Samstag, 26. Oktober 2013

Perspektivprobleme

Es gibt ein T-Shirt, auf dem steht „Ich bin voller Gedanken und äußere daher nicht immer den richten“. Ich muss jetzt aber ganz dringend was äußern. Nämlich: Mich treibt seit Tagen eine Fragestellung um, die zu beantworten ich bislang noch keine Möglichkeit gefunden habe – dahingegen aber sehr viele Gelegenheiten, Gesprächsrunden behutsam in eine diesbezüglich lösungsorientierte Debatte zu führen. Also. Man kennt das: Es richtet sich eine Kamera auf einen Menschen, und der Mensch, zumal weiblicher Natur, kreischt sofort laut „NICHT VON UNTEN!“ Ungefragt folgt die Erläuterung, die vermaledeite Perspektive verzerre die Leibesfülle des Abzulichtenden in unakzeptabler Weise, ließe Doppelkinne sprießen und Körbchengrößen explodieren. Man möge doch, bitteschön, das Gerät anheben und, so die Argumentation, den Menschen solcherart optisch strecken. Dieser Gedankengang ist durchaus nachvollziehbar und das Internet voller anschaulicher Beispiele.  

Und jetzt kommt mein Problem, das mir schlaflose Nächte bereitet und einen argen Denkschmerz. Gilt das mit der Leibesfülle und der Perspektive nur für Fotos? Oder ist es vielmehr so, dass auch ein Auge dieser arglistigen Täuschung anheimfällt? Hieße das dann folgerichtig, dass alle Menschen, die sich um eine sehr großgewachsene Person tummeln, entsprechend anders erscheinen als die, von denen ein eher klein geratener umgeben ist? Lebt der Große in einer Welt der Schlanken, der Kleine in einer der Pummligen? Kann ich meine eigene Wahrnehmung manipulieren, indem ich mich nur noch auf Stelzen fortbewege oder einer Liegekonstruktion? Um das herauszufinden, hilft vermutlich nur eines: Mich an frequentierter Stelle platzieren. Hochstuhl vom Waidmann meines Vertrauens leihen, Liegestuhl von irgendwem. Versuchsteilnehmer in großer Anzahl finden, die mehrfach an mir vorbeiflanieren. Ergebnisse gewissenhaft notieren. Möglicherweise vorher lieber doch noch Rücksprache mit Lehrstuhl für Soziologie über Validität des Versuchsaufbaus halten. Daraufhin von Feldforschung vielleicht besser doch Abstand nehmen. Enttäuscht Kopf zermartern, wie jetzt zum Wochenende überzuleiten sei. Wieder scheitern. Naja. Dann halt ohne.  

Wobei, vielleicht gibt’s noch eine Chance im 360° (Adlerstraße), da sind nämlich die „Girls on Top“ und im Mach (Kaiserstraße) immerhin die „Hands up for Arty“ (gute Foto-Perspektive!). In der Rakete (Vogelweiherstraße) wird – „Abrakadabra“ – gezaubert, das Parks (Berliner Platz) ist „Prüfungsgeil“, das Stereo (Klaragasse) im „Plattenrausch“ und der „Lui loves Hip Hop“ (Luitpoldgasse), derweil nebenan die Bar77 Jungvolk zu „Prinzessinnen & Superhelden“ lockt und die KK (Königstraße) Altvolk zu „Querbeat“. Am Samstag gibt’s zwei Möglichkeiten: Zu „Nürnberg.Pop“ (südl. Altstadt) zu gehen. Oder nicht. Dann aber am besten gleich weit weg. „80er/90er Party“ im Terminal (Flughafenstraße), „Hafenschänke“ in der MUZ (Fürther Straße), verschiedenste Kombinationen von „Club/Klub/Nacht/Night“ in Marquee (Klingenhofstraße), Mach und 360° oder „Tune in“ in der Desi (Brückenstraße) bieten Asyl. Oder ganz raus zu Charivaris „Discomania“ in die Westvorstadt (Fürther Stadthalle). Aber man muss es vielleicht auch nicht übertreiben. Egal aus welcher Perspektive. 

