Freitag, 15. Mai 2026

Eisheilige

 

Servaz miteinander! Ach nein Verzeihung, es muss ja „Servus“ heißen, ich bin schon ganz durcheinander … Mamert, Pankraz, Servaz, Bonifaz und Sophie – so heißen die Kollegen, die uns grad das Leben vergrätzen. Alljährlich bringen sie uns für eine Woche den Winter zurück, und das akkurat im allerschönsten Frühlingsjubel, wo wir doch grade dabei waren, festes Schuhwerk und dicke Daunen für mindestens sechs Monate auf den Dachboden zu verdammen. Doch mitten im Räumen und Rühren muss man plötzlich innehalten und, einen Fuß schon auf der Stiege, kleinlaut mit dem ganzen Wärmekrempel wieder umkehren. Eisheilige, das sind fiese Gesellen und eine Gesellin, namentlich die Kalte Sophie, die uns am heutigen Freitag beehrt und damit den offiziellen Reigen der Verwunderung beenden, die uns ebenso zuverlässig alljährlich trifft. Wie kann das jetzt plötzlich so kalt sein, grade war doch noch T-Shirt? Ich denke, die Eisheiligen sind eine Art Memento Mori des lieben Petrus. Eine mit hocherhobenem Zeigefinger vorgetragene Warnung, gefälligst den Frühling und Sommer aufs Heftigste zu genießen, denn mit einem Fingerschnips kann sich wieder alles ändern und der Winter hat uns zurück in seiner eisigen Faus. Am mementomorischsten, zumindest als Unterstützung blicken mich die „Briemerla“ (mittelfränkisch für „schöne Blumen“) vom Balkon aus an, wo ich sie wider besseres Wissen bereits ausgesetzt habe. Hier frieren und frosten und leiden sie nun still vor sich hin, die bunten Stempelchen wie Augen, aus denen vorwurfsvolle Blicke blitzen: Warum hast du uns das angetan, du weißt doch genau, dass es über die Eisheiligen für uns viel zu gefährlich draußen ist? Und ich nicke beschämt und gelobe Besserung. Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz. Also gut. Dann überwintere … nein, überbrücke ich eben mit vorfreudigen Gedanken auf meine wahren Eisheiligen. Kennt ihr noch Ed von Schleck? Ich glaube, das gibt es nicht mehr, aber es war eine sehr coole Sache in einer Plastikröhre, in die man unten ein Plastikröhrl stecken und dann sanft, sehr sanft nach oben drücken musste. War man zu ungeduldig, flutschte die gelb-weiß-gequirlte Eiscreme einfach auf den Boden und das Geschrei war groß. Oder Bumbum, das Boris-Becker-Gedächtniseis, bei dem die Glasur irgendwie eklig aber geil war, niemand weiß, wie das Eis eigentlich schmeckt, wohl aber, dass der dazugehörige Kaugummi aus dem Stiel nach zwei Sekunden keinen Geschmack mehr hatte. Pfuargs! Und das Big Sandwich mit der praktischen Waffel zum halten und Abbeißen, von der man keinesfalls abbeißen darf, weil sonst links und rechts und vorne und hinten und überall gleichzeitig hervorquillt und die bunte Pückler Schnitte überall landet, bloß nicht in deinem Magen … Ich finde, das sind echte Eisheilige. Und statt Memento Mori rufen die nur weithin hörbar „Memento Gaudi“ – jawollja!

Freitag, 8. Mai 2026

Kurzcamping

 

Ein Kurzurlaub dauert typischerweise zwei bis vier Tage und dient der „schnellen Erholung vom Alltag“. Hab ich prompt gemacht und jetzt ganz im Matthias Claudius’schen Sinne was zu erzählen. Die Idee: Vier Tage Camping mit Freunden in der Fränkischen, Wandern, Essen sowie die Seele im Gleichklang mit den Beinen baumeln lassen. Der heilige Schwur, ausgesprochen am Abreisetag um 15 Uhr: „Wir brauchen ja echt nix und nehmen nur das Nötigste mit.“ 16.35 Uhr: Besorgte Nachbarn fragen, ob wir etwa ausziehen. Nein, tun wir nicht, aber es ist wie verflixt: Ob vier Tage oder vier Wochen – man braucht halt so seinen Krempel, und während für die Klamotten zwar ein Handtäschchen reicht, tendiert die Reisegruppe Wasmeier ja zum Vorbereitet sein auf alle Eventualitäten und schleppt darum u.a. wohlweislich eine Heizdecke mit auf den Trip. 18 Uhr: Befahren der Autobahnauffahrt. 18.02 Uhr: Lichtsignale und Geschrei eines anderen Fahrers und die Info, „euer Caravan hat eine Scheibe verloren.“ Schreck, Standstreifen, Fenster-Check. Seltsam, alles da. 19.10 Uhr: Ankunft in der Campingschlucht bei Sonnenuntergang, Kleinkinder planschen nackt im Fluss, während ich beim Verlassen des Autos den sofortigen Kältetod erleide. Das geht ja gut los. 19.30 Uhr: Hä, warum ist es so hell in der Nasszelle? Oh, kein Dachfenster mehr … Zu diesem Zeitpunkt beginnt von mir unbemerkt auch etwas, das ich „campinginduzierte Dezivilisierung“ nennen möchte. Man betritt den Ort als reinlicher Mensch mit einem leichten Hang zum Zwanghaften, hat ein Duschkonzept erarbeitet, ausreichend saubere Unterhosen dabei und freut sich darüber, dass die sanitäre Anlage nur zehn Meter entfernt ist, schließlich muss man ja beständig Hände waschen. Morgendusche an Tag 2 entfällt außerplanmäßig, weil verschlafen. Abenddusche Tag 2 entfällt jedoch auch, weil zu müde. Morgendusche Tag 3 entfällt, weil nachher schwitz ich eh wieder, außerdem is‘ doch nur Camping. Nachmittagdusche Tag 3: Für 50 Cent tropft vier Minuten ein entweder zu kaltes oder zu heißes Rinnsal aus dem Duschkopf. Logo: Das machen wir nicht mehr! Indirekt proportional zur Aufenthaltsdauer nimmt zudem das Reinlichkeitsbedürfnis insgesamt ab. Latscht man zu Beginn noch alle halbe Stunde zur Sanitäranlage, wischt man sich 24 Stunden später die Hände nurmehr notdürftig an der Hose ab, um weitere 24 Stunden später überrascht festzustellen, dass es ganz ohne Händewaschen eigentlich auch gut geht, die zehn Meter zum Waschbecken sind endlos weit und man muss sich ja vielleicht mal nicht so anstellen … So geht’s dahin, und nach vier Tagen fragen andere Nachbarn daheim auf der Straße überrascht, wie lange wir wohl weg waren. Immerhin: Die Heizdecke hat mir das Leben gerettet, die Zeit war wunderschön. Und das ist ja wohl die Hauptsache. Jetzt geh ich aber lieber mal schnell Händewaschen.

Freitag, 1. Mai 2026

Meteoropathie

 

