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Freitag, 4. September 2020

Ausgschmiert

 „Wenn daf hier allef überftanden ift“, hatte vorletzte Woche mein Hirn aus dem Gefrierschrank genuschelt, so dass ich erst einmal hingehen und ihm die erneut verrutschte Erbsenpackung aus dem Mund hab zupfen müssen, „danke“, hat das Hirn sich bedankt und weiterreferiert: „Also, wenn das hier alles überstanden ist, dann schreib ich ein Buch!“ – „Aha!“, hab ich interessiert getan und dabei versucht, möglichst nicht mich zu bewegen, wegen der Energieersparnis, man möcht ja nicht versehentlich eine Kalorie verbrennen oder zwei, nicht auszudenken, man erzeugt sich selbst noch eine Hitze wenn eh die Körpersäfte mit Mühe kurz vorm Siedepunkt gehalten vor sich hin simmern, „Ein Buch also. Und wie soll das heißen?“ – „AUFGFCHMIERT!“ hat das Hirn gejubelt und ich: mühsames Lächeln, weil vom Schmieren hab ich wirklich langsam genug gehabt. Eigentlich mach ich grad seit Wochen nichts anderes, als irgendeine Sache auf mich hinaufzucremen. Aus Tuben, Tiegeln, Flaschen, Vaporisateuren kommen Cremes und Salben, Mittelchen und Wässerchen, die sind alle manchmal für, meistens gegen irgendwas – und liegen damit zwar voll im Trend, doch sind in erster Linie lästig. Na, wenn ich’s mir recht überlege, schließt das eine (dagegen) das andere (lästig) ja nicht prinzipiell aus, aber im vorliegenden Spezialfall schon. Also schmieren, schmieren, schmieren. Morgens ins Gesicht weil gegen dem UV und für das was der UV eh schon angerichtet hat, zudem auf den ausgedörrten Leib, der schwer gezeichnet ist vom Hitze-Kälte-Klimaanlagen-Stress mit Chlor und frischer Luft. Abends dann die gleiche Prozedur, nur da nicht gegen den UV sondern generelle Schadensbegrenzung, dann auf die Lippen wegen der Geschmeidigkeit, so noch vorhanden, und eine große Ladung kühlende Substanz auf prall gefüllte Unterschenkel, die wie zwei Höcker mit vollem Wasserspeicher leider unten am Kamel dranhängen und es im geschmeidigen Gang behindern statt stramm oben auf zu ragen, ich erkenne da einen Konstruktionsfehler in der menschlichen Gestalt. Dazwischen schmierst du je nach Tagesform und -plan einen LSF 50 auf den Käseleib oder literweise Mückenspray, gelegentlich auch beides, und hernach schaust du zu, wie die Melange aus Mittel, Schweiß und Straßenstaub zu einem schönen Teig eindickt und du plötzlich verstehst, warum Elefant und Rhinozerus sich den Umweg übern Drogeriemarkt sparen und gleich nur ein schönes Schlammbad nehmen. Abends bürstelst du das Erdreich ab und schon musst du wieder schmieren, weil der Säureschutzmantel. „Ich möchte nichts mehr aufschmieren!“, hab ich darum geklagt, „Man kommt doch aus dem Händewaschen gar nicht mehr heraus, seit März tu ich nichts anderes als Händewaschen und Schmieren, Händewaschen und Schmieren, das muss jetzt einmal reichen, und es reicht auch, weil wenigstens tät ich jetzt gern einmal nur noch Händewaschen ohne Schmieren, das muss doch jetzt wirklich einmal ein…“ – „AUSGSCHMIERT!“ hat da das Hirn mich zornig unterbrochen und ein, zwei letzte Erbsen ausgespuckt. „AUSGSCHMIERT werd ich’s nennen, weil dann endlich Herbst ist und die elende Einschmiererei zu Ende, Kreizbimbam!“ Da ist mir auch nichts mehr dazu eingefallen.

Freitag, 14. August 2020

Das jüngste Gericht

 „Es ist schon gut, …“, hab ich vorhin mit mir selbst gesprochen, mich einmal auf der Yoga-Matte gewendet, auf die ich versehentlich gefallen war weil sie lag auf dem beschwerlichen Weg zwischen Badezimmer und Balkon zufällig ungünstig herum, er-haha-mattet von der Wechseldusche, warm-kalt-warm-kalt-warm-kalt gegen schwere Beine, einmal stündlich. Kriegt man den Tag fei ganz gut rum, auch nicht schlecht; und dabei überlegt, ob die Genese dieses berühmten Grabtuchs da eigentlich auch unter klimatischen Gesichtspunkten erörtert worden ist, und ob es sich nicht auch einfach um ein Strandtuch handeln könnte, also meine Badetücher sehen grad auch historisch recht bedeutsam aus. Ausgeschlossen ist es nicht, aber ich denk, ich frag einfach einmal direkt beim Eigentümer. Der hat grad Bürgersprechstunde in einem schwarzen Kombi unten in der Straße, das find ich gut. Oder was genau heißt „JESUS IST HIER“? Und aber wenn ich ihn dann grad eh was frag, dann vielleicht nutz ich diese günstige Gelegenheit und interview ihn auch gleich zu seinem jüngsten Gericht, vielleicht fällt ihm was pfiffigeres ein als „Also du, was ich grad eh urgern ess ist einfach nur schnell ein Salat aus Wassermeloneschafskäsezwiebel mit ein bisschen Minze, das ist eh supersimpel und so irrsinnig erfrischend!“, könnt ja sein. Frag ich ihn einfach gleich einmal, weil werwiewaswiesoweshalbwarum wer nicht fragt bleibt dumm! „… schon gut, so ein Haushalt verliert einfach nichts. Höchstens vielleicht bündelt er manchmal ein bisschen effizienter als üblich“, hab ich ver-haha-sonnen von meiner matten Insel aus im PVC-Boden gerührt, der im sanften Morgenlicht zu einer feinen Suppe aus Chemie und Sommer kocht, ein bisschen Gras, ein wenig Stroh, gelegentlich quillt ein Stückchen Picknickdecke aus den Wogen hervor, man freut sich, da bist du also!, doch ehe man sie zu fassen kriegt, kommt eine Böe aus Staub und Bikinihose auf dem lang vermissten linken Flipflop angesurft und verschwindet sogleich in den Bodenwellen, aus denen kurz ein Stückchen Käsebrot mit Apfelgrieb hervorspitzt um titanicgleich senkrecht wieder abzutauchen, während im Nebenzimmer deutlich hörbar ein Staudamm reißt und sich die Mure aus Kleidchen und Höschen, Hemdchen und Röckchen, aus kühlendem Leinen und luftiger Gaze und ganz und gar überflüssigen Stoffen jedweder Couleur ihren Weg hinab ins Tal bricht, in dem ich mir aus Zeitungsprobeabos verschiedenster Form und Farbe, doch allsamt klugem Nimbus ein Blätterdach zu konstruieren suche, um dort im Schatten dösend auf den St. Nimmerleins- oder wenigstens Martinstag zu warten, gehüllt in kühlende Kohlwickel mit einer feinen Schicht Buttermilch bestrichen, deren trockene Brösel kaolinsandgleich im gleißenden Augustlicht glänzen und an deren Ufern winzige Tiere sich winzige Buttermilchbröselburgen bauen, in die sie sich legen und der Brandung meines Schweißes zu lauschen. „WAF MACHFFTN DU DA?“ ruft meine linke Gehirnhälfte der rechten zu, im Mund versehentlich eine Packung Erbsen, es ist eng in der Tiefkühltruhe. „Ich wart aufs jüngste Gericht!“, antworte ich. „Ich hoffe, es ist nichts mit Melone!“ Ein Schwarm Schwimmbadpommes gleitet gemächlich auf einer Sonnenölspur an mir vorbei. Es ist Sommer. 


