Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.
Katharina Wasmeier - Runter vom Sofa!
ɾҽԃҽɳ ιʂƚ ʂιʅႦҽɾ> ʂƈԋɾҽιႦҽɳ ιʂƚ ɠσʅԃ
Freitag, 25. September 2026
Freitag, 18. September 2026
Gebuhrzeit
Bei Kindern im Grundschulalter sowie Jugendlichen gibt es
eklatante Kompetenzmängel, was das Lesen analoger Uhren angeht. Kann man
ständig überall nachlesen und leuchtet ja auch ein vor lauter Handy & Co.
Ich selbst werde das vermutlich auch demnächst verlernen, baut man mir doch
überall um mich herum meine lieben schönen analogen Uhren ab, weil erklärte mir
ein ehemaliger Bürgermeister mal, „ja eh alle immer ein Handy dabeihaben und da
die Zeit ablesen.“ Ok, kann man so sehen. Kann man aber auch sagen: Also wenn
ich grad mit dem Radl unterwegs bin und es wie immer eilig habe weil ich wie
immer vielleicht ein bisserl knapp kalkuliert habe, dann hat mir so eine Uhr am
Bahnhofsplatz z. B. schon oft gut geholfen im Sinne von „noch nen Zahn zulegen“
oder „easy, derrenn dich nicht“. Es ist aber nicht alles falsch am Leben ohne
analogen Uhren. Dass ich ein sehr arg komisches Zahlengedächtnis hab und zwar
dyskalkulatorische Symptomatiken zeige, dafür aber ausgezeichnet bin in
„gefühlter Mathematik“ (das Ergebnis stimmt, allein der Rechenweg ist mir
selber schleierhaft) sowie in beinahe zwanghafter Assoziation bestimmter
Zahlenkombinationen mit bestimmten Ereignissen – und hierfür ist die digitale
Uhr mit ihre plakativ laut herausgerotzten Ziffern äußerst willkommen. Zum
Beispiel der Klassiker: „333“ sieht man jetzt außerhalb des UK nicht superoft.
Wenn aber doch schreit’s in meinem Hirn freilich „BEI ISSOS KEILEREI!“ und
„753“ (Sichtung schon wesentlich wahrscheinlicher) muss ich natürlich „Rom
schlüpft aus dem Ei“ schlaumeiern. Das können vermutlich viele von euch, bei
mir geht’s aber noch ein bisserl weiter. Fällt mein Blick beispielsweise um 15
Uhr 05 auf eine digitale Anzeige, dann ist mein allererster Impuls: Schnell vor
die Glotze und auf Pro7 Andreas Türck anschauen!! Geht auch mit 14:05, bloß war
das glaub ich Arabella Kiesbauer und mit Schulschluss um 13 Uhr schwierig zu
realisieren. Das ist wie lange her? 30 Jahre? Irgendwie so, aber mein Hirn will
sich einfach nicht davon lösen. Seh ich sowas wie „79% Akkulaufzeit“, dann
reicht die „79“, um an eine Freundin zu denken, deren Geburtsjahr und deswegen
Nutzernamen auf u.a. Instagram diese Zahl beinhaltet. Besonders gut, soll
heißen: metertief hat sich das Konzept der „Gebuhrzeit“ in mir eingegraben. Die
„Gebuhrzeit“ ist, wenn die Uhrzeit dem eigenen Geburtsdatum entspricht. In
meinem Fall ist das 09:03 und ein sehr guter Anlass, von manchen Menschen
umgehend Gratulationen einzufordern. Das solltet ihr auch mal versuchen. Ok,
für am 31.12. Geborene wird’s natürlich schwierig, aber dann kann man immer
noch auf UK & Co. zurückgreifen und die Glückwünsche um 12:31 Uhr
einfordern. Ich kann das aus dem FF mit 16:09, 14:06, 15:11, 14:12 sowie 09:30
Uhr. Erschreckenderweise auch mit den Geburtstagen meiner Fußballidole von
annodazumal (16:10 – Mehmet Scholl; 01:02 – Christian Ziege), offenbar war
meine Pubertät eine zahlenprägende Zeit. Es ist also nicht alles schlecht an
digitaler Uhrzeit. Nur das mit den schönen weißen Bahnhofsuhren mit den
schwarzen Stricherln, das reut mich schon.