Samstag, 19. Oktober 2013

Freisprechanlagen

Man hat sich an so vieles gewöhnt. An Menschen, die in ihrem Auto brüllen, ohne dass darin sich ein Kollege, Nachwuchs oder Eheweib befände. An Menschen, die in der Gegend umherspazieren und mit starrem Blick ins Nichts hineinsprechen. Auch an Menschen, die die feierabendliche Leibesertüchtigung damit zubringen, rotschwitzig Sozialpflege zu betreiben und in ihren Walkman hineinzuschnaufen. Alles wichtig, gewiss. Immerhin: Sie kommunizieren. Denn so weit ist’s noch nicht, dass ich an dieser Stelle Simulantentum unterstellen möchte. Hierfür gibt’s nämlich eine ganz andere Spezies, der man das nicht nur unterstellen, sondern dringend urkundlich bestätigen möchte. 

Früher, als Handys noch so groß waren wie Autobatterien (gut, das sind sie jetzt wieder, aber das ist ein anderes Thema), da gab’s so eine Sorte Mensch, die sehr dringend diese Last am Gürtel befestigt mit sich führen musste. Vermutlich aufgrund eines Haltungsschadens, der ihnen irgendwie verbot, das Gerät in einer Tasche zu verstauen, war’s wichtig, es gut sichtbar mit sich zu führen. Als gänzlich unbeabsichtigter Nebeneffekt erzeugte der Mensch einen Eindruck der Wichtigkeit mindestens im Range eines Feuerwehrhauptmanns, der stets einsatzbereit und für jedermann erreichbar durch die Welt patrouillierte. Der Mensch trug’s mit Fassung und einem Hauch von Stolz ob der Bewunderung, die ihm (vermeintlich) entgegenschlug. 

Diese Zeiten sind beinahe vorbei, und wie sich die Technik fortentwickelt, so senken sich die dafür zu berappenden Preise, und das ist gut, denn nun können sich die Haltungsgeschädigten einer Neuerung bemächtigen, die ihnen die Last des Geräts und der Verantwortung vom Gürtel weg direkt ans Ohr pappt: die Bluetooth-Freisprechanlage. Einem Virus gleich scheint sie mit dem Träger Tag und Nacht verwachsen. Ob morgens beim Bäcker, nachmittags beim Tanken, abends beim TK-Pizza-und-Sixpack-Kauf, immer klebt die kleine schwarze Krake am Ohrwaschel, und dabei wird der arme Mensch nie, niemals angerufen außer Sonntagmittag von der Mama, die fragt, wie’s dem Haltungsschaden geht, aber der Wirt weiß sich seines Virus‘ nicht zu erwehren, und so trägt er mit einer von Außenstehenden nur zu leicht mit unverhohlenem Stolz zu verwechselnden Tapferkeit den Draht zu Außenwelt mit sich herum, weil es könnt ja immer sein, dass seine Superheldenkräfte benötigt werden, um Kinder aus lodernden Flammen zu retten oder Burgfräulein vor dem Drachen. 

Man hat’s nicht leicht als vielgefragte Person, und weil ich das freilich nicht verstehen kann, muss ich mir die Häme auch verkneifen. Im Diskothekenbetrieb ist die Spezies gottseidank noch eher kaum verbreitet, und deswegen flücht‘ ich mich geschwind dorthin.  Zum Semesterstart steigt „Prüfungsgeil“ in der Indabahn (Bahnhofsplatz), zum Geburtstag „5 Jahre Tonkonzum“ in der KK (Königstraße). Der Lui (Luitpoldstraße) ruft „We tone“, das Terminal (Flughafenstraße) „Get on board“, die Muz (Fürther Straße) in die „Muckibude“ und das Stereo (Klaragasse) hebt die Hände zum „Clap!“. Am Samstag ist lange Nacht der Wissenschaften, aber Studienobjekte hat’s ja auch im Ausgang mehr als genug, deswegen ab zur Feldforschung: „W.H.M.C.“ im Zwinger Keller (Lorenzer Straße), „Jockey Club Ibiza“ in der Mitte (Hallplatz), „Jazzboutique“ im Opera (Ostermayerpassage) und „Bassbot“ im Nano (Königstraße). Wenn irgendwo ein Burgfräulein in Flammen stehen sollte – sagt Bescheid! 