Fremdwörter machen das Leben nicht leichter, aber schöner. Zumindest für diejenigen, die sie benutzen (können) und darob im besten Falle auch verstehen. Für die anderen Sprecher nicht so sehr, deswegen muss man immer ein bisschen aufpassen beim Verwenden der schönen Vokabeln, dass man damit seinem Gegenüber nicht ganz gewaltig auf den Schlips tritt. Oder aber man möchte dem Gegenüber sehr gerne ganz gewaltig auf den Schlips treten und verwendet extra viele schöne Wörter, um den anderen möglichst doof dastehen zu lassen. Was ich natürlich nie machen würde. Dennoch habe ich hier just ein paar neue Kandidaten, die wirklich hervorragend geeignet sind, um sich möglichst, Achtung, distinguiert hervorzutun, sprich: als prahlerisches Arschloch zu erkennen zu geben. Besonders wichtig bei der Benutzung von Fremdwörtern ist, dass es eine astreine Alternative auf Deutsch gäbe, aber man lieber dennoch zum, Achtung, elaborierten Worte greift. Ich habe überlegt, euch öfter mal eine kleine Handreichung anzufertigen, damit auch ihr als feine Prahlköpfe durch die Welt, Achtung, kontemplieren könnt. Als da wäre: ephemer (flüchtig, nur kurze Zeit bestehend: Meine Liebe zu dir war ephemer.), konzis (kurz gefasst, prägnant: Wasi, sei doch in der Kolumne mal konzis!), perzipieren (wahrnehmen, bemerken: Perzipierst du auch diesen Lebkuchen-Gestank in der Nordstadt?), ambig (zweideutig: Also für mich klang die Zahlungsaufforderung vom Finanzamt recht ambig.) und Aporie (Ausweglosigkeit, unlösbarer Widerspruch: Mir scheint, als handle es sich bei der genannten Deadline um eine Aporie!). Nach dieser kleinen Aufwärmübung können wir jetzt zum eigentlichen Problem des Tages kommen, das da wäre: Ich habe ein schweres Leiden entwickelt in den vergangenen Jahren. Das Leiden geht einher mit bleierner Müdigkeit, Schädelweh, unbezwingbarer Schwäche und maximal gesteigertem Schlafbedürfnis, sprich es macht mich quasi lebensunfähig und das gerne an Tagen, an denen von der Menschheit eine große Lebensfähigkeit vorausgesetzt wird. Klingelt bei mir dann das Telefon, hebe ich mit größter Mühe den Hörer ab (also ich drück halt den grünen Knopf) und hauche in diesen mit durchsichtiger Stimme „Ich kann nicht, ich habe schlimme Metereopathie!“ völlig unabhängig davon, was der Anrufende von mir gewollt haben könnte. Gelegentlich kommt es auch vor, dass ich brutal miese Laune habe und freundlichen Worten oder Gesten blumenstraußzerreißend ein „WAS SOLL MIR DAS JETZT HELFEN MIT MEINER SCHLIMMEN, SCHLIMMEN METEREOPATHIE?!“ die Tür weise. Schlimme Krankheit, kann man nichts machen. Ganz besonders nicht gestehen, dass es sich bei der spezialschlimmen Krankheit um eine simple Wetterfühligkeit handelt, bei der es helfen könnte, sich einfach mal ein bisschen zusammenzureißen … Sehr distinguiert, n’est-ce pas?

Freitag, 24. April 2026

Italienisch

 

So langsam bewegt sich das Leben wieder Richtung nach draußen, und auch wir Balkonier machen es uns gemütlich. Theoretisch zumindest, weil um ehrlich zu sein sieht es auf meinem Balkon noch genau so aus wie die letzten Monate: ziemlich trist. Aus den Blumenkästen hängen schwach im Wind wehende Pflanzengerippe, der Boden kann sich nicht entscheiden, ob er grau oder gelb eingestaubt sein möchte, und alles in allem ist es noch recht fern da draußen von meinem Idealbild mit Blühpflanzen, Hängekräutern und Lichterketten. Für eine Sache taugt’s aber allemal, und das ist mir zugleich angenehmst wie peinlich. Weil: die Nachbarn. Die Nachbarn, so sie sich ebenfalls auf ihren Balkonen befinden, können nämlich seit einiger Zeit Wundersames belauschen. „Vorrei un cornetto e un tè, per favore.“ Oder „Il mio vestito non è brutto.“ Oder „Anna e Lin sono di Sydney. Loro insegnant inglese qui.“ Gehaltvolle Sätze wie diese kommen wahlweise aus meinem Telefon oder aus mir selbst. Denn ich habe eine neue Stufe auf dem Weg zur Klischee-Mittvierzigerin erklommen: Ich lerne Italienisch. Wer ist schuld? Ich weiß es nicht, sicherlich aber nicht meine akademische Sehnsucht nach Toskana und Rotweindegustation oder dem typischen Wunsch nach dem Lebensabend in der Finca, auch hege ich keine sonderlich große Leidenschaft für italienische Popmusik oder Filmkultur. Höchstens hege ich eine große Leidenschaft für italienisches Essen (il cibo), und allein dafür muss man gelegentlich mal über den großen Berg reisen (viaggiare). Indeed tu ich das schon mein Leben lang und habe als Kind mittels eines Bilderbuchs Basiswörter gelernt und Zählen als Sportart betrieben. Für mehr hat’s mich nie interessiert, meine letzte Sprachlernerfahrung datiert auf die 10. Klasse, wo irgendein Wahnsinniger beschlossen hatte, das wäre die exakt perfekte Zeit für eine vierte Fremdsprache (Nicht. Ist es: nicht!) bzw. ein jedes Treffen mit dem Vatertier, das nicht müde wird, trotz minimaler Erfolge (minus null!) seit circa 40 Jahren maximalen Aufwand zum Erlernen des Italienischen zu betreiben. Dann kam im Winter (inverno) eine Freundin und mit ihr eine App mit einer grünen Eule, der ich sofort verfiel. Seit nunmehr 65 Tagen lerne ich also täglich, mal mehr, mal weniger intensiv, aber mit großer Begeisterung, weil ich das Prinzip „Gamification“ verstanden und lieben gelernt habe. Oder es mich. Lustig: Der Mann macht das auch, aber mit einer anderen App, weswegen zeitweise verschiedenste Stimmen verschiedenste Worte und Sätze durch die Wohnung oder aus dieser hinaus bläken. Selbstverständlich muss das neue Wissen bald erprobt werden. Schön Klischee. Am besten hier im Ristorante. Ich freu mich schon auf die schiefen Blicke. Und dann such ich mir das nächste Hobby. Seidenmalerei vielleicht?

Freitag, 17. April 2026

Urängste

 

Am Wochenende wäre beinahe ein mittelgroßes Malheur passiert. Im Rahmen meiner unilateralen Gesprächstherapie hier möchte ich sogleich meine Erfahrungen teilen, denn das war so: Ein Auto will gewaschen, geputzt und gepflegt werden – vor allem im Autoliebedeutschland eine Beschäftigung, der man gerne am Wochenende nachgeht, um das gute Stück regelmäßig auf Hochglanz zu bringen. Ich bin darin nicht gut, um nicht zu sagen: schlecht, aber so alle Jubeljahre komm ich schon auch mal auf die Idee, nachzuschauen, welche Farbe sich eigentlich unter dem Gatsch aus festzementiertem Streusalz und eingebackenem Blütenstaub verbirgt. Also Waschanlage, und weil Leute immer nicht verstehen, warum ich kein Fan von Achterbahnen & Co. bin: Ich hol mir meinen Thrill in Alltagsbeschäftigungen, beispielsweise einmal jährlich in ebenjener Autodusche. Dieser Vorgang war mir noch nie geheuer. Schwieriges Rangieren zwischen komischen Geleisen, man muss 17-mal prüfen, ob auch wirklich alle Fenster und Dächer geschlossen sind, werden die Scheiben dem Bürstendruck standhalten, wann ist der richtige Zeitpunkt, wieder loszufahren und früher hat man dann am krisseligen Radioton gemerkt, dass die Antenne wohl doch nicht abgeschraubt war. Eine veritable Urangst also. Davon hab ich mehrere, und ich weiß immer nicht, ob das noch normal ist oder schon pathologisch, und ich werde es vermutlich auch nicht herausfinden, weil heutzutage ja alles pathologisch ist und jede Charaktereigenschaft im Therapeuten-Sprech mal schnell beim Abendessen oder in der Norma-Schlange durchdiagnostiziert wird. Weitere Urängste von mir: die Verdurstungsangst (immer Wasser dabeihaben, man weiß nie, was passiert. Ja, auch in der Innenstadt nicht.); die Erfrierungsangst (ein Temperatursturz nach Regen, Sonnenuntergang oder einfach spontan ist selbstverständlich immer möglich, und grade im schönsten aller Nürnis ein Durchfahren verschiedener Klimazonen innerhalb einer Stunde absolut machbar); die In-der-Rutsche-Steckenbleib-Angst (als wäre ich in den letzten 30 Jahren gerutscht … ); die Sonnenstuhl-Zusammenbrech-Angst (besonders heikel kommen mir da diese fiesen, wackligen Liegen daher, bei denen ich nie weiß, wie sie richtig aufgestellt gehören, und dann will man sich im Biergarten hineinbequemen und ZACK! großes Gelächter … Wird aber aktuell abgelöst von der Aus-dem-Sonnenstuhl-nicht-mehr-hochkomm-Angst.); die unbemerkter-Pickel-im-Gesicht-Angst (…); die Mundfäule-Angst (schröckliche Vorstellung!) … Oh, es werden dann doch mehr Urängste, als ich anfangs gedacht hatte. Naja jedenfalls: Ich rein in die Riesendusche, wollte den Schlüssel abziehen und dann gemütlich draußen in der Sonne stehen und warten, bis das Programm durchgelaufen ist. Hab ich also die Tür schonmal geöffnet und dann sind sehr viele Sachen gleichzeitig passiert: 1. Der Autoschlüssel ließ sich nicht abziehen. 2. Die Autotür war offen. 3. Die Waschanlage begann ihr Werk, allerlei Lichter blinkten und erste Wassertropfen sprenkelten die Frontscheibe … Vor lauter Schreck weiß ich nicht mehr ganz genau, was dann passiert ist, aber ich scheine nach einigem hilflosen Schlüssel-Gerüttel auf die Idee gekommen zu sein, geistesgegenwärtig die Tür wieder zu schließen. Das war knapp. Und muss jetzt erstmal wieder reichen für ein Jahr. Meine Angst? Vollkommen berechtigt!

