Freitag, 27. März 2026

Fit wie ein Schlappen

 

Soeben hat mich eine Nachricht erreicht. Je nachdem, wie alt ihr seid, könnt ihr statt „Nachricht“ auch sagen: DM, PM, ne App, eine SMS oder ein Fax, ganz wie es euch beliebt. Die Nachricht jedenfalls frug: „Na, dann bist du ja fit wie ein Turnschuh?“, nachdem ich zuvor über eine ordentliche Portion Schlaf berichtet hatte. Ich ließ meinen Blick schweifen. Erst sinnend, dann skeptisch. Nämlich als jener Blick auf die (An-)Sammlung zahlreicher Exemplare besagten Schuhwerks fiel. Und abgesehen von den zwei bis sieben Paaren, die geschont werden für besondere Anlässe sowie den weiteren drei bis fünf, die das Tageslicht noch nicht mal gesehen haben sondern in ihren Verkaufsschachteln auf ihren Einsatz warten (jajaja, ich weiß … ), muss ich gestehen: So besonders fit sehen die eigentlich allesamt nicht aus. Eher größtenteils so, dass man sie direkt in eine warme Decke wickeln, ihnen einen frischen Keks und ein Glas Milch in die Hand drücken möchte und sie in ihrem Rollstuhl an ein sonniges Plätzchen schieben, wo sie dann ein bisschen gemütlich vor sich hingucken können, während ich drinnen umräume und den Turnschuhseniorinnen und -senioren das Ausgedinge hübsch und Platz für die Nachkommen mache. Jetzt möchte ich gar nicht ausschließen, dass „fit“ und „Seniorentum“ sich ausschließen – wirklich nicht, bei mir im Sport sind zahlreiche ausgesprochen rüstige Damen, die so manch einen ambitionierten Knaben im Gym ohne Mühe wegschnupfen würden. Aber ob „fit“ und „Turnschuh“ zwingend eine Verbindung eingehen müssen, halte ich schon eher für Unsinn. Woher der Ausdruck kommt, kann selbst das allwissende Internet nur unzureichend erklären, aber es ist vermutlich nur ein Zufall, dass man nicht von „fit wie eine Radlerhose“ spricht, von „fit wie ein Tutu“ oder „fit wie ein Dan“. Ob ich überhaupt fit sein will wie ein Turnschuh weiß ich eh nicht so recht, weil beim Wort erleide ich sofort unfreiwillige olfaktorische Assoziationen, außerdem hat die Zeit gezeigt, dass man nun wirklich nicht mehr sportlich sein muss, um in der Öffentlichkeit Turnschuhe zu tragen, oft sogar ganz im Gegenteil. Was soll das also? Wenn ich mir was aussuchen dürfte, dann wäre ich lieber gerne ein Schlappen. Ich meine, das Wort ist perfekt: SCHLAPPen, da steckt alles drin, was man über einen Menschen wissen muss. Außerdem kann nicht nur jeder Mensch Schlappen ganz vorzüglich tragen, sondern ungefähr jeder LIEBT sie auch noch – steht denn irgendwas auf dieser Welt besser stellvertretend für Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Berghütte und Erholung? Ja gut, „Puschen“ womöglich, aber da steckt mir schon wieder zu viel Stress drin: Push push push! Mit dem Schlappen kann ich mich also gut identifizieren, da hängt direkt eine Decke dran, ein Kanapee, Tee und alles, was man für spontane Kälteeinbrüche braucht. Turnschuhe? Später dann wieder.

