Ich war grade auf meinem Balkon. Solche Ausflüge sind
aktuell möglich, was mich sehr freut, zerfiel man zuletzt doch beim Betreten
desselben in Windeseile zu einem wimmernden Häufchen Asche; grad so, als sei
Dracula persönlich versehentlich ins Sonnenlicht getreten. Südbalkon – des
einen (Wüstenbewohner, Hautkrebsunbelehrbare, Masochisten) Freud, des anderen
(ich, ich, ich) Leid. Ganz oben auf der Liste der Nachteile steht die
Bepflanzung, zumindest wenn man nicht ausschließlich Sukkulenten, also Kaktusse,
oder Dörrobst zur Zierde haben mag. Nach zehn floralbotanisch eher
enttäuschenden Saisonen, in denen ich herausgefunden habe, dass nicht alles,
was Sonne mag, auch Dauersonne mag, und nicht alles, was angeblich
hitzebeständig ist, auch infernalischen Dauerheißbeschuss liebt, scheine ich momentan
durch gärtnerisches Geschickt (und womöglich einen Hauch von Zufall) eine
Pflanzenkomposition entdeckt zu haben, die mit allen ungünstigen
Rahmenbedingungen klarkommt und fröhlich dauerblühend die Balkonkästen überwuchert.
Freilich kommen wir auch dieses Jahr nicht ohne Learning aus, und das heißt in
diesem Fall: Nicht alles, was „insektenfreundlich“ heißt, zieht Bienen,
Hummeln, Schmetterlinge und sonstiges flauschig-gefälliges Getier an. Folglich
sirren und schwirren zwischen gelben Puscheln und pinker Pracht Milliarden
winziger schwarzer Fliegen, die sich an Gott weiß was laben und des Lebens
freuen. Ich beiße die Zähne zusammen – zum einen, um beim Betreten des Balkons
nicht unfreiwillig eine schöne Portion Insekten wie ein Wal aufzuschaufeln. Zum
anderen, weil ich ja natürlich weiß: Es gibt keine gute und schlechte Fauna,
sondern nur gute, und jedes Tierchen hat einerseits sein Plaisierchen,
andererseits seinen Nutzen in der Nahrungskette oder was weiß ich wo. Weil
angeblich sehr gut geeignet für vollsonnige Balkone gegen Süden hin hab ich
selbstverständlich längst probiert, auch hier meinem verklärten Hang zum
Südbayerischen Rechnung zu tragen und den Balkon wie es sich in der Heimat
gehört mit gigantischen Wolken farbexplosiver Geranien und Petunien zu
schmücken, auf dass ein jeder, der unten vorbeigeht, beim Blick nach oben ein
imponiertes Seufzen von sich gebe. Im Resultat hatte ich magere Stiele, an
denen einsame Blüten tapfer vor sich hin dörrten, um schließlich geschwächt zu
Boden zu fallen. Keine Spur von riesigen Blütenkissen, und nach dem dritten
Versuch hab ich eingesehen, dass es mir einfach nicht gegeben ist. Zur
Sicherheit war ich letzte Woche mal wieder im gelobten Land und hab mir
zwischen Schlier- und Tegernsee noch einmal diese mutmaßlich bürgermeisterlich
verordnete Pracht genauer angesehen. Meine Vermutung: Es bedarf eines
hölzern-ziergeschnitzten Balkons, eines kapitalen Geweihs und einer
ordentlichen Lüftlmalerei, um Geranien & Co. zur vollen Pracht zu bringen.
Projekt fürs kommende Jahr steht also fest.
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