Samstag, 11. April 2026

Hermeneutischer Zirkel

 

Ich fülle diese Zeilen seit fast genau 15 Jahren, hab grade nochmal nachgeschaut. 2011 hat der liebe Kollege Erik S. mir den Staffelstift mit den Worten „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ übergeben, und wenn ich mich nicht verrechnet habe, war er damals wesentlich jünger als ich es jetzt bin. In 15 Jahren ändert sich vieles, vieles aber auch nicht, und da ist es wohl kaum verwunderlich, dass das ein oder andere Thema hier schon mehrfach beackert worden ist. „Ich bitte um Milde“, um sogleich eins meiner größten Vorbilder zu zitieren, den ehrenwerten Herrn Klaus Schamberger, der mir einst am Telefon verriet, er schriebe seit 1969 Kolumnen und zu Hochzeiten sogar vier verschiedene pro Woche – eine Leistung, die mich blass werden lässt. „Milde“ ist mein Stichwort, denn mir scheint, auch ich werde von Jahr zu Jahr milder und bin im Vergleich zu den Anfangszeiten schon so milde, dass ich glatt als Babynahrung durchgehen könnte. Man schreibt so vor sich hin, durchschifft den Kalender, die Ereignisse, die Jahreszeiten, und während sich an Grundsätzlichem oft nicht viel ändert, tut es das Detail sehr wohl. Zum einen. Zum anderen ganz offenkundig meine Haltung. Auf Gscheidhaflerisch heißt das „Hermeneutischer Zirkel“, so ein akademisches Dings, bei dem es eigentlich darum geht, dass der Rezipient, also Leser, ein und den selben Text immer anders lesen, interpretieren und einordnen kann, weil die eigene Erfahrungs- und Verständniswelt sich in der Zwischenzeit immer ein bisschen ändert (also so ähnlich halt, sorry Germanisten, ist schon bisschen her). Ob das jetzt andersherum auch funktioniert, also so, dass die Schreibende ebenfalls immer eine andere Sicht- und Verständnisweise auf ein bestimmtes Thema hat im Laufe ihres Alterns, hatten wir damals glaube ich nicht durchgenommen, ich finde aber, man kann den Spieß durchaus so herumdrehen. So geschieht es mir zumindest grad im Anblick einer bestimmten Pflanze, die ihr alle grade draußen im schönsten Frühlingssonnengelb vor sich hin leuchten sehen könnt und der ich unlängst einen schmachtenden Blick zuwarf. „Schon schön, wie die so leuchten“, hab ich gesagt und bin sofort angeschrien worden. „WIE BITTE? DU? Du hast die doch jahrelang als verachtenswürdige Streberpflanze verteufelt!“ Nun, das ist richtig. Die Forsüzie und ich, wir standen sehr lange Zeit auf Kriegsfuß. Dieses Vordränglerische, Grellnervige, das war mir früher nix. Heute bin ich scheinbar altersmilde und mit dem strahlenden Strauch versöhnt. Wie schön, dass es diese Pflanze gibt, die selbst dem hartnäckigsten Winterstarrsinn tapfer die Stirn bietet, ihre blütenkleinen Fäustchen ballt und laut hervorschreit „Du kannst machen, was du willst, aber am Ende wird der Frühling, werden das Gute und Schöne gewinnen!“ Soweit, dass ich ihr ihren echten Namen gewähren möchte, bin ich zwar noch nicht. Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Forsüzie sein. Und milde. Oder?

Samstag, 4. April 2026

Hitparade

 

Das Internet ist wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen. Zum Beispiel, wenn man eine Erinnerung verifizieren möchte an Erlebnisse, die sich so ungefähr vor 25, 30 Jahren (huch!) abgespielt haben müssten und darum möglicherweise etwas vage sind. Dann muss es eben ohne gehen, aber sagt nicht, ich würde lügen! Also: In diesem genannten Früher gab es über Ostern eine sehr wichtige Sache und intensive Beschäftigungsmöglichkeit. Nämlich spielte ein Radiosender über alle Feiertage hinweg die Top 500-Lieblingshits der Hörerschaft. Das ist ja erstmal nichts Besonderes, weil das machen die ja im Prinzip dauernd. Aber in dem Fall kam ein ganz besonderer Service mit daher, nämlich: eine feinsäuberliche aufgelistete Liste aller geplanten Hits, die auf einer Doppelseite in der Zeitung vorab präsentiert wurde. Immer noch nicht so besonders? Dann habt ihr wirklich keine Ahnung, sprich: seid entweder viel zu alt oder viel zu jung. Weil für mich und meinesgleichen hatte dieses Wochenende eine unfassbar große Bedeutung – was dem Anlass entsprechend nur angemessen war. Ostern! Das höchste Fest der Christenheit, das aber zu meinem Unverständnis nicht mit einer vierwöchigen aufgeregten Vorbereitungszeit einhergeht wie im Dezember. Zu dem auch keine überdimensionalen Palmwedel vor dem Hauptbahnhof geschmückt werden, sich keine Horden zum allabendlichen Eierlikörchen auf dem Hauptmarkt treffen, relativ wenig geweint wird wegen unerfüllter Geschenkewünsche und meines Wissens nach vergleichsweise selten Kinderchöre überall erscheinen und Osterlieder trällern. Ich meine: Okay, wir feiern im Dezember eine Niederkunft, das sollte ja immer ein Anlass für Festivitäten sein. Aber an Ostern passiert doch die große Magie, der echte Shizzle, das könnte man doch ruhig ein bisschen mehr würdigen? So tat das also in unserem Sinne dieser Radiosender und bescherte uns armen Millenials, die wir ja nichts hatten – kein Smartphone, kein Internet, kein Netflix, es war so schrecklich! – ausgesprochen aufregende Tage mit einer Art frühzeitlichem Spotify, was auch nur minimal aufwendiger war als heutzutage. Anhand besagter Liste wusste ich auf die Sekunde exakt, um wie viel Uhr welcher lebenswichtige Song gespielt wurde, und damit DIE Chance, ihn endlich in voller Länge und ohne lästiges Geschwafel vorne und Werbejingle hinten auf Kassette (sowas wie ein USB-Stick) zu fixieren. Ich saß also drei Tage vor dem HiFi-Turm in meinem Kinderzimmer, die Zeitung um mich gehüllt wie eine Toga. Nagelneu gekaufte Kassetten häuften sich um mich herum, und ich war absolut bereit. Bereit, den „record“-Knopf zu drücken, wenn eines meiner Lieblinge in die Pipeline des Äthers gelangte, den wichtigen Fang sogleich sorgsam auf dem Coverzettel zu notieren und somit musikalisches Überleben für das kommende Jahr zu sichern. Leider gibt es das heute nicht mehr. Ich habe also viel Zeit für Eiersuche und Geschenke. Versteckt ihr mir was? Das wäre dem Anlass doch angemessen. Frohe Ostern!

Freitag, 27. März 2026

Fit wie ein Schlappen

 

Soeben hat mich eine Nachricht erreicht. Je nachdem, wie alt ihr seid, könnt ihr statt „Nachricht“ auch sagen: DM, PM, ne App, eine SMS oder ein Fax, ganz wie es euch beliebt. Die Nachricht jedenfalls frug: „Na, dann bist du ja fit wie ein Turnschuh?“, nachdem ich zuvor über eine ordentliche Portion Schlaf berichtet hatte. Ich ließ meinen Blick schweifen. Erst sinnend, dann skeptisch. Nämlich als jener Blick auf die (An-)Sammlung zahlreicher Exemplare besagten Schuhwerks fiel. Und abgesehen von den zwei bis sieben Paaren, die geschont werden für besondere Anlässe sowie den weiteren drei bis fünf, die das Tageslicht noch nicht mal gesehen haben sondern in ihren Verkaufsschachteln auf ihren Einsatz warten (jajaja, ich weiß … ), muss ich gestehen: So besonders fit sehen die eigentlich allesamt nicht aus. Eher größtenteils so, dass man sie direkt in eine warme Decke wickeln, ihnen einen frischen Keks und ein Glas Milch in die Hand drücken möchte und sie in ihrem Rollstuhl an ein sonniges Plätzchen schieben, wo sie dann ein bisschen gemütlich vor sich hingucken können, während ich drinnen umräume und den Turnschuhseniorinnen und -senioren das Ausgedinge hübsch und Platz für die Nachkommen mache. Jetzt möchte ich gar nicht ausschließen, dass „fit“ und „Seniorentum“ sich ausschließen – wirklich nicht, bei mir im Sport sind zahlreiche ausgesprochen rüstige Damen, die so manch einen ambitionierten Knaben im Gym ohne Mühe wegschnupfen würden. Aber ob „fit“ und „Turnschuh“ zwingend eine Verbindung eingehen müssen, halte ich schon eher für Unsinn. Woher der Ausdruck kommt, kann selbst das allwissende Internet nur unzureichend erklären, aber es ist vermutlich nur ein Zufall, dass man nicht von „fit wie eine Radlerhose“ spricht, von „fit wie ein Tutu“ oder „fit wie ein Dan“. Ob ich überhaupt fit sein will wie ein Turnschuh weiß ich eh nicht so recht, weil beim Wort erleide ich sofort unfreiwillige olfaktorische Assoziationen, außerdem hat die Zeit gezeigt, dass man nun wirklich nicht mehr sportlich sein muss, um in der Öffentlichkeit Turnschuhe zu tragen, oft sogar ganz im Gegenteil. Was soll das also? Wenn ich mir was aussuchen dürfte, dann wäre ich lieber gerne ein Schlappen. Ich meine, das Wort ist perfekt: SCHLAPPen, da steckt alles drin, was man über einen Menschen wissen muss. Außerdem kann nicht nur jeder Mensch Schlappen ganz vorzüglich tragen, sondern ungefähr jeder LIEBT sie auch noch – steht denn irgendwas auf dieser Welt besser stellvertretend für Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Berghütte und Erholung? Ja gut, „Puschen“ womöglich, aber da steckt mir schon wieder zu viel Stress drin: Push push push! Mit dem Schlappen kann ich mich also gut identifizieren, da hängt direkt eine Decke dran, ein Kanapee, Tee und alles, was man für spontane Kälteeinbrüche braucht. Turnschuhe? Später dann wieder.

Freitag, 20. März 2026

Seltsame Teile

Die sogenannten „Exit“-Games, die sich seit circa fünf Jahren größter Beliebtheit erfreuen, muss man wahrscheinlich keinem mehr erklä… Oh, muss man doch? Na gut: Es gibt eine rudimentäre Rahmengeschichte (Weltall, Hexenhaus, Schlossverließ), die stets besagt, dass man irgendeine Art von Problem hat (Räuber, Explosionsgefahr, Einkauf vergessen). Mithilfe von Schläue und Kombinationsgabe muss man sich dann aus der Situation hinausrätseln. Es gibt aber immer wieder Hinweise und Hilfsmittel, die das erleichtern, und darunter sind stets sogenannte „seltsame Teile“. Die sind meistens wirklich sehr seltsam, und es erschließt sich für gewöhnlich erst im Spielverlauf, worum es sich bei dem Gegenstand (Plastikedelstein, Schaschlikspieß, Spinnenfigur) handelt. Ich fühle mich diesen seltsamen Teilen irgendwie freundschaftlich verbunden. Vielleicht, weil ich mich auch oft wie so eine Seltsamkeit fühle. Vor allem aber, weil seltsame Teile jeglicher Art überall in der Gegend herumliegen und mich zuweilen aufs Äußerste beschäftigen. Zum Beispiel einzelne Schuhe am Straßenrand. Hosen in Hecken. Oder eine lilafarbene Stola (diese Art Jesus-Fan-Schal, den vor allem katholische Geistliche über dem Talar tragen), die mir einst traurig vom Boden entgegenblickte. Ich blieb damals vor der Stola stehen, betrachtete lange den irgendwie rührenden Stoffknödel auf dem Boden und fragte mich: Was mag hier wohl passiert sein? Was ist die Geschichte dahinter? Wenn man mit ein bisschen geöffneten Augen durch die Gegend läuft, findet man viele solcher seltsamen Teile, und manchmal mach ich mir den Spaß und strick selbst die Geschichte dazu. Schuh verloren auf der Flucht vor dem Finanzamt? Hose vergessen nach einem ausgiebigen Bad im Brunnen? Stola vom Leib gezerrt, weil der Geistliche seine große Liebe vor der Norma getroffen und darob beschlossen hat, sein Leben zu ändern? Man wird es nicht erfahren, und umso neugieriger macht mich das. Es gibt noch andere seltsame Teile, die sich nicht im öffentlichen Raum, sondern insbesondere in meiner Küche befinden, und vielleicht sollte ich die alle mal einpacken und zu dieser Fernsehshow gehen, wo die Kandidaten den Zweck unbekannter Gegenstände erraten müssen. Lange gerätselt haben wir über eine Sache, die gemeinsam mit einer Knoblauchpresse den Haushalt bezog: ein wirklich seltsames grünes, röhrenartiges Gummiteil, das erstmal sehr lange mit anderen seltsamen Teilen, deren Verwendungszweck sich auf den ersten Blick so gar nicht erschließt (beispielsweise ein Burger-Patty-Former), in einer Schublade vergammelte, bis der Zufall uns erklärte, dass es sich hierbei um ein Ding zum Knoblauchschälen handelt. Ein anderes Teil ist mir grade wieder ins Auge gestochen: eine Art Kunststofftablett, über das eine dünne, extrem dehnbare Folie in einem Aufklapprahmen befestigt ist. Ich habe bis heute nicht begriffen, was das ist und woher es kommt. Wegwerfen kann ich es aber auch nicht. Lieber steh ich jeden Tag davor und rätsele über seine Bestimmung. Ideen, Geschichten und Exit-Strategien am Start? Dann immer her damit! 

Freitag, 13. März 2026

Wollsplitt

Ich habe nach der vorletzten Kolumne eine Rüge von meinem Aufsichtsratsvorsitzenden bekommen. Der Rat besteht aus einer einzigen Person, die mit gerechter Strenge über mich wacht und meine Tage mit wohlwollenden Bemerkungen als Stimme aus dem Off (manchmal auch aus dem On) begleitet: Hast du heute überhaupt genug Wasser getrunken? Wann kümmerst du dich eigentlich um die Zuzahlungsbefreiung? Gibt es schon einen Termin in der Autowerkstatt? Das mag jetzt erstmal seltsam klingen, aber immerhin handelt es sich bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden (ARV) um eine sehr reelle Person und nicht um eine Siri oder gar einen selbstgebauten Avatar, den mit diesen könnte ich nicht so herrlich diskutieren und mich mit geschickter Rhetorik aus der Affaire mogeln. Außerdem ist mir schon die Bezeichnung sympathisch, enthält sie doch quasi ausschließlich Silben, die jede für sich etwas Nettes bedeuten: Auf-sichts-rats-vor-sit-zen-der. Naja, immerhin kommt „Zen“ darin vor, und davon brauch ich viel im Umgang mit ihm. „Du hast“, zürnte der Hauswirtschaftsweise also, „in der letzten Kolumne gelogen!“ – „Ich?! Nein, niemals! Ich schwöre die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“ und dabei eventuell heimlich hinter dem Rücken die Finger gekreuzt. Aber ähm ein trockener Schokoladenkuchen bleibt schließlich ein trockener Schokoladenkuchen, auch wenn man ihn mit Tonnen von Fondant, Buttercreme und Marzipan dekoriert! „Du hast aber geschrieben, dass unsere ganze Wohnung komplett mit Rollsplitt bedeckt ist, und das stimmt doch überhaupt nicht!“, schimpfte der ARV weiter. „Aber es stimmt doch sehr wohl, dass überall diese schwarzen Klumperl herumfliegen. Schau halt!“ versuchte ich mich weinerlich zu wehren und gestikulierte dabei wahllos in Richtung verschiedenster Raumecken. „Nein, das stimmt nicht. Mindestens die Hälfte davon ist gar kein Rollsplitt. Höchstens vielleicht: WOLLsplitt!“ Da war ich baff. Und sogleich überzeugt, denn er hat recht. Während der Rollsplitt seinen natürlichen Lebensraum vorzugsweise im Flur, angrenzenden Flächen und Ecken pflegt, sind die Wollsplittknödel absolut und überall dort, wo sich ein Mensch nur aufhalten kann, sei es gehend, stehend, sitzend oder liegend. Schuld daran mag ein wohnungsintern intensiv kultivierter Hang zur Wollsocke sein, die traditionell über käseweiße Mauken gestülpt werden, sobald das Haus betreten und das Tagwerk vollbracht ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gehaust wird, da fallen Wollknötchen. Ein Glück, dass das alles bald vorbei ist und wir mit blanken Füßen den Straßendreck wieder direkt in unsere Schlappen schaufeln können. Wie sich das anfühlt, probieren der ARV und ich grade übrigens schon für euch aus: Sehr sandig hier, aber gar nicht mal so übel. Viele Grüße aus dem Urlaub! 

Freitag, 6. März 2026

Bärtierchen

 

„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000 Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren, mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern, der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat. Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.

 

Freitag, 27. Februar 2026

Hufgescharre

 

Hallo hallo Test … Eins zwo, eins zwo … HALLO? Könnt ihr mich hören und verstehen? Ich bin mir nicht sicher, weil es ist so irrsinnig LAUT um mich herum seit ein paar Tagen, dass ich sozusagen mein eigenes Wort nicht verstehe. Dabei soll es doch jetzt eigentlich leise und ruhig zugehen wegen der inneren Einkehr und der Fastenzeit, aber nein! Stattdessen scharren alle derart mit den Hufen, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis die Erde bebt. Aber das wäre eigentlich ganz gut, wenn die Erde sich einmal so richtig schütteln würde wie das Bäumchen vom Aschenputtel, nur dass dann kein Gold und Silber über uns geworfen wird sondern ein Haufen Dreck. Insbesondere mehrere Tonnen Rollsplit würde uns dann hübsch um die Ohren fliegen und den letzten Zentimeter Fläche, den er in den vergangenen Wochen noch nicht vereinnahmt hat, auch noch besetzen. Kürzlich fand ich so ein kleines Steinderl sogar im Bett, erlaube mal! Von den zahllosen, die ich tagtäglich aus meinen Schuhen schüttele, ganz zu schweigen, und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein kleines Stück Geröll als Pfefferkorn tarnt und ich mir krachend einen Zahn ausbeiße. Aber das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst Rosmarie! Uns kann überhaupt gar nichts erschüttern grade, weil der Grund, aus dem wir so nachdrücklich mit den Hufen scharren, erfüllt uns mit einer derart mordsmäßig guten Laune, dass selbst der verdrießlichste Zwiderwurz unter dem Gewicht der allgegenwärtigen Freude einbrechen und aus Versehen einmal die Mundwinkel hochziehen muss. Denn es lüpft sich der nasskaltgraunebligsprühregnerische Schleier für ein, zwei Täglein, und darunter zum Vorschein kommt: eine Welt, der zu begegnen plötzlich nicht nur möglich, sondern sogar zwingend unabdingbar erscheint! ZZZZZISCHHHH … Habt ihr das gesehen? Das war ich, wie ich auf dem Rollsplit in den Park surfe, um mich dort gemeinsam mit den Heerscharen der Sonnenanbeter und Frühlingsvergötterer vor jedem noch so kleinen zarten Grün auf den Boden zu werfen und ihm meine tiefe Verehrung zu erweisen. Ich werde im Kreis tanzen in flatternden Gewändern, mir Kränze aus moderndem Laub und Raketenstecken winden, eigenhändig ein jedes früherwachte Insekt über die Straße tragen, das Eisengitter vor der Eisdielentüre aufstemmen, auf Feenflügeln von Grill zu Grill flattern und diese einzig kraft meiner Gute-Laune-Funken entzünden. Ich werde Schneestiefel und Funktionsunterwäsche vom Balkon werfen und die Heizdecke gleich dazu, 17 leichte Spaßgetränke gleichzeitig degustieren, alle Igel aus dem Winterschlaf küssen, mir die Sonnenbrille auf die Nase kleben und fünf Openairkonzerte nacheinander besuchen. Ich werde … am Montag todsterbenserkältet sein, reuig meine warme Ware vorm Balkon wieder einsammeln und dabei jedem einzelnen Rollsplitkörndl den Mittelfinger zeigen. Aber es wird sich gelohnt haben. Winterschluss, ick hör dir trapsen. Da ändert auch das Hufgetöse nichts daran.

 

Freitag, 20. Februar 2026

Braunpflanze

 

Ich wollte gerade kalten, alten Tee in einen großen Pflanztopf schütten. In diesem Pflanztopf befindet sich seit einer äußerst kräftezehrenden Umbaumaßnahme, der ich vor einigen Wochen mein Arbeitszimmer unterzogen habe, um das dort herrschende Chaos (Genie und so) wenigstens einer äußeren, scheinbaren Ordnung zu unterwerfen, eine sehr große schöne Pflanze. Die, so hoffe ich, filtert die ganze böse Luft, die ich beim Hirnen und Werken und Wirken produziere, und macht aus ihr frischen, gesunden und kopflüftenden Sauerstoff (Muss man dann eigentlich noch lüften? Frage für einen Freund.), sondern erfreut auch mein müdes Auge mit ihrem erquicklichen Anblick: Kurz aufs saftig-grüne Blatt gelinst, und schon purzeln die Ideen nur so aus meinem Kopf hervor. Genau diesen Quell der Inspiration sehe ich seit einigen Tagen bedroht, denn es betrüben die Freshness ein, zwei braune Blattstellen … Zimmerpflanzen und ich, das ist so eine Sache. Was gut geht, sind getrocknete Blumen, mit denen komme ich zurecht, wir führen oft jahrelange Freundschaften. Was mir auch sehr gut gelingt, ist die „Pflege“ einer Orchidee, die ich vielleicht einmal fürs Guinness Buch der Rekorde als widerstandsfähigste jemals gelebte Pflanze der Welt vorschlagen möchte: Vor über 20 Jahren als Einzugsgeschenk in die erste eigene Wohnung erhalten, steht diese Orchidee als lebendes Wunder und Beweis für die Existenz von Pflanzen, die um so besser gedeihen, je mehr man sie einfach vergisst, und presst unter größten Geburtswehen Jahr für Jahr ihre Blüten in die Welt hinein. Weil ich sie freilich niemals umgetopft habe, befinden sich in ihrem Heim Wurzeln statt Nährboden. Zudem dient die Pflanze als Langzeitexperiment. Zwischenergebnis: Nach 20 Jahren beginnt ein Plastiktopf langsam zu zerbröseln … Ab hier wird die Luft dünn, und vor jedem Kauf einer neuen Grünpflanze gehe ich mit mir hart ins Gericht, ob ich dem armen Lebewesen diese kurze Existenz wirklich antun möchte. Jetzt also braune Flecken. Ich rief sogleich meine Vertraute in allen Pflanzenfragen an: Jemand, der euch vielleicht noch als „Pubertier“ ein Begriff ist, der bzw. die aber unversehens zu einer stattlichen jungen Dame mit zwei prächtigen grünen Daumen herangereift ist. Nach 17 Sprachnachrichten á fünf bis 26 Minuten rief ich „STOP!“ ins Telefon hinein und „Ich wollte eine PFLANZE und kein HAUSTIER!“, denn so fühlten sich die Anweisungen ziemlich genau an, die sich irgendwo zwischen „Blätterstreicheln“ und „Pflanzendusche“ bewegten. Vielleicht sollte ich ein neues Experiment starten und die „Braunpflanze“ etablieren. Mit dem alten Tee, dachte ich, wäre damit wohl ein guter Anfang gemacht. Ich hab’s dann lieber gelassen. Wenn ich nicht faste, muss es die Pflanze ja auch nicht unbedingt tun. Vielleicht dankt sie’s mir – ich werde berichten.