Freitag, 20. März 2026

Seltsame Teile

Die sogenannten „Exit“-Games, die sich seit circa fünf Jahren größter Beliebtheit erfreuen, muss man wahrscheinlich keinem mehr erklä… Oh, muss man doch? Na gut: Es gibt eine rudimentäre Rahmengeschichte (Weltall, Hexenhaus, Schlossverließ), die stets besagt, dass man irgendeine Art von Problem hat (Räuber, Explosionsgefahr, Einkauf vergessen). Mithilfe von Schläue und Kombinationsgabe muss man sich dann aus der Situation hinausrätseln. Es gibt aber immer wieder Hinweise und Hilfsmittel, die das erleichtern, und darunter sind stets sogenannte „seltsame Teile“. Die sind meistens wirklich sehr seltsam, und es erschließt sich für gewöhnlich erst im Spielverlauf, worum es sich bei dem Gegenstand (Plastikedelstein, Schaschlikspieß, Spinnenfigur) handelt. Ich fühle mich diesen seltsamen Teilen irgendwie freundschaftlich verbunden. Vielleicht, weil ich mich auch oft wie so eine Seltsamkeit fühle. Vor allem aber, weil seltsame Teile jeglicher Art überall in der Gegend herumliegen und mich zuweilen aufs Äußerste beschäftigen. Zum Beispiel einzelne Schuhe am Straßenrand. Hosen in Hecken. Oder eine lilafarbene Stola (diese Art Jesus-Fan-Schal, den vor allem katholische Geistliche über dem Talar tragen), die mir einst traurig vom Boden entgegenblickte. Ich blieb damals vor der Stola stehen, betrachtete lange den irgendwie rührenden Stoffknödel auf dem Boden und fragte mich: Was mag hier wohl passiert sein? Was ist die Geschichte dahinter? Wenn man mit ein bisschen geöffneten Augen durch die Gegend läuft, findet man viele solcher seltsamen Teile, und manchmal mach ich mir den Spaß und strick selbst die Geschichte dazu. Schuh verloren auf der Flucht vor dem Finanzamt? Hose vergessen nach einem ausgiebigen Bad im Brunnen? Stola vom Leib gezerrt, weil der Geistliche seine große Liebe vor der Norma getroffen und darob beschlossen hat, sein Leben zu ändern? Man wird es nicht erfahren, und umso neugieriger macht mich das. Es gibt noch andere seltsame Teile, die sich nicht im öffentlichen Raum, sondern insbesondere in meiner Küche befinden, und vielleicht sollte ich die alle mal einpacken und zu dieser Fernsehshow gehen, wo die Kandidaten den Zweck unbekannter Gegenstände erraten müssen. Lange gerätselt haben wir über eine Sache, die gemeinsam mit einer Knoblauchpresse den Haushalt bezog: ein wirklich seltsames grünes, röhrenartiges Gummiteil, das erstmal sehr lange mit anderen seltsamen Teilen, deren Verwendungszweck sich auf den ersten Blick so gar nicht erschließt (beispielsweise ein Burger-Patty-Former), in einer Schublade vergammelte, bis der Zufall uns erklärte, dass es sich hierbei um ein Ding zum Knoblauchschälen handelt. Ein anderes Teil ist mir grade wieder ins Auge gestochen: eine Art Kunststofftablett, über das eine dünne, extrem dehnbare Folie in einem Aufklapprahmen befestigt ist. Ich habe bis heute nicht begriffen, was das ist und woher es kommt. Wegwerfen kann ich es aber auch nicht. Lieber steh ich jeden Tag davor und rätsele über seine Bestimmung. Ideen, Geschichten und Exit-Strategien am Start? Dann immer her damit! 

Freitag, 13. März 2026

Wollsplitt

Ich habe nach der vorletzten Kolumne eine Rüge von meinem Aufsichtsratsvorsitzenden bekommen. Der Rat besteht aus einer einzigen Person, die mit gerechter Strenge über mich wacht und meine Tage mit wohlwollenden Bemerkungen als Stimme aus dem Off (manchmal auch aus dem On) begleitet: Hast du heute überhaupt genug Wasser getrunken? Wann kümmerst du dich eigentlich um die Zuzahlungsbefreiung? Gibt es schon einen Termin in der Autowerkstatt? Das mag jetzt erstmal seltsam klingen, aber immerhin handelt es sich bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden (ARV) um eine sehr reelle Person und nicht um eine Siri oder gar einen selbstgebauten Avatar, den mit diesen könnte ich nicht so herrlich diskutieren und mich mit geschickter Rhetorik aus der Affaire mogeln. Außerdem ist mir schon die Bezeichnung sympathisch, enthält sie doch quasi ausschließlich Silben, die jede für sich etwas Nettes bedeuten: Auf-sichts-rats-vor-sit-zen-der. Naja, immerhin kommt „Zen“ darin vor, und davon brauch ich viel im Umgang mit ihm. „Du hast“, zürnte der Hauswirtschaftsweise also, „in der letzten Kolumne gelogen!“ – „Ich?! Nein, niemals! Ich schwöre die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!“ und dabei eventuell heimlich hinter dem Rücken die Finger gekreuzt. Aber ähm ein trockener Schokoladenkuchen bleibt schließlich ein trockener Schokoladenkuchen, auch wenn man ihn mit Tonnen von Fondant, Buttercreme und Marzipan dekoriert! „Du hast aber geschrieben, dass unsere ganze Wohnung komplett mit Rollsplitt bedeckt ist, und das stimmt doch überhaupt nicht!“, schimpfte der ARV weiter. „Aber es stimmt doch sehr wohl, dass überall diese schwarzen Klumperl herumfliegen. Schau halt!“ versuchte ich mich weinerlich zu wehren und gestikulierte dabei wahllos in Richtung verschiedenster Raumecken. „Nein, das stimmt nicht. Mindestens die Hälfte davon ist gar kein Rollsplitt. Höchstens vielleicht: WOLLsplitt!“ Da war ich baff. Und sogleich überzeugt, denn er hat recht. Während der Rollsplitt seinen natürlichen Lebensraum vorzugsweise im Flur, angrenzenden Flächen und Ecken pflegt, sind die Wollsplittknödel absolut und überall dort, wo sich ein Mensch nur aufhalten kann, sei es gehend, stehend, sitzend oder liegend. Schuld daran mag ein wohnungsintern intensiv kultivierter Hang zur Wollsocke sein, die traditionell über käseweiße Mauken gestülpt werden, sobald das Haus betreten und das Tagwerk vollbracht ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gehaust wird, da fallen Wollknötchen. Ein Glück, dass das alles bald vorbei ist und wir mit blanken Füßen den Straßendreck wieder direkt in unsere Schlappen schaufeln können. Wie sich das anfühlt, probieren der ARV und ich grade übrigens schon für euch aus: Sehr sandig hier, aber gar nicht mal so übel. Viele Grüße aus dem Urlaub! 

Freitag, 6. März 2026

Bärtierchen

 

„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000 Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren, mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern, der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat. Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.

