Freitag, 22. August 2014

Zaubertür

Könnt ihr euch noch an die „Rudi Carrell Show“ erinnern? „Eben noch im Tante-Emma-Laden, und jetzt schon auf unserer Showbühne!“ Ja, echt? Oh weia, seid ihr alt. Ich kann mich an die ja nicht erinnern. Ätsch. Dafür aber an die „Mini Playback Show“ (unter anderem deswegen, weil es mir aus unerfindlichen Gründen von den Erziehungsberechtigten nicht gestattet wurde, mich dort mit einer Madonna-Imitation zu bewerben. Hart!), und das ist auch viel besser, weil: Da ging’s auch auf die Showbühne, allerdings durch eine Zaubertür. Wer soeben noch in Karotten-Jeans und Nicki-Plüsch im Turnverein herumhampelte, schritt geschwind durch den Glitzibitziwitzi-Tunnel, um unversehens auf der anderen Seite als David Hasselhoff verkleidet wieder herauszukommen und in Slimfit-Jeans und Lederweste auf der Showbühne herumzuhampeln. Mir geht’s gerade sehr ähnlich.

Was nicht daran liegt, dass ich ein „The Hoff forever“-Shirt trage und mir auch keine Cher-Gedächtnis-Lippen habe modellieren lassen, sondern schlichtweg aufgrund des Umstandes, dass ich mich nicht erinnern kann, an welchem Punkt genau diese Metamorphose stattgefunden hat, in dessen Ergebniszustand ich mich jetzt befinde. „Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie mit großem Applaus Katharina Wasmeier! Gerade noch schwitzend im Freibad, durch die Zaubertür, und jetzt frierend auf unserer Herbstbühne!“ Also nicht, dass ich’s nicht prinzipiell gewohnt wäre, schließlich wohne ich in der vermutlich einzigen Stadt der Welt, in der man innerhalb weniger Minuten drei verschiedene Klimazonen durchwandern kann (zum Überprüfen empfehle ich einen flotten Spaziergang an einem beliebigen Sommerabend von der Wöhrder Wiese durch die Innenstadt hinauf zur Burg). Trotzdem.

Auf einmal ist es erforderlich, geschlossenes Schuhwerk (was sich ähnlich anfühlt wie Skistiefel) zu tragen und Socken, die ich erstmal suchen musste. Bei den diesbezüglichen Grabungen im Kleiderschrank habe ich allerlei Schätze gefunden. Tops, die, extra für die Saison erworben, einmal getragen vor sich hin modern, ungetragene Sommerkleider, bei denen ich mich fragen muss, für welche repräsentative Garten-Feier ich die gleich wieder gedacht hatte, leichte Schals und zisselige Überwürfe für laue Sommernächte, an denen sich noch die Preisschilder befinden. An deren Stelle trägt der Superstar von heute Pullis, Boots und Lederjacken.

Ich finde, da bekommt der Ausdruck „Hundstage“ doch gleich eine ganz neue Bedeutung. Immerhin kann man dem aktuellen Umstand zugutehalten, dass uns dereinst die Umstellung auf den Herbst, also, den echten dann, meine ich, nicht allzu schwer fallen dürfte. Bei der Miniplaybackshow hieß es „Alle werden siegen, auch wenn einer nur gewinnen kann!“ Gut. Wir werden auch dieses Jahr wieder alle den Herbst vorläufig besiegen. Durch Spätsommer und so. Aber wer aus dem Ganzen letztlich als Gewinner hervorgeht, wissen wir ja aus leidvoller Erfahrung. Dagegen hilft nur: tanzen!

