Freitag, 27. Februar 2015

Lebensmythen

Mein Leben ist ein Mythos. Ah nee, stimmt gar nicht. Was ich meinte, ist: Mein Leben wird begleitet von Mythen. An manche glaube ich fest (Es gibt einen Weihnachtsmann, eine Welt ohne Berufsunfähigkeitsversicherung ist möglich, die Wortwendung „Sinn machen“ wird ihren Feldzug gegen die deutsche Grammatik verlieren), an andere nicht, so sehr ich gerne würde. Diese überschaubare Liste wird mit großem Abstand angeführt von dem Mythos „Es gibt Menschen, die es schaffen, wichtige Erledigungen nicht auf den letzten Drücker, sondern peu à peu ab dem Zeitpunkt, zu dem sie davon in Kenntnis gesetzt werden, abzuarbeiten“. So ein Unfug! Ganz zufällig bin ich selbst nämlich der lebende Beweis dafür, dass das schlicht und ergreifend bar jeglichen Realitätssinns ist. Es gibt Dinge, in deren Natur bereits angelegt ist, sie allerfrühestens auf den allerletzten Drücker bewerkstelligen zu können, um nicht zu sagen: zu müssen. Dazu zählen Steuererklärungen, universitäre Schriftwerke, kurzum Abgaben jedweder Art.

Es ist ein unumstößlicher Fakt, dass diese Dinge schlichtweg nicht gelingen können, wenn man sie mit zu viel Vernunft und Zeit und Struktur angeht. Dann vertingelt und verkünstelt man sich und gibt hinterher die Steuererklärung als Rebus oder in metrischer Gedichtform ab und illustiert die Magisterarbeit mit sorgsam colorierten Aquarellen, weil man hatte ja noch Zeit. Die dadurch ausgelöste Freude bei Finanzmensch und Dozent dürfte überschaubar sein, also – wozu? Deswegen straffe man die Energie und bündle sie auf besagten Drücker, frei nach dem Motto „Die größte Inspiration ist die Deadline“. Das sieht dann so aus: Ich weiß ab Tag A, dass ich an Tag Z etwas abgeben muss. Der Mythos besagt, es gäbe Menschen, die jetzt beginnen, an Tag B, C, D undsoweiter etappenweise zu werken.

Wie bescheuert! Von Tag A bis Tag W macht der ökonomisch denkende Mensch nämlich genau eine Sache: nichts. An Tag X setzt dann eine gewisse, schwer zu verleugnende Panik ein. Die gilt es auszusitzen. Weil besagter schlauer Mensch weiß, dass aus der Panik ein nachgerade göttlicher Schub an Produktivität, Kreativität und Genialität erwächst, der seinesgleichen sucht. So begeht man dann Tag Y, der schlaflos mit Tag Z verschmilzt, aus dem man tief augenberingt, aber vom Glanz des Erfolges beseelt und an der mit großer Schaffenskraft bewältigten Aufgabe gewachsen hervorgeht. Dieses unbeschreibliche Gefühl bliebe ja all diesen mystifizierten Strukturerledigern verwehrt, und das täte mir arg leid. Wer also was für Montag abzugeben hat, lasse jetzt sofort den Stift fallen und begebe sich in ein fröhliches Wochenende!

Freitag, 20. Februar 2015

VAG's Castle

Sonntags hat unsereins ja die Wahl, in narzisstischem Einklang mit sich selbst auf der Couch zu ruhen und sich in sich selbst verliebt Träubchen in den Mund zu stippen, ab und an den Blick zum Fenster zu richten und den durchs Haar wehenden Wind der Freiheit zu imaginieren. Oder sich versuchsweise sozial zu betätigen. Entschied mich für letzteres. Großer Ausflug, Reise, Gaudiwurm, aufgeregte Bescheidenheit. Ein schlauerer Mensch als ich es bin hätte die Zeichen richtig zu deuten gewusst, als ihm im Eingangsbereich des Busses ein frischgepflanztes Gänsedefäkat seine Aufwartung machte, doch mir erhöhte das nur die Abenteuerlust. Wie mutmaßlich die meisten Nürnberger empfinde ich gegenüber der heimischen Verkehrsaktiengesellschaft tiefe Liebe und Zuneigung. Tu felix norimberga, und ein Schelm, wer „Stockholm-Syndrom“ dabei denkt! 