 

Freitag, 27. Februar 2026

Hufgescharre

 

Hallo hallo Test … Eins zwo, eins zwo … HALLO? Könnt ihr mich hören und verstehen? Ich bin mir nicht sicher, weil es ist so irrsinnig LAUT um mich herum seit ein paar Tagen, dass ich sozusagen mein eigenes Wort nicht verstehe. Dabei soll es doch jetzt eigentlich leise und ruhig zugehen wegen der inneren Einkehr und der Fastenzeit, aber nein! Stattdessen scharren alle derart mit den Hufen, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis die Erde bebt. Aber das wäre eigentlich ganz gut, wenn die Erde sich einmal so richtig schütteln würde wie das Bäumchen vom Aschenputtel, nur dass dann kein Gold und Silber über uns geworfen wird sondern ein Haufen Dreck. Insbesondere mehrere Tonnen Rollsplit würde uns dann hübsch um die Ohren fliegen und den letzten Zentimeter Fläche, den er in den vergangenen Wochen noch nicht vereinnahmt hat, auch noch besetzen. Kürzlich fand ich so ein kleines Steinderl sogar im Bett, erlaube mal! Von den zahllosen, die ich tagtäglich aus meinen Schuhen schüttele, ganz zu schweigen, und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein kleines Stück Geröll als Pfefferkorn tarnt und ich mir krachend einen Zahn ausbeiße. Aber das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst Rosmarie! Uns kann überhaupt gar nichts erschüttern grade, weil der Grund, aus dem wir so nachdrücklich mit den Hufen scharren, erfüllt uns mit einer derart mordsmäßig guten Laune, dass selbst der verdrießlichste Zwiderwurz unter dem Gewicht der allgegenwärtigen Freude einbrechen und aus Versehen einmal die Mundwinkel hochziehen muss. Denn es lüpft sich der nasskaltgraunebligsprühregnerische Schleier für ein, zwei Täglein, und darunter zum Vorschein kommt: eine Welt, der zu begegnen plötzlich nicht nur möglich, sondern sogar zwingend unabdingbar erscheint! ZZZZZISCHHHH … Habt ihr das gesehen? Das war ich, wie ich auf dem Rollsplit in den Park surfe, um mich dort gemeinsam mit den Heerscharen der Sonnenanbeter und Frühlingsvergötterer vor jedem noch so kleinen zarten Grün auf den Boden zu werfen und ihm meine tiefe Verehrung zu erweisen. Ich werde im Kreis tanzen in flatternden Gewändern, mir Kränze aus moderndem Laub und Raketenstecken winden, eigenhändig ein jedes früherwachte Insekt über die Straße tragen, das Eisengitter vor der Eisdielentüre aufstemmen, auf Feenflügeln von Grill zu Grill flattern und diese einzig kraft meiner Gute-Laune-Funken entzünden. Ich werde Schneestiefel und Funktionsunterwäsche vom Balkon werfen und die Heizdecke gleich dazu, 17 leichte Spaßgetränke gleichzeitig degustieren, alle Igel aus dem Winterschlaf küssen, mir die Sonnenbrille auf die Nase kleben und fünf Openairkonzerte nacheinander besuchen. Ich werde … am Montag todsterbenserkältet sein, reuig meine warme Ware vorm Balkon wieder einsammeln und dabei jedem einzelnen Rollsplitkörndl den Mittelfinger zeigen. Aber es wird sich gelohnt haben. Winterschluss, ick hör dir trapsen. Da ändert auch das Hufgetöse nichts daran.

 

Freitag, 20. Februar 2026

Braunpflanze

 