Freitag, 7. August 2020

Willkommen bei MückDrive

 Mit den Wünschen ans Universum ist das so eine Sache, weil kaum passt du einmal nicht gut auf und das Universum hat grad einen sauguten Tag, schon erfüllt es dir nicht nur die kühnsten Träume, sondern setzt auch noch das Sahnehäuberl obendrauf, wegen gönnerhaft. Jetzt stell dir vor, du wünschst dir: Ich möchte eins werden mit der Natur, wegen der neulich erwähnten überbordenden Liebe; schon sagt das Universum: he super, das machen wir doch glatt, und zack bist nicht nur du eins mit der Natur, sondern die Natur auch sehr eins mit dir. Und dann hast du den Salat, wahlweise darin eine kleine Schnecke, die dir süß entgegenzwinkert. Zuletzt ist viel Natur eins geworden mit Freunden um mich herum und hat ihnen dabei gleich noch eine Mordsgaudi beschert, nämlich schaust du eher blöd (aus), wenn dir auf dem Radlweg zum Schwimmvergnügen eine Biene in den glücksweit offenen Jubelmund hineinfliegt, und auch eher sagen wir schwierig für die Gesichtserkennungssoftware ist, wenn der Weps halt auch ein schönes Bad in deinem Radler nehmen wollt; und dann schaust du einmal kurz nicht hin und: zack, Chiara Ohoven. „Au weh, dich hat’s aber sauber erwischt, ha?“ sagst du dann mitleidig, und aus dem Gesichtsschlauchboot nuschelt’s „Nein, wieso, das liegt vielleicht an der Haarfarbe.“ Ich selbst bin erst gestern nur sehr knapp einem schweren Schicksal entkommen, nämlich hab ich mich sauber hineinplatziert in so ein Gartengrün, nicht etwa wegen der Contemplatio, sondern ordentlich Gespräch, und während ich so horch und nick und frag und schreib zwickt’s mal hier ein bisschen und mal da und Wuseln aus dem Augenwinkel, aber hochkonzentriert den Blick nicht abgewendet von der Erzählperson, und ehe ich‘s mich verseh ist der Fuß samt luftig-offenem Sommerschuh teilintegriert in den jüngsten Anbau vom ortsansässigen Feuerameisenstaat. Ich sag einmal so: Riemerlsandalen hab ich in den nächsten Tagen eher nicht an, schätz ich. Derweil links die Mauke abschwillt, beobachte ich gespannt, was rechts so passiert, denn wo neulich noch ein kleiner Zeck, ist jetzt ein feiner Biss. Irgendwo. Ich seh ihn nicht genau, fügt er sich doch freundlich ein ins Mienenfeld der Mückenstiche. Du kommst ja grad nicht aus. Setzt du dich nach getanem Werk entspannt ans Ufer und dankst dem Herrgott für die neue Wasserwelt, schon wird der Blick dir trüb erst vom Fäkal und dann dem Blutsaugwolkenvolk. Entfliehst du in Feierabendsportlichkeit der Stadt, so darfst du nie, nicht auch nur eine Sekunde rasten, denn sobald du auch nur nach der Wasserflasche greifst, stürzen sich die Schnaken auf dich wie Piranhas und zerfetzen dich in tausend Stücke. Bei dem Bohei im Wald aus Mückensicht freilich sehr praktisch. „Was geht heut?“, sagt der eine Schnak zum anderen. „Noch nichts.“ – „Ja, geil, dann lass jucken, Kumpel!“, und man stellt sich lässig an die Radwegkreuzung und wartet auf den Schwitzemensch, um dann beherzt zuzugreifen. MückDonald’s, quasi. Oder um genau zu sein: MückDrive. 

Freitag, 31. Juli 2020

Löffelchen voll Zucker

Erinnerungen aus der Kindheit: „Why do you always complicate things that are really quite simple?“ schimpft Julia Poppins, nimmt Marcus und die Kinder an die Hand und, 1-2-3, schlüpft mit ihnen aus dem Nieselgrau des Parks hinein ins pastellbunte Märchenbild, wo man sich – klopfklopf! – den Kreidestaub vom Sonntagsrevers bürstelt und hineinschwuppst in die Zauberwelt. Und damit nicht genug! „I thought you said there was a fair!“ echauffiert sich prompt der kleine Lorenz, und „Yes, I did!“ weiß Marcus: „Down the road behind the hill!“ – und sogleich spaziert man, aufgeregt umflattert vom niedlich-tumben Vöglein, beschwingt hinfort, um auf dem Weg zum Rummel allerlei vergnügliche Begegnungen zu verzeichnen und wohlig zu vergessen, dass irgendwo im Hinterstübchen eine gänzlich unvergnügte Anderswelt sich unbeeindruckt weiterdreht. Warum mir diese Episode grad einfällt, weiß ich nicht so recht, mir schwant zudem, dass ich die Namen durcheinanderbring, aber holladrio: es ist egal, denn ich tanze glücklich durch die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und freue mich. „Was ist mit dir los, bist du verliebt?“, fragen mich Passanten, die ich um- weil abständlich umarme, und ich sing „Jawohl!“ und kratz mich kurz am Hinterkopf, ein kleiner Schorf sitzt da, wo neulich noch Frisur war, ich weiß nicht genau, was da passiert sein könnte, aber hey: Lobotomie ist längst verboten – glaube ich. Oder doch alles nur ein Traum? Ich weiß nicht, denn es ist so sehr verwirrend und gleichwohl so herrlich schön. Geh ich durch die Straßen, seh ich märchenhafte Kreidebilder, sitzen Menschen vergnügt zusammen, wo bis neulich noch Autos zwingend haben wohnen müssen, weil sonst stirbt irgendwo auf der Welt eine kleine StVO. Totgeglaubte Pilsspelunken schmücken graue Straßen mit Blumen, Liebe und Pizzaduft; in sepiaweichen Zauberbildern nippen ordentlichfrisierte Rentnertruppen entzückt an der Erfrischung, gereicht aus dem pittoresken Backsteinhäuschen, das neulich noch ein heikler Technoschuppen war; ein junger Mann dreht servile Runden ums beigegewandtete Quartett anstatt nächtlich an den Plattentellern; steinalte Ladies schlürfen heiter am Likör, den der mit schnellen Pinselstrichen zum Connaisseurstreffpunkt vor Bilderbuchkulisse camouflierte Hiphopschuppen zuvorkommend kredenzt; Musik ist hier verboten, dort erlaubt, und wer mal etwas neues ausprobieren will, der braucht das richtige Zauberwort, über das in Gässchen, Wäldchen, Hinterhöfchen das Gerücht spazierengeht, „Kultur“ sei’s eher nicht, aber was wissen diese Gässchen schon? Vielleicht funktioniert supercalifragilisticexpialigetisch, man müsste das mal ausprobieren. Die Gelegenheit scheint günstig, denn zwar ist im Alles-möglich-Sommermärchen mein der alte Traum vom Schlepplift hinauf zur Kaiserburg nicht wahrgeworden, doch gibt es jetzt extra eine hübsche Hebebühne, mit der jeder, der es wagen will, sich ganz hinauf ins oberste Rathausgeschoss gondeln lassen und Zauberworte nebst vieler Wünsche ins offene Fenster hineinmegaphonen kann. Komisch nur, dass auf diesem neuen Angebot zum Bürgerdialog „Star of Berlin“ steht. Muss doch ein Traum sein. Oder Fehler in der Matrix. Aber wenn ein Löffelchen voll Zucker bitt‘re Medizin versüßt, rutscht sie gleich nochmal so gut! 

Freitag, 24. Juli 2020

Running Uschi

„Alles ist gut, wie es aus den Händen der Natur kommt!“ hat schon der JWG geschwärmt, und auch 200 Jahre später haben das wieder viel mehr die Leute erkannt, schöne Natur, weil wo haben sie denn hinsollen wie die Kultureinrichtungen zu haben müssen sein? Weil wenn du nicht ins Kino kannst oder ins Burgerlokal oder in die Spielhalle, dann wird’s halt eng irgendwann daheim, und schon musst du in die Natur, weil wenn man in der Stadt bleibt ist auch nicht recht. War ich mehrfach im Fahrradgeschäft in den letzten Wochen, also jetzt nicht eins wo du sagst: Liebhaberstücke im Schaufenster und wenn die drei Radln weg sind, sperren wir zu und zählen Scheine, sondern so Fahrraddiscounter: Tag- und Nachtzeit egal, es ist immer alles vorrätig. Da bin ich dann gestanden mittig von sehr vielen blanken Podesten und hab mich nicht getraut nach einer Verkaufsperson zu rufen weil das Echo in der leeren Halle hätt nie wieder aufgehört. Leergekauft, weil wegen der Natur. Die Natur musst du dann aber schon gewaltig aufmerksam suchen, weil da wo neulich noch Natur war, ist jetzt der Städter, noch im allerhintersten Eck wo du sagst: zum Glück hab ich noch ein Gelbwurstbrot dabei weil vor in zehn Stunden find ich hier kein Wirtshaus, da bricht auf einmal die Stadt durchs Unterholz, gut erkennbar am hochpreisigen Outfit für auf alle Witterungs- und Wetterlagen, die so möglich sind zwischen ungefähr Neapel und Tromsø, und gern einmal mit einem Geschoss zwischen den Käsebeinen, wo du sagst: vielleicht lieber erst einmal in der befestigten Geraden üben anstatt hier mal schnell zum Aufwärmen zehn Kilometer Wurzelweg bergaufgeschanzt. Jedenfalls passiert da grad so ein gewisser Verdrängungseffekt, hab ich mir überlegt und meine Balkonblumen angeschaut, eigentlich mehr imaginiert, weil da wo ich einmal schöne Blütenpracht hineingegärtnert hab hängen jetzt dicke saftige Reben von Lausfamilien, ganze Plantagen in grün und braun und schwarz. Manche fliegen auch, manche schillern, es ist schon schön mit dieser Natur. Oder man tauscht einfach den Lebensraum, weil wenn kein Platz mehr ist in der Natur für die Natur dann sucht sich die Natur halt ein neues Daheim und während die Stadt dann im Pegnitztal umeinandertrampelt und den Reichswald verdichtet, kontempliert das Wildschwein über den Hauptmarkt und schleckt ein Eis im historischen Schottergarten, da hat’s ja jetzt genug. Ich hab neulich schon unverhofft Natur gesichtet, nämlich hat doch der Stadtobervogel, also der im Rathaus drin, nicht der von außen dran, Eulen freigelassen, als Freunde für die Gans oder so, ich weiß nicht. Und ich glaub pfeilgrad die sind dann im Park gesessen! Erst hab ich mich gewundert. Und dann gedacht: Es ist eh seltsam, weil wenn ich ein Raubvogel wär und die Wahl hätt zwischen einem Flitzehasen und so einem Gradelaufenlernzweibeiner, da tät ich persönlich mich ja nicht für das flinke mit dem vielen Fell entscheiden, derweil nebendran das Abendessen gemütlich umeinanderpurzelt. Running Uschi. Aber dann ist wahrscheinlich wieder nicht mehr so recht mit der Natur.