Freitag, 15. August 2014

Zuckerauge

Ich steh kurz vorm Wahnsinn. Weil: Mein linkes Auge zuckt. Seit grob geschätzt 17 Monaten, das kann einen schon mal aufregen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vermutlich weil ich so gestresst bin (Regieanweisung: Legt sich Handrücken auf Stirn und blickt dramatisch gen Himmel). Jetzt könnte man meinen, dass mein Hauptärgernis ist, dass mein Blickfeld permanent in Stroboskopblitze getaucht ist. Stimmt, ist doof, aber daran gewöhnt man sich. Auch daran, dass ich ständig befürchte, völlig unbeabsichtigt auf offener Straße wildfremden Menschen aufreizend zuzuzwinkern. Freuen die sich ja drüber. Also, im besten Fall. Hoffe ich. Nein nein, es ist so: Ich meine, gelernt zu haben, dass Muskeln durch Beanspruchung wachsen. Deswegen gehen Menschen doch ins Fitnessstudio, damit sie dann als Stiernacken durchs Freibad hatschen können, die Arme weit vom Körper gespreizt, als hätten sie grade ein zweistündiges Training nach Jacobson absolviert. 

Wenn jetzt also, so meine kluge Schlussfolgerung, der Augenmuskel einer unablässigen Kontraktion unterliegt, dann muss der sich doch ergo unablässig trainieren. Und da setzt meine Angst ein: Was, wenn ich in Bälde unterm linken Auge eine nie wieder abklingende Schwellung tragen werde? Wie sieht das denn aus? Muss ich mir dann, weil offensiver statt defensiver Umgang und so, einen schwarzen Balken unters Auge malen und fürderhin als Katharina „Left Eye“ durchs Leben gehen? Oder mir, wegen Symmetrie, allmorgendlich mit Spezialtheaterschminke rechts auch einen Batzen hinzimmern, jeden Morgen? Ich hatte diese Zuckerei auch schon mal für lang am Bein und auch am Arm, und irgendwann hatte auch ein Daumen ein solches Eigenleben entwickelt, das war auch ganz schwierig. Damals kam mir dann noch ein ganz anderer Gedanke: Was können wir nicht alle froh sein, dass letztlich der gute Darwins Charly mit seiner Evolutionstheorie rechtbehalten hat und nicht sein Vorgänger Lamarck. 

Der hat ja nämlich gemeint, dass der Körper (Daumen) sich an die Anforderungen der Umwelt anpasst (häufiger Gebrauch) und das dann so weitervererbt wird. Um mal beim Daumen zu bleiben: Das würde bedeuten, dass diese Jugend von heute die Daumen-Muskulatur bei all der Smartphone-Benutzung übermäßig ausbildet und dann von Generation zu Generation immer größere Daumenmuskeln hervorträten. MUAHAHA! Wie das ausschaut! Popeye, aber an den Händen! Großartig! So aber machen ganz darwinistisch diejenigen das Rennen, die halt qua Tipp-Affinität die meisten sozialen Kontakte knüpfen und aufrechterhalten können, also theoretisch. Besteht doch noch Hoffnung, zumindest ästhetische. Was das jetzt mit meinem Auge zu tun hat, weiß ich übrigens auch nicht. Bin wohl doch irgendwie einigermaßen beeinträchtigt. 

Freitag, 8. August 2014

Kapernmütter

Zum beinahe täglichen Ritual meines Frühstücks gehören Bananen. Und beinahe täglich muss ich mich vor denen ganz furchtbar ekeln. In Abhängigkeit von deren Reifegrad mal mehr, mal weniger. Ich meine, es geht schon damit los, dass die, wenn man sie schälen will, nicht einfach aus ihrer Schale schlüpfen können, sondern zaudernd und sich zierend Federn lassen müssen, in Form dieser scheußlichen Fäden, die da immer noch so drankleben. Die muss ich dann akribisch hinfortoperieren – nicht auszudenken, es verliebe ein Fadenrest an dem Ding, da könnte ja sonstwas passieren. Je reifer die Banane wird, desto größer die Gefahr des Ekelhaftigkeitsnonplusultras. Nämlich: der Moment, in dem sich das Palmengemüse unten von der Schale löst. Wo „unten“ ist, ist eh klar, oder? 