Ich wollte gerade kalten, alten Tee in einen großen Pflanztopf schütten. In diesem Pflanztopf befindet sich seit einer äußerst kräftezehrenden Umbaumaßnahme, der ich vor einigen Wochen mein Arbeitszimmer unterzogen habe, um das dort herrschende Chaos (Genie und so) wenigstens einer äußeren, scheinbaren Ordnung zu unterwerfen, eine sehr große schöne Pflanze. Die, so hoffe ich, filtert die ganze böse Luft, die ich beim Hirnen und Werken und Wirken produziere, und macht aus ihr frischen, gesunden und kopflüftenden Sauerstoff (Muss man dann eigentlich noch lüften? Frage für einen Freund.), sondern erfreut auch mein müdes Auge mit ihrem erquicklichen Anblick: Kurz aufs saftig-grüne Blatt gelinst, und schon purzeln die Ideen nur so aus meinem Kopf hervor. Genau diesen Quell der Inspiration sehe ich seit einigen Tagen bedroht, denn es betrüben die Freshness ein, zwei braune Blattstellen … Zimmerpflanzen und ich, das ist so eine Sache. Was gut geht, sind getrocknete Blumen, mit denen komme ich zurecht, wir führen oft jahrelange Freundschaften. Was mir auch sehr gut gelingt, ist die „Pflege“ einer Orchidee, die ich vielleicht einmal fürs Guinness Buch der Rekorde als widerstandsfähigste jemals gelebte Pflanze der Welt vorschlagen möchte: Vor über 20 Jahren als Einzugsgeschenk in die erste eigene Wohnung erhalten, steht diese Orchidee als lebendes Wunder und Beweis für die Existenz von Pflanzen, die um so besser gedeihen, je mehr man sie einfach vergisst, und presst unter größten Geburtswehen Jahr für Jahr ihre Blüten in die Welt hinein. Weil ich sie freilich niemals umgetopft habe, befinden sich in ihrem Heim Wurzeln statt Nährboden. Zudem dient die Pflanze als Langzeitexperiment. Zwischenergebnis: Nach 20 Jahren beginnt ein Plastiktopf langsam zu zerbröseln … Ab hier wird die Luft dünn, und vor jedem Kauf einer neuen Grünpflanze gehe ich mit mir hart ins Gericht, ob ich dem armen Lebewesen diese kurze Existenz wirklich antun möchte. Jetzt also braune Flecken. Ich rief sogleich meine Vertraute in allen Pflanzenfragen an: Jemand, der euch vielleicht noch als „Pubertier“ ein Begriff ist, der bzw. die aber unversehens zu einer stattlichen jungen Dame mit zwei prächtigen grünen Daumen herangereift ist. Nach 17 Sprachnachrichten á fünf bis 26 Minuten rief ich „STOP!“ ins Telefon hinein und „Ich wollte eine PFLANZE und kein HAUSTIER!“, denn so fühlten sich die Anweisungen ziemlich genau an, die sich irgendwo zwischen „Blätterstreicheln“ und „Pflanzendusche“ bewegten. Vielleicht sollte ich ein neues Experiment starten und die „Braunpflanze“ etablieren. Mit dem alten Tee, dachte ich, wäre damit wohl ein guter Anfang gemacht. Ich hab’s dann lieber gelassen. Wenn ich nicht faste, muss es die Pflanze ja auch nicht unbedingt tun. Vielleicht dankt sie’s mir – ich werde berichten.

Freitag, 13. Februar 2026

Kostüme

 

Helau! Alaf! Aha! Tadaa, tadaaa, tadaaaaaa! Liebe Mitleidende, wer dieses kleine, unkaputtbare Textlein namens „Runter vom Sofa“ seit Anbeginn der Zeit (immerhin schon gut 15 Jahre!) nicht zwingend wohlwollend, aber doch halbwegs aufmerksam verfolgt, der hat vermutlich schon notiert, dass es sich bei Ihrer Lieblingsautorin um einen veritablen Faschings-Grinch handelt. Jambo Jambo, Rosenmontag, Nubbelverbrennung – kann mir alles hübsch gestohlen bleiben. Jedoch trotz intensiver Ursprungsforschung kann ich mir das selbst nicht so recht erklären, schließlich hab ich doch von Geburt an die gleiche Faschingsluft geatmet wie der Rest der Stadt, die sich alljährlich aus heiterem Himmel zur Faschingshochburg erklärt. Was sich primär durch bereits erwähnte Bäckerei-Auslagen hervortut wie den Umstand, dass am Faschingsdienstag die Straßen auch nicht anders aussehen als sonst um diese Jahreszeit, in verborgenen Kellern und hinter verschlossenen Türen, von denen nur Hardcore-Eingeweihte wissen (z. B. Kindergärten), jedoch alljährlich ein buntes Treiben passiert. Eine kleine Idee zur Erklärung kam mir unlängst beim Durchblättern eines digitalen Fotoalbums, in dem sich auch allerlei Beweisfotos meines frühkindlichen karnevalistischen Dilettantismus‘ fanden: Als Cowboy (mit fragwürdigem Pullover in pink-gelb-gestreift), Katze (mit dank kaputter Sicherheitsnadel beständig abfallendem Schwanz), Geisha (jaa ich weiß, aber der Kimono war wirklich toll) oder Obelix (ein wie „wir“ = die Erziehungsberechtigten fanden einer Fünftklässlerin absolut angemessenes Kostüm. Bei der selben Veranstaltung erschienen zwei Klassenkameradinnen als etwas, das sie mit dem mir bis dato unbekannten Begriff „Nutten“ erklärten und damit die Stars des Nachmittags waren). Außerdem ein gruseliger Clown mit (Vaters Schuhen und) einem dicken Bauch (Gästin: „Oh, da ist ja gar kein Kissen drin!“). Und dann fällt mir lange, lange nichts ein, was mit Kostümierung zu tun hat, bis zu dem denkwürdigen Tag nach locker 20 Jahren Faschingsabstinenz, an dem ich zwangsverkleidet zur Biene Maja abkommandiert wurde (die Fotos gibt es überraschenderweise immer noch in einschlägigen Online-Portalen). Ich bin der Mensch, wegen dem es diese eine Verkleidungskiste an der Tür gibt, um alle sich der Motto-Party widersetzenden Gäste hilfsbereit vor Einlass noch geschwind in irgendeinen müffelnden Fummel zu stopfen. Seit drei Jahren ist das alles anders. Nämlich, seitdem ich mich in ein aufblasbares Dino-Kostüm verliebt habe. Mit diesem reite ich als T-Rex-Dompteur durch die Massen des Gaudiwurms und sammle die mir zufliegenden Herzen ein wie der Pöbel außenrum Kamelle, werde um Fotos gebeten und bringt Kleinstkinder zum Weinen. Das macht großen Spaß! In diesem Sinne: Kann sein, wir sehen uns … Nürnberg, roaarr!

