Freitag, 16. September 2016

Endlich Herbst!

Entspannt schloss ich die Augen, lauschte dem Stimmengemurmel um mich herum und ließ mich hinforttragen von der beruhigenden Geräuschkulisse und den sanft ruckelnden Bewegungen des Fließbandes, auf das ich mich ermattet hatte sinken lassen, nachdem ich ein kurzes Erfrischungsbad in der Käsetheke genommen hatte und meinen Jutebeutel befüllt mit frischem Obst und Gemüse, dessen Halbwertszeit bei ungefähr 47 Minuten liegt, als Brutstätte für allerlei Geziefer jedoch bestens geeignet ist, um erst selbiges im schwarzgrauen Bett aufzubahren und mich gleich hinterher, um mit letzter Kraft nach dem Warentrenner zu greifen und mich von ihm hinfortziehen zu lassen, ganz nach Art des Delfinschwimmens, nur ungleich weniger jauchzend.

„Kann nicht“, atmete ich schwer in Richtung der Hochgeschwindigkeitswarenscannerin meines Vertrauens, während ich geschmeidig wie eine Seegurke die Schlange der übrigen Einkäufer überholte, „dieses ‚Sommer‘ bitte endlich vorbei sein?“ – „Ja“, schrie sie mit aller Gewalt in den auf ihr Gesicht gerichteten 800-Watt-Ventilator an, „es reicht jetzt wirklich mal!“ Von soviel Zuspruch beseelt wollte ich grade wieder die Augen schließen, um weitere zwei Meter in einer kurzen Siesta zu verleben, als an mir vorbei erregte Stimmen dümpelten. „Also wirklich!“, empörte es sich, „Wie kann man denn sowas nur sagen? Da soll man doch lieber mal froh sein, dass endlich mal einer ist, also ein Sommer, wo’s doch sonst immer nur so kalt ist bei uns!“ Widerstrebend öffnete ich meine zentnerschweren Lider und blickte in zwei mittelalte Antlitze, so weiß wie der Mozzarella, auf dem mein Haupt ruhte, und so wenig vom Wetter gegerbt wie der Schustersmann, der seit Dekaden im Keller eines Einkaufszentrum sein kellerasseliges Dasein fristet.

„Ja freilich! So schaut ihr mir aus, als hättet ihr auch seit Wochen nur damit zu tun, noch vor Sonnenaufgang das Haus ins Draußen zu verlassen und erst kurz vor Sonnenaufgang wieder zu betreten. Als könntet ihr euch zwar dunkel erinnern, dass die Staubfänger in eurem Wohnzimmer so ähnlich heißen wie Kanapee und Fernsehgerät, nicht aber, wofür man sie gleich wieder braucht. Als wärt ihr die ersten Monate des Sommers nur damit beschäftigt gewesen, die ‚wenigen schönen Tage‘ zu nutzen um im weiteren Verlauf bis heute ‚die letzten schönen Tage‘. Als müsstet ihr immerzu auf allen das-müssen-wir-ausnutzen-dass-das-Wetter-so-schön-ist-Draußenhochzeiten gleichzeitig tanzen, siebzehn wer-weiß-wann-das-wieder-geht-Grillveranstaltungen pro Woche besuchen, alle Biergärten-und-draußen-sitz-wegen-schön-Örtlichkeiten der Stadt möglichst an einem Abend zu frequentieren. GENAU SO SEHT IHR MIR AUS!!“ Dachte ich, während mich das Fließband unbeirrbar über den Barcodescanner schob und von dort aus in den Einkaufswagen, aus dem ich schweigend meine Münzen nach oben streckte. Und kurz darauf höchst beglückt die Wetteraussichten für ab jetzt dann bald zur Kenntnis nahm. Endlich wieder Herbst, endlich wieder drinnen!

