Freitag, 19. Juni 2026

Sonnwendfeuer

 

Die gute Nachricht zuerst: Am 21. Juni ist Sonnwende. Wir dürfen uns über die kürzeste Nacht und den längsten Tag des Jahres freuen. Bei genauerer Betrachtung folgt die schlechte Nachricht logisch auf dem Fuße: Ab dem 22. Juni werden die Tage wieder kürzer und die Nächte länger, und ehe ihr euch‘s verseht ist es November und um 16 Uhr stockdunkel, außerdem sehr grau, nass und neblig. Von diesen grausigen Aussichten wollen wir uns lieber schnell abwenden und uns den sehr viel schöneren zu. So wurde vor wenigen Tagen an mich herangetragen: „Du, wollen wir am Wochenende ein kleines Sonnwendfest im Garten machen?“ frug der Mann schüchtern, und ich dachte „puh“ und sagte „ja“. „Wir könnten ein paar Leute einladen …“ – „Okee.“ – „… und dann im Garten übernachten …“ – „Klaro.“ – „… und eine schöne Feuerschale aufst…“ – „NEIN!“ schrie ich aus vollstem Herzen und wollte den gesamten Vorschlag auf der Stelle samt einem Rest verdorbener Suppe im Klo hinunterspülen. Feuerschale. Lagerfeuer. Feuertonne. Dinge, die zu hassen ich eine heilige Passion entwickeln kann. Du willst ein Gartenfest veranstalten, an dem ich garantiert nicht teilnehmen werde? Stell eine Feuerschale auf! Du möchtest im Winter „schön mit Glühwein und Grill im Hinterhof“, aber bitte ohne mich? No problemo: Kündige die Feuertonne an! Ich weiß wirklich absolut nicht, was das soll mit dieser ewigen Zündlerei. Ok Wärme – seh ich ein. Aber mal unter uns: Im Winter verbrennst du dir beim gemütlichen Umtrunk um die brennende Tonne halt obenrum das Gesicht und untenrum erfrieren die Füße trotzdem. Im Sommer ist es vielleicht bitte eh warm? Also! Saisonal unabhängig hingegen ist der Knackpunkt des Übels. Ich mag Speck nur in kleinen Mengen, deswegen bin ich schwierig mit Elsässer Flammkuchen und Bamberger Rauchbier (flüssiger Räucherschinken, pfui Deifi!). Und ganz besonders graust es mich, selbst nach Speck und Räucherei zu riechen – ein Umstand, der mit jedem Feuermachen aber garantiert einhergeht. Erst steht man stundenlang im dichten Qualm, weil „wir haben’s gleich, das Holz ist wohl ein bisschen feucht“, und beim Heimkommen muss man sich am besten unten vor der Haustür komplett entkleiden, die Klamotten in einen Vakuumsack und diesen postwendend in die Waschmaschine stopfen, bevor man sich ungeachtet der Uhrzeit unter die Dusche stellt, um nicht das lavendelduftende Kissen auf Wochen mit Speckaroma zu verderben. Dazwischen stochern Menschen unaufhörlich in der Glut herum, dass die Funken nur so stieben und Löcher in die feine Outdoorware schmoren. Ich sage NEIN zur Feuerstelle und JA zum 5-Stunden-Kaminfeuer-Video auf YouTube. Meinetwegen auch zur Drohnenshow. Wer sowas parat hat: Du bist herzlich eingeladen!

