Samstag, 8. März 2014

Essen mit Würde


Vegan versus Schweinebauch, Demeter versus Discounter, Zero versus Zucker … Eigentlich können mir diese Kategorien gestohlen bleiben. Das einzige, was bei der Auswahl von Nahrung wirklich zählt ist: Ist ein würdevoller Verzehr in der Öffentlichkeit möglich oder nicht? Prinzipiell geeignet sind beispielsweise Salzstangen. Die kann man sich als Antennen in die Ohren oder als lustige Zähne unter die Lippe stecken, muss aber nicht. Ebenfalls prinzipiell geeignet sind Spaghetti. Die kann man sich tellerweise in den Mund schaufeln und dann alles, was raushängt, sauber mit der Schere abschneiden, muss aber nicht. Auf Milchschnitte trifft das gleiche zu: Hineinbeißen oder in einem komplizierten Nag- und Schab-Vorgang versuchen, die mittlere Schicht von den beiden äußeren zu trennen – c’est en vous. 

Und dann gibt es da aber so Sachen, die sind garstig, hinterfotzig und gemein, unzufrieden mit ihrem Dasein und darob arglistig, missgünstig und schadenfroh. Und deswegen darf man nie, niemals auf ihr schmeichelndes Äußeres hereinfallen und sich geblendet von Versuchung zu einem Verzehr an Ort und Stelle hinreißen lassen. Niemals! Beginnen wir mit dem profanen Döner und dem nicht minder profanen Burger, letzterer freilich nicht vom Schachtelwirt sondern dem Bratling unseres Vertrauens. Wenn der nämlich serviert wird, also der Burger, ist er meistens ungefähr so dick wie die Sammelausgabe „Herr der Ringe“, und hat da schon mal jemand versucht, hineinzubeißen? Eben. Man hat die Wahl, entweder schlangengleich den Unterkiefer auszuhängen und das Trumm im Ganzen zu inhalieren, oder beim Versuch, weniger gefräßig zu erscheinen, das Risiko einzugehen, hinterher nicht etwa eine Serviette, sondern direkt eine Dusche zu benötigen, weil einem die Soße bis zu den Ellenbogen hinabrinnt. 

Ähnliches gilt für den Döner: Beißt man links hinein, fällt alles heraus, gleiches gilt für rechts. Also entscheidet man sich notgedrungen für die Mitte, mit dem Effekt, die kommenden Minuten als Batman-Gedenk-Fratze mit joghurtsoßenbedingter Joker-Maskierung zu verbringen. Sozusagen die Königsklasse der Entwürdigung ist und bleibt jedoch der Krapfen. Kardinalsfehler 1: Puder- statt grobem Zucker wählen. Kardinalsfehler 2: Ungeduldig sein und nicht mit Kennermiene das Gebäck in der Hand wiegen, um den Schwerpunkt zu erforschen. 3: Das durchaus getan haben, jedoch dem kindlichen Zwang erliegen, löwengleich die rote Beute von außen einkreisen zu müssen. 4: Wieder nicht wissen, wann’s genug ist. Und dann passieren plötzlich Dinge gleichzeitig und mit denen unweigerlich ein großes, ästhetisches Unglück. Auf der einen Seite schießt das Hiffenmark in alle Richtungen, nur nicht in die orale, derweil’s genau in diesem Bereich aussieht, als hätte vier-Promille-Pete durch den gerollten Hunderter geblasen statt daran zu ziehen. Es gibt also einen weiteren Grund zur Freude darüber, dass die hahalustigefünfte Jahreszeit vorbei und die Phase der inneren Einkehr und Buße gekommen ist. 

Schnell die Salzletten ans Ohr gesteckt und los: „Fette Henne“ im Cult (Dooser Straße), „Wicked Game“ im Stereo (Klaragasse), „Indian Space Night“ in der Desi (Brückenstraße), „We love 90s“ in der Bar77 (Luitpoldstraße, neben an der „Lui Lipstick“, „12 Y Kabbala“ in der Rakete (Vogelweiherstraße) und „First Friday“ im Mach (Kaiserstraße). Am Samstag die „Im Zeichen der Burg“-Release-Party in der KK( Königstraße), „Renegade Snares“ im Nano (Königstraße), „Music for Devoted People“ im Parks (Berliner Platz), „Buckshot“ im Stereo, „Bloody State of Mind“ im Zentralcafé (Königstraße), „Pull the Trigger“ im Hirsch (Vogelweiherstraße), „Disco Classics“ im Terminal (Flughafenstraße) und das gute und vor allem alte „Ü30“ im Löwensaal (Schmausenbuckstraße). Wer zwischendrin à la „Last night a Döner saved my life“ dringend essen muss, dem ist vermutlich auch wurscht, wie er dabei aussieht.

