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Freitag, 19. Juni 2020

Lokusliste

Manchmal geht man heim zu Eltern, und in manch so einem Elternklo hängt er: der ewige Geburtstagskalender, zeitlos, immerwährend, manche Tage vielfach befüllt bei Häufung von Jubilaren, andere Felder bis zur Unkenntlichkeit ausradiert wegen Zwist, auf jeden Fall fein säuberlich dokumentiert, so dass man beim Geschäftverrichten stets memorieren und planen kann. Ich täte gut daran, so eine Lokusliste auch zu führen. Wozu?, schreit ihr, es gibt doch Facebook, Google, Instastory! Doch das ist freilich so korrekt wie kaum verlässlich. „Und was hast du am Donnerstag gemacht?“ frug ich die Nachbarsfreundin am Mittwoch, und sie: „Geburtstag gehabt.“, was mir vollumfänglich unbekannt weil mangels Social Media nicht im Internet verzeichnet war. Bebend vor Scham hab ich später eine Datumsnotiz gemacht und mich gefragt, warum das wohl so ist, dass man manche Geburtstage (den eigenen) nie vergisst, andere (alle) dafür sehr wohl. Und warum ich mich eigentlich überhaupt noch wundere. 
„Nein, das Highlight war vor vielen Jahren, als du mir um 23:55 Uhr am 6. Juni ‚gerade noch ganz knapp‘ per SMS gratuliert hast!“, hat man mir vor sehr kurzem erst ein Widerwort und zum ultimativen Beweis die Dokumentation besagter Korrespondenz gleich mit dazu gegeben. Die datiert auf 2011, und man müsste das alles gar nicht so eng sehen, wenn der Mensch nicht am 7. Juni und ich in diesem Jahr zum wiederholten Male gezeigt hätte, dass ich vom Geburtstag dieses einen wirklich überhaupt keine Kenntnis, wohl aber ein ziemlich gutes Bauchgefühl habe, das mich rund um den großen Tag in Alarmbereitschaft versetzt und mit dem ich ihn und allen voran mich selbst Jahr für Jahr aufs Neue überrasche. Ausschnittsweise zu rapportieren wären da nebst zahlreicher korrekter Treffer, auf die ich hier ausdrücklich bestehen möchte, nämlich noch diverse Pfosten- oder Lattenschüsse, manchmal auch ein Aus und gelegentlich hab ich vielleicht auch einmal die Sportart verwechselt, sprich Base- statt Fußball. Weit übers Ziel hinaus. Mit einer Trefferquote von 5:1 (konservative Schätzung) gratuliere ich zum richtigen Datum. Meistens nachträglich. Gelegentlich gar nicht, sondern rufe „einfach mal so an um zu hören wie’s dir geht“ (Bauchgefühl), um dann nach einer halben Stunde Plausch fröhlich aufzulegen. Und später verdutzte Nachrichten zu erhalten, in denen sich freundlich nach meinem Geisteszustand erkundigt wird. Dieses Jahr also Königsklasse: OGOTT es tut mir SO LEID! hab ich gefleht und zum Beweis ein Bild von regengrauem Gebirgsgipfel angehängt: Zählt das als Ausrede? Er: Schönes Bild, aber was tut dir leid? – Haha sehr lustig, bitte verzeih mir! Ich hasse mich selbst! – Ich verstehe kein Wort. – Jetzt sei nicht so grausam! – Bist du betrunken? – Es ist 10 Uhr. – Dann hast du wohl einen Namen verwechselt. … Tja, naja. Hatte ich nicht. Dafür die Kalenderzeilen. Und deswegen dem Jubilar eine Woche zu früh einen Tag zu spät unterwürfig nachträglich gratuliert. Er sagte dann, er betrachte das mittlerweile als Teil der Geburtstagstradition und freue sich schon darauf, womit ich ihn kommendes Jahr überrasche. Sagen wir mal so: Ich mich auch. Lokusliste ist was für Spießer.