Freitag, 17. Juli 2020

Tückendeutsch und Coronapolizei

Gestern hab ich schönen Film geschaut zu einem schönen Buch vom sch… naja, also vom guten Herrn Regener: Magical Mystery, 90er Jahre, Raven, lustig. Das aber nur so als Rahmenhandlung weil worauf ich hinaus will ist, dass da die zwei Spezln gern einmal sich gefrotzelt haben und wenn dann mit einem die mundartliche Schnodderschnauze durchgegangen ist hat der andere nett geschaut und gesagt „Kauf dir mal ne Tüte Deutsch!“ und dann hatten sie sich wieder lieb. Ich mein, das kannst du jetzt heut wahrscheinlich so nicht mehr kultivieren, wegen der vielen Befindlichkeiten und der vielen Bürgerwehren und der Sprachpolizei, und das kannst du blöd finden, eh klar. Du darfst es auch sagen, immer her mit der Meinung, so lange sie noch flexibel zum Urteil bilden taugt. Jetzt nicht mehr Meinung, sondern schon Urteil ist, dass ich grad haben sagen müssen: Es ist schon ein sehr kluges Deutsch, dieses Deutsch, weil es achtet sehr umsichtig auf eine Vermeidung von Missverständnissen, jedoch bedarf es halt auch einer umsichtigen Handhabung, wo du sagst: Führerschein wär gut. Es darf ja auch nicht jeder einfach so weil er grad lustig ist Auto fahren oder Gewehr oder stell dir vor wie die Welt ausschauen würd es tät einfach ein jeder wie er grad Lust hat ein bisschen Frisör spielen oder Nagelkünstler (Achtung, hier ist nicht der Pick-Up-Artist gemeint). Oder Tattoo. Wobei, wenn ich mich so umschau … Naja, also jedenfalls sorgfältig arbeiten oder gleich Schlamperei mit Absicht und dann zurücklehnen und schauen, was passiert: Das entspricht ungefähr meinem System. Das kann sich aber halt nun nicht jeder erlauben, und deswegen musst du manchmal lieber schon dreimal nachdenken und prüfen, ob du grad einen Satz gedrechselt hast, in dem schön alle Wörter in der richtigen Reihenfolge stehen und auch aus der Reihenfolge die richtigen Kasusse (das ist Neudeutsch für „Fälle“, also Wer-Fall und Wen-Fall und so) sich ergeben haben. Ganz zufällig hat es sich ergeben, dass eine entfernte Bekannte – auch schon wieder diffizil, weil erstens ist sie eigentlich mit circa 500 Metern Nachbarschaft relativ nah und noch dazu recht prominent, also müsste es eigentlich heißen: eine nahe Bekanntheit – zu einem Dichtfest eingeladen hat und die Party trägt den Titel „XY kommt ins Literaturhaus und niest“. Na Moment, zefix und kreizdeifi, jetzt bin ich mir selber auf den Spaghettifingerleim gegangen! Stopstopstop, Coronapolizei bitte wieder einrücken, es ist alles gut, ich hab mich nur vertippt! Wirklich ich schwör, es ist alles in Ordnung! Da siehst du mal, was du anrichten kannst mit so einem unsachgemäßen Deutschgebrauch! Eigentlich wollt ich sagen: „XY kommt ins Literaturhaus und liest“, und da kannst du gut erkennen, wie wichtig das alles nicht nur mit den Buchstaben ist, sondern auch mit den Wörtern und den Kasussen, weil man kann eben nicht einfach alle Satzzutaten auf den Tisch würfeln und dann fallen die Infos schon an die richtige Stelle. Ihr könnt’s ja mal ausprobieren. Ich lieber nicht, weil sonst erscheint dann hernach zu dem Dichterfest nicht nur die Coronapolizei, sondern auch noch der Jugendschutz. 

Freitag, 10. Juli 2020

Kleine Runde mit Einkehr

In einer Zeit vor unserem Land hatte ich mal ein unfassbar kompliziertes Wort gelernt, das so unfassbar und nie dagewesen kompliziert und verwinkelt ist, dass es sich offenbar als rosagraufarbene Wurst getarnt und in meinem Kopf versteckt hat, so dass ich es leider nicht mehr finden kann. Das aber das Phänomen benennt, dass derselbe Mensch dasselbe Ding, dieselbe Info, zu aufeinanderfolgenden Zeitpunkten unterschiedlich rezipiert, je nachdem, wie es ihm in der Zwischenzeit so ergangen ist. „Zeitinkonsistente Präferenz“ ist es nicht, das nehmen wir ein andermal durch. Also beispielsweise weil ihr wisst, die Wasmeierin war unlängst in der Einöde und hat dort meditiert, lest ihr „kleine Runde mit Einkehr“ und assoziiert mich still auf einer Bank sitzend, Blick in die Ferne. Dann im nächsten Schritt kommt aber die Info, dass ich ja ein großer Radlfahrer b… Moment, Begriffsklärung, weil im Baierischen Wörterbuch steht „Radlfahrer, der [ràdlfarà]:  jmd., der sich Vorgesetzten gegenüber unterwürfig verhält und Untergebene unterdrückt; Arschkriecher, Schleimer“. Also ich mein schon das mit Reifen und Bewegung, also wirklich wo du sagst: Da schau her!, und um meine Bedeutsamkeit auch im Straßenverkehr zu demonstrieren hab ich neulich extra einen großen Trick angewendet, der es mir erlaubt hat, meine Ankunft mittels Schiffshupe anzukündigen, einmal um den Södersee herum am schönsten Sonntag hab ich gehupt und mir majestätisch Platz verschafft. Halt bis die Scheibenbremsen wieder trocken waren nach der Gartenschlauchabspritzung. Die war nötig, weil vorher hab ich mich persönlich weiterentwickeln dürfen und mit Demut Neues lernen. Rückblick: „Sag. Malbitte. Was. Ganzwichtiges!“, hatte ich Stunden zuvor aus Lungenflügeln gepresst und dabei das gleiche Geräusch gemacht wie die Biergartenschaukel nebendran. Wie ein Windbeutel war ich vom Radl gefallen, Gehen kaum möglich, hüfthoch der Schlamm zum Korsett getrocknet. Mit langem Strohhalm hab ich am Isotonischen genuckelt, links und rechts nutzlos Arme baumelnd. „Kleine Runde mit Einkehr“ hatte es geheißen gehabt, und ich, augenrollend, „also da vorn zum Biergarten und zurück oder was?“, motzmotz. Es folgte eine Lektion Demut, weil „da vorn der Biergarten“ war 50 Kilometer weg, und nach 30 Minuten „ein bisschen Technik zum Aufwärmen“ wollte ich: nach Hause, liegen, atmen, doch statt zurück gings weiter vorwärts, will sagen: bergaufwärts und zwar nämlich sogenannte Wege, wo ich sag, die wär ich nicht mal abwärts nicht einmal GELAUFEN, irrsinnigste Strecken weit und nochmal weiter, fernab jeglicher Menschheit, so dass selbst wenn ich mich einfach heimlich hätt vom Radl fallen lassen, es hätt mich nie jemand heimgetragen weil schlichtweg nicht gefunden, und ich deswegen Übermensch, Joey Kelly nix dagegen! Echt wahr! Jedenfalls also ich, blasebalgend: „Es. Wäre. Schonwichtig. Zu. Wissen. Ob. Jetztdas. Diekleine. Runde. Miteinkehr. War. Weil. Danntätich. Von. Der. Teilnahme. An. Dergroßen. Runde. Miteinkehr. Eher. Lieberabsehen.“ Versteht ihr, wie ich mein? Also wie heißt jetzt dieses vermaledeite Wort?

Freitag, 3. Juli 2020

Skilling me softly

Zum freien Tag ein Lieblingssatz: „Man muss seine Mitarbeiter empowern und educaten, um die News of the Day zu sein mit dem Shared Content, da ist das Engagement auch Soft Skill.“ Falls sich jetzt grad maiköniginnenkranzgleich die Fragezeichen um eure Köpfe ranken oder wie die dicken Junikäfer sich im Haar verheddern: Keine Sorge, geht mir auch so. Was ich grade noch versteh ist „Soft Skill“, weil davon hab ich viel. Jaja, wegen wenig Sport zuletzt, schon recht, ihr Lästerzungen, aber ich mein’s ausnahmsweise anders. Beharrlichkeit, Leidenschaft, Überzeugungsvermögen, Teamspirit sind quasi Vornamen, jedoch – und jetzt wird’s traurig: Statt stets zu applaudieren und Lorbeerkronen anzureichen kultiviert mein Umfeld eine Haltung stiller Duldsamkeit, gelegentlich tätschelt man mir milde lächelnd auf den Hinterkopf: Hauptsache, sie ist von der Straße weg, raunen sie sich zu und simulieren vornherum Begeisterung. Das klingt dann so: „Wie viele von diesen Gläsern muss man eigentlich haben in einer Wohnung?“ und deutet auf den Ort, den dem ich mit großem Forschergeist und Glück Meersalz und alte Gurkengläser zu Windlichtern kombiniere, wie ich finde: zauberhaft! Zu Weihnachten konnt ich die Menschheit schon reich beschenken, dank neuer Bastelzutat ist aus der Winter- jetzt die Sommerkollektion geworden und die Produktion hochgefahren, die Freunde können’s kaum erwarten. Glaub ich. Warten müssen sie jedoch sehr wohl aufs zuletzt angepriesen Projekt, nämlichst „Ich bau jetzt Vogelfutterhäuschen aus altem Geschirr für euch.“ Sagen wir so: Feinstes Porzellan im Stile des Gelsenkirchner Barock hab ich daheim, auch Schraubenstangenallerlei im Gegenwert von circa 500 Packungen Meisenknödeln ist längst erworben. Allein es ist bislang beim Prototyp geblieben, dessen Präparierung zwei Menschen drei Stunden, zwei Bohrköpfe, ein Holzbrett und vier Staublungen gekostet hat. Wenn Porzellan härter ist als Stahl frag ich mich, was da bislang in meiner Hand so zahlreich zu Bruch gegangen ist. Jetzt also wieder niedrigschwellig, und dank Bayern 1, dem steten Quell avantgardistischer Inspiration, in jedem Sinne zeitgemäß. „Kaum löst man vier Kilo Zucker in zwei Liter Wasser, schon hat man fünf Liter Flüssigkeit – seltsam, hm?“ hat mein persönlicher Live- oder eher: Life-Kommentator klug kalkuliert und mir schweigend einen neuen Lappen angereicht und den alten, zu einem großen Bonbon versteinert, hilfsbereit entsorgt. Es gibt jetzt Holundersirup. Zumindest noch den Rest, weil ganz womöglich hab ich beim Einkochen eine wirklich sehr winzige Sekunde kontempliert und danach einen kleinen Vorfall von Zuckerbäckerei in Herdplattenritzen gehabt, nicht der Rede wert. Aber einen Ohrwurm: „Skilling me sooooftly with this song telling my whole life with this words skilling me softli-hiieeee …“

Freitag, 26. Juni 2020

Onlinezerberus

Alles klar, Leute, mein Tag ist gerettet, heut kann mir keiner mehr was, ich hab mich vor fünf Minuten in Siegerpose geworfen, Schultern zurück, Brust raus, und so ein kleines Hockerl zum Umschnallen, damit ich immer und jederzeit ein Bein in antiker Heldenmanier hochstellen kann, beim Bäcker beispielsweise oder dann auch beim Metzger, und dann blendet der Heroenglanz in alle Richtungen und dann Aerosol, aber halt mit Liebe, also so wie der alte Grenouille damals mit dem Bacchanal-Parfum; wobei da fällt mir ein, da haben die Betörten den Helden am End verspeist, das wär mir dann doch nicht recht. Mir würd langen, wenn der Metzger mir einfach blind ein Radl Gelbwurst rüberreicht, aber halt ein dickes, eher so Ranken. Woher der Stolz? Klare Sache: Bestellen im Internet und so, wir wissen’s, ist unethisch, unökologisch, ganz viel Wort mit „un“, nämlich über kurz oder lang auch un-erlässlich oder un-vermeidbar, zum Beispiel, weil ein äußerer Umstand dich zwingt, alle Prinzipien über Bord und in die Onlineshoppingmeile zu werfen, sagen wir, also rein zwengs der Anschauung: Schuhsonderangebote. Damit das alles nicht so leicht und mein Umgang mit der Angelegenheit nicht zu sorglos wird, habe ich einen privaten Aufpasser, meinen höchstpersönlichen Zerberus am Tor der Versuchung, der mich aufhorchen lässt, innehalten und kurz kalkulieren, ob das wirklich sein muss: Zitternd vor Furcht schwebt der Finger über dem finalen Klick. Denn es droht: Markus. Markus zeichnet sich aus durch überbordende Fröhlichkeit, ein beeindruckend loses Mundwerk sowie ein sagen wir mal wohlwollend: flexibles Grundverständnis dessen, was man landläufig unter „Höflichkeit“ versteht, was sich brisant kombiniert mit seinem Hang zur Frühschicht auch am Wochenende und dem unbedingten Willen, Pakete korrekt auszuliefern. Im Ergebnis hat sich über die Jahre eine platonische, doch durchaus den Odeur des Sadomasochisme verströmende stockholmsymptomatische Abhängigkeitsbeziehung entwickelt, wobei die Abhängigkeit klar auf meiner Seite zu verbuchen ist, weil es in dieser Liaison exakt eine Person gibt, die sich morgendlichen Unverschämtheiten aussetzen muss, deren Inhalte ich hier nicht wiedergeben kann, weil ich sag mal: meistens nicht ganz jugendfrei und in der Tendenz eher nicht so, dass man nachher sagt „Ach mei schön, so sollte jeder Tag beginnen.“ Sondern eher so, dass man am Freitagabend um 21 Uhr mit Gurkenmaske ins Bett geht, um tags darauf beim Hahnenschrei aufzuschrecken und sich in Feststaat zu schmeißen, inklusive Frisur und Abiballmakeup, weil eine Email die Ankunft des Pakets zwischen 8 und 16 Uhr angekündigt hat, was für mich bedeutet, es klingelt gegen 7. Sturm. Dann: Herzrasen, Tür, unflätiger Kommentar XY (Frisur, Nachtgewand, Schlaf), Tür, Herzrasen, Scham, Embryonalhaltung, Zittern, Atemübung. Seit heute neue Ära. 8.15 Klingel, ich: „Hallo mein Schatz, endlich kommst du! Ich warte seit zwei Stunden auf dich und überlege dabei, ob ich dir nicht mal einen Zeitungsbeitrag widmen sollte. Was meinst du?“ Die Antwort fiel ungewöhnlich wortkarg aus. Ich sag mal so: Ab heute leb nicht mehr nur ich in steter Angst … Muahahaa … Noch jemand Gelbwurst?

Freitag, 19. Juni 2020

Lokusliste

Manchmal geht man heim zu Eltern, und in manch so einem Elternklo hängt er: der ewige Geburtstagskalender, zeitlos, immerwährend, manche Tage vielfach befüllt bei Häufung von Jubilaren, andere Felder bis zur Unkenntlichkeit ausradiert wegen Zwist, auf jeden Fall fein säuberlich dokumentiert, so dass man beim Geschäftverrichten stets memorieren und planen kann. Ich täte gut daran, so eine Lokusliste auch zu führen. Wozu?, schreit ihr, es gibt doch Facebook, Google, Instastory! Doch das ist freilich so korrekt wie kaum verlässlich. „Und was hast du am Donnerstag gemacht?“ frug ich die Nachbarsfreundin am Mittwoch, und sie: „Geburtstag gehabt.“, was mir vollumfänglich unbekannt weil mangels Social Media nicht im Internet verzeichnet war. Bebend vor Scham hab ich später eine Datumsnotiz gemacht und mich gefragt, warum das wohl so ist, dass man manche Geburtstage (den eigenen) nie vergisst, andere (alle) dafür sehr wohl. Und warum ich mich eigentlich überhaupt noch wundere. 
„Nein, das Highlight war vor vielen Jahren, als du mir um 23:55 Uhr am 6. Juni ‚gerade noch ganz knapp‘ per SMS gratuliert hast!“, hat man mir vor sehr kurzem erst ein Widerwort und zum ultimativen Beweis die Dokumentation besagter Korrespondenz gleich mit dazu gegeben. Die datiert auf 2011, und man müsste das alles gar nicht so eng sehen, wenn der Mensch nicht am 7. Juni und ich in diesem Jahr zum wiederholten Male gezeigt hätte, dass ich vom Geburtstag dieses einen wirklich überhaupt keine Kenntnis, wohl aber ein ziemlich gutes Bauchgefühl habe, das mich rund um den großen Tag in Alarmbereitschaft versetzt und mit dem ich ihn und allen voran mich selbst Jahr für Jahr aufs Neue überrasche. Ausschnittsweise zu rapportieren wären da nebst zahlreicher korrekter Treffer, auf die ich hier ausdrücklich bestehen möchte, nämlich noch diverse Pfosten- oder Lattenschüsse, manchmal auch ein Aus und gelegentlich hab ich vielleicht auch einmal die Sportart verwechselt, sprich Base- statt Fußball. Weit übers Ziel hinaus. Mit einer Trefferquote von 5:1 (konservative Schätzung) gratuliere ich zum richtigen Datum. Meistens nachträglich. Gelegentlich gar nicht, sondern rufe „einfach mal so an um zu hören wie’s dir geht“ (Bauchgefühl), um dann nach einer halben Stunde Plausch fröhlich aufzulegen. Und später verdutzte Nachrichten zu erhalten, in denen sich freundlich nach meinem Geisteszustand erkundigt wird. Dieses Jahr also Königsklasse: OGOTT es tut mir SO LEID! hab ich gefleht und zum Beweis ein Bild von regengrauem Gebirgsgipfel angehängt: Zählt das als Ausrede? Er: Schönes Bild, aber was tut dir leid? – Haha sehr lustig, bitte verzeih mir! Ich hasse mich selbst! – Ich verstehe kein Wort. – Jetzt sei nicht so grausam! – Bist du betrunken? – Es ist 10 Uhr. – Dann hast du wohl einen Namen verwechselt. … Tja, naja. Hatte ich nicht. Dafür die Kalenderzeilen. Und deswegen dem Jubilar eine Woche zu früh einen Tag zu spät unterwürfig nachträglich gratuliert. Er sagte dann, er betrachte das mittlerweile als Teil der Geburtstagstradition und freue sich schon darauf, womit ich ihn kommendes Jahr überrasche. Sagen wir mal so: Ich mich auch. Lokusliste ist was für Spießer.