Samstag, 1. März 2014

Faschingsmuffel

„Alaaf!“ jubilierte der Mann, und „Stimmung!“ schrie die Meute. Die Korken knallten, Peter fasste der Heidi von hinten an die Schultern, um gemeinsam mit dem knallroten Gummiboot das Pferd im Flur abzuholen und nach Lodz zu fahren. Im sektseligen Konfettitaumel wollte jeder die ganze Welt umarmen, lieben und begatten, aus den Ohren quollen Luftschlangen, das Christkind knutschte mit dem Teufel, Dornröschen mit der bösen Stiefmutter und Putin, in Regenbogen gewandet, mit Obama, während die Steuerfachangestellte sich unter wohlwollendem Applaus der Altherrenmannschaft des SV Frühlingen-Chorweiler inmitten des Platzes erbrach. Man reichte ihr ein Taschentuch und einen Kümmerling, und weiter! Arbeiten? Nicht doch, fünfte Jahreszeit, da wird kein Geld verdient, sondern mit vollen Armen ausgegeben, und was dem Olympioniken die Goldmedaille, ist dem Jeck der Milleniumsherpes … 
Ich schaltete die Live-Übertragung von Radio Köln ab und blickte aus dem Fenster. Schön grau war’s da, es herrschte alltägliche Betriebsamkeit, und einziger Hinweis auf dieses „Karneval“ waren die Luftschlangen im Schaufenster des Bäckers, mithilfe derer er die alljährliche Krapfen-Box bewarb. Der Franke mag und darf sich gerne vieler Vorzüge rühmen. Ein Jeck zu sein gehört da, vorsichtig gesagt, womöglich eher nicht dazu, und ich möchte wohlreflektiert davon Abstand nehmen, mich nicht als Paradebeispiel zu bezeichnen. Wer nicht das ganze Jahr über als Funkenmariechen den Gardetanz trainiert oder sich aus Colonophilie akribisch mit der Kostümanfertigung beschäftigt, erwacht spätestens dann mit einem großen Schreck aus seiner Verkleidungslethargie, wenn die ersten Fotos aus Veitshöchheim eintrudeln. „Potzblitz!“, denkt man sich dann und schaut den grienenden Oger an, „ist es wirklich schon wieder soweit?“ , weil dass beim Discounter bereits im November die ersten Familien-Verkleidungen zu haben waren, hatte man milde belächelt und alsgleich wieder vergessen. 
Es folgen Tage der nachdrücklichen und lautstarken Verweigerungshaltung (heute), ein ironischer Besuch beim „ältesten Faschingsumzug der Welt“, der wie gewöhnlich beweist, dass ein Methusalix nicht zwingend zu den schillerndsten Vertretern seiner Spezies gehören muss, im Schlepptau jedoch hat, was man als teuflischen Bruder des Spaßbremsentums bezeichnen könnte: die Spaßverpassungsangst. Die wiederum panische Besuche in großen Warenhäusern am Rosenmontagnachmittag nach sich zieht, in denen man für ein Schweinegeld ein lustiges Erdbeer-Kostüm ersteht, das im Laufe der folgenden 48 Stunden zu einer Katastrophe in Netz-Optik zerfällt. Was aber wurscht ist, weil man hat ehe man sich’s versieht drei verschiedene Perücken auf dem Kopf, dazu Glitzer in den Ohren und ein geklautes Heman-Schwert in der einen Hand, während man in die andere den 17. Kümmerling gedrückt bekommt. Am Aschermittwoch möchte man dann zwar keinen Nubbel, dafür aber gern sich selbst verbrennen, sobald man im Spiegel des Milleniumsherpes ersichtig wird. Jedes Jahr der gleiche Schmarrn. 
Wer’s drauf anlegt, der weiß eh, wo er hinmuss. Alle anderen dürfen ihre Alltagskostümierung hierhin tragen: „Prinzessinnen & Superhelden“ (Bar 77, Luitpoldstraße), „It isn’t happening“ (Zentralcafé, Königstraße), „DESIrene“ (Brückenstraße), „Tics“ (Mitte, Hallplatz), „1 Jahr Smooth Society“ (Rakete, Vogelweiherstraße), „Stereo FM“ (Klaragasse), „Girls on Top“ (360°, Adlerstraße). Selbes Spiel am Samstag: „Buckshot – back to the boat“ (Mississippi Queen, Donaustraße), „Music for friends“ (KKK, Königstraße), „Take off 90s & more“ (Terminal, Flughafenstraße), „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ (Resis, Klingenhofstraße), „Kings Clubbing“ (Lui, Luitpoldstraße) und der Brückenschlag zwischen den Gemütern: „Circus Beretton“ (Stereo, Klaragasse) als Aufwärmübung. 

