Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.
Freitag, 25. September 2026
Freitag, 18. September 2026
Gebuhrzeit
Bei Kindern im Grundschulalter sowie Jugendlichen gibt es
eklatante Kompetenzmängel, was das Lesen analoger Uhren angeht. Kann man
ständig überall nachlesen und leuchtet ja auch ein vor lauter Handy & Co.
Ich selbst werde das vermutlich auch demnächst verlernen, baut man mir doch
überall um mich herum meine lieben schönen analogen Uhren ab, weil erklärte mir
ein ehemaliger Bürgermeister mal, „ja eh alle immer ein Handy dabeihaben und da
die Zeit ablesen.“ Ok, kann man so sehen. Kann man aber auch sagen: Also wenn
ich grad mit dem Radl unterwegs bin und es wie immer eilig habe weil ich wie
immer vielleicht ein bisserl knapp kalkuliert habe, dann hat mir so eine Uhr am
Bahnhofsplatz z. B. schon oft gut geholfen im Sinne von „noch nen Zahn zulegen“
oder „easy, derrenn dich nicht“. Es ist aber nicht alles falsch am Leben ohne
analogen Uhren. Dass ich ein sehr arg komisches Zahlengedächtnis hab und zwar
dyskalkulatorische Symptomatiken zeige, dafür aber ausgezeichnet bin in
„gefühlter Mathematik“ (das Ergebnis stimmt, allein der Rechenweg ist mir
selber schleierhaft) sowie in beinahe zwanghafter Assoziation bestimmter
Zahlenkombinationen mit bestimmten Ereignissen – und hierfür ist die digitale
Uhr mit ihre plakativ laut herausgerotzten Ziffern äußerst willkommen. Zum
Beispiel der Klassiker: „333“ sieht man jetzt außerhalb des UK nicht superoft.
Wenn aber doch schreit’s in meinem Hirn freilich „BEI ISSOS KEILEREI!“ und
„753“ (Sichtung schon wesentlich wahrscheinlicher) muss ich natürlich „Rom
schlüpft aus dem Ei“ schlaumeiern. Das können vermutlich viele von euch, bei
mir geht’s aber noch ein bisserl weiter. Fällt mein Blick beispielsweise um 15
Uhr 05 auf eine digitale Anzeige, dann ist mein allererster Impuls: Schnell vor
die Glotze und auf Pro7 Andreas Türck anschauen!! Geht auch mit 14:05, bloß war
das glaub ich Arabella Kiesbauer und mit Schulschluss um 13 Uhr schwierig zu
realisieren. Das ist wie lange her? 30 Jahre? Irgendwie so, aber mein Hirn will
sich einfach nicht davon lösen. Seh ich sowas wie „79% Akkulaufzeit“, dann
reicht die „79“, um an eine Freundin zu denken, deren Geburtsjahr und deswegen
Nutzernamen auf u.a. Instagram diese Zahl beinhaltet. Besonders gut, soll
heißen: metertief hat sich das Konzept der „Gebuhrzeit“ in mir eingegraben. Die
„Gebuhrzeit“ ist, wenn die Uhrzeit dem eigenen Geburtsdatum entspricht. In
meinem Fall ist das 09:03 und ein sehr guter Anlass, von manchen Menschen
umgehend Gratulationen einzufordern. Das solltet ihr auch mal versuchen. Ok,
für am 31.12. Geborene wird’s natürlich schwierig, aber dann kann man immer
noch auf UK & Co. zurückgreifen und die Glückwünsche um 12:31 Uhr
einfordern. Ich kann das aus dem FF mit 16:09, 14:06, 15:11, 14:12 sowie 09:30
Uhr. Erschreckenderweise auch mit den Geburtstagen meiner Fußballidole von
annodazumal (16:10 – Mehmet Scholl; 01:02 – Christian Ziege), offenbar war
meine Pubertät eine zahlenprägende Zeit. Es ist also nicht alles schlecht an
digitaler Uhrzeit. Nur das mit den schönen weißen Bahnhofsuhren mit den
schwarzen Stricherln, das reut mich schon.
Freitag, 11. September 2026
Jahreszeitenwechsel
Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen
Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten
Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht)
vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach
„Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen,
auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten,
gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und
wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in
den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und
„Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz
polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich
freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des
Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden
bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung
empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach
so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich
die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden
Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht
ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau,
nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen.
Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern
maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten
anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting
bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja
nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für
gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich
gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im
Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen
sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu
tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also
bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/
einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE
Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der
leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem
Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in
greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine
Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir
die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden
Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!
Freitag, 4. September 2026
Powersätze
„Eine Binsenwahrheit ist eine allgemein bekannte,
selbstverständliche Tatsache, die keine neuen Erkenntnisse liefert und im Grund
überflüssig zu erwähnen ist.“ Das sagt mir der Brockhaus, als ich ihn fragte,
was das eigentlich ist, eine Binsenwahrheit. Als Herkunft wird die lateinische
Redewendung „nodum in scirpo quaerere“ genannt, was so viel heißt wie „einen
Knoten in der Binse suchen“ – eine vergebliche Anstrengung, da das glatte
Sumpfgras über keine Besonderheiten verfügt und somit „die Wahrheit glatt und
offensichtlich vor Augen liegt.“ Synonym dazu verwendet werden „Gemeinplatz“,
Plattitüde“, „Truismus“ oder „Banalität“. Eine moderne Variante der
Binsenweisheit scheinen mir die sogenannten „Powersätze“ zu sein, die uns,
angeblich, für den Alltag motivieren, als mentale Anker oder Schutzschuld gegen
Stress dienen sollen. Solche Powersätze werden heute gerne als „positive
Affirmation und Selbstliebe“ ventiliert und schreiben sich auf die Fahne, mein
Denken in eine mir wohlwollende und zugewandte Richtung zu programmieren. Dazu,
weiß die Internationale Hochschule, gehören Sätze, die sich allesamt glasklar
nach Arztroman anhören, mindestens aber nach Kaffeebohnen-Tapete mit
Sinnspruch-Sticker aus der Grabbelwarenabteilung eines Möbelhauses aus dem
Niedrigpreissektor: Ich vertraue meinem inneren Kompass Ich feiere meine
Stärken und akzeptiere meine Schwächen. Ich wähle jeden Tag Glück und
Liebe. Meine Träume sind erreichbar. Jeder Tag bringt neue
Möglichkeiten. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was ich
habe. Ich bin fähig, meine Ziele zu erreichen. Ich entscheide mich
heute, den besten Tag zu haben. Ich bin gesund und fühle mich
gut. Ich gestalte mein eigenes Glück. Einen besonders guten
Powersatz, den ich gern zitiere, hatte vor einigen Jahren ein gewisser David
Yotta im Dschungelcamp etabliert: „I’m strong, healthy and full of energy!“
morgens dreimal aufgesagt, brächte dem Menschen Kraft und Schwung für jeden
Tag. Ich persönlich habe einen allerliebsten, ganz eigenen Powersatz, der mich
mit hundertprozentiger Sicherheit im Nu in Schwung bringt. Nämlich: auf die
Palme. Sagst du diesen Satz zu mir, dann kannst du sicher sein, dass ich in
Windeseile ungeahnte Energien mobilisiere und mit der ganzen Kraft eines
veritablen Rumpelstilzchens gegen dich verwende. Diese Zauberworte lauten:
„Denk nicht so viel nach!“ Mal ganz davon abgesehen, dass mir absolut
schleierhaft ist, wie genau das gehen soll, nicht so viel nachzudenken, weil
schließlich geschieht das oftmals ganz ohne mein absichtliches Zutun, so möchte
ich den Satz mit der Hand fangen, in der Faust zu einem kompakten Stück Zorn
formen und dem Sprecher direkt entgegenschleudern „DENK DU HALT NICHT SO WENIG
NACH!“ Das möchte ich dann nämlich mal sehen, wie jemand, dem es nunmal nicht gegeben
ist, übermäßig viel zu reflektieren, sich dann hinsetzt und ganz angestrengt
und feste presst und presst und einfach kein sehr schöner Gedanke dabei zum
Vorschein kommen will. Ich denke nach, so viel ich will. Ob dann am Ende
nützliche oder hindernde Ergebnisse dabei rauskommen oder es gar eine
Binsenweisheit wird, ist dann ja wohl mein Problem.
Freitag, 28. August 2026
Zeugnisse
Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen
Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht
wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige
Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine
eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen
Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und
habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus
Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich
ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die
Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren,
erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2.
Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr
vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während
man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann,
bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“
nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit
Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der
Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es
sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“
konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen
bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift
das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen
sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen
einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen
Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“
schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts
mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem
falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und
schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe
und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich
den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei
der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich
Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller
Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich
dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden,
in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in
seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas
fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst
ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht.
Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!
Freitag, 21. August 2026
Insektenfreundlich
Ich war grade auf meinem Balkon. Solche Ausflüge sind
aktuell möglich, was mich sehr freut, zerfiel man zuletzt doch beim Betreten
desselben in Windeseile zu einem wimmernden Häufchen Asche; grad so, als sei
Dracula persönlich versehentlich ins Sonnenlicht getreten. Südbalkon – des
einen (Wüstenbewohner, Hautkrebsunbelehrbare, Masochisten) Freud, des anderen
(ich, ich, ich) Leid. Ganz oben auf der Liste der Nachteile steht die
Bepflanzung, zumindest wenn man nicht ausschließlich Sukkulenten, also Kaktusse,
oder Dörrobst zur Zierde haben mag. Nach zehn floralbotanisch eher
enttäuschenden Saisonen, in denen ich herausgefunden habe, dass nicht alles,
was Sonne mag, auch Dauersonne mag, und nicht alles, was angeblich
hitzebeständig ist, auch infernalischen Dauerheißbeschuss liebt, scheine ich momentan
durch gärtnerisches Geschickt (und womöglich einen Hauch von Zufall) eine
Pflanzenkomposition entdeckt zu haben, die mit allen ungünstigen
Rahmenbedingungen klarkommt und fröhlich dauerblühend die Balkonkästen überwuchert.
Freilich kommen wir auch dieses Jahr nicht ohne Learning aus, und das heißt in
diesem Fall: Nicht alles, was „insektenfreundlich“ heißt, zieht Bienen,
Hummeln, Schmetterlinge und sonstiges flauschig-gefälliges Getier an. Folglich
sirren und schwirren zwischen gelben Puscheln und pinker Pracht Milliarden
winziger schwarzer Fliegen, die sich an Gott weiß was laben und des Lebens
freuen. Ich beiße die Zähne zusammen – zum einen, um beim Betreten des Balkons
nicht unfreiwillig eine schöne Portion Insekten wie ein Wal aufzuschaufeln. Zum
anderen, weil ich ja natürlich weiß: Es gibt keine gute und schlechte Fauna,
sondern nur gute, und jedes Tierchen hat einerseits sein Plaisierchen,
andererseits seinen Nutzen in der Nahrungskette oder was weiß ich wo. Weil
angeblich sehr gut geeignet für vollsonnige Balkone gegen Süden hin hab ich
selbstverständlich längst probiert, auch hier meinem verklärten Hang zum
Südbayerischen Rechnung zu tragen und den Balkon wie es sich in der Heimat
gehört mit gigantischen Wolken farbexplosiver Geranien und Petunien zu
schmücken, auf dass ein jeder, der unten vorbeigeht, beim Blick nach oben ein
imponiertes Seufzen von sich gebe. Im Resultat hatte ich magere Stiele, an
denen einsame Blüten tapfer vor sich hin dörrten, um schließlich geschwächt zu
Boden zu fallen. Keine Spur von riesigen Blütenkissen, und nach dem dritten
Versuch hab ich eingesehen, dass es mir einfach nicht gegeben ist. Zur
Sicherheit war ich letzte Woche mal wieder im gelobten Land und hab mir
zwischen Schlier- und Tegernsee noch einmal diese mutmaßlich bürgermeisterlich
verordnete Pracht genauer angesehen. Meine Vermutung: Es bedarf eines
hölzern-ziergeschnitzten Balkons, eines kapitalen Geweihs und einer
ordentlichen Lüftlmalerei, um Geranien & Co. zur vollen Pracht zu bringen.
Projekt fürs kommende Jahr steht also fest.
Freitag, 14. August 2026
Birkis
Es muss über hundert Jahre her sein – na gut, vielleicht
auch nur so vierzig, als sich eine der dramatischsten und einschneidensten
Erfahrungen meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Dem
vorausgegangen waren Wochen, wahrscheinlich Monate heftiger Diskussionen mit
meinen Eltern zum Thema „Alle machen XY, nur ich armes Ding muss Z!“ Ein Thema,
dass sich ohnehin durch meine ersten Jahre zieht, weil als Kind sehr
reflektierter und informierter Akademiker hat man in der lustigen Welt der
Moden, Trends und Pflichten junger Menschen wirklich kein ganz so gutes
Standing. Ich hatte Latzhose statt Ballonkleid, Holztiere statt Barbies und
immerzu die falschen Schuhe. Während alle wunderschönen rosa Pferdemädchen mit
lang schwingender Zopffrisur und Glitzer die Welt um den kleinen Finger
wickelten, stand ich mit Skateboard und dreckigen Fingernägeln daneben und hab
mich a) gefragt, warum ich nicht so verzaubere und b) wieso diese Weiber
eigentlich so doof sind und ich trotzdem ihre Freundin sein wollte, und wurde
auf dem Nachhauseweg verprügelt, weil ich nicht wusste, dass Frauen sich die
Augen mit Buntstiften anmalen und welche Plottwists sich beim wochenendlichen
Fernsehprogramm ereignet hatten. Ich wollte auch rosa Riemchenballerinas haben
mit schöner Spitze vorne und gelbe Mokassins ohne Fußbett, trug aber (aus
heutiger Sicht hammercoole) adidas-Sneakers und irgendeinen absolut unförmigen
Latschen aus Leder und Kork, der eine vollkommen unelegante Fußform zeigte und
wegen dem ich als „Öko“ beschimpft und gleich nochmal geschubst wurde. Meine
Eltern blieben weitestgehend standhaft, und irgendwann schleiften sie mich in
ein Geschäft, das bis zur Decke voll war mit den hässlichsten Schuhen der Welt.