Freitag, 12. Juni 2026

Kuchenüberschwemmung

Musik kann heilen. Das ist, glaube ich, wissenschaftlich erwiesen. Manche kann aber auch nur nerven, wie dieser lästige Ohrwurm, von dem ich euch vor (ich habe grade nachgeschaut) einem Jahr (!) erzählt habe. Damals trug ich „Big girls don’t cry“ von Fergie schon seit Monaten mit mir herum, und ich tue es immer noch. Ist das zu fassen? Andere bekannte und eingängige Melodien und Reime sind nicht ganz so hartnäckig, ploppen aber zuverlässig immer dann auf, wenn sie grade passen könnten, und im aktuellen Fall ist es „Wenn ich wüsst, dass du kommst, hätt ich Kuchen da, Kuchen da, Kuchen daaaa …“ Als wäre das nicht verquer genug, ist die Aussage schonmal ganz grundsätzlich falsch. Weil eigentlich sollte es heißen „Wenn ich wüsst, dass du kommst, tät ich meinen Kuchen ganz schnell versteeeecken“ oder „Ich hoff, dass du nicht kommst, weil ich hab Kuchen da, Kuchen da, Kuchen daaa …“ Indeed (ich benutze „indeed“ derzeit sehr gerne in dem verzweifelten bis lachhaften Versuch, mich vom Pöbel der pathologischen „tatsächlich“-Verwender abzugrenzen, was natürlich Bullshit ist, heißt es doch einfach das allergleiche) hatte ich zuletzt wirklich sehr viel Kuchen da, sogar so viel, dass ich mir zeitweise gewünscht hatte, Besuch zu bekommen, um diesem sorgfältig verpackte Care-Pakete mit einer kleinen Kuchenauswahl schnüren zu können, um mich der Nascherei endlich zu entledigen. Es gibt zwei Sorten Menschen. Solche, die backen, und solche, die nicht backen. Der Vorteil letzterer: Sie haben nie Saustall in der Küche und müssen keine Verabredung abbrechen weil Kuchen im Rohr vergessen. Nachteil: Sie haben halt dann auch keinen Kuchen. Die erstgenannte Gruppe hingegen hat alle Nachteile (Saustall, Rohr), dafür aber einen unbestreitbaren Vorteil: Kuchen! Sowie das uneingeschränkte Bedürfnis, diesen zu teilen und weiterzuverschenken. Ein Bedürfnis, bei dem ich nur zu gerne zur Verfügung stehe. Das klappt mal mehr, mal weniger gut, zuletzt aber derart saumäßig hervorragend, dass ich mir nicht mehr ganz sicher war, ob da nicht eine Kuchenverschwörung im Gange ist. Denn neulich war mirnichts, dirnichts derart viel Kuchen da, dass ich nicht mehr recht wusste, wohin damit. Ein Restlein vom Samstagskuchen hier, ein Stückchen vom Muttertagskuchen dort, ein Ecklein von „Ich hab da mal was ausprobiert“ und ein Ranken „den hab ich noch von Papa mitgebracht“, und schwups war da ein großes Kuchenbuffet daheim. Spätestens als dann noch die Nachbarin nachdrücklich darauf bestand, mir die Hälfte des Konfirmationskuchens zu überlassen, hab ich mich ein bisschen gefühlt wie bei der berühmten Zucchiniüberschwemmung: Erst freut sich jeder riesig über die Ernte, und dann irgendwann wird sie aus vollen Armen eilig verschenkt. Also deswegen sag ich mal so: Wenn du kommen willst – gerne, ich hab Kuchen da. Mahlzeit!

Freitag, 5. Juni 2026

Katerstimmung

 

Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus! Lasst uns also fröhlich sein, solange wir jung sind – ich finde das eine beachtliche Leistung an vernünftiger Vorausschauung für einen jungen Menschen. Oder an feiner Beobachtung der Älteren. Zumindest, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um einen uralten Trinkspruch handelt, der ganz sicher keine fünftägige Fastenkur eingeleitet hat und mutmaßlich auch kein Achtsamkeitsseminar, sondern irgendwas, das mit sehr viel Wein oder gar, o Schreck, Stärkerem einherging. Weil schwerer Kater hin oder her – so richtig kann man sich’s ja wohl nicht vorstellen, WIE schlimm so ein schlimmster Kater der Welt wirklich sein kann, wenn man erst das entsprechende Alter dafür erreicht hat. „Das kann doch wirklich nicht sein, dass ich gestern EIN Bier getrunken hab und EIN kleines Glas Prosecco und heut einen dermaßenen Schädel beinander hab und so kaputt bin“, klagte zuletzt ein Lieblingsmensch und schluchzte heiser ins Telefon. Was gut war (Telefon), weil da hat er mich nicht mitleidig grinsen sehen können. Besagter Mensch zählt nämlich trotz dessen er zehn Jahre jünger ist als ich auch keine 20 Lenze mehr, was er zu gern vergisst und unbekümmert seine ewige Jugend preist. Ich bin längst in dem Alter angekommen, in dem die meisten erkannt haben, dass Alkoholgenuss nur durch straffes Training oder heftige Enthaltsamkeit zu machen ist. Ich kenne beide Parteien, und finde, dass ich deshalb sowohl mitfühlen als auch ordentlich lästern darf. So ein Festival beispielsweise. Da bist du früher mit einem Dosenbier in der Hand und bereits drei im Gesicht lustig eingetanzt, hast dann fröhlich durchgebechert, am kommenden Vormittag einmal schmerzhaft das Gesicht verzogen, weitergemacht, Tag drei dann bereits mit etwas schmerzhafter verzogenem Gesicht begonnen, dich dann aber pflichtbewusst in dein Schicksal gefügt und bist wie durch ein Wunder am Montagmorgen auf deinem Werkstudenten- oder Uni-Hocker erschienen. Zumindest körperlich. Heute? Undenkbar. Schon allein die Erinnerung an derart exzessive Tage bereitet mir ein grauenhaftes Unwohlsein (und ungläubiges Kopfschütteln). Würde ich das heute nochmal so machen, ich wäre vier Wochen krank. Fünf Tage Bierfest? 14 Tage Berg? Extraterrestrisch absurd! Heute gehen (meine) Menschen nur in Lokale, von deren Weißwein sie keine Histaminallergie bekommen, schlucken vor dem Einschlafen mehr Bullrich Salz als Alkohol, wissen unter 58439257 Biersorten exakt, von welchem sie Sodbrennen bekommen, können „Zwischenwasser“ so selbstverständlich aussprechen wie „Ein Achterl noch, bitte“ und pünktlich um 22 Uhr nach Hause gehen. Na gut, wir mussten das auch alle erstmal lernen. Aber weil wir wissen, wie’s laufen kann, lautet unser Trinkspruch anders: „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ So gesehen: Prösterchen! Auf die Viertagewoche!

Freitag, 29. Mai 2026

Gartenfest

 

Da haben wir jetzt also den Nudelsalat. Vor ein paar wenigen Stunden sind wir noch in Wolfsgeheul ausgebrochen, weil wann immer ein Lüftchen um unsere Ohren wehte, musste man im Chor aufjaulen „Also in der Sonne wäre es ja ganz schön, aber dieser kalte Wind … !!“ und die warme Jacke blieb sicherheitshalber noch mal unverräumt und die geschlossenen Schuhe auch und dann macht man einmal kurz die Augen zu und KAWUMMS ist alles anders und nichts mehr, wie es grad noch war. Aber das Gejammere über die plötzliche sengende Hitze wollen wir uns an dieser Stelle mal ersparen und lieber erstens die heilige Zeit der kurzen Wochen lobpreisen und zweitens den Umstand, dass wo ein Sommer, da ein Gartenfestl. Diese umweht eine besondere Aura, eine Magie, weil wir wissen ja alle aus der Werbung, wie wunderschön das aussehen kann: Schöne Menschen treffen sich in einem Garten. Sie tragen wunderschöne Kleider in leuchtenden Sommerfarben und leichtes Leinen, räkeln sich auf Liegestühlen und lassen Leib und Seele in Hängematten baumeln, während sie an kunterbunten Cocktails nuckeln und irgendwas mit Batida de Coco ist auch dabei. Leichte Speisen werden herumgereicht, frische Früchte, feine Pralinés. Im Hintergrund leise Chillout-Musik. Ach, das Leben kann so schön sein … ! Das Leben kann aber vor allem auch sehr real sein, und so war meine erste Gartenfestlamtshandlung, mir mit großem Olé die beschattete Hängematte zu schnappen und zu verkünden, dass dies für den restlichen Tag mein Platz sei! In zweiter Amtshandlung bin ich mit lautem Gescheber und einem Rückwärtssalto aus der Hängematte gefallen und habe mich unter dem darunter befindlichen Gestell verheddert. Immerhin: Es war dort sehr schattig, und so konnte ich behaupten, alles sei planmäßig verlaufen. Während ich so lag, trafen weitere Gäste ein. Doch statt frisch und schön waren alle reichlich verschwitzt und ein bisschen eklig, statt wehenden Gewändern gab’s funktionales „so wenig Stoff am Körper wie möglich“. Man krümmte sich im Schatten winziger Apfelbäumchen und jungen Weins, die Musik war je nach Windrichtung mal zu laut und dann zu leis, während Teile des Buffets zu unkenntlichen Klumpen verschmolzen oder in der sengenden Hitze sichtlich vertrockneten. Habt ihr schonmal eine Dörr-Melone gegessen? Mhmm, lecker! In ein Babyplanschbecken von 1m Durchmesser passen maximal acht durchschnittlich erwachsene Fußpaare, und mancher musste an sich halten, nicht kurzerhand selbst noch das Fußbadwasser auszusaufen. Cocktails? Pfui Deifi! Ich selbst hab alles sehr genossen, zumal als Gästin ohne Auftrag – spätestens, nachdem ich denjenigen Platz entdeckt hatte, der zwar am wenigsten sexy, dafür am kühlsten war. Im tiefsten Schatten mit leichter Brise ließ es sich gut leben, und dass mein Liegestuhl direkt vor der Klotür stand, war ja das Problem der anderen und nicht meins. So viel also zur Gartenfest-Romantik. Ich hoffe, es kommen noch ganz viele davon. Und vielleicht ein bisschen was von diesem kalten Wind.

Freitag, 22. Mai 2026

Pfingstkärwa

 

Neulich war mal ein schönes Wetter, und weil das so praktisch mit dem Muttertag zusammenfiel, sammelte sich die ganze Brut um das Muttertier und besuchte gemeinsam einen feinen Biergarten. Man plauderte so vor sich hin, bis der Zwerg, mittlerweile fünf Jahre alt und zu absoluter geistiger Hochform aufgelaufen, eine unschuldige Frage stellte: „Was ist eigentlich Kirchweih?“ Absolut berechtigte Frage, der sich alle gewachsen fühlten und kurzerhand mit Bierzelt, Karussell und Maibaum antworteten. Doch ich ahnte ein Ungemach, das auch sogleich folgte. Nämlich in dem Moment, in dem eins der Anwesenden gscheidhaflerisch die Antwort um „Pfingsten“ ergänzte. In mir brach ein innerlicher Jubel aus und ich blickte gespannt zum Kind, um zu sehen, wie es fragte, wovon ich annahm, dass es gleich fragen würde. Und juhu: „Mhmm aber was ist eigentlich Pfingsten?“ Ein großes Gelächter brach aus mir heraus. „Na, jetzt zeigt mal, was ihr könnt!“ lästerte ich, und blickte in eine Ansammlung leerer Gesichter. „Ähm also naja, da feiern wir …“ traute sich die Kindsmutter an die Aufgabe, doch noch ehe sie zuende geraten haben konnte, frug der Zwerg schlau: „Aber was feiern wir denn da?“, was von einem weiteren Familienmitglied mit einem eilig dargereichten „Kärwa!“ beschieden und das Thema damit als beendet erklärt wurde. Ich weiß nicht, ob es sich hierbei um einen sogenannten „Ringschluss“ handelt, aber ich würde das als Erklärung akzeptieren. Und amüsiere mich weiter, weil niemand, wirklich niemand sich merken kann, was genau es eigentlich mit Pfingsten auf sich hat. Einschließlich mir. Blättern wir also nochmal im Brockhaus. „Pfingsten ist ein christliches Fest. Der Festinhalt ist die Sendung des Geistes Gottes zu den Jüngern Jesu“ oder „die Aussendung des heiligen Geistes“. Der Pfingstsonntag ist der 50. Tag der Osterzeit, also 49 Tage nach dem Ostersonntag, deswegen kann er im Kalender variieren. Es ginge vielleicht leichter zu merken, wenn es nicht „Pfingsten“ hieße, sondern „Pfüngsten“ oder so, da lautet die 50 wenigstens mit an. Aber vielleicht taugt es trotzdem als Eselsbrücke. Dennoch hat auch der Rest der Familie absolut Recht behalten, zumindest, wenn man gelten lässt, dass seit Menschengedenken in meinem Herkunftsstadtviertel die Pfingstkärwa gefeiert wird. Was so viel bedeutet, dass Nestbeschmutzer wie ich, Ausgereiste also, traditionell einmal jährlich zur alten Wirkungsstätte pilgern, um dem Verfall all derjenigen, die nicht in die große weite Welt gezogen sind wie ich (vom Speckgürtel ins Stadtzentrum), händeschüttelnd und freundlich lächelnd beizuwohnen und sich diebisch darüber zu freuen, dass diejenigen, die heute am ältesten und kaputtesten ausschauen, früher die lautesten und coolsten Mobber waren und leider aus dem Vereinsheim nicht rausgefunden haben. Dann fährt man wieder nach Hause und freut sich aufs nächste Jahr. Darauf eine Bumbermaß und ein Prosit der Gemütlichkeit!

