Freitag, 6. November 2026

Waking up is hard to do

Seit einigen Jahren beschäftigt die (europäische? deutsche?) Welt ein Thema, das nur allzu menschlich und normal ist, das man aber ganz offenkundig prima (und mutmaßlich auch sehr lukrativ) problematisieren kann. Diese Fähigkeit ist bis auf wenige pathologische Ausnahmen in uns allen angelegt und sollte entsprechend nicht der Rede wert sein, ähnlich einer gut funktionierenden Verdauung oder Schluckauf. Nichtsdestotrotz gibt es Pillen (mit und ohne Rezept), Ratgeber, Aromamittelchen, Therapien, Videos, Podcasts und allerlei Heilsversprecher, die mindestens zwei Gemeinsamkeiten haben: zweifelhafte Wirksamkeit und hohe Bepreisung. Es geht hier um: Sex. Nein Schmarrn, natürlich nicht, aber schon hab ich eure Aufmerksamkeit wieder. Selbstverständlich geht es ums Einschlafen. Damit haben Menschen viele Probleme, und deswegen müssen die Heilsversprecher richten, was der durchgetaktete Alltag zwischen Kita, Job, Power Yoga und dazwischen vielleicht die ein oder andere Stunde Doomscrolling zuvor zerstört haben. Allen Betroffenen gilt mein tief empfundenes Beileid, weil ich kenn sie sehr wohl auch, diese Abende, an denen der Körper schwer wie Blei im Bett liegt, derweil der Kopf leicht und lustig eine eilige und endlose Reise durch die eigene Biographie, die nächste Einkaufsliste, die dumme Trulla von gegenüber oder den aktuellsten Radio-Hit durchhüpft. Mit dieser Sorge hab ich ungefähr genau gar nichts mehr zu tun. Seit einigen Jahren leg ich mich abends in Bettchen, mach die Augen zu und sogleich ist auch der Rest von mir im Shutdown. Aus Ende Basta. Ganz gelegentlich hab ich dann mal eine Phase nächtlichen Erwachens, aber die hab ich nicht nur zu akzeptieren gelernt, sondern begrüße sie wie einen guten Freund, der gleich die kommenden 30 bis 90 Minuten in der friedlichen Stille der Nacht mit mir verbringen, ein Buch lesen und dann sanft wieder einschlummern wird. Das gelingt meist nicht nur abends ist im Bett, sondern auch tagsüber auf dem Sofa, auf einer Picknickdecke, einer Parkbank oder zur Not auch mal sitzend mit dem Kopf an der Wand. Also nein, das ist meine Sorge nicht. Mein viel größeres Problem, und ich kann und will nicht glauben, dass das nicht auch für den Rest der o.g. Welt gilt: das Aufwachen. Ich hatte mal ein Nachtgewand, auf dem stand „Waking up is hard to do“, und eigentlich ist damit alles gesagt. Mit grässlichem Geräusch reißt der Wecker einen aus dem allertiefsten Frieden, und sofort soll man funktionieren. Tut man aber nicht, weil im Kopf befindet sich exakt: nichts, außer einem großen Dunst, der gerne bis in die späten Mittagsstunden anhält und Handlungen nur durch Automatismen möglich macht. Wo sind sie also, die Heilsversprecher? „In drei Minuten zur Höchstleistungsfähigkeit – der Podcast“, „Gemeinsam glücklich in den Tag starten – Anfängerkurs“ und „Der neue Aufwachdrop: Nur fünf Minuten vor dem Aufwachen in den Mund gesteckt ein Garant für den erfolgreichen Morgen“! Ich denke doch, sowas hätte einen Markt, zumal in der trüben Jahreszeit. Höhle der Löwen, hobbetz! Weil alternativ: „Zum Winterschlaf in sechs Schritten“. Tät ich nehmen.

Freitag, 30. Oktober 2026

Trick and Treat

 

