Freitag, 21. August 2015

Geschweiß

A propos Schwitzen: Auch hier stellt sich wieder einmal heraus, dass der Mensch mitnichten diejenige Krönung weder der Schöpfung noch der Evolutionsbiologie ist, als die er sich selbst gern mit nach Gutsherrenart stolz geschwellter Hühnerbrust hinstellt. Nach Gesichtspunkten vorgenannter Naturwissenschaft freilich ist die Wasserlasserei schon sinnvoll gewesen, brachte die doch einen Pluspunkt bei der Jagd: Während Mammut und Antilope längst japsend am Boden lagen, konnte der fröhlich vor sich hinschweißelnde Homo Erectus lässig zu seiner Beute latschen und die am Hax nach Hause schleifen. Jetzt hält sich das mit der Jagd in unseren Breiten aber zugegebenermaßen in überschaubaren Grenzen, und – nein, die Jagd nach dem besten oder einzigen Platz im Biergarten güldet nicht! Jag ich also mit dem Radl da hin und dann brauch ich eine Stunde zur Akklimatisierung, derweil der Schweiß die Kniekehle hinabrinnt und so unschöne wie verräterische Streifenmale auf dem Oberhemd hinterlässt.

Gut, so ein Pferd, das schwitzt freilich auch, hat aber den unbestreitbaren Vorteil, sich hernach mit Stroh abreiben zu können. Das sieht ja nicht aus, wenn man das so als Mensch macht, im Bus, nachdem man diesem hinterher gesprintet ist. Auch nicht so aussehen tut, den ganzen Sommer über mit den Ohren zu wedeln wie ein Elefant, obgleich das ein oder andere Menschlein durchaus die dazu erforderliche Waschl-Größe sein Eigen nennt. Fürderhin nicht gesellschaftlich akzeptiert ist, sich in jeder sich in den Weg werfenden Pfütze zu wälzen wie ein Vöglein – mal ganz abgesehen davon, dass es mit den Pfützen dieser Tage nicht weit her ist und man dann direkt in die Brunnen steigen müsste, was wiederum die SÖR mutmaßlich nicht nur mit der Augenbraue zucken ließe.

Im Übermaß vorhanden wären Staubfelder. Macht ja auch der Elefant so, oder Schweine. Stellen wir uns also in so einen Staubdreck und pudern uns sorgfältig ein mit dem Nebeneffekt, uns das Geziefer vom Leib zu klopfen. Haut nur nicht hin wenn man eh schon klatschnassgeschwitzt ist, weil dann gibt’s eine Emulsion und darob Razul für alle – das ist so eine orientalische Spezialsauna, in der man sich erst von Kopf bis Fuß mit Schlämmen einreibt und dann alles abschwitzt. Eine Bevölkerung in Camouflage. Nä! Neben dem raubtierartigen Schwitzen an den Fußballen, was der Mensch eh auch vorzüglich kann, bliebe also nur, bestet zu hecheln. Das wiederum stelle ich mir nicht minder ästhetisch vor als das Ohrenwedeln, hat aber den Nachteil, dass das zu großer Mundtrockenheit und Durst führen dürfte. Wie man’s dreht und wendet: Schwitzen nervt. Zum Glück macht das grad kurz Pause, aber bald gilt wieder: drölfmal am Tag duschen und uns vorsorglich an den Winter erinnern, wo wir uns dann wünschen, doch mal wieder so richtig schwitzen zu dürfen.

Freitag, 14. August 2015

Körpermaschine

Ich sitze am Schreibtisch und versuche, diese Glosse zu schreiben. Daran ist jetzt nichts ungewöhnlich. Jedoch stellt sich als schwierig heraus, irgendwas zu Papier zu bringen, während ich alle Extremitäten weit von mir spreize und außerdem im Schwebesitz á la Raststätten-WC einen Kontakt mit dem Stuhl weitgehend zu vermeiden suche. Unter gar keinen Umständen darf irgendwas mit mir in Berührung kommen, auch nicht ich selbst. Nichtsdestotrotz bin ich schweißgebadet, was sich durch einen kurzen Blick aufs Thermometer und den darauf blinkenden 31,8 Grad leicht erklären lässt. Mitnichten käme es mir in den Sinn, mich über diese Zahl zu beschweren – find ich super, bin ja kein Bauer, und dass demnächst „Low Carb für alle“ ansteht, kann ich prinzipiell und aus rein egoistischen Gründen nur begrüßen. 