Freitag, 15. Mai 2026

Eisheilige

 

Servaz miteinander! Ach nein Verzeihung, es muss ja „Servus“ heißen, ich bin schon ganz durcheinander … Mamert, Pankraz, Servaz, Bonifaz und Sophie – so heißen die Kollegen, die uns grad das Leben vergrätzen. Alljährlich bringen sie uns für eine Woche den Winter zurück, und das akkurat im allerschönsten Frühlingsjubel, wo wir doch grade dabei waren, festes Schuhwerk und dicke Daunen für mindestens sechs Monate auf den Dachboden zu verdammen. Doch mitten im Räumen und Rühren muss man plötzlich innehalten und, einen Fuß schon auf der Stiege, kleinlaut mit dem ganzen Wärmekrempel wieder umkehren. Eisheilige, das sind fiese Gesellen und eine Gesellin, namentlich die Kalte Sophie, die uns am heutigen Freitag beehrt und damit den offiziellen Reigen der Verwunderung beenden, die uns ebenso zuverlässig alljährlich trifft. Wie kann das jetzt plötzlich so kalt sein, grade war doch noch T-Shirt? Ich denke, die Eisheiligen sind eine Art Memento Mori des lieben Petrus. Eine mit hocherhobenem Zeigefinger vorgetragene Warnung, gefälligst den Frühling und Sommer aufs Heftigste zu genießen, denn mit einem Fingerschnips kann sich wieder alles ändern und der Winter hat uns zurück in seiner eisigen Faus. Am mementomorischsten, zumindest als Unterstützung blicken mich die „Briemerla“ (mittelfränkisch für „schöne Blumen“) vom Balkon aus an, wo ich sie wider besseres Wissen bereits ausgesetzt habe. Hier frieren und frosten und leiden sie nun still vor sich hin, die bunten Stempelchen wie Augen, aus denen vorwurfsvolle Blicke blitzen: Warum hast du uns das angetan, du weißt doch genau, dass es über die Eisheiligen für uns viel zu gefährlich draußen ist? Und ich nicke beschämt und gelobe Besserung. Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz. Also gut. Dann überwintere … nein, überbrücke ich eben mit vorfreudigen Gedanken auf meine wahren Eisheiligen. Kennt ihr noch Ed von Schleck? Ich glaube, das gibt es nicht mehr, aber es war eine sehr coole Sache in einer Plastikröhre, in die man unten ein Plastikröhrl stecken und dann sanft, sehr sanft nach oben drücken musste. War man zu ungeduldig, flutschte die gelb-weiß-gequirlte Eiscreme einfach auf den Boden und das Geschrei war groß. Oder Bumbum, das Boris-Becker-Gedächtniseis, bei dem die Glasur irgendwie eklig aber geil war, niemand weiß, wie das Eis eigentlich schmeckt, wohl aber, dass der dazugehörige Kaugummi aus dem Stiel nach zwei Sekunden keinen Geschmack mehr hatte. Pfuargs! Und das Big Sandwich mit der praktischen Waffel zum halten und Abbeißen, von der man keinesfalls abbeißen darf, weil sonst links und rechts und vorne und hinten und überall gleichzeitig hervorquillt und die bunte Pückler Schnitte überall landet, bloß nicht in deinem Magen … Ich finde, das sind echte Eisheilige. Und statt Memento Mori rufen die nur weithin hörbar „Memento Gaudi“ – jawollja!