Freitag, 22. Mai 2020

Sonntwoch

„Stell dir vor“, hat die Freundin grad geschrieben, „ich war bis eben ganz in Ruhe und alleine einkaufen, ich fühl mich wie neugeboren!“ Hab ich gelächelt und genickt und verständig und versonnen weiter in die Auslegeware geblickt. Weil zufällig war ich auch grad in Ruhe und alleine einkaufen und hab daher gut nachfühlen können. Weil noch am Vortag war ich genau bei eben jener Freundin in, nuja, „Unruhe“ möcht ich gar nicht sagen, aber doch eher so in nicht dass man danach pfeilgrad vom Radl fällt vor lauter Entspannung statt sportiv in die Pedale zu treten. „Au weh!“ ist’s mir aus Versehen rausgerutscht gewesen beim Freundinnenwohnung betreten. „Hast jetzt aufgegeben?“ Weil ich sag einmal so, neulich, da hat es in der Wohnung noch so ausgeschaut als wär grad „Schöner Wohnen“ zum Shooting dagewesen, alles fein und dekoriert und an seinem Platz und hinter einer unauffälligen kleinen Tür ein Kinderzimmer mit vielleicht einem klitzekleinen Sauställchen, ganz beruhigend war das da. Und dann ist jetzt irgendwas passiert in den letzten Wochen, und plötzlich ist die Situation folgende, dass also das ganze Kinderzimmer war leer, picobello wie einmal durchgeschleckt und aber der ganze Inhalt vom Kinderzimmer hat sich in die Wohnung verteilt, Spielzeugausbruch quasi, und da wo einmal ein edles Desingersofa war hat’s jetzt eine Räuberhöhle, mehrere Etagen, eh klar, und unterkellert und innendrin noch ganz mittig einen Schatz, und wo einmal Fenster, da jetzt Gemälde, und wo einmal ein Balkon war, da hat’s jetzt eine feine Hütte mit Fenstern und Liegestuhl und lustig ist dass wenn man nicht aufpasst dann rollt man statt zu laufen weil da wo ein Boden war da hat es Autos und Züge, die singen Weihnachtslieder, wenn man drauftritt, und dann rutscht man aus und latscht rückwärts mit links in einen Klebegummikäfer und rechts in ein Küchle, das man auch noch selbst mitgebracht hat, und dann schreit der Kleine, wegen Küchle weg, und der Große, weil der Kleine, und aus dem Babyfon schreit toujours der Kindsvater, wegen statt Schlafzimmer jetzt Homeoffice. Haben wir uns erst einmal einen Wein aufgemacht und grad als ich fragen wollt, warum jetzt das eigentlich so ist, dass am Muttertag muss man zur Mama heim und ihr auf den Geist gehen, am Vatertag rotten sich Väter und alle die es noch und niemals werden wollen zusammen und feiern fern des Haushalts ihre Herrlichkeit, also in dem Moment bringt der Große (3) eine Gerätschaft. Die war so rosa und länglich, ein bisschen wie ein Mikrofon so groß, aber schmaler und ein bisschen bauchig und tailliert und abgerundet an den Enden und sehr schmeichelnd in der Hand mit einem An-aus-Knopf, und natürlich hab ich sogleich erkannt dass es sich hierbei nicht um ein ausgebüchstes Produkt vom Amorelie handelt sondern die berühmte Spielzeugverschwindelampe, die Dinge erst wieder herausrückt wenn man sehr lang sehr leise ist … So, also ich jedenfalls superentspannt mit dem Gesicht im Grillfleisch, und dann hat’s geschnackelt und Beschwerde aus der Redaktion: „Ein Sofa kommt schon noch, ja?“ Das war’s dann mit der Ruhe. Aber zum Glück ist morgen Feiertag. Oder Sonntwoch. So wie jeden Tag.

Freitag, 15. Mai 2020

Coronare Herzkrankheit

Jetzt wir alle so auch grad nach den jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen ja unbedingt und fröhlich: Glaube, Liebe, Hoffnung, wenngleich irgendwie zähneknirschend. Also eher so dass man halt mit dem Finger links und rechts in die Mundwinkel sich einhakt, also in die eigenen, eh klar, und sich dann mit leichtem, doch beherztem Zug ein freundliches Lächeln ins Gesicht zaubert. Kollateralschaden, dass das eher klingt wie Glauwe, Liewe, Hochnung, aber mei, so is das grad, man muss Abstriche machen. Hihi, „Abstrich“. Musste ein Spezl letztens auch machen, deswegen ich dann so am Telefon „Hey du, geht’s eigentlich wieder oder kotzt du noch?“ und er „Geht wieder total gut – und ich bin vier fucking Coronakilo losgeworden!“ Die mehrtägige intestinale Unpässlichkeit habe sich also sozusagen gelohnt, man fühle sich gleich viel leichter, also weniger beschwert, also halt wegen der erdrückenden Last des schlechten Gewissens, dass man vor lauter Artigkeit und Regelbefolgerei im Daheimsein einer kollektiven Schwangerschaft ausgesetzt, nachgerade hilflos ausgeliefert ist, weil ins Fitness hast nicht dürfen und raus bloß ein bisschen zur Flanage und Promenur und aber wegen Solidarität, Suffort Your Locals und Ofhhawereitschaft (Lächeln!!) tagtäglich mehrfach ein üppiges Mahl bestellt anstatt einfach wie’s ja auch gegangen wäre, und zwar sehr gut, möcht ich sagen, mangels der allgegenwärtigen Verlockung und Versuchung opulenter Buffets, durchhängender Grillbanketttafeln und um die Nase summender Flyingfingerfoods, also einfach daheim jeden Tag schön eine Möhre und eine Prise vom Salat und zur Leibesertüchtigung einmal übers Feld gepflügt und dann wieder ab zurück ins Körbchen, nein, gespiesen haben wir gar königlich, und jetzt ab Montag müssen wir auch noch trinken aus Gründen der Kulturerrettung, und jetzt stell dir vor: An manchen Orten musst du sogar essen um kulturrettungstrinken zu dürfen, da soll sich noch eins auskennen! Ich hab grad einmal nachgerechnet, also wegen der Schwangerschaft: 0,375 Kilo macht die so pro Woche, und jetzt sitzen wir seit acht Wochen daheim: drei Kilo – bämm, Oida! Easy! Ich bin jetzt deswegen unter die Heimtrainer gegangen. Jeden Morgen stülp ich mich schön in meinen Aerobicdress hinein, zum Glück sitzen die Handgriffe von der engen Winterstrumpfhosenzeit noch 1a, da gerät das Umziehen gleich zur Aufwärmübung, nur das mit dem fließenden Atmen klappt noch nicht so gut. Dann also jedenfalls leg ich mich superentspannt auf meine Matte und schau 27:58 Minuten der netten Dame im Fernsehen zu, wie sie gar unappetitlich schwitzt, und immer wenn sie sagt „Bauchnabel einziehen bis er vom Boden abhebt“, dann kichere ich kurz hysterisch und schnips mit noch ein kleines Osterküken vom Saisonabschlussausverkauf zwischen die Kiemen, Foodsaving und so, essen gegen Kükenschreddern! Danach bin ich schwer. Also schwer erschöpft. Und tät direkt einmal mutig wieder eine Prognose wagen, nämlich dass das mit den Coronaren Herzkrankheiten künftig nocheinmal eine ganz neue Bedeutung erfährt. Wohlsein! 

Freitag, 8. Mai 2020

Unlockdown

Virus ade, scheiden tut weh! Gehst du nicht bald nahach Haus lacht dich der Lohockdown aus, Virus ade, scheiden tut weh … Ja naja komm, doch, ist schon wahr! Jetzt hast du dich grad so schön eingerichtet in deinem Lockdown und dann soll das grad alles wieder vorbei sein – dabei gibt es doch noch so viel zu tun! „Der Trend geht eindeutig zum Distant Socializing!“ hat die Freundin bei der Abstandsséance letzte Woche noch erkannt, während sie versucht hat, sich mit dem Radl schnell um die eigene Achse zu wirbeln und gleichzeitig vorwärts zu schieben, quasi Windhose, um so einen breiten Korridor durchs Menschengewühl im Naherholungsbiet zu schneisen, und das ist wirklich gar nicht so einfach, weil der Gegenmensch weicht nicht gern aus, weil es ist ja schließlich jedem sein öffentlicher Raum, nicht immer nur der vom andern, nicht wahr! Es tippt sich übrigens grad auch beschwerlich, ist mir doch vorhin akkurat aufgefallen, dass im Zoom schlau mitschreiben simulieren und dabei unterm Kameraauge heimlich Nägel signalrot lackieren genau so lange heimlich bleibt bis man sich leuchtend an der Nase kratzt, das hab ich jetzt also nachholen müssen, weil bei aller Natürlichkeit: cave völlige Verwahrlosung! Insofern kann ich also schon auch verstehen dass in allererster Amtshandlung kaum dass man’s hat dürfen in die Shoppingmall hineingesaust hat werden müssen und sich mit wichtigen Grundnahrungsmitteln ausgestattet, Sneaker zum Beispiel und ein Billy und … Moment, der Marckus ruft an. Was, ach so? Nur wegen der Langeweile war das? Ja pardon, das tut mir leid, da denk ich immer nicht so gut mit. Ja, versteh schon, erst Langeweile und dann ist Frust und Zorn und dann gleich Schlägerei, und dann muss die Polizei wieder … Ja … Mhm … dabei soll die wirklich besser … Ja … Ja … Ah ja, Muttertag, da hast du recht, das wär nichts gewesen da mit ohne besuchen dürfen, und das im GottmitdirduLandderBayern, stell dir vor, sonst Aufstand im Wastl, das geht freilich nicht, wo man doch eh schon nur einmal im Jahr die Oma … Hm … mhm … Genau … Und wegen dem Fußball, da hast du dir wahrscheinlich auch überlegt, dass … Wie meinst du, wegen den Arbeitslosen und der Beschäftigung, die hätten doch Spargel und … ah, nicht zumutbar, verstehe … Ja, ja richtig, Vorbildfunktion, das hat der Kalle Rummenigge dir beim Golffrühshoppen schon erklärt, denk ich, dass der Fußballer als solcher doch eh als umsichtiges und reflektiertes W… Videobeweis, genau, den habt ihr ja zum Glück eh längst eingeführt. Du, aber vielleicht wär das eh besser wenn die Bundesliga ganz prinzipiell nur noch in Zorbing-Bällen … unwürdig, verstehe … Ja … Kinder eh im Biergarten … mit Abstand, da geb ich dir recht, mit … ah, mit Abstand die beste Lösung für alle, Mensch du, vergelt’s Gott, ich immer mit dem Nichtausredenlassen, gell. Aber du, ich müsst jetzt eh mal hier weitermachen, der Nagellack ist jetzt fertig und dann könnt ich noch schnell einkaufen gehen für den nächsten Lockdown. Ja … ja, genau, man lernt ja, gell! Also dann, tschüssadeservustschüss! 