Samstag, 22. Februar 2014

Vieraugen

Ich kenne eine Frau, die den Großteil ihres Lebens damit verbringt, mit zusammengekniffenen Augen angestrengt drein zu schauen. Weil es ihr aus kosmetischen Gründen gänzlich unmöglich ist, „diese Brille“ zu tragen. „Diese Brille“ wurde seinerzeit im einseitigen Einverständnis mit der Mutter nach deren Geschmack erworben und kurz darauf versehentlich unter einem Elefanten vergessen. Oder so. Brille, jedenfalls: nein. Ich selbst trage Brille ausschließlich gerade wegen besagter kosmetischer Gründe, wird mir doch damit ein ausnehmend intelligentes Äußeres nachgesagt (genauer: „Ah cool, jetzt siehst du auch endlich mal halbwegs klug aus.“). Aufgrund zahlreicher Facharztbesuche, die mir jeweils lustige Resttage als blinder Zombie mit auf drei Zentimeter erweiterten Pupillen beschert haben, weiß ich um meine komplizierte Hornhautirgendwas und trug die Brille mehr oder (eher) weniger artig bei der PC-Arbeit. 

Neuerdings jedoch sehe ich mich gezwungen, die Brille auch auf andere Bildschirmtätigkeiten zu verwenden. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass der TV-Videotext, dessen ich mich antiquierterweise nach wie vor zur Informationseinholung hie und da bediene, einen ganz erstaunlich massiven Qualitätsverlust in puncto Schärfe der Darstellung erlitten hat. So geschieht die Informationseinholung beispielsweise über einen Spielfilm dergestalt, dass ich mich auf Text Seite 355/1 mühsam durch die sirrenden Buchstaben hangele. Sobald ich Zeile drei der Inhaltsangabe zu dechiffrieren drohe, wird jedoch abrupt auf Seite 355/2 umgeschaltet. Es erfolgt dann die Gelegenheit des intensiven Studiums von Darstellern und Charakteren (zumindest der ersten vier), bevor ich unversehens zurückgeworfen werde auf 355/1, wo ich das letztgelesene Wort wieder finden und mich durch die Zeilen mühen muss, bevor ich im Anschluss Regie und Drehbuch prüfen kann. Superlustig. Dass ich die Brille schon wieder nicht auf der Nase habe, fällt mir zumeist erst ein, wenn ich mich mit dem Videotext erneut überworfen habe und die generelle Wichtigkeit der weiterbildenden Lektüre als gänzlich überschätzt abgelegt. 

Statt die Brille zu holen, wohlgemerkt, wo kommen wir denn da hin! Weil: Vieraugen, das sind immer die blöden Spielverderberkinder gewesen, die, sobald sie sich der unmittelbaren Bedrohung durch Wasserbomben oder hübsch durchgeeiste Schneebälle ausgesetzt sahen, sofort „MEINE BRILLE!“ gekreischt und sich selbst mit Immunität versehen haben. Vermeintlich. Doofis, jedenfalls. Jetzt könnte man einwenden, aus dem Alter sei man wohl heraus, doch weiß man’s besser, schließlich hat man sich schon oft genug den Scheegraupel aus den Ohren wieder herauspulen müssen. Was hab ich also ein Glück, dass der Winter meiner bislang ebenso wenig habhaft geworden ist wie ich des Videotextes. Oder auch Pech, weil das heißt ja, dass die letzte Bastion im Kampf gegen die Alltagsbrille gefallen sein könnte. 

