„Eine Binsenwahrheit ist eine allgemein bekannte,
selbstverständliche Tatsache, die keine neuen Erkenntnisse liefert und im Grund
überflüssig zu erwähnen ist.“ Das sagt mir der Brockhaus, als ich ihn fragte,
was das eigentlich ist, eine Binsenwahrheit. Als Herkunft wird die lateinische
Redewendung „nodum in scirpo quaerere“ genannt, was so viel heißt wie „einen
Knoten in der Binse suchen“ – eine vergebliche Anstrengung, da das glatte
Sumpfgras über keine Besonderheiten verfügt und somit „die Wahrheit glatt und
offensichtlich vor Augen liegt.“ Synonym dazu verwendet werden „Gemeinplatz“,
Plattitüde“, „Truismus“ oder „Banalität“. Eine moderne Variante der
Binsenweisheit scheinen mir die sogenannten „Powersätze“ zu sein, die uns,
angeblich, für den Alltag motivieren, als mentale Anker oder Schutzschuld gegen
Stress dienen sollen. Solche Powersätze werden heute gerne als „positive
Affirmation und Selbstliebe“ ventiliert und schreiben sich auf die Fahne, mein
Denken in eine mir wohlwollende und zugewandte Richtung zu programmieren. Dazu,
weiß die Internationale Hochschule, gehören Sätze, die sich allesamt glasklar
nach Arztroman anhören, mindestens aber nach Kaffeebohnen-Tapete mit
Sinnspruch-Sticker aus der Grabbelwarenabteilung eines Möbelhauses aus dem
Niedrigpreissektor: Ich vertraue meinem inneren Kompass Ich feiere meine
Stärken und akzeptiere meine Schwächen. Ich wähle jeden Tag Glück und
Liebe. Meine Träume sind erreichbar. Jeder Tag bringt neue
Möglichkeiten. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was ich
habe. Ich bin fähig, meine Ziele zu erreichen. Ich entscheide mich
heute, den besten Tag zu haben. Ich bin gesund und fühle mich
gut. Ich gestalte mein eigenes Glück. Einen besonders guten
Powersatz, den ich gern zitiere, hatte vor einigen Jahren ein gewisser David
Yotta im Dschungelcamp etabliert: „I’m strong, healthy and full of energy!“
morgens dreimal aufgesagt, brächte dem Menschen Kraft und Schwung für jeden
Tag. Ich persönlich habe einen allerliebsten, ganz eigenen Powersatz, der mich
mit hundertprozentiger Sicherheit im Nu in Schwung bringt. Nämlich: auf die
Palme. Sagst du diesen Satz zu mir, dann kannst du sicher sein, dass ich in
Windeseile ungeahnte Energien mobilisiere und mit der ganzen Kraft eines
veritablen Rumpelstilzchens gegen dich verwende. Diese Zauberworte lauten:
„Denk nicht so viel nach!“ Mal ganz davon abgesehen, dass mir absolut
schleierhaft ist, wie genau das gehen soll, nicht so viel nachzudenken, weil
schließlich geschieht das oftmals ganz ohne mein absichtliches Zutun, so möchte
ich den Satz mit der Hand fangen, in der Faust zu einem kompakten Stück Zorn
formen und dem Sprecher direkt entgegenschleudern „DENK DU HALT NICHT SO WENIG
NACH!“ Das möchte ich dann nämlich mal sehen, wie jemand, dem es nunmal nicht gegeben
ist, übermäßig viel zu reflektieren, sich dann hinsetzt und ganz angestrengt
und feste presst und presst und einfach kein sehr schöner Gedanke dabei zum
Vorschein kommen will. Ich denke nach, so viel ich will. Ob dann am Ende
nützliche oder hindernde Ergebnisse dabei rauskommen oder es gar eine
Binsenweisheit wird, ist dann ja wohl mein Problem.