Samstag, 2. Mai 2020

How to Festival

Ich bin ganz entspannt, so entspannt bin ich, dass ich wie ein großer weicher Käse zu meinem Tischlein gewabert bin und ganz transzendent mich auf die Schäse habe gleiten lassen, und da waber ich jetzt vor mich hin und lächle versonnen in den grauen Himmel hinein, weil dem fühl ich mich grad ziemlich nah, dem Himmel, ganz hinauf hab ich mich meditiert, kein Yoga brauch ich und auch keine Achtsamkeit, sondern es reicht mir schon eine Spargelschälung. So ungefähr beim ersten Kilo hat ein Wolkenspalt sich über mir geöffnet, eine Stimme hat hinabgescholten, „Naaa, geh weida!“, hat’s gedröhnt, „du konnstas imma no niead! Jetzt losst amoi an Opa des mocha!“, eine astrale Hand hat die meine geführt und ich hab mich zurückgelehnt, so rein intellektuell. Also zumindest geistig. Also wegen denken. Zum Denken gibt’s grad viel, zum Beispiel „Wie retournier ich mein Schminkutensil oder: Taugt Make Up für dekorative Stuckarbeiten auf dem Heimbalkon?“ weil wo man bis neulich im ungeschminkten Urzustand im Licht des Laptopbildschirms fahl, doch unbehelligt vor sich hin hat glänzen können und dann nur manchmal ist eine kleine Hektik ausgebrochen, wenn man sich richtig schick gemacht hat, schön mit Frisur toupiert und sauber Smokey Eyes und verruchten Rotelippensollstduküssen, weil man geht am Nachmittag endlich einmal wieder fein aus. In den Baumarkt, zum Beispiel. Ach, da haben wir ja schon erörtert dass da alle Gegebenheiten zum Großevent von Haus aus installiert sind, und jetzt neuerdings zum noch viel besseren Festivalgefühl hat’s vor so einem Baumarkt auch hübsch mit flatterrotem Absperrband sorgfältig in Kurven gelegte Warteschlangengatter, also es fehlt nur noch ein Dosenbier oder vielleicht auch eher fünfsechs und schon ist Festivaljuchee und wie’s nach der Schlange weitergeht is’ wurscht weil das kriegst du bekanntlich eh schon nur noch Halbmast mit. Auf die Maske malst du noch eine abgerockte Mimik, alles super. Nur halt schminken nicht mehr, weil das einziges was du nachher hast ist jeden Tag ein neues Turiner Grabtuch, und ich weiß jetzt nicht wie es auf dem Reliquienmarkt grad aussieht aber auch da hat der Bedarf wahrscheinlich Grenzen. Ah, Grenzen. Muss man aufheben, doch man fragt sich, wie. Und ersinnt kreative Lösungen. Zum Beispiel eine Möglichkeit zur Vereinfachung wär wenn du dir nicht ein Joghurttelefon ans Ohr hältst sondern einmal schön hausmacher Kartoffelsalat in der Jugendherbergsgröße und dann den leeren Eimer auf den Kopf, das hat bestimmt eine Mordsakkustik und beide Hände frei für Maibowle. Und dann hab ich noch überlegt ist es sehr schön wenn man sich über Hecken, Zäune und Erdgeschossbalkongitter auf einen Ratsch verabredet, doch kaum residierst du im ersten oder höher Stock wird’s problematisch. Die Lösung steht grad ungenutzt in Freibädern und auf Tennisplätzen. Ich möchte gern einen Verleih anmelden für Bademeisterhochsitze und solche vom Referee gleich mit. Die stell ich mir gegenüber an die Hecke und empfange fortan Besuch mit Kartoffelsalateimern auf dem Kopf. An der Telefonschnur zieh ich Grillwürstel auf. Ich glaub, das geht schon. 

Donnerstag, 30. April 2020

Bademeisterhochsitzstühle

Ich bin ganz entspannt, so entspannt bin ich, dass ich wie ein großer weicher Käse zu meinem Tischlein gewabert bin und ganz transzendent mich auf die Schäse habe gleiten lassen, und da waber ich jetzt vor mich hin und lächle versonnen in den grauen Himmel hinein, weil dem fühl ich mich grad ziemlich nah, dem Himmel, ganz hinauf hab ich mich meditiert, kein Yoga brauch ich und auch keine Achtsamkeit, sondern es reicht mir schon eine Spargelschälung. So ungefähr beim ersten Kilo hat ein Wolkenspalt sich über mir geöffnet, eine Stimme hat hinabgescholten, „Naaa, geh weida!“, hat’s gedröhnt, „du konnstas imma no niead! Jetzt losst amoi an Opa des mocha!“, eine astrale Hand hat die meine geführt und ich hab mich zurückgelehnt, so rein intellektuell. Also zumindest geistig. Also wegen denken. Zum Denken gibt’s grad viel, zum Beispiel „Wie retournier ich mein Schminkutensil oder: Taugt Make Up für dekorative Stuckarbeiten auf dem Heimbalkon?“ weil wo man bis neulich im ungeschminkten Urzustand im Licht des Laptopbildschirms fahl, doch unbehelligt vor sich hin hat glänzen können und dann nur manchmal ist eine kleine Hektik ausgebrochen, wenn man sich richtig schick gemacht hat, schön mit Frisur toupiert und sauber Smokey Eyes und verruchten Rotelippensollstduküssen, weil man geht am Nachmittag endlich einmal wieder fein aus. In den Baumarkt, zum Beispiel. Ach, da haben wir ja schon erörtert dass da alle Gegebenheiten zum Großevent von Haus aus installiert sind, und jetzt neuerdings zum noch viel besseren Festivalgefühl hat’s vor so einem Baumarkt auch hübsch mit flatterrotem Absperrband sorgfältig in Kurven gelegte Warteschlangengatter, also es fehlt nur noch ein Dosenbier oder vielleicht auch eher fünfsechs und schon ist Festivaljuchee und wie’s nach der Schlange weitergeht is’ wurscht weil das kriegst du bekanntlich eh schon nur noch Halbmast mit. Auf die Maske malst du noch eine abgerockte Mimik, alles super. Nur halt schminken nicht mehr, weil das einziges was du nachher hast ist jeden Tag ein neues Turiner Grabtuch, und ich weiß jetzt nicht wie es auf dem Reliquienmarkt grad aussieht aber auch da hat der Bedarf wahrscheinlich Grenzen. Ah, Grenzen. Muss man aufheben, doch man fragt sich, wie. Und ersinnt kreative Lösungen. Zum Beispiel eine Möglichkeit zur Vereinfachung wär wenn du dir nicht ein Joghurttelefon ans Ohr hältst sondern einmal schön hausmacher Kartoffelsalat in der Jugendherbergsgröße und dann den leeren Eimer auf den Kopf, das hat bestimmt eine Mordsakkustik und beide Hände frei für Maibowle. Und dann hab ich noch überlegt ist es sehr schön wenn man sich über Hecken, Zäune und Erdgeschossbalkongitter auf einen Ratsch verabredet, doch kaum residierst du im ersten oder höher Stock wird’s problematisch. Die Lösung steht grad ungenutzt in Freibädern und auf Tennisplätzen. Ich möchte gern einen Verleih anmelden für Bademeisterhochsitze und solche vom Referee gleich mit. Die stell ich mir gegenüber an die Hecke und empfange fortan Besuch mit Kartoffelsalateimern auf dem Kopf. An der Telefonschnur zieh ich Grillwürstel auf. Ich glaub, das geht schon. 

Samstag, 25. April 2020

Willst du mit mir kontaktpersonen?

