Herzlich willkommen in der schönsten Zeit des Jahres: Keine lästigen Fragen nach der abendlichen Freizeitgestaltung mehr, sondern einfach pünktlich um 20.15 Uhr auf dem Kanapee drapieren, Glotze an und zwischen 2,5 Stunden Werbung 30 Minuten lang sogenannten „Promis“ dabei zusehen, wie recht und schlecht sie sich im australischen Dschungel schlagen und ganz nebenbei noch alle anfallenden Aggressionen auf mindestens eine Person konzentrieren und hübsch abreagieren. So gefällt mir das. Wir sehen schon: Die Ansprüche an die Jahreszeit sind ausgesprochen gering, weil in Wahrheit befinden wir uns natürlich ganz und gar nicht in der schönsten, sondern wahrscheinlich der scheußlichsten Phase des Kalenders. Winterlich-weihnachtliche Lichterl, die uns den Weg durch die ewige Finsternis weisen und das Gemüt ein bisschen wärmen, sind passé. Alle Feste sind abgearbeitet. Langsam wird es zwar ein bisschen weniger dunkel, doch keinesfalls auch weniger scheußlich – denn im Gegenteil zur hinlänglichen Annahme ist der Winter mit der Silvesternacht nicht vorbei, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Das hat Petrus in den vergangenen Wochen hinreichend bewiesen, und ich bin zuversichtlich, dass er noch die ein oder andere Schauerlichkeit in petto hat, um den Januar traditionell auf circa 90 Tage zu verlängern. Zwischendurch ein kleiner Sonnenflecken, damit wir uns alle einbilden, der Frühling gäbe sich die Ehre. Mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Rotznasen und Pestilenzen im Umfeld sich spontan verdrei- bis vierfachen – es ist halt bei genauerer Betrachtung doch keine ganz so gute Idee, sich im tiefsten Winter mit Shirt ins Straßencafé zu setzen, auch wenn sich 3 Grad zugegebenermaßen bumperlwarm anfühlen nach einer längeren Periode der Minusgrade. Zu allem Unglück ist die Welt auch noch geschmückt mit feinen Haufen grauschwarzer Ekelberge, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem Winterwonderland, über das wir neulich noch gejauchzt haben. Stapfen wir also mit Wolljacken, Daunenmänteln, Pudelmützen, Fäustlingen und nassen, kalten Füßen durch die Gegend und tragen schwer an unserem Schicksal. Wäre da nicht ein Lichtblick in jeder Bäckereiauslage auf unserem Weg: Krapfen! Köstliche Hefeknödel, gefüllt mit einer roten Sache, deren einzige Daseinsberechtigung ebenjene ist, knirscht der Kristallzucker herrlich zwischen den Zähnen. So man solcherlei noch findet. Denn die Suche wird massiv erschwert durch den sogenannten „Erfindergeist“ der Zunft. Statt sich auf den Klassiker zu konzentrieren, belästigen diese mich mit Kreationen, die dem berühmten Mango-Gelbwurst-Sorbet und Garnele-Rosmarin-Creme der Eisdielen in nichts nachstehen und dabei auch noch mit ähm besonderen Namen bedacht werden. Als wäre „Salty Depp mit Popcorn“ nicht schon schlimm genug, gibt es plötzlich auch noch Schlemmerkrapfen mit Leberkäse, Ziegenfrischkäse oder gleich als Burger mit Ketchup und Mayo. Der Missmut, der mich hierbei befällt, passt allerdings eigentlich sehr gut zum ewigen Januar. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Bäcker. Vielleicht gibt’s ja bald noch Schafshodenkrapfen und solche mit Insekten. Eine runde Sache.
Katharina Wasmeier - Runter vom Sofa!
