„Oh, Bier!“, entfuhr es Zorbo erstaunt, und konzentriert wog er den Geschmack des Osterzopfes auf der Zunge. Eine feine Frühstückssache hatte er sich da kreiert, und das in einer Zeit, in der Menschen eher Trüffel fanden als das köstliche Backbeiwerk. „Was sie nur alle mit der Hefe machen?“, grübelte Zorbo vor sich hin und ließ die Käsezehen in der Frühlingssonne funkeln. „Memo an selbst“, notierte der schwatzende Retter, „Spezialerfinder anrufen und über hohen LSF in Unsichtbarkeitsmittel sprechen. Notfalls verzichten.“ Seit Wochen gab es keine Hefe mehr, im Supermarkt lachten Mitarbeiter nur hysterisch und deuteten auf Klopapier, „da!“, kreischten sie, „backen Sie doch damit!“ und selbstverständlich hätte Zorbo diesen Rat befolgt, wenn nicht Klopapierkuchen und Nutella … nein, das schmeckte einfach nicht. Die Leute buken also. Nur: wo? Zuhause schon mal nicht. Nie zuvor waren die Straßen voller, die Parks über- ja: laufener gewesen als dieser Tage. Ein jeder Mensch, schien es, musste plötzlich spazieren, walken, fahrradfahren, besonders Fahrrad war auf einmal wichtig, alle fuhren Fahrrad, selbst diejenigen fuhren Fahrrad, die gar kein Fahrrad hatten! Alle Couchpotatoes, alle Faultiere, alle, die selbst zum eigenen Briefkasten noch mit dem Auto rollten, mussten plötzlich sich bewegen, hinaus, frische Luft, Sonne, weil jetzt, wo es mir verboten ist, da muss ich doch erst recht machen dürfen, was ich will, muss ich! Selten zuvor hatte es so viele Anarchisten gegeben, dachte Zorbo und blickte auf eine Truppe Parkbankrevoluzzer, die sich tapfer trotzig zitternd zwei riesenhaften Pferdewächtern entgegenreckten, während hinter ihnen die Corona Marchingband unverdrossen ihren Soundtrack in die Straßen schmetterte. Auch seiner Freundin, The Masked Teacher, machte die Lage langsam zu schaffen. „Diese dämlichen Ferien!“, donnerwetterte sie seit Tagen, „Nix mehr Homeschooling, der Lehrkörper muss sich ja erholen von der entbehrungsreichen Zeit!“ Zwei Tage erst, in denen die Superheldin ihr Wissen nicht auf dem zwangspausierten Geheimkanal hatte verbreiten können, und die Stimmung war bereits auf dem Nullpunkt. Wo sollte das hinführen?, seufzte Zorbo und fand den bierigen Geschmack gleich gar nicht mehr so schlecht. Zucker, Wasser und ein schönes Weizen – seit Tagen experimentierte der Retter in seiner Alchemistenküche mit den Zutaten, seit Tagen bastelte, rührte, quirlte er in der Substanz, wollte Totes zum Leben erwecken, „wie Frankenstein“, kicherte Zorbo und erschrak sogleich: Was, wenn ihm die Kreatur gelänge? Was, wenn sie ihm entglitt? Die ganze Stadt ein Teig, Hermanus Gigantus? „Maff dir mal nift fo fiele Forgen“, nuschelte Chuck Noris durch seinen Fichtenstamm, mit dem er sich im zerklüfteten Sandsteingebiss herumpulte. Eine grässliche Angewohnheit! „Kümmere du dich lieber um die BILD!“ Ach ja, richtig. „Mit einem guten Buch“, hatte der oberste Landespolizist verfügt, durften die Bürger sich künftig in der Öffentlichkeit zeigen. Mit schlechter Zeitung also nicht. Zorbo puderte sich die Hände. Er war bereit für seinen nächsten Einsatz. Und ein bisschen beschwipst.
