Freitag, 17. April 2026

Urängste

 

Am Wochenende wäre beinahe ein mittelgroßes Malheur passiert. Im Rahmen meiner unilateralen Gesprächstherapie hier möchte ich sogleich meine Erfahrungen teilen, denn das war so: Ein Auto will gewaschen, geputzt und gepflegt werden – vor allem im Autoliebedeutschland eine Beschäftigung, der man gerne am Wochenende nachgeht, um das gute Stück regelmäßig auf Hochglanz zu bringen. Ich bin darin nicht gut, um nicht zu sagen: schlecht, aber so alle Jubeljahre komm ich schon auch mal auf die Idee, nachzuschauen, welche Farbe sich eigentlich unter dem Gatsch aus festzementiertem Streusalz und eingebackenem Blütenstaub verbirgt. Also Waschanlage, und weil Leute immer nicht verstehen, warum ich kein Fan von Achterbahnen & Co. bin: Ich hol mir meinen Thrill in Alltagsbeschäftigungen, beispielsweise einmal jährlich in ebenjener Autodusche. Dieser Vorgang war mir noch nie geheuer. Schwieriges Rangieren zwischen komischen Geleisen, man muss 17-mal prüfen, ob auch wirklich alle Fenster und Dächer geschlossen sind, werden die Scheiben dem Bürstendruck standhalten, wann ist der richtige Zeitpunkt, wieder loszufahren und früher hat man dann am krisseligen Radioton gemerkt, dass die Antenne wohl doch nicht abgeschraubt war. Eine veritable Urangst also. Davon hab ich mehrere, und ich weiß immer nicht, ob das noch normal ist oder schon pathologisch, und ich werde es vermutlich auch nicht herausfinden, weil heutzutage ja alles pathologisch ist und jede Charaktereigenschaft im Therapeuten-Sprech mal schnell beim Abendessen oder in der Norma-Schlange durchdiagnostiziert wird. Weitere Urängste von mir: die Verdurstungsangst (immer Wasser dabeihaben, man weiß nie, was passiert. Ja, auch in der Innenstadt nicht.); die Erfrierungsangst (ein Temperatursturz nach Regen, Sonnenuntergang oder einfach spontan ist selbstverständlich immer möglich, und grade im schönsten aller Nürnis ein Durchfahren verschiedener Klimazonen innerhalb einer Stunde absolut machbar); die In-der-Rutsche-Steckenbleib-Angst (als wäre ich in den letzten 30 Jahren gerutscht … ); die Sonnenstuhl-Zusammenbrech-Angst (besonders heikel kommen mir da diese fiesen, wackligen Liegen daher, bei denen ich nie weiß, wie sie richtig aufgestellt gehören, und dann will man sich im Biergarten hineinbequemen und ZACK! großes Gelächter … Wird aber aktuell abgelöst von der Aus-dem-Sonnenstuhl-nicht-mehr-hochkomm-Angst.); die unbemerkter-Pickel-im-Gesicht-Angst (…); die Mundfäule-Angst (schröckliche Vorstellung!) … Oh, es werden dann doch mehr Urängste, als ich anfangs gedacht hatte. Naja jedenfalls: Ich rein in die Riesendusche, wollte den Schlüssel abziehen und dann gemütlich draußen in der Sonne stehen und warten, bis das Programm durchgelaufen ist. Hab ich also die Tür schonmal geöffnet und dann sind sehr viele Sachen gleichzeitig passiert: 1. Der Autoschlüssel ließ sich nicht abziehen. 2. Die Autotür war offen. 3. Die Waschanlage begann ihr Werk, allerlei Lichter blinkten und erste Wassertropfen sprenkelten die Frontscheibe … Vor lauter Schreck weiß ich nicht mehr ganz genau, was dann passiert ist, aber ich scheine nach einigem hilflosen Schlüssel-Gerüttel auf die Idee gekommen zu sein, geistesgegenwärtig die Tür wieder zu schließen. Das war knapp. Und muss jetzt erstmal wieder reichen für ein Jahr. Meine Angst? Vollkommen berechtigt!

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