Freitag, 11. September 2026

Jahreszeitenwechsel

 

Wenn der erste Sonnenstrahl nach einem siebzehnmonatigen Winter im März den Permafrost zaghaft streichelt, ist es in unseren Breiten Usus, sich sofort jede überflüssige Schicht Klamotten (also sieben von acht) vom Leib zu reißen, die Fenster von Stoßlüftung auf Kipp zu stellen, nach „Angrillen“ zu verlangen und vor Kneipen und Cafés zum Sitzstreik aufzurufen, auf dass diese endlich (!) ihre Außenbestuhlung organisieren möchten, gefälligst. Niemand findet etwas komisch daran, alle nicken verständnisvoll und wohlgefällig und murmeln vielleicht hinter vorgehaltener Sonnenbrille oder in den Spritz-Strohhalm hinein irgendwas von „Schnupfen“ und „Abwarten“ und „Eisheiligen“, während sie die Speichen ihrer Gravelbikes auf Hochglanz polieren. Ich bin damit vollkommen d’accord und hege Verständnis, weil’s mich freilich auch nach draußen zieht und danach, den zentnerschweren Muff des Winterlebens fröhlich abzuschütteln. Womit ich hingegen nicht einverstanden bin, ist, dass es für den umgekehrten Fall in weiten Teilen der Bevölkerung empfindlich an Verständnis mangelt. Neulich war schon mal ein Herbst. Einfach so, mitten in der schlimmsten Sommerglut, da hatte Petrus wohl versehentlich die Kühlschranktür (die er vermutlich geöffnet hatte, um seinen glühenden Schädel dorthinein zu betten und auf ein erträgliches Maß abzukühlen) nicht ganz geschlossen, weswegen uns urplötzlich ein freier Tag beschert war: grau, nass, ein bisschen zum Gruseln. Oder, wie in meinem Fall: zum freudig Jauchzen. Au contraire zum Wechsel kalt zu warm habe ich nicht ungefähr 17 Tage, sondern maximal fünf Sekunden gebraucht, um mich an die meteorologischen Gegebenheiten anzupassen – angefangen von der passenden Klamotte über das adäquate Setting bis hin zur erforderlichen Verköstigung. Im Frühling … ah nee, den gibt’s ja nicht mehr. Also im im April beginnenden Hochsommer fremdele ich für gewöhnlich. Ist es wirklich warm genug für die kurze Hose? Was brauch ich gleich wieder fürs Schwimmi? Und was isst man eigentlich bei 40 Grad im Schatten? Geht’s dann „nauswärts“, also dieses Jetzt, bin ich hingegen sofortissimo mit allen (warmen) Wassern gewaschen und weiß immediately, was zu tun ist. Deswegen bin ich auch jetzt maximal eingegroovt. Ihr nicht? Also bitte! Man nehme: Socken! Eine Jogginghose. Eine leicht angeranzte Fleecejacke/ einen ausgeleierten, womöglich gar etwas löchrigen Wollpullover. KEINE Übergangsjacke, sondern schön was mit wind- und wasserfest. Weg mit der leichten Musselindecke, her mit dem warmen Kuschelstrick auf der zu maximalem Komfort ausgezogenen künftigen Hauptaufenthaltsfläche: das Kanapee. Dort in greifbarer Nähe befinden sich ab sofort: Tees, Kerzen, Snacks sowie eine Fernbedienung, die uns Zutritt zu all den fremden Welten öffnet, auf die wir die letzten Monaten verzichtet und die wir deshalb in immer länger werden Watchlisten gespeichert haben. So weit die Pflicht. Der Rest ist Kür. Juhu!

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