Freitag, 30. Januar 2026

Frau Holle

 

Also ich nehme mal an, die meisten von euch haben es dann doch jetzt langsam mal mitbekommen: Dieses Jahr ist Kommunalwahl, in Übersee regiert ein Verrückter und wenn wir uns alle nicht bald mal zusammenreißen, hier auch demnächst. So viel zur Makroebene. Auf der Mikroebene treibt die hiesige Bevölkerung grade etwas anderes um, nämlich die (Misse-)Taten einer Person, deren Identität zwar bekannt ist, die dennoch aber bislang nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Bei der gesuchten Person handelt es sich um eine Dame betagteren Alters. Sie ist mutmaßlich bekleidet mit Kittel und Haube und gibt sich zu erkennen durch heftiges Betten-Ausschütteln aus Fenstern so unterschiedlicher wie unbekannter Lage. Unregelmäßigkeit und Unkalkulierbarkeit der Missetat erschwert die Ergreifung der Person gehörig, so dass eine unter Hochdruck laufende Fahndung bislang nicht von Erfolg gekrönt war. „Frau Holle“, wie die Täterin sich nennt, treibt also weiterhin ihr Unwesen und sorgt für Schnee, Chaos und Verwehungen. Zumindest sieht es durch die Skibrille des (öffentlichen Nah-)Verkehrs so aus. Doch des einen Leid, des anderen Freud, und so ist neben vielstimmigem Wehklagen auch ein großer Jubel zu vernehmen. Juhu, die Schule fällt aus – ich meine, wer kann schon von sich behaupten, diesen heiligen Satz überhaupt jemals ausgesprochen zu haben (gewisse pandemische Phasen mal ausgenommen), und dann auch noch wegen einer Substanz, die hierzuorts so rar ist wie Fischsemmeln? Komm setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern. Malst Blumen und Blätter – wir haben dich gern! Werfen uns schneeengelnd auf den Boden und gegenseitig Batzen ins Gesicht, stapfen knietief versinkend durch die weiße Innenstadt oder langlaufen zum Supermarkt, formen meterhohe Schneemänner, -frauen und manchmal auch -pimmel, hüpfen auf Zehenspitzen durch schwarz-zerfahrenen Schnodder oder auf Snowboards den Burgberg hinab. Letzterem möchte ich jedoch die Spitze der Besonderheit nehmen, weil: ja gut, in Anbetracht der Schneearmut der letzten Jahre schon nice, keine Frage. Aber früher (als alles noch besser war), nämlich am 1. Dezember 2010, herrschten ganz ähnliche Bedingungen. Es trafen sich vier Freunde am Hauptmarkt, wo sie sich in einem ehemaligen Feinkostrestaurant vier schöne, rote Tabletts liehen und mit diesen gen Norden, sprich burgwärts stapften. Oben angekommen begann ein großer Spaß aus rutschen, schlittern und verunfallen, und während die vier Freunde auf ihren roten Plastikplatten den Berg hinunterrasten, rodelte außenrum auf Tüten, Zelten, Abdeckplanen alles herum, was irgendwie rutschbar war. Die Tabletts waren hinterher zertrümmert und ich weiß seitdem um die vielen Steine und Felsbrocken, die auf dem Burgberg herumliegen … Autsch! Ganz so beeindruckt bin ich also nicht von der aktuellen Nürnberg-Streif. Aber jetzt muss ich schnell raus und dem doofen Nachbarn einen Riesenpimmel aufs Auto formen, bevor alles wieder schmilzt. Frau Holle? Darf ruhig noch ein bisschen schütteln.  

Freitag, 23. Januar 2026

Winterschlaf

 

