Freitag, 27. März 2026

Fit wie ein Schlappen

 

Soeben hat mich eine Nachricht erreicht. Je nachdem, wie alt ihr seid, könnt ihr statt „Nachricht“ auch sagen: DM, PM, ne App, eine SMS oder ein Fax, ganz wie es euch beliebt. Die Nachricht jedenfalls frug: „Na, dann bist du ja fit wie ein Turnschuh?“, nachdem ich zuvor über eine ordentliche Portion Schlaf berichtet hatte. Ich ließ meinen Blick schweifen. Erst sinnend, dann skeptisch. Nämlich als jener Blick auf die (An-)Sammlung zahlreicher Exemplare besagten Schuhwerks fiel. Und abgesehen von den zwei bis sieben Paaren, die geschont werden für besondere Anlässe sowie den weiteren drei bis fünf, die das Tageslicht noch nicht mal gesehen haben sondern in ihren Verkaufsschachteln auf ihren Einsatz warten (jajaja, ich weiß … ), muss ich gestehen: So besonders fit sehen die eigentlich allesamt nicht aus. Eher größtenteils so, dass man sie direkt in eine warme Decke wickeln, ihnen einen frischen Keks und ein Glas Milch in die Hand drücken möchte und sie in ihrem Rollstuhl an ein sonniges Plätzchen schieben, wo sie dann ein bisschen gemütlich vor sich hingucken können, während ich drinnen umräume und den Turnschuhseniorinnen und -senioren das Ausgedinge hübsch und Platz für die Nachkommen mache. Jetzt möchte ich gar nicht ausschließen, dass „fit“ und „Seniorentum“ sich ausschließen – wirklich nicht, bei mir im Sport sind zahlreiche ausgesprochen rüstige Damen, die so manch einen ambitionierten Knaben im Gym ohne Mühe wegschnupfen würden. Aber ob „fit“ und „Turnschuh“ zwingend eine Verbindung eingehen müssen, halte ich schon eher für Unsinn. Woher der Ausdruck kommt, kann selbst das allwissende Internet nur unzureichend erklären, aber es ist vermutlich nur ein Zufall, dass man nicht von „fit wie eine Radlerhose“ spricht, von „fit wie ein Tutu“ oder „fit wie ein Dan“. Ob ich überhaupt fit sein will wie ein Turnschuh weiß ich eh nicht so recht, weil beim Wort erleide ich sofort unfreiwillige olfaktorische Assoziationen, außerdem hat die Zeit gezeigt, dass man nun wirklich nicht mehr sportlich sein muss, um in der Öffentlichkeit Turnschuhe zu tragen, oft sogar ganz im Gegenteil. Was soll das also? Wenn ich mir was aussuchen dürfte, dann wäre ich lieber gerne ein Schlappen. Ich meine, das Wort ist perfekt: SCHLAPPen, da steckt alles drin, was man über einen Menschen wissen muss. Außerdem kann nicht nur jeder Mensch Schlappen ganz vorzüglich tragen, sondern ungefähr jeder LIEBT sie auch noch – steht denn irgendwas auf dieser Welt besser stellvertretend für Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Berghütte und Erholung? Ja gut, „Puschen“ womöglich, aber da steckt mir schon wieder zu viel Stress drin: Push push push! Mit dem Schlappen kann ich mich also gut identifizieren, da hängt direkt eine Decke dran, ein Kanapee, Tee und alles, was man für spontane Kälteeinbrüche braucht. Turnschuhe? Später dann wieder.