Yeah Herrschaften, es ist wieder soweit: Was für den Franken Veitshöchheim ist und die alljährliche Frage aller Fragen („In welcher Kostümierung wird uns der MP dieses Jahr beglücken?“) ist für die Modewelt – und wir alle wissen, dass das das Parkett ist, auf dem ich ganz natürlich tanze wie ein Fischerl im Wasser – die Heidi Klum’sche Halloween-Party und das Bohei, das ebenfalls schon Wochen im Voraus um deren Kostümierung gemacht wird und von der sich der MP, mit Verlaub, durchaus ein Scheibchen abschneiden könnte. Wer sich die entsprechenden Bildergalerien dazu zu Gemüte führt, kann leicht erkennen, dass sich Deutschlands meistpolarisierende Quietschstimme für nichts zu schade ist – mein Highlight: ein zwei Meter großer Glibberwurm! Selbstverständlich fließen diese Vorbilder in meine eigenen Überlegungen mit ein, denn zwar lehne ich Halloween grundsätzlich ab, aber ich lehne auch Kinderkonzerte ab und war trotzdem letzte Woche zwei Stunden auf einem solchen. Weil: der Lieblingsneffe, genau. Also bedrohe ich mich seit zwei Wochen selbst mit dem Entschluss, die Familie zu einem Halloweenbrunch zu laden und sich, verdammt nocheins, gefälligst an die Kleiderordnung zu halten: Dress to Impress! Nein natürlich nicht, sondern schön blutig soll es bitteschön sein. Bei mir wird’s easy, ich schmink mich einfach ganz normal ohne was zu sehen. Aber ganz vielleicht habe ich mir auch dieses Crackle Cream besorgt, von der ich neulich sprach. Und eventuell war ich versehentlich in einem Ladengeschäft und habe dort das ein oder andere völlig sinnbefreite Plastikdings erworben, weil ich mir sehr sicher bin, dass Oma und Opa statt Croissant und wachsweichem Ei lieber eine greißliche Gummihand auf dem Teller liegen haben wollen und die Atmosphäre erst dann besonders stimmungsvoll ist, wenn die Tischbeleuchtung aus kleinen Kunststoffspinnen besteht, die auf ihrem Rücken eine funzelnde Kürbis-LED tragen. Oder? Eben! Über diese ganzen wichtigen Vorbereitungen habe ich aber beinahe schon wieder die weltallerwichtigste Sache vergessen, nämlich: Kinder treaten, bevor sie sich am trick laben können. Oder auch hinterher, mir egal. Gut gefällt mir die Idee, mich als Vogelscheuche verkleidet reglos vor die Haustür zu setzen und plötzlich laut buhend zum Leben zu erwachen. Meine oft zitierten Schokobons-des-Grauens (echte Schoki selber mampfen, dafür Oliven o.ä. ins Papierl wickeln und großzügig verschenken … *RÜLPS*) könnte ich noch erweitern, indem ich Rosenkohl aufspieße, schokoliere und als Cake-Pops anpreise. Grundsätzlich sollte man eh die Gesundheit achten und den kleinen Gruselwuseln an der Türe freundlich Apfelschnitzen anbieten statt Zuckerzeug. Die sind ja heutzutage alle so schlau, die verstehen das auch: Wenn in einer sehr großen Packung der allerliebsten Lieblingssüßsache blanke Reiswaffeln drin sind, freuen sie sich sicher. Wenn ich’s mir so überlege, sollte ich mich selbst verkleiden und den Zwerg bei Dunkelheit durch die Nachbarschaft begleiten. Und WEHE, da versucht uns jemand Gemüse anzudrehen oder eine Olive! Dann können die mal sehen, wie schnell aus uns zwei Süßen zwei ziemlich Saure werden!

