Freitag, 25. September 2026

Pyjamaparty

Der allerliebste Lieblingszwerg, der laut Kindergarten-Organigramm jetzt gar kein Zwerg mehr ist, sondern ein Rieeeeese, wie er nicht müde wird der dummen alten Tante einzutrichtern, durfte neulich erstmals bei Oma und Opa übernachten. Selbstverständlich war da nicht nur das Kindlein sagenhaft aufgeregt, sondern der ganze Clan gleich mit, und so manch eine verwandte Person musste schwer an sich halten, nicht als Kissen oder Apfelschorle verkleidet dem Abend Mäuschen spielend beizuwohnen. Schließlich handelte es sich um eine echte Night of the Proms. Aber wir haben alle brav die Füße stillgehalten, sind nicht ganz zufällig abends mal vorbeigekommen und zum Frühstück auch nicht. Tags darauf war die Oma, also meine Mama, bei mir zu Besuch und sah, gelinde gesagt, etwas ermattet aus. Um sechs Uhr, krächzten zwei Augenringe mir entgegen, hätte das Kind die Nacht beschlossen, nachdem es die Stunden zuvor mehr mit Kontrollgängen verbracht hätte statt mit Schlafen, und nachdrücklich um Aktivität, sprich: Fußball verlangt. Rein aus Rücksicht meiner Mutter den Nachbarn gegenüber (die seit 40 Jahren hinnehmen müssen, dass ein Garagentor sehr wohl auch eins für Fußball sein kann, nur halt unwesentlich lauter als so ein Netz) kam man von dem Gedanken ab und versuchte, den Zwerg erst mittels Kuschelns zurück in den Schlaf zu zwingen und anschließend, ihn via Pfannkuchen-Überfressung zu betäuben. Aber da hat sie natürlich die Rechnung nicht mit dem leibhaftigen Duracell-Hasen gemacht. Insofern war ich dann doch gar nicht so unglücklich darüber, an der Pyjama-Party nicht teilgenommen zu haben. Außerdem hab ich eigene prächtige Erinnerungen an Übernachtungen bei Großeltern, bevor ich diese mit einer Heerschar Brüder, Cousins und Cousinen teilen musste … Glaubte ich zumindest zu haben. Nachdem ich jetzt sicher fünf Minuten sehr angestrengt nachgedacht habe und versucht, Erinnerungen von ganz, ganz weit unten ans Tageslicht zu pressen, will mir immer nur eine Kernerinnerung einfallen. Nämlich die, dass mein Papa mich mitten in der Nacht bei den Großeltern schlotternd im Flur auf dem Teppichboden zusammengerollt entdeckte und eilig in sein Bett verfrachtete. Was hatte ich auf dem kalten Flur zu suchen? Klare Sache: Mein Heil vor der großväterlichen Nasensäge, die, getragen vielleicht vom ein oder anderen Schluck Grünen Veltliner, die ganze Nacht sehr große Bäume fällte und mich um den Schlaf brachte. Der Opa war halt ein großer Musikant und konnte auch nachts das Konzertieren nicht lassen. An ein Vorher oder Nachher will sich einfach keine Erinnerung auftun, weswegen ich annehme, dass es das vielleicht schon war mit Übernachtungsparty. Das macht aber nichts, denn ich habe längst andere Pläne: Mir unterm Tisch eine schöne Höhle zu bauen, mit Decken, Kissen, Taschenlampe, und dort erstmal zu verbleiben. Das Kind? Ist herzlich eingeladen.

 

Freitag, 18. September 2026

Gebuhrzeit

 

Bei Kindern im Grundschulalter sowie Jugendlichen gibt es eklatante Kompetenzmängel, was das Lesen analoger Uhren angeht. Kann man ständig überall nachlesen und leuchtet ja auch ein vor lauter Handy & Co. Ich selbst werde das vermutlich auch demnächst verlernen, baut man mir doch überall um mich herum meine lieben schönen analogen Uhren ab, weil erklärte mir ein ehemaliger Bürgermeister mal, „ja eh alle immer ein Handy dabeihaben und da die Zeit ablesen.“ Ok, kann man so sehen. Kann man aber auch sagen: Also wenn ich grad mit dem Radl unterwegs bin und es wie immer eilig habe weil ich wie immer vielleicht ein bisserl knapp kalkuliert habe, dann hat mir so eine Uhr am Bahnhofsplatz z. B. schon oft gut geholfen im Sinne von „noch nen Zahn zulegen“ oder „easy, derrenn dich nicht“. Es ist aber nicht alles falsch am Leben ohne analogen Uhren. Dass ich ein sehr arg komisches Zahlengedächtnis hab und zwar dyskalkulatorische Symptomatiken zeige, dafür aber ausgezeichnet bin in „gefühlter Mathematik“ (das Ergebnis stimmt, allein der Rechenweg ist mir selber schleierhaft) sowie in beinahe zwanghafter Assoziation bestimmter Zahlenkombinationen mit bestimmten Ereignissen – und hierfür ist die digitale Uhr mit ihre plakativ laut herausgerotzten Ziffern äußerst willkommen. Zum Beispiel der Klassiker: „333“ sieht man jetzt außerhalb des UK nicht superoft. Wenn aber doch schreit’s in meinem Hirn freilich „BEI ISSOS KEILEREI!“ und „753“ (Sichtung schon wesentlich wahrscheinlicher) muss ich natürlich „Rom schlüpft aus dem Ei“ schlaumeiern. Das können vermutlich viele von euch, bei mir geht’s aber noch ein bisserl weiter. Fällt mein Blick beispielsweise um 15 Uhr 05 auf eine digitale Anzeige, dann ist mein allererster Impuls: Schnell vor die Glotze und auf Pro7 Andreas Türck anschauen!! Geht auch mit 14:05, bloß war das glaub ich Arabella Kiesbauer und mit Schulschluss um 13 Uhr schwierig zu realisieren. Das ist wie lange her? 30 Jahre? Irgendwie so, aber mein Hirn will sich einfach nicht davon lösen. Seh ich sowas wie „79% Akkulaufzeit“, dann reicht die „79“, um an eine Freundin zu denken, deren Geburtsjahr und deswegen Nutzernamen auf u.a. Instagram diese Zahl beinhaltet. Besonders gut, soll heißen: metertief hat sich das Konzept der „Gebuhrzeit“ in mir eingegraben. Die „Gebuhrzeit“ ist, wenn die Uhrzeit dem eigenen Geburtsdatum entspricht. In meinem Fall ist das 09:03 und ein sehr guter Anlass, von manchen Menschen umgehend Gratulationen einzufordern. Das solltet ihr auch mal versuchen. Ok, für am 31.12. Geborene wird’s natürlich schwierig, aber dann kann man immer noch auf UK & Co. zurückgreifen und die Glückwünsche um 12:31 Uhr einfordern. Ich kann das aus dem FF mit 16:09, 14:06, 15:11, 14:12 sowie 09:30 Uhr. Erschreckenderweise auch mit den Geburtstagen meiner Fußballidole von annodazumal (16:10 – Mehmet Scholl; 01:02 – Christian Ziege), offenbar war meine Pubertät eine zahlenprägende Zeit. Es ist also nicht alles schlecht an digitaler Uhrzeit. Nur das mit den schönen weißen Bahnhofsuhren mit den schwarzen Stricherln, das reut mich schon.