Was mich sakrisch stört, ist die Tatsache, dass ich grade eben geduscht habe und keine zwei Minuten später schon wieder klebe wie so ein Fliegenfängerdings, das man aus urigen Landgasthöfen kennt. Einzig den listig am Fenster drapierten Geziefernetzen ist es zu verdanken, dass ich nicht ebenso paniert aussehe. Ich finde Wissenschaft blöd! Man muss sich das mal vorstellen: Da fliegen sie zum Mond, transplantieren alles vom Augapfel bis zum primären Geschlechtsorgan und kennen die Tiefsee bald besser als ihre eigene Mundhöhle, aber was noch kein Mensch erfunden hat, ist eine Körperpflegemaschine. Was mir völlig schleierhaft ist. Ich meine, was da alles an Zeit draufgeht! Den ganzen Tag ist man damit beschäftigt, Körperfunktionen in Schuss und Zaum zu halten. Ein sisyphosales Unterfangen, will doch so ein Körper einfach nicht einsehen, dass er gefälligst nicht schwitzen soll, von wegen! Kaum hat man sich gereinigt, pappt schon wieder alles. Und dann der ganze Rest! 

Besonders im Sommer ist man gerne mal die eine Hälfte des Tages damit beschäftigt, Flüssigkeit in sich hineinzutun, und die andere Hälfte damit, selbige wieder aus sich heraus zu lassen. Ansonsten verbringt man übers laufende Jahr hinweg Stunden und Wochen damit, zum Frisör zu gehen, zu pedi- und zu maniküren, Make-Up, Make-Off, duschenanziehenzähneputzen, duschenausziehenzähneputzen, ein steter Reigen, den man rein aus Gesellschaftskonvention freilich tunlichst zu tanzen hat. Mein Wunsch ans Universum ist eine Maschine wie sie Wallace, der zweibeinige Freund von Gromit, längst hat: Während ich noch selig schlummere, soll die sich über mich drüber stülpen und alle sanitären Vorrichtungen erledigen. Wache ich auf, bin ich onduliert, geschminkt und epiliert. Abends geht das dann retour: hinlegen, einschlafen. Rest macht die Maschine. Dafür sollte man Fördergelder und Preise ausloben! Ich biete mich dann auch als Schirmherrin an. Und schon bleibt mehr Zeit für die wichtigen Dinge: alles, was draußen ist.

Aus Ende Äpfel. Nee: RAUS Ende Äpfel! Und Sternschnuppen gucken!! 

Freitag, 7. August 2015

Patholotät

Neulich war ich, ausnahmsweise mal auf einer Vernissage. Bumberlvoll war’s da, und alle so yeah und wow und hip und yolo und hastenochnemate und alterisdaskrassgeilerscheißhier. Inmitten dieser gesammelten Sachverständigkeit entdeckte ich ein Störelement. Nämlich eine Dame auf so einem Rindenmulchbeetbegrenzungspfostendingsi. Die war gar nicht mal so yolo, und swag auch nicht, sondern eher so doppelt so alt wie die meisten anderen Anwesenden. Das allein zog bereits mein Augenmerk auf sich. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Pfahlsitzerin bebte, bei noch näherer, dass es sie schier schüttelte, bei allernächster, dass das nicht vor Lachen geschah. Bitterlich schluchzte die Frau inmitten all der Happihappiness, die sich nicht weiter um das Störelement scherte. Ich hab da allerdings so eine Krankheit, die macht, dass ich unter keinen Umständen an einem akuten Elend vorbeigehen kann, ohne mich irgendwie als Helfer anzubiedern, was kurz zuvor erst zu einer unfreiwilligen mehrstündigen seelsorgerischen Streetworker-Sitzung auf offener Straße mit einem mir unbekannten Alkoholikerpärchen geführt hatte. 

