Freitag, 2. Oktober 2026

Kinderfotos

Gestern durfte ich mir Kinderbilder anschauen. Das ist grundsätzlich nichts Besonderes. Um mich herum kindert und gebärt und vermehrt und fortpflanzt es sich aktuell dermaßen, dass einem die Windeltorten nur so um die Ohren fliegen und man fastbeinahe von einer Art Epidemie sprechen könnte; aber das ist ja auch gut so, schließlich will das Land ja am Leben erhalten werden und aus der demographischen Zwiebel kein Broccoli gezüchtet (um allen Gscheidhaferln gleich einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich weiß, dass das Bild schief ist, aber es gefällt mir sehr gut. Basta.). Nun, man kennt das also: Mei schau wie lieb die kleine Hilde da in ihrem Betterl döst. Und da schau einmal das Fußi vom Pauli, ist das nicht das süßeste Fußi das du überhaupt jemals gesehen hast und manchmal da kannst du dann so niedliche Bröselchen zwischen diesen klitzekleinen Zehen hervorpulen und die stinken dann ein bisserl hihi ist das nicht putzig? Und ach Gott wie lieb da hat die Sofie neulich so ein feines Kacki gemacht und dann war überall alles orangebraun aber mei das passt ja eh so gut grade – magst du ein bisschen von der Kürbissuppe, die ich gemacht hab? Ist ganz frisch. Und hier hat die Emmi auch geschlafen, und da auch und ach Gott schau da hat sie dann beim Schlafen einmal das Kopferl nach links gedreht statt nach rechts ist das nicht unglaublich und wart ich wollt dir noch zeigen wie wir neulich gebadet haben hihi da ist die zwar nackelich aber das siehst ja jetzt nur du. Und da war der arme August so arg schwitzig und ach nein das ist nur ein bisschen Rotz der da noch festgetrocknet das musste ich dann später bisserl ablutschen oder magst du … ? So geht das, man freut sich übers Glück der anderen und am besten gleich mit ihnen mit und ist heimlich ein bisschen froh dass einem neben dem großen Glück auch der viele Stress erspart bleibt. Nun waren die Kinderfotos von gestern aber ein bisschen ein anderes Kaliber. Auf dem einen war die liebe Elfie ganz schwitzig auf dem Radl weil „das ist die süße Dicke ja nicht gewohnt“ und auf dem anderen sah sie „schon besonders lustig und bescheuert aus mein lieber Schatz“ und „hier schau, da ist sie besonders moppelig ach hab ich die gern“ und ich blickte in ein rotes, rundes Gesicht, umrahmt von Schwitzesträhnen, dick verkleidet als rundes Daunenungetüm. Ich hab das alles neugierig angeschaut und insgeheim mich recht gewundert und auch amüsiert. Elfie ist 31 Jahre alt und ihre Mutter demnächst 66, und da muss ich mich jetzt schon fragen, ob mir hinterrücks ein ähnliches Schicksal beschoren ist. „Mei schau die süße Kadda, da war sie so krank und elend und hat gar nicht gemerkt dass ich fotografiert hab nach dem Spuckerle“ oder „Ach gucke da hat sie nackig im Garten getobt weil man bei uns ja nicht reingucken kann aber ich hab natürlich ein Foto gemacht zu Erinnerung“ und dann sitzen Mama und Papa da mit einem Kumpel oder der einen da vom Chor und gucken süße Kinderfotos an, derweil das Kind 44 ist und eigentlich da gern ein Mitsprachrecht hätte. Hm. Um ehrlich zu sein hätten das die echten kleinen Kinder wahrscheinlich auch. Vielleicht sollte man sie das einmal fragen. Oder auch ein bisschen öfter.

 

Freitag, 25. September 2026

Pyjamaparty

Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.

 

Freitag, 18. September 2026

Gebuhrzeit

 