Samstag, 12. Oktober 2013

Anflutungsphase

Salvete, discipuli! Wir sind ja hier nicht zum Spaß, sondern um was zu lernen. Deswegen nehmen wir heute das Wort „Anflutungsphase“ durch. Das habt ihr jetzt bestenfalls noch nie gehört. Und damit das noch besterenfalls auch so bleibt, erklär ich euch, was es damit auf sich hat. Eine kurze Sprechstunde bei Dr. Google ergibt, dass sich dieses Wort ausschließlich in Verbindung mit juristischen Nachschlagewerken im Allgemeinen und den möglichen Folgen unsachgemäßen Alkoholkonsums und damit einhergehenden noch viel unsachgemäßeren Verhaltensweisen im Speziellen findet. Die Anflutungsphase bezeichnet die Zeit, die der Körper braucht, um vom Magen ins Blut und damit ins Gehirn zu kommen. Das dauert ein bisschen. Und darin liegt die Tücke, der, wie aufwww.muenchenkotzt.de eindrücklich dargestellt ist, beispielsweise Wiesn-Besucher gern zum Opfer fallen. 
Man muss ja morgens um neun in so ein Zelt hinein gehen und dann alsgleich die erste Maß frühstücken, um den Geruch zu ertragen. Und dann muss gleich die zweite hinterher und am besten auch die dritte, weil der Herr Ober grad am Tisch steht. Zwischendurch ein Schnapserl, links, rechts, vor, zurück, alles prima, ich bin der König der Welt, und von einer Minute auf die andere gehen die Lichter aus. Weil: In dem Moment, in dem das Teufelszeug im Blut angelangt ist, leitet der Körper die Resporptionsphase ein und beginnt mit dem Abbau. Wer langsam und gemütlich vor sich hin trinkt, bei dem halten sich die beiden Phasen halbwegs die Waage. Wer aber mit einem großen Durst die Literflasche Berentzen Apfeltraum in die ewigen Jagdgründe überführt, der sollte auch sich selbst eine Münze für den Fährmann in den Nike Air zur Verwahrung stecken. Die wird er spätestens dann brauchen, wenn am tags darauf der Herr Papa aufs Revier gefahren kommt, um den Nachwuchs aus der Zelle auszulösen. 
Wer sich nämlich sturzbetrinkt und dann ans Steuer setzt, der ist zwar während der Fahrt noch völlig nüchtern, könnte aber unter Umständen je nach Dauer der Reise gegen deren Ende von einem überraschend einsetzenden Suff eingeholt werden, der ihn in weniger eleganter Manier einparken und in noch weniger eleganter in die Arme des nächsten Polizeibeamten tänzeln lässt. Und das BVG vertritt hierzu eine dezidierte Meinung. Ich auch. So. Was ihr mit diesem Wahnsinnswissen anfangt, sei euch selbst überlassen. Aber denkt dran, wenn ihr beim dritten Gin Tonic aller Welt verkündet, es liefe heute ganz besonders gut. Anflutungsphase! Wenn ihr die wohlbehalten übersteht, kann’s ja losgehen. 
In der Rakete (Vogelweiherstraße) die Veranstaltung mit dem unaussprechlichsten Namen des Wochenendes (kurz: „Take Over“). Im Marquee (Klingenhofstraße) die mit dem meistmissverstandenen („Get Lucky“), im Zentralcafé (Königstraße) die mit dem nervigsten („Carpe Yolo!“), in der Bar77 (Luitpoldstraße) die mit dem femininsten („Mädelsabend“) und im Terminal (Flughafenstraße) die mit dem unaufgeregtesten („Soul Flight“). Am Samstag gehen wir schon nachmittags zum „1. St. Leonharder Kneipenfestival“ und tauschen das hierfür eingesteckte Pfefferspray später gegen die Glitterkanone, um zum „Loving Heads Festival“ in die MUZ (Fürther Straße) zu fahren. Wer sich nicht sicher über den aktuellen Wochentag ist, der schaue bitte zu Indabahn (Bahnhofsplatz) und 360° (Adlerstraße), und wer eine „Bassdusche“ benötigt, in die KK (Königsstraße). Und jetzt, liebe Kinder, einfach mal: abschalten. 