Es gab sie in ungefähr drei Farben (weiß, schwarz, blau), circa drei gängigen
Modellen (ein Riemen, zwei Riemen, geschlossen), und ganz selten konnte man
Sondermodelle beispielsweise an Nonnenfüßen entdecken. In dem Laden hatte ich
eine sinnstiftende Erkenntnis. Hier hing ein Plakat, das zeigte, wie sich ein
Fuß in spitzen Schuhen bös verformen muss und, gleich daneben, die luftige,
gesunde Weite, die der Gruselschuh dem Fuß bereitet. Fortan bekam ich Angst vor
bösem Fuß und trug die Schuhe artig, die ungefähr 35 Jahre später als „Birkis“
zurück in mein Leben gekommen sind. Also eher in euer, weil ich hab sie ja
durchgetragen. Jetzt mag man von der Verbirkenstockung ganzer Landstriche
halten, was man will, auch vom Wechsel vom Öko- zum Highfashion-Segment. Doch
eins muss man diesen Schuhen lassen: Selbst der gesündeste Öko-Schuh wird von
derzeitigen Fußklimata gnadenlos in die Knie gezwungen. Wo man geht und steht
duftelt’s nach dieser besonderen Mischung aus Käse, Kork und Leder, und ich
will gar nicht wissen, wie es sich eigentlich so in der Plastikvariante durch
die Tage schwimmt. Immerhin: Im Gegensatz zu allen Hallux‘- und sonstigen
Deformationen, die im Sommer zum Vorschein kommen, schmiegen sich meine Zehen
in perfekt-gesunder Reihe in die Form des Schlappen. Danke, Eltern!
Freitag, 7. August 2026
Große Schmelze
Dinge, von denen ich wusste, dass sie schmelzen können:
Eisberge. Tiefgefrorener Fisch in der Kühltruhe, wenn man diese versehentlich
für zwei Wochen vom Strom nimmt und in den Urlaub fährt (ergibt nicht nur eine
Riesensauerei, sondern auch etwas, das mutmaßlich unter dem Begriff
„infernalischer Gestank“ zu verstehen ist). Schokoladeneis in Kindergesichtern.
Abbrennende Kerzen. Zuneigung. Verzückte Herzen. Blei auf einem Löffel zu
Silvester. Käse auf der Pizza im Ofen. Schnee, den man an den Stiefeln in die
Wohnung trägt. Fettpölsterchen (aber nur angeblich, und wenn dann garantiert
immer die an der falschen Stelle). Das alles hat man im Laufe seines Lebens so
gelernt und als gottgegeben hingenommen. Neuerdings werde ich da aber noch um
ein paar Erfahrungen reicher, und in Anbetracht dessen, wie sich mein Gehirn
grade anfühlt, fällt mir ein, dass ich noch was nachschlagen wollte. „Das
menschliche Gehirn hat einen Proteingehalt von etwa 7 bis 10 Prozent bezogen
auf das Frischgewicht (bzw. ca. 30 bis 40 Prozent des Trockengewichts ohne
Wasser)“ steht im Internet, und dass Wasser bis zu 78 Prozent des Gesamtanteils
ausmachen kann. Weiters ist zu lesen: „Die meisten Proteine denaturieren bei
Temperaturen zwischen 40 °C und 80 °C. Ab ca. 40 bis 45 °C verlieren viele
empfindliche Proteine […} ihre Funktion.“ Und da soll sich noch irgendjemand
über irgendwas wundern? Mein Gehirn befindet sich also in einer Art
Schmelzzustand, was so einiges erklärt. Allerdings erklärt es auch, warum sich
auch viele andere Menschen bei den Temperaturen so seltsam verhalten, wie sie
es tun – beispielsweise die ältere Dame gestern beim Einkaufen, die mir ihren
Unmut über das Wetter, ihr Leben und meine Existenz dadurch mitteilte, dass sie
mit ihrem Einkaufswagen mehrfach derart von hinten den meinigen rammte, dass
dieser mich mehrfach empfindlich in der Achillesferse traf. Auf meine
freundliche Frage, was jetzt dieses Geschubse soll, glotzte sie mich nur blöde
an. Ich verzeihe ihr. Denn: alles schmilzt. Während das neulich die Straßenbahnbetriebe
so langsam vor sich hin verstanden haben, hatte ich schon längst allerlei
andere Schmelzvorgänge im staunenden Blick. Der Fahrradgriff, zu lange der
Sonne ausgesetzt: schmilzt und klebt. Sämtliche Parkausweise, von Presseschild
bis laminierter Anwohnerausweis: schmelzen in der Windschutzscheibe zu ebenso
modernen Skulpturen wie die Kerzen, die in der vermeintlich kühlen Wohnung
stehen. Jetzt, am jüngst vergangenen neuen Hitzerekordtag, konnte ich eine neue
Beobachtung machen: mein Schatten kann auch schmelzen! Ganz langsam hat er sich
in der sirrenden Luft aufgelöst und mit einem leisen Seufzen über den glühenden
Asphalt erhoben. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort. Am besten einem
kühlen.
Freitag, 31. Juli 2026
Ba(r)dentreffen
Schönen guten Morgen! Ich habe gehört, dieses Wochenende
steht ganz und gar im Zeichen eines spezialbesonderen Musikfestivals, das seit
50 Jahren die Stadt beglückt und auch eine gewisse Kolumnenschreiberin seit
fast ebenso langer Zeit als Fixtermin durchs Leben begleitet – zumindest
bescheinigen das zahlreiche Fotos (z.B. als Baby friedlich schlummernd im
Weidenkorb, in dem es euch gebracht wurde, inmitten allen Troubles), allen
voran eines, das einst sorgfältig aus einer uns bekannten Tageszeitung ausgeschnitten
und in ein Album geklebt wurde: „1986 Katharinenruine“ ist dazu vermerkt, und
zu sehen ist eine sehr volle Spielstätte, auf deren Bühne vorne links ein
kleines blondes Mädchen kauert und gebannt den Barden lauscht. Ob dieses
Mädchen heute, 40 Jahre später, auch wieder an Bühnen herumkauert, ist ihm (dem
Mädchen) allerdings fraglich, denn dieses Wochenende steht außerdem unter dem
Motto „Hitzewelle 2.0 – Return oft he Evil“. Aber eins sag ich euch: So (haha)
eiskalt erwischen wie beim letzten Mal wird es mich nicht, o nein! Nimm das,
Südwind! In den letzten Tagen hatte ich ausreichend Gelegenheit, die Wohnung
auf stramme 15 Grad herunterzukühlen – ja, das war eine gewisse
Herausforderung, aber eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss. Sie musste weiterhin
alles, was „Decke“ heißt, in eine Bettecke schieben und durch feine, dünne
Lein- und Baumwolltücher ersetzen. Außerdem musste sie sämtliche verfügbaren
Vorräte an Melonen im Umkreis von 500 Metern (ja, hier gibt es sehr viele
Geschäfte) aufkaufen und in der randvoll mit eiskaltem Wasser befüllten
Badewanne einlagern, weil duschen kannst du dir eh sparen in den kommenden
Tagen. Einmal jetzt noch, und dann werfe ich mich nur noch nach Art der Spatzen
und Elefanten in Matschlöcher und Staubfelder, um Ungeziefer aus meiner Haut zu
vertreiben und den Staub mit meinem Schweiß zu einer kühlenden und schützenden
Melange zu verrühren. Frisur? Ja auch nicht anders als mit Trockenshampoo,
schätze ich. Nur vielleicht ein bisschen dunkler. Der Kühlschrank ist vollgefüllt
mit Flüssig-Leichtem, derweil im Gefrierpack keine Speisen mehr lagern, sondern
nurmehr Eisiges in verschiedenen Darreichungsformen: Zum Essen, zum aufs
Gesicht legen, zum unter die Kniekehlen klemmen, zum vor Ventilatoren stellen
etc. Ich habe reichlich Bücher bestellt, mit denen ich mich ins kühle
Nordseiten-Schlafzimmer verkrümeln und umrahmt von Blätter- statt
Meeresrauschen schmökern kann (Titel: „Kaltes Fieber“, „Schlaflos“,
„Hundstage“, „Kummer aller Art“). Wenn das nicht mehr geht, müssen die
Watchlisten sämtlicher Streamingdienste herhalten. Im Keller steht ein Ort zum
Biwakieren bereit sowie ein Notfallbündel, mit dem ich mich gegebenenfalls in
der neuen Tiefgarage nebenan einnisten kann oder meinetwegen auch im Ubahnhof
(nur mit gültigem Ticket, ich weiß doch!) … Ich bin also bereit? Ihr auch? Dann
wünsche ich ein tolles Ba(r)denwochenende!
Freitag, 24. Juli 2026
Siesta
Kann ich mich nicht mehr so gut erinnern: Ob ich eigentlich
ein Seepferdchen gemacht habe. Wie ich die Bundesjugendspiele überstanden habe.
Wie ich zu der irrigen Annahme kam, Abitur auch mit Lernaufwand = Null glänzend
bestehen zu können. Kann ich mich sehr gut erinnern: Freistunden im Café. Als
das erste Mal jemand wollte, dass ich Steuern nachzahle. Und: Wie absolut
unbegreiflich mir das Konzept „Siesta“ früher war. Sehr gut weiß ich noch, wie
ich mich früher durch venezianische Gässchen und toskanische Örtchen geschleppt
habe. Als Schatten meiner Eltern (und meiner selbst), derweil von anderen,
kühlenden Schatten in der Gluthitze italienischer (Nach-)Mittage keine Spur zu
finden war. Ebenfalls unauffindbar: Cafés, Geschäfte, Restaurants, die geöffnet
haben. Wie kann das sein, frug ich verzweifelt? Man muss doch erstens Arbeiten
und zweitens für Touristen in Not bereitstehen? Im Gegensatz zum Einheimischen
schwammen diese in ihrem eigenen Saft über pfannenheiße Plätze, ausgerüstet mit
Fototasche, Proviantrucksack, Sonnenhut, speckglänzend und milchig-weiß
eingerieben mit Sonnencreme der damals höchstmöglichen Stärke LSF 15. Grundsätzlich
hat sich daran nichts geändert (außer dass aus LSF 15 mittlerweile 50 geworden
ist), allein mein Verständnis für diese wunderliche Volksangewohnheit namens
„Siesta“ hat massiv verstärkt. Nur nenne ich das heute „Mittagsschlaf“ oder
lässig: Natzen und verstehe darunter einen himmlischen Zustand, in den ich mich
irgendwann zwischen 12 und 16 Uhr begebe: Der Kopf wird leer, die Augen schwer?
Glasklare Sache: Zeit für einen Natz! Es wird dann erst ein jedes technisches
Gerät fein säuberlich in den Ruhestand versetzt und anschließend ich selbst.
Fenster zu und Türen auf, die Ohren fest verpfropft, auf dass ja kein böses Weltgeräusch
(Post, Müll, Baustelle) ins ruhende Gehirn eindringen möge. Die Pflicht ist
getan, was nach dem Natzerl noch zu tun ist, ist allerhöchsten Kür, und der
weltbeste Mittagsschlaf ist der, der ohne Wecker auskommen darf. Ok gut, kann
passieren, dass ich dann erst gegen 19 Uhr wieder erwache und in Folge dessen
weder zu einer Pflicht noch einer Kür noch zu überhaupt irgendwas außer
lobotomiertem Glotzen (an die Wand oder ins Flimmerkastl hinein) in der Lage
bin, aber wen schert das schon? Fein an meine große Liebe (Bett) gekuschelt,
falle ich sogleich in tiefsten Tiefschlaf und erwache im Idealfall 20 bis 45
Minuten später well refreshed und bin bereit für den zweiten Teil des Tages
(Freizeit). Wie unfassbar sinnvoll diese Angewohnheit ist, hab ich freilich
jetzt im Hitzedings ganz besonders gut verstanden, und so möchte ich Abbitte
leisten gegenüber der Siesta: Du bist toll, du bist richtig, Südländer sind uns
kulturtechnisch einfach weit voraus. Und wenn man selbst grad Schäfchen zählt,
fällt auch nicht unangenehm auf, dass keine Läden offen haben. Worauf warten
wir also?