„Jetzt stell dir vor!“, hab ich zum Überübernachbarinnenbalkon schräg unter mir gerufen und dabei mein güldenes Haar weiter sanft gestriegelt und zum Corona-Regelwerk-Gedächtnis-Zopf geflochten: schön verwurschtelt und verstrickt. „Da hat es in Stuttgart einen Kerl, der läuft im Zorbing-Ball in der Stadt herum. Genau so, wie ich das seit Wochen schon gesagt hab!“ – „Zorbing“, brummte es durchs Joghurttelefon, nicht dass das nötig gewesen wäre, die Akustik im Karree ist formidabel, aber man gewöhnt sich ja so schnell. „Was soll das eigentlich sein?“ Hab ich geseufzt, der Mensch im Allgemeinen ist eher so ein wenig wissendes Geschöpf, da kommst du oft nicht hinterher mit dem Erklären. Zorbing, hab ich also mitgeteilt, das ist so eine supergroße durchsichtige Plastikkugel, und in der drin ist meistens noch eine zweite Kugel, und da kann dann ein Mensch hinein sich legen, setzen und auch stellen um lustig durch die Gegen pollern. Berge kugelt man hinab und auf dem See purzelt man umeinander und Fußball kann man auch spielen, beispielsweise, sogar auch schon sehr lang im Nürnberg. „Und das besonders schönste ist am Zorbing“, schloss ich die Erläuterung: „Die Dinger haben im Durchmesser 3,20 Meter – und da kannst du jetzt einmal schnell ausrechnen, ob damit rumzukugeln überhaupt noch eine Regelausnahme ist oder nicht in Wahrheit ziemlich Coco, wie der Profi sagt. Corona-Conform“ und dabei einen Strohhalm in meinen goldenen Zopf gewunden. Ja, Blumen fänd auch ich viel netter, aber das Stroh kommt halt vom Obendrüberbalkonstallhasen gratis hinabgesegelt, und man muss ja grade wirklich schauen, dass man arbeitet mit dem, was man hat. Und den Rest sich halt ein bisschen hinbiegen, wie man’s grade braucht. Oder nein, pardon, man bewegt sich flexibel und dynamisch-subversiv im vom Polizeistaat oktroyierten Schikanerahmen. Nämlich beispielsweise so: „Du, nein, ich kann jetzt keinesfalls das Magazin in die Hand nehmen das du grad noch in der Hand gehabt hast und mir zugeworfen, bitte fotografier den Artikel und schick mir das Bild. Ach morgen hab ich übrigens ein Tinderdate zum Picknick.“ Wobei das führt mich freilich sogleich zur Kontaktperson, das ist mein neues Lieblingswort, Kontaktperson, dem sag ich eine große Zukunft voraus. Schon auch weil man fragt jetzt nicht mehr „Tumer uns am Donnerstag schön einen einnapfen?“ sondern es heißt ganz förmlich „Möchtest du am Donnerstag meine Kontaktperson sein?“ und die von der Arbeitsgruppe Dynamisch-Subversiv rechnen schon aus, wie viel Platz es zum korrekten Abstandhalten in einem sagen wir mal Baumarkt braucht um dann mit einer zufällig angenommenen Anzahl von der Einfachheit halber an eine durchschnittliche Konzertbesuchersumme angelehnte Menschengruppengröße dann vielleicht doch einen launigen Grillabend haben zu können. In zwei Jahren ungefähr, da schieben sich die Grundschulkinder keine knittrig-schweißigen Zettel mehr in den Ranzen, willstdumitmirgehenjaneinvielleichtwarumnichtk, sondern da hältst du dann ein Schild in die Houseparty oder ins Zoom hinein und hast gekrakelt „Willst du meine Kontaktperson sein? Bitte?“ Ihr werdet’s schon sehen. Ich geh jetzt Tretbootfahren. Oder Zorben. Wegen der Übung! 

Freitag, 17. April 2020

Zorbo und der alte Hans

Vorsichtig, ganz vorsichtig kugelte sich Zorbo von hinten an The Masked Teacher heran. Die merkt echt nichts, lachte er sich ins Fäustchen und schlug sich schon einmal die Stimmgabel an die Stirne, um gleich auch den richtigen Ton zu treffen, „Ein bisschen Spaß muss sein, dann ist die Welt voll Sonnenschein“, das würde der Retter gleich anstimmen, gleich, sobald er … „SPINNST DU JETZT ENDGÜLTIG?“ schrie seine Freundin plötzlich los, und Zorbo machte einen Satz. Leider vergaß er dabei seine Kugel, der Mundschutz rutschte ihm vor die Augen, und blind donnerte und dotzte er im supergeheimen Heldenhort herum. Das Bratwurst Rösslein wieherte vor Vergnügen. „Du bift fo dämlich“, spuckte Chuck Noris seinen Klumpen Acker auf den Boden. Da, wo er hingehört, verfluchte er seine Wahl, die dazu geführt hatte, dass jetzt lauter feine weiße Fadenstangen in seinen Kraterzähnen hingen. Wer ließ sich sowas nur einfallen? Künftig gab es wieder Turnmatten, das war geschmeidiger. „Du follteft doch langfam getfeckt haben, daff wir dich fehen können!“ – „Ja, schon“, gestand Zorbo betreten und versuchte, aus dem zertrümmerten Gurkenregal vorsichtig herauszurollen. Wäre er bloß im Bett geblieben! Erst hatte der oberste Vorsitzende alle Feste abgesagt, dann war die Moosmischung gründlich misslungen, mit der er heute Nacht durch die Gassen rollen und aufmunternde Parolen an die Sandsteinmauern hatte säen wollen. „May the 4th be with you“, beispielsweise, das fand er gut. Oder „Unser Zorbo war ein Schmuh- / macher und Poet dazu“, das hatte er vergnügt laut vor sich hin gedichtet – und sich prompt eine Ohrfeige kassiert. „ROTZLÖFFEL!“, hatte der alte Hans von seinem Sockel heruntergedonnert, „wenn er schon derart miserabel knittelversen muss, dann ersinne er gefälligst eigene Reime!“, und wütend seinen Meistersingerbart gezwirbelt. „ES WIRD NICHT MEHR GESUNGEN!“ grollte es noch lange hinter Zorbo her, der verdrossen über sein Flüsschen heimwärts trieb. Freilich konnte er die Wut verstehen, war selbst zutiefst betroffen: keine Minne, nicht einmal das Heilige Fest der Barden sollte ihm in diesem Jahr vergönnt sein. Doch es half alles Klagen nichts, und es war ja auch nicht alles schlecht, zumindest nicht für hoffnungslose Optimisten, die plötzlich feststellten, dass bei allen Restriktionen das DisTanz-Vergnügen nicht zu verachten war: Man lernte seine Nachbarn kennen, traf sich mit ihnen hinter Hecken und an Zäunen, feierte am Abend über Balkongrenzen hinweg und reichte sich die Grillwurst und Maibowle per Flaschenzugkonstruktion über die Innenhöfe; der DisTanz wurde immer ausgefeilter choreographiert. Zudem wurde es unbestreitbar wärmer, und Zorbos jüngster Wahnwitz gewann an Form. Nun ja: Volumen eher. Hermannus Gigantus wuchs und gedieh, unlängst hatte er ihn umgesetzt aus einem Gurkenglas in eine kleine Wanne. Die Straßen des Städtchens heizten sich zusehens auf, kaum Schatten, kein Baum, der den Marktplatz kühlte. Wenn er hier also zur richtigen Uhrzeit den Großen Teig freiließ und dann wartete, bis … Zorbo zupfte vergnügt am Abakus herum. Der Frühling war gerettet! Jetzt brauchte er nur noch neues Moosspray. Er hatte eine Eingebung. „Dann sollen sie doch Kuchen essen!“, notierte er in sein Heft.