Freitag, 11. September 2026
Jahreszeitenwechsel
Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen
Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten
Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht)
vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach
„Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen,
auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten,
gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und
wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in
den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und
„Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz
polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich
freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des
Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden
bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung
empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach
so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich
die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden
Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht
ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau,
nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen.
Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern
maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten
anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting
bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja
nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für
gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich
gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im
Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen
sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu
tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also
bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/
einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE
Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der
leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem
Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in
greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine
Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir
die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden
Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!
Freitag, 4. September 2026
Powersätze
„Eine Binsenwahrheit ist eine allgemein bekannte,
selbstverständliche Tatsache, die keine neuen Erkenntnisse liefert und im Grund
überflüssig zu erwähnen ist.“ Das sagt mir der Brockhaus, als ich ihn fragte,
was das eigentlich ist, eine Binsenwahrheit. Als Herkunft wird die lateinische
Redewendung „nodum in scirpo quaerere“ genannt, was so viel heißt wie „einen
Knoten in der Binse suchen“ – eine vergebliche Anstrengung, da das glatte
Sumpfgras über keine Besonderheiten verfügt und somit „die Wahrheit glatt und
offensichtlich vor Augen liegt.“ Synonym dazu verwendet werden „Gemeinplatz“,
Plattitüde“, „Truismus“ oder „Banalität“. Eine moderne Variante der
Binsenweisheit scheinen mir die sogenannten „Powersätze“ zu sein, die uns,
angeblich, für den Alltag motivieren, als mentale Anker oder Schutzschuld gegen
Stress dienen sollen. Solche Powersätze werden heute gerne als „positive
Affirmation und Selbstliebe“ ventiliert und schreiben sich auf die Fahne, mein
Denken in eine mir wohlwollende und zugewandte Richtung zu programmieren. Dazu,
weiß die Internationale Hochschule, gehören Sätze, die sich allesamt glasklar
nach Arztroman anhören, mindestens aber nach Kaffeebohnen-Tapete mit
Sinnspruch-Sticker aus der Grabbelwarenabteilung eines Möbelhauses aus dem
Niedrigpreissektor: Ich vertraue meinem inneren Kompass Ich feiere meine
Stärken und akzeptiere meine Schwächen. Ich wähle jeden Tag Glück und
Liebe. Meine Träume sind erreichbar. Jeder Tag bringt neue
Möglichkeiten. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was ich
habe. Ich bin fähig, meine Ziele zu erreichen. Ich entscheide mich
heute, den besten Tag zu haben. Ich bin gesund und fühle mich
gut. Ich gestalte mein eigenes Glück. Einen besonders guten
Powersatz, den ich gern zitiere, hatte vor einigen Jahren ein gewisser David
Yotta im Dschungelcamp etabliert: „I’m strong, healthy and full of energy!“
morgens dreimal aufgesagt, brächte dem Menschen Kraft und Schwung für jeden
Tag. Ich persönlich habe einen allerliebsten, ganz eigenen Powersatz, der mich
mit hundertprozentiger Sicherheit im Nu in Schwung bringt. Nämlich: auf die
Palme. Sagst du diesen Satz zu mir, dann kannst du sicher sein, dass ich in
Windeseile ungeahnte Energien mobilisiere und mit der ganzen Kraft eines
veritablen Rumpelstilzchens gegen dich verwende. Diese Zauberworte lauten:
„Denk nicht so viel nach!“ Mal ganz davon abgesehen, dass mir absolut
schleierhaft ist, wie genau das gehen soll, nicht so viel nachzudenken, weil
schließlich geschieht das oftmals ganz ohne mein absichtliches Zutun, so möchte
ich den Satz mit der Hand fangen, in der Faust zu einem kompakten Stück Zorn
formen und dem Sprecher direkt entgegenschleudern „DENK DU HALT NICHT SO WENIG
NACH!“ Das möchte ich dann nämlich mal sehen, wie jemand, dem es nunmal nicht gegeben
ist, übermäßig viel zu reflektieren, sich dann hinsetzt und ganz angestrengt
und feste presst und presst und einfach kein sehr schöner Gedanke dabei zum
Vorschein kommen will. Ich denke nach, so viel ich will. Ob dann am Ende
nützliche oder hindernde Ergebnisse dabei rauskommen oder es gar eine
Binsenweisheit wird, ist dann ja wohl mein Problem.