Samstag, 5. Oktober 2013

Pflasterversuche

Liebe Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Ich habe in den vergangenen Monaten in selbstloser Aufopferungsbereitschaft eine großangelegte Feldstudie zum Thema „Pflaster“ durchgeführt. Im Zuge dessen gelang es mir, zweifelsfrei zu belegen, dass Pflaster die schlechtestentwickelte Erfindung seit Menschengedenken sind. Ich habe z.B. quer durch Europa Blasenpflaster getestet. Das sind die, die man behutsam auf die leidende Stelle klebt, dann in einen Schuh schlüpft und das Haus verlässt, nur um die Plastikschicht drei Minuten später sonstwo wieder zu finden. Wasserfeste Wundpflaster sind die, die sich bereits beim bloßen Aufdrehen des Duschhahns vom Acker machen oder nach einer Minute Abspülen an der Untertasse kleben – dort jedoch ganz ausgezeichnet, was auch für großflächige, extra stark haftende Schutzpflaster gilt, die man übers Knie legt und über kurz oder lang aus irgendwo in der Hose herauszureißen versucht, wo sie fälschlicherweise, dafür sehr hartnäckig verbleiben.

Über „absolut unsichtbare Herpes-Pads“ und den damit erlangten Anschein einer Lepra-Erkrankung wollen wir gar nicht erst sprechen. Gesprochen werden muss aber dringend über Fingerpflaster. Hierfür habe ich mir extra die Kuppe des linken Daumens entfernt. Das ging ganz schnell, und nebenbei war auch noch der erste Kürbis der Saison gescheibelt. Während der vor sich hin köchelte, begann die letzte Etappe meiner Studien, nach deren Abschluss eindeutig bewiesen war, dass egal welche Art Pflaster in egal welcher Konstruktion angebracht für Daumen nicht geeignet und einzig ein mordsmäßig eindrucksvoller Verband halbwegs akzeptabel ist. Da hab ich ganz zufällig, und jetzt kommt eingangs erwähnte Jugend ins Spiel, noch einen Beweis erbracht. 

Nämlich: So ein Daumen IST gar nicht nur zum SMS-Schreiben und PS3-Zocken da! Das muss man sich mal vorstellen! Mit so einem Daumen macht der Mensch permanent irgendwas, dessen er sich rein gar nicht bewusst ist; nachgerade ignoriert wird dieser Finger, der treu ergeben seine Aufgaben verrichtet, einem kleinen Dackel gleich, der nur das Herrchen froh machen will und sich über unter den Tisch fallende Essensreste als größte Liebesbekundung schier kringeln könnte vor Glück. Das nimmt mich aber nicht weiter Wunder, wird doch dem Daumen schon im Kinderreim mit den Pflaumen als einzigem keine Aufgabe zuteil. Das müssen wir ändern! Wir läuten das Daumen-Wochenende ein, und wer mir jetzt nicht glauben mag, der geht direkt auf die Fürther Kärwa und versucht, ohne Daumen einen Maßkrug zu heben. Jawoll! 

Oder im 360° (Adlerstraße) das „Studentenfutter“ zu greifen. Oder im King Lui (Luitpoldstraße) den „Lipstick“ nachzuziehen, das Alter von „Einfach einfach“ im Nano (Königstraße) zu zeigen, die Ausgabe vom „Dubtings Special“ im K4 (edb.) oder den Raketen-Gast (Vogelweiherstraße) bei „Kabbala ft. A.N.A.L.“. Am Samstag dürfen wieder alle Finger ran. Bei der „Maximum Rock Night“ im Hirsch (Vogelweiherstraße) zum Metal-Gruß, bei der „Disko2000“ im Stereo (Klaragasse) zum Musik-Wunsch-Betteln, bei „Beats & Style“ im Marquee (Klingenhofstraße) zum gucken, ob Föhnwelle und Push-Up noch sitzen, in der Mitte (Hallplatz), um bei „You & Me“ beständig auf Menschen und sich selbst zu zeigen und in der Indabahn (Bahnhofplatz) bei der „Lovenight“ … Ach, das will ich gar nicht wissen. Studien sind eh beendet.