Auf den Schreck der Erkenntnis muss ich erstmal eins trinken und geb ein „Highfive“ in die Bar77 (Luitpoldstraße), rufe „Hands Up“ ins Mach (Kaiserstraße) oder „We want revenge“ ins Cult (Dooser Straße). Friedlicher: „Rootsgarden“ in der Desi (Brückenstraße), „Superklub“ in der Rakete (Vogelweiherstraße), „3 Jahre Mitte“ (Hallplatz), nebenan die als „Bada Bing“ getarnten Yuccas im Stereo (Klaragasse) sowie die Haha-„Hüttengaudi“ im Marquee (Klingenhofstraße). Am Samstag wird’s bärtig bei „2 Jahre WHMC“ im Zwinger Keller (Lorenzerstraße), wacklig auf der Mississippi Queen („Rock that Boat Baby“, Donaustraße), funkig in der KKK („Funk Soul Brother“, Königstraße), beschwingt im Nano („Swing Ding Masters“, ebd.), maritim bei Resi („St. Pauli Nacht“, Klingenhofstraße), teuer im Planet („Las Vagas Night“, ebd.), rosa in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) und … ähm … anders im Terminal („80er/90er Party“, Flughafenstraße). Da lass ich die Brille dann aber definitiv lieber daheim.

Samstag, 15. Februar 2014

Pärchenverdienstkreuz

Eigentlich wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um ausnahmsweise mal so richtig vom Leder zu ziehen. Über Pärchen im Allgemeinen und den Valentinstag im Speziellen. Ich wollte mich gerne episch über diesen oktroyierten Zwangsharmonietag echauffieren, der mir rosaumwölkt und blumenbenagelt versucht zu suggerieren, dass ich ein Fehler in der Matrix bin, der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der niemanden hat, der mir noch schnell zum Feierabend ein praliniertes Irgendwas ersteht, „und danke für die Blumen von der Tanke, danke danke danke“… Ich wollte maulen über Pärchen, die den Kategorischen Imperativ noch nicht einmal denken können und mich permanent belästigen mit ihrem Dasein als fleischgewordener Brockhaus-Eintrag „Kugelmensch“ und als Jeanne d’Arc der Singles auf einem glitzernden Einhorn die Phalanx der WIRus-infizierten mit dem Flammenschwert durchbrechen, um unsere Welt von den Unterdrückern zu befreien. Es ist nur … Ich kann nicht. 
Weil ich Pärchen ja eigentlich total bewundernswert finde. Was die (sich) leisten! Nehmen wir beispielsweise eine Konzertsituation. Da steht man so und versucht einsam und in sich gekehrt ein bisschen der Darbietung zu lauschen … nein, man ist gezwungen, der Darbietung ausschließlich zu lauschen, dank der vor einem stehenden Personen, die bei der ersten Ahnung eines Moll-Akkords zu Siamesischen Zwillingen verschmelzen, die sich gegenseitig im Gesicht äsen und einem damit die Sicht versperren. Toll! Oder im Restaurant: A bestellt nicht, was er möchte, sondern befragt B nach ihren Wünschen, worauf B antwortet, sie würde lieber wissen, wonach es A verlangt, damit sie dann entsprechend das Wunschgericht des Liebsten für sich ordern kann für den Fall, dass A nicht zufrieden ist mit seiner Wahl und B aufopfernd ihr Gericht zum Tausch anbieten kann. Rührend! Oder eine Party: Während die meisten Anwesenden verzweifelt versuchen, Spaß zu haben und sich zu unterhalten, genügen sich Varianten von AB gänzlich selbst und verbringen den Abend damit, sich mit verklärtem Blick in einer Ecke räkelnd Träubchen in den Rachen zu stippen. Ganz und gar bezaubernd! 
Wie auch mir größten Respekt abringende Äußerungen à la „Du, ich weiß schon, dass wir uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen und auch erst vor 25 Minuten getroffen haben, aber der Hase hat Halsweh, und deswegen gehen wir jetzt nach Hause.“ Ich meine, das muss man sich ja erst mal trauen, wie auch, all seine Vorlieben und Prinzipien über den Haufen zu werfen, von Jetzt auf Hopp „Partnerlook“ als modisch vertretbar zu betrachten oder den Umstand, urplötzlich eine nie dagewesene Liebe zu Trekking-Urlauben durch Skandinavien zu entdecken. Insofern hat das alles schon seine Daseinsberechtigung mit diesem Tag (zu dessen Ehren der erste Ball übrigens angeblich 1950 in Nürnberg abgehalten wurde), den Tankstellenblumen, dem Nonplusultra-Kreativ-Retorten-Geschenk von „MyDays“. Ergänzend dazu schlage ich noch ein „Pärchenverdienstkreuz“ vor, für herausragende Verdienste in den Bereichen Selbstaufgabe und Entindividualisierung. Ich würde das dann auch feierlich überreichen, kein Ding. Werde Online-Petition hierüber starten, das macht man ja jetzt so. 
Derweil können die Singles mal feiern gehen. Die Pärchen auch, gesetzt den Fall, der Hase hat kein Halsweh. „Der schwarze Valentinstag“ in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) oder „Rudelbums“ in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) wären passend, oder „Birdi’s Love the Love Night“ im Zentralcafé (Königstraße) oder „Freiküssen“ im Mach (Kaiserstraße). Sonst: „Pon Di Attack“ im Nano (Königstraße), „Lui Latino“ im King Lui(tpoldstraße), „Soulflight“ im Terminal (Flughafenstraße) und „Ensemble“ in der Mitte (Hallplatz). Am Samstag dann wieder für alle: „Veni Vidi Veekend“ im Stereo (Klaragasse), „Rosa Hirsch“ (Vogelweiherstraße) und „Why so serious“ beim Raketen-Nachbarn, „Retro Party“ im Parks (Stadtpark), „Bassdusche“ in der KKK (Königstraße), „Die Macht der Nacht“ im Cult (Dooser Straße) und das mit den FCN-Gedenkfeiern in den einschlägigen Etablissements kennt ihr ja. Ich pack jetzt mein Flammenschwert wieder weg. Muss die Hände frei haben für die Blumensträuße. 