Freitag, 11. September 2026

Jahreszeitenwechsel

 

Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht) vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach „Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen, auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten, gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und „Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau, nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen. Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/ einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!

Freitag, 4. September 2026

Powersätze

 

„Eine Binsenwahrheit ist eine allgemein bekannte, selbstverständliche Tatsache, die keine neuen Erkenntnisse liefert und im Grund überflüssig zu erwähnen ist.“ Das sagt mir der Brockhaus, als ich ihn fragte, was das eigentlich ist, eine Binsenwahrheit. Als Herkunft wird die lateinische Redewendung „nodum in scirpo quaerere“ genannt, was so viel heißt wie „einen Knoten in der Binse suchen“ – eine vergebliche Anstrengung, da das glatte Sumpfgras über keine Besonderheiten verfügt und somit „die Wahrheit glatt und offensichtlich vor Augen liegt.“ Synonym dazu verwendet werden „Gemeinplatz“, Plattitüde“, „Truismus“ oder „Banalität“. Eine moderne Variante der Binsenweisheit scheinen mir die sogenannten „Powersätze“ zu sein, die uns, angeblich, für den Alltag motivieren, als mentale Anker oder Schutzschuld gegen Stress dienen sollen. Solche Powersätze werden heute gerne als „positive Affirmation und Selbstliebe“ ventiliert und schreiben sich auf die Fahne, mein Denken in eine mir wohlwollende und zugewandte Richtung zu programmieren. Dazu, weiß die Internationale Hochschule, gehören Sätze, die sich allesamt glasklar nach Arztroman anhören, mindestens aber nach Kaffeebohnen-Tapete mit Sinnspruch-Sticker aus der Grabbelwarenabteilung eines Möbelhauses aus dem Niedrigpreissektor: Ich vertraue meinem inneren Kompass Ich feiere meine Stärken und akzeptiere meine Schwächen. Ich wähle jeden Tag Glück und Liebe. Meine Träume sind erreichbar. Jeder Tag bringt neue Möglichkeiten. Ich bin erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was ich habe. Ich bin fähig, meine Ziele zu erreichen. Ich entscheide mich heute, den besten Tag zu haben. Ich bin gesund und fühle mich gut. Ich gestalte mein eigenes Glück. Einen besonders guten Powersatz, den ich gern zitiere, hatte vor einigen Jahren ein gewisser David Yotta im Dschungelcamp etabliert: „I’m strong, healthy and full of energy!“ morgens dreimal aufgesagt, brächte dem Menschen Kraft und Schwung für jeden Tag. Ich persönlich habe einen allerliebsten, ganz eigenen Powersatz, der mich mit hundertprozentiger Sicherheit im Nu in Schwung bringt. Nämlich: auf die Palme. Sagst du diesen Satz zu mir, dann kannst du sicher sein, dass ich in Windeseile ungeahnte Energien mobilisiere und mit der ganzen Kraft eines veritablen Rumpelstilzchens gegen dich verwende. Diese Zauberworte lauten: „Denk nicht so viel nach!“ Mal ganz davon abgesehen, dass mir absolut schleierhaft ist, wie genau das gehen soll, nicht so viel nachzudenken, weil schließlich geschieht das oftmals ganz ohne mein absichtliches Zutun, so möchte ich den Satz mit der Hand fangen, in der Faust zu einem kompakten Stück Zorn formen und dem Sprecher direkt entgegenschleudern „DENK DU HALT NICHT SO WENIG NACH!“ Das möchte ich dann nämlich mal sehen, wie jemand, dem es nunmal nicht gegeben ist, übermäßig viel zu reflektieren, sich dann hinsetzt und ganz angestrengt und feste presst und presst und einfach kein sehr schöner Gedanke dabei zum Vorschein kommen will. Ich denke nach, so viel ich will. Ob dann am Ende nützliche oder hindernde Ergebnisse dabei rauskommen oder es gar eine Binsenweisheit wird, ist dann ja wohl mein Problem.