Und anlässlich des kaum verstrichenen „Habberlestages“, wie eine Freundin zu sagen pflegt, hatte eben jener Spaßverein sich passend zur lustigen fünften Jahreszeit ein Liebesgeschenk der ganz besonderen Art ausgedacht – nicht extra für mich, iwo, dafür aber für alle Beingodiks, die der Idee anheimgefallen waren, man könnte den sonnigen Tag für einen innerstädtischen Ausflug missbrauchen und den am Rathenauplatz beginnen, weil der ÖPNV infrastrukturell hier in puncto Abdeckung seinesgleichen sucht. Nach Vorbild des japanisch-intellektuellen Fernsehformats „Takeshi’s Castle“ ward also ein Parcours errichtet, der geistig wie körperlich anregend und charakterformend wirken sollte. Es gab Rätsel zu lösen („Ah, die Außer-Betrieb-Anzeige des Aufzuges ist gar nicht außer Betrieb, man muss nur eine Handhöhle bilden, um das Lämpchen zu entdecken, anstatt weitere zehn Minuten vergeblich zu warten!“), Schikanen zu überwinden („Cool, Treppen rauf und runter einbeinig hüpfen, wie im Kindergarten damals, ich fühl mich gleich viel jünger!“), Sozialkompetenz unter Beweis („Ach Sie ärmste alte Dame, seit einer halben Stunde warten Sie hier schon auf Hilfe und wissen nicht, wie Sie zur U-Bahn gelangen sollen mit Ihrem Rollator? Moment, das haben wir gleich!“) sowie sich selbst mit odsysseus’scher Schläue dem Endgegner zu stellen („Dreibeinig auf diese mörderische Rolltreppe schildkröten, um mich vierteilen und skalpieren lassen? Nicht mit mir! Ich hol mir jetzt ein Taxi!“). 

Nach nur gut einer halben Stunde an diesem an architektonischer wie landschaftsgärtnerischer Pracht kaum zu überbietendem Ort, der mutmaßlich der einzige der rund 80 U-Bahnhaltestellen ist, an dem Teleportation noch nicht einwandfrei funktioniert, verließ ich ihn als Sieger und überholte im hellgelben Triumpfwagen übermütig klatschend auch noch den Gaudiwurm, um ihn anschließend in all seiner Pracht bewundern zu können. „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, VAG!“

Freitag, 13. Februar 2015

Widerborste

Lieber Valentinstag – merci, dass es dich gibt! Im kalendarischen Reigen existenzieller Feiertage bist du die große, die letzte, die einzig wahre Bastion im unermüdlichen Kampf gegen renitente Alleinlebende. Das ganze Jahr ein einziger Versuch, auch den letzten Widerborst davon zu überzeugen, dass er ein Schandfleck der Gesellschaft ist, bäumst oder besser: blümst du, lieber Valentin, dich auf im Februar, um mit schwerem Geschütz noch einmal alles zu geben.

Den Weg geebnet hat dir die Industrie, die den Januar hindurch versuchte, ein zartes, doch listiges Pflänzchen des Unwohlseins ins Singleohr zu pflanzen und mit Partnerbörsen jedweder Couleur – Elitepartner für Singles mit, C-Date für die ohne Niveau – am impertinent aufrechten Selbstbewusstsein all derjenigen zu kratzen, die in nachgerade anmaßender Schändlichkeit in Frische, Freiheit und mitunter vernachlässigter Frömme durch die Welt spazieren, derweil der brave Bürger sich in verpartneter Weihe bis hin zur Reproduktion zum Wohle der Gemeinschaft unermüdlich abrackert (es seien an dieser Stelle Etymologie und Lesart des Wortes „Lebensaufgabe“ kurz zur Disposition gestellt). Es bedarf also des Winkes mit dem Rosenstock um all diese zu bekehren, die für jedwede feinsäuberlich im Alltag eingearbeitete subversive Missionierungsbotschaft einfach keine Empfänglichkeit zeigen mögen.

Da müht man sich ab, verlangt Einzelzimmerzuschläge und verbietet Love-Chair-Belegung, da erwähnt man tous les jours die praktische Verwend- und Einsetzbarkeit des Lebensabschnittsgefährdenden für allerlei Hilfsarbeiten, da verkauft man Obst, Gemüse und Frühstücksflocken einzig als großfamilienernährende Riesenkisten oder stigmatisiert Kleingebinde mit horrenden Preisen und der weithin signalleuchtenden Aufschrift „Single-Packung“, auf dass die Ärmsten an der Discountkasse zueinanderfinden mögen in ihrem Elend, man möchte ihnen ja nur helfen. Allein, es reicht nicht aus, wie unerhört! 