Freitag, 9. September 2016

Gelbwurstradl

Manchmal ist eine Einkehr in einem Fleischereifachverkauf allem veganen Gewese zum Trotz zwingend erforderlich. Nach so einer ausgedehnten körperlichen Betätigung beispielsweise, weil so eine schöne dicke Jagdwurstsemmel, die erfrischt halt einfach nach fünf argen Stunden Gärtnerei mehr als ein kleines Seitanstangerl zum dran Lutschen mit einem Glaserl Haferdrink. Jedenfalls stand ich da also und schäkerte mit der Fleischereifachverkäuferin und unvermittelt greift die zu einem dicken Trum Gelbwurst und sägt einen amtlichen Ranken davon hinab. Sofort hab ich mich gefreut, yeah, Supergelbwurst, so muss das sein, hab ich gedacht und dann dabei zuschauen müssen, wie das Gelbwurstradl über die Theke hinweg an mir vorbei auf den Boden geworfen wird. Schau ich hin. Steht da nicht urplötzlich ein Zwergenmensch im Metzger? Also so ein fünfjähriger laufender Meter? Der strahlt und stopft sich das Radl in beide Backen, dass es nur so knietscht, derweil ich ähnliche Geräusche mit den Zähnen erzeuge. Kinder, tuts in mir, immer nur die blöden Kinder, immer kriegen die alles und dürfen die alles und anstatt das meine wunde Seele mit dem Gelbwurstradl gestreichelt und mein Einkauf belohnt wird, NEIN, da kommt so ein Meter reingestolpert der noch nicht mal einen Auftrag hat im Leben außer der Frau Mama den Rockzipfel einspeicheln, und DER kriegt das Radl dann, ich mein, wozu kriegt man das überhaupt so hineinsozialisiert als Kind mit der Gelbwurst, wenn dann der ganze erwachsene Mensch, und das dauert fei lang, gell, also wenn der dann andauernd nur noch zuschauen muss, wie andere als er selbst die antrainierte Gelbwurst übers Metzgersgatter gereicht bekommt? Aber gut, so ein Kind, das wird eh immer nur noch bevorzugt, damit’s dann später auf Studentenwohnheimdächern stehen und „Mir gehört die Welt“-umeinanderschreien kann in aller Herrgottsfrüh, und im Zoo, da wird der Hubschraubermutterblick ausgefahren, wennst nicht sofort am Aquarium auf die Seite trittst, damit der Nachwuchs seine Rotznasen und Gelbwurstfinger ans Glas schmieren und „FISCHIS!“ plärren kann, derweil der Hubschrauber stolz ist auf die Brut und selig lächelt anstatt zu sagen „Du Dummbatz“, müsst man direkt sagen, „das ist kein Fisch, sondern ein Delfin, das kannst jetzt schon mal wissen mit drei!“ aber nein, da wird bekräftigt und gelobt und ich steh da und hab nix gesehen, gar nix, obwohl ich 17,50 gezahlt hab und nicht einfach im Buggy reingeschmuggelt worden bin, aber das interessiert ja niemanden und … Hab ich mir dann meine Gelbwurst einfach selber gekauft. Und zwar nicht nur ein Radl! Ätsch! 

Freitag, 2. September 2016

Kidnapping

„Sagt“, investigierte ich eifrig im vertrauten Urwald, „habt ihr eigentlich nicht ununterbrochen lachen müssen?“ – „Also um ehrlich zu sein“, schüttelte es traurig aus zwei Köpfen, „nein. Eher war es eigentlich so, dass ich mir tagtäglich geschworen habe, nienieniemalswieder mit dir in einen Urlaub zu fahren.“ Nach einem kurzen Moment der Erschütterung – ich mein, das muss man erstmal verkraften, so ein Geständnis – gewann meine Wissbegier Oberhand und ich wollte alles hören. Dass so ein Familienurlaub im kritischen Kindesalter sich keineswegs nach Erholung, sondern in eklektischer Manier nach Entführung anfühlt, daran war meine Erinnerung recht klar. Bitte, man wird gezwungen, gegen seinen ausdrücklich geäußerten Willen mit Menschen, die man kaum kennt und die man meistens abgrundtief verabscheut, weil sie einem ausschließlich das Leben vergällen und nichts gönnen, erst in einem Auto eingesperrt zu sein und dann ungefähr sieben Monate lang an einer zwar unsichtbaren und langen, doch durchaus vorhandenen Leine durch einen Urlaub geführt zu werden, was soll das anderes sein als Entführung? Freiheitsberaubung, wird man schließlich weiterhin gezwungen, durch fremde Landen zu latschen und die Einheimischen durch seine blanke Existenz als Tourist zu belästigen, weil die Entführer müssen sich ja per entsprechender Standardausrüstung (Bauchtaschen, Bequemschuhe, Sonnenschirmhauben) als solche zu erkennen geben, und da hilft auch ein sorgsam eingehaltener Sicherheitsabstand von fünf Metern nichts, denn während man diskret den Blick nach unten gerichtet hält, glotzen die Entführer ja durch glänzende Linsen um jede Ecke, um beim Anblick eines jeden einheimischen Hundstrümmerls laut aufzujauchzen. Wahlweise die Tarnung als desinteressierte Coolness durch wahnwitzige Fragen à la „HAST DU JETZT EIGENTLICH DEINE LATEINSACHEN DABEI?“ auffliegen zu lassen. Ich mein, das ist doch klar, dass man im Anschluss an solche Demütigungen „… und dann den ganzen Tag von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt mit diesem depperten Kapuzenpulli sogar am Strand, und nur mit Leidensmiene mit deinem scheiß Walkman und Tagebuchbriefe schreiben an die Dings, aaah geht’s mir schlecht, aaaah ist das furchtbar, während alle Welt ausschließlich damit beschäftigt war, die ein Mordsfreizeitprogramm zu basteln, Töchterchen!“ Ja, was soll man da noch sagen, außer beschämt zu verstummen und demütig anzubieten, den Altvorderen die Füße zu waschen? Ach so, naja, alternativ auch: Bin ich froh, mich nicht selbst erlebt zu haben! 