Samstag, 8. Februar 2014

Spazierenrennen

Am Freitag feiern sich die Design-Absolventen in der MUZ (Fürther Straße), das Mach1 (Kaiserstraße) begeht den „First Friday“, in der Rakete (Vogelweiherstraße) sind alle ein bisschen „Kabbala“ und im Marquee (Klingenhofstraße) auch, aber da heißt das „Große Schlagernacht“. Groß ist auch die Liebe, vor allem die zu den „Boys on Top“ (Engelhardsgasse) und im Cult (Dooser Straße) mag man lieber die „Fürsten der Dunkelheit“. Am Samstag hat der „Homebase BDay Exzess“ im Nano (Königstraße) und „Beatopia“ wird in der Desi (Brückenstraße) ein Jahr alt. Unwesentlich älter dürften die Gäste im Parks (Stadtpark) beim „80er Park“, der „Singleparty“ im Terminal (Flughafenstraße) und „Ü30“ im Löwensaal (Schmausenbuckstraße) sein, und wer zwar über ein fortgeschrittenes Alter aber etwas exklusiveren Musikgeschmack verfügt, der fährt raus zu „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) oder rein zu „Buckshot“ im Stereo (Klaragasse). 


Und endlich haben wir das auch wieder überstanden und sind dort angekommen, wo wir hinwollten: zum Sonntagsspaziergang. Der Sonntagsspaziergang ist für sehr viele Menschen obligat, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man Zeit seines Lebens in unmittelbarer Nähe einschlägiger Grünanlagen haust. Die Motivationen, sich bei Wind und vorzugsweise Wetter adäquat gewandet im Kreis zu schieben, sind mannigfaltig. Den schwer im Magen lastenden Schweinebraten verdauen. Sich die Sünden der vergangenen Nacht aus dem Kopf lüften lassen. Die krakeelenden Kinder irgendwie beschäftigen. Die krakeelende Oma irgendwie beschäftigen. Aus intrafamiliärer Dissonanz in Freiheit fliehen. Aus ehelicher Dissonanz in die vermeintlich rettenden Arme des neuen Gespielen werfen. Unangenehmes Schweigen mit dankbaren Themen („Boah schau mal, eine Ente!“) füllen. Der bedauerlicherweise angeschaffte Hund geht immer noch nicht alleine aufs Klo, das schlechte Gewissen nach mehrstündigem Horchen an der Couch muss zum Schweigen gebracht werden. 