Lustig lustwandelt das garstige Alleine durch die Tage, einzig Hüter seiner selbst, und beansprucht für sich auch noch allenthalben Extrawürste – oder hat jemand schon einmal gesehen, dass ein Tanzlokal für eine „Pärchen-Party“ geworben hat? Eben! Also fahren wir nochmal alle Geschütze auf, bombardieren den Single mit „Ihr schönstes Fotobuch“, „Ihr romantischster Ausflug“, „Ihr Name auf einem Schnarchzapfen“ in der unverhohlenen Absicht, es würden auch die letzten noch gebrochen, um fürderhin der Gesellschaft nicht zu Lasten fallen sondern sich artig als großes Abenteuer der Saison gegenseitig die Pralinés in den Rachen zu schussern. Aber, Freunde, nicht mit uns! Auf auf in die Nacht – wenn nicht jetzt (Fasching + Messe), wann dann?

Freitag, 6. Februar 2015

Wohnungscamping

Habe endlich die Lösung für die aktuelle Ungedulds- und Zwangsentschleunigungsproblematik gefunden. Sie lautet: Tu einfach so, als wärst du im Urlaub! Auf den ersten Blick mag das ähnlich hilfreich wirken wie großmütterliche Liebeskummer-Ratschläge („Du musst dir einfach vorstellen, er wäre tot!“), aber auch die stellen sich ja meistens auf den zweiten Blick als gar nicht mal so doof heraus. Tu ich also mal so, als wär ich im Urlaub. Je länger ich mich mit dem Gedanken anfreunde – man hat ja jetzt Zeit – als desto besserer Kumpel erscheint er mir. Und vor allem als naheliegender. Ums genau zu nehmen, entdecke ich eklatante Parallelen zum herkömmlichen Camping-Urlaub. Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es, und hat der Camper erst einmal die Zeltstatt wasserwagengerecht aufgeschlagen, so braucht es schon sehr viel Kakophonie, um ihn von dort vor Ablauf der Zeit wieder zu vertreiben. Also: Ortsstatik mit überschaubarem Aktionsradius.

Dann beginnt der Urlaubsalltag, der im Grundtempo gemäßigt daherkommt, man ist ja schließlich nicht auf der Flucht. Und in diesem Alltag prüfe man ungefähr jeden Handgriff und vor allem jeden Weg sehr, sehr eingehend, bevor man kopflosem Aktionismus zum Opfer fällt. Statt in der Nacht das Feierabendbierchen kurzmalwegzubringen, entwickelt man größte Kreativität hinsichtlich günstiger Liegeposition, weil der Weg zur Örtlichkeit ist a) weit, b) dunkel, c) steil und schlimmstenfalls d) Regen – tagsüber gilt das gleiche, nur die Parameter ändern sich nach beispielsweise „Endlich den Platz auf der einzigen Liege gesichert!“, da kann man dann nicht mehr so schnell aufstehen, und dafür wär es eh zu heiß. Um die Bewegungsfrequenz zu minimieren, macht man zu Beginn einer Ruheperiode Masterpläne (Wasser? Buch? Handtuch?), deren generalstabsmäßiger Effizienz denen einer jedweden anderen Handlung in nichts nachsteht.

Man spart Besteck, wo es nur geht, wenn der Weg zum Spülbecken weiter als fünf Meter beträgt, duschen? Och du … siffig wird’s eh wieder, nachher, oder morgen dann halt, wozu also der Aufstand, und während man sich an Tag 1 und 2 noch 17x umzog, stellt man ab Tag 3 fest, dass es sich doch in so einem einzigen, weiten, zum Strandgewand umfunktionierten Nachthemd recht vorzüglich lebt. Das mag für den Außenstehenden nach Verwahrlosung … ja, ähm … riechen, ist aber logischen Gesichtspunkten geschuldet. Also, zusammengefasst: Vorausschauend leben, Bedürfnisse und Funktionen auf das Nötigste reduzieren und, ganz wichtig, immer versuchen, bei erforderlichen Gängen möglichst viel miteinander zu kombinieren. Dann hat man zwar nachher mit dem Spülmittel geduscht und das Geschirr mit dem Morgenmantel abgetrocknet, aber hey – was soll’s. Wir sind ja im Urlaub!

