Freitag, 28. August 2026

Zeugnisse

 

Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren, erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2. Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann, bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“ nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“ konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“ schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden, in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht. Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!

Freitag, 21. August 2026

Insektenfreundlich

 

Ich war grade auf meinem Balkon. Solche Ausflüge sind aktuell möglich, was mich sehr freut, zerfiel man zuletzt doch beim Betreten desselben in Windeseile zu einem wimmernden Häufchen Asche; grad so, als sei Dracula persönlich versehentlich ins Sonnenlicht getreten. Südbalkon – des einen (Wüstenbewohner, Hautkrebsunbelehrbare, Masochisten) Freud, des anderen (ich, ich, ich) Leid. Ganz oben auf der Liste der Nachteile steht die Bepflanzung, zumindest wenn man nicht ausschließlich Sukkulenten, also Kaktusse, oder Dörrobst zur Zierde haben mag. Nach zehn floralbotanisch eher enttäuschenden Saisonen, in denen ich herausgefunden habe, dass nicht alles, was Sonne mag, auch Dauersonne mag, und nicht alles, was angeblich hitzebeständig ist, auch infernalischen Dauerheißbeschuss liebt, scheine ich momentan durch gärtnerisches Geschickt (und womöglich einen Hauch von Zufall) eine Pflanzenkomposition entdeckt zu haben, die mit allen ungünstigen Rahmenbedingungen klarkommt und fröhlich dauerblühend die Balkonkästen überwuchert. Freilich kommen wir auch dieses Jahr nicht ohne Learning aus, und das heißt in diesem Fall: Nicht alles, was „insektenfreundlich“ heißt, zieht Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und sonstiges flauschig-gefälliges Getier an. Folglich sirren und schwirren zwischen gelben Puscheln und pinker Pracht Milliarden winziger schwarzer Fliegen, die sich an Gott weiß was laben und des Lebens freuen. Ich beiße die Zähne zusammen – zum einen, um beim Betreten des Balkons nicht unfreiwillig eine schöne Portion Insekten wie ein Wal aufzuschaufeln. Zum anderen, weil ich ja natürlich weiß: Es gibt keine gute und schlechte Fauna, sondern nur gute, und jedes Tierchen hat einerseits sein Plaisierchen, andererseits seinen Nutzen in der Nahrungskette oder was weiß ich wo. Weil angeblich sehr gut geeignet für vollsonnige Balkone gegen Süden hin hab ich selbstverständlich längst probiert, auch hier meinem verklärten Hang zum Südbayerischen Rechnung zu tragen und den Balkon wie es sich in der Heimat gehört mit gigantischen Wolken farbexplosiver Geranien und Petunien zu schmücken, auf dass ein jeder, der unten vorbeigeht, beim Blick nach oben ein imponiertes Seufzen von sich gebe. Im Resultat hatte ich magere Stiele, an denen einsame Blüten tapfer vor sich hin dörrten, um schließlich geschwächt zu Boden zu fallen. Keine Spur von riesigen Blütenkissen, und nach dem dritten Versuch hab ich eingesehen, dass es mir einfach nicht gegeben ist. Zur Sicherheit war ich letzte Woche mal wieder im gelobten Land und hab mir zwischen Schlier- und Tegernsee noch einmal diese mutmaßlich bürgermeisterlich verordnete Pracht genauer angesehen. Meine Vermutung: Es bedarf eines hölzern-ziergeschnitzten Balkons, eines kapitalen Geweihs und einer ordentlichen Lüftlmalerei, um Geranien & Co. zur vollen Pracht zu bringen. Projekt fürs kommende Jahr steht also fest.

Freitag, 14. August 2026

Birkis

 

