Freitag, 20. März 2026

Seltsame Teile

Die sogenannten „Exit“-Games, die sich seit circa fünf Jahren größter Beliebtheit erfreuen, muss man wahrscheinlich keinem mehr erklä… Oh, muss man doch? Na gut: Es gibt eine rudimentäre Rahmengeschichte (Weltall, Hexenhaus, Schlossverließ), die stets besagt, dass man irgendeine Art von Problem hat (Räuber, Explosionsgefahr, Einkauf vergessen). Mithilfe von Schläue und Kombinationsgabe muss man sich dann aus der Situation hinausrätseln. Es gibt aber immer wieder Hinweise und Hilfsmittel, die das erleichtern, und darunter sind stets sogenannte „seltsame Teile“. Die sind meistens wirklich sehr seltsam, und es erschließt sich für gewöhnlich erst im Spielverlauf, worum es sich bei dem Gegenstand (Plastikedelstein, Schaschlikspieß, Spinnenfigur) handelt. Ich fühle mich diesen seltsamen Teilen irgendwie freundschaftlich verbunden. Vielleicht, weil ich mich auch oft wie so eine Seltsamkeit fühle. Vor allem aber, weil seltsame Teile jeglicher Art überall in der Gegend herumliegen und mich zuweilen aufs Äußerste beschäftigen. Zum Beispiel einzelne Schuhe am Straßenrand. Hosen in Hecken. Oder eine lilafarbene Stola (diese Art Jesus-Fan-Schal, den vor allem katholische Geistliche über dem Talar tragen), die mir einst traurig vom Boden entgegenblickte. Ich blieb damals vor der Stola stehen, betrachtete lange den irgendwie rührenden Stoffknödel auf dem Boden und fragte mich: Was mag hier wohl passiert sein? Was ist die Geschichte dahinter? Wenn man mit ein bisschen geöffneten Augen durch die Gegend läuft, findet man viele solcher seltsamen Teile, und manchmal mach ich mir den Spaß und strick selbst die Geschichte dazu. Schuh verloren auf der Flucht vor dem Finanzamt? Hose vergessen nach einem ausgiebigen Bad im Brunnen? Stola vom Leib gezerrt, weil der Geistliche seine große Liebe vor der Norma getroffen und darob beschlossen hat, sein Leben zu ändern? Man wird es nicht erfahren, und umso neugieriger macht mich das. Es gibt noch andere seltsame Teile, die sich nicht im öffentlichen Raum, sondern insbesondere in meiner Küche befinden, und vielleicht sollte ich die alle mal einpacken und zu dieser Fernsehshow gehen, wo die Kandidaten den Zweck unbekannter Gegenstände erraten müssen. Lange gerätselt haben wir über eine Sache, die gemeinsam mit einer Knoblauchpresse den Haushalt bezog: ein wirklich seltsames grünes, röhrenartiges Gummiteil, das erstmal sehr lange mit anderen seltsamen Teilen, deren Verwendungszweck sich auf den ersten Blick so gar nicht erschließt (beispielsweise ein Burger-Patty-Former), in einer Schublade vergammelte, bis der Zufall uns erklärte, dass es sich hierbei um ein Ding zum Knoblauchschälen handelt. Ein anderes Teil ist mir grade wieder ins Auge gestochen: eine Art Kunststofftablett, über das eine dünne, extrem dehnbare Folie in einem Aufklapprahmen befestigt ist. Ich habe bis heute nicht begriffen, was das ist und woher es kommt. Wegwerfen kann ich es aber auch nicht. Lieber steh ich jeden Tag davor und rätsele über seine Bestimmung. Ideen, Geschichten und Exit-Strategien am Start? Dann immer her damit! 

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