ɾҽԃҽɳ ιʂƚ ʂιʅႦҽɾ> ʂƈԋɾҽιႦҽɳ ιʂƚ ɠσʅԃ
Freitag, 6. Februar 2026
Freitag, 30. Januar 2026
Frau Holle
Also ich nehme mal an, die meisten von euch haben es dann
doch jetzt langsam mal mitbekommen: Dieses Jahr ist Kommunalwahl, in Übersee
regiert ein Verrückter und wenn wir uns alle nicht bald mal zusammenreißen,
hier auch demnächst. So viel zur Makroebene. Auf der Mikroebene treibt die
hiesige Bevölkerung grade etwas anderes um, nämlich die (Misse-)Taten einer
Person, deren Identität zwar bekannt ist, die dennoch aber bislang nicht
gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Bei der gesuchten Person handelt
es sich um eine Dame betagteren Alters. Sie ist mutmaßlich bekleidet mit Kittel
und Haube und gibt sich zu erkennen durch heftiges Betten-Ausschütteln aus
Fenstern so unterschiedlicher wie unbekannter Lage. Unregelmäßigkeit und
Unkalkulierbarkeit der Missetat erschwert die Ergreifung der Person gehörig, so
dass eine unter Hochdruck laufende Fahndung bislang nicht von Erfolg gekrönt
war. „Frau Holle“, wie die Täterin sich nennt, treibt also weiterhin ihr
Unwesen und sorgt für Schnee, Chaos und Verwehungen. Zumindest sieht es durch
die Skibrille des (öffentlichen Nah-)Verkehrs so aus. Doch des einen Leid, des
anderen Freud, und so ist neben vielstimmigem Wehklagen auch ein großer Jubel
zu vernehmen. Juhu, die Schule fällt aus – ich meine, wer kann schon von sich
behaupten, diesen heiligen Satz überhaupt jemals ausgesprochen zu haben
(gewisse pandemische Phasen mal ausgenommen), und dann auch noch wegen einer
Substanz, die hierzuorts so rar ist wie Fischsemmeln? Komm setz dich ans
Fenster, du lieblicher Stern. Malst Blumen und Blätter – wir haben dich gern!
Werfen uns schneeengelnd auf den Boden und gegenseitig Batzen ins Gesicht,
stapfen knietief versinkend durch die weiße Innenstadt oder langlaufen zum
Supermarkt, formen meterhohe Schneemänner, -frauen und manchmal auch -pimmel,
hüpfen auf Zehenspitzen durch schwarz-zerfahrenen Schnodder oder auf Snowboards
den Burgberg hinab. Letzterem möchte ich jedoch die Spitze der Besonderheit
nehmen, weil: ja gut, in Anbetracht der Schneearmut der letzten Jahre schon
nice, keine Frage. Aber früher (als alles noch besser war), nämlich am 1.
Dezember 2010, herrschten ganz ähnliche Bedingungen. Es trafen sich vier
Freunde am Hauptmarkt, wo sie sich in einem ehemaligen Feinkostrestaurant vier
schöne, rote Tabletts liehen und mit diesen gen Norden, sprich burgwärts
stapften. Oben angekommen begann ein großer Spaß aus rutschen, schlittern und
verunfallen, und während die vier Freunde auf ihren roten Plastikplatten den
Berg hinunterrasten, rodelte außenrum auf Tüten, Zelten, Abdeckplanen alles
herum, was irgendwie rutschbar war. Die Tabletts waren hinterher zertrümmert
und ich weiß seitdem um die vielen Steine und Felsbrocken, die auf dem Burgberg
herumliegen … Autsch! Ganz so beeindruckt bin ich also nicht von der aktuellen Nürnberg-Streif.
Aber jetzt muss ich schnell raus und dem doofen Nachbarn einen Riesenpimmel
aufs Auto formen, bevor alles wieder schmilzt. Frau Holle? Darf ruhig noch ein
bisschen schütteln.