Samstag, 28. September 2013

Ikeakatastrophen

Es gibt da ein Phänomen, das mich zuverlässig dazu bringt, mich auf den Boden zu werfen und in die Auslegeware zu beißen. Diese Auslegeware befindet nur leider zu dem Zeitpunkt bereits in meinem Besitz. Und dann ist es zu spät. Zweimal im Jahr ziehe ich Lockruf des Möbelhauses mit den vier gelben Buchstaben aus dem Briefkasten, denke mir: Return of the Evil! und verstaue die Ausgeburt des Bösen direkt ganz unten im Papiermüll. Weil ich keinen Kamin habe, um’s zu verbrennen. Doch alle Jubeljahre packt es mich. Ich wache auf und weiß: Neues Geschirr. Jetzt! Dann ziehe ich los, voller Tatendrang und festem Vorsatz: Reingehen, holen, rausgehen. Aus dem Traumszenario wird ein Alptraum, wenn ich vor den Regalen stehe und überrascht feststelle, dass selbst im Einrichtungsschlaraffenland die günstigen Dinge hässlich und die schönen teuer sind. 

Ich rechne und gucke und erkenne, dass es vielleicht doch nicht sein muss, einen Monatslohn aufzuwenden, nur weil ich geträumt habe, dass mein Geschirr zerbricht. Und dann setzt es ein, das Böse, der Diabolus, dieses serviettengewordenen Gezücht der Hölle. Fehler Nummer 1: Zu Beginn direkt einen Einkaufswagen geholt. Wegen Geschirr. Den dann nicht umgehend zurückgeschoben. Weil in diesem Geschäft irgendein Hormon verströmt wird, das Menschen zu Zombies werden lässt, die nicht anders können als: Ach ja, du wolltest doch schon dauernd für da und da einen neuen Teppich! Ui guck, das Kissen, das du schon ewig anschaust, ist endlich reduziert, da nimmst du doch gleich zwei! Und ey super, eine Reibe mit Auffangschale, und die ist auch noch verschließbar! Ich finde kein Ordnungsfach für den Schreibtisch, dafür aber einen neuen Mülleimer für die Küche, weil der alte, also nein wirklich!, schelte mich durch die Lampen, rette mich mit Ach und Weh vor der Bettwäsche und den Pflanzen, kämpfe mich unter Selbstgesprächen durch die Kerzen, weil es wird ja Herbst und Winter und da gibt’s doch nichts schöneres, und dann kauf ich Duftkerzen, dabei hasse ich Duftkerzen, aber das Kauf-Hormon legt neben Willen auch die Riechorgane lahm, und dann … sagt die nette Frau an der Kasse einen Preis, zu dem ich auch die dreifache Menge an Geschirr hätte erwerben können. 

Oder zumindest einen Vorhang, den man sich sinnvoll zur Abendgarderobe umnähen kann. Kommt spätestens am Freitag als Cape bei „Prinzessinnen & Superhelden“ in der Bar77 (Luitpoldstraße) gut. Nicht so gut vielleicht nebenan bei „Lui loves Hip Hop“. Mehr um Musik als um Garderobe geht’s bei den „Unknown Pleasures“ im Stereo (Klaragasse), was man mit Fug und Recht auch von „Querbeat“ in der KK (Königstraße) behaupten kann, nicht jedoch von der Indabahn (Bahnhofsplatz), die „1 Jahr Just Jack“ feiert, oder den „Girls on Top“ im 360° (Adlerstraße). Explizit um (Vintage-)Verkleidung wird tags darauf bei „Chili’s Swinging Beats & Sweets“ im Opera (Ostermayerpassage) gebeten, was genau der Dresscode „Kir Royale“ bedeutet, könnt ihr euch im Terminal (Flughafenstraße) anschauen oder lasst das einfach ganz und geht zu „Tune In“ in die Desi (Brückenstraße) oder in die MUZ (Fürtherstraße): Da steht die „Muckibude“ an und ihr bei zu spätem Erscheinen lange vor der Tür. Dabei könnte man sich allerdings auch in den neuen Teppich wickeln. Zum wärmen.