Freitag, 13. Februar 2026

Kostüme

 

Helau! Alaf! Aha! Tadaa, tadaaa, tadaaaaaa! Liebe Mitleidende, wer dieses kleine, unkaputtbare Textlein namens „Runter vom Sofa“ seit Anbeginn der Zeit (immerhin schon gut 15 Jahre!) nicht zwingend wohlwollend, aber doch halbwegs aufmerksam verfolgt, der hat vermutlich schon notiert, dass es sich bei Ihrer Lieblingsautorin um einen veritablen Faschings-Grinch handelt. Jambo Jambo, Rosenmontag, Nubbelverbrennung – kann mir alles hübsch gestohlen bleiben. Jedoch trotz intensiver Ursprungsforschung kann ich mir das selbst nicht so recht erklären, schließlich hab ich doch von Geburt an die gleiche Faschingsluft geatmet wie der Rest der Stadt, die sich alljährlich aus heiterem Himmel zur Faschingshochburg erklärt. Was sich primär durch bereits erwähnte Bäckerei-Auslagen hervortut wie den Umstand, dass am Faschingsdienstag die Straßen auch nicht anders aussehen als sonst um diese Jahreszeit, in verborgenen Kellern und hinter verschlossenen Türen, von denen nur Hardcore-Eingeweihte wissen (z. B. Kindergärten), jedoch alljährlich ein buntes Treiben passiert. Eine kleine Idee zur Erklärung kam mir unlängst beim Durchblättern eines digitalen Fotoalbums, in dem sich auch allerlei Beweisfotos meines frühkindlichen karnevalistischen Dilettantismus‘ fanden: Als Cowboy (mit fragwürdigem Pullover in pink-gelb-gestreift), Katze (mit dank kaputter Sicherheitsnadel beständig abfallendem Schwanz), Geisha (jaa ich weiß, aber der Kimono war wirklich toll) oder Obelix (ein wie „wir“ = die Erziehungsberechtigten fanden einer Fünftklässlerin absolut angemessenes Kostüm. Bei der selben Veranstaltung erschienen zwei Klassenkameradinnen als etwas, das sie mit dem mir bis dato unbekannten Begriff „Nutten“ erklärten und damit die Stars des Nachmittags waren). Außerdem ein gruseliger Clown mit (Vaters Schuhen und) einem dicken Bauch (Gästin: „Oh, da ist ja gar kein Kissen drin!“). Und dann fällt mir lange, lange nichts ein, was mit Kostümierung zu tun hat, bis zu dem denkwürdigen Tag nach locker 20 Jahren Faschingsabstinenz, an dem ich zwangsverkleidet zur Biene Maja abkommandiert wurde (die Fotos gibt es überraschenderweise immer noch in einschlägigen Online-Portalen). Ich bin der Mensch, wegen dem es diese eine Verkleidungskiste an der Tür gibt, um alle sich der Motto-Party widersetzenden Gäste hilfsbereit vor Einlass noch geschwind in irgendeinen müffelnden Fummel zu stopfen. Seit drei Jahren ist das alles anders. Nämlich, seitdem ich mich in ein aufblasbares Dino-Kostüm verliebt habe. Mit diesem reite ich als T-Rex-Dompteur durch die Massen des Gaudiwurms und sammle die mir zufliegenden Herzen ein wie der Pöbel außenrum Kamelle, werde um Fotos gebeten und bringt Kleinstkinder zum Weinen. Das macht großen Spaß! In diesem Sinne: Kann sein, wir sehen uns … Nürnberg, roaarr!

Freitag, 6. Februar 2026

Ewiger Januar

Herzlich willkommen in der schönsten Zeit des Jahres: Keine lästigen Fragen nach der abendlichen Freizeitgestaltung mehr, sondern einfach pünktlich um 20.15 Uhr auf dem Kanapee drapieren, Glotze an und zwischen 2,5 Stunden Werbung 30 Minuten lang sogenannten „Promis“ dabei zusehen, wie recht und schlecht sie sich im australischen Dschungel schlagen und ganz nebenbei noch alle anfallenden Aggressionen auf mindestens eine Person konzentrieren und hübsch abreagieren. So gefällt mir das. Wir sehen schon: Die Ansprüche an die Jahreszeit sind ausgesprochen gering, weil in Wahrheit befinden wir uns natürlich ganz und gar nicht in der schönsten, sondern wahrscheinlich der scheußlichsten Phase des Kalenders. Winterlich-weihnachtliche Lichterl, die uns den Weg durch die ewige Finsternis weisen und das Gemüt ein bisschen wärmen, sind passé. Alle Feste sind abgearbeitet. Langsam wird es zwar ein bisschen weniger dunkel, doch keinesfalls auch weniger scheußlich – denn im Gegenteil zur hinlänglichen Annahme ist der Winter mit der Silvesternacht nicht vorbei, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Das hat Petrus in den vergangenen Wochen hinreichend bewiesen, und ich bin zuversichtlich, dass er noch die ein oder andere Schauerlichkeit in petto hat, um den Januar traditionell auf circa 90 Tage zu verlängern. Zwischendurch ein kleiner Sonnenflecken, damit wir uns alle einbilden, der Frühling gäbe sich die Ehre. Mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Rotznasen und Pestilenzen im Umfeld sich spontan verdrei- bis vierfachen – es ist halt bei genauerer Betrachtung doch keine ganz so gute Idee, sich im tiefsten Winter mit Shirt ins Straßencafé zu setzen, auch wenn sich 3 Grad zugegebenermaßen bumperlwarm anfühlen nach einer längeren Periode der Minusgrade. Zu allem Unglück ist die Welt auch noch geschmückt mit feinen Haufen grauschwarzer Ekelberge, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem Winterwonderland, über das wir neulich noch gejauchzt haben. Stapfen wir also mit Wolljacken, Daunenmänteln, Pudelmützen, Fäustlingen und nassen, kalten Füßen durch die Gegend und tragen schwer an unserem Schicksal. Wäre da nicht ein Lichtblick in jeder Bäckereiauslage auf unserem Weg: Krapfen! Köstliche Hefeknödel, gefüllt mit einer roten Sache, deren einzige Daseinsberechtigung ebenjene ist, knirscht der Kristallzucker herrlich zwischen den Zähnen. So man solcherlei noch findet. Denn die Suche wird massiv erschwert durch den sogenannten „Erfindergeist“ der Zunft. Statt sich auf den Klassiker zu konzentrieren, belästigen diese mich mit Kreationen, die dem berühmten Mango-Gelbwurst-Sorbet und Garnele-Rosmarin-Creme der Eisdielen in nichts nachstehen und dabei auch noch mit ähm besonderen Namen bedacht werden. Als wäre „Salty Depp mit Popcorn“ nicht schon schlimm genug, gibt es plötzlich auch noch Schlemmerkrapfen mit Leberkäse, Ziegenfrischkäse oder gleich als Burger mit Ketchup und Mayo. Der Missmut, der mich hierbei befällt, passt allerdings eigentlich sehr gut zum ewigen Januar. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Bäcker. Vielleicht gibt’s ja bald noch Schafshodenkrapfen und solche mit Insekten. Eine runde Sache. 