Samstag, 11. April 2020
Freitag, 3. April 2020
Zorbo, der schwatzende Retter
„Puh, was war das wieder für ein Tag“, seufzte Zorbo und lehnte sich erschöpft, aber zufrieden zurück. Es schaukelte, und Zorbos Mundschutz mit Sehschlitzen glitt die Stirn hinauf. Das sah ziemlich keck aus, fand Zorbo, und beließ es dabei. Für heute war ohnehin Feierabend, gleich würde die Sonne, der er mit watteweichem Plätschern entgegentrieb, untergehen in der Westvorstadt, und er saugte beherzt am Astronautenbeutel, in den er vorsorglich sein Abendessen hatte einfüllen lassen. Ungemein praktisch, dieses To-Go, fand Zorbo und klopfte sich auf seine schmale Schulter. Seit er den Restaurantbesitzern eingeflüstert hatte, sich aus der Lethargie des ersten Schocks zu schwingen und Essen kurzerhand zur Mitnahme anzubieten, war das Leben ungleich köstlicher. Überhaupt lief neuerdings alles wie am Schnürchen in La Corona, der ehemaligen Kaiserstadt, seitdem Zorbo heimlich einen Spezialerfinder ausfindig gemacht und mit ihm seine Wohnkugel modifiziert hatte. In der äußeren durchsichtigen, über drei Meter großen runden Hülle saß nun eine kleinere, in dernicht nur Zorbo bequem Platz hatte zum Fortbewegen und auch mal Ruhen, sondern auch Spezialtasche und Astronautenbeutel – das Getränk sogar gekühlt! Und das beste: Diese innere Kugel war mit einem Unsichtbarkeitsspray behandelt, so dass Zorbo unbemerkt umhereilen und wichtige Besorgungen zur Rettung der Stadt erledigen konnte. Auch seine Freunde waren erleichtert. „Es war wirklich an der Zeit, dass du dir eine Lösung einfallen lässt“, sagte The Masked Teacher mit strenger Miene. Sie war ein bisschen unleidlich, seit Chuck Noris im Überschwang wieder einmal versucht hatte, mit dem Bratwurst Rösslein von der Mauer zu springen statt außenrum zu laufen und sich beinah den Hals verrenkt hatte. „Als gäb es jetzt nichts Wichtigeres!“, schnaubte sie und wandte sich eilig lächelnd wieder der Kamera zu. Man musste die kurze Zeit nutzen, in der die Verbindung auf dem geheimen Kanal stabil lief. Es galt schließlich, den Kindern Lebenswichtiges beizubringen: Einwecken, Höflichkeit, Müllvermeidung standen auf dem Stundenplan, den The Masked Teacher geschickt zwischen dialektische Erörterung, Kurvendiskussion und alkoholische Gä… Moment, das konnte man noch brauchen. Sie machte sich eine Notiz, darum konnte sich Chuck Noris heute Abend kümmern. Von all dem ahnte Zorbo, der Schwatzeretter nichts. Er hatte heute schon mit fünf einsamen Omas und sieben einsamen Opas geplaudert, drei grantige Mütter und ebenso viele grantige Väter samt Nachwuchs sanft in Richtung Eisdiele geschubst und einem dummen Autoproleten – fuhren die eigentlich Auto, weil sie Arbeit hatten, oder weil sie eben keine hatten? – versehentlich einen Nagel unter den Reifen. Mit der Spitze nach oben. Zufälle gibt’s. Jetzt blieb genug Zeit, um den morgigen Tag zu planen. Es gab viel zu tun, um zehn Uhr war geheime Besprechung mit dem Rest der Heldentruppe. Ganz oben auf der Liste standen die Leute, denen die Krise als Vorwand für unmoralische Handlungen diente. Vielleicht irgendwas mit Abführmittel, überlegte Zorbo. Aber darum sollte sich Chuck Noris kümmern, fand Zorbo und ordnete den Pferdeschwanz ...