Freitag, 23. Januar 2026
Winterschlaf
Hallo, ich möchte euch heute etwas Trauriges sagen. Das ist
vielleicht ein bisschen oversharing, aber es geht bestimmt viele von euch an,
und wir wissen ja, dass geteiltes Leid für einen selbst auch nichts einfacher
macht, aber zu wissen, dass es den anderen auch schlecht geht, macht es
irgendwie besser. Jedenfalls die schlechte Nachricht beziehungsweise
Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen gewonnen habe, ist folgende: Wir
machen ja gar keinen Winterschlaf! Und das, so meine ich, ist ein Fehler. Ein
paar Menschen haben das schon erkannt und machen das Spiel einfach nicht mehr
mit, sondern hängen „Wir machen Winterschlaf!“-Schilder in ihre Schaufenster
und bäm – deal with it! Mir fallen ungefähr exakt genau vier Berufsgruppen ein,
die sich dieses Privilegs erfreuen können: Eisdielenbesitzer,
Tretbootverleiher, Biergartenwirte und Freibadbetreiber. Denen ist egal, ob ich
heut im pinken Paddelschwan eislutschend eine Seefahrt machen möchte, weil es
hat zwar Minus zehn Grad, aber die Sonne scheint, weil sie haben jetzt Pause
und vor April geht da gar nichts mehr. Und das akzeptiert man ja dann auch einfach
so. Ich schätze mal, dass wenn ich einen fünfmonatigen Winterschlaf mit
konsequenter Einsatzverweigerung anmelden würde, sich das Verständnis in
Grenzen halten hielte. Autoreply im Emailprogramm: „Liebe/r Dings, danke für
deine Anfrage, aber ich bin im Winterschlaf und frühestens Mitte März wieder
erreichbar. Bis dahin mach doch deine Steuererklärung und Kolumnen selbst.
Danke, tschüssi und baba!“ Das wär’s! Ab in die Koje und Habedieehre! Ich war
bestens vorbereitet: Schön im November und Dezember von Fett, Zucker und
Weißmehl ernährt und entsprechend Polster angereichert, wo man sagt: Da hätte
ich bei der jährlichen Fat Bear Week in Alaska gute Chancen auf den Sieg
gehabt. Währenddessen habe ich überall in der Wohnung kleine Vorratskammern
angelegt wie ein Eichhörnchen, und wie dieses auch viele dieser Verstecke
sogleich vergessen. Aber es ist schön, wenn man in einem länger nicht
getragenen Stiefel ein Snickers findet, kann ich euch sagen. Für kleine
Wachphasen hab ich eine ellenlange Liste Serien, Filme und Dokus angelegt und
ausreichende Mengen Bücher verschiedenster Genres vorgehalten. Und mich mit
verschiedensten Kissen, Heizdecken und Kuschelobjekten ausstaffiert. Vier, fünf
Monate die Wohnung nicht verlassen? Überhaupt kein Problem. Aber genau so, wie
es mit 100%iger Sicherheit genau in dem Moment, in dem ich mich für einen
Mittagsschlaf ins Bett gelegt habe, an der Tür schellt und ein Paketbote mir
was für die Nachbarin aushändigen möchte, zerrt und zupft dieses seltsame Leben
auch jetzt an mir herum und lässt mich einfach nicht zur Winterruhe kommen.
Steuer hier, Inspektion da, Vollversammlung bla, und, o Graus,
Winterspaziergang blubb … Schlaf ich halt im Sommer. Sind ja nur noch … 16, 20
Wochen bis dahin. Gääähn …
Freitag, 16. Januar 2026
Eispeitsche
Na, da sind wir ja grade nochmal gut davongekommen mit der
sibirischen Eispeitsche, die übers Land gefegt ist und – honi soit qui mal y
pense, ihr Schelme – den Gedanken hat aufkommen lassen, es handle sich hierbei
um eine Art meteorologische Metapher für gesellschaftliche Schwingungen.
Eiseskälte, während lustige kleine Caspars, Balthasars und Melchiore von Tür zu
Türe rutschten, um Kreidebuchstaben zu malen. Lustig eigentlich, weil ich
glaub, wenn ich dabei erwischt würde, wie ich mit goldenem Umhang und Krönchen trällernd
durchs schönste aller Nürnis tingle, um überall ungefragt mein Kürzel zu taggen,
stünde schnell mindestens der Ordnungsdienst auf der Matte, um mich am
Schlafittchen zum Putzdienst zu schleifen. Aber gut, man hat ja hierzulande
traditionell ein gespaltenes Verhältnis zur Fassadengestaltung (s. Graffiti –
böse vs. Lüftlmalerei – gut), erstens. Und zweitens weiß ich freilich selbst,
dass es sich beim C+B+M nicht um schnöde Namensnennung handelt, sondern um die
(zugegebenermaßen sehr kurze) Abkürzung des salbungsvollen „Christus mansionem
benedicat“: Christus segne dieses Haus. Wer sich jetzt am Morgenkaffee
verschluckt hat wegen Zwangschristianisierung, dem reiche ich gerne eine
alternative Übersetzung: Casa mea benedicat – und ob deine Hütte von Christus,
Allah oder Benjamin Blümchen gesegnet wird, das kannst du dir dann einfach
selbst aussuchen. Also jedenfalls war’s recht kalt, aber das entspricht ja
nicht nur der landesweiten Stimmung, sondern dank jüngster Ereignisse auch der
städtischen, wo vor wenigen Tagen ein Kind eine Bühne erklomm und der (Nürnberger)
Welt sagte, was sie eh schon wusste: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Püüha,
das mögen wir nicht so gern. Sehr gerne hingegen mögen wir uns mit
Neujahrsvorsätzen beschäftigen bzw. der Nichteinhaltung derselben. Um mich
herum wird viel verzichtet, wie es sich gehört freilich auf Süßkram (berichtete
die Freundin mit chipsgefüllten Backen), und ich bin mir sicher, dass gestern
im Fitnessstudio – sorry: Gym, meine ich, verdächtig viele neue Gesichter mit
verdächtig neuen Klamotten anwesend waren. Was machen die eigentlich ab Februar
mit ihrem Jahresvertrag? Naja, von irgendwas muss so ein Sportverein ja leben.
