ich ungern
Wetten abgeben lassen auf wer da am End der (oder die) Stärkere sein wird, weil
Glückspiel kann süchtig machen, aber natürlich dürfen Tipps abgegeben werden.
Weil die Unstimmigkeit ist so: Mit Autoreifenwechseln gibt’s klare
Verhaltensregeln, die allgemein akzeptiert sind; wenn nicht als strenge
Richtlinie, so doch zumindest als Verhaltensempfehlung. Die lautet: Winterreifen
von O bis O, bums (tschullo, der Hiphop) aus basta. Im Oktober pfriemeln wir
das kälteresistente Profil drauf und an Ostern wieder runter, und wenn’s dann
im Mai noch schneit musst du halt schauen wie du die Schneeketten auf den
Sommerpneu hinaufgedrechselt bekommst und am Brenner umeinanderrutschst. Jedoch
wie lautet die Verhaltensregel für den Start in die Heizsaison? Was schon
einmal nicht güldet bittesehr ist eine Orientierung am Lebkuchen- und
Dominosteinsegment, weil dann tätest du die Heizung ja unter Umständen schon im
August aufdrehen (und dann am 28.12. wieder aus, wie doof wäre das denn?). Mama
sagt „Ja mach’s doch einfach nach Gefühl!“, aber unter uns: Dank der Gnade
meines Alters ist „nach Gefühl“ auch nicht wirklich belastbar, weil mein Gefühl
sagt seit einiger Zeit abwechselnd „Schweißausbruch“ und „Gänsehaut“. Ich weiß
auch nicht, was das soll. Früher hab ich die Parole ausgerufen: Es werden so
lange Klamottenschichten aufgetürmt und Wärmflaschen bereitet, bis es wirklich
nicht mehr anders geht, aber das erscheint mir auch nicht mehr adäquat. Also
Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Heizperiode?“ I put in der
Zwischenzeit mal noch ein paar clothes on. Auch wenn’s mir vom Twerken jetzt
ganz schön warm geworden ist.
Freitag, 9. Oktober 2026
Herbsturlaub
Wie jeder anständige Mensch meines Alters ohne Kinder wollte selbstverständlich auch ich die allerallerletzten schönen Tage des Jahrhunderts in Europa (meteorologisch. Vom Rest wollen wir hier lieber weiterhin nicht sprechen. Lalalala!) nutzen und noch einmal heftig Urlaub machen, um unbeschwert von lästigen Schulferienzwängen auch noch das allerletzte Fünkchen Sonnenstrahl tief in mich einzusaugen. Wie immer hab ich mich mit der Wahl des besten Ortes schwergetan. Weil weißt du nie: Wo ist’s jetzt eigentlich noch so, dass man am End den bereits vakuumierten Bikini noch einmal ans Tageslicht zerren und ordentlich strawanzen kann, ohne die Mühsal elend langer Flugreisen auf mich nehmen zu müssen? Weil nein nein, auf eure heiligen Schwüre der schnellen Landfluchten via Luftbrücke fall ich nicht mehr rein, denn auch zwei Stunden Nettoflugzeit sind halt unterm Strich dann doch immer acht im brutto. Letztes Jahr hab ich mir ein Ei gelegt und war eine Woche Regengucken am Iseosee. Das geht schon auch, aber richtig optipropti isses irgendwie dann doch nicht. Also? Hin und her, Trend (Albanien) versus Kultur (Benelux und Elsaß) versus Naheliegendes (Schwarzwald), und nach vielem Hirnen hat mich das Leben mit einem Angebot überrumpelt, dass ich dann nicht abwehren konnte: Zwei Wochen Vollpension (und Spätaufsteherfrühstück!) mit Option auf Verlängerung zum unschlagbar schmalen Taler von zehn Euro pro Tag – das kann selbst ALDI-Reisen nicht toppen. Ich also zugeschlagen, und so hab ich die vergangen zwei Wochen äußerst bequem geurlaubt, viel gelesen, in der Sonne gedümpelt, unvernünftig große Mengen Affogato genossen und mich sehr fein ausgeruht. Ein schönes Einzelzimmer hab ich ergattern können, mit einem herrlichen Blick auf Abendrot und Baukräne und konnte Tag für den Tag den Kastanien beim erbunten zusehen. Die Küche war jetzt eher so lala, aber preislich wie gesagt unschlagbar. Auch der Wellnessbereich hat vielleicht schon bessere Tage gesehen, wenn man’s mal streng nimmt, aber ich hatte einen ganz für mich und nicht etwa Dusche auf dem Flur, und das Angebot, mehrmals wöchentlich die Dienste einer mit außerordentlichen Zauberhänden gesegneten Masseurin in Anspruch zu nehmen, hab ich freilich nicht ausgeschlagen, zumal: all inklusive! Das Personal war durch die Bank außerordentlich entzückend, stets zu Diensten und mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen, und der Hotelmanager kein abgehobener Geck mit Dünkelattitüden, sondern ein gutgelaunter und außerordentlich engagierter Kerle mit einem elefantengroßen offenen Ohr für die Wünsche und Sperenzchen seiner Gäste. Und weil ich’s eingangs so erwähnt hab: An- und Abreisezeit absolut unschlagbar. Abgesehen vom 24-Stunden-Check-in hat’s nur 15 Minuten Autofahrt gebraucht, und so schnell kommst du ja nicht einmal in die Fackelmann-Therme! Ich sag: Vergelt’s Gott, Klinikum Nürnberg Nord. Ich komme gerne wieder. Google-Bewertung (10/10) folgt.