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Freitag, 20. März 2020
M-m-m-my Corona
Letzte Woche habe ich vergleichsweise viel telefoniert. Das
ist besonders, weil telefonieren ist gar nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Nicht
freiwillig, sondern weil es noch geht auf der einen Seite und auf der anderen,
weil ungefähr niemand mehr Joghurt aus Plastikbechern schlemmt und sich aber
aus Mehrwegglas kein Joghurttelefon bauen lässt wegen keine gute Resonanz im
Glaskörper. Dabei würde das gut gehen, 100 Meter Nylonschnur braucht man, hab
ich schon nachgelesen. Nur Konferenz geht nicht, dabei stell ich mir das schön
vor: in der einen Hand das Joghurttelefon, in der anderen den Château Migraine „und
wir singen im Atomschutzbunker // hurra diese Welt geht unter“ und dann ab aufs
Kanapee statt runter vom Sofa, schön Essen bestellen (endlich mit gutem
Gewissen wegen Support your local Lokal) und im Netflix bei World War Z nochmal
nachlesen, wie das gleich wieder ging mit der Pandemie oder Naturdoku „Erde
ohne Menschen“ und dann „Huch, ist ja N24!“ … Ich mein, manch einer übt dieses
Szenario ja schon seit Jahren, kenn ich einige, die sagen: „Äh wieso
Einschränkungen im Alltag?! Bei mir ist alles ganz normal wie immer, Social
Distancing ist meine Königsdisziplin!“ Die Welt retten vom Sofa aus – ein Traum
wird endlich wahr! Und aber auch wer an Krücken geht oder am Stock, der kann
jetzt einmal zeigen, was er drauf hat, und sich einbringen für den Fortbestand
der Menschheit und mit der Gehhilfe in der Luft herumstechen und den renitenten
Wohlstandstrotteln aus der Unsterblichkeitskaste das mit den zwei Metern einmal
gescheit erklären weil vielleicht wissen sie einfach wirklich nicht, was das
bedeutet. Oder sie müssen fühlen. „Oder es ist nicht schad drum“, spricht Papa Darwin
von der Wolke runter. Und auch gut gefallen tut mir dass man endlich einmal ganz
offen Maßregelungen aussprechen kann für Händenachdemklonichtwaschen anstatt
schweigend Botschaften ins Nirwana zu schicken. Es hat also auch sein Gutes,
und das hat auch der Telefonmensch von oben schon erkannt: „Es gibt ja bereits
erste Kriegsgewinner!“ sagte er und ich, erschrocken die Hand vor den Mund,
dann erschrocken erst nochmal Hände waschen, dann erschrocken die saubere Hand
vor den Mund: „Darf man solche Witze schon machen?“ Und er: „Na klar!“ und ich
find ja heimlich auch dass alle Teenager, die sich ihre Notferien einerseits
und den akuten Babysitterbedarf andererseits teuer bezahlen lassen, großes unternehmerisches
Geschick beweisen. Trotzdem schwierig mit den Witzen grade, dabei hör ich
unablässig furchtbar gute und je weniger ich darf desto mehr fallen mir selber ein,
ganz schlimm. Aber ich weiß schon: Wir dürfen zum ersten Mal nicht
zusammenrücken, sondern gefälligst auseinander, und man muss Abstriche machen!
Oh, Verzeihung … Vielleicht singen wir lieber bald alle, wie die Italiener. Keine
Sorge, die GEMA darf ja auch nicht raus. Liedvorschlag: „Never gonna stop, give
it up, such a dirty mind // I always get it up for the touch of the younger
kind // My, my, my, ay, ah, woh! // M-m-m-my Corona“ Für weitere Ideen bin ich
offen. Und nu: Rauf aufs Sofa! Echt wahr!
Freitag, 13. März 2020
Gastunfreundschaft
Ich sag’s ungern, aber: Ich komm grad zurück vom Strand. So richtig in echt, mit Windfrisur und Sand zwischen den Zähnen. Das ist wundervoll, genau so hab ich’s mir gewünscht und lang geplant, Reiseführer geschmökert und Tipps geholt, weil was ich euch letzte Woche nicht verraten hab, das ist dass es noch einen sehr wichtigen Spezialtrick gibt, mit dem Geburtstagsgäste daheim vergleichsweise wenig Unordnung ersitzen und heiter umeinanderverschmutzen, nämlich indem man listig wie folgt vogeht: Man ist einfach gar nicht erst da. Das hat sich in den letzten Jahren schon bewährt. Muss man nicht putzen vorher und später auch nicht, nicht backen und auch nicht backen lassen und auch nicht für eventuelle Überraschungen mit allen Prickelwassern gewaschen sein. Hab ich mir so gedacht und mir ein schönes Land ausgesucht mit viel Kultur und Strand und Zeug und Oh und Ah. Doch anstatt das Land der Dornenkrone zu bestaunen hat sich selbiges lieber ein anderes Krönchen aufgesetzt, ein sehr winzigkleines, aber folgenschweres, und da kannst du jetzt sagen hab ich ihm allerwahrsten Sinne des Wortes die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Weil der hat nämlich gesagt: Du, hat er gesagt, kannst schon zu Besuch kommen, aber vielleicht lieber bleibst du dann erst einmal zwei Wochen in einem schönen Haus und schaust dort zum Fenster hinaus oder in einen Fernseher hinein, Hauptsache du gehst lieber nicht raus aus dem Haus, quasi