Freitag, 23. Oktober 2026

Crackle Cream

Es war ein lauer Oktobernachmittag. Der stadtpark-eigene Jongleur klaubte zum 694. Mal fluchend seine 17 Bälle vom Boden auf, denn es war ihm erneut nicht gelungen, sie alle gleichzeitig in der Luft zu halten – ein Gefühl, das ich nur zu gut kenne. Gänsefedern wehten sanft in einer weichen Brise und vermischten sich mit Kot und Laub hier und da zu romantischen Skulpturen urbaner Herbststimmung. Ein Rollschuhkind fiel und weinte, ein anderes fiel nicht und lachte. Irgendjemand pfiff – ob eine Melodie oder einem Hund hinterher, ich weiß es nicht mehr. Denn plötzlich zerschnitt ein gellender Schrei die goldene Glückseligkeit. „WAAAAAAAAAAAAAAAAHAHAHAHAHAAAAAAAAAS??? Das ist EXAKT eine Schminkanleitung für Frauen ü40! HAHAHAHAAA ich schmeiß mich weg, genau so mach ich das auch. Und DU AUCH, gib’s zu!!“, schrie die Freundin. Und ich gab zu. Denn schließlich hatte ich grad vorgelesen: „Streichen Sie das Makeup großzügig, aber ungleichmäßig flächig in Ihr Gesicht. Warten Sie, bis alles getrocknet ist. Bewegen Sie anschließend Ihre Gesichtsmuskeln. Das Makeup bricht an verschiedenen Stellen auf.“ Und in der Tat: Ungefähr nach diesem Prinzip verfahre ich bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen ich mich aufraffe, mir ein Gesicht ins Gesicht zu malen – zumindest, seitdem ich Brillenträgerin bin. Gleitsicht, damit es auch ja in alle Richtungen schön verschwommen ist, wenn man ohne Brille versucht, etwas zu verrichten. „Schminken“ ist seitdem eher so eine Art Verdachtshandlung geworden, bei der man hoffen muss, dass die Arbeitsschritte in den langen Jahren vorher so akkurat eingeübt worden sind, dass sie auch blind von der Hand gehen. Dann heißt es: Auf Dunkelheit oder ehrliche Begleitung hoffen. Ich selbst hatte mich von der Gebrauchsanweisung allerdings eher an die Art Makeup erinnert gefühlt, bei der junge Damen schichtweise verschiedene Pasten auftragen, bis sie etwas im Gesicht tragen, was mich an die altrömische Schreibtafel erinnert, die wir einst in der 5. Klasse gebastelt haben: Eine dicke Schicht Wachs auf einem Holzbrett, in die man dann seine Botschaften hineinkratzen konnte. Seitdem möchte ich immer eine Rakel dabeihaben, um hilfsbereit überschüssiges abzukratzen oder Mitteilungen auf Wangen zu ritzen. Jedoch: Bei der vorgenannten Gebrauchsanweisung handelte es sich, so versicherte ich der Freundin eilig, jedoch nicht um eine Schminkanleitung aus der Bravo oder wo die das heute herhaben, sondern einen Benutzerhinweis für eine sogenannte „Crackle Cream“, die ich im Drogeriefachgeschäft entdeckt hatte – im Halloweenregal, versteht sich. Neben kleinen Kanistern Blut und künstlichem Wundschorf hat mich dieses sehr begeistert, und weil es ja bald soweit ist, spiele ich mit dem Gedanken, nicht nur dieses Jahr ENDLICH an Türen klopfende Kinderlein mit in Schokobonpapier gehüllten Sardellenoliven zu beglücken (und überdies noch weitere Boshaftigkeiten zu recherchieren), sondern mich selbst in eine derart böse Hexe zu verwandeln, dass wer auch immer meinen Fernsehabend stört, mit einem empfindlichen Schrecken das Weite suchen wird. Vielleicht kann ich’s dann doch ein bisschen leiden, dieses Halloween.

Freitag, 16. Oktober 2026

Twerken statt Heizen

 

„It’s gettin‘ cold in here, so put on all your clothes!” Herzlich willkommen zu unserem Proseminar „Klassiker der Hiphop-Geschichte neu Interpretiert“. Heute: Nelly. „I am getting so cold, i wanna take my clothes on!” Während Ihre Dozentin, Frau Prof. Dr. honoris causa K. Wasmeier (ich) durch den Vortragsaal twerkt – uh, uh, yay, ah! –, sich dabei in höchstem Maße sexy ein Kleidungsstück nach dem anderen überwirft und dabei herausfordernd mit den Titten (ja nein, nix! Wir sind hier im Hiphop, da darf man das, Motherfakkas!) bounct (was unter uns gesagt mit zunehmendem Alter eine wachsende Herausforderung ist, weil also bis das ganze Wolkenfleisch, einmal in Bewegung versetzt, wieder zum Stillstand kommt, das kann schon dauern – aber hey: Alles für die Lehre!), gibt es gewisse Disharmonien im Haushalt bzw. unter den Mitbewohnern. Deren sind es zwei, also der Mitbewohner und ich, und das ist im Sinne der demokratischen Mitbestimmung immer schon eine schwierige Anzahl gewesen, weil Ergebnisse bei Abstimmungen auch heiklen Inhalts vergleichsweise oft keine absolute Mehrheit für eine Partei ergeben und du dich dann am Ende doch wieder ums Recht des Stärkeren prügeln musst – zö la wieh, wie der Franzose sagt. Jetzt möchte ich ungern Wetten abgeben lassen auf wer da am End der (oder die) Stärkere sein wird, weil Glückspiel kann süchtig machen, aber natürlich dürfen Tipps abgegeben werden. Weil die Unstimmigkeit ist so: Mit Autoreifenwechseln gibt’s klare Verhaltensregeln, die allgemein akzeptiert sind; wenn nicht als strenge Richtlinie, so doch zumindest als Verhaltensempfehlung. Die lautet: Winterreifen von O bis O, bums (tschullo, der Hiphop) aus basta. Im Oktober pfriemeln wir das kälteresistente Profil drauf und an Ostern wieder runter, und wenn’s dann im Mai noch schneit musst du halt schauen wie du die Schneeketten auf den Sommerpneu hinaufgedrechselt bekommst und am Brenner umeinanderrutschst. Jedoch wie lautet die Verhaltensregel für den Start in die Heizsaison? Was schon einmal nicht güldet bittesehr ist eine Orientierung am Lebkuchen- und Dominosteinsegment, weil dann tätest du die Heizung ja unter Umständen schon im August aufdrehen (und dann am 28.12. wieder aus, wie doof wäre das denn?). Mama sagt „Ja mach’s doch einfach nach Gefühl!“, aber unter uns: Dank der Gnade meines Alters ist „nach Gefühl“ auch nicht wirklich belastbar, weil mein Gefühl sagt seit einiger Zeit abwechselnd „Schweißausbruch“ und „Gänsehaut“. Ich weiß auch nicht, was das soll. Früher hab ich die Parole ausgerufen: Es werden so lange Klamottenschichten aufgetürmt und Wärmflaschen bereitet, bis es wirklich nicht mehr anders geht, aber das erscheint mir auch nicht mehr adäquat. Also Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Heizperiode?“ I put in der Zwischenzeit mal noch ein paar clothes on. Auch wenn’s mir vom Twerken jetzt ganz schön warm geworden ist.

