Freitag, 5. Juni 2026

Katerstimmung

 

Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus! Lasst uns also fröhlich sein, solange wir jung sind – ich finde das eine beachtliche Leistung an vernünftiger Vorausschauung für einen jungen Menschen. Oder an feiner Beobachtung der Älteren. Zumindest, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um einen uralten Trinkspruch handelt, der ganz sicher keine fünftägige Fastenkur eingeleitet hat und mutmaßlich auch kein Achtsamkeitsseminar, sondern irgendwas, das mit sehr viel Wein oder gar, o Schreck, Stärkerem einherging. Weil schwerer Kater hin oder her – so richtig kann man sich’s ja wohl nicht vorstellen, WIE schlimm so ein schlimmster Kater der Welt wirklich sein kann, wenn man erst das entsprechende Alter dafür erreicht hat. „Das kann doch wirklich nicht sein, dass ich gestern EIN Bier getrunken hab und EIN kleines Glas Prosecco und heut einen dermaßenen Schädel beinander hab und so kaputt bin“, klagte zuletzt ein Lieblingsmensch und schluchzte heiser ins Telefon. Was gut war (Telefon), weil da hat er mich nicht mitleidig grinsen sehen können. Besagter Mensch zählt nämlich trotz dessen er zehn Jahre jünger ist als ich auch keine 20 Lenze mehr, was er zu gern vergisst und unbekümmert seine ewige Jugend preist. Ich bin längst in dem Alter angekommen, in dem die meisten erkannt haben, dass Alkoholgenuss nur durch straffes Training oder heftige Enthaltsamkeit zu machen ist. Ich kenne beide Parteien, und finde, dass ich deshalb sowohl mitfühlen als auch ordentlich lästern darf. So ein Festival beispielsweise. Da bist du früher mit einem Dosenbier in der Hand und bereits drei im Gesicht lustig eingetanzt, hast dann fröhlich durchgebechert, am kommenden Vormittag einmal schmerzhaft das Gesicht verzogen, weitergemacht, Tag drei dann bereits mit etwas schmerzhafter verzogenem Gesicht begonnen, dich dann aber pflichtbewusst in dein Schicksal gefügt und bist wie durch ein Wunder am Montagmorgen auf deinem Werkstudenten- oder Uni-Hocker erschienen. Zumindest körperlich. Heute? Undenkbar. Schon allein die Erinnerung an derart exzessive Tage bereitet mir ein grauenhaftes Unwohlsein (und ungläubiges Kopfschütteln). Würde ich das heute nochmal so machen, ich wäre vier Wochen krank. Fünf Tage Bierfest? 14 Tage Berg? Extraterrestrisch absurd! Heute gehen (meine) Menschen nur in Lokale, von deren Weißwein sie keine Histaminallergie bekommen, schlucken vor dem Einschlafen mehr Bullrich Salz als Alkohol, wissen unter 58439257 Biersorten exakt, von welchem sie Sodbrennen bekommen, können „Zwischenwasser“ so selbstverständlich aussprechen wie „Ein Achterl noch, bitte“ und pünktlich um 22 Uhr nach Hause gehen. Na gut, wir mussten das auch alle erstmal lernen. Aber weil wir wissen, wie’s laufen kann, lautet unser Trinkspruch anders: „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ So gesehen: Prösterchen! Auf die Viertagewoche!