Bei Kindern im Grundschulalter sowie Jugendlichen gibt es eklatante Kompetenzmängel, was das Lesen analoger Uhren angeht. Kann man ständig überall nachlesen und leuchtet ja auch ein vor lauter Handy & Co. Ich selbst werde das vermutlich auch demnächst verlernen, baut man mir doch überall um mich herum meine lieben schönen analogen Uhren ab, weil erklärte mir ein ehemaliger Bürgermeister mal, „ja eh alle immer ein Handy dabeihaben und da die Zeit ablesen.“ Ok, kann man so sehen. Kann man aber auch sagen: Also wenn ich grad mit dem Radl unterwegs bin und es wie immer eilig habe weil ich wie immer vielleicht ein bisserl knapp kalkuliert habe, dann hat mir so eine Uhr am Bahnhofsplatz z. B. schon oft gut geholfen im Sinne von „noch nen Zahn zulegen“ oder „easy, derrenn dich nicht“. Es ist aber nicht alles falsch am Leben ohne analogen Uhren. Dass ich ein sehr arg komisches Zahlengedächtnis hab und zwar dyskalkulatorische Symptomatiken zeige, dafür aber ausgezeichnet bin in „gefühlter Mathematik“ (das Ergebnis stimmt, allein der Rechenweg ist mir selber schleierhaft) sowie in beinahe zwanghafter Assoziation bestimmter Zahlenkombinationen mit bestimmten Ereignissen – und hierfür ist die digitale Uhr mit ihre plakativ laut herausgerotzten Ziffern äußerst willkommen. Zum Beispiel der Klassiker: „333“ sieht man jetzt außerhalb des UK nicht superoft. Wenn aber doch schreit’s in meinem Hirn freilich „BEI ISSOS KEILEREI!“ und „753“ (Sichtung schon wesentlich wahrscheinlicher) muss ich natürlich „Rom schlüpft aus dem Ei“ schlaumeiern. Das können vermutlich viele von euch, bei mir geht’s aber noch ein bisserl weiter. Fällt mein Blick beispielsweise um 15 Uhr 05 auf eine digitale Anzeige, dann ist mein allererster Impuls: Schnell vor die Glotze und auf Pro7 Andreas Türck anschauen!! Geht auch mit 14:05, bloß war das glaub ich Arabella Kiesbauer und mit Schulschluss um 13 Uhr schwierig zu realisieren. Das ist wie lange her? 30 Jahre? Irgendwie so, aber mein Hirn will sich einfach nicht davon lösen. Seh ich sowas wie „79% Akkulaufzeit“, dann reicht die „79“, um an eine Freundin zu denken, deren Geburtsjahr und deswegen Nutzernamen auf u.a. Instagram diese Zahl beinhaltet. Besonders gut, soll heißen: metertief hat sich das Konzept der „Gebuhrzeit“ in mir eingegraben. Die „Gebuhrzeit“ ist, wenn die Uhrzeit dem eigenen Geburtsdatum entspricht. In meinem Fall ist das 09:03 und ein sehr guter Anlass, von manchen Menschen umgehend Gratulationen einzufordern. Das solltet ihr auch mal versuchen. Ok, für am 31.12. Geborene wird’s natürlich schwierig, aber dann kann man immer noch auf UK & Co. zurückgreifen und die Glückwünsche um 12:31 Uhr einfordern. Ich kann das aus dem FF mit 16:09, 14:06, 15:11, 14:12 sowie 09:30 Uhr. Erschreckenderweise auch mit den Geburtstagen meiner Fußballidole von annodazumal (16:10 – Mehmet Scholl; 01:02 – Christian Ziege), offenbar war meine Pubertät eine zahlenprägende Zeit. Es ist also nicht alles schlecht an digitaler Uhrzeit. Nur das mit den schönen weißen Bahnhofsuhren mit den schwarzen Stricherln, das reut mich schon.

Freitag, 11. September 2026

Jahreszeitenwechsel

 

Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht) vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach „Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen, auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten, gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und „Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau, nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen. Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/ einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!

Freitag, 4. September 2026

Powersätze

 

„Eine Binsenwahrheit ist eine allgemein bekannte, selbstverständliche Tatsache, die keine neuen Erkenntnisse liefert und im Grund überflüssig zu erwähnen ist.“ Das sagt mir der Brockhaus, als ich ihn fragte, was das eigentlich ist, eine Binsenwahrheit. Als Herkunft wird die lateinische Redewendung „nodum in scirpo quaerere“ genannt, was so viel heißt wie „einen Knoten in der Binse suchen“ – eine vergebliche Anstrengung, da das glatte Sumpfgras über keine Besonderheiten verfügt und somit „die Wahrheit glatt und offensichtlich vor Augen liegt.“ Synonym dazu verwendet werden „Gemeinplatz“, Plattitüde“, „Truismus“ oder „Banalität“. Eine moderne Variante der Binsenweisheit scheinen mir die sogenannten „Powersätze“ zu sein, die uns, angeblich, für den Alltag motivieren, als mentale Anker oder Schutzschuld gegen Stress dienen sollen. Solche Powersätze werden heute gerne als „positive Affirmation und Selbstliebe“ ventiliert und schreiben sich auf die Fahne, mein Denken in eine mir wohlwollende und zugewandte Richtung zu programmieren. Dazu, weiß die Internationale Hochschule, gehören Sätze, die sich allesamt glasklar nach Arztroman anhören, mindestens aber nach Kaffeebohnen-Tapete mit Sinnspruch-Sticker aus der Grabbelwarenabteilung eines Möbelhauses aus dem Niedrigpreissektor: Ich vertraue meinem inneren Kompass Ich feiere meine Stärken und akzeptiere meine Schwächen. Ich wähle jeden Tag Glück und Liebe. Meine Träume sind erreichbar. Jeder Tag bringt neue Möglichkeiten. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was ich habe. Ich bin fähig, meine Ziele zu erreichen. Ich entscheide mich heute, den besten Tag zu haben. Ich bin gesund und fühle mich gut. Ich gestalte mein eigenes Glück. Einen besonders guten Powersatz, den ich gern zitiere, hatte vor einigen Jahren ein gewisser David Yotta im Dschungelcamp etabliert: „I’m strong, healthy and full of energy!“ morgens dreimal aufgesagt, brächte dem Menschen Kraft und Schwung für jeden Tag. Ich persönlich habe einen allerliebsten, ganz eigenen Powersatz, der mich mit hundertprozentiger Sicherheit im Nu in Schwung bringt. Nämlich: auf die Palme. Sagst du diesen Satz zu mir, dann kannst du sicher sein, dass ich in Windeseile ungeahnte Energien mobilisiere und mit der ganzen Kraft eines veritablen Rumpelstilzchens gegen dich verwende. Diese Zauberworte lauten: „Denk nicht so viel nach!“ Mal ganz davon abgesehen, dass mir absolut schleierhaft ist, wie genau das gehen soll, nicht so viel nachzudenken, weil schließlich geschieht das oftmals ganz ohne mein absichtliches Zutun, so möchte ich den Satz mit der Hand fangen, in der Faust zu einem kompakten Stück Zorn formen und dem Sprecher direkt entgegenschleudern „DENK DU HALT NICHT SO WENIG NACH!“ Das möchte ich dann nämlich mal sehen, wie jemand, dem es nunmal nicht gegeben ist, übermäßig viel zu reflektieren, sich dann hinsetzt und ganz angestrengt und feste presst und presst und einfach kein sehr schöner Gedanke dabei zum Vorschein kommen will. Ich denke nach, so viel ich will. Ob dann am Ende nützliche oder hindernde Ergebnisse dabei rauskommen oder es gar eine Binsenweisheit wird, ist dann ja wohl mein Problem.