Eingewöhnung wegen anderes Klima. Da hab ich gesagt: Das ist jetzt aber eine eher schwierige Idee, weil ich wollt ja eh grad nur so eine Woche bleiben, da kommen mir die zwei Wochen Zusatzzwangsferien ausnahmsweise einmal eher ungelegen. Und der Wirt hat gesagt: Du, schlag ich vor, dann lässt du das lieber gleich mit dem Besuch. Hab ich auch direkt eingesehen, weil ich kenn das ja mit dem Besuch, siehe oben. Dann hab ich den Flieger gefragt ob er vielleicht so nett sein könnte mir mein Geld zurückzugeben, und der Flieger hat gesagt: Wieso sollte ich, wir fliegen doch? Und ich: Ja, aber ich kann nicht aussteigen dann im Ferienort. Und der Flieger so: Das ist ja nun nicht mein Problem. Hab ich auch eingesehen. Und die Herberge gefragt, ob sie mir nicht vielleicht …? Und die so: Ähm nein, wieso? Und ich: Na weil die Kwarantäne dauert doppelt so lang wie meine Ferien? Und sie so: Ja du – blöd für dich. Und da hab ich dann schon gefunden: Das hab ich nicht verdient, weil mindestens wenn ein Besuch absagt bei mir, dann bin ich wirklich erstmal sehr betroffen, bevor ich mich dann heimlich freu … Als ich wieder schauen hab können durch den Tränenschleier hab ich mich ins Auto gesetzt und bin an den … naja, nicht ganz nächstbesten Strand gefahren. Dort war es auch nur ein bisschen nass, windig und verregnet, ganz ähnlich also wie der Ursprungsplan. Dafür bin ich pünktlich am Sonntag wieder zurück, um durch die Straßen zu tambourmajoren und euch aus dem Bett zur Wahl zu scheuchen. Voraussichtlich. Bayern hat ja gern einmal eine Extrawurst, was Besuchsempfang an Grenzen betrifft. Nur das mit dem Handnichtschütteln, das seh ich ein.
Freitag, 6. März 2020
Klinisch fein
Es gab mal eine Zeit, da hab ich mehrfach im Jahr mit mundweitgeöffnetem Staunen beobachtet, wie ein großes Haus in Windeseile blankgewienert wird. „Warum putzt du denn jetzt, Mama?“ hab ich mich gewundert, „wenn die Leute später kommen wird doch eh wieder alles dreckig?“ und ich meine an lediglich so ein „Du hast wirklich keine Ahnung, Kind“-Lächeln als Antwort zu erinnern. Schnitt: Jahre später. War ich bei Leuten auf Geburtstag und hab gesagt, „Mensch Juli“, hab ich gesagt, „bei dir ist es immer so wahnsinnig sauber, wie machst du das nur?“ und als Antwort hab ich so ein Lächeln nur bekommen. Achselzuckend ich nach Hause, Party vorbereiten. Sprich: Ab drei Monaten vor dem Ereignis keinen Lappen mehr berühren, Staubsaugerbeutel sparen und höchstens vielleicht mittels Luftzug das Gröbste an Bodendreck sich selbst zu Haufen wehen lassen. Weil wenn die Leute später kommen wird eh alles wieder dreckig, ein Großputz muss hinterher getan werden, also eher so Kärcher. Und vielleicht eine kleine Natronbombe. Mit der sind Chips, Salzstangen und manchmal auch ein Socken aus dem Sofa und vielen kleinen Bodendielenritzen gesandstrahlt worden, man hat Stunden damit zugebracht, die Badewanne in den Ursprungszustand zu versetzen, sprich die feste Tapete aus eingeweichten und abgelösten Bieretiketten vom Emaille zu meißeln. Die Pflanzen haben Korkenkronen auf und im Verstärker ist das Kellnermesser verschwunden, sorgsam eingewobenes Kaugummi kaschiert die Brandlöcher in Vorhang und auch Fliegengitter, unters Bett gekippte Gläser trocknen geduldig vor sich hin, so ein Holzboden ist genügsam. Ins Buchregal sind farblich eingepasst Muffins gestapelt, besonders gut zum Mosaikbau eignen sich hierbei die mit Fondant beklebten Teilchen, und schmerzlich in Erinnerung geblieben sind mir circa fünf Liter Wodka-Götterspeise, die am Tag-Danach aus einer Bodenvase zu operieren waren; olfaktorische Schikane inklusive. Nein, man muss sagen: Das mit dem Großputz noch bevor Besuch kommt, das hab ich wirklich nicht verstanden. Schnitt: Jahre später. Man wächst, es gab Aha-Momente. Die Freundin hatte gestanden, dass ausschließlich, aber zwingend vor Besuch gereinigt würde um dann milde lächelnd Lob für außerordentliche Ordnung zu empfangen und zudem den Selbstverschmutzungsgrad durch Gäste klein zu halten, trauten die sich in sauberer Umgebung doch kaum mehr abzuhausen, lang schon habe man nach Geburtstag nicht mehr weißeln müssen. Aus meinem kindlichen Erstaunen keimte der Baum der Erkenntnis und spross wenig später zu voller Blüte auf. Ja: Diese Herangehensweise wusste mich zu beeindrucken. Seitdem sitzen Besucher stramm auf meiner schutzfolienbezogenen Couch, tragen Tatort-Überzieher an den Füßen und Schalen-Lätzchen um den Hals und genießen Prosecco, Torte und Kaffee als Birthday-Smoothie aus der Schnabeltasse. Apps simulieren Tischfeuerwerk. Immerhin: Wenn sich versehentlich jemand zu schnell bewegt, knistert die Luftpolsterfolie so lustig. Ich freu mich! Stimmung!