Hier wär dann auch ich anzusiedeln. Jedoch verhält sich das bei mir so, dass ich die Fortbewegungsart „laufen“ als völlig fehlkonstruiert erachte. Gehen, um zum Ziel zu kommen, hat mir immer schon zu lang gedauert, ich beginne hurtig, mich zu langweilen. Deswegen habe ich irgendwann eingeführt, das Gehen als eine Art sportlichen Wettkampf mit mir selbst zu zelebrieren und versuche permanent, meine eigenen Bestzeiten zu unterbieten und jedweden zu absolvierenden Gang möglichst schnell hinter mich zu bringen. Hieraus folgt jedoch leider, dass ich den militärischen Stechschritt schwerlich abstellen kann, was wiederum zu höchst genervten Begleitpersonen führt, die fünf Meter hinter mir schwer atmend irgendwas von Spazierrennen und Duspinnstdoch und Niewieder keuchen. Daraus hat sich eine gewisse soziale Isolierung entwickelt, weil: Eins von zwei ist stets latent genervt (ich wegen Handbremse, der/die andere wegen Gefährdung des Ruhepulses), und dass ich im Kreis um den Schlendrian laufe, während der gemächlich vor sich hin flaniert, hat sich auch nicht direkt als optimal erwiesen. 



Also führe ich mich vorzugsweise selber Gassi an der iPod-Leine. Das ist schön, keiner heult, höchstens der Mensch im Ohr, aber den kann man erfreulich einfach abstellen. So zieh ich meine Kreise, die dann niemand stört außer vielleicht diese Lahmen anderen da, mit ihren Hunden, Kindern und Omas und diese schwitzigen Jogger, aber die kann man ja mit pikierter Miene überholen. Und sich dabei überlegen, was man eigentlich als nächstes so in diese Kolumne hineindichten könnte. Wenn ich nicht zu schnell laufe, gelingt es mir sogar, dass der ein oder andere Gedanke den ganzen Weg über Schritt hält.

Samstag, 1. Februar 2014

Spielwarengäste

Es war kalt, es war spät, es war ein Donnerstag. Wegen Vernunft und Ideenlosigkeit hatten mein Pluseins und ich soeben beschlossen, uns zu verabschieden, morgen sei ja auch wieder ein Tag. Da tauchten sie plötzlich aus dem Februarnebel auf. Zwei Herren, wie sagt man, gehobeneren Alters, irgendwie abgewrackt, irgendwie schick. Entschuldigen Sie, hob einer auf Französisch an und radebrechte los: Man wisse überhaupt nicht mehr, man habe sich gänzlich, und überhaupt benötige man dringend … Franzosen waren’s, die sich unvorsichtig weit vom einzigen bekannten Platz weg hinein in die fränkische Nacht begeben und darüber sowohl Orientierung als auch Auto verloren hatten. 

„Opas in Not“, da öffnet sich mein Herzlein freilich weit. Ich erbot, sie aus der Seitengasse hinaus gen Bahnhof zu geleiten, von da aus würden sie sich dann schon zurechtfinden. Das Pluseins schloss sich eifrig-besorgt an, man weiß ja nie. Plaudernd begab sich das Quartett nach Süden, bis eins der Männlein plötzlich stehenblieb, die Arme nach oben riss und jubilierte! Ich hätte, warf es sich mir um den Hals, soeben das Auto, eine Zauberin sei ich, ach was sagt er, eine Göttin! Ich wusste zwar nicht, wie mir geschah, registrierte aber doch das französische Kennzeichen des Autos neben mir. Im Überschwang hakten die Hutzelmännchen uns ein, man müsse das jetzt gebührend, und zwar sofort. Wohin? Gute Frage. Nach drei vergeblichen Versuchen der altersgemäßen Einkehr fand man sich vis-à-vis einer einschlägigen Spelunke wieder. Da, rief das Pluseins aus, gehen wir jetzt hin, und schob uns über das Geleis, und eh man sich’s versah an den großen Tresen. Und jetzt, beschloss das Pluseins (seines Zeichens jüngeres Semester) weiter, machen wir was ganz lustiges. 

