Stimmungsmacher zum Wochenende: Ich finde, es ist nicht alles schlecht dieser Tage (und ich verzichte hier bewusst auf die längst mit einer ordentlichen Schicht Schimmel überzogene, doch nimmermüd bemühte Floskel der Einfallslosigkeit. Ich WEIß, dass Corona ist!), zum Beispiel hab ich in den Draußengastronomien meines Vertrauens schon lang nicht mehr fragen müssen am Nebentisch ob’s vielleicht noch ein Keks oder ein Platz im Gräberle daheim sein darf oder ob dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe jetzt langsam einmal Genüge getan wär. Dann hat auch schon lang keiner mehr blöd geschaut wegen vielleicht hat man gelegentlich einmal ein etwas lautes Sprechorgan, sondern ganz im Gegenteil schaut man grantig wenn man in normalleisem Höflichsprech am Ladeneingang nach der Notwendigkeit eines Einkaufswagens sich erkundigt und erntet Dankbarkeit und Verständis in der Bäckerei für ein beherzt hinaustrompetetes „EIN. HALBES. GEWÜRZ. BROT. BITTE. IM. GAN. ZEN. DANKE!!“ Und dann ist auch schön dass man manchmal einfach nicht angeschaut weil nicht erkannt wird und das tut oft dem Seelenheile gut, zum Beispiel weil du einfach einmal nicht in ein nettes und ach du so lang schon überfälliges Gespräch verwickelt wirst, wenn du doch einfach nur einmal kurz in der Drogerie die neuesten Entwicklungen im Einlagen-Segment studieren hast wollen, oder weil wenn der Ex-Kollege an dir vorbeistrawanzt dann kannst du einfach völlig unbescholten einmal deiner lang unterdrückten Zornesmeinung freien Lauf lassen, zumindest in stillen Grimassen untenrum, während du oben unbeteiligt über deinen Maskenrand diplomatisierst. Auch find ich schwingt überall so ein Hauch von Erotik in der Luft, weil wenn du bloß noch schauen kannst, ob die Augen lachen oder schalken oder wüten oder schnippen, dann ist der Rest reichlich egal, wo du sonst vielleicht gesagt hättest: Ja du, lass mal gut sein, weil vor lauter Ungesicht und Unzahn und Unfrisur und vielleicht auch gern noch so ein Hauch von weißgetrocknetem Mundwinkelspeichel bist du vom gewitzten Augenspiel oft abgelenkt. Bald wird der RTL das Potenzial erkennen und ein Fernsehgschichterl daraus schnitzen oder auch Pro7. Dann find ich dieses Abgewische auch vorzüglich, Einkaufskörbe und die Wagen und wegen mir könnt eigentlich gern auch zum Beispiel in der U-Bahn immer ein Hygienepersonal mitreisen und nach jedem Stop Haltgestänge und Türen wischen so wie ja im Wirtshaus auch, und ganz plötzlich bleibt man gleich viel weniger mit den Unterarmen am Tisch kleben wie die Fliege an der Falle, ich find das super, und die Alkoschnüffler unter uns sind dank Desinfektion auch recht ausgeglichen aktuell. Jedoch: Neulich war ich Ladenhoppen wegen dringender Produktsuche. Mehr Zeit als mit Regalschau hab ich damit verbracht, Mittelchen auf Hände zu verreiben. Nach der zehnten Substanz hab ich mich gefragt, wann es wohl zu einer chemischen Reaktion kommen wird. Dann wär ich das Mädchen mit den Feuerhänden und endlich berühmt. Danke Corona!