Eine andere Freundin hat seit zwei Wochen nicht geraucht, dafür aber seitdem
den kompletten Hausstand ausgetauscht: Neue Mikrowelle, Küchenutensil, Kunst,
Outdoor-Klamotten – es könne sein, so grübelte sie, sie kompensiere Rauchen mit
Online-Shopping, und sei sich nicht ganz sicher, wie lange sie das so
durchhalten könne. Rauchen anfangen aus finanziellen Gründen – musst du auch
erst einmal schaffen. Gefällt mir aber nicht schlecht. Ich hab irgendwie keinen
Vorsatz, dabei würde ich so gern einen brechen. Zieh ich mich halt weiter warm
an. Wegen der Kälte. Auch der meteorologischen.
Freitag, 9. Januar 2026
Ausruhezeichen
Herzlich willkommen zu unserer heutigen
Interpunktionologie-Stunde. Heute: das !. Das „!“ kennen wir alle. Es ist ein
Ausrufezeichen, und wir verwenden es oft falsch, meistens aber, um eine
Aufforderung oder irgendwas Nachdrückliches, Dringendes zu kennzeichnen.
Manchen Menschen ist immer irgendwas ganz besonders dringend, deswegen begnügen
sie sich nicht mit einem ! sondern mit ganz vielen !!!!!!! und weil sie dabei
im Eifer des Gefechts manchmal nicht nur die Kontrolle über ihren Wortschatz,
sondern auch die ihrer Finger über die Tastatur verlieren, schreiben sie dann
!!!!!!!!!!!!11, weswegen lustige Menschen manchmal im Scherz „1elf“ oder
ähnliches hinter Sachen schreiben, um sie ironisch als wichtig zu markieren. Daraus
folgt: Mit diesem höchst stressigen Ausrufezeichen möchte ich nichts zu tun
haben !!!!!11elf Deswegen habe ich es flachgelegt. Umgebügelt. Schön aufs Kreuz
gelegt. Und dann neben mir aufs Kanapee gebettet. Jetzt sieht das ! aus wie ▄ ▄▄▄ und ja, damit wie der Morsecode für den Buchstaben A. Vor allem aber
wird somit aus dem unfassbar anstrengenden, herumbrüllenden, nervtötenden,
hektikverbreitenden Stresszeichen etwas ganz Sanftes, Ruhiges. Nämlich ein:
Ausruhezeichen. Hier liegen wir zwei Hübschen jetzt also nebeneinander, atmen
tief durch und fragen uns, wie um alles in der Welt wir ab spätestens kommender
Woche wieder in dieses „Alltag“ einsteigen sollen, von dem wir uns in den letzten
Tagen mit großer Anstrengung erholt haben. Also das Ausruhezeichen und ich
fragen uns das. Bei euch weiß ich’s ja nicht. Aber ich hör schon viel Schnaufen
und Ächzen und Stöhnen um mich herum, weil es war doch ganz schön viel in den
letzten Wochen, und dann auch noch die Jahresendfestspiele – püüüüh. Indeed bin
ich mit Beendigung derselben in einen tiefen Sozialschlaf verfallen, der es mir
unmöglich machte, größere Unternehmungen zu veranstalten als vielleicht einmal
in ein Museum hineinzulinsen, ganz zu schweigen von menschlichen Begegnungen,
die ich aufs Penibelste vermieden habe. Es war genug! Die Bedürfnispyramide:
Liegen, essen, schlafen, lesen, fernsehen. Und dazwischen gelegentlich ein
kleiner Schreck: Wie um alles in der Welt soll ich nur in dieses „Alltag“
wiedereinsteigen, wenn ich nicht mehr wie eine dicke Amöbe in der Nährlösung
zwischen den Jahren und im namenlosen Nirgendwo der ersten Januarwoche
herumdümpeln kann? Zugegeben: Da hat sich dann kurz ein kleines Ausrufezeichen
in die ganze Gemütlichkeit gemogelt und wahrscheinlich auch in mein Gesicht.