Freitag, 17. Juli 2026
Badengehen
Es gibt so Tätigkeiten, bei denen man sich um Vorfeld ungefähr nichts denkt außer „Geile Idee, das mach ich!“ – und ein paar Minuten oder Stunden später die vormalige Begeisterung kein bisschen mehr verstehen kann. „Warum hab ich das bloß getan?“ hab ich mich gefragt, als ich mal so zum Spaß Platz genommen hatte in zwei Metern Höhe, nämlich auf dem Rücken eines so mächtigen wie schreckhaften Gauls, von dem ich annahm, dass er mich in sicheren Tod schaukeln und hüpfen werde. Und sehr dunkel erinnere ich mich auch an eine Fahrt mit einer Todesbahn in einem Freizeitpark, von der ich vor allem gelernt habe, wie unfassbar lang und laut ich schreien kann. Meine Lektionen habe ich hierbei gelernt, ich mache das alles ganz bestimmt kein zweites Mal. Worauf ich aber immer und immer wieder hineinfalle, ist dieser alles durchdringende Wunsch nach einem Freibadbesuch. Weil wie herrlich ist das denn? Bräsig im Halbschatten liegen, gelegentlich an einer eiskalten Melone lutschen, schön Buch und hier und da das Käsebein mal kurz ins Wasser gedippt – perfekt! Es erfolgt also ein Taschepacken „mit dem Nötigsten“, darauf die Erkenntnis, dass eine Fahrradfahrt derart bepackt nicht möglich ist. Nachdem man sich die Pfoten am Lenkrad des Autos verbrannt und irgendwann schwitzend einen Parkplatz gefunden hat, beginnt die Müh der richtigen Platzwahl (Spoiler: Gelingt nie!). Es folgt das Einrichten – schön ordentlich legt man ein Mosaik aus Decken, Handtüchern, Unterhaltungsmedien und sonstigem Gedöns, aber man will ja nicht ausschauen wie ein Flodder – und die wenig grazilen Verrenkungen, die ein schnelles Umziehen in die Bademode erforderlich macht. Geschafft, man sinkt zu Boden und ist bereit zum chillen. Dann piekt ein Zweiglein unterm Hintern. Dann muss man aufs Klo. Dann wollte man doch schwimmen. Dann muss man sich erstmal einschmieren. Dann unbedingt Händewaschen. Dann einziehen lassen und lesen. Neuer Zweig unterm Hintern. Besuch des Pools, aber erst nochmal Klo. Schwieriger Poolbesuch weil Wasser sehr kalt. Dann trocknen. Schatten weg, Einrichtung drei Meter weiter zerren. Viel trinken. Dann lieber doch umziehen (Blase!). Dann lesen. Oh, eigentlich Hunger. Pommes. Händewaschen. Hinlegen. Durst. Klo. Baden? Später. Oder doch gleich, weil plötzlich wird’s voll. Trocknen, umziehen, Schatten weg, neuer Platz. Eincremen, Händewaschen, les… Telefon. Trinken. Klo. Schatten!! Aber erst schwieriger Besuch im Pool weil Wasser sehr warm … Nach ein paar Stunden so verlässt man völlig erschöpft die Badeanstalt und fragt sich, warum man nicht auf der kühlen Couch verblieben ist. Naja – bis zum nächsten Mal.
Freitag, 10. Juli 2026
Käsefüße mit Musik
Was ist das eigentlich, dieses „Sommer“? Also was charakterisiert eigentlich diese komische Zeit, die es an sehr vielen Orten auf der Welt gibt, wenngleich zu unterschiedlichen Terminen? Woran merken wir, dass Sommer ist? Ich hab mir mal Gedanken über ein paar Eigenschaften oder Phänomene gemacht, die da vielleicht ein bisschen beim Eingrenzen helfen könnten. Zum Beispiel Füße: Normalerweise sind die fein säuberlich in Strickware verpackt und dann schön in Leder oder Plastik (vegan!) geschnürt; sehr selten sieht man Menschen, die ungeachtet der Jahreszeit barfuß unterwegs sind, und dann verspürt man so eine Mischung aus Bewunderung und Grusel. Von einem Tag auf den anderen ändert sich das, und von Krethi und Plethi bis Hinz und Kunz meint ein jeder, jetzt seine käsigen Mauken in die Freiheit packen zu dürfen. Jedoch: ungeachtet des Pflegezustandes. Als wären alle Zumutungen des Sommers nicht schon genug, muss man sich auch noch tagtäglich mehrfach voller Abscheu vom Anblick schrundiger Fersen oder gelber Krallen abwenden und mit dem Zustand klarkommen, bis der Herbst ein Einsehen hat und dieses notwendige Übel des menschlichen Körpers wieder hinter Klett und Schnürbändel verstaut. Motto: Ich würde gerne zum Pediküre, um mir die Füße schön machen zu lassen, aber ich trau mich nicht, weil ich hässliche Füße habe? Ein anderes Kriterium: Musik. Kann ich eigentlich ganz gut alleine, im Sommer aber wird mein musikalischer Horizont zwangserweitert, ob ich will oder nicht. Als da wären die berühmten Brüllwürfel, die (meist junge, aber irritierenderweise auch zunehmend ältere) Menschen mit sich herumschleppen, um überall dort, wo es ihnen grad beliebt, die Lieblingsmukke zu hören und mit ihrem exquisiten Musikgeschmack zu beeindrucken. Das ist lästig genug im Freibad oder Park, doch hier kann ich immerhin entscheiden: Mach ich einen Mordsaufstand und bitte höflich um Stille oder wechsle ich die Örtlichkeit? Weniger konstant, dafür um ein Vielfaches zahlreicher sind die Musiken sämtlicher Fassong, die einem aus den offenen Fenstern und Dächern der Autos entgegentönen. Hier bleibt nur: Ertragen oder Übertönen. Normalerweise ertrage ich – doch wenn ich mit dem allerliebsten Zwergenkind unterwegs bin, sinne ich auf Rache. Fenster auf, Cabriodach weg und erst einmal die Mauken, die am besten vorher stundenlang in Fußballschuhen gesteckt haben, in die Höhe gestreckt, damit der Duft sich richtig schön verteilt, cruisen wir durch die Straßen und zeigen der Welt, was echt gute Musik ist. Aktuell Platz 3: Die Rittersong-Playlist. Platz 2: Der kleine Vampir (OST). Platz 1: Drachenlieder – maximale Lautstärke, dazu schön freundlich mit den Mauken winken und sich freuen. DAS ist Sommer.
Freitag, 3. Juli 2026
Ausnahmezustand
Ein Glück haben wir das überstanden! Dieser tagelange Stress, die ganze Aufregung, diese Unsicherheit … Aber jetzt ist Deutschland aus der WM geflogen und unsere Abende (und Nächte) gehören wieder ganz uns und wir können uns den wichtigen Themen zuwenden: Wetter. Oder besser: Was vom Wetter übrigblieb. Aktuell nicht viel, es hat deutlich abgekühlt und ich wünschte, ich wäre eine Art Kamel, dann tät ich mich jetzt in die frische Brise stellen und ganz viel kalte Luft in meine Lungenhöcker atmen, von denen ich dann zehren kann. Es fühlt sich alles ein bisschen an wie ein Traum, zugegeben ein fiebriger. Man könnte glatt meinen, das alles wäre nie passiert. Wenn ich mich in meiner Wohnung so umsehe, werde ich eines Besseren belehrt. Hier entdecke ich deutliche Zeichen dafür, dass ein Ausnahmezustand eingetreten war. Es sieht dort nämlich aus wie bei Hempels unterm Sofa, sprich Schweinestall, oder zumindest wie bei Leuten, die sehr wenig daheim sind oder sehr zu schwach, dort irgendwas Sinnvolles zu erledigen. Jetzt ist Zeit, um die Wunden zu lecken. Deren hab ich viele vorzuweisen, nämlich in Form einer Million aufgekratzter Mückenstiche (weil’s halt nicht nur ich schön fand nachts im Garten) und Hitzepusteln. Meinem sonst so frischen Spiegelbild kleben fettige Strähnen müde in die Stirne. Überall in der Wohnung hängen teils noch feuchte, teils zigmal getrocknete Tücher, die bis grade eben noch dazu dienten, kochende Räume und Körperteile irgendwie abzukühlen. Halbausgeräumte Badetaschen liegen in irgendwelchen Ecken; Dinge, die man von dort herausgeräumt hat, bevor man merkte „brauch ich morgen eh wieder“, stehen sinnlos in der Gegend herum. Im Kühlschrank befindet sich keinerlei feste Nahrung, sondern dafür mehrere zur Kühlflasche umfunktionierte Wärmflaschen und abgesehen von etwas Obst (Wassermelone!) ausschließlich Dinge, die man trinkend zu sich nehmen kann (Wasser, Ayran, Buttermilch), und gelegentlich stoße ich mir den Zeh an einer Sonnenliege, die in den Keller zurückzustellen sich noch niemand erbarmen konnte. Schätze, es war ein bisschen warm dieser Tage, hm? Immerhin zweimal war ich im Freibad, und es war irgendwie schön, die Genese des Wassers dort verfolgen zu können, nämlich von klar-durchsichtig-hellblau zu „ähm ich kann meine eignen knallroten Zehennägel nicht mehr erkennen“. Mhmm, lecker! Und wie das duftet … Nun ja. Lasset uns atmen und beten, dass das nur ein erster kleiner Vorgeschmack war auf die Zukunft, die uns bevorsteht. Immerhin können wir die dann in unseren Klimamobilen kreuzungsfrei durchfahren, das ist doch auch mal was. Bäume und Grünflächen, das haben die heißen Tage gezeigt, kosten schließlich nur Zeit und Geld im Gegensatz zu einer schönen, glatten Betonfläche.
Freitag, 26. Juni 2026
Gestank
Jemand Bock auf Eintopf? Nein danke, ich auch nicht. Ganz
grundsätzlich nicht und jetzt schon gleich dreimal nicht, weil wer kann denn
bitte grade irgendwas anderes essen als Wassermelone, kalte Gurkensuppe,
Joghurt oder Kirschen (Pluspunkt hier: Kirschkernweitspucken vertreibt
Langeweile und erhöht massiv die Achtung, die kleine Kinder vor einem haben)?
Ja ok, ich weiß, dass es sie gibt. Diese extraterrestrischen Wesen
beispielsweise, die sich zur Mittagspause bei 40 Grad mal schön Döner gönnen,
romantisch und luftig an der Hauptstraße unter fadenscheinigen Sonnenschirmen,
und dazu bereitwillig zur olfaktorischen Kacka- äh Kakophonie beitragen, die
derzeit in den Straßen herrscht. Es. Stinkt. Nach schmelzendem Teer und in
Altglascontainern und Mülleimern vor sich hin köchelndem Unrat. Nach Füßen und
Achseln. Nach Menschen, die immer noch nicht mitgeschnitten haben, dass Jil
Sander „Sun“, Joop „Homme“ und Gaultier „Le Male“ seit 35 Jahren verboten
gehören und, zumal im Glutsommer getragen, einen Verstoß gegen die (meine)
Menschenwürde darstellen (ganz zu schweigen von jedem Deo, auf dem „Impulse“ zu
lesen ist). Nach Surströmming oder jedem beliebigen Gammelfisch in einem Radius
von fünf Kilometern um gewisse stehende Gewässer herum. Gottlob war die Luft zuletzt erfüllt von
Petrichor – der typische Geruch, der entsteht, wenn es auf glühendheißen Boden
regnet. Aber ich kann euch sagen: Selbst Regen und Petrichor können den Höllengestank
einer seit mehreren Tagen in der Sonne verwesenden Schlange nicht vertreiben
(ob es hier Schlangen gibt, die 1,50m lang und 5cm breit sind? Ja, gibt es.
Also jetzt halt eine weniger.). Der Eintopf, schön mit Speck und Würstln, würde
sich also rein geruchstechnisch prima hineinschmiegen in den großen Stink, und
da muss ich sagen: So gesehen füg ich mich da ganz gut ein. Weil ich bin
Eintopf. Oder Rührei oder was auch immer aus einem Wesen wird, das aus 20
Prozent Eiweiß besteht und zu 65 aus Wasser? Ich bin sozusagen mein eigener
Dampfkochtopf: Während das Wasser sich schön langsam zu erhitzen beginnt,
stockt das Eiweiß erst zu kleinen Flöckchen und dann zu großen Batzen, die mir
das Leben und Denken erschweren. „Schonend Garen“ geht glaub ich anders. Ich
wäre gern ein Erdferkel, das tief im Boden der Kühle harrt. Zumindest magisch
angezogen werde ich von U-Bahn-Eingängen und solchen, die in eine Tiergarage
hinabführen, und es könnte sein, dass ich eventuell im Supermarkt ein bisschen
zu lange bei geöffneter Türe vor den Joghurts stehe und nur so tue, als würde
ich angestrengt auswählen. Ergibt das alles hier irgendeinen Sinn? Nein? Ok tut
mir leid, besser wird’s nicht. Ich muss eh gleich aufhören, um den Kopf wieder
in den Kühlschrank zu legen, das Gesicht wohlig in eine Melonenhälfte
gekuschelt, tiefe Atemzüge aus dem Pflücksalat nehmend. Das duftet wenigstens.