Freitag, 9. Oktober 2026

Herbsturlaub

 Wie jeder anständige Mensch meines Alters ohne Kinder wollte selbstverständlich auch ich die allerallerletzten schönen Tage des Jahrhunderts in Europa (meteorologisch. Vom Rest wollen wir hier lieber weiterhin nicht sprechen. Lalalala!) nutzen und noch einmal heftig Urlaub machen, um unbeschwert von lästigen Schulferienzwängen auch noch das allerletzte Fünkchen Sonnenstrahl tief in mich einzusaugen. Wie immer hab ich mich mit der Wahl des besten Ortes schwergetan. Weil weißt du nie: Wo ist’s jetzt eigentlich noch so, dass man am End den bereits vakuumierten Bikini noch einmal ans Tageslicht zerren und ordentlich strawanzen kann, ohne die Mühsal elend langer Flugreisen auf mich nehmen zu müssen? Weil nein nein, auf eure heiligen Schwüre der schnellen Landfluchten via Luftbrücke fall ich nicht mehr rein, denn auch zwei Stunden Nettoflugzeit sind halt unterm Strich dann doch immer acht im brutto. Letztes Jahr hab ich mir ein Ei gelegt und war eine Woche Regengucken am Iseosee. Das geht schon auch, aber richtig optipropti isses irgendwie dann doch nicht. Also? Hin und her, Trend (Albanien) versus Kultur (Benelux und Elsaß) versus Naheliegendes (Schwarzwald), und nach vielem Hirnen hat mich das Leben mit einem Angebot überrumpelt, dass ich dann nicht abwehren konnte: Zwei Wochen Vollpension (und Spätaufsteherfrühstück!) mit Option auf Verlängerung zum unschlagbar schmalen Taler von zehn Euro pro Tag – das kann selbst ALDI-Reisen nicht toppen. Ich also zugeschlagen, und so hab ich die vergangen zwei Wochen äußerst bequem geurlaubt, viel gelesen, in der Sonne gedümpelt, unvernünftig große Mengen Affogato genossen und mich sehr fein ausgeruht. Ein schönes Einzelzimmer hab ich ergattern können, mit einem herrlichen Blick auf Abendrot und Baukräne und konnte Tag für den Tag den Kastanien beim erbunten zusehen. Die Küche war jetzt eher so lala, aber preislich wie gesagt unschlagbar. Auch der Wellnessbereich hat vielleicht schon bessere Tage gesehen, wenn man’s mal streng nimmt, aber ich hatte einen ganz für mich und nicht etwa Dusche auf dem Flur, und das Angebot, mehrmals wöchentlich die Dienste einer mit außerordentlichen Zauberhänden gesegneten Masseurin in Anspruch zu nehmen, hab ich freilich nicht ausgeschlagen, zumal: all inklusive! Das Personal war durch die Bank außerordentlich entzückend, stets zu Diensten und mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen, und der Hotelmanager kein abgehobener Geck mit Dünkelattitüden, sondern ein gutgelaunter und außerordentlich engagierter Kerle mit einem elefantengroßen offenen Ohr für die Wünsche und Sperenzchen seiner Gäste. Und weil ich’s eingangs so erwähnt hab: An- und Abreisezeit absolut unschlagbar. Abgesehen vom 24-Stunden-Check-in hat’s nur 15 Minuten Autofahrt gebraucht, und so schnell kommst du ja nicht einmal in die Fackelmann-Therme! Ich sag: Vergelt’s Gott, Klinikum Nürnberg Nord. Ich komme gerne wieder. Google-Bewertung (10/10) folgt. 