Höre ich mich also „Geht’s dir gut? Kann ich dir helfen?“ sagen und will mich gleichzeitig dafür ohrfeigen, weil dem rationalen Teil meines Gehirns sofort ein weiterer Abend Seelsorge statt Kultur schwante. Meinen Begleitern übrigens auch, weswegen die alsgleich augenverdrehend weitereilten. Ich derweil befürchtete schlimmstes: Vater verstorben, Hamster auch, unheilbare Krankheit, Scheidung, WLAN defekt. Solcherart gewappnet erfrug mein Helfersyndrom also gegen meinen Willen roboterartig den herzerreißenden Umstand. „Ich bin …“, schluchzte es hinter der Brille hervor, „also ich habe ... (beb) … ich meine … (schluchz) …“ Jöi, dachte ich mir, den Abend kannste knicken, und schickte mich an, es mir im Rindenmulch bequem zu machen. „Ich bin 47 Jahre alt und eine gestandene Frau, die ihr Leben im Griff hat“, schnäuzte die Dame ins dargebotene Tempo. „Und … jetzt … ist meine … Tochter … verrückt geworden!“ 

Au weh, nicht gut. Es folgte ein von Tränenschauern durchwobener Rapport, der sich sinngemäß um nächtliches Fernbleiben, Unwahrheiten, Alkohol, Nichtabmelden und ähnliches drehte, und so langsam lichtete sich ein Nebel. Während allerlei weitere Beweise für den desolaten Geisteszustand der Tochter erbracht worden, formulierte ich eine listige Frage. Nämlich: „Du, wie alt isn deine Tochter?“ – „FÜNFZEEEEEHEHEHEEEEN!“ Da hätt ich fast gelacht. Reichte der Dame die Tempopackung und einen Schulterklaps und versicherte ihr, es bestünde keinerlei Anlass zu ernsthafter Sorge, das mit der Psychose würde sich so in den kommenden zwei bis vier Jahren legen – grad dass ich ihr nicht die Nummer meiner Frau Mama gegeben hab – und entließ mich in den Abend. Mit diesem Gleichnis möchte ich allen Eigentümern Schwerpubertierender zauberhafte Sommerferien wünschen und diskret das Stichwort „Jugendfreizeit“ ins Feld führen. 

Freitag, 31. Juli 2015

Verkehr(t)

Seit jeher habe ich mich den südlichen Ländern eng verbunden gefühlt – zumindest, was den Verkehr betrifft. Den mit dem Auto. Man fährt sportlich-elegant, statt Blinker oder Bremse gibt es Hupen, fehlende PS werden durch Wahnsinn kompensiert und Verkehrsregeln milde lächelnd der Kopf getätschelt. Das führt gemeinhin erstens zu zügigem Verkehrsfluss, zum anderen zu maximal erhöhter Konzentration, was wiederum eine passiv-aggressive Fahrweise und damit einhergehend ein weitgehend gesenktes Unfallrisiko zur Folge hat. Mag ich. Davon könnte sich der Deutsche als solcher mal einen Ranken abschneiden. Es gibt da primär zwei Verkehrsregeln, die hierzulande als Richtwert angesehen und darob hoheitlich ignoriert werden, was exakt eine Sache zur Folge hat, nämlich Zwangsentschleunigung und Grant. Die eine ist das gerne innerstädtisch zur Anwendung kommende sogenannte Reißverschlussverfahren. 

Ein Reißverschluss, das wissen wir alle, funktioniert so, dass man unten an irgendeinem Dingsi zuppelt, woraufhin die linke Seite der Häkchen nach oben schnalzt und die rechte an Ort und Stelle verbleibt. Dann muss man weinen und nach der Mama rufen und warten, bis die das wieder richtet. Ganz ähnlich funktioniert das auf der Straße, nämlich frei nach dem Motto „Reißverschlussverfahren ist ein IQ Test, den man in der Öffentlichkeit macht“. Gruppe A wechselt drei Kilometer vor dem ersten entsprechenden Schild aus Gründen des vorausschauenden Fahrens auf die korrekte Spur und verfüllt diese engmaschig, um dann Fahrern der vorbeieilenden und einspuren wollenden Gruppe B durch starren Blick und sofortige Schließung qua beherzten Aufrückens auch der kleinsten Lücke unmissverständlich klar zu machen, dass sie ja nur rechtzeitig die korrekte Spur hätten wählen müssen. Hupen, Auffahrunfall, Stau, alles richtig gemacht. Das andere ist das mit dem Rechtsfahrgebot. 