Freitag, 19. Juni 2026
Sonnwendfeuer
Die gute Nachricht zuerst: Am 21. Juni ist Sonnwende. Wir
dürfen uns über die kürzeste Nacht und den längsten Tag des Jahres freuen. Bei
genauerer Betrachtung folgt die schlechte Nachricht logisch auf dem Fuße: Ab
dem 22. Juni werden die Tage wieder kürzer und die Nächte länger, und ehe ihr euch‘s
verseht ist es November und um 16 Uhr stockdunkel, außerdem sehr grau, nass und
neblig. Von diesen grausigen Aussichten wollen wir uns lieber schnell abwenden
und uns den sehr viel schöneren zu. So wurde vor wenigen Tagen an mich
herangetragen: „Du, wollen wir am Wochenende ein kleines Sonnwendfest im Garten
machen?“ frug der Mann schüchtern, und ich dachte „puh“ und sagte „ja“. „Wir
könnten ein paar Leute einladen …“ – „Okee.“ – „… und dann im Garten
übernachten …“ – „Klaro.“ – „… und eine schöne Feuerschale aufst…“ – „NEIN!“
schrie ich aus vollstem Herzen und wollte den gesamten Vorschlag auf der Stelle
samt einem Rest verdorbener Suppe im Klo hinunterspülen. Feuerschale.
Lagerfeuer. Feuertonne. Dinge, die zu hassen ich eine heilige Passion entwickeln
kann. Du willst ein Gartenfest veranstalten, an dem ich garantiert nicht
teilnehmen werde? Stell eine Feuerschale auf! Du möchtest im Winter „schön mit
Glühwein und Grill im Hinterhof“, aber bitte ohne mich? No problemo: Kündige
die Feuertonne an! Ich weiß wirklich absolut nicht, was das soll mit dieser
ewigen Zündlerei. Ok Wärme – seh ich ein. Aber mal unter uns: Im Winter
verbrennst du dir beim gemütlichen Umtrunk um die brennende Tonne halt obenrum
das Gesicht und untenrum erfrieren die Füße trotzdem. Im Sommer ist es
vielleicht bitte eh warm? Also! Saisonal unabhängig hingegen ist der Knackpunkt
des Übels. Ich mag Speck nur in kleinen Mengen, deswegen bin ich schwierig mit
Elsässer Flammkuchen und Bamberger Rauchbier (flüssiger Räucherschinken, pfui
Deifi!). Und ganz besonders graust es mich, selbst nach Speck und Räucherei zu
riechen – ein Umstand, der mit jedem Feuermachen aber garantiert einhergeht.
Erst steht man stundenlang im dichten Qualm, weil „wir haben’s gleich, das Holz
ist wohl ein bisschen feucht“, und beim Heimkommen muss man sich am besten
unten vor der Haustür komplett entkleiden, die Klamotten in einen Vakuumsack
und diesen postwendend in die Waschmaschine stopfen, bevor man sich ungeachtet
der Uhrzeit unter die Dusche stellt, um nicht das lavendelduftende Kissen auf
Wochen mit Speckaroma zu verderben. Dazwischen stochern Menschen unaufhörlich
in der Glut herum, dass die Funken nur so stieben und Löcher in die feine
Outdoorware schmoren. Ich sage NEIN zur Feuerstelle und JA zum 5-Stunden-Kaminfeuer-Video
auf YouTube. Meinetwegen auch zur Drohnenshow. Wer sowas parat hat: Du bist
herzlich eingeladen!
Freitag, 12. Juni 2026
Kuchenüberschwemmung
Musik kann heilen. Das ist, glaube ich, wissenschaftlich erwiesen. Manche kann aber auch nur nerven, wie dieser lästige Ohrwurm, von dem ich euch vor (ich habe grade nachgeschaut) einem Jahr (!) erzählt habe. Damals trug ich „Big girls don’t cry“ von Fergie schon seit Monaten mit mir herum, und ich tue es immer noch. Ist das zu fassen? Andere bekannte und eingängige Melodien und Reime sind nicht ganz so hartnäckig, ploppen aber zuverlässig immer dann auf, wenn sie grade passen könnten, und im aktuellen Fall ist es „Wenn ich wüsst, dass du kommst, hätt ich Kuchen da, Kuchen da, Kuchen daaaa …“ Als wäre das nicht verquer genug, ist die Aussage schonmal ganz grundsätzlich falsch. Weil eigentlich sollte es heißen „Wenn ich wüsst, dass du kommst, tät ich meinen Kuchen ganz schnell versteeeecken“ oder „Ich hoff, dass du nicht kommst, weil ich hab Kuchen da, Kuchen da, Kuchen daaa …“ Indeed (ich benutze „indeed“ derzeit sehr gerne in dem verzweifelten bis lachhaften Versuch, mich vom Pöbel der pathologischen „tatsächlich“-Verwender abzugrenzen, was natürlich Bullshit ist, heißt es doch einfach das allergleiche) hatte ich zuletzt wirklich sehr viel Kuchen da, sogar so viel, dass ich mir zeitweise gewünscht hatte, Besuch zu bekommen, um diesem sorgfältig verpackte Care-Pakete mit einer kleinen Kuchenauswahl schnüren zu können, um mich der Nascherei endlich zu entledigen. Es gibt zwei Sorten Menschen. Solche, die backen, und solche, die nicht backen. Der Vorteil letzterer: Sie haben nie Saustall in der Küche und müssen keine Verabredung abbrechen weil Kuchen im Rohr vergessen. Nachteil: Sie haben halt dann auch keinen Kuchen. Die erstgenannte Gruppe hingegen hat alle Nachteile (Saustall, Rohr), dafür aber einen unbestreitbaren Vorteil: Kuchen! Sowie das uneingeschränkte Bedürfnis, diesen zu teilen und weiterzuverschenken. Ein Bedürfnis, bei dem ich nur zu gerne zur Verfügung stehe. Das klappt mal mehr, mal weniger gut, zuletzt aber derart saumäßig hervorragend, dass ich mir nicht mehr ganz sicher war, ob da nicht eine Kuchenverschwörung im Gange ist. Denn neulich war mirnichts, dirnichts derart viel Kuchen da, dass ich nicht mehr recht wusste, wohin damit. Ein Restlein vom Samstagskuchen hier, ein Stückchen vom Muttertagskuchen dort, ein Ecklein von „Ich hab da mal was ausprobiert“ und ein Ranken „den hab ich noch von Papa mitgebracht“, und schwups war da ein großes Kuchenbuffet daheim. Spätestens als dann noch die Nachbarin nachdrücklich darauf bestand, mir die Hälfte des Konfirmationskuchens zu überlassen, hab ich mich ein bisschen gefühlt wie bei der berühmten Zucchiniüberschwemmung: Erst freut sich jeder riesig über die Ernte, und dann irgendwann wird sie aus vollen Armen eilig verschenkt. Also deswegen sag ich mal so: Wenn du kommen willst – gerne, ich hab Kuchen da. Mahlzeit!
Freitag, 5. Juni 2026
Katerstimmung
Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus! Lasst uns also fröhlich
sein, solange wir jung sind – ich finde das eine beachtliche Leistung an
vernünftiger Vorausschauung für einen jungen Menschen. Oder an feiner
Beobachtung der Älteren. Zumindest, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um
einen uralten Trinkspruch handelt, der ganz sicher keine fünftägige Fastenkur
eingeleitet hat und mutmaßlich auch kein Achtsamkeitsseminar, sondern
irgendwas, das mit sehr viel Wein oder gar, o Schreck, Stärkerem einherging.
Weil schwerer Kater hin oder her – so richtig kann man sich’s ja wohl nicht
vorstellen, WIE schlimm so ein schlimmster Kater der Welt wirklich sein kann,
wenn man erst das entsprechende Alter dafür erreicht hat. „Das kann doch
wirklich nicht sein, dass ich gestern EIN Bier getrunken hab und EIN kleines
Glas Prosecco und heut einen dermaßenen Schädel beinander hab und so kaputt
bin“, klagte zuletzt ein Lieblingsmensch und schluchzte heiser ins Telefon. Was
gut war (Telefon), weil da hat er mich nicht mitleidig grinsen sehen können. Besagter
Mensch zählt nämlich trotz dessen er zehn Jahre jünger ist als ich auch keine
20 Lenze mehr, was er zu gern vergisst und unbekümmert seine ewige Jugend
preist. Ich bin längst in dem Alter angekommen, in dem die meisten erkannt
haben, dass Alkoholgenuss nur durch straffes Training oder heftige
Enthaltsamkeit zu machen ist. Ich kenne beide Parteien, und finde, dass ich
deshalb sowohl mitfühlen als auch ordentlich lästern darf. So ein Festival
beispielsweise. Da bist du früher mit einem Dosenbier in der Hand und bereits
drei im Gesicht lustig eingetanzt, hast dann fröhlich durchgebechert, am
kommenden Vormittag einmal schmerzhaft das Gesicht verzogen, weitergemacht, Tag
drei dann bereits mit etwas schmerzhafter verzogenem Gesicht begonnen, dich
dann aber pflichtbewusst in dein Schicksal gefügt und bist wie durch ein Wunder
am Montagmorgen auf deinem Werkstudenten- oder Uni-Hocker erschienen. Zumindest
körperlich. Heute? Undenkbar. Schon allein die Erinnerung an derart exzessive
Tage bereitet mir ein grauenhaftes Unwohlsein (und ungläubiges Kopfschütteln).
Würde ich das heute nochmal so machen, ich wäre vier Wochen krank. Fünf Tage
Bierfest? 14 Tage Berg? Extraterrestrisch absurd! Heute gehen (meine) Menschen
nur in Lokale, von deren Weißwein sie keine Histaminallergie bekommen,
schlucken vor dem Einschlafen mehr Bullrich Salz als Alkohol, wissen unter
58439257 Biersorten exakt, von welchem sie Sodbrennen bekommen, können „Zwischenwasser“
so selbstverständlich aussprechen wie „Ein Achterl noch, bitte“ und pünktlich
um 22 Uhr nach Hause gehen. Na gut, wir mussten das auch alle erstmal lernen.
Aber weil wir wissen, wie’s laufen kann, lautet unser Trinkspruch anders: „Man
muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ So gesehen: Prösterchen! Auf die
Viertagewoche!
Freitag, 29. Mai 2026
Gartenfest
Da haben wir jetzt also den Nudelsalat. Vor ein paar wenigen
Stunden sind wir noch in Wolfsgeheul ausgebrochen, weil wann immer ein Lüftchen
um unsere Ohren wehte, musste man im Chor aufjaulen „Also in der Sonne wäre es
ja ganz schön, aber dieser kalte Wind … !!“ und die warme Jacke blieb
sicherheitshalber noch mal unverräumt und die geschlossenen Schuhe auch und
dann macht man einmal kurz die Augen zu und KAWUMMS ist alles anders und nichts
mehr, wie es grad noch war. Aber das Gejammere über die plötzliche sengende
Hitze wollen wir uns an dieser Stelle mal ersparen und lieber erstens die
heilige Zeit der kurzen Wochen lobpreisen und zweitens den Umstand, dass wo ein
Sommer, da ein Gartenfestl. Diese umweht eine besondere Aura, eine Magie, weil
wir wissen ja alle aus der Werbung, wie wunderschön das aussehen kann: Schöne
Menschen treffen sich in einem Garten. Sie tragen wunderschöne Kleider in
leuchtenden Sommerfarben und leichtes Leinen, räkeln sich auf Liegestühlen und
lassen Leib und Seele in Hängematten baumeln, während sie an kunterbunten
Cocktails nuckeln und irgendwas mit Batida de Coco ist auch dabei. Leichte
Speisen werden herumgereicht, frische Früchte, feine Pralinés. Im Hintergrund
leise Chillout-Musik. Ach, das Leben kann so schön sein … ! Das Leben kann aber
vor allem auch sehr real sein, und so war meine erste Gartenfestlamtshandlung,
mir mit großem Olé die beschattete Hängematte zu schnappen und zu verkünden,
dass dies für den restlichen Tag mein Platz sei! In zweiter Amtshandlung bin
ich mit lautem Gescheber und einem Rückwärtssalto aus der Hängematte gefallen
und habe mich unter dem darunter befindlichen Gestell verheddert. Immerhin: Es
war dort sehr schattig, und so konnte ich behaupten, alles sei planmäßig
verlaufen. Während ich so lag, trafen weitere Gäste ein. Doch statt frisch und
schön waren alle reichlich verschwitzt und ein bisschen eklig, statt wehenden
Gewändern gab’s funktionales „so wenig Stoff am Körper wie möglich“. Man
krümmte sich im Schatten winziger Apfelbäumchen und jungen Weins, die Musik war
je nach Windrichtung mal zu laut und dann zu leis, während Teile des Buffets zu
unkenntlichen Klumpen verschmolzen oder in der sengenden Hitze sichtlich
vertrockneten. Habt ihr schonmal eine Dörr-Melone gegessen? Mhmm, lecker! In
ein Babyplanschbecken von 1m Durchmesser passen maximal acht durchschnittlich
erwachsene Fußpaare, und mancher musste an sich halten, nicht kurzerhand selbst
noch das Fußbadwasser auszusaufen. Cocktails? Pfui Deifi! Ich selbst hab alles
sehr genossen, zumal als Gästin ohne Auftrag – spätestens, nachdem ich
denjenigen Platz entdeckt hatte, der zwar am wenigsten sexy, dafür am kühlsten
war. Im tiefsten Schatten mit leichter Brise ließ es sich gut leben, und dass
mein Liegestuhl direkt vor der Klotür stand, war ja das Problem der anderen und
nicht meins. So viel also zur Gartenfest-Romantik. Ich hoffe, es kommen noch
ganz viele davon. Und vielleicht ein bisschen was von diesem kalten Wind.