Freitag, 30. Januar 2015

Geduld ist eine Untugend

Wie die meisten Menschen, da sind wir doch mal ehrlich, halte auch ich mich für äußerst tugendhaft. Bedauerlicherweise erfährt diese Selbsteinschätzung eine gewichtige Korrektur, seitdem ich versehentlich im Brockhaus das Wort „Geduld“ erblättert habe und dort allerlei lernte, allem voran über mich selbst. Geduld, so lese ich, bezeichne die Fähigkeit zu warten, werde oft als Tugend bezeichnet, deren Gegenteil folgerichtig die Ungeduld sei. Als geduldig erweise sich, wer bereit ist, mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben oder diese zeitweilig bewusst zurückzustellen. Das bedeutet: warten. Und da muss ich leider sagen: NEIN! Ich hasse warten. Warten, das bedeutet, dass Dinge nicht oder nur sehr langsam voran gehen, und jede Sekunde, die verstreicht, während Dinge nicht oder nur sehr langsam voran gehen, bereitet mir nachgerade körperliche Schmerzen.

Da hilft es nichts, dass ich mir eine (zugegebenermaßen sehr individualisierte) Form des Buddhismus angeeignet habe – die Welt soll gefälligst immer und stetig sich in dem Tempo bewegen, das ich mir in den Kopf gesetzt habe. Tut sie das nicht, werde ich schwierig. Kann ich auch mit leidlich verhohlener Schwierigkeit keinen Einfluss nehmen auf besagtes Tempo, werde ich drei Jahre alt und möchte, das kennen wir bereits, mich tobend auf den Boden schmeißen und meiner Empörung darüber Ausdruck verleihen, dass die Welt sich meinem Willen zu widersetzen wagt. Jetzt erfährt diese Haltung, die sich im Alltag gerne in einer gewissen Nervosität und Hudeligkeit äußert, mit der selbstverständlich andauernd kleine bis größere Missgeschicke einhergehen, weil es halt dann unterm Strich doch schneller wäre, dreimal zu laufen statt einmal und dann eine dreiviertel Stunde das Treppenhaus von entglittenem Altglas zu befreien, neuerdings eine Einschränkung.

Nämlich dergestalt, dass ich mir selbst zu langsam bin. Da hilft kein Toben und Schreien, sondern einzig eine dann doch wirklich beinah religiöse Demut. Die es aber erstmal zu erwerben gilt. „Geduldig ist auch, wer Schwierigkeiten und Leiden mit Gelassenheit und Standhaftigkeit erträgt“, lerne ich weiter, und „diese Fähigkeit ist eng mit der Fähigkeit zur Hoffnung verbunden.“ Und die stirbt ja bekanntlich zuletzt. Übe ich mich also hinsichtlich meiner „Ausdauer im ruhigen, beherrschten und vor allem nachsichtigen Ertragen“ und, um mit dieser „sittlich wertvollen Eigenschaft“ zu althergebrachter Tugendhaftigkeit zu finden.

Freitag, 23. Januar 2015

Nostalgietüte

Ich hab alles versucht, ich schwör’s! Ich hab gekämpft und mich gewunden, mich geekelt und geschämt, ich war im inneren Dialog verhaftet, habe mir gut zugeredet, aber es war stärker, der Kampf von vornherein verloren. Wehrlos musste ich dabei zusehen, wie mein inneres Kind freudestrahlend ins Regal griff und sich holte, was es wollte. „Nostalgie-Tüte – Süßigkeiten aus der Kindheit“ las ich, und mein Magen vollführte einen Krampf, das innere Kind Freudensprünge. Ich befinde mich jetzt also im zweifelhaften Besitz von Widerwärtigkeiten wie beispielsweise Leckmuscheln, PFUI DEIFI! Am besten zieh ich gleich noch los und jage Hubbabubba aus der Tube, Magic Gums mit grünknisternden Aliens und halt all das, wofür man seinerzeit die Pfennige ausgegeben hat, die einem die Oma vor dem Tiergartenbesuch zusteckte „damit du dir was Schönes kaufen kannst“, und dabei an Äpfel dachte. Aber man darf ja sonst nichts mehr. 

Wenn’s Glück hat, darf ein Kind Kind sein, bis es sich im Alter von circa vier Jahren der Zucht und Ordnung der Zivilisation zu unterwerfen hat und den damit einhergehenden Restriktionen und Verhaltenskodizes. Nicht umsonst gehört zu einem meiner allerliebsten Lieblingssätze das von Renate Lohse mit Verve und unerreichter Elégance gesprochene „Wenn ich jetzt noch einmal Birne Helene höre, werfe ich mich hier auf den Boden und beiße in die Auslegeware!“ Chapeau, ich mache mit! Wie schön wäre eine Welt, in der sich Erwachsene mit Anlauf in Pfützen stürzen statt um sie herum zu tippeln. Wie wunderbar wäre es, zu sehen, wie sich ein gereifter Mensch nicht etwa im stillen Gebet davon abhält, an der Supermarkt-Kasse allen 17 dargebotenen Schoko-Riegeln zum Opfer zu fallen, sondern in lauter Unvernunft rot anzulaufen und mit sich selber in Wutgeheule auszubrechen. 

Herr Ober, können Sie mir das Entre Côte bitte in mundgerechte Stücke schneiden und die Prinzessböhnchen frisurenförmig anrichten, dann schmeckt’s mir gleich noch besser. Natürlich leuchtet mir ein, dass sich das auf den gesamtgesellschaftlichen Geräuschpegel eventuell beungünstigend auswirken könnte, schließlich haben ja sehr viele Erwachsene sehr oft irgendwas. Aber mal kurz vorstellen kann ich’s mir ja. Und auch, wie die Leute beim Feinkost Albrecht wohl geschaut hätten, wenn ich das Kunststück vollbracht hätte, den Wagen an der Nostalgie-Tüte vorbei zu schieben und mich gleichzeitig über den Boden schleifend mit den Fäusten trommelnd Rotzblasen werfend und Flüche speiend gewaltsam aus dem Laden zu entfernen. 

Freitag, 16. Januar 2015

Haben wir schon ... ?

Na, wie habt ihr euch in den letzten Tagen so begrüßt? Wartet wartet wartet, ich will raten! Mhmmm … ich glaube, es geht mit „G’sund‘s“ an und hört mit „Neues“ auf! Richtig?? Ha! Tja, so ist das nun mal. Das neue Jahr, noch kaum befreit von Schmauchspuren und Böllermatsche, schickt sich wie immer an, mit großer gesellschaftlicher Unsicherheit zu beginnen. Wie lange wünsche ich Neujahrswünsche, fragen wir uns, und wünschen vorsichthalber munter drauf los, man will ja nicht maunzig erscheinen. Deswegen wird gerne ab ungefähr dem 2. Januar der magischen Formel ein „Haben wir schon? Ach, was soll’s …“ vorangestellt. Das hat aber neben Unsicherheiten bezüglich möglicher etikettärer Verfallsdaten und deren Überschreitung womöglich auch noch einen sehr viel bequemeren Grund. Weil: Es macht Begrüßungen jedweder Art sehr viel einfacher. 

Enge Freunde zu begrüßen ist, klaro, einfach. Frauen untereinander erhöhen flugs die Tonlage um ein bis 17 Oktaven und miauen „Heeeeey wiiiiiiee schööööönbussibussischnatterschnatter“, derweil die Artgenossen sich mit polterndem Schulterklopfen begnügen – und dann üblicherweise erstmal eh nicht weiter sprechen, mit einem kurzen Blick in die bebrauten Augen ist genug über die Lebenssituation gesagt. Bei Ferneren wie Fremdgut wird’s schon problematisch. „Hallo!“ sagen und weitereilen funktioniert auf Bürofluren und beim Kreuzen auf der Fahrradautobahn, nicht aber im näheren Kontakt. Es besteht dort die Gefahr einer Gesprächslücke und unangenehmen Schweigeminute. Die überbrückt der Mensch gern mit der die weltmeistgesagte Lüge erzwingenden Frage „Na, wie geht’s?“, die er ausspricht und innigst betet, das Gegenüber wisse um den rhetorischen Charakter und möge bitte keinesfalls ernsthaft antworten. Der sozial Kompetente weiß um seine Pflicht, sagt „Jagutgutdirauch?“, und schon ist die lästige Brücke geschlagen zum willkommenen Small- und sonstigem Talk. Variante B sei besser außer Acht gelassen. 

Mit den Neujahrswünschen erweisen wir uns erstens als sozial höchst kompetent (Altruismus, Nächstenliebe) und zweitens selbst einen großen Gefallen, weil wir direkt einsteigen können in Silvester-Schmankerl jedweder Art. Darin grade so bequem gemacht, klopft die leise Frage nach besagtem Verfallsdatum leise an die Komfortzone. Jetzt könnten wir uns darauf einigen, das beizubehalten bis Fasching und ab dann übergangslos nur noch „Hellau!“ zu grölen. Auch blöd, mit diesem Karneval haben wir’s hier ja nicht so. Dann eben so: Sommersonnenwende! Ab dann, also dem 21. Juni, wird das Jahr garantiert vor allem wieder dunkler und hatte ausreichend Gelegenheit, sich zu einem freudvollen Dasein zu entscheiden. So machen wir’s!