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Freitag, 6. September 2019

Seetag

Ich hatte ja nach Ende der Festivalsaison angekündigt, in ein tiefes Loch der Beschäftigungslosigkeit zu fallen, weil plötzlich soll man nicht mehr einfach mit der Schafsherde in Innenstädten, Fußballstadien und Flussbetten umeinanderlatschen und Musik lieben, sondern sich selbst um eine Freizeitgestaltung kümmern. Kurz hab ich nachdenken müssen und dem Gefühl von augustlicher Bräsigkeit nachspüren, das war irgendwo tief noch drin in mir, und dann ist mir eingefallen dass man ja unbedingt mit dieser Bräsigkeit an Badeseen fahren muss und dort genau eins tun: bräsig sein. Mit Buch und riesigen Paketen mit Reissalat und Schinkensemmeln und Melone und Ballspielen für Bewegung beziehungsweise fürs Gewissen. Und los! Meinem Wunsch, im Morgengrauen schon zu starten wurde allerdings weitestgehend nicht entsprochen, und schon war’s vorbei mit der Bräsigkeit. „DANN LOHNT SICH DAS DOCH ÜBERHAUPT NICHT!!“ hab ich gezürnt und Taschen wieder ausgepackt und Reissalate in den Ausguss und Krawall weil alles kacke und zu kurz und gleich zu Hause bleiben. Es war 12 Uhr, die Reaktionen irritiert: „Es ist fei erst 12 Uhr“, hieß es, „was willst denn du da machen bis zum Abend?“ – „BRÄSIG SEIN!“, hab ich getobt und Tränenrotz verschmiert und dann erzählt: Vom Omageburtstag im August und dass da deswegen das ganze Rudel. Vom Hasenstall und Streicheln und plötzlich Hasenbraten und Böhmische Knödel. Von Pergola und Kamin und grünem Veltliner in Zweiliterflaschen und undichter Korken offenbar wegen zügiger Verdunstung. Vom Weingut im Nachbarland und dass wegen Nachschubbeschaffung die Erwachsenen zum Vorwand Badetage anberaumen. Dass Kinder dann mitten in der Nacht (7 Uhr) aufstehen müssen und ohne Frühstück („Das gibt’s wenn wir da sind.“) unfassbare Strecken (60 Minuten) grenzüberwindend (manchmal mit, manchmal ohne Pass) vorbei an Marktl (Papst), Burghausen (Mauer), Fucking (hihi) reisen an den See. Dass Gäste dort beobachten, wie aus drei Autos 20 Personen, zwei Liegestühle (für Opa und Oma!), 100qm² Decken und Handtücher (für die anderen), Sonnenschirmebadmintonluftmatratzenbälledreiräderkinderwägen UND mehrere Kühlboxen quellen, auf die sich das ganze Rudel sogleich unter größtmöglichem südländischen Gezeter stürzt und völlig ausgehungert das komplette Tagesmahl verschlingt, weswegen später unter der strengen Omaregie ein Teller Pommes für alle reichen muss, weil es gibt ja dann nach Seedurchquerungbadmintonschwimmtrainingsonnenbadentirolernussölweißbieruno erst Veltlinerkisten auf Kinderschöße und dann im unter anderem für seine idyllische Inn-Lage bekannten Braunau Schnitzel und Kaiserschmarrn. Um dann später, viel später in einer Pergola am Lagerfeuer zu sitzen und dem Veltliner beim Verdunsten zuzusehen … „… und das ist meine Lebensschablone für ‚Seetag‘“, hab ich referiert, „Und bräsig muss man doch auch noch sein. Wie soll das gehen in nur zwei Stunden oder drei?“ Sagen wir mal so: Überzeugung kann ich. Schüssi! 

Freitag, 5. April 2019

Auch Haltung ist Figur

Letzte Woche hab ich einen Mordsausflug gemacht. Ja richtig, alles was über meine Quartiersgrenzen hinausgeht ist ein Mordsausflug mit Aufregung und Stulle und Zeug, aber das war dann quasi ein Mordsmordsausflug weil es wurde mit einem Auto gefahren und das sehr lange. Ziel des Ausflugs war ein Herrenschneider, denn Menschen heiraten und wollen dabei aussehen, nach Möglichkeit gut. Jetzt denkst du „Oh, Herrenschneider, Maßanzug“ und sofort ploppen all die Bilder von großen gut ausgeleuchteten Räumlichkeiten auf, schwerer Teppich auf dem Boden, der das Geräusch von kleinen Nadeln und großen Geldscheinen schluckt, von meterlangen Schrankwänden, in denen Knöpfe wie Pralinen und Krawatten wie Whiskey präsentiert werden, von Bergen aus Stoffen und Bauschen und Garnen zum Verlaufen und in der Mitte ein Humidor und du bist König … Ich hab dann drei Stunden in einem ungefähr fünf Grad kalten Kahlraum verbracht, draußen schönster Frühlingsschein, drinnen ein Tisch mit kleinen Stoffmustern zum Durchblättern, immerhin: Ein Spiegel war vorhanden, doch durfte in diesen nicht hineingeblickt werden, denn, so der Mann, der sich als Schneider ausgab, man ändere automatisch beim Sichselbstbetrachten in einer Spiegelei die Haltung, um sich vor sich selbst möglichst attraktiv zu präsentieren, also schön optimal Brust hoch, Kinn rein, Bauch – welcher Bauch? – und das führe beim Vermessen des Körpers unter Umständen zu eher unrealistischen Ergebnissen. Hab ich mich im Spiegel angeschaut und mir gedacht, wieso unrealistisch? und dann kurz überlegt ob das vielleicht was damit zu tun haben könnte, dass auf Schnappschüssen von mir immer ein ganz anderer Mensch zu sehen ist als er morgens im Spiegel noch war, nämlich Foto suboptimal Brust runter, Kinn raus und Mordsbauch, und dann muss ich weinen und mich verhüllen und dann kommen Menschen und trösten und sagen „Was hast du denn, das ist doch ein total schönes Foto von dir, so schön schaust du aus!“ und dann muss ich noch viel mehr weinen und Burka bestellen und im Keller leben und mir einen Spiegel hineinstellen und nur noch dorthineinschauen … „Darf ich mir das klauen?“ bin ich aus meinen präsuizidalen Überlegungen geweckt worden, in denen ich scheint’s laut mein Mantra genuschelt hatte. „Auch Haltung ist Figur!“ hab ich pontifiziert und mich gefreut: Selbstverständlich dürfe er, jedoch mache dieser Satz beinahe zwingend einen Handkantenschlag erforderlich, schön mittig zwischen die Schulterblätter, „das kann man auch gern mal einfach im Vorbeigehen auf der Straße anwenden“, hab ich doziert und dem Coupeur mit der Handkante zwischen die Schulterblätter geschlagen und dahinein all meinen Groll gelegt auf Jungfrauen, die zwar Figur, jedoch keinerlei Haltung zeigen, diese wandelnden Fragezeichen, gramgebeugt von Last und Leid der Jugend, leer wie der Akku ihres smarten Lebensinhalts … Naja, vielleicht drückt sie ja auch nur der zentnerschwere Schal zu Boden. Glückauf, damit ist’s jetzt vorbei! Sprengt die Winterfesseln von euch und schmetterlingt aufrecht von dannen!