Da kommt nämlich, wenn man alles richtig macht, plötzlich so ein Stachel aus der Banane. Dazu vorstellen kann man sich so ein „Plopp!“ Wenn man nicht alles richtig macht, bleibt der Stachel in der Frucht und mir nur die Möglichkeit, den Bananenarsch großflächig zu guillotinieren. Wi-der-lich! Warum ich’s nicht einfach lasse? Keine Ahnung. Vielleicht ist das meine tägliche Portion Grusel, weil der Rest meines Lebens sonst so eintönig Regenbogen-Einhorn-mäßig wär. Äh wobei … nein, eher nicht. Ich bin sonst auch eigentlich nicht sonderlich, wie sagt man, ziepfig. Gut, manche Dinge (Schäufele, Spaghetti alle putanesca, Romanesco) sind optisch attraktiver als andere (Schweinskopfsülze, Spaghetti al nero di seppia, Blumenkohl), stimmt schon. Aber da sollte ich wohl ergänzend erwähnen, dass mein persönlicher Aggressor sich in der Kaper manifestiert hat. 

Da muss man gar nicht mal allzu genau hinschauen, muss man da. Kapern sind ganz eindeutig kleine, widerwärtige Asseln, die sich ihres natürlichen Lebensraums (stehende, stinkige Gewässer; vgl. Wöhrder See, der) beraubt ähnlich einem Gürteltier sofort zu einer Kugel zusammenrollen und in dieser Stellung verharrend auf ihre Erlösung hoffen. Die tritt dann zumeist in Form eines Vitello Tonnatos oder Königsberger Klopse ein. Wenn man da also hineinbeißt, kann man die Viecher quieken hören. Dagegen hilft scheints lautes Schmatzen (hab ich zumindest so beobachtet). Das Muttertier, das die Kapernbabys legt, heißt im hiesigen Sprachraum euphemistischerweise „Kapernapfel“. Nja genau. Apfel. Wie Granatapfel, und wenn man den aufmacht, dann sind da auch unzählige Knirpse drin, nur das die nicht schreiend auseinanderstieben, wenn man sie herausholt. Wann immer ich so ein Glas voll Asseln sehe, verspüre ich den dringenden Drang, damit das nächstbeste Gewässer aufzusuchen und die Tierchen zu befreien. Was zuweilen zu Unmut der Kapern-Besitzer führt, aber da kann man nichts machen. Free Kaper! 

Freitag, 1. August 2014

Hirnstau

Manchmal hab ich schlimmen Hirnstau. Das funktioniert ungefähr so: Ich habe ein Thema (Ziel) im Kopf, aber ich komm nicht auf den Weg (Text), weil viel Konfetti mir die Sicht versperrt. Da denk ich dann und hirne und beginne und breche wieder ab und bin unzufrieden, aber ich kann auch nicht ablassen von dem Ziel, das muss dann unbedingt. Ständig tun sich neue Abzweigungen auf, die ignoriere ich gekonnt und geißele mich selbst. Weil ich mir das jetzt eben so in den Kopf gesetzt habe. Ganz schlimm. Wenn ich mir ein praxisnahes Bild zur Veranschaulichung suchen müsste, wüsste ich auch sofort, welches, denn das drängt sich an diesem Wochenende nachgerade auf. Nämlich: Die Autoschlange, die sich vor einer gewissen Tiefgarage unter einer bestimmten Spielstätte eines gewissen Innenstadtfestivals bildet. Den Leuten da, denen geht es ähnlich wie mir. Die haben sich was in den Kopf gesetzt, was sie für eine Primaidee halten: Veranstaltung! Auto! Parkhaus! Zentrum! Supi! Darüberhinaus vermute ich, dass sich hier auch noch das Wort „Geheimtipp“ einreiht, aber was weiß ich schon. 

