Dinge, von denen ich wusste, dass sie schmelzen können:
Eisberge. Tiefgefrorener Fisch in der Kühltruhe, wenn man diese versehentlich
für zwei Wochen vom Strom nimmt und in den Urlaub fährt (ergibt nicht nur eine
Riesensauerei, sondern auch etwas, das mutmaßlich unter dem Begriff
„infernalischer Gestank“ zu verstehen ist). Schokoladeneis in Kindergesichtern.
Abbrennende Kerzen. Zuneigung. Verzückte Herzen. Blei auf einem Löffel zu
Silvester. Käse auf der Pizza im Ofen. Schnee, den man an den Stiefeln in die
Wohnung trägt. Fettpölsterchen (aber nur angeblich, und wenn dann garantiert
immer die an der falschen Stelle). Das alles hat man im Laufe seines Lebens so
gelernt und als gottgegeben hingenommen. Neuerdings werde ich da aber noch um
ein paar Erfahrungen reicher, und in Anbetracht dessen, wie sich mein Gehirn
grade anfühlt, fällt mir ein, dass ich noch was nachschlagen wollte. „Das
menschliche Gehirn hat einen Proteingehalt von etwa 7 bis 10 Prozent bezogen
auf das Frischgewicht (bzw. ca. 30 bis 40 Prozent des Trockengewichts ohne
Wasser)“ steht im Internet, und dass Wasser bis zu 78 Prozent des Gesamtanteils
ausmachen kann. Weiters ist zu lesen: „Die meisten Proteine denaturieren bei
Temperaturen zwischen 40 °C und 80 °C. Ab ca. 40 bis 45 °C verlieren viele
empfindliche Proteine […} ihre Funktion.“ Und da soll sich noch irgendjemand
über irgendwas wundern? Mein Gehirn befindet sich also in einer Art
Schmelzzustand, was so einiges erklärt. Allerdings erklärt es auch, warum sich
auch viele andere Menschen bei den Temperaturen so seltsam verhalten, wie sie
es tun – beispielsweise die ältere Dame gestern beim Einkaufen, die mir ihren
Unmut über das Wetter, ihr Leben und meine Existenz dadurch mitteilte, dass sie
mit ihrem Einkaufswagen mehrfach derart von hinten den meinigen rammte, dass
dieser mich mehrfach empfindlich in der Achillesferse traf. Auf meine
freundliche Frage, was jetzt dieses Geschubse soll, glotzte sie mich nur blöde
an. Ich verzeihe ihr. Denn: alles schmilzt. Während das neulich die Straßenbahnbetriebe
so langsam vor sich hin verstanden haben, hatte ich schon längst allerlei
andere Schmelzvorgänge im staunenden Blick. Der Fahrradgriff, zu lange der
Sonne ausgesetzt: schmilzt und klebt. Sämtliche Parkausweise, von Presseschild
bis laminierter Anwohnerausweis: schmelzen in der Windschutzscheibe zu ebenso
modernen Skulpturen wie die Kerzen, die in der vermeintlich kühlen Wohnung
stehen. Jetzt, am jüngst vergangenen neuen Hitzerekordtag, konnte ich eine neue
Beobachtung machen: mein Schatten kann auch schmelzen! Ganz langsam hat er sich
in der sirrenden Luft aufgelöst und mit einem leisen Seufzen über den glühenden
Asphalt erhoben. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort. Am besten einem
kühlen.