Freitag, 22. Mai 2026
Pfingstkärwa
Neulich war mal ein schönes Wetter, und weil das so
praktisch mit dem Muttertag zusammenfiel, sammelte sich die ganze Brut um das
Muttertier und besuchte gemeinsam einen feinen Biergarten. Man plauderte so vor
sich hin, bis der Zwerg, mittlerweile fünf Jahre alt und zu absoluter geistiger
Hochform aufgelaufen, eine unschuldige Frage stellte: „Was ist eigentlich
Kirchweih?“ Absolut berechtigte Frage, der sich alle gewachsen fühlten und
kurzerhand mit Bierzelt, Karussell und Maibaum antworteten. Doch ich ahnte ein
Ungemach, das auch sogleich folgte. Nämlich in dem Moment, in dem eins der
Anwesenden gscheidhaflerisch die Antwort um „Pfingsten“ ergänzte. In mir brach
ein innerlicher Jubel aus und ich blickte gespannt zum Kind, um zu sehen, wie
es fragte, wovon ich annahm, dass es gleich fragen würde. Und juhu: „Mhmm aber
was ist eigentlich Pfingsten?“ Ein großes Gelächter brach aus mir heraus. „Na,
jetzt zeigt mal, was ihr könnt!“ lästerte ich, und blickte in eine Ansammlung
leerer Gesichter. „Ähm also naja, da feiern wir …“ traute sich die Kindsmutter
an die Aufgabe, doch noch ehe sie zuende geraten haben konnte, frug der Zwerg
schlau: „Aber was feiern wir denn da?“, was von einem weiteren Familienmitglied
mit einem eilig dargereichten „Kärwa!“ beschieden und das Thema damit als
beendet erklärt wurde. Ich weiß nicht, ob es sich hierbei um einen sogenannten
„Ringschluss“ handelt, aber ich würde das als Erklärung akzeptieren. Und
amüsiere mich weiter, weil niemand, wirklich niemand sich merken kann, was
genau es eigentlich mit Pfingsten auf sich hat. Einschließlich mir. Blättern
wir also nochmal im Brockhaus. „Pfingsten ist ein christliches Fest. Der
Festinhalt ist die Sendung des Geistes Gottes zu den Jüngern Jesu“ oder „die
Aussendung des heiligen Geistes“. Der Pfingstsonntag ist der 50. Tag der
Osterzeit, also 49 Tage nach dem Ostersonntag, deswegen kann er im Kalender
variieren. Es ginge vielleicht leichter zu merken, wenn es nicht „Pfingsten“
hieße, sondern „Pfüngsten“ oder so, da lautet die 50 wenigstens mit an. Aber
vielleicht taugt es trotzdem als Eselsbrücke. Dennoch hat auch der Rest der
Familie absolut Recht behalten, zumindest, wenn man gelten lässt, dass seit
Menschengedenken in meinem Herkunftsstadtviertel die Pfingstkärwa gefeiert
wird. Was so viel bedeutet, dass Nestbeschmutzer wie ich, Ausgereiste also,
traditionell einmal jährlich zur alten Wirkungsstätte pilgern, um dem Verfall
all derjenigen, die nicht in die große weite Welt gezogen sind wie ich (vom
Speckgürtel ins Stadtzentrum), händeschüttelnd und freundlich lächelnd
beizuwohnen und sich diebisch darüber zu freuen, dass diejenigen, die heute am
ältesten und kaputtesten ausschauen, früher die lautesten und coolsten Mobber
waren und leider aus dem Vereinsheim nicht rausgefunden haben. Dann fährt man
wieder nach Hause und freut sich aufs nächste Jahr. Darauf eine Bumbermaß und
ein Prosit der Gemütlichkeit!
Freitag, 15. Mai 2026
Eisheilige
Servaz miteinander! Ach nein Verzeihung, es muss ja „Servus“
heißen, ich bin schon ganz durcheinander … Mamert, Pankraz, Servaz, Bonifaz und
Sophie – so heißen die Kollegen, die uns grad das Leben vergrätzen. Alljährlich
bringen sie uns für eine Woche den Winter zurück, und das akkurat im
allerschönsten Frühlingsjubel, wo wir doch grade dabei waren, festes Schuhwerk
und dicke Daunen für mindestens sechs Monate auf den Dachboden zu verdammen.
Doch mitten im Räumen und Rühren muss man plötzlich innehalten und, einen Fuß
schon auf der Stiege, kleinlaut mit dem ganzen Wärmekrempel wieder umkehren.
Eisheilige, das sind fiese Gesellen und eine Gesellin, namentlich die Kalte
Sophie, die uns am heutigen Freitag beehrt und damit den offiziellen Reigen der
Verwunderung beenden, die uns ebenso zuverlässig alljährlich trifft. Wie kann
das jetzt plötzlich so kalt sein, grade war doch noch T-Shirt? Ich denke, die
Eisheiligen sind eine Art Memento Mori des lieben Petrus. Eine mit
hocherhobenem Zeigefinger vorgetragene Warnung, gefälligst den Frühling und
Sommer aufs Heftigste zu genießen, denn mit einem Fingerschnips kann sich
wieder alles ändern und der Winter hat uns zurück in seiner eisigen Faus. Am
mementomorischsten, zumindest als Unterstützung blicken mich die „Briemerla“
(mittelfränkisch für „schöne Blumen“) vom Balkon aus an, wo ich sie wider
besseres Wissen bereits ausgesetzt habe. Hier frieren und frosten und leiden
sie nun still vor sich hin, die bunten Stempelchen wie Augen, aus denen
vorwurfsvolle Blicke blitzen: Warum hast du uns das angetan, du weißt doch
genau, dass es über die Eisheiligen für uns viel zu gefährlich draußen ist? Und
ich nicke beschämt und gelobe Besserung. Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst
dem Sommer Platz. Also gut. Dann überwintere … nein, überbrücke ich eben mit
vorfreudigen Gedanken auf meine wahren Eisheiligen. Kennt ihr noch Ed von
Schleck? Ich glaube, das gibt es nicht mehr, aber es war eine sehr coole Sache
in einer Plastikröhre, in die man unten ein Plastikröhrl stecken und dann sanft,
sehr sanft nach oben drücken musste. War man zu ungeduldig, flutschte die
gelb-weiß-gequirlte Eiscreme einfach auf den Boden und das Geschrei war groß.
Oder Bumbum, das Boris-Becker-Gedächtniseis, bei dem die Glasur irgendwie eklig
aber geil war, niemand weiß, wie das Eis eigentlich schmeckt, wohl aber, dass
der dazugehörige Kaugummi aus dem Stiel nach zwei Sekunden keinen Geschmack
mehr hatte. Pfuargs! Und das Big Sandwich mit der praktischen Waffel zum halten
und Abbeißen, von der man keinesfalls abbeißen darf, weil sonst links und
rechts und vorne und hinten und überall gleichzeitig hervorquillt und die bunte
Pückler Schnitte überall landet, bloß nicht in deinem Magen … Ich finde, das
sind echte Eisheilige. Und statt Memento Mori rufen die nur weithin hörbar
„Memento Gaudi“ – jawollja!
Freitag, 8. Mai 2026
Kurzcamping
Ein Kurzurlaub dauert typischerweise zwei bis vier Tage und
dient der „schnellen Erholung vom Alltag“. Hab ich prompt gemacht und jetzt
ganz im Matthias Claudius’schen Sinne was zu erzählen. Die Idee: Vier Tage
Camping mit Freunden in der Fränkischen, Wandern, Essen sowie die Seele im
Gleichklang mit den Beinen baumeln lassen. Der heilige Schwur, ausgesprochen am
Abreisetag um 15 Uhr: „Wir brauchen ja echt nix und nehmen nur das Nötigste
mit.“ 16.35 Uhr: Besorgte Nachbarn fragen, ob wir etwa ausziehen. Nein, tun wir
nicht, aber es ist wie verflixt: Ob vier Tage oder vier Wochen – man braucht
halt so seinen Krempel, und während für die Klamotten zwar ein Handtäschchen
reicht, tendiert die Reisegruppe Wasmeier ja zum Vorbereitet sein auf alle
Eventualitäten und schleppt darum u.a. wohlweislich eine Heizdecke mit auf den
Trip. 18 Uhr: Befahren der Autobahnauffahrt. 18.02 Uhr: Lichtsignale und
Geschrei eines anderen Fahrers und die Info, „euer Caravan hat eine Scheibe
verloren.“ Schreck, Standstreifen, Fenster-Check. Seltsam, alles da. 19.10 Uhr:
Ankunft in der Campingschlucht bei Sonnenuntergang, Kleinkinder planschen nackt
im Fluss, während ich beim Verlassen des Autos den sofortigen Kältetod erleide.
Das geht ja gut los. 19.30 Uhr: Hä, warum ist es so hell in der Nasszelle? Oh,
kein Dachfenster mehr … Zu diesem Zeitpunkt beginnt von mir unbemerkt auch
etwas, das ich „campinginduzierte Dezivilisierung“ nennen möchte. Man betritt
den Ort als reinlicher Mensch mit einem leichten Hang zum Zwanghaften, hat ein
Duschkonzept erarbeitet, ausreichend saubere Unterhosen dabei und freut sich
darüber, dass die sanitäre Anlage nur zehn Meter entfernt ist, schließlich muss
man ja beständig Hände waschen. Morgendusche an Tag 2 entfällt außerplanmäßig,
weil verschlafen. Abenddusche Tag 2 entfällt jedoch auch, weil zu müde.
Morgendusche Tag 3 entfällt, weil nachher schwitz ich eh wieder, außerdem is‘
doch nur Camping. Nachmittagdusche Tag 3: Für 50 Cent tropft vier Minuten ein
entweder zu kaltes oder zu heißes Rinnsal aus dem Duschkopf. Logo: Das machen
wir nicht mehr! Indirekt proportional zur Aufenthaltsdauer nimmt zudem das
Reinlichkeitsbedürfnis insgesamt ab. Latscht man zu Beginn noch alle halbe
Stunde zur Sanitäranlage, wischt man sich 24 Stunden später die Hände nurmehr
notdürftig an der Hose ab, um weitere 24 Stunden später überrascht
festzustellen, dass es ganz ohne Händewaschen eigentlich auch gut geht, die
zehn Meter zum Waschbecken sind endlos weit und man muss sich ja vielleicht mal
nicht so anstellen … So geht’s dahin, und nach vier Tagen fragen andere
Nachbarn daheim auf der Straße überrascht, wie lange wir wohl weg waren.
Immerhin: Die Heizdecke hat mir das Leben gerettet, die Zeit war wunderschön.
Und das ist ja wohl die Hauptsache. Jetzt geh ich aber lieber mal schnell
Händewaschen.
Freitag, 1. Mai 2026
Meteoropathie
Fremdwörter machen das Leben nicht leichter, aber schöner.
Zumindest für diejenigen, die sie benutzen (können) und darob im besten Falle
auch verstehen. Für die anderen Sprecher nicht so sehr, deswegen muss man immer
ein bisschen aufpassen beim Verwenden der schönen Vokabeln, dass man damit
seinem Gegenüber nicht ganz gewaltig auf den Schlips tritt. Oder aber man
möchte dem Gegenüber sehr gerne ganz gewaltig auf den Schlips treten und
verwendet extra viele schöne Wörter, um den anderen möglichst doof dastehen zu
lassen. Was ich natürlich nie machen würde. Dennoch habe ich hier just ein paar
neue Kandidaten, die wirklich hervorragend geeignet sind, um sich möglichst,
Achtung, distinguiert hervorzutun, sprich: als prahlerisches Arschloch zu
erkennen zu geben. Besonders wichtig bei der Benutzung von Fremdwörtern ist,
dass es eine astreine Alternative auf Deutsch gäbe, aber man lieber dennoch
zum, Achtung, elaborierten Worte greift. Ich habe überlegt, euch öfter mal eine
kleine Handreichung anzufertigen, damit auch ihr als feine Prahlköpfe durch die
Welt, Achtung, kontemplieren könnt. Als da wäre: ephemer (flüchtig, nur
kurze Zeit bestehend: Meine Liebe zu dir war ephemer.), konzis (kurz
gefasst, prägnant: Wasi, sei doch in der Kolumne mal konzis!), perzipieren
(wahrnehmen, bemerken: Perzipierst du auch diesen Lebkuchen-Gestank in der
Nordstadt?), ambig (zweideutig: Also für mich klang die
Zahlungsaufforderung vom Finanzamt recht ambig.) und Aporie
(Ausweglosigkeit, unlösbarer Widerspruch: Mir scheint, als handle es sich bei
der genannten Deadline um eine Aporie!). Nach dieser kleinen Aufwärmübung
können wir jetzt zum eigentlichen Problem des Tages kommen, das da wäre: Ich
habe ein schweres Leiden entwickelt in den vergangenen Jahren. Das Leiden geht
einher mit bleierner Müdigkeit, Schädelweh, unbezwingbarer Schwäche und maximal
gesteigertem Schlafbedürfnis, sprich es macht mich quasi lebensunfähig und das
gerne an Tagen, an denen von der Menschheit eine große Lebensfähigkeit
vorausgesetzt wird. Klingelt bei mir dann das Telefon, hebe ich mit größter
Mühe den Hörer ab (also ich drück halt den grünen Knopf) und hauche in diesen
mit durchsichtiger Stimme „Ich kann nicht, ich habe schlimme Metereopathie!“
völlig unabhängig davon, was der Anrufende von mir gewollt haben könnte.