Dann setzen die sich in ihr Auto und ignorieren die weithin sichtbare Anzeige „Freie Parkplätze: Null“. Weil: „Da gehen bestimmt gleich ganz viele, Heiner, das machen wir jetzt.“ Auf dem Weg dorthin wurden zudem bereits allsämtliche Angebote zu Abzweigung und Rettungsweg geflissentlich ignoriert. Was ich gewissermaßen verstehen kann bei Trägern dreibuchstabiger KFZ-Kennzeichen, weil die sehen vielleicht so ein „P+R“ und sagen sich „Nein also wirklich!“, sagen die sich, „Potacken und Rüben haben wir daheim genug, da halten wir jetzt nicht an.“ Flugs vorbeigesaust. Beim Innenstädter bin ich mir nicht so schlüssig. Aber vielleicht denkt der sich: „Mei also, bei diesem Fest da, da ist’s dann eh so laut, da tut uns ein bisschen Ruhe zu zweit / fünft im Auto vorher ganz gut, da muss man jetzt nicht auch noch den Trouble in der U-Bahn … Gell, Cindy?“ Und alle nicken und freuen sich und schmieren Brote und … ach nein halt, tun sie nicht, weil sie denken ja „Geheimtipp“ und so.

Dann finden sich also alle in dieser hunderte Meter langen Schlange wieder. Und statt auszuscheren und den vermeintlichen Gemüsemarkt (P+R!) aufzusuchen bleiben die da stehen. Deswegen muss ich auch immer so freudig lächeln, wenn ich da vorbeikomme, weil ich mich so verbunden fühle. Ziel vor Augen, und dann beherzt ans Werk und bloß nicht abbringen lassen! Kann ich nur bewundern. So sehr, dass ich schon mehrfach mit dem Gedanken gespielt habe, mit einem Bauchladen hindurch zu schlendern und Erfrischungen anzupreisen, weil ich jedesmal die Gelben Engel vermisse, die sich kümmern. Ist ja schon heiß da, manchmal, und nach ein paar Stunden wird’s vielleicht auch ein bissl eng mit Klo. Aber wer weiß, wie die sich helfen, die tapferen Recken. Vielleicht aber verfolgen die auch nur einen viel höheren Plan, nämlich: So lange stehen zu bleiben, bis das Fest vorbei ist, um im richtigen Moment synchron umzudrehen und allen, die aus der Garage hinaus wollen, den Weg zu versperren. Fänd ich schon wieder lustig. Mal gucken, wie ich das auf meinen Hirnstau ummünzen kann. 

Freitag, 25. Juli 2014

Psychofahrrad

Mein Fahrrad, diese Mistkröte, hat sich mal wieder was neues einfallen lassen, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Dieses Mal ist die Situation besonders diffizil, denn es täuscht eine psychische Störung vor, und da sind einem quasi die Hände gebunden, man will ja keinem Unrecht tun. Das durchtriebene Ding hat sich eine Form von ADHS zugelegt. Aufmerksamkeitsdefizit, dass ich nicht lache! Ich wüsste nicht, wer derzeit mehr Aufmerksamkeit von mir bekommt als diese alte Klapperschachtel, die andere schon längst dem Wertstoffhof übereignet hätten. Aber das ist ihm egal, dem undankbaren Biest, und so bereitet es ihm diebische Freude, mich auf Trab zu halten, indem es mit permanenten und immer neuen Geräuschen meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Mal ist es die Klingel, die entweder ständig oder dann wieder gar nicht tönt, mal die Kette, die lustig rattert oder springt, über Stock und Stein, hüpfhüpf, und dann kracht’s und scheppert’s und mir wird himmelangst und ich höre, wie das Fahrrad sich die Pedale reibt und freut, weil ich lieber stehenbleiben und nach dem Rechten sehen muss statt Gefahr zu laufen, bei vollem Antritt den Burgberg hinauf einen ungeplanten Abstieg zu vollziehen. 
Dann begleitet mich tagelang ein rhythmisches Klappern, und sobald ich dem Schutzblech auf die Schliche und mit Panzertape beigekommen bin, muss ich feststellen, dass es sich damit noch nicht hat, mit der Percussion, weil irgendwo anders noch was rasselt. Aber was, das bleibt mir dann verborgen, man soll’s ja auch nicht zu leicht haben. Versteh ich schon. Der Fahrraddoktor versteckt sich hinterm Tresen, wenn er mich sieht, weil er mich für gaga hält: Der subversive Mistesel versteht sich nämlich bestens darauf, seine ach-so-schweren Leiden geschwind im Griff zu haben, sobald Gefahr vom Profi lauert. Zu besonders großer Freude gereicht mir die Licht-Situation. Gefühlte 37 Mal allein im letzten Jahr repariert, ersinnt das Fahrrad immer neue Methoden, damit Schindluder zu treiben. Aktuell sieht das so aus: Betätigt man den Dynamo, so ist anschließend mein Auftritt nicht so hell (eher gar nicht), dafür schön laut. Gut, ich meine, das hat auch seine Vorteile. 
Wenn man mit der Lautstärke eines Nebelhorns durch die Stadt saust, dann kommt der Passant nicht drumherum, auszuweichen, schon aus Angst vorm apokalyptischen Reiter. Denen kann ich das mit dem ADHS wohl auch erklären. Nur, wie sieht das wohl die Polizei, die lieber mag, dass vorn und hinten ein Lichtlein meinen Weg weist statt der Posaune? „Ja, ich weiß, Herr Wachtmeister, aber das Rad hat grade einen psychotischen Schub, da kann man nichts machen.“ Solcherart um Verständnis werbend gelobe ich feierlich, dieses Wochenende als Zeichen meines Protestes und unbeugsamen Willens jedes Radler, das ich sehe, mit Verachtung zu strafen.