Dass der Deutsche so verinnerlicht zu haben scheint, dass „rechts“ irgendwie gemeinhin nicht so gut ankommt, hält er sich von der bösen Seite gerne fern. Wegen: Omeingott in fünf Kilometern fährt ein LKW und in 17 noch einer da komm ich NIE WIEDER rechtzeitig raus aus diesem Rechts, also bleib ich lieber in der Mitte oder, noch besser, direkt links mit meinen gemütlichen 118 km/h. Und dann kommt ein böser 135er-Raser von mittelinks, jasageinmal müssens die Leut eigentlich immer so eilig haben, ich lass mich nicht hetzen, und außerdem ist hier 120, da wird man ja wohl nochmal schulmeistern dürfen. Eine formidable Lernstrecke für das, was dann passiert, befindet sich beispielsweise auf der A9 so zwischen, sagen wir mal, Ingolstadt und Roth. Da tät der ADAC die Hände überm Kopf zusammenschlagen, tät er da. Praktischerweise beginnen im gelobten Land heute die Sommerferien, und da bietet sich erfahrungsgemäß viel Zeit zum Üben. Und immer schön blinken, dann wird auch nicht geblitzt. 

Freitag, 24. Juli 2015

Sommerlebkuchen

Vor zwei Wochen war ich seit langem einmal wieder in meiner Eigenschaft als Praktikant der Wissenschaft auf den Straßen unterwegs. Es galt, sich unters touristische Volk zu werfen, um dieses durch geschickte, weil gänzlich unsubtile Fragestellung dazu zu verleiten, sich negativ über die Noris zu äußern. Die Sonne lachte, Nürnberg auch. Mich aus. Nach drei Stunden intensiver Feldforschung hatte ich erstens einen akkuraten Sonnenbrand und zweitens die unumstößliche Bestätigung meiner eigenen heimlichen Überzeugung, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen. Der Tourist, egal welcher Ethnie, überschlug sich förmlich in Lobgesängen. Allein, das war nicht Ziel der Aufgabe. Ein letztes Mal hob ich an und frug in ein Paar hinein, ob ihm nicht bitte irgendetwas aufgefallen sein, was dem Glanz der Metropole einen blinden Fleck verpassen könnte. Nun, sächselte es mir zu, sie seien ja mit dem Fahrrad hergetourt, und als man so nordwärts die Stadtgrenze passiert habe, da sei ihnen ja dieser Lebkuchengeruch … 

HA!b ich euch!, wollte ich in gehässigen Jubel ausbrechen, doch wurde darin jäh unterbrochen … aufgefallen, und das wäre ja besonders fein gewesen, da habe man direkt mal kurz angehalten, um ordentlich zu inhalieren. „Entschuldigen Sie“, wendete ich mich eilig ab, „mir kam gerade etwas Kotze hoch“, und nestelte an meinem initialbestickten Seidentaschentuch. Nebenan ward in eben diesem Moment von einem lustigen Marktschreier eine Wassermelone entzweit, das war mir wohl bei 30 Grad olfaktorisch ein zu erfrischendes Erlebnis, ich weiß auch nicht. Dieser Lebkuchengeruch. Natürlich hatte das Paar recht. Was kann es schöneres geben, als diesen nelkiggelben Dunst, der sich im höchsten Hochsommer mit dem Smog – den wir hier nicht haben, schon klar, aber so wegen metaphorisch – vereint und in sanfter Duftkorpulenz einem Brautschleier gleich anmutig über die Stadt legt, auf dass der Bewohner frei atmen und sich rechtzeitig auf den baldigen Winter zu freuen beginnen kann! Weil’s ja da eh noch nicht genug, äh, riecht. 