Freitag, 6. Februar 2026

Ewiger Januar

Herzlich willkommen in der schönsten Zeit des Jahres: Keine lästigen Fragen nach der abendlichen Freizeitgestaltung mehr, sondern einfach pünktlich um 20.15 Uhr auf dem Kanapee drapieren, Glotze an und zwischen 2,5 Stunden Werbung 30 Minuten lang sogenannten „Promis“ dabei zusehen, wie recht und schlecht sie sich im australischen Dschungel schlagen und ganz nebenbei noch alle anfallenden Aggressionen auf mindestens eine Person konzentrieren und hübsch abreagieren. So gefällt mir das. Wir sehen schon: Die Ansprüche an die Jahreszeit sind ausgesprochen gering, weil in Wahrheit befinden wir uns natürlich ganz und gar nicht in der schönsten, sondern wahrscheinlich der scheußlichsten Phase des Kalenders. Winterlich-weihnachtliche Lichterl, die uns den Weg durch die ewige Finsternis weisen und das Gemüt ein bisschen wärmen, sind passé. Alle Feste sind abgearbeitet. Langsam wird es zwar ein bisschen weniger dunkel, doch keinesfalls auch weniger scheußlich – denn im Gegenteil zur hinlänglichen Annahme ist der Winter mit der Silvesternacht nicht vorbei, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Das hat Petrus in den vergangenen Wochen hinreichend bewiesen, und ich bin zuversichtlich, dass er noch die ein oder andere Schauerlichkeit in petto hat, um den Januar traditionell auf circa 90 Tage zu verlängern. Zwischendurch ein kleiner Sonnenflecken, damit wir uns alle einbilden, der Frühling gäbe sich die Ehre. Mit der Konsequenz, dass die Anzahl der Rotznasen und Pestilenzen im Umfeld sich spontan verdrei- bis vierfachen – es ist halt bei genauerer Betrachtung doch keine ganz so gute Idee, sich im tiefsten Winter mit Shirt ins Straßencafé zu setzen, auch wenn sich 3 Grad zugegebenermaßen bumperlwarm anfühlen nach einer längeren Periode der Minusgrade. Zu allem Unglück ist die Welt auch noch geschmückt mit feinen Haufen grauschwarzer Ekelberge, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem Winterwonderland, über das wir neulich noch gejauchzt haben. Stapfen wir also mit Wolljacken, Daunenmänteln, Pudelmützen, Fäustlingen und nassen, kalten Füßen durch die Gegend und tragen schwer an unserem Schicksal. Wäre da nicht ein Lichtblick in jeder Bäckereiauslage auf unserem Weg: Krapfen! Köstliche Hefeknödel, gefüllt mit einer roten Sache, deren einzige Daseinsberechtigung ebenjene ist, knirscht der Kristallzucker herrlich zwischen den Zähnen. So man solcherlei noch findet. Denn die Suche wird massiv erschwert durch den sogenannten „Erfindergeist“ der Zunft. Statt sich auf den Klassiker zu konzentrieren, belästigen diese mich mit Kreationen, die dem berühmten Mango-Gelbwurst-Sorbet und Garnele-Rosmarin-Creme der Eisdielen in nichts nachstehen und dabei auch noch mit ähm besonderen Namen bedacht werden. Als wäre „Salty Depp mit Popcorn“ nicht schon schlimm genug, gibt es plötzlich auch noch Schlemmerkrapfen mit Leberkäse, Ziegenfrischkäse oder gleich als Burger mit Ketchup und Mayo. Der Missmut, der mich hierbei befällt, passt allerdings eigentlich sehr gut zum ewigen Januar. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Bäcker. Vielleicht gibt’s ja bald noch Schafshodenkrapfen und solche mit Insekten. Eine runde Sache. 

Freitag, 30. Januar 2026

Frau Holle

 