Freitag, 20. März 2026

Seltsame Teile

Die sogenannten „Exit“-Games, die sich seit circa fünf Jahren größter Beliebtheit erfreuen, muss man wahrscheinlich keinem mehr erklä… Oh, muss man doch? Na gut: Es gibt eine rudimentäre Rahmengeschichte (Weltall, Hexenhaus, Schlossverließ), die stets besagt, dass man irgendeine Art von Problem hat (Räuber, Explosionsgefahr, Einkauf vergessen). Mithilfe von Schläue und Kombinationsgabe muss man sich dann aus der Situation hinausrätseln. Es gibt aber immer wieder Hinweise und Hilfsmittel, die das erleichtern, und darunter sind stets sogenannte „seltsame Teile“. Die sind meistens wirklich sehr seltsam, und es erschließt sich für gewöhnlich erst im Spielverlauf, worum es sich bei dem Gegenstand (Plastikedelstein, Schaschlikspieß, Spinnenfigur) handelt. Ich fühle mich diesen seltsamen Teilen irgendwie freundschaftlich verbunden. Vielleicht, weil ich mich auch oft wie so eine Seltsamkeit fühle. Vor allem aber, weil seltsame Teile jeglicher Art überall in der Gegend herumliegen und mich zuweilen aufs Äußerste beschäftigen. Zum Beispiel einzelne Schuhe am Straßenrand. Hosen in Hecken. Oder eine lilafarbene Stola (diese Art Jesus-Fan-Schal, den vor allem katholische Geistliche über dem Talar tragen), die mir einst traurig vom Boden entgegenblickte. Ich blieb damals vor der Stola stehen, betrachtete lange den irgendwie rührenden Stoffknödel auf dem Boden und fragte mich: Was mag hier wohl passiert sein? Was ist die Geschichte dahinter? Wenn man mit ein bisschen geöffneten Augen durch die Gegend läuft, findet man viele solcher seltsamen Teile, und manchmal mach ich mir den Spaß und strick selbst die Geschichte dazu. Schuh verloren auf der Flucht vor dem Finanzamt? Hose vergessen nach einem ausgiebigen Bad im Brunnen? Stola vom Leib gezerrt, weil der Geistliche seine große Liebe vor der Norma getroffen und darob beschlossen hat, sein Leben zu ändern? Man wird es nicht erfahren, und umso neugieriger macht mich das. Es gibt noch andere seltsame Teile, die sich nicht im öffentlichen Raum, sondern insbesondere in meiner Küche befinden, und vielleicht sollte ich die alle mal einpacken und zu dieser Fernsehshow gehen, wo die Kandidaten den Zweck unbekannter Gegenstände erraten müssen. Lange gerätselt haben wir über eine Sache, die gemeinsam mit einer Knoblauchpresse den Haushalt bezog: ein wirklich seltsames grünes, röhrenartiges Gummiteil, das erstmal sehr lange mit anderen seltsamen Teilen, deren Verwendungszweck sich auf den ersten Blick so gar nicht erschließt (beispielsweise ein Burger-Patty-Former), in einer Schublade vergammelte, bis der Zufall uns erklärte, dass es sich hierbei um ein Ding zum Knoblauchschälen handelt. Ein anderes Teil ist mir grade wieder ins Auge gestochen: eine Art Kunststofftablett, über das eine dünne, extrem dehnbare Folie in einem Aufklapprahmen befestigt ist. Ich habe bis heute nicht begriffen, was das ist und woher es kommt. Wegwerfen kann ich es aber auch nicht. Lieber steh ich jeden Tag davor und rätsele über seine Bestimmung. Ideen, Geschichten und Exit-Strategien am Start? Dann immer her damit! 

Freitag, 13. März 2026

Wollsplitt

Ich habe nach der vorletzten Kolumne eine Rüge von meinem Aufsichtsratsvorsitzenden bekommen. Der Rat besteht aus einer einzigen Person, die mit gerechter Strenge über mich wacht und meine Tage mit wohlwollenden Bemerkungen als Stimme aus dem Off (manchmal auch aus dem On) begleitet: Hast du heute überhaupt genug Wasser getrunken? Wann kümmerst du dich eigentlich um die Zuzahlungsbefreiung? Gibt es schon einen Termin in der Autowerkstatt? Das mag jetzt erstmal seltsam klingen, aber immerhin handelt es sich bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden (ARV) um eine sehr reelle Person und nicht um eine Siri oder gar einen selbstgebauten Avatar, den mit diesen könnte ich nicht so herrlich diskutieren und mich mit geschickter Rhetorik aus der Affaire mogeln. Außerdem ist mir schon die Bezeichnung sympathisch, enthält sie doch quasi ausschließlich Silben, die jede für sich etwas Nettes bedeuten: Auf-sichts-rats-vor-sit-zen-der. Naja, immerhin kommt „Zen“ darin vor, und davon brauch ich viel im Umgang mit ihm. „Du hast“, zürnte der Hauswirtschaftsweise also, „in der letzten Kolumne gelogen!“ – „Ich?! Nein, niemals! Ich schwöre die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“ und dabei eventuell heimlich hinter dem Rücken die Finger gekreuzt. Aber ähm ein trockener Schokoladenkuchen bleibt schließlich ein trockener Schokoladenkuchen, auch wenn man ihn mit Tonnen von Fondant, Buttercreme und Marzipan dekoriert! „Du hast aber geschrieben, dass unsere ganze Wohnung komplett mit Rollsplitt bedeckt ist, und das stimmt doch überhaupt nicht!“, schimpfte der ARV weiter. „Aber es stimmt doch sehr wohl, dass überall diese schwarzen Klumperl herumfliegen. Schau halt!“ versuchte ich mich weinerlich zu wehren und gestikulierte dabei wahllos in Richtung verschiedenster Raumecken. „Nein, das stimmt nicht. Mindestens die Hälfte davon ist gar kein Rollsplitt. Höchstens vielleicht: WOLLsplitt!“ Da war ich baff. Und sogleich überzeugt, denn er hat recht. Während der Rollsplitt seinen natürlichen Lebensraum vorzugsweise im Flur, angrenzenden Flächen und Ecken pflegt, sind die Wollsplittknödel absolut und überall dort, wo sich ein Mensch nur aufhalten kann, sei es gehend, stehend, sitzend oder liegend. Schuld daran mag ein wohnungsintern intensiv kultivierter Hang zur Wollsocke sein, die traditionell über käseweiße Mauken gestülpt werden, sobald das Haus betreten und das Tagwerk vollbracht ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gehaust wird, da fallen Wollknötchen. Ein Glück, dass das alles bald vorbei ist und wir mit blanken Füßen den Straßendreck wieder direkt in unsere Schlappen schaufeln können. Wie sich das anfühlt, probieren der ARV und ich grade übrigens schon für euch aus: Sehr sandig hier, aber gar nicht mal so übel. Viele Grüße aus dem Urlaub! 

Freitag, 6. März 2026

Bärtierchen

 

„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000 Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren, mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern, der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat. Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.