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Samstag, 25. April 2020

Willst du mit mir kontaktpersonen?

„Jetzt stell dir vor!“, hab ich zum Überübernachbarinnenbalkon schräg unter mir gerufen und dabei mein güldenes Haar weiter sanft gestriegelt und zum Corona-Regelwerk-Gedächtnis-Zopf geflochten: schön verwurschtelt und verstrickt. „Da hat es in Stuttgart einen Kerl, der läuft im Zorbing-Ball in der Stadt herum. Genau so, wie ich das seit Wochen schon gesagt hab!“ – „Zorbing“, brummte es durchs Joghurttelefon, nicht dass das nötig gewesen wäre, die Akustik im Karree ist formidabel, aber man gewöhnt sich ja so schnell. „Was soll das eigentlich sein?“ Hab ich geseufzt, der Mensch im Allgemeinen ist eher so ein wenig wissendes Geschöpf, da kommst du oft nicht hinterher mit dem Erklären. Zorbing, hab ich also mitgeteilt, das ist so eine supergroße durchsichtige Plastikkugel, und in der drin ist meistens noch eine zweite Kugel, und da kann dann ein Mensch hinein sich legen, setzen und auch stellen um lustig durch die Gegen pollern. Berge kugelt man hinab und auf dem See purzelt man umeinander und Fußball kann man auch spielen, beispielsweise, sogar auch schon sehr lang im Nürnberg. „Und das besonders schönste ist am Zorbing“, schloss ich die Erläuterung: „Die Dinger haben im Durchmesser 3,20 Meter – und da kannst du jetzt einmal schnell ausrechnen, ob damit rumzukugeln überhaupt noch eine Regelausnahme ist oder nicht in Wahrheit ziemlich Coco, wie der Profi sagt. Corona-Conform“ und dabei einen Strohhalm in meinen goldenen Zopf gewunden. Ja, Blumen fänd auch ich viel netter, aber das Stroh kommt halt vom Obendrüberbalkonstallhasen gratis hinabgesegelt, und man muss ja grade wirklich schauen, dass man arbeitet mit dem, was man hat. Und den Rest sich halt ein bisschen hinbiegen, wie man’s grade braucht. Oder nein, pardon, man bewegt sich flexibel und dynamisch-subversiv im vom Polizeistaat oktroyierten Schikanerahmen. Nämlich beispielsweise so: „Du, nein, ich kann jetzt keinesfalls das Magazin in die Hand nehmen das du grad noch in der Hand gehabt hast und mir zugeworfen, bitte fotografier den Artikel und schick mir das Bild. Ach morgen hab ich übrigens ein Tinderdate zum Picknick.“ Wobei das führt mich freilich sogleich zur Kontaktperson, das ist mein neues Lieblingswort, Kontaktperson, dem sag ich eine große Zukunft voraus. Schon auch weil man fragt jetzt nicht mehr „Tumer uns am Donnerstag schön einen einnapfen?“ sondern es heißt ganz förmlich „Möchtest du am Donnerstag meine Kontaktperson sein?“ und die von der Arbeitsgruppe Dynamisch-Subversiv rechnen schon aus, wie viel Platz es zum korrekten Abstandhalten in einem sagen wir mal Baumarkt braucht um dann mit einer zufällig angenommenen Anzahl von der Einfachheit halber an eine durchschnittliche Konzertbesuchersumme angelehnte Menschengruppengröße dann vielleicht doch einen launigen Grillabend haben zu können. In zwei Jahren ungefähr, da schieben sich die Grundschulkinder keine knittrig-schweißigen Zettel mehr in den Ranzen, willstdumitmirgehenjaneinvielleichtwarumnichtk, sondern da hältst du dann ein Schild in die Houseparty oder ins Zoom hinein und hast gekrakelt „Willst du meine Kontaktperson sein? Bitte?“ Ihr werdet’s schon sehen. Ich geh jetzt Tretbootfahren. Oder Zorben. Wegen der Übung! 