Freitag, 26. August 2016

Urlaubsgepäck

„Es würde halt schon alles ein bisschen besser gehen“, hatte der Erbmassenverwalter pontifiziert, „wenn man sich auf ein mittelgroßes Gepäckstück beschränken würde anstatt die ganze Karre bis obenhin mit Klamotten vollzuladen, gell?“, was ihm verständnislose Blicke aus einer Vielzahl von Augenpaaren eintrug. „Ich“, protestierte es aus einem, „kann doch nichts dafür, wenn meine Unterhosen alle fünfmal so groß sind wie die von meiner Freundin!“ Selbige lachte sich ins Fäustchen, wohlwissend, dass trotz der übersichtlichen Konfektionsgröße hernach locker zwei bis drei besagter mittelgroßer Reisetaschen in den Süden gereist sein werden. Dafür habe ich selbstverständlich ein volles Verständnis, das den Anhängern von „Zwei Hemden und Febreeze“ im Speziellen so wie solchen männlichen Geschlechts im Allgemeinen zur Gänze fehlt. Wie oft hab ich schon versucht, das zu erklären? Also schaut’s her, es ist nicht so, dass wir nicht im tiefsten Inneren unseres Herzens wüssten, dass auch wir Damen im Zuge einer Urlauberei lediglich ein überschaubares Equipment an Bekleidung benötigen würden. Eins zum Ausflugen („Ja, da zieh ich jetzt das selbe an wie vorgestern, weil schwitz ich eh nur wieder voll“), eins zum Stranden („Wechselbikini mitnehmen? Oh nö, den Platz im Tascherl brauch ich für … Sachen“), eins zum Abhängen („Ey, ich bin fei hier im Urlaub und net auf der Modenschau, und dann erkennt der Nachbar mich wenigstens schnell, wenn ich täglich im gleichen Fetzen herumliege“) und eins zum Schickessengehen („Wo isn dein Febreeze?“). Soweit die Praxis. In der prävakationalen Theorie ist es aber so, dass eine große Furcht ausbricht bei dem Gedanken, es könnte ja vielleicht möglich sein, dass es mich an Tag XY nach exakt genau diesem einen Gewand verlangt. Da steckt man nicht drin. Und selbst wenn man den Super-GAU jetzt ausschließt, es befände sich genau dieses Gewand nicht im Urlaubsgepäck, wovon eine maximale Krise ausgelöst wird, weil man einfach weiß, dass man in nur exakt diesem einen Gewand zu diesem Anlass existieren kann und sonst nicht, weil man in allem anderen fett und hässlich und absolut unzumutbar aussieht, weswegen man dann weinend in einem Unterschlupf liegen muss, während andere sich verlustieren. Wenn man das also mal ausschließt, weil man sämtliche 17 Gewänder mitgenommen hat, dann besteht ja immer noch die Gefahr, dass das OUTFIT nicht stimmen könnte. Wozu sorgsam in Farbe und Stil aufeinander abgestimmte Schuhe, Stolen, Schmucke, Schals und Haargummis gehören. Wenn man also die 17 Gewänder mit den jeweils möglichen Restzutaten nach welcher mathematischen Regel auch immer kombiniert, so erschließt sich doch auch dem Mann, dass es schlichtweg nicht möglich ist, einen friedlichen Urlaub verbringen zu können, ohne ausreichend Klamotte dabei haben zu dürfen. 