Also ich nehme mal an, die meisten von euch haben es dann doch jetzt langsam mal mitbekommen: Dieses Jahr ist Kommunalwahl, in Übersee regiert ein Verrückter und wenn wir uns alle nicht bald mal zusammenreißen, hier auch demnächst. So viel zur Makroebene. Auf der Mikroebene treibt die hiesige Bevölkerung grade etwas anderes um, nämlich die (Misse-)Taten einer Person, deren Identität zwar bekannt ist, die dennoch aber bislang nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Bei der gesuchten Person handelt es sich um eine Dame betagteren Alters. Sie ist mutmaßlich bekleidet mit Kittel und Haube und gibt sich zu erkennen durch heftiges Betten-Ausschütteln aus Fenstern so unterschiedlicher wie unbekannter Lage. Unregelmäßigkeit und Unkalkulierbarkeit der Missetat erschwert die Ergreifung der Person gehörig, so dass eine unter Hochdruck laufende Fahndung bislang nicht von Erfolg gekrönt war. „Frau Holle“, wie die Täterin sich nennt, treibt also weiterhin ihr Unwesen und sorgt für Schnee, Chaos und Verwehungen. Zumindest sieht es durch die Skibrille des (öffentlichen Nah-)Verkehrs so aus. Doch des einen Leid, des anderen Freud, und so ist neben vielstimmigem Wehklagen auch ein großer Jubel zu vernehmen. Juhu, die Schule fällt aus – ich meine, wer kann schon von sich behaupten, diesen heiligen Satz überhaupt jemals ausgesprochen zu haben (gewisse pandemische Phasen mal ausgenommen), und dann auch noch wegen einer Substanz, die hierzuorts so rar ist wie Fischsemmeln? Komm setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern. Malst Blumen und Blätter – wir haben dich gern! Werfen uns schneeengelnd auf den Boden und gegenseitig Batzen ins Gesicht, stapfen knietief versinkend durch die weiße Innenstadt oder langlaufen zum Supermarkt, formen meterhohe Schneemänner, -frauen und manchmal auch -pimmel, hüpfen auf Zehenspitzen durch schwarz-zerfahrenen Schnodder oder auf Snowboards den Burgberg hinab. Letzterem möchte ich jedoch die Spitze der Besonderheit nehmen, weil: ja gut, in Anbetracht der Schneearmut der letzten Jahre schon nice, keine Frage. Aber früher (als alles noch besser war), nämlich am 1. Dezember 2010, herrschten ganz ähnliche Bedingungen. Es trafen sich vier Freunde am Hauptmarkt, wo sie sich in einem ehemaligen Feinkostrestaurant vier schöne, rote Tabletts liehen und mit diesen gen Norden, sprich burgwärts stapften. Oben angekommen begann ein großer Spaß aus rutschen, schlittern und verunfallen, und während die vier Freunde auf ihren roten Plastikplatten den Berg hinunterrasten, rodelte außenrum auf Tüten, Zelten, Abdeckplanen alles herum, was irgendwie rutschbar war. Die Tabletts waren hinterher zertrümmert und ich weiß seitdem um die vielen Steine und Felsbrocken, die auf dem Burgberg herumliegen … Autsch! Ganz so beeindruckt bin ich also nicht von der aktuellen Nürnberg-Streif. Aber jetzt muss ich schnell raus und dem doofen Nachbarn einen Riesenpimmel aufs Auto formen, bevor alles wieder schmilzt. Frau Holle? Darf ruhig noch ein bisschen schütteln.  

Freitag, 23. Januar 2026

Winterschlaf

 

Hallo, ich möchte euch heute etwas Trauriges sagen. Das ist vielleicht ein bisschen oversharing, aber es geht bestimmt viele von euch an, und wir wissen ja, dass geteiltes Leid für einen selbst auch nichts einfacher macht, aber zu wissen, dass es den anderen auch schlecht geht, macht es irgendwie besser. Jedenfalls die schlechte Nachricht beziehungsweise Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen gewonnen habe, ist folgende: Wir machen ja gar keinen Winterschlaf! Und das, so meine ich, ist ein Fehler. Ein paar Menschen haben das schon erkannt und machen das Spiel einfach nicht mehr mit, sondern hängen „Wir machen Winterschlaf!“-Schilder in ihre Schaufenster und bäm – deal with it! Mir fallen ungefähr exakt genau vier Berufsgruppen ein, die sich dieses Privilegs erfreuen können: Eisdielenbesitzer, Tretbootverleiher, Biergartenwirte und Freibadbetreiber. Denen ist egal, ob ich heut im pinken Paddelschwan eislutschend eine Seefahrt machen möchte, weil es hat zwar Minus zehn Grad, aber die Sonne scheint, weil sie haben jetzt Pause und vor April geht da gar nichts mehr. Und das akzeptiert man ja dann auch einfach so. Ich schätze mal, dass wenn ich einen fünfmonatigen Winterschlaf mit konsequenter Einsatzverweigerung anmelden würde, sich das Verständnis in Grenzen halten hielte. Autoreply im Emailprogramm: „Liebe/r Dings, danke für deine Anfrage, aber ich bin im Winterschlaf und frühestens Mitte März wieder erreichbar. Bis dahin mach doch deine Steuererklärung und Kolumnen selbst. Danke, tschüssi und baba!“ Das wär’s! Ab in die Koje und Habedieehre! Ich war bestens vorbereitet: Schön im November und Dezember von Fett, Zucker und Weißmehl ernährt und entsprechend Polster angereichert, wo man sagt: Da hätte ich bei der jährlichen Fat Bear Week in Alaska gute Chancen auf den Sieg gehabt. Währenddessen habe ich überall in der Wohnung kleine Vorratskammern angelegt wie ein Eichhörnchen, und wie dieses auch viele dieser Verstecke sogleich vergessen. Aber es ist schön, wenn man in einem länger nicht getragenen Stiefel ein Snickers findet, kann ich euch sagen. Für kleine Wachphasen hab ich eine ellenlange Liste Serien, Filme und Dokus angelegt und ausreichende Mengen Bücher verschiedenster Genres vorgehalten. Und mich mit verschiedensten Kissen, Heizdecken und Kuschelobjekten ausstaffiert. Vier, fünf Monate die Wohnung nicht verlassen? Überhaupt kein Problem. Aber genau so, wie es mit 100%iger Sicherheit genau in dem Moment, in dem ich mich für einen Mittagsschlaf ins Bett gelegt habe, an der Tür schellt und ein Paketbote mir was für die Nachbarin aushändigen möchte, zerrt und zupft dieses seltsame Leben auch jetzt an mir herum und lässt mich einfach nicht zur Winterruhe kommen. Steuer hier, Inspektion da, Vollversammlung bla, und, o Graus, Winterspaziergang blubb … Schlaf ich halt im Sommer. Sind ja nur noch … 16, 20 Wochen bis dahin. Gääähn …