Freitag, 18. Januar 2019

Schneeengeln


Dass der Winter nicht zeigen würde, wie der Schneehase läuft, kann man ihm dieser Tage wirklich nicht nachsagen. Der Süden verwandelt sich in eine unersprießliche Mischung aus Pompeij und Atlantis, während im Norden der Bürger nur noch mit kleinen Eispickelchen bewaffnet das Haus verlässt, um kleine Löcher in Benzintank und To-Go-Kaffee zu meißeln und noch ein bisschen teilhaben zu können am Leben. Man ächzt, stöhnt und ist gefährdet, Hilfstruppen werden rohrpostgleich durchs Königreich entsandt, Spendengelder generiert, das Erste macht mehr Brennpunkt als Tagesschau. Wenn der Alex noch durchs Weltall flitzen würde, dann könnt er jetzt mit einer Wärmebildkamera schöne Sachen machen überm GottmitdirduLandderBayern, nämlich hat es endlich seinen wahren Urzustand erreicht und strahlt in schönstem Königeisblau umeinander. Er tät aber noch etwas entdecken, unser Häwelmann, nämlich innenmittendrin im Blau einen Hitzefleck in schönstem mittelfränkischen Feuerrot. Denn wie immer ist die Insel der Glückseligen von der gewaltigen Gewalt der Witter- und Wetterung weitestgehend verschont, lächelt Unwetterwarnungen und Schneestürme nonchalant ins Reich des Gossip und feilt weiter an der Petition, Biergärten verpflichtend ganzjährig zu öffnen. Um so größer die Aufregung vergangene Woche. „Mei, wie sie sich freut, dass es schneit!“ hat’s unablässig neben mir gehämt, was einen nicht weiter wundern muss, wenn man hört, dass der Hämer dem allerschlimmsten bayerisch‘ Sibirien entstammt und da die Kinder noch mit einem Fell das trübe Licht der Welt erblicken und zur Einkindergartung Rentiergeweihe bekommen, aus denen sie sich gemeinsam singend Schlittschuhkufen drechseln, um der Unbill des ewigen Winters zu trotzen. Ich hingegen: sofortige innere Dauerschleife Zukowski, Schnee, gepudert, hinaus, rodeln, alle, und so hab ich mit dem größten Vergnügen wie ein Eisbärjunges im Pulverweiß getobt und die Reise einmal um die Altstadt per pedes nicht nur zu gern, sondern direkt zweimal auf mich genommen, obwohl diese sich als nicht nur beschwerlich sondern sogar ausgesprochen gefährlich herausgestellt hat, weil der SÖR womöglich noch beschäftigt ist mit Silvesterkracherräumen, was eigentlich schad ist, könnten doch die unzähligen Glassplitter auf allen Gehwegen das Streugut vorzüglich ersetzen. Es macht auch beim Hinfallen fast keinen Unterschied. Aber gut, der Spuk ist eh vorbei, hat der Winter einmal kurz die Orientierung verloren, in die Sonnenstadt hineinflatuliert, quasi Erleichterung im Nebenzimmer, man kennt das, und sich wieder der Hauptaufgabe zugewandt. Mir soll’s recht sein, ich hab alles erledigt: schneegeengelt auf der Verkehrsinsel, Stiefelspuren auf der unbefleckten Hundewiese bestaunt, Frisur ruiniert mit Flockenflatschen, mehrfach Beinahegenickbrüche erlitten und elegante Eiskunstlauffiguren vor Publikum vollführt sowie, das allerwichtigste, entlang und dank der Stadtmauer zentnerschwere Schneeteppichkugeln gerollt. Winter ade, scheiden tut weh! Aber ich hab Stärke, deswegen bin ich bereit. En garde! 
... Ja, ich weiß, dass der Winter grad erst angefangen hat. Lasst mich in Ruhe!