Posts mit dem Label maske werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label maske werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 13. Juni 2020
Samstag, 2. Mai 2020
How to Festival
Ich bin ganz entspannt, so entspannt bin ich, dass ich wie ein großer weicher Käse zu meinem Tischlein gewabert bin und ganz transzendent mich auf die Schäse habe gleiten lassen, und da waber ich jetzt vor mich hin und lächle versonnen in den grauen Himmel hinein, weil dem fühl ich mich grad ziemlich nah, dem Himmel, ganz hinauf hab ich mich meditiert, kein Yoga brauch ich und auch keine Achtsamkeit, sondern es reicht mir schon eine Spargelschälung. So ungefähr beim ersten Kilo hat ein Wolkenspalt sich über mir geöffnet, eine Stimme hat hinabgescholten, „Naaa, geh weida!“, hat’s gedröhnt, „du konnstas imma no niead! Jetzt losst amoi an Opa des mocha!“, eine astrale Hand hat die meine geführt und ich hab mich zurückgelehnt, so rein intellektuell. Also zumindest geistig. Also wegen denken. Zum Denken gibt’s grad viel, zum Beispiel „Wie retournier ich mein Schminkutensil oder: Taugt Make Up für dekorative Stuckarbeiten auf dem Heimbalkon?“ weil wo man bis neulich im ungeschminkten Urzustand im Licht des Laptopbildschirms fahl, doch unbehelligt vor sich hin hat glänzen können und dann nur manchmal ist eine kleine Hektik ausgebrochen, wenn man sich richtig schick gemacht hat, schön mit Frisur toupiert und sauber Smokey Eyes und verruchten Rotelippensollstduküssen, weil man geht am Nachmittag endlich einmal wieder fein aus. In den Baumarkt, zum Beispiel. Ach, da haben wir ja schon erörtert dass da alle Gegebenheiten zum Großevent von Haus aus installiert sind, und jetzt neuerdings zum noch viel besseren Festivalgefühl hat’s vor so einem Baumarkt auch hübsch mit flatterrotem Absperrband sorgfältig in Kurven gelegte Warteschlangengatter, also es fehlt nur noch ein Dosenbier oder vielleicht auch eher fünfsechs und schon ist Festivaljuchee und wie’s nach der Schlange weitergeht is’ wurscht weil das kriegst du bekanntlich eh schon nur noch Halbmast mit. Auf die Maske malst du noch eine abgerockte Mimik, alles super. Nur halt schminken nicht mehr, weil das einziges was du nachher hast ist jeden Tag ein neues Turiner Grabtuch, und ich weiß jetzt nicht wie es auf dem Reliquienmarkt grad aussieht aber auch da hat der Bedarf wahrscheinlich Grenzen. Ah, Grenzen. Muss man aufheben, doch man fragt sich, wie. Und ersinnt kreative Lösungen. Zum Beispiel eine Möglichkeit zur Vereinfachung wär wenn du dir nicht ein Joghurttelefon ans Ohr hältst sondern einmal schön hausmacher Kartoffelsalat in der Jugendherbergsgröße und dann den leeren Eimer auf den Kopf, das hat bestimmt eine Mordsakkustik und beide Hände frei für Maibowle. Und dann hab ich noch überlegt ist es sehr schön wenn man sich über Hecken, Zäune und Erdgeschossbalkongitter auf einen Ratsch verabredet, doch kaum residierst du im ersten oder höher Stock wird’s problematisch. Die Lösung steht grad ungenutzt in Freibädern und auf Tennisplätzen. Ich möchte gern einen Verleih anmelden für Bademeisterhochsitze und solche vom Referee gleich mit. Die stell ich mir gegenüber an die Hecke und empfange fortan Besuch mit Kartoffelsalateimern auf dem Kopf. An der Telefonschnur zieh ich Grillwürstel auf. Ich glaub, das geht schon.
Labels:
baumarkt,
corona,
festival,
feuilleton,
freizeit,
glosse,
kolumne,
kultur,
maske,
nürnberg,
nürnberger nachrichten,
rauf aufs sofa,
runter vom sofa,
wasmeier
Samstag, 25. April 2020
Willst du mit mir kontaktpersonen?