Freitag, 30. Januar 2026

Frau Holle

 

Also ich nehme mal an, die meisten von euch haben es dann doch jetzt langsam mal mitbekommen: Dieses Jahr ist Kommunalwahl, in Übersee regiert ein Verrückter und wenn wir uns alle nicht bald mal zusammenreißen, hier auch demnächst. So viel zur Makroebene. Auf der Mikroebene treibt die hiesige Bevölkerung grade etwas anderes um, nämlich die (Misse-)Taten einer Person, deren Identität zwar bekannt ist, die dennoch aber bislang nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Bei der gesuchten Person handelt es sich um eine Dame betagteren Alters. Sie ist mutmaßlich bekleidet mit Kittel und Haube und gibt sich zu erkennen durch heftiges Betten-Ausschütteln aus Fenstern so unterschiedlicher wie unbekannter Lage. Unregelmäßigkeit und Unkalkulierbarkeit der Missetat erschwert die Ergreifung der Person gehörig, so dass eine unter Hochdruck laufende Fahndung bislang nicht von Erfolg gekrönt war. „Frau Holle“, wie die Täterin sich nennt, treibt also weiterhin ihr Unwesen und sorgt für Schnee, Chaos und Verwehungen. Zumindest sieht es durch die Skibrille des (öffentlichen Nah-)Verkehrs so aus. Doch des einen Leid, des anderen Freud, und so ist neben vielstimmigem Wehklagen auch ein großer Jubel zu vernehmen. Juhu, die Schule fällt aus – ich meine, wer kann schon von sich behaupten, diesen heiligen Satz überhaupt jemals ausgesprochen zu haben (gewisse pandemische Phasen mal ausgenommen), und dann auch noch wegen einer Substanz, die hierzuorts so rar ist wie Fischsemmeln? Komm setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern. Malst Blumen und Blätter – wir haben dich gern! Werfen uns schneeengelnd auf den Boden und gegenseitig Batzen ins Gesicht, stapfen knietief versinkend durch die weiße Innenstadt oder langlaufen zum Supermarkt, formen meterhohe Schneemänner, -frauen und manchmal auch -pimmel, hüpfen auf Zehenspitzen durch schwarz-zerfahrenen Schnodder oder auf Snowboards den Burgberg hinab. Letzterem möchte ich jedoch die Spitze der Besonderheit nehmen, weil: ja gut, in Anbetracht der Schneearmut der letzten Jahre schon nice, keine Frage. Aber früher (als alles noch besser war), nämlich am 1. Dezember 2010, herrschten ganz ähnliche Bedingungen. Es trafen sich vier Freunde am Hauptmarkt, wo sie sich in einem ehemaligen Feinkostrestaurant vier schöne, rote Tabletts liehen und mit diesen gen Norden, sprich burgwärts stapften. Oben angekommen begann ein großer Spaß aus rutschen, schlittern und verunfallen, und während die vier Freunde auf ihren roten Plastikplatten den Berg hinunterrasten, rodelte außenrum auf Tüten, Zelten, Abdeckplanen alles herum, was irgendwie rutschbar war. Die Tabletts waren hinterher zertrümmert und ich weiß seitdem um die vielen Steine und Felsbrocken, die auf dem Burgberg herumliegen … Autsch! Ganz so beeindruckt bin ich also nicht von der aktuellen Nürnberg-Streif. Aber jetzt muss ich schnell raus und dem doofen Nachbarn einen Riesenpimmel aufs Auto formen, bevor alles wieder schmilzt. Frau Holle? Darf ruhig noch ein bisschen schütteln.  

Freitag, 23. Januar 2026

Winterschlaf

 

Hallo, ich möchte euch heute etwas Trauriges sagen. Das ist vielleicht ein bisschen oversharing, aber es geht bestimmt viele von euch an, und wir wissen ja, dass geteiltes Leid für einen selbst auch nichts einfacher macht, aber zu wissen, dass es den anderen auch schlecht geht, macht es irgendwie besser. Jedenfalls die schlechte Nachricht beziehungsweise Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen gewonnen habe, ist folgende: Wir machen ja gar keinen Winterschlaf! Und das, so meine ich, ist ein Fehler. Ein paar Menschen haben das schon erkannt und machen das Spiel einfach nicht mehr mit, sondern hängen „Wir machen Winterschlaf!“-Schilder in ihre Schaufenster und bäm – deal with it! Mir fallen ungefähr exakt genau vier Berufsgruppen ein, die sich dieses Privilegs erfreuen können: Eisdielenbesitzer, Tretbootverleiher, Biergartenwirte und Freibadbetreiber. Denen ist egal, ob ich heut im pinken Paddelschwan eislutschend eine Seefahrt machen möchte, weil es hat zwar Minus zehn Grad, aber die Sonne scheint, weil sie haben jetzt Pause und vor April geht da gar nichts mehr. Und das akzeptiert man ja dann auch einfach so. Ich schätze mal, dass wenn ich einen fünfmonatigen Winterschlaf mit konsequenter Einsatzverweigerung anmelden würde, sich das Verständnis in Grenzen halten hielte. Autoreply im Emailprogramm: „Liebe/r Dings, danke für deine Anfrage, aber ich bin im Winterschlaf und frühestens Mitte März wieder erreichbar. Bis dahin mach doch deine Steuererklärung und Kolumnen selbst. Danke, tschüssi und baba!“ Das wär’s! Ab in die Koje und Habedieehre! Ich war bestens vorbereitet: Schön im November und Dezember von Fett, Zucker und Weißmehl ernährt und entsprechend Polster angereichert, wo man sagt: Da hätte ich bei der jährlichen Fat Bear Week in Alaska gute Chancen auf den Sieg gehabt. Währenddessen habe ich überall in der Wohnung kleine Vorratskammern angelegt wie ein Eichhörnchen, und wie dieses auch viele dieser Verstecke sogleich vergessen. Aber es ist schön, wenn man in einem länger nicht getragenen Stiefel ein Snickers findet, kann ich euch sagen. Für kleine Wachphasen hab ich eine ellenlange Liste Serien, Filme und Dokus angelegt und ausreichende Mengen Bücher verschiedenster Genres vorgehalten. Und mich mit verschiedensten Kissen, Heizdecken und Kuschelobjekten ausstaffiert. Vier, fünf Monate die Wohnung nicht verlassen? Überhaupt kein Problem. Aber genau so, wie es mit 100%iger Sicherheit genau in dem Moment, in dem ich mich für einen Mittagsschlaf ins Bett gelegt habe, an der Tür schellt und ein Paketbote mir was für die Nachbarin aushändigen möchte, zerrt und zupft dieses seltsame Leben auch jetzt an mir herum und lässt mich einfach nicht zur Winterruhe kommen. Steuer hier, Inspektion da, Vollversammlung bla, und, o Graus, Winterspaziergang blubb … Schlaf ich halt im Sommer. Sind ja nur noch … 16, 20 Wochen bis dahin. Gääähn …

Freitag, 16. Januar 2026

Eispeitsche

 

Na, da sind wir ja grade nochmal gut davongekommen mit der sibirischen Eispeitsche, die übers Land gefegt ist und – honi soit qui mal y pense, ihr Schelme – den Gedanken hat aufkommen lassen, es handle sich hierbei um eine Art meteorologische Metapher für gesellschaftliche Schwingungen. Eiseskälte, während lustige kleine Caspars, Balthasars und Melchiore von Tür zu Türe rutschten, um Kreidebuchstaben zu malen. Lustig eigentlich, weil ich glaub, wenn ich dabei erwischt würde, wie ich mit goldenem Umhang und Krönchen trällernd durchs schönste aller Nürnis tingle, um überall ungefragt mein Kürzel zu taggen, stünde schnell mindestens der Ordnungsdienst auf der Matte, um mich am Schlafittchen zum Putzdienst zu schleifen. Aber gut, man hat ja hierzulande traditionell ein gespaltenes Verhältnis zur Fassadengestaltung (s. Graffiti – böse vs. Lüftlmalerei – gut), erstens. Und zweitens weiß ich freilich selbst, dass es sich beim C+B+M nicht um schnöde Namensnennung handelt, sondern um die (zugegebenermaßen sehr kurze) Abkürzung des salbungsvollen „Christus mansionem benedicat“: Christus segne dieses Haus. Wer sich jetzt am Morgenkaffee verschluckt hat wegen Zwangschristianisierung, dem reiche ich gerne eine alternative Übersetzung: Casa mea benedicat – und ob deine Hütte von Christus, Allah oder Benjamin Blümchen gesegnet wird, das kannst du dir dann einfach selbst aussuchen. Also jedenfalls war’s recht kalt, aber das entspricht ja nicht nur der landesweiten Stimmung, sondern dank jüngster Ereignisse auch der städtischen, wo vor wenigen Tagen ein Kind eine Bühne erklomm und der (Nürnberger) Welt sagte, was sie eh schon wusste: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Püüha, das mögen wir nicht so gern. Sehr gerne hingegen mögen wir uns mit Neujahrsvorsätzen beschäftigen bzw. der Nichteinhaltung derselben. Um mich herum wird viel verzichtet, wie es sich gehört freilich auf Süßkram (berichtete die Freundin mit chipsgefüllten Backen), und ich bin mir sicher, dass gestern im Fitnessstudio – sorry: Gym, meine ich, verdächtig viele neue Gesichter mit verdächtig neuen Klamotten anwesend waren. Was machen die eigentlich ab Februar mit ihrem Jahresvertrag? Naja, von irgendwas muss so ein Sportverein ja leben. Eine andere Freundin hat seit zwei Wochen nicht geraucht, dafür aber seitdem den kompletten Hausstand ausgetauscht: Neue Mikrowelle, Küchenutensil, Kunst, Outdoor-Klamotten – es könne sein, so grübelte sie, sie kompensiere Rauchen mit Online-Shopping, und sei sich nicht ganz sicher, wie lange sie das so durchhalten könne. Rauchen anfangen aus finanziellen Gründen – musst du auch erst einmal schaffen. Gefällt mir aber nicht schlecht. Ich hab irgendwie keinen Vorsatz, dabei würde ich so gern einen brechen. Zieh ich mich halt weiter warm an. Wegen der Kälte. Auch der meteorologischen.