Freitag, 28. August 2026
Zeugnisse
Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen
Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht
wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige
Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine
eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen
Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und
habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus
Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich
ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die
Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren,
erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2.
Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr
vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während
man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann,
bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“
nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit
Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der
Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es
sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“
konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen
bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift
das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen
sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen
einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen
Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“
schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts
mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem
falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und
schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe
und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich
den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei
der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich
Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller
Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich
dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden,
in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in
seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas
fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst
ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht.
Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!
Freitag, 21. August 2026
Insektenfreundlich
Ich war grade auf meinem Balkon. Solche Ausflüge sind
aktuell möglich, was mich sehr freut, zerfiel man zuletzt doch beim Betreten
desselben in Windeseile zu einem wimmernden Häufchen Asche; grad so, als sei
Dracula persönlich versehentlich ins Sonnenlicht getreten. Südbalkon – des
einen (Wüstenbewohner, Hautkrebsunbelehrbare, Masochisten) Freud, des anderen
(ich, ich, ich) Leid. Ganz oben auf der Liste der Nachteile steht die
Bepflanzung, zumindest wenn man nicht ausschließlich Sukkulenten, also Kaktusse,
oder Dörrobst zur Zierde haben mag. Nach zehn floralbotanisch eher
enttäuschenden Saisonen, in denen ich herausgefunden habe, dass nicht alles,
was Sonne mag, auch Dauersonne mag, und nicht alles, was angeblich
hitzebeständig ist, auch infernalischen Dauerheißbeschuss liebt, scheine ich momentan
durch gärtnerisches Geschickt (und womöglich einen Hauch von Zufall) eine
Pflanzenkomposition entdeckt zu haben, die mit allen ungünstigen
Rahmenbedingungen klarkommt und fröhlich dauerblühend die Balkonkästen überwuchert.
Freilich kommen wir auch dieses Jahr nicht ohne Learning aus, und das heißt in
diesem Fall: Nicht alles, was „insektenfreundlich“ heißt, zieht Bienen,
Hummeln, Schmetterlinge und sonstiges flauschig-gefälliges Getier an. Folglich
sirren und schwirren zwischen gelben Puscheln und pinker Pracht Milliarden
winziger schwarzer Fliegen, die sich an Gott weiß was laben und des Lebens
freuen. Ich beiße die Zähne zusammen – zum einen, um beim Betreten des Balkons
nicht unfreiwillig eine schöne Portion Insekten wie ein Wal aufzuschaufeln. Zum
anderen, weil ich ja natürlich weiß: Es gibt keine gute und schlechte Fauna,
sondern nur gute, und jedes Tierchen hat einerseits sein Plaisierchen,
andererseits seinen Nutzen in der Nahrungskette oder was weiß ich wo. Weil
angeblich sehr gut geeignet für vollsonnige Balkone gegen Süden hin hab ich
selbstverständlich längst probiert, auch hier meinem verklärten Hang zum
Südbayerischen Rechnung zu tragen und den Balkon wie es sich in der Heimat
gehört mit gigantischen Wolken farbexplosiver Geranien und Petunien zu
schmücken, auf dass ein jeder, der unten vorbeigeht, beim Blick nach oben ein
imponiertes Seufzen von sich gebe. Im Resultat hatte ich magere Stiele, an
denen einsame Blüten tapfer vor sich hin dörrten, um schließlich geschwächt zu
Boden zu fallen. Keine Spur von riesigen Blütenkissen, und nach dem dritten
Versuch hab ich eingesehen, dass es mir einfach nicht gegeben ist. Zur
Sicherheit war ich letzte Woche mal wieder im gelobten Land und hab mir
zwischen Schlier- und Tegernsee noch einmal diese mutmaßlich bürgermeisterlich
verordnete Pracht genauer angesehen. Meine Vermutung: Es bedarf eines
hölzern-ziergeschnitzten Balkons, eines kapitalen Geweihs und einer
ordentlichen Lüftlmalerei, um Geranien & Co. zur vollen Pracht zu bringen.