Hallo, ich möchte euch heute etwas Trauriges sagen. Das ist vielleicht ein bisschen oversharing, aber es geht bestimmt viele von euch an, und wir wissen ja, dass geteiltes Leid für einen selbst auch nichts einfacher macht, aber zu wissen, dass es den anderen auch schlecht geht, macht es irgendwie besser. Jedenfalls die schlechte Nachricht beziehungsweise Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen gewonnen habe, ist folgende: Wir machen ja gar keinen Winterschlaf! Und das, so meine ich, ist ein Fehler. Ein paar Menschen haben das schon erkannt und machen das Spiel einfach nicht mehr mit, sondern hängen „Wir machen Winterschlaf!“-Schilder in ihre Schaufenster und bäm – deal with it! Mir fallen ungefähr exakt genau vier Berufsgruppen ein, die sich dieses Privilegs erfreuen können: Eisdielenbesitzer, Tretbootverleiher, Biergartenwirte und Freibadbetreiber. Denen ist egal, ob ich heut im pinken Paddelschwan eislutschend eine Seefahrt machen möchte, weil es hat zwar Minus zehn Grad, aber die Sonne scheint, weil sie haben jetzt Pause und vor April geht da gar nichts mehr. Und das akzeptiert man ja dann auch einfach so. Ich schätze mal, dass wenn ich einen fünfmonatigen Winterschlaf mit konsequenter Einsatzverweigerung anmelden würde, sich das Verständnis in Grenzen halten hielte. Autoreply im Emailprogramm: „Liebe/r Dings, danke für deine Anfrage, aber ich bin im Winterschlaf und frühestens Mitte März wieder erreichbar. Bis dahin mach doch deine Steuererklärung und Kolumnen selbst. Danke, tschüssi und baba!“ Das wär’s! Ab in die Koje und Habedieehre! Ich war bestens vorbereitet: Schön im November und Dezember von Fett, Zucker und Weißmehl ernährt und entsprechend Polster angereichert, wo man sagt: Da hätte ich bei der jährlichen Fat Bear Week in Alaska gute Chancen auf den Sieg gehabt. Währenddessen habe ich überall in der Wohnung kleine Vorratskammern angelegt wie ein Eichhörnchen, und wie dieses auch viele dieser Verstecke sogleich vergessen. Aber es ist schön, wenn man in einem länger nicht getragenen Stiefel ein Snickers findet, kann ich euch sagen. Für kleine Wachphasen hab ich eine ellenlange Liste Serien, Filme und Dokus angelegt und ausreichende Mengen Bücher verschiedenster Genres vorgehalten. Und mich mit verschiedensten Kissen, Heizdecken und Kuschelobjekten ausstaffiert. Vier, fünf Monate die Wohnung nicht verlassen? Überhaupt kein Problem. Aber genau so, wie es mit 100%iger Sicherheit genau in dem Moment, in dem ich mich für einen Mittagsschlaf ins Bett gelegt habe, an der Tür schellt und ein Paketbote mir was für die Nachbarin aushändigen möchte, zerrt und zupft dieses seltsame Leben auch jetzt an mir herum und lässt mich einfach nicht zur Winterruhe kommen. Steuer hier, Inspektion da, Vollversammlung bla, und, o Graus, Winterspaziergang blubb … Schlaf ich halt im Sommer. Sind ja nur noch … 16, 20 Wochen bis dahin. Gääähn …

Freitag, 16. Januar 2026

Eispeitsche

 