Freitag, 15. November 2019

Was zuletzt geschah

„Ich muss jetzt schon mal vorsichtig fragen“, hat sich unlängst eine Dame schüchtern an mich gewandet. „Geht es dem Pubertier denn gut? Man hat schon lange nichts mehr gehört.“ Da hab ich mich erschreckt, naja, ein bisschen, und gedacht, ob jetzt da eine Stadt in Sorge ist, das Kind von mir verkauft oder ins Erziehungslager gesteckt oder womöglich zu lebenslangem Putzdienst versklavt so wie’s mir ja schon immer vorgeworfen worden ist wegen auch einmal ein Waschbecken reinigen. „Also nein“, hab ich beruhigt, „dem Kind geht’s sogar sehr prächtig. Allein ich hab mich ein bisschen erholen müssen.“ Und Zurückhaltung wahren, weil es hat sich schon Diverses zugetragen, und damit dann so in die Öffentlichkeit – ich muss ja auch auf meine Altersvorsorge Rücksicht nehmen, sozusagen. Was ist also so passiert? Man hat so vor sich hin rebelliert, künstliche Fingernägel auf- und wieder abgeschabt, Haarfarben gewechselt, Ponys zwar geschnitten, Reiten aber dann doch nicht mehr wollen, die frühe Liebe zwischenzeitlich verloren und stattdessen überraschend eine späte (und langfristige) zur Diskoschorle entwickelt, und ein Wunder hat sich auch zugetragen, nämlich in Form eines Schulabschlusses, doch allein über den Weg dorthin breiten wir lieber den Mantel des Schweigens, wurde der doch mit ähnlicher Zielstrebigkeit beschritten wie der zum – wir erinnern uns? – Motorradführerschein. „Was isn jetzt damit, ich dacht der muss im März 2019 bestanden sein?“ – „Ja nee ich hab mich noch nicht angemeldet.“ – „Ah cool, es ist ja auch erst Mai.“ – „Den zahlt mir ja keiner.“ – „Wolltest du nicht Tag und Nacht arbeiten zum Selberzahlen?“ – „Eydubistsostressigschaumalwasdiemändigesternaufinstagestellthat!!“ Es folgte dann eine erquickliche Zeit, in der auf Jobmessen wenig Info, dafür viel Gummibär eingeholt wurde, Momente des Wahnsinns, wo hinterher nicht mehr klar war, um wen man sich mehr Sorgen machen muss wie „Und du, ich mach FSJ im Tiergarten Nürnberg.“ – Ähä cool, und da fährst du dann jeden Tag eine Stunde hin und zurück mit dem Zug?“ – „Äh nein natürlich nicht.“ – „Sondern bitte wie?“ – „Ich wohn bei dir.“ – „Mhm“, hab ich gesagt und eh die Türschlösser einmal auswechseln wollen. Hinterher hat’s dann geheißen das wär freilich nur ein Scherz gewesen. Nach sorgfältiger Abwägung der Berufswünsche („Physio weil die verdienen so arschgut“ – „Ja genau, bei Madonna vielleicht. Gibt’s eine Alternative?“ – „Krankenschwester.“ – „Äh cool. Und sonst?“ – „MIRDOCHSCHEIßEGAL!!“) wurde sich also exakt 1x beworben und mit großer Zuversicht auf Wartelistenplatz 10 begeben, unbeirrbar in der Überzeugung, es regle sich schon alles von allein. Und siehe da: Es regelte sich von allein. Kannste dir nicht ausdenken. Seit zwei Wochen lernen wir jetzt also den Aufbau der Zelle und was man gegen Wundliegen macht. Ich könnte in Frieden altern. Wäre da nicht unlängst was vom Führerschein mit 17 gefallen. Zum Glück sind Papiertüten noch nicht verboten. Ein, aus, ein, aus …