Freitag, 14. August 2026

Birkis

 

Es muss über hundert Jahre her sein – na gut, vielleicht auch nur so vierzig, als sich eine der dramatischsten und einschneidensten Erfahrungen meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Dem vorausgegangen waren Wochen, wahrscheinlich Monate heftiger Diskussionen mit meinen Eltern zum Thema „Alle machen XY, nur ich armes Ding muss Z!“ Ein Thema, dass sich ohnehin durch meine ersten Jahre zieht, weil als Kind sehr reflektierter und informierter Akademiker hat man in der lustigen Welt der Moden, Trends und Pflichten junger Menschen wirklich kein ganz so gutes Standing. Ich hatte Latzhose statt Ballonkleid, Holztiere statt Barbies und immerzu die falschen Schuhe. Während alle wunderschönen rosa Pferdemädchen mit lang schwingender Zopffrisur und Glitzer die Welt um den kleinen Finger wickelten, stand ich mit Skateboard und dreckigen Fingernägeln daneben und hab mich a) gefragt, warum ich nicht so verzaubere und b) wieso diese Weiber eigentlich so doof sind und ich trotzdem ihre Freundin sein wollte, und wurde auf dem Nachhauseweg verprügelt, weil ich nicht wusste, dass Frauen sich die Augen mit Buntstiften anmalen und welche Plottwists sich beim wochenendlichen Fernsehprogramm ereignet hatten. Ich wollte auch rosa Riemchenballerinas haben mit schöner Spitze vorne und gelbe Mokassins ohne Fußbett, trug aber (aus heutiger Sicht hammercoole) adidas-Sneakers und irgendeinen absolut unförmigen Latschen aus Leder und Kork, der eine vollkommen unelegante Fußform zeigte und wegen dem ich als „Öko“ beschimpft und gleich nochmal geschubst wurde. Meine Eltern blieben weitestgehend standhaft, und irgendwann schleiften sie mich in ein Geschäft, das bis zur Decke voll war mit den hässlichsten Schuhen der Welt. Es gab sie in ungefähr drei Farben (weiß, schwarz, blau), circa drei gängigen Modellen (ein Riemen, zwei Riemen, geschlossen), und ganz selten konnte man Sondermodelle beispielsweise an Nonnenfüßen entdecken. In dem Laden hatte ich eine sinnstiftende Erkenntnis. Hier hing ein Plakat, das zeigte, wie sich ein Fuß in spitzen Schuhen bös verformen muss und, gleich daneben, die luftige, gesunde Weite, die der Gruselschuh dem Fuß bereitet. Fortan bekam ich Angst vor bösem Fuß und trug die Schuhe artig, die ungefähr 35 Jahre später als „Birkis“ zurück in mein Leben gekommen sind. Also eher in euer, weil ich hab sie ja durchgetragen. Jetzt mag man von der Verbirkenstockung ganzer Landstriche halten, was man will, auch vom Wechsel vom Öko- zum Highfashion-Segment. Doch eins muss man diesen Schuhen lassen: Selbst der gesündeste Öko-Schuh wird von derzeitigen Fußklimata gnadenlos in die Knie gezwungen. Wo man geht und steht duftelt’s nach dieser besonderen Mischung aus Käse, Kork und Leder, und ich will gar nicht wissen, wie es sich eigentlich so in der Plastikvariante durch die Tage schwimmt. Immerhin: Im Gegensatz zu allen Hallux‘- und sonstigen Deformationen, die im Sommer zum Vorschein kommen, schmiegen sich meine Zehen in perfekt-gesunder Reihe in die Form des Schlappen. Danke, Eltern!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen