Freitag, 2. Januar 2026

Rauhnächte

 

Eine Frage, die ich und wahrscheinlich viele andere sich in den kommenden Wochen wieder stellen werden: Wie lange darf man sich eigentlich ein „frohes neues Jahr“ wünschen, ohne gegen irgendeine mystische Etikette zu verstoßen? Ich bin da fürs erste aus dem Schneider, denn heute ist der 2. Januar 2026, ich kann mit Stolz behaupten, mich noch kein einziges Mal in der Jahreszahl verschrieben zu haben und ziemlich sicher zu wissen, dass ich heute garantiert schadlos sagen kann: Ein frohes und gesundes Jahr wünsche ich allen, viel Zuversicht und Frieden und Mut! Kurzum: Happy New Year! Oder auch Happy New Yeah, schließlich stehen wir alle nicht nur am Anfang eines neuen Jahres, sondern haben auch eines höchst zweifelhafter Qualität mehr oder minder erfolgreich hinter uns gebracht. Und das, zumindest fühlt es sich für mich so an, in rasender Geschwindigkeit. Mit anhaltend hohem Tempo ist mir jetzt auch das Jahresende um die Ohren geflogen, und weil ich es deshalb umso lieber mit dem bereits zitierten Karl Valentin halte, konzentriere ich mich in den kommenden Tagen auf heidnisches Brauchtum. Nee, keine Stärke antrinken. Das ist zwar oberfränkisches und damit schon auch irgendwie heidnisches Brauchtum, aber nachdem es hierbei darum geht, sich am Abend vor dem 6. Januar mit diversen Alkoholika (pro Monat ein Getränk) die Stärke fürs kommende Jahr anzutrinken, möchte ich mich selbst vor der Enttäuschung schützen, nach zwei kleinen Gläsern Sekt mit Kopfschmerzen auf einer Bank einzuschlummern und mir somit nach Februar eine mittelschwere Schwäche ins Haus zu holen. Lieber halte ich mich an die Rauhnächte – deren Riten lassen sich bequem vom Kanapee aus vollziehen. Seit 25. Dezember läuft diese spezielle Zeit, die sich u.a. dadurch auszeichnet, bestimmte Sachen NICHT zu machen. Wie beispielsweise Wäsche waschen. Hab ich mich dran gehalten. Außerdem aufgeräumt, Schulden beglichen, Kerzen aufgestellt und 13 Wünsche aufgeschrieben und verbrannt. Letzteres lässt sich hervorragend kombinieren mit der Notwendigkeit, tagtäglich die Zimmer zu räuchern, somit die bösen Geister zu vertreiben und mich entsprechenden Aufgaben zu stellen: Zurückblicken, Altes loslassen. Still werden, zur Ruhe kommen. Sich für andere und sein Inneres öffnen. Auf sein Inneres vertrauen. Sich Gutes tun, genießen. Verzeihen, vergeben, Beziehungen heilen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen. Entscheidungen fürs neue Jahr treffen. Impulse prüfen und sortieren. Achtsam werden für das, was ist. Dankbar sein für das, was ist. Ich denke, solcherart durchreflektiert sollte ich weitestgehend gewappnet sein für das kommende Jahr. Wie, das wollt ihr lieber auch sein? Na dann: Vier Nächte habt ihr noch, um aufzuholen. Stärke antrinken könnt ihr euch dann immer noch. Wir schaffen das!

Freitag, 26. Dezember 2025

Weihnachten

 

24. Dezember – ein magisches Datum. Vielleicht sogar das magischste eines jeden Jahres. Wäre ich ein paar Jahre jünger, vielleicht vierzehn oder vierzig, würde ich vermutlich jetzt gerade ausflippen vor Vorfreude. Alle bekannten Verstecke im Elternhaus durchforsten auf der Suche nach sorgsam versteckten Geschenken, die das Christkind vielleicht übersehen hat. Vor der Wohnzimmertür antichambrieren und aufs heftigste versuchen, mit einem Stielauge durchs Schlüsselloch zu linsen und in der Dunkelheit ein paar Wichtel beim Baumschmücken zu erwischen. In unbeobachteten Momenten Plätzchen klauen, ungeachtet der angedrohten Strafen. In mein Zimmer sausen und bei Pumuckl-Kassette gegen Geschenkpapier kämpfen, mit dem ich aus Gebasteltem und Gemaltem formschöne Bonbons drechsle. Dann schnell den Kindergottesdienst durchleiden, um danach zappelnd den lang ersehnten Startschuss in Form eines leisen Glöckchenbimmelns zu erwarten … Heute hab ich Weihnachten outgesourct. Heiligabendvormittag – und ich habe nichts zu tun. Wie herrlich kann ein Leben sein? Ausschlafen, Pumuckl anschauen und irgendwann am Nachmittag gemütlich zur ersten Station der jährlichen Hungerspiele aufbrechen. Das war’s. Hör ich mich um, so gibt es für die Gestaltung des Countdowns allerlei unterschiedliche Strategien, und mit am besten hat mir der (fatalistische) Plan einer Freundin gefallen: Mangels Zeit habe sie sich zuletzt ausgesprochen wenig mit Weihnachten beschäftigt, weswegen zu befürchten sei, dass sie sich am Vormittag des 24. in die Stadt begeben müsse, um dort eilig ein bis fünf letzte Glühwein zu genießen und solcherart gelockert mit weit geöffneten Taschen und Geldbeuteln durch die Geschäfte zu taumeln und dort wahllos Regale und Schaufensterauslagen in die mitgebrachten Beutel zu kehren, um am Abend Gäste und sich selbst mit Geschenken zu überraschen. Ich denke, das ist eine gute Methode. Eine andere gute Methode ist, sich auf Dinge zu fokussieren, die einem gut tun. Man kann Sport machen oder fünfgängige Menüs, liebe Menschen treffen und die unlieben vermeiden. Sich zum hundertsten Mal ärgern, dass Onkel Horst sich wieder mit dem Weihnachtskarpfen durchgesetzt hat oder das einfach als schrullige Tradition verbuchen. Einladungen zähneknirschend annehmen oder lächelnd absagen und stattdessen ein romantisches Date mit sich selbst vereinbaren. In die Kirche gehen oder in den Wald. Oder einfach eins der unzähligen anderen Rituale vollziehen, die Menschen rund um den magischsten aller Tage ersinnen. Weihnachten ist, was du draus machst. Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freu’n! Ich wünsche ein frohes, fröhliches Fest, angenehme Gesellschaft, schöne Feiertage, Gesundheit, Friedlichkeit und Frieden, ein gemütliches Zwischendenjahren. Und nicht verzweifeln! Wie schon Karl Valentin wusste: Wenn die stade Zeit vorbei ist, wird’s auch wieder ruhiger!

Freitag, 19. Dezember 2025

Wunschzettel

Das allerliebste Kind hat seinen Wunschzettel übermittelt. Eine sehr wichtige Angelegenheit, der ich natürlich mit dem gebührenden Respekt begegnet bin. Schließlich handelt es sich hierbei um die vermutlich lebenswichtigen Begehrlichkeiten eines Fastfünfjährigen, deren Nichterfüllung bzw. Erfüllung womöglich wichtige Weichen im Leben stellen so wie bei mir damals, als dem vielmals dringend geäußerten Wunsch nach einer eigenen Katze schließlich stattgegeben wurde – in Form eines Stofftieres, was mich mit so großer Enttäuschung erfüllte, dass ich bis heute die Anschaffung eines Haustieres strickt verweigere. Man weiß ja nie, was man dann bekommt. Das Kind also äußerte mit staatstragender Miene seine Erwartungen ans Christkind, was sich im Original in etwa so anhört: „Jaalsoweißtdu Duuuu, Katha? Also ich möchte sehr gerne dieses […] haben weil OOOH FEUERWEHR SCHAUMAL! ich möchte dieses, dieses, dieses, also dieses hast du noch Gummibärchen können wir eigentlich später Pumuckl weiterlesen weil ich hab nämlich der Jordan und die Nöelle waren heute gemein zu mir weil der Luis hat mich geschubst und dann hab ich der Erzieherin gesagt dass die Mimi aber dann gabs zum Mittagessen Froschsuppe und ich hab dann dem KÖNNEN WIR KLEINER VAMPIR HÖREN BITTE dabei weiß  ich eigentlich also weißt du dass Spiderman fliegen kann so mit den Händen und Kleber und DAS LIED MAG ICH NICHT MACH DAS WEG und ich hab heute eine Mamone Marome also Essknastanie gefunden und dann hat die Katja aber gesagt dass ich später und aber DUHUUUU KATHA haben wir noch Plätzchen weil Plätzchen sind mein Lieblings und der Wichtel …“ Nach circa zwei Stunden hatte ich dann die gewünschten Informationen und bin darob sogleich in eine inquisitorische Debatte mit dem kleinen Prinzen eingestiegen. Ein Fußballtrikot? Selbstverständlich, aber was ist jetzt das für ein Defekt, dass das ausgerechnet vom BVB sein muss? Zauberkräfte? Logo, wer hätte die nicht gerne? Ich kann immerhin machen, dass die Luft riecht, du auch? Und letztlich: einen Pokal. Den, so erklärte ich, müsse man sich für gewöhnlich erst einmal verdienen und bekäme den nicht einfach so geschenkt, woraufhin das Kind sich in die Brust warf und sprach: „Hab ich mir verdient!“ – „Aha, womit?“ – „Halt so.“ A star is born. Ich in dem Alter habe die Spielzeugkataloge durchforstet, aus diesen Abbildungen meiner größten Wünsche ausgeschnitten und dann den kompletten Katalog auf Zeichenpapier wieder neu zusammengesetzt. Das halte ich immer noch für eine ausgezeichnete Herangehensweise, nur dass ich heute statt Mattel und Fisher Price eher die Kataloge von Orthopädiehaus und Apotheke durchkämmen würde. Vielleicht mach ich das heute noch. Man hat ja sonst nichts zu tun in dieser Staden Zeit – oder? Wenn ihr irgendwo Zauberkräfte im Angebot entdeckt, sagt bitte Bescheid. Viermal werden wir noch wach, heissa dann ist Weihnachtstag!

Freitag, 12. Dezember 2025

Adventskalender

 

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür! Ok, das ist jetzt natürlich eine arg verkürzte Fassung vom schrööcklich langen Warten auf das Christkind, auf dass es mir mit einem Glöcklein klingle und all meine (materiellen) Wünsche erfülle. Weil wir wissen natürlich: 24 aufregende und durchaus auch enttäuschende Etappen gilt es zu überwinden, bevor am Ende der Türchen ein besonders großes, aber nicht minder geschmackarmes Stück Schokolade zweifelhafter Qualität aus dem Karton gedrückt werden kann. Adventskalender, der: „zeigt […] die verbleibenden Tage bis Weihnachten an.“ Dies kann er in unterschiedlichster Form tun. Da wäre natürlich zum einen besagte schokoladene Enttäuschung, an deren Ende oft ein Kuchen steht, weil irgendwie muss man die gegossenen Glöcklein, Elflein und Bäumlein ja doch verarbeiten. Dann gibt es den hingebungsvoll selbstgenähten aus der Kindheit, in dem sich Sackerl für Sackerl allerlei Leckeres, Nützliches und mit Glück auch Süßes befindet – und das große Staunen, wie das alles wohl dort hineingekommen sein mag. Dieser Magie ist vermutlich die Sehnsucht geschuldet, auch im Erwachsenenalter von dem Wunderkalender durch den Advent begleitet zu werden, und deswegen ist der Markt für die Großen in dem Segment enorm gewachsen: Ganze Parfümerien und Autohandlungen werden in Schachteln und Formen gestopft, um dann 24 Tage für große Augen zu sorgen, wobei man diese Varianten entweder (faul) im Laden erwerben kann oder in stunden- und tagelanger Sorgfaltsarbeit (fancy) und unter Aufbietung des halben Weihnachtsgeldes selbst gestalten und befüllen. Das alles ist aber kein Vergleich zu der Sorgfaltsarbeit, zu der sich in den vergangenen Jahren immer mehr Eltern selbst verpflichten und einen lustigen kleinen Weihnachtswichtel daheim installieren. Der kommt nachts, veranstaltet allerhand Unfug und hinterlässt neben zahlreichen Spuren natürlich auch täglich ein Geschenklein. Elternmenschen kriechen also Nacht für Nacht auf allen Vieren durch Wohnungen und ersinnen Szenarien, die einen Roland Emmerich vor Neid erblassen lassen: Einbrüche werden fingiert, Fußspuren getapst, Unfälle behauptet und der Interimsmitbewohner Nacht für Nacht zum Leben erweckt. Mein Adventskalender ist auch lebendig, und er ist, ich schwör’s, der entzückendste, den die Welt jemals gesehen hat. Abend für Abend betritt er mein Wohnzimmer, wo ich bereits freudig warte. Der Adventskalender schüttelt sich und rüttelt sich und führt ein kleines Tänzlein auf und reckt mir all seine 24 Hosen- und Jackentaschen entgegen als Zeichen für mich: Türl öffnen, los! Dann darf ich suchen – und finde Schoki, Gummibärln und Riegelchen. So schön war ein Adventskalender noch nie! Ach übrigens: Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt!

Freitag, 5. Dezember 2025

Weihnachtsstochastik

Es gab da mal diese Sache in Mathe. Also zu der Zeit, als Mathe nicht mehr Mathe hieß, sondern irgendwie Algebra und noch sowas, Geometrie oder so. Es ging darin sehr viel um Wahrscheinlichkeiten, mit Senf gefüllte Krapfen und irgendjemanden namens Bernoulli oder so. Irgendetwas sehr lästiges jedenfalls, das mir später im Gruselfach Statistik wiederbegegnet ist und auch da nicht sonderlich eingeleuchtet hat. Hier wie dort gab es etwas, das nannte der Lehrkörper Kombinatorik, und ich glaube, damit konnte man ausrechnen, wie viele Menschen ein Los kaufen müssen, um eine Million zu gewinnen. Naja, wahrscheinlich war’s anders, aber ihr wisst schon, was ich meine. In ähnlicher Form ist mir dieser theoretische Kladderadatsch nochmal später in Linguistik begegnet, nur wesentlich einfacher für mich als Dyskalkulatorin, wurde doch hier mit Buchstaben und Wörtern kombiniert und nicht mit dummen Zahlen. Wie dem auch sei: Ich wünschte, ich hätte das alles ein bisschen besser verstanden oder zumindest in den Stunden besser aufgepasst anstatt Comics Lewis Carrolls Jabberwocky als Comic auszuarbeiten. Denn stünde ich jetzt nicht wieder wie der Ochs vorm Berg bzw. wie der Wichtel vor der Weihnachtsplanung. Denn just am gestrigen Tage wurde die alljährliche Angstfrage gestellt: „Wie machen wir’s denn dieses Jahr mit Weihnachten?“ Plötzlich herrschte Stille im Raum, betreten wurde nicht nur geschwiegen, sondern eilig ein Fingernagel kontrolliert und hier und dort ein Stäubchen weggefegt. Tja, wie machen wir’s denn bloß? Früher war das einfach: Am 24.12. wallfahrteten die Hl. Drei Könige (aka meine Geschwister und ich) zum Elternhaus, um dort ein bis drei Tage zu verbleiben und hinterher als prallgefüllte Stopfmägen wieder nach Hause zu rollen. Jedes Jahr dasselbe Schema, keine Diskussionen, kein Chaos, dafür Zuverlässigkeit und wohlige Ordnung. Ein Umstand, nach dem man sich doch grade herzlich sehnt. Nur leider wird das nichts, sondern jedes Jahr schlimmer. Patchworkgroßfamilie macht’s möglich, denn die Verzweigungen und erwünschten (und nicht zu vergessen: unerwünschten!) Menschenkombinationen werden immer zahlreicher. Vatermutterkind? Pfeifendeckel! Es wird sich geschieden und neu verpartnert, Kinder werden erwachsen und ihr eigenes Familienzentrum. Opas versterben unerlaubt, Papas werden einsam und Omas immobil, und am Ende steht man da und muss siebzehn unterschiedliche und teils fremde Parteien irgendwie so unter einen Nikolaushut basteln, dass sich die einstige Kernfamilie wenigstens für ein paar Stunden sehen und singen kann. Es kann sich nur um Stunden handeln, bis mich ein Weihnachtsexcel erreicht oder ein Weihnachtsdoodle. Zum Glück bin ich so pflegeleicht: Ich folge einfach dem Ruf der Speisen. Wer diese zubereitet und gereicht – mir doch egal. Als praller Stopfmagen lieg ich dann auf irgendjemandes Canapé und überleg nochmal, wie dieses Fach gleich wieder hieß. Vielleicht war’s doch Stochastik?

Freitag, 28. November 2025

Das Imperium schlägt zurück

 

Herzlich willkommen zu unserer Serie „Nürnberg leuchtet“. Nach der letztwöchigen Pilotfolge kommt heute schon Teil 2 in die Kinos. Äh, Zeitungsseiten: „Das Imperium schlägt zurück“! Unsere Produzenten haben keine Kosten und Mühen gescheut für ein Spektakel allererster Güte. Ok das ist gelogen, in Wahrheit hat die Produzentin (ich) massiv Kosten und erstmal auch sämtliche Mühen gescheut, war aber dennoch nicht willens, das Feld einfach kommentarlos dem Feind zu überlassen, der inzwischen weiter aufgestockt und seinen Wohnzimmerbalkon in eine wahre Bumsbude verwandelt hat. Skandal im Sperrbezirk! Ich nehm’s sportlich und folge, wenn Nebelschwaden, Nieselschnee und Baustellenschikanen mir mal wieder die Sicht versperren, einfach dem roten Licht, um nach Hause zu gelangen. Beziehungsweise jetzt neuerdings meinem eigenen. Nämlich in Gestalt einer diskret leuchtenden Funzel, die in warmweißem Licht gedachte Sternderlformen mit größter Zurückhaltung an der Scheibe funkeln lässt und höchstens deswegen blitzt und blinkt, weil jemand (…) nicht begreift, wie die 6 Stunden Betrieb-18 Stunden Unbetrieb-Funktion der Zeitschaltuhr funktioniert und deswegen allabendlich erst einmal ein Mordsblinkkonzert veranstaltet, bis das Ding so läuft, wie ich das will. Und mich mit Überraschungen auf Trab hält immer dann, wenn einer der Saugnäpfe, mit denen die Leuchtsache ans Fenster gepappt ist, sich löst und mit Getöse und Lichtblitzen durchs Wohnzimmer springt. Und während ich mir auf die Schulter klopf wegen vorbildlichen Adventverhaltens samt Kranz in zurückhaltend Optik protzen Freunde mit riesigen, opulent geschmückten Weihnachtsbäumen, die ihre Wohnzimmer weit vor der Zeit in Stimmung bringen. Ich will nicht gehässig sein, freue mich aber auf Fotos des Liebespaares unterm komplett abgenadelten Baumskelett zu Weihnachten. Ha! Nun gut. Peanuts – weil schließlich schlägt das wahre Imperium ab heute Abend ja wirklich zurück. Sobald die kindliche Kaiserin von ihrem Elfenbeinturm hinab zum Volke spricht, alle Herrn und Fraun zu seinem Markte einlädt und dann unverständlicherweise auch noch ausnahmslos alle willkommen heißt (warum heißt es nicht „und wer da kommt, der soll willkommen sein. Außer JGAs. Und Menschen mit hellen Mänteln. Und solche mit schlechter Laune. Und die mit den blinkenden Rentierhauben.“? Ich mein, damit wäre doch wirklich allen geholfen.) geht sie los, die lustige Wallfahrt hinein ins weihnachtliche Epizentrum. Auf einen Hechtsprung rein ins Glühweinfassl, einmal durchs Käsefondue gekrault, im Vorbeigehen kurz den Ärmel ins Schaschlik getunkt, Rohrschachtest mit Senf und Winterjacke, und das alles mit kalten Füßen und heißem Köpfchen, jede Menge Freunde und Bekannte treffen und alle anderen in der FeuZaBo-Schlange kurzerhand zu solchen auserkiesen – ich freu mich drauf. Ein Kerzerl gibt’s am Sonntag auch. Aber nur ein ganz diskretes. Halleluja!