Kurz darauf waren die verwirrten Knaben vom gestärkten Kragen bis zur Ledersohle in Gerstensaft getunkt, wussten sie doch wider Erwarten nicht, was man mit einer Dose Bier anstellt, die sowohl oben als auch unten über ein Loch verfügt. Während das Pluseins seinen Sieg auf Zeit feierte, nahm man mich beiseite. So ganz sicher über die Wahl der Nachtbegleitung, erwog der Senior, sei man sich grade vielleicht doch nicht mehr, ob man sie nicht einfach wieder zum Auto, in der Straße da müsste auch eine Diskothek, da täten sie gern. Gesagt getan, das vom Sieg beseelte Pluseins und ich führten die Gäste hinüber und hinab an den Tresen und überließen sie dort ihrem Schicksal. Das letzte Bild, das ich von den Findlingen habe, eingebrannt in alle Ewigkeit auf der Netzhaut: Opa1 tanzt experimentell mit ekstatisch geschlossenen Augen und golden auf der grauen Brustwolle wippender Kette inmitten einer Horde Twens, während Opa2 sich mit großem Bohei auf Knien zwischen eine andere Gruppe schlittert und sich dabei in einer einzigen fließenden Bewegung das changierende Hemd vom überreifen Körper reißt. Es war ein lustiger Abend. Es war Spielwarenmesse. Es waren Spielwarengäste. 

Und wer demnächst mit einer ähnlichen Geschichte glänzen möchte: Auf in die City mit guten Aussichten auf ein ausgewogenes Verhältnis Spesen- versus Karma-Konto! Am Freitag bestimmt groß: „Shades of Passion“ im Marquee (Klingenhofstraße), vielleicht aber auch eher „David Morales“ in der Indabahn (Bahnhofsplatz) oder „Sonic Space Disco“ im Zentralcafé (Königstraße), „Clap!“ im Stereo (Klaragasse) und die „Resident Night“ in der Rakete (Vogelweiherstraße). Garantiert unelektronisch dagegen der röhrende Nachbar („3-2-1 HipHop Edition“) sowie „Buckshot meets More Fire“ in Zwinger Bar & Keller (Lorenzerstraße). Am Samstag mal wieder „Hände hoch!“ in der Desi (Brückenstraße), außerdem „Chilis Swingen Beats & Sweets“ im Opera (Ostermayerpassage), „Not An Alternative“ in der MUZ (Fürther Straße), „Oxyd #2“ im ArtiSchocken (Landgrabenstraße), „Dubworxx“ im Nano (Königstraße), „Fruityman“ im 360° (Adlerstraße) und … der ganze Rest halt. „Lochbier“ findet sich egal wo leider eher selten auf der Getränkekarte.