Na, da sind wir ja grade nochmal gut davongekommen mit der sibirischen Eispeitsche, die übers Land gefegt ist und – honi soit qui mal y pense, ihr Schelme – den Gedanken hat aufkommen lassen, es handle sich hierbei um eine Art meteorologische Metapher für gesellschaftliche Schwingungen. Eiseskälte, während lustige kleine Caspars, Balthasars und Melchiore von Tür zu Türe rutschten, um Kreidebuchstaben zu malen. Lustig eigentlich, weil ich glaub, wenn ich dabei erwischt würde, wie ich mit goldenem Umhang und Krönchen trällernd durchs schönste aller Nürnis tingle, um überall ungefragt mein Kürzel zu taggen, stünde schnell mindestens der Ordnungsdienst auf der Matte, um mich am Schlafittchen zum Putzdienst zu schleifen. Aber gut, man hat ja hierzulande traditionell ein gespaltenes Verhältnis zur Fassadengestaltung (s. Graffiti – böse vs. Lüftlmalerei – gut), erstens. Und zweitens weiß ich freilich selbst, dass es sich beim C+B+M nicht um schnöde Namensnennung handelt, sondern um die (zugegebenermaßen sehr kurze) Abkürzung des salbungsvollen „Christus mansionem benedicat“: Christus segne dieses Haus. Wer sich jetzt am Morgenkaffee verschluckt hat wegen Zwangschristianisierung, dem reiche ich gerne eine alternative Übersetzung: Casa mea benedicat – und ob deine Hütte von Christus, Allah oder Benjamin Blümchen gesegnet wird, das kannst du dir dann einfach selbst aussuchen. Also jedenfalls war’s recht kalt, aber das entspricht ja nicht nur der landesweiten Stimmung, sondern dank jüngster Ereignisse auch der städtischen, wo vor wenigen Tagen ein Kind eine Bühne erklomm und der (Nürnberger) Welt sagte, was sie eh schon wusste: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Püüha, das mögen wir nicht so gern. Sehr gerne hingegen mögen wir uns mit Neujahrsvorsätzen beschäftigen bzw. der Nichteinhaltung derselben. Um mich herum wird viel verzichtet, wie es sich gehört freilich auf Süßkram (berichtete die Freundin mit chipsgefüllten Backen), und ich bin mir sicher, dass gestern im Fitnessstudio – sorry: Gym, meine ich, verdächtig viele neue Gesichter mit verdächtig neuen Klamotten anwesend waren. Was machen die eigentlich ab Februar mit ihrem Jahresvertrag? Naja, von irgendwas muss so ein Sportverein ja leben. Eine andere Freundin hat seit zwei Wochen nicht geraucht, dafür aber seitdem den kompletten Hausstand ausgetauscht: Neue Mikrowelle, Küchenutensil, Kunst, Outdoor-Klamotten – es könne sein, so grübelte sie, sie kompensiere Rauchen mit Online-Shopping, und sei sich nicht ganz sicher, wie lange sie das so durchhalten könne. Rauchen anfangen aus finanziellen Gründen – musst du auch erst einmal schaffen. Gefällt mir aber nicht schlecht. Ich hab irgendwie keinen Vorsatz, dabei würde ich so gern einen brechen. Zieh ich mich halt weiter warm an. Wegen der Kälte. Auch der meteorologischen.

Freitag, 9. Januar 2026

Ausruhezeichen

 

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Interpunktionologie-Stunde. Heute: das !. Das „!“ kennen wir alle. Es ist ein Ausrufezeichen, und wir verwenden es oft falsch, meistens aber, um eine Aufforderung oder irgendwas Nachdrückliches, Dringendes zu kennzeichnen. Manchen Menschen ist immer irgendwas ganz besonders dringend, deswegen begnügen sie sich nicht mit einem ! sondern mit ganz vielen !!!!!!! und weil sie dabei im Eifer des Gefechts manchmal nicht nur die Kontrolle über ihren Wortschatz, sondern auch die ihrer Finger über die Tastatur verlieren, schreiben sie dann !!!!!!!!!!!!11, weswegen lustige Menschen manchmal im Scherz „1elf“ oder ähnliches hinter Sachen schreiben, um sie ironisch als wichtig zu markieren. Daraus folgt: Mit diesem höchst stressigen Ausrufezeichen möchte ich nichts zu tun haben !!!!!11elf Deswegen habe ich es flachgelegt. Umgebügelt. Schön aufs Kreuz gelegt. Und dann neben mir aufs Kanapee gebettet. Jetzt sieht das ! aus wie  ▄▄▄  und ja, damit wie der Morsecode für den Buchstaben A. Vor allem aber wird somit aus dem unfassbar anstrengenden, herumbrüllenden, nervtötenden, hektikverbreitenden Stresszeichen etwas ganz Sanftes, Ruhiges. Nämlich ein: Ausruhezeichen. Hier liegen wir zwei Hübschen jetzt also nebeneinander, atmen tief durch und fragen uns, wie um alles in der Welt wir ab spätestens kommender Woche wieder in dieses „Alltag“ einsteigen sollen, von dem wir uns in den letzten Tagen mit großer Anstrengung erholt haben. Also das Ausruhezeichen und ich fragen uns das. Bei euch weiß ich’s ja nicht. Aber ich hör schon viel Schnaufen und Ächzen und Stöhnen um mich herum, weil es war doch ganz schön viel in den letzten Wochen, und dann auch noch die Jahresendfestspiele – püüüüh. Indeed bin ich mit Beendigung derselben in einen tiefen Sozialschlaf verfallen, der es mir unmöglich machte, größere Unternehmungen zu veranstalten als vielleicht einmal in ein Museum hineinzulinsen, ganz zu schweigen von menschlichen Begegnungen, die ich aufs Penibelste vermieden habe. Es war genug! Die Bedürfnispyramide: Liegen, essen, schlafen, lesen, fernsehen. Und dazwischen gelegentlich ein kleiner Schreck: Wie um alles in der Welt soll ich nur in dieses „Alltag“ wiedereinsteigen, wenn ich nicht mehr wie eine dicke Amöbe in der Nährlösung zwischen den Jahren und im namenlosen Nirgendwo der ersten Januarwoche herumdümpeln kann? Zugegeben: Da hat sich dann kurz ein kleines Ausrufezeichen in die ganze Gemütlichkeit gemogelt und wahrscheinlich auch in mein Gesicht. Als das Ausruhezeichen das gesehen hat, hat es mir sogleich zärtlich über die Wange gestrichen und mich beruhigt: „Gemach, gemach“, hat es gesagt und meine Hand getätschelt, es ist ja eine kommode Woche, und außerdem will grad ungefähr niemand aktiver sein als zwingend nötig, weil schließlich sind alle sehr beschäftigt mit Frieren bzw. Vermeidung dieses misslichen Zustandes! Ich bin dem Ausruhezeichen dankbar. So kann das Jahr beginnen!!!1elf

