Es muss über hundert Jahre her sein – na gut, vielleicht
auch nur so vierzig, als sich eine der dramatischsten und einschneidensten
Erfahrungen meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Dem
vorausgegangen waren Wochen, wahrscheinlich Monate heftiger Diskussionen mit
meinen Eltern zum Thema „Alle machen XY, nur ich armes Ding muss Z!“ Ein Thema,
dass sich ohnehin durch meine ersten Jahre zieht, weil als Kind sehr
reflektierter und informierter Akademiker hat man in der lustigen Welt der
Moden, Trends und Pflichten junger Menschen wirklich kein ganz so gutes
Standing. Ich hatte Latzhose statt Ballonkleid, Holztiere statt Barbies und
immerzu die falschen Schuhe. Während alle wunderschönen rosa Pferdemädchen mit
lang schwingender Zopffrisur und Glitzer die Welt um den kleinen Finger
wickelten, stand ich mit Skateboard und dreckigen Fingernägeln daneben und hab
mich a) gefragt, warum ich nicht so verzaubere und b) wieso diese Weiber
eigentlich so doof sind und ich trotzdem ihre Freundin sein wollte, und wurde
auf dem Nachhauseweg verprügelt, weil ich nicht wusste, dass Frauen sich die
Augen mit Buntstiften anmalen und welche Plottwists sich beim wochenendlichen
Fernsehprogramm ereignet hatten. Ich wollte auch rosa Riemchenballerinas haben
mit schöner Spitze vorne und gelbe Mokassins ohne Fußbett, trug aber (aus
heutiger Sicht hammercoole) adidas-Sneakers und irgendeinen absolut unförmigen
Latschen aus Leder und Kork, der eine vollkommen unelegante Fußform zeigte und
wegen dem ich als „Öko“ beschimpft und gleich nochmal geschubst wurde. Meine
Eltern blieben weitestgehend standhaft, und irgendwann schleiften sie mich in
ein Geschäft, das bis zur Decke voll war mit den hässlichsten Schuhen der Welt.
Es gab sie in ungefähr drei Farben (weiß, schwarz, blau), circa drei gängigen
Modellen (ein Riemen, zwei Riemen, geschlossen), und ganz selten konnte man
Sondermodelle beispielsweise an Nonnenfüßen entdecken. In dem Laden hatte ich
eine sinnstiftende Erkenntnis. Hier hing ein Plakat, das zeigte, wie sich ein
Fuß in spitzen Schuhen bös verformen muss und, gleich daneben, die luftige,
gesunde Weite, die der Gruselschuh dem Fuß bereitet. Fortan bekam ich Angst vor
bösem Fuß und trug die Schuhe artig, die ungefähr 35 Jahre später als „Birkis“
zurück in mein Leben gekommen sind. Also eher in euer, weil ich hab sie ja
durchgetragen. Jetzt mag man von der Verbirkenstockung ganzer Landstriche
halten, was man will, auch vom Wechsel vom Öko- zum Highfashion-Segment. Doch
eins muss man diesen Schuhen lassen: Selbst der gesündeste Öko-Schuh wird von
derzeitigen Fußklimata gnadenlos in die Knie gezwungen. Wo man geht und steht
duftelt’s nach dieser besonderen Mischung aus Käse, Kork und Leder, und ich
will gar nicht wissen, wie es sich eigentlich so in der Plastikvariante durch
die Tage schwimmt. Immerhin: Im Gegensatz zu allen Hallux‘- und sonstigen
Deformationen, die im Sommer zum Vorschein kommen, schmiegen sich meine Zehen
in perfekt-gesunder Reihe in die Form des Schlappen. Danke, Eltern!