Freitag, 2. Oktober 2026
Kinderfotos
Gestern durfte ich mir Kinderbilder anschauen. Das ist grundsätzlich nichts Besonderes. Um mich herum kindert und gebärt und vermehrt und fortpflanzt es sich aktuell dermaßen, dass einem die Windeltorten nur so um die Ohren fliegen und man fastbeinahe von einer Art Epidemie sprechen könnte; aber das ist ja auch gut so, schließlich will das Land ja am Leben erhalten werden und aus der demographischen Zwiebel kein Broccoli gezüchtet (um allen Gscheidhaferln gleich einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich weiß, dass das Bild schief ist, aber es gefällt mir sehr gut. Basta.). Nun, man kennt das also: Mei schau wie lieb die kleine Hilde da in ihrem Betterl döst. Und da schau einmal das Fußi vom Pauli, ist das nicht das süßeste Fußi das du überhaupt jemals gesehen hast und manchmal da kannst du dann so niedliche Bröselchen zwischen diesen klitzekleinen Zehen hervorpulen und die stinken dann ein bisserl hihi ist das nicht putzig? Und ach Gott wie lieb da hat die Sofie neulich so ein feines Kacki gemacht und dann war überall alles orangebraun aber mei das passt ja eh so gut grade – magst du ein bisschen von der Kürbissuppe, die ich gemacht hab? Ist ganz frisch. Und hier hat die Emmi auch geschlafen, und da auch und ach Gott schau da hat sie dann beim Schlafen einmal das Kopferl nach links gedreht statt nach rechts ist das nicht unglaublich und wart ich wollt dir noch zeigen wie wir neulich gebadet haben hihi da ist die zwar nackelich aber das siehst ja jetzt nur du. Und da war der arme August so arg schwitzig und ach nein das ist nur ein bisschen Rotz der da noch festgetrocknet das musste ich dann später bisserl ablutschen oder magst du … ? So geht das, man freut sich übers Glück der anderen und am besten gleich mit ihnen mit und ist heimlich ein bisschen froh dass einem neben dem großen Glück auch der viele Stress erspart bleibt. Nun waren die Kinderfotos von gestern aber ein bisschen ein anderes Kaliber. Auf dem einen war die liebe Elfie ganz schwitzig auf dem Radl weil „das ist die süße Dicke ja nicht gewohnt“ und auf dem anderen sah sie „schon besonders lustig und bescheuert aus mein lieber Schatz“ und „hier schau, da ist sie besonders moppelig ach hab ich die gern“ und ich blickte in ein rotes, rundes Gesicht, umrahmt von Schwitzesträhnen, dick verkleidet als rundes Daunenungetüm. Ich hab das alles neugierig angeschaut und insgeheim mich recht gewundert und auch amüsiert. Elfie ist 31 Jahre alt und ihre Mutter demnächst 66, und da muss ich mich jetzt schon fragen, ob mir hinterrücks ein ähnliches Schicksal beschoren ist. „Mei schau die süße Kadda, da war sie so krank und elend und hat gar nicht gemerkt dass ich fotografiert hab nach dem Spuckerle“ oder „Ach gucke da hat sie nackig im Garten getobt weil man bei uns ja nicht reingucken kann aber ich hab natürlich ein Foto gemacht zu Erinnerung“ und dann sitzen Mama und Papa da mit einem Kumpel oder der einen da vom Chor und gucken süße Kinderfotos an, derweil das Kind 44 ist und eigentlich da gern ein Mitsprachrecht hätte. Hm. Um ehrlich zu sein hätten das die echten kleinen Kinder wahrscheinlich auch. Vielleicht sollte man sie das einmal fragen. Oder auch ein bisschen öfter.