Freitag, 18. Juli 2014

Waldmeister!

Gut. Hätten wir das also auch wieder überstanden. Mein Puls hat sich dank eigenmächtig verdreifachter Dosis der Blutdrucktabletten wieder normalisiert. Nach dem kollektiven Dornröschenschlaf am Montag erklingen tatsächlich hier und da noch vereinzelt Hupkonzerte, bei denen man sich aber weitgehend sicher sein kann, dass es sich entweder um einen zu belärmenden Bund der Ehe handelt oder einen allerletzten Fan, der völlig entkräftet über dem Lenkrad zusammengebrochen ist. Und dank (gähn…) „Gauchogate“ fällt der Übergang vom Ausnahme(Freude!)- in den Normalzustand (Maulen!) bestimmt ganz leicht. Nur, normal – wie ging das gleich wieder? 

Wir erinnern uns: Es ist durchaus gängig, zum Abendessen einen knackigen Salat oder sonstige Mahlzeiten selbst zuzubereiten, anstatt „vor dem Spiel noch schnell eine Bratwurstsemmel“ zu dinieren. Es ist üblich, sich im Gespräch mit Freunden nach deren Befinden zu erkunden, mögliche Treffen in gemütlichem Ambiente anzuberaumen und sich darauf zu freuen, anstatt einzig und allein die Frage „Wo schaustn du heut Abend?“ zu stellen. Es ist völlig akzeptabel, an einem Montagabend gegen 23 Uhr auf der Couch oder gar im Bett zu liegen und irgendwas, völlig egal was, zu machen, anstatt im Friesennerz im Biergarten zu sitzen und sich schlotternd das siebte Bier einzuschenken, weil „sonst hält man das ja alles nicht mehr aus.“ Man gewöhne sich wieder daran, dass diejenigen Männer, die man vornehmlich in der Öffentlichkeit sieht, einen (akzeptabel) durchschnittlichen Körperbau haben und nicht den hochtrainierter Athleten (erst recht nicht den gewisser Algerier) und die (meisten) Frauen Fußball für ein ungebührliches Gesprächsthema halten. 

Wer sich über irgendetwas aufregen möchte, der tue das ab sofort gerne wieder über Politik, das Wetter oder „den Deppen auf der Mittelspur“ statt über den unfähigen Schiri der dritten Begegnung. A propos Wetter: Vielleicht hält’s noch ein bisschen vor, aber über kurz oder lang werden als Themen für den Smalltalk statt der von bekoksten Künstlern designten Kickerschuhe wieder die wichtigen Dinge des Lebens herhalten müssen. Wetter, zum Beispiel. Barkeeper, denen ein sprühendes „Waldmeister!“ ins Gesicht getrötet wird, dürfen getrost ein solchhaltiges Getränk zubereiten, statt sich nur mit undeutlich artikuliertem Jubel konfrontiert zu sehen glauben. Abende müssen ab sofort wieder aktiv gestaltet werden. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss, dass nicht mehr als irgendwie sozial vernarbt gilt, wer einen Abend einfach mal allein daheim zu verbringen beschließt. Vielleicht wird’s ja doch nur halb so wild mit der Post-WM-Depression … 

Freitag, 11. Juli 2014

Hundsgrübbl, verregder!

