Freitag, 26. Juni 2026

Gestank

 

Jemand Bock auf Eintopf? Nein danke, ich auch nicht. Ganz grundsätzlich nicht und jetzt schon gleich dreimal nicht, weil wer kann denn bitte grade irgendwas anderes essen als Wassermelone, kalte Gurkensuppe, Joghurt oder Kirschen (Pluspunkt hier: Kirschkernweitspucken vertreibt Langeweile und erhöht massiv die Achtung, die kleine Kinder vor einem haben)? Ja ok, ich weiß, dass es sie gibt. Diese extraterrestrischen Wesen beispielsweise, die sich zur Mittagspause bei 40 Grad mal schön Döner gönnen, romantisch und luftig an der Hauptstraße unter fadenscheinigen Sonnenschirmen, und dazu bereitwillig zur olfaktorischen Kacka- äh Kakophonie beitragen, die derzeit in den Straßen herrscht. Es. Stinkt. Nach schmelzendem Teer und in Altglascontainern und Mülleimern vor sich hin köchelndem Unrat. Nach Füßen und Achseln. Nach Menschen, die immer noch nicht mitgeschnitten haben, dass Jil Sander „Sun“, Joop „Homme“ und Gaultier „Le Male“ seit 35 Jahren verboten gehören und, zumal im Glutsommer getragen, einen Verstoß gegen die (meine) Menschenwürde darstellen (ganz zu schweigen von jedem Deo, auf dem „Impulse“ zu lesen ist). Nach Surströmming oder jedem beliebigen Gammelfisch in einem Radius von fünf Kilometern um gewisse stehende Gewässer herum.  Gottlob war die Luft zuletzt erfüllt von Petrichor – der typische Geruch, der entsteht, wenn es auf glühendheißen Boden regnet. Aber ich kann euch sagen: Selbst Regen und Petrichor können den Höllengestank einer seit mehreren Tagen in der Sonne verwesenden Schlange nicht vertreiben (ob es hier Schlangen gibt, die 1,50m lang und 5cm breit sind? Ja, gibt es. Also jetzt halt eine weniger.). Der Eintopf, schön mit Speck und Würstln, würde sich also rein geruchstechnisch prima hineinschmiegen in den großen Stink, und da muss ich sagen: So gesehen füg ich mich da ganz gut ein. Weil ich bin Eintopf. Oder Rührei oder was auch immer aus einem Wesen wird, das aus 20 Prozent Eiweiß besteht und zu 65 aus Wasser? Ich bin sozusagen mein eigener Dampfkochtopf: Während das Wasser sich schön langsam zu erhitzen beginnt, stockt das Eiweiß erst zu kleinen Flöckchen und dann zu großen Batzen, die mir das Leben und Denken erschweren. „Schonend Garen“ geht glaub ich anders. Ich wäre gern ein Erdferkel, das tief im Boden der Kühle harrt. Zumindest magisch angezogen werde ich von U-Bahn-Eingängen und solchen, die in eine Tiergarage hinabführen, und es könnte sein, dass ich eventuell im Supermarkt ein bisschen zu lange bei geöffneter Türe vor den Joghurts stehe und nur so tue, als würde ich angestrengt auswählen. Ergibt das alles hier irgendeinen Sinn? Nein? Ok tut mir leid, besser wird’s nicht. Ich muss eh gleich aufhören, um den Kopf wieder in den Kühlschrank zu legen, das Gesicht wohlig in eine Melonenhälfte gekuschelt, tiefe Atemzüge aus dem Pflücksalat nehmend. Das duftet wenigstens.

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