Freitag, 16. Januar 2026

Eispeitsche

 

Na, da sind wir ja grade nochmal gut davongekommen mit der sibirischen Eispeitsche, die übers Land gefegt ist und – honi soit qui mal y pense, ihr Schelme – den Gedanken hat aufkommen lassen, es handle sich hierbei um eine Art meteorologische Metapher für gesellschaftliche Schwingungen. Eiseskälte, während lustige kleine Caspars, Balthasars und Melchiore von Tür zu Türe rutschten, um Kreidebuchstaben zu malen. Lustig eigentlich, weil ich glaub, wenn ich dabei erwischt würde, wie ich mit goldenem Umhang und Krönchen trällernd durchs schönste aller Nürnis tingle, um überall ungefragt mein Kürzel zu taggen, stünde schnell mindestens der Ordnungsdienst auf der Matte, um mich am Schlafittchen zum Putzdienst zu schleifen. Aber gut, man hat ja hierzulande traditionell ein gespaltenes Verhältnis zur Fassadengestaltung (s. Graffiti – böse vs. Lüftlmalerei – gut), erstens. Und zweitens weiß ich freilich selbst, dass es sich beim C+B+M nicht um schnöde Namensnennung handelt, sondern um die (zugegebenermaßen sehr kurze) Abkürzung des salbungsvollen „Christus mansionem benedicat“: Christus segne dieses Haus. Wer sich jetzt am Morgenkaffee verschluckt hat wegen Zwangschristianisierung, dem reiche ich gerne eine alternative Übersetzung: Casa mea benedicat – und ob deine Hütte von Christus, Allah oder Benjamin Blümchen gesegnet wird, das kannst du dir dann einfach selbst aussuchen. Also jedenfalls war’s recht kalt, aber das entspricht ja nicht nur der landesweiten Stimmung, sondern dank jüngster Ereignisse auch der städtischen, wo vor wenigen Tagen ein Kind eine Bühne erklomm und der (Nürnberger) Welt sagte, was sie eh schon wusste: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Püüha, das mögen wir nicht so gern. Sehr gerne hingegen mögen wir uns mit Neujahrsvorsätzen beschäftigen bzw. der Nichteinhaltung derselben. Um mich herum wird viel verzichtet, wie es sich gehört freilich auf Süßkram (berichtete die Freundin mit chipsgefüllten Backen), und ich bin mir sicher, dass gestern im Fitnessstudio – sorry: Gym, meine ich, verdächtig viele neue Gesichter mit verdächtig neuen Klamotten anwesend waren. Was machen die eigentlich ab Februar mit ihrem Jahresvertrag? Naja, von irgendwas muss so ein Sportverein ja leben. Eine andere Freundin hat seit zwei Wochen nicht geraucht, dafür aber seitdem den kompletten Hausstand ausgetauscht: Neue Mikrowelle, Küchenutensil, Kunst, Outdoor-Klamotten – es könne sein, so grübelte sie, sie kompensiere Rauchen mit Online-Shopping, und sei sich nicht ganz sicher, wie lange sie das so durchhalten könne. Rauchen anfangen aus finanziellen Gründen – musst du auch erst einmal schaffen. Gefällt mir aber nicht schlecht. Ich hab irgendwie keinen Vorsatz, dabei würde ich so gern einen brechen. Zieh ich mich halt weiter warm an. Wegen der Kälte. Auch der meteorologischen.

Freitag, 9. Januar 2026

Ausruhezeichen

 

