Ich fülle diese Zeilen seit fast genau 15 Jahren, hab grade
nochmal nachgeschaut. 2011 hat der liebe Kollege Erik S. mir den Staffelstift
mit den Worten „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ übergeben, und wenn ich mich
nicht verrechnet habe, war er damals wesentlich jünger als ich es jetzt bin. In
15 Jahren ändert sich vieles, vieles aber auch nicht, und da ist es wohl kaum
verwunderlich, dass das ein oder andere Thema hier schon mehrfach beackert
worden ist. „Ich bitte um Milde“, um sogleich eins meiner größten Vorbilder zu
zitieren, den ehrenwerten Herrn Klaus Schamberger, der mir einst am Telefon
verriet, er schriebe seit 1969 Kolumnen und zu Hochzeiten sogar vier
verschiedene pro Woche – eine Leistung, die mich blass werden lässt. „Milde“
ist mein Stichwort, denn mir scheint, auch ich werde von Jahr zu Jahr milder
und bin im Vergleich zu den Anfangszeiten schon so milde, dass ich glatt als
Babynahrung durchgehen könnte. Man schreibt so vor sich hin, durchschifft den
Kalender, die Ereignisse, die Jahreszeiten, und während sich an Grundsätzlichem
oft nicht viel ändert, tut es das Detail sehr wohl. Zum einen. Zum anderen ganz
offenkundig meine Haltung. Auf Gscheidhaflerisch heißt das „Hermeneutischer
Zirkel“, so ein akademisches Dings, bei dem es eigentlich darum geht, dass der
Rezipient, also Leser, ein und den selben Text immer anders lesen,
interpretieren und einordnen kann, weil die eigene Erfahrungs- und
Verständniswelt sich in der Zwischenzeit immer ein bisschen ändert (also so
ähnlich halt, sorry Germanisten, ist schon bisschen her). Ob das jetzt
andersherum auch funktioniert, also so, dass die Schreibende ebenfalls immer
eine andere Sicht- und Verständnisweise auf ein bestimmtes Thema hat im Laufe
ihres Alterns, hatten wir damals glaube ich nicht durchgenommen, ich finde
aber, man kann den Spieß durchaus so herumdrehen. So geschieht es mir zumindest
grad im Anblick einer bestimmten Pflanze, die ihr alle grade draußen im
schönsten Frühlingssonnengelb vor sich hin leuchten sehen könnt und der ich
unlängst einen schmachtenden Blick zuwarf. „Schon schön, wie die so leuchten“,
hab ich gesagt und bin sofort angeschrien worden. „WIE BITTE? DU? Du hast die
doch jahrelang als verachtenswürdige Streberpflanze verteufelt!“ Nun, das ist
richtig. Die Forsüzie und ich, wir standen sehr lange Zeit auf Kriegsfuß.
Dieses Vordränglerische, Grellnervige, das war mir früher nix. Heute bin ich
scheinbar altersmilde und mit dem strahlenden Strauch versöhnt. Wie schön, dass
es diese Pflanze gibt, die selbst dem hartnäckigsten Winterstarrsinn tapfer die
Stirn bietet, ihre blütenkleinen Fäustchen ballt und laut hervorschreit „Du
kannst machen, was du willst, aber am Ende wird der Frühling, werden das Gute
und Schöne gewinnen!“ Soweit, dass ich ihr ihren echten Namen gewähren möchte,
bin ich zwar noch nicht. Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr
Forsüzie sein. Und milde. Oder?
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