Freitag, 28. Februar 2020
Zeitfragen
Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm! Soweit, so einverstanden, aber wir kennen das mit der Regel und der Ausnahme, und deswegen gibt es schon die ein oder andere Frage, die man lieber nicht gestellt hätte, weil si tacuisses, philosophus mansisses. Hättest du halt lieber mal den Mund gehalten. Zu den eher nicht ganz so arg hintersinnigen Fragen, die man so stellen kann, find ich gehört zum Beispiel, wenn man jemanden seit 20 Jahren auf einer Zuhausefestnetznummer anruft und wenn der Zuhauseangerufene ans Zuhausetelefon geht ihn zu fragen: „Bist du zu Hause?“ Aber vielleicht ist sowas dann irgendwann auch schon einfach nur mehr ein Ritual. Zu so einem, obgleich sehr viel dringlicherem, sollte eine andere Frage bitte werden, weil die nimmt nämlich unter Umständen entscheidenden Einfluss auf Tages- oder Lebensläufe, Arbeits- oder gar Freundesbeziehungen. Nämlich zum Beispiel: „Was bedeutet für dich Nachmittag?“ ist eine superwichtige Frage, weil schau, machst du aus mit jemandem „Ich meld mich dann am Nachmittag mit Feedback wie es weitergeht!“ und dann meinst du damit aber die Zeitluke 17 Uhr bis 17 Uhr 10 weil das halt so ist bei dir, weil du gern länger schläfst und dann kommt Brunch und Lunch und Nickerchen und Spaziergang und dann ist dein Nachmittag eher nicht so lang wenn du um 18 Uhr zum Abendessen verabredet bist. Der andere aber denkt „Die einzig wahre Nachmittagszeit ist 15 Uhr, weil das war schon immer so!“, und dann ist Groll und Zorn und Auchmeinenstolz und Totstellen weil Nachmittagistlängstvorbei wenn um 17 Uhr das Telefon klingelt und schon wirst du nie erfahren dass du den Job ganz toll gemacht und später mit zum Abendessen eingeladen bist, dafür großer Frust. Demzufolge ist auch ein „Morgen Früh!“ ganz problematisch weil beispielsweise die Lichtgestalt hat schon seit 20 Jahren mit „Früh“ gemeint dass sie um 7 Uhr morgens anruft, natürlich auch an einem Sonntag, um wichtige Dinge wie Sonderangebot beim Feinkost Albrecht zu besprechen, derweil für mich das „7 Uhr“ noch mitten in der Nacht gelegen hat und „Früh“ eher um 10 Uhr begonnen hat. Also Streit, weil „WIE OFT KANN MAN DENN BITTE AUF ALLEN KANÄLEN ANRUFEN MITTEN IN DER NACHT? WENN JETZT NICHT MINDESTENS JEMAND GESTORBEN IST RAST ICH AUS!!“ – „Aber wir haben doch gesagt wir reden morgen also heute also jetzt wegen ob ich dir auch einen Kaffee …“ Und schon brechen Herzen. Weil so ein Zeitraum wie jetzt der besagte „Nachmittag“, so wie in „Ich schick das Sofa heute Nachmittag!“, da kann schon einmal eine Wunde klaffen von fünf Stunden. Wir brauchen einen Konsens. Vorschlag: Morgen = 6-9.30, Vormittag = 9.30-12, Mittag = 12-13.30, Nachmittag = 13.30-17, Abend = 17-20.15, Nacht = 20.15-6 Uhr. Ok? Wenn das klappt, können wir über Feintuning, später Vormittag und früher Abend sprechen. Und dann wird alles gut. Früher oder später.
