Freitag, 23. Oktober 2026

Crackle Cream

Es war ein lauer Oktobernachmittag. Der stadtpark-eigene Jongleur klaubte zum 694. Mal fluchend seine 17 Bälle vom Boden auf, denn es war ihm erneut nicht gelungen, sie alle gleichzeitig in der Luft zu halten – ein Gefühl, das ich nur zu gut kenne. Gänsefedern wehten sanft in einer weichen Brise und vermischten sich mit Kot und Laub hier und da zu romantischen Skulpturen urbaner Herbststimmung. Ein Rollschuhkind fiel und weinte, ein anderes fiel nicht und lachte. Irgendjemand pfiff – ob eine Melodie oder einem Hund hinterher, ich weiß es nicht mehr. Denn plötzlich zerschnitt ein gellender Schrei die goldene Glückseligkeit. „WAAAAAAAAAAAAAAAAHAHAHAHAHAAAAAAAAAS??? Das ist EXAKT eine Schminkanleitung für Frauen ü40! HAHAHAHAAA ich schmeiß mich weg, genau so mach ich das auch. Und DU AUCH, gib’s zu!!“, schrie die Freundin. Und ich gab zu. Denn schließlich hatte ich grad vorgelesen: „Streichen Sie das Makeup großzügig, aber ungleichmäßig flächig in Ihr Gesicht. Warten Sie, bis alles getrocknet ist. Bewegen Sie anschließend Ihre Gesichtsmuskeln. Das Makeup bricht an verschiedenen Stellen auf.“ Und in der Tat: Ungefähr nach diesem Prinzip verfahre ich bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen ich mich aufraffe, mir ein Gesicht ins Gesicht zu malen – zumindest, seitdem ich Brillenträgerin bin. Gleitsicht, damit es auch ja in alle Richtungen schön verschwommen ist, wenn man ohne Brille versucht, etwas zu verrichten. „Schminken“ ist seitdem eher so eine Art Verdachtshandlung geworden, bei der man hoffen muss, dass die Arbeitsschritte in den langen Jahren vorher so akkurat eingeübt worden sind, dass sie auch blind von der Hand gehen. Dann heißt es: Auf Dunkelheit oder ehrliche Begleitung hoffen. Ich selbst hatte mich von der Gebrauchsanweisung allerdings eher an die Art Makeup erinnert gefühlt, bei der junge Damen schichtweise verschiedene Pasten auftragen, bis sie etwas im Gesicht tragen, was mich an die altrömische Schreibtafel erinnert, die wir einst in der 5. Klasse gebastelt haben: Eine dicke Schicht Wachs auf einem Holzbrett, in die man dann seine Botschaften hineinkratzen konnte. Seitdem möchte ich immer eine Rakel dabeihaben, um hilfsbereit überschüssiges abzukratzen oder Mitteilungen auf Wangen zu ritzen. Jedoch: Bei der vorgenannten Gebrauchsanweisung handelte es sich, so versicherte ich der Freundin eilig, jedoch nicht um eine Schminkanleitung aus der Bravo oder wo die das heute herhaben, sondern einen Benutzerhinweis für eine sogenannte „Crackle Cream“, die ich im Drogeriefachgeschäft entdeckt hatte – im Halloweenregal, versteht sich. Neben kleinen Kanistern Blut und künstlichem Wundschorf hat mich dieses sehr begeistert, und weil es ja bald soweit ist, spiele ich mit dem Gedanken, nicht nur dieses Jahr ENDLICH an Türen klopfende Kinderlein mit in Schokobonpapier gehüllten Sardellenoliven zu beglücken (und überdies noch weitere Boshaftigkeiten zu recherchieren), sondern mich selbst in eine derart böse Hexe zu verwandeln, dass wer auch immer meinen Fernsehabend stört, mit einem empfindlichen Schrecken das Weite suchen wird. Vielleicht kann ich’s dann doch ein bisschen leiden, dieses Halloween.

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