Als das Ausruhezeichen das gesehen hat, hat es mir sogleich zärtlich über die
Wange gestrichen und mich beruhigt: „Gemach, gemach“, hat es gesagt und meine
Hand getätschelt, es ist ja eine kommode Woche, und außerdem will grad ungefähr
niemand aktiver sein als zwingend nötig, weil schließlich sind alle sehr
beschäftigt mit Frieren bzw. Vermeidung dieses misslichen Zustandes! Ich bin
dem Ausruhezeichen dankbar. So kann das Jahr beginnen!!!1elf
Freitag, 2. Januar 2026
Rauhnächte
Eine Frage, die ich und wahrscheinlich viele andere sich in
den kommenden Wochen wieder stellen werden: Wie lange darf man sich eigentlich
ein „frohes neues Jahr“ wünschen, ohne gegen irgendeine mystische Etikette zu
verstoßen? Ich bin da fürs erste aus dem Schneider, denn heute ist der 2.
Januar 2026, ich kann mit Stolz behaupten, mich noch kein einziges Mal in der
Jahreszahl verschrieben zu haben und ziemlich sicher zu wissen, dass ich heute
garantiert schadlos sagen kann: Ein frohes und gesundes Jahr wünsche ich allen,
viel Zuversicht und Frieden und Mut! Kurzum: Happy New Year! Oder auch Happy
New Yeah, schließlich stehen wir alle nicht nur am Anfang eines neuen Jahres,
sondern haben auch eines höchst zweifelhafter Qualität mehr oder minder erfolgreich
hinter uns gebracht. Und das, zumindest fühlt es sich für mich so an, in
rasender Geschwindigkeit. Mit anhaltend hohem Tempo ist mir jetzt auch das
Jahresende um die Ohren geflogen, und weil ich es deshalb umso lieber mit dem
bereits zitierten Karl Valentin halte, konzentriere ich mich in den kommenden
Tagen auf heidnisches Brauchtum. Nee, keine Stärke antrinken. Das ist zwar
oberfränkisches und damit schon auch irgendwie heidnisches Brauchtum, aber
nachdem es hierbei darum geht, sich am Abend vor dem 6. Januar mit diversen
Alkoholika (pro Monat ein Getränk) die Stärke fürs kommende Jahr anzutrinken,
möchte ich mich selbst vor der Enttäuschung schützen, nach zwei kleinen Gläsern
Sekt mit Kopfschmerzen auf einer Bank einzuschlummern und mir somit nach Februar
eine mittelschwere Schwäche ins Haus zu holen. Lieber halte ich mich an die
Rauhnächte – deren Riten lassen sich bequem vom Kanapee aus vollziehen. Seit
25. Dezember läuft diese spezielle Zeit, die sich u.a. dadurch auszeichnet,
bestimmte Sachen NICHT zu machen. Wie beispielsweise Wäsche waschen. Hab ich
mich dran gehalten. Außerdem aufgeräumt, Schulden beglichen, Kerzen aufgestellt
und 13 Wünsche aufgeschrieben und verbrannt. Letzteres lässt sich hervorragend
kombinieren mit der Notwendigkeit, tagtäglich die Zimmer zu räuchern, somit die
bösen Geister zu vertreiben und mich entsprechenden Aufgaben zu stellen:
Zurückblicken, Altes loslassen. Still werden, zur Ruhe kommen. Sich für andere
und sein Inneres öffnen. Auf sein Inneres vertrauen. Sich Gutes tun, genießen.