Gelegentlich kommt es auch vor, dass ich brutal miese Laune habe und
freundlichen Worten oder Gesten blumenstraußzerreißend ein „WAS SOLL MIR DAS
JETZT HELFEN MIT MEINER SCHLIMMEN, SCHLIMMEN METEREOPATHIE?!“ die Tür weise.
Schlimme Krankheit, kann man nichts machen. Ganz besonders nicht gestehen, dass
es sich bei der spezialschlimmen Krankheit um eine simple Wetterfühligkeit
handelt, bei der es helfen könnte, sich einfach mal ein bisschen
zusammenzureißen … Sehr distinguiert, n’est-ce pas?
Freitag, 24. April 2026
Italienisch
So langsam bewegt sich das Leben wieder Richtung nach
draußen, und auch wir Balkonier machen es uns gemütlich. Theoretisch zumindest,
weil um ehrlich zu sein sieht es auf meinem Balkon noch genau so aus wie die
letzten Monate: ziemlich trist. Aus den Blumenkästen hängen schwach im Wind
wehende Pflanzengerippe, der Boden kann sich nicht entscheiden, ob er grau oder
gelb eingestaubt sein möchte, und alles in allem ist es noch recht fern da
draußen von meinem Idealbild mit Blühpflanzen, Hängekräutern und Lichterketten.
Für eine Sache taugt’s aber allemal, und das ist mir zugleich angenehmst wie
peinlich. Weil: die Nachbarn. Die Nachbarn, so sie sich ebenfalls auf ihren
Balkonen befinden, können nämlich seit einiger Zeit Wundersames belauschen.
„Vorrei un cornetto e un tè, per favore.“ Oder „Il mio vestito non è brutto.“
Oder „Anna e Lin sono di Sydney. Loro insegnant inglese qui.“ Gehaltvolle Sätze
wie diese kommen wahlweise aus meinem Telefon oder aus mir selbst. Denn ich
habe eine neue Stufe auf dem Weg zur Klischee-Mittvierzigerin erklommen: Ich
lerne Italienisch. Wer ist schuld? Ich weiß es nicht, sicherlich aber nicht
meine akademische Sehnsucht nach Toskana und Rotweindegustation oder dem
typischen Wunsch nach dem Lebensabend in der Finca, auch hege ich keine
sonderlich große Leidenschaft für italienische Popmusik oder Filmkultur.
Höchstens hege ich eine große Leidenschaft für italienisches Essen (il cibo),
und allein dafür muss man gelegentlich mal über den großen Berg reisen
(viaggiare). Indeed tu ich das schon mein Leben lang und habe als Kind mittels
eines Bilderbuchs Basiswörter gelernt und Zählen als Sportart betrieben. Für
mehr hat’s mich nie interessiert, meine letzte Sprachlernerfahrung datiert auf
die 10. Klasse, wo irgendein Wahnsinniger beschlossen hatte, das wäre die exakt
perfekte Zeit für eine vierte Fremdsprache (Nicht. Ist es: nicht!) bzw. ein
jedes Treffen mit dem Vatertier, das nicht müde wird, trotz minimaler Erfolge
(minus null!) seit circa 40 Jahren maximalen Aufwand zum Erlernen des
Italienischen zu betreiben. Dann kam im Winter (inverno) eine Freundin und mit
ihr eine App mit einer grünen Eule, der ich sofort verfiel. Seit nunmehr 65
Tagen lerne ich also täglich, mal mehr, mal weniger intensiv, aber mit großer
Begeisterung, weil ich das Prinzip „Gamification“ verstanden und lieben gelernt
habe. Oder es mich. Lustig: Der Mann macht das auch, aber mit einer anderen
App, weswegen zeitweise verschiedenste Stimmen verschiedenste Worte und Sätze
durch die Wohnung oder aus dieser hinaus bläken. Selbstverständlich muss das
neue Wissen bald erprobt werden. Schön Klischee. Am besten hier im Ristorante.
Ich freu mich schon auf die schiefen Blicke. Und dann such ich mir das nächste
Hobby. Seidenmalerei vielleicht?
Freitag, 17. April 2026
Urängste
Am Wochenende wäre beinahe ein mittelgroßes Malheur
passiert. Im Rahmen meiner unilateralen Gesprächstherapie hier möchte ich
sogleich meine Erfahrungen teilen, denn das war so: Ein Auto will gewaschen,
geputzt und gepflegt werden – vor allem im Autoliebedeutschland eine
Beschäftigung, der man gerne am Wochenende nachgeht, um das gute Stück
regelmäßig auf Hochglanz zu bringen. Ich bin darin nicht gut, um nicht zu
sagen: schlecht, aber so alle Jubeljahre komm ich schon auch mal auf die Idee,
nachzuschauen, welche Farbe sich eigentlich unter dem Gatsch aus
festzementiertem Streusalz und eingebackenem Blütenstaub verbirgt. Also
Waschanlage, und weil Leute immer nicht verstehen, warum ich kein Fan von
Achterbahnen & Co. bin: Ich hol mir meinen Thrill in
Alltagsbeschäftigungen, beispielsweise einmal jährlich in ebenjener Autodusche.
Dieser Vorgang war mir noch nie geheuer. Schwieriges Rangieren zwischen
komischen Geleisen, man muss 17-mal prüfen, ob auch wirklich alle Fenster und
Dächer geschlossen sind, werden die Scheiben dem Bürstendruck standhalten, wann
ist der richtige Zeitpunkt, wieder loszufahren und früher hat man dann am
krisseligen Radioton gemerkt, dass die Antenne wohl doch nicht abgeschraubt war.
Eine veritable Urangst also. Davon hab ich mehrere, und ich weiß immer nicht,
ob das noch normal ist oder schon pathologisch, und ich werde es vermutlich
auch nicht herausfinden, weil heutzutage ja alles pathologisch ist und jede
Charaktereigenschaft im Therapeuten-Sprech mal schnell beim Abendessen oder in
der Norma-Schlange durchdiagnostiziert wird. Weitere Urängste von mir: die
Verdurstungsangst (immer Wasser dabeihaben, man weiß nie, was passiert. Ja,
auch in der Innenstadt nicht.); die Erfrierungsangst (ein Temperatursturz nach
Regen, Sonnenuntergang oder einfach spontan ist selbstverständlich immer
möglich, und grade im schönsten aller Nürnis ein Durchfahren verschiedener
Klimazonen innerhalb einer Stunde absolut machbar); die
In-der-Rutsche-Steckenbleib-Angst (als wäre ich in den letzten 30 Jahren
gerutscht … ); die Sonnenstuhl-Zusammenbrech-Angst (besonders heikel kommen mir
da diese fiesen, wackligen Liegen daher, bei denen ich nie weiß, wie sie
richtig aufgestellt gehören, und dann will man sich im Biergarten
hineinbequemen und ZACK! großes Gelächter … Wird aber aktuell abgelöst von der
Aus-dem-Sonnenstuhl-nicht-mehr-hochkomm-Angst.); die unbemerkter-Pickel-im-Gesicht-Angst
(…); die Mundfäule-Angst (schröckliche Vorstellung!) … Oh, es werden dann doch
mehr Urängste, als ich anfangs gedacht hatte. Naja jedenfalls: Ich rein in die
Riesendusche, wollte den Schlüssel abziehen und dann gemütlich draußen in der
Sonne stehen und warten, bis das Programm durchgelaufen ist. Hab ich also die
Tür schonmal geöffnet und dann sind sehr viele Sachen gleichzeitig passiert: 1.
Der Autoschlüssel ließ sich nicht abziehen. 2. Die Autotür war offen. 3. Die
Waschanlage begann ihr Werk, allerlei Lichter blinkten und erste Wassertropfen
sprenkelten die Frontscheibe … Vor lauter Schreck weiß ich nicht mehr ganz
genau, was dann passiert ist, aber ich scheine nach einigem hilflosen
Schlüssel-Gerüttel auf die Idee gekommen zu sein, geistesgegenwärtig die Tür
wieder zu schließen. Das war knapp. Und muss jetzt erstmal wieder reichen für
ein Jahr. Meine Angst? Vollkommen berechtigt!
Samstag, 11. April 2026
Hermeneutischer Zirkel
Ich fülle diese Zeilen seit fast genau 15 Jahren, hab grade
nochmal nachgeschaut. 2011 hat der liebe Kollege Erik S. mir den Staffelstift
mit den Worten „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ übergeben, und wenn ich mich
nicht verrechnet habe, war er damals wesentlich jünger als ich es jetzt bin. In
15 Jahren ändert sich vieles, vieles aber auch nicht, und da ist es wohl kaum
verwunderlich, dass das ein oder andere Thema hier schon mehrfach beackert
worden ist. „Ich bitte um Milde“, um sogleich eins meiner größten Vorbilder zu
zitieren, den ehrenwerten Herrn Klaus Schamberger, der mir einst am Telefon
verriet, er schriebe seit 1969 Kolumnen und zu Hochzeiten sogar vier
verschiedene pro Woche – eine Leistung, die mich blass werden lässt. „Milde“
ist mein Stichwort, denn mir scheint, auch ich werde von Jahr zu Jahr milder
und bin im Vergleich zu den Anfangszeiten schon so milde, dass ich glatt als
Babynahrung durchgehen könnte. Man schreibt so vor sich hin, durchschifft den
Kalender, die Ereignisse, die Jahreszeiten, und während sich an Grundsätzlichem
oft nicht viel ändert, tut es das Detail sehr wohl. Zum einen. Zum anderen ganz
offenkundig meine Haltung. Auf Gscheidhaflerisch heißt das „Hermeneutischer
Zirkel“, so ein akademisches Dings, bei dem es eigentlich darum geht, dass der
Rezipient, also Leser, ein und den selben Text immer anders lesen,
interpretieren und einordnen kann, weil die eigene Erfahrungs- und
Verständniswelt sich in der Zwischenzeit immer ein bisschen ändert (also so
ähnlich halt, sorry Germanisten, ist schon bisschen her). Ob das jetzt
andersherum auch funktioniert, also so, dass die Schreibende ebenfalls immer
eine andere Sicht- und Verständnisweise auf ein bestimmtes Thema hat im Laufe
ihres Alterns, hatten wir damals glaube ich nicht durchgenommen, ich finde
aber, man kann den Spieß durchaus so herumdrehen. So geschieht es mir zumindest
grad im Anblick einer bestimmten Pflanze, die ihr alle grade draußen im
schönsten Frühlingssonnengelb vor sich hin leuchten sehen könnt und der ich
unlängst einen schmachtenden Blick zuwarf. „Schon schön, wie die so leuchten“,
hab ich gesagt und bin sofort angeschrien worden. „WIE BITTE? DU? Du hast die
doch jahrelang als verachtenswürdige Streberpflanze verteufelt!“ Nun, das ist
richtig. Die Forsüzie und ich, wir standen sehr lange Zeit auf Kriegsfuß.
Dieses Vordränglerische, Grellnervige, das war mir früher nix. Heute bin ich
scheinbar altersmilde und mit dem strahlenden Strauch versöhnt. Wie schön, dass
es diese Pflanze gibt, die selbst dem hartnäckigsten Winterstarrsinn tapfer die
Stirn bietet, ihre blütenkleinen Fäustchen ballt und laut hervorschreit „Du
kannst machen, was du willst, aber am Ende wird der Frühling, werden das Gute
und Schöne gewinnen!“ Soweit, dass ich ihr ihren echten Namen gewähren möchte,
bin ich zwar noch nicht. Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr
Forsüzie sein. Und milde. Oder?
Samstag, 4. April 2026
Hitparade
Das Internet ist wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen.
Zum Beispiel, wenn man eine Erinnerung verifizieren möchte an Erlebnisse, die
sich so ungefähr vor 25, 30 Jahren (huch!) abgespielt haben müssten und darum
möglicherweise etwas vage sind. Dann muss es eben ohne gehen, aber sagt nicht,
ich würde lügen! Also: In diesem genannten Früher gab es über Ostern eine sehr
wichtige Sache und intensive Beschäftigungsmöglichkeit. Nämlich spielte ein
Radiosender über alle Feiertage hinweg die Top 500-Lieblingshits der
Hörerschaft. Das ist ja erstmal nichts Besonderes, weil das machen die ja im
Prinzip dauernd. Aber in dem Fall kam ein ganz besonderer Service mit daher,
nämlich: eine feinsäuberliche aufgelistete Liste aller geplanten Hits, die auf
einer Doppelseite in der Zeitung vorab präsentiert wurde. Immer noch nicht so
besonders? Dann habt ihr wirklich keine Ahnung, sprich: seid entweder viel zu
alt oder viel zu jung. Weil für mich und meinesgleichen hatte dieses Wochenende
eine unfassbar große Bedeutung – was dem Anlass entsprechend nur angemessen
war. Ostern! Das höchste Fest der Christenheit, das aber zu meinem
Unverständnis nicht mit einer vierwöchigen aufgeregten Vorbereitungszeit
einhergeht wie im Dezember. Zu dem auch keine überdimensionalen Palmwedel vor
dem Hauptbahnhof geschmückt werden, sich keine Horden zum allabendlichen
Eierlikörchen auf dem Hauptmarkt treffen, relativ wenig geweint wird wegen
unerfüllter Geschenkewünsche und meines Wissens nach vergleichsweise selten
Kinderchöre überall erscheinen und Osterlieder trällern. Ich meine: Okay, wir
feiern im Dezember eine Niederkunft, das sollte ja immer ein Anlass für
Festivitäten sein. Aber an Ostern passiert doch die große Magie, der echte
Shizzle, das könnte man doch ruhig ein bisschen mehr würdigen? So tat das also
in unserem Sinne dieser Radiosender und bescherte uns armen Millenials, die wir
ja nichts hatten – kein Smartphone, kein Internet, kein Netflix, es war so
schrecklich! – ausgesprochen aufregende Tage mit einer Art frühzeitlichem
Spotify, was auch nur minimal aufwendiger war als heutzutage. Anhand besagter
Liste wusste ich auf die Sekunde exakt, um wie viel Uhr welcher lebenswichtige
Song gespielt wurde, und damit DIE Chance, ihn endlich in voller Länge und ohne
lästiges Geschwafel vorne und Werbejingle hinten auf Kassette (sowas wie ein
USB-Stick) zu fixieren. Ich saß also drei Tage vor dem HiFi-Turm in meinem
Kinderzimmer, die Zeitung um mich gehüllt wie eine Toga. Nagelneu gekaufte
Kassetten häuften sich um mich herum, und ich war absolut bereit. Bereit, den
„record“-Knopf zu drücken, wenn eines meiner Lieblinge in die Pipeline des
Äthers gelangte, den wichtigen Fang sogleich sorgsam auf dem Coverzettel zu
notieren und somit musikalisches Überleben für das kommende Jahr zu sichern.