Samstag, 21. September 2013

Übergangsjacken

„Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder: den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. Der Frühling bringt Blumen, der Sommer den Klee, der Herbst, der bringt Trauben, der Winter den Schnee.“ So lernte ich seinerzeit die Jahreszeiten, und es stand außer Diskussion, was klimatisch in den jeweiligen Monaten bevorstand. Passend hierzu verfügte der Mensch über drei Sorten Jacken: die unförmige, doch wärmebringende Winterjacke, die überflüssige und deswegen Nicht-Jacke für den Sommer sowie für die Zeit dazwischen die sogenannte Übergangsjacke. Nicht zu dick, bestenfalls wind- und wasserabweisend und mit einer frisurunfreundlichen Kapuze versehen. In drei- bis sechsmonatigem Turnus räumte man Jacken von der Garderobe in den Keller, um sie dann leicht modrig später wieder hervorzustauben. 
So. Schnitt. 
Das Jahr heute gestaltet sich mehr oder weniger wie folgt: Man wacht mitten im Winter auf und sieht sich überraschend mit einer Gluthitze von 20 Grad plus konfrontiert. Durch die schwitzt man sich einige Tage, bis man sich daran gewöhnt hat und dazu übergeht, die folgenden sechs Monate über verregnete Sommer und tropische Temperaturen zu klagen. Dann sagt der Kalender, es würde langsam mal vorbeisein mit diesem Sommer, man fürchtet sich vor Erkältung und Erfrierung, packt sich brav dick ein, um einige Wochen stets schwitzend mit sehr viel zu viel am Leib oder der Wolfgang Petry-Gedächtnistasche (Jacken, Pullis und Schals an den Henkel geknotet) durchs Leben zu wandeln. Wenn man das dann grade schön zu finden begonnen hat, wacht man morgens auf und die Welt ist ein grauer, unwirtlicher Frostklumpen. Ab jetzt hüllt man sich in Wolle und Funktionswäsche, versucht, so lang wie möglich die Inbetriebnahme der Heizung hinauszuzögern, um spätestens ab Tag zwei einzuknicken, und verflucht sich insgeheim für den festen Vorsatz, vor November keinen Glühwein anzufassen. Nun erkläre man mir bitte: Wofür, gleich wieder, braucht der mitteleuropäische, insbesondere der deutsche Mensch diese sogenannte Übergangsjacke? Die Modeindustrie möge sich doch bitte untertänigst darum ersucht fühlen, mehr Jacken des Modells „winterwarm und dennoch modisch tragbar“ zu erfinden. 
Bis es soweit ist, können wir also leider gar nicht anders, als uns selbst zu helfen, indem wir uns vornehmlich drinnen aufhalten. „Drin“ geht übrigens auch auf dem Altstadtfest, das ist nämlich mittlerweile flächendeckend in Plastikplane gehüllt. Der Rest macht Aprés-Ski im Hütterl, und wenn er das genug getan hat, geht’s los. Mit Geburtstag, schon wieder und immer noch, in der Rakete (Vogelweiherstraße). Die zählt stolze zehn Lenze, und da kann man schonmal zwei Tage durchfeiern. Oder eher vier, wegen After Hour. Und auch das Stereo (Klaragasse) hat immer noch Achtjähriges, zu dessen Ehre das „Blur DJ Set“ zu Besuch ist. Ebenfalls Geburtstag haben die „Mehrblick“-Raver und feiern das im B² (Bartholomäusstraße). Ohne Meer-, dafür mit Seeblick. Fürderhin wären da am Samstag die „ego FM-Party“ im 360° (Adlerstraße), der Herr Hantel mit „Bucovina“ im K4 (Königstraße), „80er Park“ (Berliner Platz), „Not An Alternative“ in der MUZ (Fürther Straße) und … öhm … ganz viele andere Sachen. Muss weg. Postmann hat grad geklingelt. Bringt neue Herbstjacke. 