Es muss über hundert Jahre her sein – na gut, vielleicht auch nur so vierzig, als sich eine der dramatischsten und einschneidensten Erfahrungen meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Dem vorausgegangen waren Wochen, wahrscheinlich Monate heftiger Diskussionen mit meinen Eltern zum Thema „Alle machen XY, nur ich armes Ding muss Z!“ Ein Thema, dass sich ohnehin durch meine ersten Jahre zieht, weil als Kind sehr reflektierter und informierter Akademiker hat man in der lustigen Welt der Moden, Trends und Pflichten junger Menschen wirklich kein ganz so gutes Standing. Ich hatte Latzhose statt Ballonkleid, Holztiere statt Barbies und immerzu die falschen Schuhe. Während alle wunderschönen rosa Pferdemädchen mit lang schwingender Zopffrisur und Glitzer die Welt um den kleinen Finger wickelten, stand ich mit Skateboard und dreckigen Fingernägeln daneben und hab mich a) gefragt, warum ich nicht so verzaubere und b) wieso diese Weiber eigentlich so doof sind und ich trotzdem ihre Freundin sein wollte, und wurde auf dem Nachhauseweg verprügelt, weil ich nicht wusste, dass Frauen sich die Augen mit Buntstiften anmalen und welche Plottwists sich beim wochenendlichen Fernsehprogramm ereignet hatten. Ich wollte auch rosa Riemchenballerinas haben mit schöner Spitze vorne und gelbe Mokassins ohne Fußbett, trug aber (aus heutiger Sicht hammercoole) adidas-Sneakers und irgendeinen absolut unförmigen Latschen aus Leder und Kork, der eine vollkommen unelegante Fußform zeigte und wegen dem ich als „Öko“ beschimpft und gleich nochmal geschubst wurde. Meine Eltern blieben weitestgehend standhaft, und irgendwann schleiften sie mich in ein Geschäft, das bis zur Decke voll war mit den hässlichsten Schuhen der Welt. Es gab sie in ungefähr drei Farben (weiß, schwarz, blau), circa drei gängigen Modellen (ein Riemen, zwei Riemen, geschlossen), und ganz selten konnte man Sondermodelle beispielsweise an Nonnenfüßen entdecken. In dem Laden hatte ich eine sinnstiftende Erkenntnis. Hier hing ein Plakat, das zeigte, wie sich ein Fuß in spitzen Schuhen bös verformen muss und, gleich daneben, die luftige, gesunde Weite, die der Gruselschuh dem Fuß bereitet. Fortan bekam ich Angst vor bösem Fuß und trug die Schuhe artig, die ungefähr 35 Jahre später als „Birkis“ zurück in mein Leben gekommen sind. Also eher in euer, weil ich hab sie ja durchgetragen. Jetzt mag man von der Verbirkenstockung ganzer Landstriche halten, was man will, auch vom Wechsel vom Öko- zum Highfashion-Segment. Doch eins muss man diesen Schuhen lassen: Selbst der gesündeste Öko-Schuh wird von derzeitigen Fußklimata gnadenlos in die Knie gezwungen. Wo man geht und steht duftelt’s nach dieser besonderen Mischung aus Käse, Kork und Leder, und ich will gar nicht wissen, wie es sich eigentlich so in der Plastikvariante durch die Tage schwimmt. Immerhin: Im Gegensatz zu allen Hallux‘- und sonstigen Deformationen, die im Sommer zum Vorschein kommen, schmiegen sich meine Zehen in perfekt-gesunder Reihe in die Form des Schlappen. Danke, Eltern!

Freitag, 7. August 2026

Große Schmelze

 

Dinge, von denen ich wusste, dass sie schmelzen können: Eisberge. Tiefgefrorener Fisch in der Kühltruhe, wenn man diese versehentlich für zwei Wochen vom Strom nimmt und in den Urlaub fährt (ergibt nicht nur eine Riesensauerei, sondern auch etwas, das mutmaßlich unter dem Begriff „infernalischer Gestank“ zu verstehen ist). Schokoladeneis in Kindergesichtern. Abbrennende Kerzen. Zuneigung. Verzückte Herzen. Blei auf einem Löffel zu Silvester. Käse auf der Pizza im Ofen. Schnee, den man an den Stiefeln in die Wohnung trägt. Fettpölsterchen (aber nur angeblich, und wenn dann garantiert immer die an der falschen Stelle). Das alles hat man im Laufe seines Lebens so gelernt und als gottgegeben hingenommen. Neuerdings werde ich da aber noch um ein paar Erfahrungen reicher, und in Anbetracht dessen, wie sich mein Gehirn grade anfühlt, fällt mir ein, dass ich noch was nachschlagen wollte. „Das menschliche Gehirn hat einen Proteingehalt von etwa 7 bis 10 Prozent bezogen auf das Frischgewicht (bzw. ca. 30 bis 40 Prozent des Trockengewichts ohne Wasser)“ steht im Internet, und dass Wasser bis zu 78 Prozent des Gesamtanteils ausmachen kann. Weiters ist zu lesen: „Die meisten Proteine denaturieren bei Temperaturen zwischen 40 °C und 80 °C. Ab ca. 40 bis 45 °C verlieren viele empfindliche Proteine […} ihre Funktion.“ Und da soll sich noch irgendjemand über irgendwas wundern? Mein Gehirn befindet sich also in einer Art Schmelzzustand, was so einiges erklärt. Allerdings erklärt es auch, warum sich auch viele andere Menschen bei den Temperaturen so seltsam verhalten, wie sie es tun – beispielsweise die ältere Dame gestern beim Einkaufen, die mir ihren Unmut über das Wetter, ihr Leben und meine Existenz dadurch mitteilte, dass sie mit ihrem Einkaufswagen mehrfach derart von hinten den meinigen rammte, dass dieser mich mehrfach empfindlich in der Achillesferse traf. Auf meine freundliche Frage, was jetzt dieses Geschubse soll, glotzte sie mich nur blöde an. Ich verzeihe ihr. Denn: alles schmilzt. Während das neulich die Straßenbahnbetriebe so langsam vor sich hin verstanden haben, hatte ich schon längst allerlei andere Schmelzvorgänge im staunenden Blick. Der Fahrradgriff, zu lange der Sonne ausgesetzt: schmilzt und klebt. Sämtliche Parkausweise, von Presseschild bis laminierter Anwohnerausweis: schmelzen in der Windschutzscheibe zu ebenso modernen Skulpturen wie die Kerzen, die in der vermeintlich kühlen Wohnung stehen. Jetzt, am jüngst vergangenen neuen Hitzerekordtag, konnte ich eine neue Beobachtung machen: mein Schatten kann auch schmelzen! Ganz langsam hat er sich in der sirrenden Luft aufgelöst und mit einem leisen Seufzen über den glühenden Asphalt erhoben. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort. Am besten einem kühlen.