Das mit den Karpfen neulich hat mich auf einen Gedanken gebracht, für den nur ein winziger, aber doch kulinarisch folgenschwerer Buchstabendreher nötig war. Woran erkennen wir, dass die sogenannte „fünfte Jahreszeit“ bald bevorsteht? Also mal davon ausgehend, man lebt nicht im Rheinland und ist auch kein Angehöriger einer karnevalistischen Enklave, die schon seit Wochen irgendwas von „Fasching“ faselt und hoch das Bein und Hossa? Richtig: Deutschlands berühmtester Foodblogger, im Nebenerwerb Staatsoberhaupt, überlegt öffentlich, welches witzige Kostüm in diesem Jahr angemessene Hybris ausstrahlt. Aber das meine gar nicht, sondern: Karpfen. Nein Schmarrn: Krapfen! Da waren also die letzten Brösel von Stollenkonfekt und Lebkuchen noch nicht aus der Auslage gekehrt, schon bevölkert die Bäckerschaft – allen voran ein kleiner, familiärer Handwerksbetrieb aus nördlich der Stadt – selbige mit einer Parade gefüllter Teigballen, die ihresgleichen sucht (und deren kunterbuntes Ausmaß immer wilderer Züge annimmt, aber dazu vielleicht ein andermal mehr). Grade will man sich noch genüsslich das letzte Stück Spekulatius, das übriggeblieben Kipferl in den Mund schieben, schon schreien einen Quark-, Vanille-, Schoko- und, am wichtigsten, Hiffenmarkkrapfen beim Kauf eines unschuldigen Vollkornbrotes an, und du ahnst stöhnend: Bald (also in drei Monaten) ist es wieder so weit, der Gaudiwurm befüllt die Stadt. Auf eine gewisse Art bin ich den Bäckern dankbar, weil sie weit vor allen anderen Gewerben zukunftsblickend von neuem künden, ein Krapfen-Orakel sozusagen: „Wir wissen, du willst es nicht wahrhaben, aber sieh den Tatsachen in die Augen!“ Es ist Gluthitze, der Herbst nur eine vage Ahnung am Horizont? Egal, beim Bäcker gibt’s Kürbis-Muffins und Karottenschnitte. Du freust dich im Oktober über goldenen Herbst und warme Abende? Egal, beim Bäcker bedroht man dich mit Plätzchen. Mit ähnlichem Druck agieren bekanntermaßen Supermärkte und Drogerien und lassen einen frühzeitig – sprich zwei bis drei Monate im Voraus – wissen, wann die Festivalsaison vor der Tür steht oder Halloween. Niemand braucht einen Kalender, der wenigstens gelegentlich zum Einkaufen geht. Man muss nur drauf hoffen, dass zumindest Bäckerei und Drogerie einen Kalender haben. Weil was wäre, wenn nicht? Wir klebten uns Goldtattoos und Flowerpower ins Gesicht für den Weihnachtsmarktbesuch, weil das liegt jetzt so in der Auslage. Wir dekorierten im Frühjahr die Wohnung mit Filzlaub und Styroporpilzen, verschmierten im August Lebkuchendekor mit Sonnencreme auf der Haut und suchten als Hexen verkleidet Ostereier im Garten. Neulich wurde mir ein Krapfen ohne Füllung verkauft. Das fand ich sehr unverschämt, aber auch sehr sinnbildlich. Typisch Februar eben: eine einzige, monatgewordene Enttäuschung.
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