Freitag, 8. Mai 2026

Kurzcamping

 

Ein Kurzurlaub dauert typischerweise zwei bis vier Tage und dient der „schnellen Erholung vom Alltag“. Hab ich prompt gemacht und jetzt ganz im Matthias Claudius’schen Sinne was zu erzählen. Die Idee: Vier Tage Camping mit Freunden in der Fränkischen, Wandern, Essen sowie die Seele im Gleichklang mit den Beinen baumeln lassen. Der heilige Schwur, ausgesprochen am Abreisetag um 15 Uhr: „Wir brauchen ja echt nix und nehmen nur das Nötigste mit.“ 16.35 Uhr: Besorgte Nachbarn fragen, ob wir etwa ausziehen. Nein, tun wir nicht, aber es ist wie verflixt: Ob vier Tage oder vier Wochen – man braucht halt so seinen Krempel, und während für die Klamotten zwar ein Handtäschchen reicht, tendiert die Reisegruppe Wasmeier ja zum Vorbereitet sein auf alle Eventualitäten und schleppt darum u.a. wohlweislich eine Heizdecke mit auf den Trip. 18 Uhr: Befahren der Autobahnauffahrt. 18.02 Uhr: Lichtsignale und Geschrei eines anderen Fahrers und die Info, „euer Caravan hat eine Scheibe verloren.“ Schreck, Standstreifen, Fenster-Check. Seltsam, alles da. 19.10 Uhr: Ankunft in der Campingschlucht bei Sonnenuntergang, Kleinkinder planschen nackt im Fluss, während ich beim Verlassen des Autos den sofortigen Kältetod erleide. Das geht ja gut los. 19.30 Uhr: Hä, warum ist es so hell in der Nasszelle? Oh, kein Dachfenster mehr … Zu diesem Zeitpunkt beginnt von mir unbemerkt auch etwas, das ich „campinginduzierte Dezivilisierung“ nennen möchte. Man betritt den Ort als reinlicher Mensch mit einem leichten Hang zum Zwanghaften, hat ein Duschkonzept erarbeitet, ausreichend saubere Unterhosen dabei und freut sich darüber, dass die sanitäre Anlage nur zehn Meter entfernt ist, schließlich muss man ja beständig Hände waschen. Morgendusche an Tag 2 entfällt außerplanmäßig, weil verschlafen. Abenddusche Tag 2 entfällt jedoch auch, weil zu müde. Morgendusche Tag 3 entfällt, weil nachher schwitz ich eh wieder, außerdem is‘ doch nur Camping. Nachmittagdusche Tag 3: Für 50 Cent tropft vier Minuten ein entweder zu kaltes oder zu heißes Rinnsal aus dem Duschkopf. Logo: Das machen wir nicht mehr! Indirekt proportional zur Aufenthaltsdauer nimmt zudem das Reinlichkeitsbedürfnis insgesamt ab. Latscht man zu Beginn noch alle halbe Stunde zur Sanitäranlage, wischt man sich 24 Stunden später die Hände nurmehr notdürftig an der Hose ab, um weitere 24 Stunden später überrascht festzustellen, dass es ganz ohne Händewaschen eigentlich auch gut geht, die zehn Meter zum Waschbecken sind endlos weit und man muss sich ja vielleicht mal nicht so anstellen … So geht’s dahin, und nach vier Tagen fragen andere Nachbarn daheim auf der Straße überrascht, wie lange wir wohl weg waren. Immerhin: Die Heizdecke hat mir das Leben gerettet, die Zeit war wunderschön. Und das ist ja wohl die Hauptsache. Jetzt geh ich aber lieber mal schnell Händewaschen.