Weil der Mensch ja findet, es ist eine prima Idee, bei 40 Grad im Schatten leichte Düfte wie Gaultier aufzulegen oder solche, die dem eines Vanille-Duftbaums nachempfunden sind, damit jeder andere im Umkreis von 500 Metern flugs das Gefühl bekommt, in eine Plastiktüte zu atmen. Weil der Mensch ja findet, es ist eine prima Idee, mittags schön einen Döner zu speisen, am besten im Bus oder so, dann wird das Mahl nicht so schnell kalt. Weil der Mensch ja findet, es sei für das ganzheitliche Geruchserlebnis förderlich, möglichst viel möglichst organischen Unrat links und rechts und hinter sich zu verstreuen, damit für Fliegen und Amöben auch mal was getan wird. Vor gut zwei Jahren ist es einem findigen Alchemisten gelungen, all diese Eindrücke und freilich noch viel mehr in einen Flacon zu verbannen. Äh Schmarrn, nachzubauen. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit reich geworden ist. Wenn, dann mit Touristen. 

Freitag, 17. Juli 2015

Das Ding mit dem Duden

„Lebenslanges Lernen“ ist ein Konzept, das Menschen dazu befähigen soll, während ihrer ganzen Lebensspanne zu lernen. Quasi. Hab ich gehört. Kann mich damit nicht recht identifizieren, habe schließlich mit dem lästigen Lernen rechtzeitig, will sagen: frühzeitig vor dem Abi aufgehört und den Erfolg dieses Geniestreichs verbrieft in einem staubigen Ordner stehen. Frei nach Pippi Langstrumpf mache ich mir die Welt seitdem widdewiddewie sie mir gefällt, und zwar vorzugsweise die sprachliche. Nun befinde ich mich neuerdings in einer recht ungewohnten Situation. Nämlich der, dass mir, also wirklich, ausgerechnet, ein sprachliches Korrektiv vor die Nase gesetzt worden ist. Derweil andere längst resigniert haben (ich grüße an dieser Stelle meine Oma, meine Redakteure und alle, die mich kennen!), gibt es da plötzlich einen Menschen, der meine eigene Begeisterung über die Flexibilität von Sprache und deren großzügiger Auslegung zu meinen Gunsten aus mir völlig unverständlichen Gründen nicht teilt. Ich mein – grad Deutsch, echt wahr, ich hätte ja auch Englisch lernen können, wenn ich gewollt hätte!

Diejenige aller (mir bekannten, jaja) Sprachen, die so herrlich nach Baukastenprinzip funktioniert, Bestandteile reicht, die man nach Gutdünken zusammenbasteln kann, so dass am Ende ein wunderschönes Wort dabei herauskommt. Das es so vorher nicht gab, mir aber zur Verbildlichung bestimmter Umstände gereicht, für die mir kein anderes Wort einfällt. Man kann das als Faulheit bezeichnen, weil ich könnt ja nach dem passenden Wort suchen. Oder als Ökonomie, weil ich durch die geschwinde Neuerfindung Energie spare, die ich dann für … äh, anderswo halt einsetzen kann. Wer ökonomisch, also faul ist, ist kreativ, und schon wird wieder ein Schuh draus. Auf diese Art purzeln mir Wörter aus dem Baukasten direkt hinein in die Tastatur, und dann stehen da Konstruktionen, deren Sinn sich nach meinem bescheidenen Dafürhalten sofort erschließt – ein Wörterbuch habe ich bislang nicht angelegt, was interessiert mich auch mein Geschwätz von gestern?

Da ich auch so spreche wie ich schreibe, oder umgekehrt, wer weiß das schon, ertönt hier und da mal ein zwischen Verwirrung und Entrüstung schwankendes „Also Katharina, das Wort gibt es doch überhaupt nicht!“, dem ich mit Effet die Standardantwort „Ja doch, jetzt schon, sieht du doch!“ entgegenzwitschere und einen Schluck aus der Pulle nehme. Das neue Korrektiv argumentiert beharrlich anders, nämlich mit den Worten „Also Katharina, das Wort gibt es nicht laut Duden.“ Da muss ich jetzt sagen: Das tut mir aufrichtig leid für ihn. Also für den Duden. Vielleicht sollte ich da mal anheuern. Oder so eine Art Pipeline bauen, von meiner Tastatur direkt in den Duden hinein, und dann wollen wir mal sehen, wer am längeren Hebel sitzt.