Freitag, 19. August 2016

Helferfest

„Warum“, maß das Schatzi gestrengen Schrittes wie Blickes mein neues Habitat ab, „stehen da noch drei unausgepackte Kisten?“ – „Weil da nur noch Dekokram drin ist.“ – „Und warum räumen wir das nicht aus?“, zeigte es sich bestürzt und tauchte alsgleich schultertief ein in das sorgsam eingezeitungte Sammelsurium aus Vasen, Lüstern, Kerzenständern, Bildern und haufenweise Schischi, für das mir selbst bei intensivem Nachdenken einfach kein Name einfallen will. So wie ich nicht dekorieren will, auch wenn meine persönliche Tine Wittler längst mit den Hufen scharrt, um es dem RTL’schen Deko-Oger gleich zu tun und jede noch so kleine freie Fläche dramatischen Gestus mit zufällig herumliegenden Brotscheiben und im Wald gesammelten Eicheln zu verfüllen. Ich will nicht. Ich will an weiße Wände starren und deren Jungfräulichkeit adorieren, anstatt ihnen mit deflorativem Genagle Bilder aufzuzwängen. Ich will tagaus, tagein meinen Boden von jedem noch so kleinen Krumen, von jedem Härchen, jeder Birkensaat befreien und ihn streicheln und beschützen. Ich will in den lichten Weiten des Ostflügels wandeln und einen unverstellten Blick in den Westflügel hinüber haben. Ob meine neue Wohnung jetzt erwachsen sei, wollte man wissen. Erst zuckte ich reaktiv zusammen, „erwachsen“, das heißt „spießig“, und wer will schon Spießer sein, Establishment, pfui Deifi! Doch dann sprach „Ja“, von seliger Wärme erfüllt. Ob es da jetzt echt immer noch so aufgeräumt sei, wollte man wissen, und ich sprach, ja, und dass das auch so bleibe. „NIX!“ schreien die Saboteure, „Ich besorg dir meterhohe Wackelkittys, sprechende Glitzerhirsche, singende Kunstpalmen, und dann machen wir ein Dekofest und räumen alle Kisten aus, das wird super!“ Dekofest? Helferfest? muss ich milde lächeln angesichts solch entzückender Naivität und die Pfoten zur Merkelraute puzzeln, während sich aus meinem tiefsten Inneren ein Glucken den Weg nach außen bahnt. „HELFERFEST??“ winde ich mich kurz darauf schenkelklopfend vor Lachen brüllend auf dem Boden und greife blind vor Tränen nach einem Tempo. „Das könnt ihr haben! Mit Abstandshaltern an den Wänden, Plastiktüten an den Sockenfüßen, Gummihandschuhen und Duschhauben! Oder besser: Erst dann, wenn ein unsichtbares Schienensystem an den Decken installiert ist und ihr in Ethan Hunt’scher Manier auf von mir definierten Strecken über dem Boden schweben könnt. Ich reiche dann Getränke aus Schnabeltassen nach oben.“ Jetzt mach ich erstmal zwei Wochen Urlaub, um die Wohnung nicht unnötig vollzuleben. 

Freitag, 12. August 2016

Autobahnadrenalin

In ihrer Freizeit machen Menschen die seltsamsten Dinge, um ihrem lahmen Alltag irgendwas möglichst Spritziges entgegenzusetzen. Zu den mutmaßlich spritzigsten Dingen gehören Extremsportarten verschiedenster Couleur, die einzig dazu dienen, den rostigen Adrenalinpegel auf ein möglichst pathologisches Level zu jagen. Fallschirmspringen, Freeclimben, Kundenhotlines oder als erster in der Reihe zu stehen, wenn Feinkost Albrecht die Türen zur Amerika-Woche öffnet. Ich für meinen Teil halte davon wenig und mich lieber an eine gleichwohl niederschwellige wie abwechslungsreiche Beschäftigung: Autobahnbaustellen befahren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kommt rum, sieht was von der Landschaft und besucht bestenfalls am Ende der Reise eine liebe Person. Der Zugang ist denkbar einfach, hat sich doch, während alle Welt die wildesten Salti vollführt, um Grenzen gegen Fremdvolk zu schließen, der Freistaat einer simplen List bedient und seine Autobahnen pünktlich zur Ausflugs- und Ferienzeit in einen lustigen Baustellenteppich verwandelt, um dem Preußen oder noch üblerem Pack die An- und Durchreise per KfZ gründlich zu vermiesen. Da lacht der Horst und nimmt einen kräftigen Schluck vom Hefe, während der Bayern-3-Verkehrsbericht voraussichtliche Ankunftszeiten und Unfallwarnungen mit Flachwitzen und Italopop garniert. Jedenfalls gehöre ich zu der so vernünftigen wie spärlich gesäten Sorte Mensch, die rotumrandete Zahlen an Straßenrändern als wohlmeinenden Vorschlag im Toleranzbereich Plusminuszwanzig betrachtet und diesen zugunsten des Verkehrsflusses auch in kilometerlangen Baustellenstrecken beherzigt, deren Abmessungen ähnlich der meisten Tiefgaragen auf Automaßen basieren, die vielleicht 1965, nicht aber mehr der heutigen Realität entsprechen. Derweil also der Pöbel auf der rechten Spur bei Jokke Herrmann antichambriert, kann ich als alter Punk ein solches Verhalten freilich nicht tolerieren und habe ja außerdem keine Zeit. Leider muss ich erkennen, dass ich im Gegensatz zum Jahre 2001 auch keine Nerven aus Drahtseil mehr habe. Während ich als Führerscheinneuling im weißen 2er Golf fehlende PS durch Wahnsinn kompensiert und mein Weg von Schweißausbruch und Infarktnähe gepflastert habe, widerfährt mir all der Stress, den ich annodazumal den anderen eingebrockt habe, heute selbst. Nur in eigenverschuldet. Doch ich habe bereits in der Fahrschule gelernt, dass man immer heile durchkommt, wenn man bei Herannahen eines Busses einfach die Augen schließt und stur geradeaus weiterfährt, und so halte ich’s auch heute, derweil ich in christsozialer Tradition Stoßgebete murmle, den Rosenkranz knete und daheim ein neues Dankeskerzlein im bereits bestehenden Lichtermeer entzünde. Et hätt noch emmer joot jejange. 