Projekt fürs kommende Jahr steht also fest.
Freitag, 14. August 2026
Birkis
Es muss über hundert Jahre her sein – na gut, vielleicht
auch nur so vierzig, als sich eine der dramatischsten und einschneidensten
Erfahrungen meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Dem
vorausgegangen waren Wochen, wahrscheinlich Monate heftiger Diskussionen mit
meinen Eltern zum Thema „Alle machen XY, nur ich armes Ding muss Z!“ Ein Thema,
dass sich ohnehin durch meine ersten Jahre zieht, weil als Kind sehr
reflektierter und informierter Akademiker hat man in der lustigen Welt der
Moden, Trends und Pflichten junger Menschen wirklich kein ganz so gutes
Standing. Ich hatte Latzhose statt Ballonkleid, Holztiere statt Barbies und
immerzu die falschen Schuhe. Während alle wunderschönen rosa Pferdemädchen mit
lang schwingender Zopffrisur und Glitzer die Welt um den kleinen Finger
wickelten, stand ich mit Skateboard und dreckigen Fingernägeln daneben und hab
mich a) gefragt, warum ich nicht so verzaubere und b) wieso diese Weiber
eigentlich so doof sind und ich trotzdem ihre Freundin sein wollte, und wurde
auf dem Nachhauseweg verprügelt, weil ich nicht wusste, dass Frauen sich die
Augen mit Buntstiften anmalen und welche Plottwists sich beim wochenendlichen
Fernsehprogramm ereignet hatten. Ich wollte auch rosa Riemchenballerinas haben
mit schöner Spitze vorne und gelbe Mokassins ohne Fußbett, trug aber (aus
heutiger Sicht hammercoole) adidas-Sneakers und irgendeinen absolut unförmigen
Latschen aus Leder und Kork, der eine vollkommen unelegante Fußform zeigte und
wegen dem ich als „Öko“ beschimpft und gleich nochmal geschubst wurde. Meine
Eltern blieben weitestgehend standhaft, und irgendwann schleiften sie mich in
ein Geschäft, das bis zur Decke voll war mit den hässlichsten Schuhen der Welt.
Es gab sie in ungefähr drei Farben (weiß, schwarz, blau), circa drei gängigen
Modellen (ein Riemen, zwei Riemen, geschlossen), und ganz selten konnte man
Sondermodelle beispielsweise an Nonnenfüßen entdecken. In dem Laden hatte ich
eine sinnstiftende Erkenntnis. Hier hing ein Plakat, das zeigte, wie sich ein
Fuß in spitzen Schuhen bös verformen muss und, gleich daneben, die luftige,
gesunde Weite, die der Gruselschuh dem Fuß bereitet. Fortan bekam ich Angst vor
bösem Fuß und trug die Schuhe artig, die ungefähr 35 Jahre später als „Birkis“
zurück in mein Leben gekommen sind. Also eher in euer, weil ich hab sie ja
durchgetragen. Jetzt mag man von der Verbirkenstockung ganzer Landstriche
halten, was man will, auch vom Wechsel vom Öko- zum Highfashion-Segment. Doch
eins muss man diesen Schuhen lassen: Selbst der gesündeste Öko-Schuh wird von
derzeitigen Fußklimata gnadenlos in die Knie gezwungen. Wo man geht und steht
duftelt’s nach dieser besonderen Mischung aus Käse, Kork und Leder, und ich
will gar nicht wissen, wie es sich eigentlich so in der Plastikvariante durch
die Tage schwimmt. Immerhin: Im Gegensatz zu allen Hallux‘- und sonstigen
Deformationen, die im Sommer zum Vorschein kommen, schmiegen sich meine Zehen
in perfekt-gesunder Reihe in die Form des Schlappen. Danke, Eltern!