Verzeihen, vergeben, Beziehungen heilen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen.
Entscheidungen fürs neue Jahr treffen. Impulse prüfen und sortieren. Achtsam
werden für das, was ist. Dankbar sein für das, was ist. Ich denke, solcherart
durchreflektiert sollte ich weitestgehend gewappnet sein für das kommende Jahr.
Wie, das wollt ihr lieber auch sein? Na dann: Vier Nächte habt ihr noch, um
aufzuholen. Stärke antrinken könnt ihr euch dann immer noch. Wir schaffen das!
Freitag, 26. Dezember 2025
Weihnachten
24. Dezember – ein magisches Datum. Vielleicht sogar das
magischste eines jeden Jahres. Wäre ich ein paar Jahre jünger, vielleicht
vierzehn oder vierzig, würde ich vermutlich jetzt gerade ausflippen vor
Vorfreude. Alle bekannten Verstecke im Elternhaus durchforsten auf der Suche
nach sorgsam versteckten Geschenken, die das Christkind vielleicht übersehen
hat. Vor der Wohnzimmertür antichambrieren und aufs heftigste versuchen, mit
einem Stielauge durchs Schlüsselloch zu linsen und in der Dunkelheit ein paar Wichtel
beim Baumschmücken zu erwischen. In unbeobachteten Momenten Plätzchen klauen,
ungeachtet der angedrohten Strafen. In mein Zimmer sausen und bei
Pumuckl-Kassette gegen Geschenkpapier kämpfen, mit dem ich aus Gebasteltem und
Gemaltem formschöne Bonbons drechsle. Dann schnell den Kindergottesdienst durchleiden,
um danach zappelnd den lang ersehnten Startschuss in Form eines leisen
Glöckchenbimmelns zu erwarten … Heute hab ich Weihnachten outgesourct.
Heiligabendvormittag – und ich habe nichts zu tun. Wie herrlich kann ein Leben
sein? Ausschlafen, Pumuckl anschauen und irgendwann am Nachmittag gemütlich zur
ersten Station der jährlichen Hungerspiele aufbrechen. Das war’s. Hör ich mich
um, so gibt es für die Gestaltung des Countdowns allerlei unterschiedliche
Strategien, und mit am besten hat mir der (fatalistische) Plan einer Freundin
gefallen: Mangels Zeit habe sie sich zuletzt ausgesprochen wenig mit
Weihnachten beschäftigt, weswegen zu befürchten sei, dass sie sich am Vormittag
des 24. in die Stadt begeben müsse, um dort eilig ein bis fünf letzte Glühwein
zu genießen und solcherart gelockert mit weit geöffneten Taschen und
Geldbeuteln durch die Geschäfte zu taumeln und dort wahllos Regale und
Schaufensterauslagen in die mitgebrachten Beutel zu kehren, um am Abend Gäste
und sich selbst mit Geschenken zu überraschen. Ich denke, das ist eine gute
Methode. Eine andere gute Methode ist, sich auf Dinge zu fokussieren, die einem
gut tun. Man kann Sport machen oder fünfgängige Menüs, liebe Menschen treffen und
die unlieben vermeiden. Sich zum hundertsten Mal ärgern, dass Onkel Horst sich
wieder mit dem Weihnachtskarpfen durchgesetzt hat oder das einfach als
schrullige Tradition verbuchen. Einladungen zähneknirschend annehmen oder
lächelnd absagen und stattdessen ein romantisches Date mit sich selbst
vereinbaren. In die Kirche gehen oder in den Wald. Oder einfach eins der
unzähligen anderen Rituale vollziehen, die Menschen rund um den magischsten
aller Tage ersinnen. Weihnachten ist, was du draus machst. Lasst uns froh und
munter sein und uns recht von Herzen freu’n! Ich wünsche ein frohes, fröhliches
Fest, angenehme Gesellschaft, schöne Feiertage, Gesundheit, Friedlichkeit und
Frieden, ein gemütliches Zwischendenjahren. Und nicht verzweifeln! Wie schon
Karl Valentin wusste: Wenn die stade Zeit vorbei ist, wird’s auch wieder
ruhiger!