Samstag, 25. Januar 2014

Umkleidekabinen

Ich blinzele in grelles Neonlicht, kann mich kaum rühren, schwitze ein bisschen und, ja, doch, leide irgendwie. Wo bin ich? Nein, nicht auf dem kieferchirurgischen Behandlungsstuhl. Sondern: in einer herkömmlichen Umkleidekabine. Und jetzt, liebe Ladeneinrichter und Kabinenbauer, müssen wir dringend mal eine Daunenjacke miteinander rupfen. Eure Aufgabe, sollte man meinen, ist doch eine relativ einfache. Ihr sollt machen, dass ich mich in der Zeit, in der ich mich auf euren, sagen wir, bestenfalls einskommafünf Quadratmetern befinde, ausnehmend wohlfühle. Dass ich den Vorhang aufreißen und aller Welt mein unfassbares neues Selbst zeigen möchte. Dass ich die Klamotten armeweise aus eurem Geschäft trage und höchstens hinterher daheim feststelle, dass irgendwas vielleicht doch nicht so toll war, das aber auf eine ungünstige Mondphase und ergo Selbstverschuldung schieben kann. 
Das einzige aber, was ihr bewerkstelligt – das aber zugegebenermaßen sehr erfolgreich und konsequent, dem muss man ja auch einen gewissen Respekt zollen – ist, dass ich dringende Bedürfnisse entwickele, die mit Shopping Queen so viel zu tun haben wie gutes Fernsehen. Die sogenannte „indirekte Beleuchtung“ (mangels Platz stopfen wir die Neonröhre hinter den Spiegel, statt sie sinnvoll zu platzieren) von unten erzielt neben viel anderer Unbill den Haupteffekt, dass ich mich dringend nach einer Pinzette sowie einem Peeling nebst (porenverengender) Maske sehne, die ich am besten direkt drauflassen kann, auch nach dem Verlassen des Geschäftes, weil den Anblick kann man ja niemandem zumuten. 
Darüberhinaus, liebe Raumgestalter, Schreiner und Innenarchitekten, mag es ja in EURER Welt zu höchstem Ansehen gereichen, wenn, sagen wir, Fußballer XY auf dem Bierfilz schwanzen kann. Das bedeutet aber nicht, dass ein Aktionsradius eben dieser Größe dem Wohlgefühl beim Kleiderkauf zuträglich ist, wenn man sich beim Versuch, einen Reißverschluss zu betätigen, die Ellenbogen an der Pressspanwand aufschlägt. Um einem möglichen neunmalklugen Einwand zuvorzukommen: Nein, es ist keine Option, sich so larifari ins potentielle neue Gewand zu schnitzen, um dann darin die Kabine zu verlassen und sich im großen Vorraumspiegel zu prüfen. Der mag zwar zuweilen gnädiger sein, aber ganz ehrlich: Ich kenne keine Frau, die es für zwingend notwendig erachtet, sich strumpfsockig und mit herumflatterndem Etikett einer unbekannten Öffentlichkeit zu präsentieren, nachdem sie beim ersten Blick in den Kabinenspiegel der dringende Verdacht ereilt hat, das einzig tragbare Textil der Saison sei, mit Verlaub, ein Kaftan oder sonstiger zeltartiger Überwurf. Legt ihr euch doch einfach mal auf einen grell ausgeleuchteten OP-Tisch und versucht, dort mit Würde, Stolz und Wohlbefinden eine nagelneue Jeans anzuziehen, ohne herunterzufallen. 
Und während ihr, werte Planungsbeauftragte, das übt (und scheitern werdet, verdammtnochmaleins!) saus‘ ich mit dem Rest der Bagage ins Nachtleben. Da ist nämlich Platz! Also, vergleichsweise zumindest gilt das für die Rakete (Vogelweiherstraße) und den „Superklub“, „Orchid“ im Zentralcafé (Königstraße) und, ebenfalls, schräg, „Querbeat“ ein Stockwerk tiefer. Treppab geht’s auch zu den „Goodtimes“ im Mach (Kaiserstraße) und „Rhythm&Booze“ im Stereo (Klaragasse), während „Rotblau“ in der Mitte (Hallplatz), „Lui loves HipHop“ (Luitpoldstraße) sowie „Die dunkle Seite der Nacht“, die neue Anlaufstelle für lichtscheue Gewächse in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) weitgehend barrierefrei zu erreichen sind. Bequem treppauf geht es in den Festsaal des KuKuQ, wo der kleine Herr Hantel mal wieder am Leierkasten dreht, treppauf zu fallen liefert in der Indabahn (Bahnhofsplatz , „Dein Samstag“) eine Primashow, die man per Rolltreppenfahrt zur „80er/90er Party“ Terminal (Flughafenstraße) elegant vermeiden kann. Sehr viele Stufen zu bezwingen haben Besucher der wie immer rosa Großen Liebe (Engelhardsgasse), aber sollten Probleme beim Betreten der MUZ (Fürther Straße, „Muckibude“), Desi (Brückenstraße, „Tune in“) oder (Achtung, phonetische Verwechslungsgefahr!) neuen Resi (Klingenhofstraße, „Indie, Jack & Rock’n’Roll“) auftreten, sind bestimmt die anderen schuld. Genau so wie in den Umkleiden.