Samstag, 14. September 2013

Spielzeugzigarette

Raucher sind der Wurmfortsatz der Menschheit. Darüber ist in jüngerer bis jüngster Vergangenheit ausreichend referiert worden. Rauchen schadet meiner Gesundheit und der meiner Mitmenschen, Rauchen lässt meine Haut altern und ist dem Spermatozoid ein Spermazid. Rauchen ist teuer und Raucher auch, Rauchen stinkt, Rauchen macht blind und tötet die Bienen. Raucher müssen leider draußen bleiben. Geraucht wird nur noch vor der Tür, vermutlich auch bald dort nicht mehr, auch nicht vor der eigenen, und geraucht wird hier und dort längst in gelbgekastelten Pranger-Planquadraten oder hinter Glas. Da kann man sich dann hinstellen mit dem Nachwuchs und auf den mitleiderregenden Süchtling im Nebel zeigen und sagen „Schau, mein Kind, der da, der ist so gut wie tot, und recht geschieht’s ihm!“ Dann steckt man dem so Belehrten eine vegane Süßigkeit ins Gesicht und zuppelt seiner Wege. 

Nun striff ich unlängst im hiesigen Tiergarten umher, um Gefangene beim Faulenzen und Eltern beim gestresst sein zu betrachten. Im und Streichelzoo war’s, als John Wayne meinen Weg kreuzte. Lässig o-beinte er ein bisschen vor mir her, an der aus dem Mundwinkel hängenden Kippe zog er mit geschlossenen Augen tief und genussvoll, in regelmäßigen Abständen wurde sorgfältig abgeascht. Der Cowboy reichte mir circa bis zum Knie. Die Rauchware war ein Kaugummi. In Zigaretten-Optik. Da frag ich mir: Was ist jetzt da los? Ich rauche stundenlang nicht, wegen Vorbild und Müll, derweil der Kunden-Nachwuchs auf korrekte nikotinaffine Körperhaltung getrimmt wird? 

Hat die Mama da ihre Brille verlegt und statt der Dinkel-Salzletten die Spielglimmstengel in die umweltbewusste Tupperware gepackt? Hat am End der Kiosk-Betreiber über die letzten 25 Jahre nicht nur Leckmuscheln, Tubengummi und grüne Alien-Knalldinger im Sortiment sorglos weiterbestellt, sondern auch die guten DOK? Da möchte ich aber kurz den Hinweis geben, dass der Fortschritt auch hier nicht Halt gemacht hat: Im diesem wunderbaren Internet gibt’s auch Kaukippen, die Rauch simulieren können. Das wär doch was. Ein großer Rauchnebel überm Kletterpark. Sieht dann fast so aus wie vor den Clubs der Stadt. 

Aber wir wollen ja lieber wissen, was sich innen abspielt. Der Raketen-„Kiss Klub“ (Vogelweiherstraße) wird zehn Jahre alt, das Stereo (Klaragasse) acht. Rauchen dürfen beide längst nicht mehr, aber dafür feiern. Im 360° (Adlerstraße) gibt’s keine Kaugummis, stattdessen „Zucker“, beim „Mädelsabend“ in der Bar77 (Luitpoldstraße) Prosecco und nebenan im King Lui beim „Latino“ kreisende Hüften. Damit tun sich die Ersatzgelenke in der Kulturkellerei (Königstraße) schwer, machen aber trotzdem „Querbeat“. Am Samstag wird ab 21 Uhr aus „Offen auf AEG“ ein „Dicht auf AEG“ in Halle 18 (Muggenhofer Straße), in der Indabahn (Bahnhofsplatz) ist überraschenderweise „Dein Samstag“, in der Mitte (Hallplatz) „Eine Nacht“, und wie sich „Klubnacht“ und „Clubnacht“ auf Mach1 (Kaiserstraße) und Bar77 verteilen, findet ihr am besten selbst heraus. Vielleicht mit Hilfe eines FCN-Schals. Das Ergebnis könnt ihr dann ja mit Rauchzeichen verkünden.