„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost
wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein
bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie
tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und
ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder
minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange
anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein
drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß
werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine
gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die
Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den
seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte
sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit
seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der
Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann
das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000
Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung
beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen
Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall
haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen
Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich
würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich
die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen
Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt
drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin
nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren,
mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase
gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich
zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre
ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend
fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das
liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern,
der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat.
Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein
rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt
grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in
Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig
werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die
Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe
weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.