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Freitag, 3. Januar 2020

Patina!

Vorbereitungen Silvester 2019. Circa zwanzig Jahre wenn nicht mehr war die wichtigste Party des Jahres im ähnlichen Trott verlaufen (Eckpunkte: In Schale werfen, Primaessen, befreundete Menschen, lustig, mehr Getränke, fremde Menschen, noch lustiger, Mitternacht, Sektflasche, Überschwemmung, Gsundsneues, BöllerscheißeaberRaketeschonschönirgendwie … etc. pp., Neujahrsproblematik). Dieses Jahr sollte es etwas wirklich Besonderes sein. Etwas Außergewöhnliches. Nämlich: nichts. „Party? Na!“ hatte ich ausgerufen und stattdessen „Patina!“ postuliert, mir in Windeseile eine sehr letzte Chance auf eine sehr winzige Bude in einem sehr bayerischen Wald organisiert und mich beim dortigen Hauswirt versichert, dass hier nichts, aber auch wirklich gar nichts an Silvesterbohei geboten sein wird. „Auch nicht macht die Dorffeuerwehr ein mittelheimliches Spanferkelgrillen, zufällig?“ hab ich besorgt gefragt und solches mehr, und aber „Naa!“ war die Antwort und es blieb sie auch. Sehr beruhigt bin ich einen Berg hinaufgegondelt, nur um oben keine Aussicht vorzufinden „Bestes Omen für das neue Jahr!“ hat mir das gefallen, und bin ich noch um einen See herumgekrautert und in Vorfreude aufs heimelige Couchsilvester verfallen. Und dann hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Den nämlich, bei dem man Einkehr halten musste, weil wegen der vielen Wanderschaft und großer Durst und eh schon im Ort und keine Gefahr weil das größte Remmidemmi findet vor der Dorfkirche statt, da machen die Dorffrauen nämlich Plätzchenausverkauf mit Glühwein und einer schönen Auswahl un- oder wenn dann höchstens kirschgeweihtem Wasser, so ein Silvestergottesdienst, da musst du dich schon stärken vorher oder vielleicht auch hinternach, aber die Bude ist jetzt zu, „Aber du!“, hat der kirschbegeisterte Teufel hilfsbereit souffliert, „beim Wastl-Gasthaus-Pension-mit-Hausmetzgerei ist heut Silvesterspezial mit DJ Musik, da gehen wir jetzt geschwind vorbei und erfragen was da später noch geboten ist.“ Es war 17 Uhr und ich zögernd einverstanden, und so bin ich also den Berg wieder hinuntergetapst, im Outfit hat’s an der Festlichkeit eher gemangelt, und so gelangte man zum Wastl, der zwar spärlich besetzt, jedoch vollauf reserviert und im wahrsten Sinne hochdekoriert war. „Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft“, nämlich eine erkleckliche Ansammlung von Menschengut, das mit wenig oder sichtbar zu hohen Erwartungen Platz genommen hatte. Der bestgekleidete Gast trug Nadelstreif und Fliege, es handelte sich um einen Säugling, DJ Musik trat alle Viertelstund aus den Gemächern und legte schmissiges aus der Schlagersammlung auf. Vereinzelt wippten Schultern. Ich war hingerissen. Träumte von Schieber mit dem Hausmetzger und Pogo mit der Kellnerin, vom Flipperduell mit Wastl und Entern der DJ Musik-Anlage, von Begegnung und Verbrüderung und … „Wir haben noch 7 Euro. Und außerdem dreckstehende Wanderklamotten an. Möchtest du fragen, ob wir Klamotten leihen und anschreiben lassen können?“ hat die kirschentgeisterte Stimme der Vernunft mich dann geweckt und das Halali geblasen. „ICH KOMME WIEDER!“ hab ich der Kellnerin versprochen und also das alte Jahr mit einer großen Lüge abgeschlossen. Kam ich gar nicht wieder. Dafür selig couchend im neuen Jahr an. Mach’mers gemeinsam? Dann hiev ich mich für euch wieder: runter vom Sofa!

Freitag, 23. August 2019

Adoleszenz

Die Adoleszenz, glaub ich einmal gelernt zu haben, ist diese arg diffuse Zeit zwischen „Ich darf mich noch auf den Boden werfen und schreien wenn ich den Lolli nicht krieg“ und … ja, also eben nicht mehr. Offiziell, schau ich lieber noch einmal nach, ist es der „Zeitraum von der späten Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein“, und da würd ich einmal sagen, bis zum „vollen Erwachsensein“ hat der Mensch wie’s halt so geht gelegentlich Rückschläge zu erleiden. Oder Tiefpunkte. Es kann sein eine Scheidung vielleicht oder die Abkehr vom Lieblingsverein wegen Ruhmunreichheit, vielleicht muss eins auch einsehen, dass das ewige Talent nie gepflückt wird oder irgendwo ein anderer nicht Platz zum Nachrücken macht. Oder der persönliche Tiefpunkt in der Erwachsenenmenschwerdung lautet so: „ … ja und dann, Tochter, musst du dir auch langsam einmal überlegen, was du zum Essen mitnehmen möchtest.“ Und da hab ich grad nocheinmal genau nachgeschlagen im Brockhaus und gelesen, dass „unter anderem eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern entwickelt und eine Akzeptanz der eigenen Erscheinung erreicht (Phänotyp, Autonomie)“ werden soll, in der Adoleszenz. Und so wirst du ganz schnell wieder eingespurt auf deine Position. Weil es war so, dass ich mir einbild, ich tät einmal gern in einen Urlaub fahren. Und weil ich das zum allerersten Mal in meinem Leben mach, hab ich den großen Weis(s)en befragt ob er mich vielleicht ein bisschen unterstützen möchte. Nicht monetär, sondern mit der Weisheit eben. Sogleich hab ich in Windeseile eine Route ausgearbeitet bekommen mit allen Stops zum Wurstsemmelvorratauffrischen und wo eine Bodenwelle sein könnt oder auch ein Blitzer zum Vorherlieberbremsen und an welchem Ort der Kaffee um die Ecke günstiger ist als am großen Platz. Ich hab gehört welche Wege nur in meiner Welt funktionieren und in Echt dann aber doch gar nicht, wo man vorher was zu tun hätt um hinterher nicht blöd zu schauen. Es ging um Auslandskrankenschutz und ADAC, um Plastiktütenvorräte wegen Wetter und ob der Kühlschrank auch ganz sicher für 12 Volt, um was man vorher schon einmal ankündigen und am besten anschauen könnt wegen der Eventualitäten und Ausarbeitung von Plänen B bis F. Ich, ganz erwachsen, hab genickt und gehört und gelernt weil wie wir ja zum Beispiel auch aus der Stadtverwaltung kennen haben ältere Herren oder manchmal auch Frauen die schon lang auf der Welt umeinanderausprobieren immer recht und Neues ist gefährlich. Und dann aber eben das: „ … überlegen, was du dir zum Essen mitnehmen möchtest.“ –„ICH FAHR FEI NUR NACH ITALIEN!“, ist mir da ganz kurz die die Kontenangse ausgerutscht. „Soweit ich weiß ist das trotz aller aktuellen Entwicklungen selbst im Durchfahrtsland noch EU, und weder der Lidl noch der Hofer haben ihre Truppen abgezogen! Und es sind auch noch drei Wochen!“ Auf den Boden geworfen hab ich mich nicht. Aber … es sind ja noch drei Wochen. Ich adolesziere ganz entspannt vor mich hin.