Freitag, 1. Mai 2026

Meteoropathie

 

Fremdwörter machen das Leben nicht leichter, aber schöner. Zumindest für diejenigen, die sie benutzen (können) und darob im besten Falle auch verstehen. Für die anderen Sprecher nicht so sehr, deswegen muss man immer ein bisschen aufpassen beim Verwenden der schönen Vokabeln, dass man damit seinem Gegenüber nicht ganz gewaltig auf den Schlips tritt. Oder aber man möchte dem Gegenüber sehr gerne ganz gewaltig auf den Schlips treten und verwendet extra viele schöne Wörter, um den anderen möglichst doof dastehen zu lassen. Was ich natürlich nie machen würde. Dennoch habe ich hier just ein paar neue Kandidaten, die wirklich hervorragend geeignet sind, um sich möglichst, Achtung, distinguiert hervorzutun, sprich: als prahlerisches Arschloch zu erkennen zu geben. Besonders wichtig bei der Benutzung von Fremdwörtern ist, dass es eine astreine Alternative auf Deutsch gäbe, aber man lieber dennoch zum, Achtung, elaborierten Worte greift. Ich habe überlegt, euch öfter mal eine kleine Handreichung anzufertigen, damit auch ihr als feine Prahlköpfe durch die Welt, Achtung, kontemplieren könnt. Als da wäre: ephemer (flüchtig, nur kurze Zeit bestehend: Meine Liebe zu dir war ephemer.), konzis (kurz gefasst, prägnant: Wasi, sei doch in der Kolumne mal konzis!), perzipieren (wahrnehmen, bemerken: Perzipierst du auch diesen Lebkuchen-Gestank in der Nordstadt?), ambig (zweideutig: Also für mich klang die Zahlungsaufforderung vom Finanzamt recht ambig.) und Aporie (Ausweglosigkeit, unlösbarer Widerspruch: Mir scheint, als handle es sich bei der genannten Deadline um eine Aporie!). Nach dieser kleinen Aufwärmübung können wir jetzt zum eigentlichen Problem des Tages kommen, das da wäre: Ich habe ein schweres Leiden entwickelt in den vergangenen Jahren. Das Leiden geht einher mit bleierner Müdigkeit, Schädelweh, unbezwingbarer Schwäche und maximal gesteigertem Schlafbedürfnis, sprich es macht mich quasi lebensunfähig und das gerne an Tagen, an denen von der Menschheit eine große Lebensfähigkeit vorausgesetzt wird. Klingelt bei mir dann das Telefon, hebe ich mit größter Mühe den Hörer ab (also ich drück halt den grünen Knopf) und hauche in diesen mit durchsichtiger Stimme „Ich kann nicht, ich habe schlimme Metereopathie!“ völlig unabhängig davon, was der Anrufende von mir gewollt haben könnte. Gelegentlich kommt es auch vor, dass ich brutal miese Laune habe und freundlichen Worten oder Gesten blumenstraußzerreißend ein „WAS SOLL MIR DAS JETZT HELFEN MIT MEINER SCHLIMMEN, SCHLIMMEN METEREOPATHIE?!“ die Tür weise. Schlimme Krankheit, kann man nichts machen. Ganz besonders nicht gestehen, dass es sich bei der spezialschlimmen Krankheit um eine simple Wetterfühligkeit handelt, bei der es helfen könnte, sich einfach mal ein bisschen zusammenzureißen … Sehr distinguiert, n’est-ce pas?