Freitag, 10. Juli 2015

Morgenröte

Besuch letzthin bei älterem Herrn, mit dem ich weitläufig bekannt bin. Tür auf. „Oh, welch bezaubernder Anblick, Sonnenschein! Und diese Urlaubsbräune!“, flötete es italiengegerbt zu mir heraus. „Wie ein Eskimo!“ Ich schenkelklopfte an dem feixenden Senior vorbei ins Haus, um mich auf der anderen Seite im schattigen Nord zusammenzukauern und sanft hin und her zu wiegen. Ich komm nämlich mit der Situation nicht mehr klar. Seitdem ich denken kann, begegnen mir Menschen mit unverhohlenem Neid auf meinen Hautton. Richtiger ist wohl eher „mit schlecht verpacktem Neid“. Daher kommt der nämlich in einem Gewand, das an Kreativität seinesgleichen sucht. Es beginnt im Frühjahr, so im März, wenn ich mich langsam aus dem Rollkragen heraustraue. So schnell schau ich gar nicht, und ich hab Fremdmenschenfinger auf meinem Dekolleté, die darauf herumstupsen und die entstehenden hellen Punkte auf vornehmem Rotschimmer als eindeutiges Zeichen für „Na du warst aber auch schon in der Sonne, he?“ identifizieren. Das ist der Beginn des alljährlichen Reigens meines persönlichen Sommer-Bingos. 

Ob ich Urlaub am Nordpol gemacht habe (10 Punkte), ob ich gestern wohl im Park war (5 Punkte), ob ich nicht langsam mal aus der Sonne gehen sollte (5 Punkte), ob ich nicht vielleicht eher so der helle Typ wäre (20 Punkte) … Bin ich nicht! Ich bin prinzipiell schon eher so der südländische Typ. Halt der südschwedische. Das merkt man schon allein daran, dass ich problemlos stundenlang in einer Mittagssonne liegen kann, bei der jeder weicheirige Italiener längst in den Siestakeller verzogen wäre. Dass meine Noblässe dabei vergleichsweise hurtig den Farbton sinnlicher Klatschmohnfelder annimmt, gründet sich auf der naheliegenden Erklärung „Rot ist mein Braun!“ Dagegen hilft übrigens auch nicht, mich mit LSF 130 in eine weiße Glitschmade zu vercremen. Ich bräune nicht, ich röte, und das ist mir allemal lieber als das Schicksal einer Bekannten, die ebenfalls mit milchweißem Teint gesegnet ist, sich nach dem intensiven Sonnenbad jedoch äußerte, es wundere sie eigentlich nur, dass sie nicht noch mehr ausgeblichen sei. 

Man soll ja schließlich hernach sehen, dass man was getan hat. Dieses Schicksal teile ich mit vielen Menschen, die sich einer steten Diskriminierung ausgesetzt fühlen, die genährt wird vom Neid der tiefbraunverbrannten Erben alter Feldarbeiterdynastien. Ich hingegen, die ich niederbayerischem Bauernadel entspringe, kann auf heller Haut rote Muster kratzen (Dermographismus, eine bislang unentdeckte Kunstrichtung!) und auf rotem, weil gutdurchblutetem weil pumperlgesundem Dekolleté in hell meinen Namen schreiben. Das könnt ihr nicht. Ihr könnt dereinst die Narben eurer Melanome zu Sternbildern verbinden, die ihr vom Nachthimmel abmalt, den ihr sommers zum besten Freund macht, weil ihr euch tagsüber tunlichst im UV-freien Keller vergraben werdet. So! Und jetzt geh ich Haare blondieren und mich dann in die Mittagssonne legen, damit ich am Wochenende meinem Spitznamen „Pommes rot-weiß“ gerecht und all euren neidgeschürten Spitzen salbungsvoll begegnen werde. Vielleicht mal‘ ich mir auch einen Mittelfinger ins Dekolleté. Zur Sonntagmorgenröte hat ja vermutlich auch noch kein Mensch gesagt, dass sie sich doch vielleicht lieber mal einschmieren soll. So!