Freitag, 25. September 2026
Pyjamaparty
Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.
Freitag, 18. September 2026
Gebuhrzeit
Bei Kindern im Grundschulalter sowie Jugendlichen gibt es
eklatante Kompetenzmängel, was das Lesen analoger Uhren angeht. Kann man
ständig überall nachlesen und leuchtet ja auch ein vor lauter Handy & Co.
Ich selbst werde das vermutlich auch demnächst verlernen, baut man mir doch
überall um mich herum meine lieben schönen analogen Uhren ab, weil erklärte mir
ein ehemaliger Bürgermeister mal, „ja eh alle immer ein Handy dabeihaben und da
die Zeit ablesen.“ Ok, kann man so sehen. Kann man aber auch sagen: Also wenn
ich grad mit dem Radl unterwegs bin und es wie immer eilig habe weil ich wie
immer vielleicht ein bisserl knapp kalkuliert habe, dann hat mir so eine Uhr am
Bahnhofsplatz z. B. schon oft gut geholfen im Sinne von „noch nen Zahn zulegen“
oder „easy, derrenn dich nicht“. Es ist aber nicht alles falsch am Leben ohne
analogen Uhren. Dass ich ein sehr arg komisches Zahlengedächtnis hab und zwar
dyskalkulatorische Symptomatiken zeige, dafür aber ausgezeichnet bin in
„gefühlter Mathematik“ (das Ergebnis stimmt, allein der Rechenweg ist mir
selber schleierhaft) sowie in beinahe zwanghafter Assoziation bestimmter
Zahlenkombinationen mit bestimmten Ereignissen – und hierfür ist die digitale
Uhr mit ihre plakativ laut herausgerotzten Ziffern äußerst willkommen. Zum
Beispiel der Klassiker: „333“ sieht man jetzt außerhalb des UK nicht superoft.
Wenn aber doch schreit’s in meinem Hirn freilich „BEI ISSOS KEILEREI!“ und
„753“ (Sichtung schon wesentlich wahrscheinlicher) muss ich natürlich „Rom
schlüpft aus dem Ei“ schlaumeiern. Das können vermutlich viele von euch, bei
mir geht’s aber noch ein bisserl weiter. Fällt mein Blick beispielsweise um 15
Uhr 05 auf eine digitale Anzeige, dann ist mein allererster Impuls: Schnell vor
die Glotze und auf Pro7 Andreas Türck anschauen!! Geht auch mit 14:05, bloß war
das glaub ich Arabella Kiesbauer und mit Schulschluss um 13 Uhr schwierig zu
realisieren. Das ist wie lange her? 30 Jahre? Irgendwie so, aber mein Hirn will
sich einfach nicht davon lösen. Seh ich sowas wie „79% Akkulaufzeit“, dann
reicht die „79“, um an eine Freundin zu denken, deren Geburtsjahr und deswegen
Nutzernamen auf u.a. Instagram diese Zahl beinhaltet. Besonders gut, soll
heißen: metertief hat sich das Konzept der „Gebuhrzeit“ in mir eingegraben. Die
„Gebuhrzeit“ ist, wenn die Uhrzeit dem eigenen Geburtsdatum entspricht. In
meinem Fall ist das 09:03 und ein sehr guter Anlass, von manchen Menschen
umgehend Gratulationen einzufordern. Das solltet ihr auch mal versuchen. Ok,
für am 31.12. Geborene wird’s natürlich schwierig, aber dann kann man immer
noch auf UK & Co. zurückgreifen und die Glückwünsche um 12:31 Uhr
einfordern. Ich kann das aus dem FF mit 16:09, 14:06, 15:11, 14:12 sowie 09:30
Uhr. Erschreckenderweise auch mit den Geburtstagen meiner Fußballidole von
annodazumal (16:10 – Mehmet Scholl; 01:02 – Christian Ziege), offenbar war
meine Pubertät eine zahlenprägende Zeit. Es ist also nicht alles schlecht an
digitaler Uhrzeit. Nur das mit den schönen weißen Bahnhofsuhren mit den
schwarzen Stricherln, das reut mich schon.
Freitag, 11. September 2026
Jahreszeitenwechsel
Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen
Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten
Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht)
vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach
„Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen,
auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten,
gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und
wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in
den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und
„Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz
polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich
freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des
Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden
bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung
empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach
so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich
die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden
Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht
ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau,
nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen.
Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern
maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten
anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting
bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja
nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für
gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich
gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im
Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen
sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu
tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also
bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/
einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE
Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der
leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem
Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in
greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine
Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir
die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden
Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!