Freitag, 21. November 2025

Nürnberg leuchtet

 

Yippie Yah Yei ihr Schweinebacken! Endlich ergibt alles einen Sinn. Die klirrende Kälte, die macht, dass man sich plötzlich sehr für die Erfindung „beheizbarer Mantel“ interessiert und nicht so sehr für nachmittägliche Spaziergänge. Die Lebkuchen, Schokonikoläuse, Spekulatiuspackungen und Dominosteine, die uns seit August aus den Supermarktregalen hinterhältig angrienen und die zu erwerben oder gar zu verzehren wir uns seitdem hartnäckig geweigert haben. Die 17 offenen Tabs am PC, die mein verzweifeltes Suchen nach „Tageslichtlampe“ und „beheizbares Fußkissen“ bezeugen. Das nagende schlechte Gewissen, ob es, wirklich jetzt schon in Ordnung ist, die Heizung ein kleines bisschen weiter aufzudrehen. Die schaurige Dunkelheit, die Menschen (mich) zum sofortigen Darniederlegen zwingt (nebst schauriger Erkenntnis, dass im Bürokomplex gegenüber gar nicht ausschließlich wahnsinnige Highperformer arbeiten, sondern es nicht wie vermutet mitten in der Nacht, sondern grade mal 17 Uhr ist). Die zahlreichen Tipps zum Basteln der meisterlichsten Laternen, die meinen Instgram-Feed fluten. Und der Umstand, dass in meiner Familie bereits ein-, zweimal das Lieblingsthema „Wie machen wir’s eigentlich an Weihnachten?“ touchiert worden ist. Alles, was grade noch völlig sinnbefreit erschien, leuchtet mir urplötzlich ein. Und das im wahrsten Sinn des Wortes, denn: Nürnberg leuchtet! Ganz besonders leuchtet es bei mir vor der Haustür. Überall auf der Welt sitzen gerade vermutlich Agenten verschiedenster Geheimeinrichtungen vor ihren Satellitenbildern und wundern sich. Nanu, denken sie, was ist denn das hier für ein heller Fleck? und zoomen weiter, immer weiter hinein in die von Düsternis gezeichnete Welt. Inmitten des schönsten Mitteleuropas leuchtet es strahlend, der Zoom zeigt Deutschland, Bayern, Franken, Nürnberg, und urplötzlich irgendwo zwischen Rathenauplatz und Stadtpark einen Feuerwehreinsatz! Oder ein schweres Polizeiaufgebot? Anders können sie es sich nicht erklären, dass dort auf einmal die wildesten Lichter zu sehen sind. Sie versuchen, die Morsezeichen im heftig blinkenden Grell zu dechiffrieren, doch keine Chance. Handelt es sich vielleicht um Deutschlands größte Disko, die mal kreischend orange, dann ampelgrün, auf einmal alarmsignalrot und dann wieder neonblau erscheint? Hat sich da jemand eine private Flugzeug-Landebahn gebaut, die es sogleich zu melden gilt? Ach nein, liebe Geheimdienste, ich kann euch beruhigen: Es sind nur meine Nachbarn, die ihre alljährliche Weihnachtsbeleuchtung installiert haben, vermutlich um für „stimmungsvolles Ambinente“ zu sorgen. Fragt sich nur, welche Stimmung da herbeigerufen werden soll. Immerhin klappt’s, ich fühl mich schon sehr nach Glühwein aus dem Tetrapack und RTL2. Adveniat regnum tuum – ich freu mich drauf!