„Jetzt stell dir vor!“, hab ich zum Überübernachbarinnenbalkon schräg unter mir gerufen und dabei mein güldenes Haar weiter sanft gestriegelt und zum Corona-Regelwerk-Gedächtnis-Zopf geflochten: schön verwurschtelt und verstrickt. „Da hat es in Stuttgart einen Kerl, der läuft im Zorbing-Ball in der Stadt herum. Genau so, wie ich das seit Wochen schon gesagt hab!“ – „Zorbing“, brummte es durchs Joghurttelefon, nicht dass das nötig gewesen wäre, die Akustik im Karree ist formidabel, aber man gewöhnt sich ja so schnell. „Was soll das eigentlich sein?“ Hab ich geseufzt, der Mensch im Allgemeinen ist eher so ein wenig wissendes Geschöpf, da kommst du oft nicht hinterher mit dem Erklären. Zorbing, hab ich also mitgeteilt, das ist so eine supergroße durchsichtige Plastikkugel, und in der drin ist meistens noch eine zweite Kugel, und da kann dann ein Mensch hinein sich legen, setzen und auch stellen um lustig durch die Gegen pollern. Berge kugelt man hinab und auf dem See purzelt man umeinander und Fußball kann man auch spielen, beispielsweise, sogar auch schon sehr lang im Nürnberg. „Und das besonders schönste ist am Zorbing“, schloss ich die Erläuterung: „Die Dinger haben im Durchmesser 3,20 Meter – und da kannst du jetzt einmal schnell ausrechnen, ob damit rumzukugeln überhaupt noch eine Regelausnahme ist oder nicht in Wahrheit ziemlich Coco, wie der Profi sagt. Corona-Conform“ und dabei einen Strohhalm in meinen goldenen Zopf gewunden. Ja, Blumen fänd auch ich viel netter, aber das Stroh kommt halt vom Obendrüberbalkonstallhasen gratis hinabgesegelt, und man muss ja grade wirklich schauen, dass man arbeitet mit dem, was man hat. Und den Rest sich halt ein bisschen hinbiegen, wie man’s grade braucht. Oder nein, pardon, man bewegt sich flexibel und dynamisch-subversiv im vom Polizeistaat oktroyierten Schikanerahmen. Nämlich beispielsweise so: „Du, nein, ich kann jetzt keinesfalls das Magazin in die Hand nehmen das du grad noch in der Hand gehabt hast und mir zugeworfen, bitte fotografier den Artikel und schick mir das Bild. Ach morgen hab ich übrigens ein Tinderdate zum Picknick.“ Wobei das führt mich freilich sogleich zur Kontaktperson, das ist mein neues Lieblingswort, Kontaktperson, dem sag ich eine große Zukunft voraus. Schon auch weil man fragt jetzt nicht mehr „Tumer uns am Donnerstag schön einen einnapfen?“ sondern es heißt ganz förmlich „Möchtest du am Donnerstag meine Kontaktperson sein?“ und die von der Arbeitsgruppe Dynamisch-Subversiv rechnen schon aus, wie viel Platz es zum korrekten Abstandhalten in einem sagen wir mal Baumarkt braucht um dann mit einer zufällig angenommenen Anzahl von der Einfachheit halber an eine durchschnittliche Konzertbesuchersumme angelehnte Menschengruppengröße dann vielleicht doch einen launigen Grillabend haben zu können. In zwei Jahren ungefähr, da schieben sich die Grundschulkinder keine knittrig-schweißigen Zettel mehr in den Ranzen, willstdumitmirgehenjaneinvielleichtwarumnichtk, sondern da hältst du dann ein Schild in die Houseparty oder ins Zoom hinein und hast gekrakelt „Willst du meine Kontaktperson sein? Bitte?“ Ihr werdet’s schon sehen. Ich geh jetzt Tretbootfahren. Oder Zorben. Wegen der Übung!
Abonnieren
Posts (Atom)