Leider gibt es das heute nicht mehr. Ich habe also viel Zeit für Eiersuche und
Geschenke. Versteckt ihr mir was? Das wäre dem Anlass doch angemessen. Frohe
Ostern!
Freitag, 27. März 2026
Fit wie ein Schlappen
Soeben hat mich eine Nachricht erreicht. Je nachdem, wie alt
ihr seid, könnt ihr statt „Nachricht“ auch sagen: DM, PM, ne App, eine SMS oder
ein Fax, ganz wie es euch beliebt. Die Nachricht jedenfalls frug: „Na, dann
bist du ja fit wie ein Turnschuh?“, nachdem ich zuvor über eine ordentliche
Portion Schlaf berichtet hatte. Ich ließ meinen Blick schweifen. Erst sinnend,
dann skeptisch. Nämlich als jener Blick auf die (An-)Sammlung zahlreicher
Exemplare besagten Schuhwerks fiel. Und abgesehen von den zwei bis sieben
Paaren, die geschont werden für besondere Anlässe sowie den weiteren drei bis
fünf, die das Tageslicht noch nicht mal gesehen haben sondern in ihren
Verkaufsschachteln auf ihren Einsatz warten (jajaja, ich weiß … ), muss ich gestehen:
So besonders fit sehen die eigentlich allesamt nicht aus. Eher größtenteils so,
dass man sie direkt in eine warme Decke wickeln, ihnen einen frischen Keks und
ein Glas Milch in die Hand drücken möchte und sie in ihrem Rollstuhl an ein
sonniges Plätzchen schieben, wo sie dann ein bisschen gemütlich vor sich
hingucken können, während ich drinnen umräume und den Turnschuhseniorinnen und
-senioren das Ausgedinge hübsch und Platz für die Nachkommen mache. Jetzt
möchte ich gar nicht ausschließen, dass „fit“ und „Seniorentum“ sich
ausschließen – wirklich nicht, bei mir im Sport sind zahlreiche ausgesprochen
rüstige Damen, die so manch einen ambitionierten Knaben im Gym ohne Mühe
wegschnupfen würden. Aber ob „fit“ und „Turnschuh“ zwingend eine Verbindung
eingehen müssen, halte ich schon eher für Unsinn. Woher der Ausdruck kommt,
kann selbst das allwissende Internet nur unzureichend erklären, aber es ist
vermutlich nur ein Zufall, dass man nicht von „fit wie eine Radlerhose“
spricht, von „fit wie ein Tutu“ oder „fit wie ein Dan“. Ob ich überhaupt fit
sein will wie ein Turnschuh weiß ich eh nicht so recht, weil beim Wort erleide
ich sofort unfreiwillige olfaktorische Assoziationen, außerdem hat die Zeit
gezeigt, dass man nun wirklich nicht mehr sportlich sein muss, um in der
Öffentlichkeit Turnschuhe zu tragen, oft sogar ganz im Gegenteil. Was soll das
also? Wenn ich mir was aussuchen dürfte, dann wäre ich lieber gerne ein
Schlappen. Ich meine, das Wort ist perfekt: SCHLAPPen, da steckt alles drin,
was man über einen Menschen wissen muss. Außerdem kann nicht nur jeder Mensch
Schlappen ganz vorzüglich tragen, sondern ungefähr jeder LIEBT sie auch noch –
steht denn irgendwas auf dieser Welt besser stellvertretend für Gemütlichkeit,
Behaglichkeit, Berghütte und Erholung? Ja gut, „Puschen“ womöglich, aber da
steckt mir schon wieder zu viel Stress drin: Push push push! Mit dem Schlappen
kann ich mich also gut identifizieren, da hängt direkt eine Decke dran, ein
Kanapee, Tee und alles, was man für spontane Kälteeinbrüche braucht.
Turnschuhe? Später dann wieder.
Freitag, 20. März 2026
Seltsame Teile
Die sogenannten „Exit“-Games, die sich seit circa fünf Jahren größter Beliebtheit erfreuen, muss man wahrscheinlich keinem mehr erklä… Oh, muss man doch? Na gut: Es gibt eine rudimentäre Rahmengeschichte (Weltall, Hexenhaus, Schlossverließ), die stets besagt, dass man irgendeine Art von Problem hat (Räuber, Explosionsgefahr, Einkauf vergessen). Mithilfe von Schläue und Kombinationsgabe muss man sich dann aus der Situation hinausrätseln. Es gibt aber immer wieder Hinweise und Hilfsmittel, die das erleichtern, und darunter sind stets sogenannte „seltsame Teile“. Die sind meistens wirklich sehr seltsam, und es erschließt sich für gewöhnlich erst im Spielverlauf, worum es sich bei dem Gegenstand (Plastikedelstein, Schaschlikspieß, Spinnenfigur) handelt. Ich fühle mich diesen seltsamen Teilen irgendwie freundschaftlich verbunden. Vielleicht, weil ich mich auch oft wie so eine Seltsamkeit fühle. Vor allem aber, weil seltsame Teile jeglicher Art überall in der Gegend herumliegen und mich zuweilen aufs Äußerste beschäftigen. Zum Beispiel einzelne Schuhe am Straßenrand. Hosen in Hecken. Oder eine lilafarbene Stola (diese Art Jesus-Fan-Schal, den vor allem katholische Geistliche über dem Talar tragen), die mir einst traurig vom Boden entgegenblickte. Ich blieb damals vor der Stola stehen, betrachtete lange den irgendwie rührenden Stoffknödel auf dem Boden und fragte mich: Was mag hier wohl passiert sein? Was ist die Geschichte dahinter? Wenn man mit ein bisschen geöffneten Augen durch die Gegend läuft, findet man viele solcher seltsamen Teile, und manchmal mach ich mir den Spaß und strick selbst die Geschichte dazu. Schuh verloren auf der Flucht vor dem Finanzamt? Hose vergessen nach einem ausgiebigen Bad im Brunnen? Stola vom Leib gezerrt, weil der Geistliche seine große Liebe vor der Norma getroffen und darob beschlossen hat, sein Leben zu ändern? Man wird es nicht erfahren, und umso neugieriger macht mich das. Es gibt noch andere seltsame Teile, die sich nicht im öffentlichen Raum, sondern insbesondere in meiner Küche befinden, und vielleicht sollte ich die alle mal einpacken und zu dieser Fernsehshow gehen, wo die Kandidaten den Zweck unbekannter Gegenstände erraten müssen. Lange gerätselt haben wir über eine Sache, die gemeinsam mit einer Knoblauchpresse den Haushalt bezog: ein wirklich seltsames grünes, röhrenartiges Gummiteil, das erstmal sehr lange mit anderen seltsamen Teilen, deren Verwendungszweck sich auf den ersten Blick so gar nicht erschließt (beispielsweise ein Burger-Patty-Former), in einer Schublade vergammelte, bis der Zufall uns erklärte, dass es sich hierbei um ein Ding zum Knoblauchschälen handelt. Ein anderes Teil ist mir grade wieder ins Auge gestochen: eine Art Kunststofftablett, über das eine dünne, extrem dehnbare Folie in einem Aufklapprahmen befestigt ist. Ich habe bis heute nicht begriffen, was das ist und woher es kommt. Wegwerfen kann ich es aber auch nicht. Lieber steh ich jeden Tag davor und rätsele über seine Bestimmung. Ideen, Geschichten und Exit-Strategien am Start? Dann immer her damit!
Freitag, 13. März 2026
Wollsplitt
Ich habe nach der vorletzten Kolumne eine Rüge von meinem Aufsichtsratsvorsitzenden bekommen. Der Rat besteht aus einer einzigen Person, die mit gerechter Strenge über mich wacht und meine Tage mit wohlwollenden Bemerkungen als Stimme aus dem Off (manchmal auch aus dem On) begleitet: Hast du heute überhaupt genug Wasser getrunken? Wann kümmerst du dich eigentlich um die Zuzahlungsbefreiung? Gibt es schon einen Termin in der Autowerkstatt? Das mag jetzt erstmal seltsam klingen, aber immerhin handelt es sich bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden (ARV) um eine sehr reelle Person und nicht um eine Siri oder gar einen selbstgebauten Avatar, den mit diesen könnte ich nicht so herrlich diskutieren und mich mit geschickter Rhetorik aus der Affaire mogeln. Außerdem ist mir schon die Bezeichnung sympathisch, enthält sie doch quasi ausschließlich Silben, die jede für sich etwas Nettes bedeuten: Auf-sichts-rats-vor-sit-zen-der. Naja, immerhin kommt „Zen“ darin vor, und davon brauch ich viel im Umgang mit ihm. „Du hast“, zürnte der Hauswirtschaftsweise also, „in der letzten Kolumne gelogen!“ – „Ich?! Nein, niemals! Ich schwöre die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“ und dabei eventuell heimlich hinter dem Rücken die Finger gekreuzt. Aber ähm ein trockener Schokoladenkuchen bleibt schließlich ein trockener Schokoladenkuchen, auch wenn man ihn mit Tonnen von Fondant, Buttercreme und Marzipan dekoriert! „Du hast aber geschrieben, dass unsere ganze Wohnung komplett mit Rollsplitt bedeckt ist, und das stimmt doch überhaupt nicht!“, schimpfte der ARV weiter. „Aber es stimmt doch sehr wohl, dass überall diese schwarzen Klumperl herumfliegen. Schau halt!“ versuchte ich mich weinerlich zu wehren und gestikulierte dabei wahllos in Richtung verschiedenster Raumecken. „Nein, das stimmt nicht. Mindestens die Hälfte davon ist gar kein Rollsplitt. Höchstens vielleicht: WOLLsplitt!“ Da war ich baff. Und sogleich überzeugt, denn er hat recht. Während der Rollsplitt seinen natürlichen Lebensraum vorzugsweise im Flur, angrenzenden Flächen und Ecken pflegt, sind die Wollsplittknödel absolut und überall dort, wo sich ein Mensch nur aufhalten kann, sei es gehend, stehend, sitzend oder liegend. Schuld daran mag ein wohnungsintern intensiv kultivierter Hang zur Wollsocke sein, die traditionell über käseweiße Mauken gestülpt werden, sobald das Haus betreten und das Tagwerk vollbracht ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gehaust wird, da fallen Wollknötchen. Ein Glück, dass das alles bald vorbei ist und wir mit blanken Füßen den Straßendreck wieder direkt in unsere Schlappen schaufeln können. Wie sich das anfühlt, probieren der ARV und ich grade übrigens schon für euch aus: Sehr sandig hier, aber gar nicht mal so übel. Viele Grüße aus dem Urlaub!
Freitag, 6. März 2026
Bärtierchen
„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost
wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein
bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie
tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und
ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder
minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange
anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein
drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß
werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine
gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die
Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den
seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte
sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit
seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der
Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann
das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000
Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung
beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen
Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall
haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen
Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich
würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich
die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen
Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt
drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin
nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren,
mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase
gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich
zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre
ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend
fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das
liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern,
der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat.
Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein
rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt
grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in
Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig
werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die
Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe
weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.