Samstag, 11. April 2020

Zorbo und das Gute Buch

„Oh, Bier!“, entfuhr es Zorbo erstaunt, und konzentriert wog er den Geschmack des Osterzopfes auf der Zunge. Eine feine Frühstückssache hatte er sich da kreiert, und das in einer Zeit, in der Menschen eher Trüffel fanden als das köstliche Backbeiwerk. „Was sie nur alle mit der Hefe machen?“, grübelte Zorbo vor sich hin und ließ die Käsezehen in der Frühlingssonne funkeln. „Memo an selbst“, notierte der schwatzende Retter, „Spezialerfinder anrufen und über hohen LSF in Unsichtbarkeitsmittel sprechen. Notfalls verzichten.“ Seit Wochen gab es keine Hefe mehr, im Supermarkt lachten Mitarbeiter nur hysterisch und deuteten auf Klopapier, „da!“, kreischten sie, „backen Sie doch damit!“ und selbstverständlich hätte Zorbo diesen Rat befolgt, wenn nicht Klopapierkuchen und Nutella … nein, das schmeckte einfach nicht. Die Leute buken also. Nur: wo? Zuhause schon mal nicht. Nie zuvor waren die Straßen voller, die Parks über- ja: laufener gewesen als dieser Tage. Ein jeder Mensch, schien es, musste plötzlich spazieren, walken, fahrradfahren, besonders Fahrrad war auf einmal wichtig, alle fuhren Fahrrad, selbst diejenigen fuhren Fahrrad, die gar kein Fahrrad hatten! Alle Couchpotatoes, alle Faultiere, alle, die selbst zum eigenen Briefkasten noch mit dem Auto rollten, mussten plötzlich sich bewegen, hinaus, frische Luft, Sonne, weil jetzt, wo es mir verboten ist, da muss ich doch erst recht machen dürfen, was ich will, muss ich! Selten zuvor hatte es so viele Anarchisten gegeben, dachte Zorbo und blickte auf eine Truppe Parkbankrevoluzzer, die sich tapfer trotzig zitternd zwei riesenhaften Pferdewächtern entgegenreckten, während hinter ihnen die Corona Marchingband unverdrossen ihren Soundtrack in die Straßen schmetterte. Auch seiner Freundin, The Masked Teacher, machte die Lage langsam zu schaffen. „Diese dämlichen Ferien!“, donnerwetterte sie seit Tagen, „Nix mehr Homeschooling, der Lehrkörper muss sich ja erholen von der entbehrungsreichen Zeit!“ Zwei Tage erst, in denen die Superheldin ihr Wissen nicht auf dem zwangspausierten Geheimkanal hatte verbreiten können, und die Stimmung war bereits auf dem Nullpunkt. Wo sollte das hinführen?, seufzte Zorbo und fand den bierigen Geschmack gleich gar nicht mehr so schlecht. Zucker, Wasser und ein schönes Weizen – seit Tagen experimentierte der Retter in seiner Alchemistenküche mit den Zutaten, seit Tagen bastelte, rührte, quirlte er in der Substanz, wollte Totes zum Leben erwecken, „wie Frankenstein“, kicherte Zorbo und erschrak sogleich: Was, wenn ihm die Kreatur gelänge? Was, wenn sie ihm entglitt? Die ganze Stadt ein Teig, Hermanus Gigantus? „Maff dir mal nift fo fiele Forgen“, nuschelte Chuck Noris durch seinen Fichtenstamm, mit dem er sich im zerklüfteten Sandsteingebiss herumpulte. Eine grässliche Angewohnheit! „Kümmere du dich lieber um die BILD!“ Ach ja, richtig. „Mit einem guten Buch“, hatte der oberste Landespolizist verfügt, durften die Bürger sich künftig in der Öffentlichkeit zeigen. Mit schlechter Zeitung also nicht. Zorbo puderte sich die Hände. Er war bereit für seinen nächsten Einsatz. Und ein bisschen beschwipst. 

Freitag, 3. April 2020

Zorbo, der schwatzende Retter

„Puh, was war das wieder für ein Tag“, seufzte Zorbo und lehnte sich erschöpft, aber zufrieden zurück. Es schaukelte, und Zorbos Mundschutz mit Sehschlitzen glitt die Stirn hinauf. Das sah ziemlich keck aus, fand Zorbo, und beließ es dabei. Für heute war ohnehin Feierabend, gleich würde die Sonne, der er mit watteweichem Plätschern entgegentrieb, untergehen in der Westvorstadt, und er saugte beherzt am Astronautenbeutel, in den er vorsorglich sein Abendessen hatte einfüllen lassen. Ungemein praktisch, dieses To-Go, fand Zorbo und klopfte sich auf seine schmale Schulter. Seit er den Restaurantbesitzern eingeflüstert hatte, sich aus der Lethargie des ersten Schocks zu schwingen und Essen kurzerhand zur Mitnahme anzubieten, war das Leben ungleich köstlicher. Überhaupt lief neuerdings alles wie am Schnürchen in La Corona, der ehemaligen Kaiserstadt, seitdem Zorbo heimlich einen Spezialerfinder ausfindig gemacht und mit ihm seine Wohnkugel modifiziert hatte. In der äußeren durchsichtigen, über drei Meter großen runden Hülle saß nun eine kleinere, in dernicht nur Zorbo bequem Platz hatte zum Fortbewegen und auch mal Ruhen, sondern auch Spezialtasche und Astronautenbeutel – das Getränk sogar gekühlt! Und das beste: Diese innere Kugel war mit einem Unsichtbarkeitsspray behandelt, so dass Zorbo unbemerkt umhereilen und wichtige Besorgungen zur Rettung der Stadt erledigen konnte. Auch seine Freunde waren erleichtert. „Es war wirklich an der Zeit, dass du dir eine Lösung einfallen lässt“, sagte The Masked Teacher mit strenger Miene. Sie war ein bisschen unleidlich, seit Chuck Noris im Überschwang wieder einmal versucht hatte, mit dem Bratwurst Rösslein von der Mauer zu springen statt außenrum zu laufen und sich beinah den Hals verrenkt hatte. „Als gäb es jetzt nichts Wichtigeres!“, schnaubte sie und wandte sich eilig lächelnd wieder der Kamera zu. Man musste die kurze Zeit nutzen, in der die Verbindung auf dem geheimen Kanal stabil lief. Es galt schließlich, den Kindern Lebenswichtiges beizubringen: Einwecken, Höflichkeit, Müllvermeidung standen auf dem Stundenplan, den The Masked Teacher geschickt zwischen dialektische Erörterung, Kurvendiskussion und alkoholische Gä… Moment, das konnte man noch brauchen. Sie machte sich eine Notiz, darum konnte sich Chuck Noris heute Abend kümmern. Von all dem ahnte Zorbo, der Schwatzeretter nichts. Er hatte heute schon mit fünf einsamen Omas und sieben einsamen Opas geplaudert, drei grantige Mütter und ebenso viele grantige Väter samt Nachwuchs sanft in Richtung Eisdiele geschubst und einem dummen Autoproleten – fuhren die eigentlich Auto, weil sie Arbeit hatten, oder weil sie eben keine hatten? – versehentlich einen Nagel unter den Reifen. Mit der Spitze nach oben. Zufälle gibt’s. Jetzt blieb genug Zeit, um den morgigen Tag zu planen. Es gab viel zu tun, um zehn Uhr war geheime Besprechung mit dem Rest der Heldentruppe. Ganz oben auf der Liste standen die Leute, denen die Krise als Vorwand für unmoralische Handlungen diente. Vielleicht irgendwas mit Abführmittel, überlegte Zorbo. Aber darum sollte sich Chuck Noris kümmern, fand Zorbo und ordnete den Pferdeschwanz ... 

Freitag, 28. Februar 2020

Zeitfragen

Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm! Soweit, so einverstanden, aber wir kennen das mit der Regel und der Ausnahme, und deswegen gibt es schon die ein oder andere Frage, die man lieber nicht gestellt hätte, weil si tacuisses, philosophus mansisses. Hättest du halt lieber mal den Mund gehalten. Zu den eher nicht ganz so arg hintersinnigen Fragen, die man so stellen kann, find ich gehört zum Beispiel, wenn man jemanden seit 20 Jahren auf einer Zuhausefestnetznummer anruft und wenn der Zuhauseangerufene ans Zuhausetelefon geht ihn zu fragen: „Bist du zu Hause?“ Aber vielleicht ist sowas dann irgendwann auch schon einfach nur mehr ein Ritual. Zu so einem, obgleich sehr viel dringlicherem, sollte eine andere Frage bitte werden, weil die nimmt nämlich unter Umständen entscheidenden Einfluss auf Tages- oder Lebensläufe, Arbeits- oder gar Freundesbeziehungen. Nämlich zum Beispiel: „Was bedeutet für dich Nachmittag?“ ist eine superwichtige Frage, weil schau, machst du aus mit jemandem „Ich meld mich dann am Nachmittag mit Feedback wie es weitergeht!“ und dann meinst du damit aber die Zeitluke 17 Uhr bis 17 Uhr 10 weil das halt so ist bei dir, weil du gern länger schläfst und dann kommt Brunch und Lunch und Nickerchen und Spaziergang und dann ist dein Nachmittag eher nicht so lang wenn du um 18 Uhr zum Abendessen verabredet bist. Der andere aber denkt „Die einzig wahre Nachmittagszeit ist 15 Uhr, weil das war schon immer so!“, und dann ist Groll und Zorn und Auchmeinenstolz und Totstellen weil Nachmittagistlängstvorbei wenn um 17 Uhr das Telefon klingelt und schon wirst du nie erfahren dass du den Job ganz toll gemacht und später mit zum Abendessen eingeladen bist, dafür großer Frust. Demzufolge ist auch ein „Morgen Früh!“ ganz problematisch weil beispielsweise die Lichtgestalt hat schon seit 20 Jahren mit „Früh“ gemeint dass sie um 7 Uhr morgens anruft, natürlich auch an einem Sonntag, um wichtige Dinge wie Sonderangebot beim Feinkost Albrecht zu besprechen, derweil für mich das „7 Uhr“ noch mitten in der Nacht gelegen hat und „Früh“ eher um 10 Uhr begonnen hat. Also Streit, weil „WIE OFT KANN MAN DENN BITTE AUF ALLEN KANÄLEN ANRUFEN MITTEN IN DER NACHT? WENN JETZT NICHT MINDESTENS JEMAND GESTORBEN IST RAST ICH AUS!!“ – „Aber wir haben doch gesagt wir reden morgen also heute also jetzt wegen ob ich dir auch einen Kaffee …“ Und schon brechen Herzen. Weil so ein Zeitraum wie jetzt der besagte „Nachmittag“, so wie in „Ich schick das Sofa heute Nachmittag!“, da kann schon einmal eine Wunde klaffen von fünf Stunden. Wir brauchen einen Konsens. Vorschlag: Morgen = 6-9.30, Vormittag = 9.30-12, Mittag = 12-13.30, Nachmittag = 13.30-17, Abend = 17-20.15, Nacht = 20.15-6 Uhr. Ok? Wenn das klappt, können wir über Feintuning, später Vormittag und früher Abend sprechen. Und dann wird alles gut. Früher oder später.