Freitag, 21. Februar 2020
Kümmerling
Große Leistungen machen müde, das wissen wir. Nicht umsonst fällt ein jedes Baby in einen tiefen Schlaf nach jeder Mahlzeit, und auch der Mann wird meist bewusstlos, sobald er seine drei Minuten beigetragen hat zur Arterhaltung. Vermutlich darum hat mich nach dem ersten Klingenkreuzen mit dem Schubiduden („gesungene Silbenfolge ohne Bedeutung aus der Jazz- oder Popmusik“) eine große Erschöpfung angefallen, so dass ich nackt und schutzlos dem Angriff eines Supervirus ausgeliefert war. „Das klingt nach Männerschnupfen!“, erscholl die Facharztdiagnose durch ein Telefon, und „Ja!“, parierte ich, „damit kennst du dich ja aus, also lass mich liegen auf dem Sterbebett. Was ich jetzt nicht gebrauchen kann ist Häme!“ Auch wenn die, schon logisch, zu den Standardreaktionen auf Leidverkündung gehört, mag man sie meist wenig, schließlich befindet man sich in einer einzigartigen Ausnahmesituation, über deren Ausmaß sich niemand ein Urteil bilden soll, gefälligst, auch nicht, wenn es zum Beruf gehört, sich Urteile über Krankheitsausmaße zu bilden. Du siehst täglich zwölf Schädelbasisbrüche? Ganz egal, meiner ist der schlimmste, also zeig etwas Respekt! Gar keinen Respekt hingegen zeigen Miesepeter und Gutelaunefeen: „Ich muss demnächst für eine Woche ins Krankenhaus.“ – „Aha. Nimm bitte den Müll mit, wenn du rausgehst.“ Da fühlst du dich gut aufgehoben, man soll ja aus einem Mückenstich keinen Elefantentritt machen, die freundliche Nachfrage regelt am End noch das jammernde Angebot, Umgotteswillen! Und dann gibt’s aber noch ein anderes Extrem: „JETZT HÖR DOCH BITTE ENDLICH AUF, DICH UM MICH ZU KÜMMERN!“ hab ich kurz nach Krankheitsausbruch ausgerufen und mir Fieberthermometer, Heizdecke, Wadenwickel, Wärmflasche und Tropf vom Leib gerissen. „Ich hab nur eine winziggkleine Erkältung, wirklich!!“ und das Schriftstück angezündet, auf dem mein Nachruf bereits eifrig formuliert war. Übereifrig. Beinah schon besorgniserregend proaktiv. „NICHTS DA!“, erscholl drohend die Antwort. „Du bist krank! Ich muss mich um dich kümmern!“ Eigentlich ist das schön. Schöner allemal als allein dahinzusiechen und zu -scheiden und erst bemerkt zu werden, wenn Beschwerde im Treppenhaus zwengs strenger Geruchsentwicklung eingereicht wird, gar keine Frage. Aber so ein klitzekleines bisschen in Ruhe und in Stille vor sich hin zu laborieren, das hat schon was. Doch da hast du die Rechnung ohne den Kümmerling gemacht. „Möchtest du noch Tee?“ – „Nein.“ – „Doch!“ – „Na gut.“ ist ein mit dieser Spezies typischer Dialog. „Soll ich dir eine neue Wärmflasche machen?“ – „Nein.“ – „Doch, ich sehe dass du frierst.“ – „Na gut.“ – „Hast du Hunger?“ – „Nein.“ – „Doch.“ – „Na gut.“ – „Möchtest du Fernsehen?“ – „Nein.“ – „Doch.“ – „Na gut …“ und so wird man durch den Tag gepflegt und wünscht sich nichts sehnlicher, als in einen schweren Fieberschlaf zu fallen und nicht weiter behelligt zu werden von Aufmerksamkeitsbelästigung. Alternativ wird man einfach schleunigst gesund. Wie, Plan von Anfang an? Also das ist doch … ! Darauf einen Kümmerling! Genesung Alaaf!
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