Freitag, 27. Februar 2026
Hufgescharre
Hallo hallo Test … Eins zwo, eins zwo … HALLO? Könnt ihr
mich hören und verstehen? Ich bin mir nicht sicher, weil es ist so irrsinnig
LAUT um mich herum seit ein paar Tagen, dass ich sozusagen mein eigenes Wort
nicht verstehe. Dabei soll es doch jetzt eigentlich leise und ruhig zugehen
wegen der inneren Einkehr und der Fastenzeit, aber nein! Stattdessen scharren
alle derart mit den Hufen, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis die Erde
bebt. Aber das wäre eigentlich ganz gut, wenn die Erde sich einmal so richtig
schütteln würde wie das Bäumchen vom Aschenputtel, nur dass dann kein Gold und
Silber über uns geworfen wird sondern ein Haufen Dreck. Insbesondere mehrere
Tonnen Rollsplit würde uns dann hübsch um die Ohren fliegen und den letzten
Zentimeter Fläche, den er in den vergangenen Wochen noch nicht vereinnahmt hat,
auch noch besetzen. Kürzlich fand ich so ein kleines Steinderl sogar im Bett, erlaube
mal! Von den zahllosen, die ich tagtäglich aus meinen Schuhen schüttele, ganz
zu schweigen, und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein kleines
Stück Geröll als Pfefferkorn tarnt und ich mir krachend einen Zahn ausbeiße. Aber
das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst
Rosmarie! Uns kann überhaupt gar nichts erschüttern grade, weil der Grund, aus
dem wir so nachdrücklich mit den Hufen scharren, erfüllt uns mit einer derart
mordsmäßig guten Laune, dass selbst der verdrießlichste Zwiderwurz unter dem
Gewicht der allgegenwärtigen Freude einbrechen und aus Versehen einmal die
Mundwinkel hochziehen muss. Denn es lüpft sich der
nasskaltgraunebligsprühregnerische Schleier für ein, zwei Täglein, und darunter
zum Vorschein kommt: eine Welt, der zu begegnen plötzlich nicht nur möglich,
sondern sogar zwingend unabdingbar erscheint! ZZZZZISCHHHH … Habt ihr das
gesehen? Das war ich, wie ich auf dem Rollsplit in den Park surfe, um mich dort
gemeinsam mit den Heerscharen der Sonnenanbeter und Frühlingsvergötterer vor
jedem noch so kleinen zarten Grün auf den Boden zu werfen und ihm meine tiefe
Verehrung zu erweisen. Ich werde im Kreis tanzen in flatternden Gewändern, mir Kränze
aus moderndem Laub und Raketenstecken winden, eigenhändig ein jedes
früherwachte Insekt über die Straße tragen, das Eisengitter vor der
Eisdielentüre aufstemmen, auf Feenflügeln von Grill zu Grill flattern und diese
einzig kraft meiner Gute-Laune-Funken entzünden. Ich werde Schneestiefel und
Funktionsunterwäsche vom Balkon werfen und die Heizdecke gleich dazu, 17
leichte Spaßgetränke gleichzeitig degustieren, alle Igel aus dem Winterschlaf
küssen, mir die Sonnenbrille auf die Nase kleben und fünf Openairkonzerte
nacheinander besuchen. Ich werde … am Montag todsterbenserkältet sein, reuig
meine warme Ware vorm Balkon wieder einsammeln und dabei jedem einzelnen
Rollsplitkörndl den Mittelfinger zeigen. Aber es wird sich gelohnt haben.
Winterschluss, ick hör dir trapsen. Da ändert auch das Hufgetöse nichts daran.
Freitag, 20. Februar 2026
Braunpflanze
Ich wollte gerade kalten, alten Tee in einen großen
Pflanztopf schütten. In diesem Pflanztopf befindet sich seit einer äußerst
kräftezehrenden Umbaumaßnahme, der ich vor einigen Wochen mein Arbeitszimmer
unterzogen habe, um das dort herrschende Chaos (Genie und so) wenigstens einer
äußeren, scheinbaren Ordnung zu unterwerfen, eine sehr große schöne Pflanze.
Die, so hoffe ich, filtert die ganze böse Luft, die ich beim Hirnen und Werken
und Wirken produziere, und macht aus ihr frischen, gesunden und kopflüftenden
Sauerstoff (Muss man dann eigentlich noch lüften? Frage für einen Freund.),
sondern erfreut auch mein müdes Auge mit ihrem erquicklichen Anblick: Kurz aufs
saftig-grüne Blatt gelinst, und schon purzeln die Ideen nur so aus meinem Kopf
hervor. Genau diesen Quell der Inspiration sehe ich seit einigen Tagen bedroht,
denn es betrüben die Freshness ein, zwei braune Blattstellen … Zimmerpflanzen
und ich, das ist so eine Sache. Was gut geht, sind getrocknete Blumen, mit
denen komme ich zurecht, wir führen oft jahrelange Freundschaften. Was mir auch
sehr gut gelingt, ist die „Pflege“ einer Orchidee, die ich vielleicht einmal
fürs Guinness Buch der Rekorde als widerstandsfähigste jemals gelebte Pflanze
der Welt vorschlagen möchte: Vor über 20 Jahren als Einzugsgeschenk in die
erste eigene Wohnung erhalten, steht diese Orchidee als lebendes Wunder und
Beweis für die Existenz von Pflanzen, die um so besser gedeihen, je mehr man
sie einfach vergisst, und presst unter größten Geburtswehen Jahr für Jahr ihre
Blüten in die Welt hinein. Weil ich sie freilich niemals umgetopft habe,
befinden sich in ihrem Heim Wurzeln statt Nährboden. Zudem dient die Pflanze
als Langzeitexperiment. Zwischenergebnis: Nach 20 Jahren beginnt ein
Plastiktopf langsam zu zerbröseln … Ab hier wird die Luft dünn, und vor jedem
Kauf einer neuen Grünpflanze gehe ich mit mir hart ins Gericht, ob ich dem
armen Lebewesen diese kurze Existenz wirklich antun möchte. Jetzt also braune
Flecken. Ich rief sogleich meine Vertraute in allen Pflanzenfragen an: Jemand,
der euch vielleicht noch als „Pubertier“ ein Begriff ist, der bzw. die aber
unversehens zu einer stattlichen jungen Dame mit zwei prächtigen grünen Daumen
herangereift ist. Nach 17 Sprachnachrichten á fünf bis 26 Minuten rief ich
„STOP!“ ins Telefon hinein und „Ich wollte eine PFLANZE und kein HAUSTIER!“,
denn so fühlten sich die Anweisungen ziemlich genau an, die sich irgendwo
zwischen „Blätterstreicheln“ und „Pflanzendusche“ bewegten. Vielleicht sollte
ich ein neues Experiment starten und die „Braunpflanze“ etablieren. Mit dem
alten Tee, dachte ich, wäre damit wohl ein guter Anfang gemacht. Ich hab’s dann
lieber gelassen. Wenn ich nicht faste, muss es die Pflanze ja auch nicht
unbedingt tun. Vielleicht dankt sie’s mir – ich werde berichten.
Freitag, 13. Februar 2026
Kostüme
Helau! Alaf! Aha! Tadaa, tadaaa, tadaaaaaa! Liebe
Mitleidende, wer dieses kleine, unkaputtbare Textlein namens „Runter vom Sofa“
seit Anbeginn der Zeit (immerhin schon gut 15 Jahre!) nicht zwingend
wohlwollend, aber doch halbwegs aufmerksam verfolgt, der hat vermutlich schon notiert,
dass es sich bei Ihrer Lieblingsautorin um einen veritablen Faschings-Grinch
handelt. Jambo Jambo, Rosenmontag, Nubbelverbrennung – kann mir alles hübsch
gestohlen bleiben. Jedoch trotz intensiver Ursprungsforschung kann ich mir das
selbst nicht so recht erklären, schließlich hab ich doch von Geburt an die
gleiche Faschingsluft geatmet wie der Rest der Stadt, die sich alljährlich aus
heiterem Himmel zur Faschingshochburg erklärt. Was sich primär durch bereits
erwähnte Bäckerei-Auslagen hervortut wie den Umstand, dass am Faschingsdienstag
die Straßen auch nicht anders aussehen als sonst um diese Jahreszeit, in
verborgenen Kellern und hinter verschlossenen Türen, von denen nur
Hardcore-Eingeweihte wissen (z. B. Kindergärten), jedoch alljährlich ein buntes
Treiben passiert. Eine kleine Idee zur Erklärung kam mir unlängst beim Durchblättern
eines digitalen Fotoalbums, in dem sich auch allerlei Beweisfotos meines
frühkindlichen karnevalistischen Dilettantismus‘ fanden: Als Cowboy (mit
fragwürdigem Pullover in pink-gelb-gestreift), Katze (mit dank kaputter
Sicherheitsnadel beständig abfallendem Schwanz), Geisha (jaa ich weiß, aber der
Kimono war wirklich toll) oder Obelix (ein wie „wir“ = die
Erziehungsberechtigten fanden einer Fünftklässlerin absolut angemessenes
Kostüm. Bei der selben Veranstaltung erschienen zwei Klassenkameradinnen als
etwas, das sie mit dem mir bis dato unbekannten Begriff „Nutten“ erklärten und
damit die Stars des Nachmittags waren). Außerdem ein gruseliger Clown mit
(Vaters Schuhen und) einem dicken Bauch (Gästin: „Oh, da ist ja gar kein Kissen
drin!“). Und dann fällt mir lange, lange nichts ein, was mit Kostümierung zu
tun hat, bis zu dem denkwürdigen Tag nach locker 20 Jahren Faschingsabstinenz,
an dem ich zwangsverkleidet zur Biene Maja abkommandiert wurde (die Fotos gibt
es überraschenderweise immer noch in einschlägigen Online-Portalen). Ich bin
der Mensch, wegen dem es diese eine Verkleidungskiste an der Tür gibt, um alle
sich der Motto-Party widersetzenden Gäste hilfsbereit vor Einlass noch
geschwind in irgendeinen müffelnden Fummel zu stopfen. Seit drei Jahren ist das
alles anders. Nämlich, seitdem ich mich in ein aufblasbares Dino-Kostüm
verliebt habe. Mit diesem reite ich als T-Rex-Dompteur durch die Massen des
Gaudiwurms und sammle die mir zufliegenden Herzen ein wie der Pöbel außenrum
Kamelle, werde um Fotos gebeten und bringt Kleinstkinder zum Weinen. Das macht
großen Spaß! In diesem Sinne: Kann sein, wir sehen uns … Nürnberg, roaarr!
Freitag, 6. Februar 2026
Ewiger Januar
Herzlich willkommen in der schönsten Zeit des Jahres: Keine lästigen Fragen nach der abendlichen Freizeitgestaltung mehr, sondern einfach pünktlich um 20.15 Uhr auf dem Kanapee drapieren, Glotze an und zwischen 2,5 Stunden Werbung 30 Minuten lang sogenannten „Promis“ dabei zusehen, wie recht und schlecht sie sich im australischen Dschungel schlagen und ganz nebenbei noch alle anfallenden Aggressionen auf mindestens eine Person konzentrieren und hübsch abreagieren. So gefällt mir das. Wir sehen schon: Die Ansprüche an die Jahreszeit sind ausgesprochen gering, weil in Wahrheit befinden wir uns natürlich ganz und gar nicht in der schönsten, sondern wahrscheinlich der scheußlichsten Phase des Kalenders. Winterlich-weihnachtliche Lichterl, die uns den Weg durch die ewige Finsternis weisen und das Gemüt ein bisschen wärmen, sind passé. Alle Feste sind abgearbeitet. Langsam wird es zwar ein bisschen weniger dunkel, doch keinesfalls auch weniger scheußlich – denn im Gegenteil zur hinlänglichen Annahme ist der Winter mit der Silvesternacht nicht vorbei, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Das hat Petrus in den vergangenen Wochen hinreichend bewiesen, und ich bin zuversichtlich, dass er noch die ein oder andere Schauerlichkeit in petto hat, um den Januar traditionell auf circa 90 Tage zu verlängern. Zwischendurch ein kleiner Sonnenflecken, damit wir uns alle einbilden, der Frühling gäbe sich die Ehre. Mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Rotznasen und Pestilenzen im Umfeld sich spontan verdrei- bis vierfachen – es ist halt bei genauerer Betrachtung doch keine ganz so gute Idee, sich im tiefsten Winter mit Shirt ins Straßencafé zu setzen, auch wenn sich 3 Grad zugegebenermaßen bumperlwarm anfühlen nach einer längeren Periode der Minusgrade. Zu allem Unglück ist die Welt auch noch geschmückt mit feinen Haufen grauschwarzer Ekelberge, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem Winterwonderland, über das wir neulich noch gejauchzt haben. Stapfen wir also mit Wolljacken, Daunenmänteln, Pudelmützen, Fäustlingen und nassen, kalten Füßen durch die Gegend und tragen schwer an unserem Schicksal. Wäre da nicht ein Lichtblick in jeder Bäckereiauslage auf unserem Weg: Krapfen! Köstliche Hefeknödel, gefüllt mit einer roten Sache, deren einzige Daseinsberechtigung ebenjene ist, knirscht der Kristallzucker herrlich zwischen den Zähnen. So man solcherlei noch findet. Denn die Suche wird massiv erschwert durch den sogenannten „Erfindergeist“ der Zunft. Statt sich auf den Klassiker zu konzentrieren, belästigen diese mich mit Kreationen, die dem berühmten Mango-Gelbwurst-Sorbet und Garnele-Rosmarin-Creme der Eisdielen in nichts nachstehen und dabei auch noch mit ähm besonderen Namen bedacht werden. Als wäre „Salty Depp mit Popcorn“ nicht schon schlimm genug, gibt es plötzlich auch noch Schlemmerkrapfen mit Leberkäse, Ziegenfrischkäse oder gleich als Burger mit Ketchup und Mayo. Der Missmut, der mich hierbei befällt, passt allerdings eigentlich sehr gut zum ewigen Januar. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Bäcker. Vielleicht gibt’s ja bald noch Schafshodenkrapfen und solche mit Insekten. Eine runde Sache.