Freitag, 5. August 2016

Verstaubt

Guten Morgen mitaranand! Heute schon Staub gewischt? Nein? Ich sag euch was: Das hätt‘ mich auch gewundert. Weil bei euch kann ja nämlich überhaupt kein Staub liegen. Weiß ich. Weil es ist nämlich erwiesenermaßen so, dass aller Staub der Welt bei mir daheim liegt. Ich hab das grad nochmal überprüft. Überall da, wo ich, ich schwöre!, erst allerneulichst und mit großer Umsicht gewedelt habe, sieht nach einem Wimpernschlag jedes gesäuberte Möbel wieder so aus, als wär nie was gewesen, als könne es also  kein Wässerchen trüben, Stäube dafür umso mehr. Was ist Staub, wo kommt das her, und warum in Dreiteufelsnamen so viel davon? Kommt der durchs Fenster, darf ich nie wieder lüften? Das wäre aber schade insofern, als mir dann diese wunderbaren Szenen wie aus einem fernen Cowboyland entgingen: Den knistertrockenen Heubüscheln in der verlassenen texanischen Geisterstadt gleich wehen Staubwehen durch die Wohnung, wann immer man mehr als ein Fenster aufreißt, und schon fühlt man sich ein bisschen wie im Urlaub, das hat ja auch was. Warum liebt Staub ein Möbel umso mehr, je heller es daherkommt? So ein Badezimmer beispielsweise. Da schrubbt man und saugt und wischt, und alles glänzt ganz meisterpropperlich, und dann geht man duschen und schwups ist alles von dunklen Fusseln überzogen. Oder so ein Bett beispielsweise. Achtsam entstaubt man alle Rahmen, Ecken und Ritzen, und dann legt man sich nach der schweren Arbeit kurz aufs Ohr, und schlägt man dieses nach zwei Minuten Natz wieder auf, so liegt man inmitten der schönsten Staubwolke. Oder so ein Boden beispielsweise. Saugen und machen und tun, und dann prüft man das Makeup nochmal kurz in der spiegelnden Holzdiele, und kehrt man wenig später wieder zurück und streift die Schuhe von den flaniermüden Füßen und die Socken gleich dazu, so hat man nach kürzester Zeit das wohlige Gefühl, auf Wolken zu wandeln und stellt nach einem kurzen Blick auf die Fußsohlen fest, dass der Eindruck gar nicht trog. Und warum sammeln sich die schlimmsten Stäube immer in den unzugänglichsten Ecken? Ich  meine, wer schaut denn schon dauernd hinter den Schrank und zwischen die Regale und unter den Schreibtisch? Und wenn man’s dann doch tut, wünscht man sich, man hätte es einfach gelassen, und schiebt schnell die Leitzordner wieder an Ort und Stelle. Aus den Augen, aus dem Sinn. Funktioniert leider nur so mittelgut an und um technische(n) Geräte(n), wo sich ebenfalls der Staub spezialgern sammelt, was man spätestens dann nicht mehr ignorieren kann, wenn der Laptop, an dem man grade arbeitet in heißen weil lüftungsverstopften Flammen aufgeeeeeeeehscheiße!!