Im Jahre 2003 n. Chr. kam es in einer mittelalterlichen Innenstadt zu einem folgenschweren Ereignis. Die verschlungenen Wege meines Schicksals und dem eines älteren Bürgers kreuzten sich unvermittelt, und nur durch eine geschickte Kombination flink-graziler Ausfallschritte konnte ich das Schlimmste vermeiden. Meine Erleichterung war grenzenlos, die des Bürgers nicht. Er drehte sich um und sprach die magischen Worte, mit denen sich meine bis dato unbeschwerte Welt plötzlich verdunkelte. Seitdem wanderte ich durch das tiefe Tal der Trübnis, grämte mich, wachte nächtens auf und frug mich ohne Unterlass: „Warum nur hat der Mann mich eine ‚bläide Sunna‘ genannt?“ Unlängst fand die Qual ein jähes Ende. Eine Freundin, sprachlich sozialisiert im fränkischen Umland, klärte mich auf. „Blöde Sonnenblume“, lernte ich staunend, sei eine gängige Beschimpfung der hiesigen Lexik. Seitdem bin ich erleichtert, das Leben hat wieder einen Sinn, ich hüpfe singend durch die Wiesen und trage Käfer über die Straßen. Schimpfwort! Toll! Und viel zu selten bemüht! 

Dabei erstreckt sich doch gerade die fränkische Beschimpfungslandschaft beinahe endlos bis zum Horizont: Doldi, Dulln, Bridschn – wie viel klangvoller kann man einem Menschen denn seine ganze Verachtung ins Gesicht speien? Mit „Du, ich find dich eigentlich nur so mitteldufte, weißte“ eher nicht. Lieber so: Ruuzlöffl! Grampfbeudl! Keeszibfl! Hundsfregger! Laggl! Blousoarsch! Brunzkübl! Rahmsau! Hundsgnochn! Blunsn! Oarschmannskoarla! Dreegschleider! Hiernheiner! Bimerlaswichtig! Dullnramer! Gsichdsgrapfn! Bauernzwedschgn! Diddlergrabscher! Greinmeicherla! Graddler! Blooßoarsch! Simbl! Bridschlerbadscher! oder mein persönlicher Favorit: „Du elendiche Rechimendssau!“ Wer das aus dem Effeff beherrscht, der weiß auch, wo der Barthel den Most holt. 

Jetzt müsste man nur noch wissen, was diese ganzen phonetischen Schönheiten wohl zu bedeuten haben. Meine nachdrückliche Empfehlung lautet: Feldversuch! Gehet hinaus und widmet euch den Exerzitien! Mit ein bisschen Glück findet ihr direkt jemanden, der euch dann schon erklärt, was ihr ihm fröhlich ins Gesicht gebelfert habt. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass infolgedessen sehr viele Menschen ins gleiche Elend gestürzt werden wie ich seinerzeit. Das wird prima, und deswegen erweitere ich, freilich südlich der Benrather Linie bleibend, nicht dass mir jetzt einer mit „Dösbaddel“ kommt, die Königsklasse um zwei Beschimpfungen, denen ich mich biographisch sehr verbunden fühle: Zwiderwurzn und Bißgurn! So! Auf auf, und dass mir hinterher keine Klagen kommen von wegen es wär wieder nur der böse Alkohol schuld an der Schlägerei! Nein, ab heut wird sich geprügelt mit fränkischem Stil! Ui, aber sagt mal: Was heißt „HUNDSGRÜBBL, VERREGDER!“ eigentlich auf Argentinisch?