Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen
Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht
wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige
Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine
eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen
Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und
habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus
Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich
ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die
Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren,
erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2.
Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr
vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während
man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann,
bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“
nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit
Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der
Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es
sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“
konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen
bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift
das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen
sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen
einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen
Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“
schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts
mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem
falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und
schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe
und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich
den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei
der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich
Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller
Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich
dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden,
in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in
seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas
fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst
ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht.
Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!