Freitag, 2. Oktober 2026

Kinderfotos

Gestern durfte ich mir Kinderbilder anschauen. Das ist grundsätzlich nichts Besonderes. Um mich herum kindert und gebärt und vermehrt und fortpflanzt es sich aktuell dermaßen, dass einem die Windeltorten nur so um die Ohren fliegen und man fastbeinahe von einer Art Epidemie sprechen könnte; aber das ist ja auch gut so, schließlich will das Land ja am Leben erhalten werden und aus der demographischen Zwiebel kein Broccoli gezüchtet (um allen Gscheidhaferln gleich einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich weiß, dass das Bild schief ist, aber es gefällt mir sehr gut. Basta.). Nun, man kennt das also: Mei schau wie lieb die kleine Hilde da in ihrem Betterl döst. Und da schau einmal das Fußi vom Pauli, ist das nicht das süßeste Fußi das du überhaupt jemals gesehen hast und manchmal da kannst du dann so niedliche Bröselchen zwischen diesen klitzekleinen Zehen hervorpulen und die stinken dann ein bisserl hihi ist das nicht putzig? Und ach Gott wie lieb da hat die Sofie neulich so ein feines Kacki gemacht und dann war überall alles orangebraun aber mei das passt ja eh so gut grade – magst du ein bisschen von der Kürbissuppe, die ich gemacht hab? Ist ganz frisch. Und hier hat die Emmi auch geschlafen, und da auch und ach Gott schau da hat sie dann beim Schlafen einmal das Kopferl nach links gedreht statt nach rechts ist das nicht unglaublich und wart ich wollt dir noch zeigen wie wir neulich gebadet haben hihi da ist die zwar nackelich aber das siehst ja jetzt nur du. Und da war der arme August so arg schwitzig und ach nein das ist nur ein bisschen Rotz der da noch festgetrocknet das musste ich dann später bisserl ablutschen oder magst du … ? So geht das, man freut sich übers Glück der anderen und am besten gleich mit ihnen mit und ist heimlich ein bisschen froh dass einem neben dem großen Glück auch der viele Stress erspart bleibt. Nun waren die Kinderfotos von gestern aber ein bisschen ein anderes Kaliber. Auf dem einen war die liebe Elfie ganz schwitzig auf dem Radl weil „das ist die süße Dicke ja nicht gewohnt“ und auf dem anderen sah sie „schon besonders lustig und bescheuert aus mein lieber Schatz“ und „hier schau, da ist sie besonders moppelig ach hab ich die gern“ und ich blickte in ein rotes, rundes Gesicht, umrahmt von Schwitzesträhnen, dick verkleidet als rundes Daunenungetüm. Ich hab das alles neugierig angeschaut und insgeheim mich recht gewundert und auch amüsiert. Elfie ist 31 Jahre alt und ihre Mutter demnächst 66, und da muss ich mich jetzt schon fragen, ob mir hinterrücks ein ähnliches Schicksal beschoren ist. „Mei schau die süße Kadda, da war sie so krank und elend und hat gar nicht gemerkt dass ich fotografiert hab nach dem Spuckerle“ oder „Ach gucke da hat sie nackig im Garten getobt weil man bei uns ja nicht reingucken kann aber ich hab natürlich ein Foto gemacht zu Erinnerung“ und dann sitzen Mama und Papa da mit einem Kumpel oder der einen da vom Chor und gucken süße Kinderfotos an, derweil das Kind 44 ist und eigentlich da gern ein Mitsprachrecht hätte. Hm. Um ehrlich zu sein hätten das die echten kleinen Kinder wahrscheinlich auch. Vielleicht sollte man sie das einmal fragen. Oder auch ein bisschen öfter.

 

Freitag, 25. September 2026

Pyjamaparty

Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.