 

Freitag, 28. August 2026

Zeugnisse

 

Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren, erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2. Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann, bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“ nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“ konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“ schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden, in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht. Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!

Freitag, 21. August 2026

Insektenfreundlich

 

Ich war grade auf meinem Balkon. Solche Ausflüge sind aktuell möglich, was mich sehr freut, zerfiel man zuletzt doch beim Betreten desselben in Windeseile zu einem wimmernden Häufchen Asche; grad so, als sei Dracula persönlich versehentlich ins Sonnenlicht getreten. Südbalkon – des einen (Wüstenbewohner, Hautkrebsunbelehrbare, Masochisten) Freud, des anderen (ich, ich, ich) Leid. Ganz oben auf der Liste der Nachteile steht die Bepflanzung, zumindest wenn man nicht ausschließlich Sukkulenten, also Kaktusse, oder Dörrobst zur Zierde haben mag. Nach zehn floralbotanisch eher enttäuschenden Saisonen, in denen ich herausgefunden habe, dass nicht alles, was Sonne mag, auch Dauersonne mag, und nicht alles, was angeblich hitzebeständig ist, auch infernalischen Dauerheißbeschuss liebt, scheine ich momentan durch gärtnerisches Geschickt (und womöglich einen Hauch von Zufall) eine Pflanzenkomposition entdeckt zu haben, die mit allen ungünstigen Rahmenbedingungen klarkommt und fröhlich dauerblühend die Balkonkästen überwuchert. Freilich kommen wir auch dieses Jahr nicht ohne Learning aus, und das heißt in diesem Fall: Nicht alles, was „insektenfreundlich“ heißt, zieht Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und sonstiges flauschig-gefälliges Getier an. Folglich sirren und schwirren zwischen gelben Puscheln und pinker Pracht Milliarden winziger schwarzer Fliegen, die sich an Gott weiß was laben und des Lebens freuen. Ich beiße die Zähne zusammen – zum einen, um beim Betreten des Balkons nicht unfreiwillig eine schöne Portion Insekten wie ein Wal aufzuschaufeln. Zum anderen, weil ich ja natürlich weiß: Es gibt keine gute und schlechte Fauna, sondern nur gute, und jedes Tierchen hat einerseits sein Plaisierchen, andererseits seinen Nutzen in der Nahrungskette oder was weiß ich wo. Weil angeblich sehr gut geeignet für vollsonnige Balkone gegen Süden hin hab ich selbstverständlich längst probiert, auch hier meinem verklärten Hang zum Südbayerischen Rechnung zu tragen und den Balkon wie es sich in der Heimat gehört mit gigantischen Wolken farbexplosiver Geranien und Petunien zu schmücken, auf dass ein jeder, der unten vorbeigeht, beim Blick nach oben ein imponiertes Seufzen von sich gebe. Im Resultat hatte ich magere Stiele, an denen einsame Blüten tapfer vor sich hin dörrten, um schließlich geschwächt zu Boden zu fallen. Keine Spur von riesigen Blütenkissen, und nach dem dritten Versuch hab ich eingesehen, dass es mir einfach nicht gegeben ist. Zur Sicherheit war ich letzte Woche mal wieder im gelobten Land und hab mir zwischen Schlier- und Tegernsee noch einmal diese mutmaßlich bürgermeisterlich verordnete Pracht genauer angesehen. Meine Vermutung: Es bedarf eines hölzern-ziergeschnitzten Balkons, eines kapitalen Geweihs und einer ordentlichen Lüftlmalerei, um Geranien & Co. zur vollen Pracht zu bringen. Projekt fürs kommende Jahr steht also fest.