Freitag, 2. Januar 2026

Rauhnächte

 

Eine Frage, die ich und wahrscheinlich viele andere sich in den kommenden Wochen wieder stellen werden: Wie lange darf man sich eigentlich ein „frohes neues Jahr“ wünschen, ohne gegen irgendeine mystische Etikette zu verstoßen? Ich bin da fürs erste aus dem Schneider, denn heute ist der 2. Januar 2026, ich kann mit Stolz behaupten, mich noch kein einziges Mal in der Jahreszahl verschrieben zu haben und ziemlich sicher zu wissen, dass ich heute garantiert schadlos sagen kann: Ein frohes und gesundes Jahr wünsche ich allen, viel Zuversicht und Frieden und Mut! Kurzum: Happy New Year! Oder auch Happy New Yeah, schließlich stehen wir alle nicht nur am Anfang eines neuen Jahres, sondern haben auch eines höchst zweifelhafter Qualität mehr oder minder erfolgreich hinter uns gebracht. Und das, zumindest fühlt es sich für mich so an, in rasender Geschwindigkeit. Mit anhaltend hohem Tempo ist mir jetzt auch das Jahresende um die Ohren geflogen, und weil ich es deshalb umso lieber mit dem bereits zitierten Karl Valentin halte, konzentriere ich mich in den kommenden Tagen auf heidnisches Brauchtum. Nee, keine Stärke antrinken. Das ist zwar oberfränkisches und damit schon auch irgendwie heidnisches Brauchtum, aber nachdem es hierbei darum geht, sich am Abend vor dem 6. Januar mit diversen Alkoholika (pro Monat ein Getränk) die Stärke fürs kommende Jahr anzutrinken, möchte ich mich selbst vor der Enttäuschung schützen, nach zwei kleinen Gläsern Sekt mit Kopfschmerzen auf einer Bank einzuschlummern und mir somit nach Februar eine mittelschwere Schwäche ins Haus zu holen. Lieber halte ich mich an die Rauhnächte – deren Riten lassen sich bequem vom Kanapee aus vollziehen. Seit 25. Dezember läuft diese spezielle Zeit, die sich u.a. dadurch auszeichnet, bestimmte Sachen NICHT zu machen. Wie beispielsweise Wäsche waschen. Hab ich mich dran gehalten. Außerdem aufgeräumt, Schulden beglichen, Kerzen aufgestellt und 13 Wünsche aufgeschrieben und verbrannt. Letzteres lässt sich hervorragend kombinieren mit der Notwendigkeit, tagtäglich die Zimmer zu räuchern, somit die bösen Geister zu vertreiben und mich entsprechenden Aufgaben zu stellen: Zurückblicken, Altes loslassen. Still werden, zur Ruhe kommen. Sich für andere und sein Inneres öffnen. Auf sein Inneres vertrauen. Sich Gutes tun, genießen. Verzeihen, vergeben, Beziehungen heilen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen. Entscheidungen fürs neue Jahr treffen. Impulse prüfen und sortieren. Achtsam werden für das, was ist. Dankbar sein für das, was ist. Ich denke, solcherart durchreflektiert sollte ich weitestgehend gewappnet sein für das kommende Jahr. Wie, das wollt ihr lieber auch sein? Na dann: Vier Nächte habt ihr noch, um aufzuholen. Stärke antrinken könnt ihr euch dann immer noch. Wir schaffen das!