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Interpunktionologie-Stunde. Heute: das !. Das „!“ kennen wir alle. Es ist ein Ausrufezeichen, und wir verwenden es oft falsch, meistens aber, um eine Aufforderung oder irgendwas Nachdrückliches, Dringendes zu kennzeichnen. Manchen Menschen ist immer irgendwas ganz besonders dringend, deswegen begnügen sie sich nicht mit einem ! sondern mit ganz vielen !!!!!!! und weil sie dabei im Eifer des Gefechts manchmal nicht nur die Kontrolle über ihren Wortschatz, sondern auch die ihrer Finger über die Tastatur verlieren, schreiben sie dann !!!!!!!!!!!!11, weswegen lustige Menschen manchmal im Scherz „1elf“ oder ähnliches hinter Sachen schreiben, um sie ironisch als wichtig zu markieren. Daraus folgt: Mit diesem höchst stressigen Ausrufezeichen möchte ich nichts zu tun haben !!!!!11elf Deswegen habe ich es flachgelegt. Umgebügelt. Schön aufs Kreuz gelegt. Und dann neben mir aufs Kanapee gebettet. Jetzt sieht das ! aus wie  ▄▄▄  und ja, damit wie der Morsecode für den Buchstaben A. Vor allem aber wird somit aus dem unfassbar anstrengenden, herumbrüllenden, nervtötenden, hektikverbreitenden Stresszeichen etwas ganz Sanftes, Ruhiges. Nämlich ein: Ausruhezeichen. Hier liegen wir zwei Hübschen jetzt also nebeneinander, atmen tief durch und fragen uns, wie um alles in der Welt wir ab spätestens kommender Woche wieder in dieses „Alltag“ einsteigen sollen, von dem wir uns in den letzten Tagen mit großer Anstrengung erholt haben. Also das Ausruhezeichen und ich fragen uns das. Bei euch weiß ich’s ja nicht. Aber ich hör schon viel Schnaufen und Ächzen und Stöhnen um mich herum, weil es war doch ganz schön viel in den letzten Wochen, und dann auch noch die Jahresendfestspiele – püüüüh. Indeed bin ich mit Beendigung derselben in einen tiefen Sozialschlaf verfallen, der es mir unmöglich machte, größere Unternehmungen zu veranstalten als vielleicht einmal in ein Museum hineinzulinsen, ganz zu schweigen von menschlichen Begegnungen, die ich aufs Penibelste vermieden habe. Es war genug! Die Bedürfnispyramide: Liegen, essen, schlafen, lesen, fernsehen. Und dazwischen gelegentlich ein kleiner Schreck: Wie um alles in der Welt soll ich nur in dieses „Alltag“ wiedereinsteigen, wenn ich nicht mehr wie eine dicke Amöbe in der Nährlösung zwischen den Jahren und im namenlosen Nirgendwo der ersten Januarwoche herumdümpeln kann? Zugegeben: Da hat sich dann kurz ein kleines Ausrufezeichen in die ganze Gemütlichkeit gemogelt und wahrscheinlich auch in mein Gesicht. Als das Ausruhezeichen das gesehen hat, hat es mir sogleich zärtlich über die Wange gestrichen und mich beruhigt: „Gemach, gemach“, hat es gesagt und meine Hand getätschelt, es ist ja eine kommode Woche, und außerdem will grad ungefähr niemand aktiver sein als zwingend nötig, weil schließlich sind alle sehr beschäftigt mit Frieren bzw. Vermeidung dieses misslichen Zustandes! Ich bin dem Ausruhezeichen dankbar. So kann das Jahr beginnen!!!1elf

Freitag, 2. Januar 2026

Rauhnächte

 

Eine Frage, die ich und wahrscheinlich viele andere sich in den kommenden Wochen wieder stellen werden: Wie lange darf man sich eigentlich ein „frohes neues Jahr“ wünschen, ohne gegen irgendeine mystische Etikette zu verstoßen? Ich bin da fürs erste aus dem Schneider, denn heute ist der 2. Januar 2026, ich kann mit Stolz behaupten, mich noch kein einziges Mal in der Jahreszahl verschrieben zu haben und ziemlich sicher zu wissen, dass ich heute garantiert schadlos sagen kann: Ein frohes und gesundes Jahr wünsche ich allen, viel Zuversicht und Frieden und Mut! Kurzum: Happy New Year! Oder auch Happy New Yeah, schließlich stehen wir alle nicht nur am Anfang eines neuen Jahres, sondern haben auch eines höchst zweifelhafter Qualität mehr oder minder erfolgreich hinter uns gebracht. Und das, zumindest fühlt es sich für mich so an, in rasender Geschwindigkeit. Mit anhaltend hohem Tempo ist mir jetzt auch das Jahresende um die Ohren geflogen, und weil ich es deshalb umso lieber mit dem bereits zitierten Karl Valentin halte, konzentriere ich mich in den kommenden Tagen auf heidnisches Brauchtum. Nee, keine Stärke antrinken. Das ist zwar oberfränkisches und damit schon auch irgendwie heidnisches Brauchtum, aber nachdem es hierbei darum geht, sich am Abend vor dem 6. Januar mit diversen Alkoholika (pro Monat ein Getränk) die Stärke fürs kommende Jahr anzutrinken, möchte ich mich selbst vor der Enttäuschung schützen, nach zwei kleinen Gläsern Sekt mit Kopfschmerzen auf einer Bank einzuschlummern und mir somit nach Februar eine mittelschwere Schwäche ins Haus zu holen. Lieber halte ich mich an die Rauhnächte – deren Riten lassen sich bequem vom Kanapee aus vollziehen. Seit 25. Dezember läuft diese spezielle Zeit, die sich u.a. dadurch auszeichnet, bestimmte Sachen NICHT zu machen. Wie beispielsweise Wäsche waschen. Hab ich mich dran gehalten. Außerdem aufgeräumt, Schulden beglichen, Kerzen aufgestellt und 13 Wünsche aufgeschrieben und verbrannt. Letzteres lässt sich hervorragend kombinieren mit der Notwendigkeit, tagtäglich die Zimmer zu räuchern, somit die bösen Geister zu vertreiben und mich entsprechenden Aufgaben zu stellen: Zurückblicken, Altes loslassen. Still werden, zur Ruhe kommen. Sich für andere und sein Inneres öffnen. Auf sein Inneres vertrauen. Sich Gutes tun, genießen. Verzeihen, vergeben, Beziehungen heilen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen. Entscheidungen fürs neue Jahr treffen. Impulse prüfen und sortieren. Achtsam werden für das, was ist. Dankbar sein für das, was ist. Ich denke, solcherart durchreflektiert sollte ich weitestgehend gewappnet sein für das kommende Jahr. Wie, das wollt ihr lieber auch sein? Na dann: Vier Nächte habt ihr noch, um aufzuholen. Stärke antrinken könnt ihr euch dann immer noch. Wir schaffen das!