Freitag, 9. Januar 2026

Ausruhezeichen

 

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Interpunktionologie-Stunde. Heute: das !. Das „!“ kennen wir alle. Es ist ein Ausrufezeichen, und wir verwenden es oft falsch, meistens aber, um eine Aufforderung oder irgendwas Nachdrückliches, Dringendes zu kennzeichnen. Manchen Menschen ist immer irgendwas ganz besonders dringend, deswegen begnügen sie sich nicht mit einem ! sondern mit ganz vielen !!!!!!! und weil sie dabei im Eifer des Gefechts manchmal nicht nur die Kontrolle über ihren Wortschatz, sondern auch die ihrer Finger über die Tastatur verlieren, schreiben sie dann !!!!!!!!!!!!11, weswegen lustige Menschen manchmal im Scherz „1elf“ oder ähnliches hinter Sachen schreiben, um sie ironisch als wichtig zu markieren. Daraus folgt: Mit diesem höchst stressigen Ausrufezeichen möchte ich nichts zu tun haben !!!!!11elf Deswegen habe ich es flachgelegt. Umgebügelt. Schön aufs Kreuz gelegt. Und dann neben mir aufs Kanapee gebettet. Jetzt sieht das ! aus wie  ▄▄▄  und ja, damit wie der Morsecode für den Buchstaben A. Vor allem aber wird somit aus dem unfassbar anstrengenden, herumbrüllenden, nervtötenden, hektikverbreitenden Stresszeichen etwas ganz Sanftes, Ruhiges. Nämlich ein: Ausruhezeichen. Hier liegen wir zwei Hübschen jetzt also nebeneinander, atmen tief durch und fragen uns, wie um alles in der Welt wir ab spätestens kommender Woche wieder in dieses „Alltag“ einsteigen sollen, von dem wir uns in den letzten Tagen mit großer Anstrengung erholt haben. Also das Ausruhezeichen und ich fragen uns das. Bei euch weiß ich’s ja nicht. Aber ich hör schon viel Schnaufen und Ächzen und Stöhnen um mich herum, weil es war doch ganz schön viel in den letzten Wochen, und dann auch noch die Jahresendfestspiele – püüüüh. Indeed bin ich mit Beendigung derselben in einen tiefen Sozialschlaf verfallen, der es mir unmöglich machte, größere Unternehmungen zu veranstalten als vielleicht einmal in ein Museum hineinzulinsen, ganz zu schweigen von menschlichen Begegnungen, die ich aufs Penibelste vermieden habe. Es war genug! Die Bedürfnispyramide: Liegen, essen, schlafen, lesen, fernsehen. Und dazwischen gelegentlich ein kleiner Schreck: Wie um alles in der Welt soll ich nur in dieses „Alltag“ wiedereinsteigen, wenn ich nicht mehr wie eine dicke Amöbe in der Nährlösung zwischen den Jahren und im namenlosen Nirgendwo der ersten Januarwoche herumdümpeln kann? Zugegeben: Da hat sich dann kurz ein kleines Ausrufezeichen in die ganze Gemütlichkeit gemogelt und wahrscheinlich auch in mein Gesicht. Als das Ausruhezeichen das gesehen hat, hat es mir sogleich zärtlich über die Wange gestrichen und mich beruhigt: „Gemach, gemach“, hat es gesagt und meine Hand getätschelt, es ist ja eine kommode Woche, und außerdem will grad ungefähr niemand aktiver sein als zwingend nötig, weil schließlich sind alle sehr beschäftigt mit Frieren bzw. Vermeidung dieses misslichen Zustandes! Ich bin dem Ausruhezeichen dankbar. So kann das Jahr beginnen!!!1elf

Freitag, 2. Januar 2026

Rauhnächte

 

Eine Frage, die ich und wahrscheinlich viele andere sich in den kommenden Wochen wieder stellen werden: Wie lange darf man sich eigentlich ein „frohes neues Jahr“ wünschen, ohne gegen irgendeine mystische Etikette zu verstoßen? Ich bin da fürs erste aus dem Schneider, denn heute ist der 2. Januar 2026, ich kann mit Stolz behaupten, mich noch kein einziges Mal in der Jahreszahl verschrieben zu haben und ziemlich sicher zu wissen, dass ich heute garantiert schadlos sagen kann: Ein frohes und gesundes Jahr wünsche ich allen, viel Zuversicht und Frieden und Mut! Kurzum: Happy New Year! Oder auch Happy New Yeah, schließlich stehen wir alle nicht nur am Anfang eines neuen Jahres, sondern haben auch eines höchst zweifelhafter Qualität mehr oder minder erfolgreich hinter uns gebracht. Und das, zumindest fühlt es sich für mich so an, in rasender Geschwindigkeit. Mit anhaltend hohem Tempo ist mir jetzt auch das Jahresende um die Ohren geflogen, und weil ich es deshalb umso lieber mit dem bereits zitierten Karl Valentin halte, konzentriere ich mich in den kommenden Tagen auf heidnisches Brauchtum. Nee, keine Stärke antrinken. Das ist zwar oberfränkisches und damit schon auch irgendwie heidnisches Brauchtum, aber nachdem es hierbei darum geht, sich am Abend vor dem 6. Januar mit diversen Alkoholika (pro Monat ein Getränk) die Stärke fürs kommende Jahr anzutrinken, möchte ich mich selbst vor der Enttäuschung schützen, nach zwei kleinen Gläsern Sekt mit Kopfschmerzen auf einer Bank einzuschlummern und mir somit nach Februar eine mittelschwere Schwäche ins Haus zu holen. Lieber halte ich mich an die Rauhnächte – deren Riten lassen sich bequem vom Kanapee aus vollziehen. Seit 25. Dezember läuft diese spezielle Zeit, die sich u.a. dadurch auszeichnet, bestimmte Sachen NICHT zu machen. Wie beispielsweise Wäsche waschen. Hab ich mich dran gehalten. Außerdem aufgeräumt, Schulden beglichen, Kerzen aufgestellt und 13 Wünsche aufgeschrieben und verbrannt. Letzteres lässt sich hervorragend kombinieren mit der Notwendigkeit, tagtäglich die Zimmer zu räuchern, somit die bösen Geister zu vertreiben und mich entsprechenden Aufgaben zu stellen: Zurückblicken, Altes loslassen. Still werden, zur Ruhe kommen. Sich für andere und sein Inneres öffnen. Auf sein Inneres vertrauen. Sich Gutes tun, genießen. Verzeihen, vergeben, Beziehungen heilen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen. Entscheidungen fürs neue Jahr treffen. Impulse prüfen und sortieren. Achtsam werden für das, was ist. Dankbar sein für das, was ist. Ich denke, solcherart durchreflektiert sollte ich weitestgehend gewappnet sein für das kommende Jahr. Wie, das wollt ihr lieber auch sein? Na dann: Vier Nächte habt ihr noch, um aufzuholen. Stärke antrinken könnt ihr euch dann immer noch. Wir schaffen das!