Samstag, 22. Februar 2014

Vieraugen

Ich kenne eine Frau, die den Großteil ihres Lebens damit verbringt, mit zusammengekniffenen Augen angestrengt drein zu schauen. Weil es ihr aus kosmetischen Gründen gänzlich unmöglich ist, „diese Brille“ zu tragen. „Diese Brille“ wurde seinerzeit im einseitigen Einverständnis mit der Mutter nach deren Geschmack erworben und kurz darauf versehentlich unter einem Elefanten vergessen. Oder so. Brille, jedenfalls: nein. Ich selbst trage Brille ausschließlich gerade wegen besagter kosmetischer Gründe, wird mir doch damit ein ausnehmend intelligentes Äußeres nachgesagt (genauer: „Ah cool, jetzt siehst du auch endlich mal halbwegs klug aus.“). Aufgrund zahlreicher Facharztbesuche, die mir jeweils lustige Resttage als blinder Zombie mit auf drei Zentimeter erweiterten Pupillen beschert haben, weiß ich um meine komplizierte Hornhautirgendwas und trug die Brille mehr oder (eher) weniger artig bei der PC-Arbeit. 

Neuerdings jedoch sehe ich mich gezwungen, die Brille auch auf andere Bildschirmtätigkeiten zu verwenden. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass der TV-Videotext, dessen ich mich antiquierterweise nach wie vor zur Informationseinholung hie und da bediene, einen ganz erstaunlich massiven Qualitätsverlust in puncto Schärfe der Darstellung erlitten hat. So geschieht die Informationseinholung beispielsweise über einen Spielfilm dergestalt, dass ich mich auf Text Seite 355/1 mühsam durch die sirrenden Buchstaben hangele. Sobald ich Zeile drei der Inhaltsangabe zu dechiffrieren drohe, wird jedoch abrupt auf Seite 355/2 umgeschaltet. Es erfolgt dann die Gelegenheit des intensiven Studiums von Darstellern und Charakteren (zumindest der ersten vier), bevor ich unversehens zurückgeworfen werde auf 355/1, wo ich das letztgelesene Wort wieder finden und mich durch die Zeilen mühen muss, bevor ich im Anschluss Regie und Drehbuch prüfen kann. Superlustig. Dass ich die Brille schon wieder nicht auf der Nase habe, fällt mir zumeist erst ein, wenn ich mich mit dem Videotext erneut überworfen habe und die generelle Wichtigkeit der weiterbildenden Lektüre als gänzlich überschätzt abgelegt. 

Statt die Brille zu holen, wohlgemerkt, wo kommen wir denn da hin! Weil: Vieraugen, das sind immer die blöden Spielverderberkinder gewesen, die, sobald sie sich der unmittelbaren Bedrohung durch Wasserbomben oder hübsch durchgeeiste Schneebälle ausgesetzt sahen, sofort „MEINE BRILLE!“ gekreischt und sich selbst mit Immunität versehen haben. Vermeintlich. Doofis, jedenfalls. Jetzt könnte man einwenden, aus dem Alter sei man wohl heraus, doch weiß man’s besser, schließlich hat man sich schon oft genug den Scheegraupel aus den Ohren wieder herauspulen müssen. Was hab ich also ein Glück, dass der Winter meiner bislang ebenso wenig habhaft geworden ist wie ich des Videotextes. Oder auch Pech, weil das heißt ja, dass die letzte Bastion im Kampf gegen die Alltagsbrille gefallen sein könnte. 

Auf den Schreck der Erkenntnis muss ich erstmal eins trinken und geb ein „Highfive“ in die Bar77 (Luitpoldstraße), rufe „Hands Up“ ins Mach (Kaiserstraße) oder „We want revenge“ ins Cult (Dooser Straße). Friedlicher: „Rootsgarden“ in der Desi (Brückenstraße), „Superklub“ in der Rakete (Vogelweiherstraße), „3 Jahre Mitte“ (Hallplatz), nebenan die als „Bada Bing“ getarnten Yuccas im Stereo (Klaragasse) sowie die Haha-„Hüttengaudi“ im Marquee (Klingenhofstraße). Am Samstag wird’s bärtig bei „2 Jahre WHMC“ im Zwinger Keller (Lorenzerstraße), wacklig auf der Mississippi Queen („Rock that Boat Baby“, Donaustraße), funkig in der KKK („Funk Soul Brother“, Königstraße), beschwingt im Nano („Swing Ding Masters“, ebd.), maritim bei Resi („St. Pauli Nacht“, Klingenhofstraße), teuer im Planet („Las Vagas Night“, ebd.), rosa in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) und … ähm … anders im Terminal („80er/90er Party“, Flughafenstraße). Da lass ich die Brille dann aber definitiv lieber daheim.

Samstag, 15. Februar 2014

Pärchenverdienstkreuz

Eigentlich wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um ausnahmsweise mal so richtig vom Leder zu ziehen. Über Pärchen im Allgemeinen und den Valentinstag im Speziellen. Ich wollte mich gerne episch über diesen oktroyierten Zwangsharmonietag echauffieren, der mir rosaumwölkt und blumenbenagelt versucht zu suggerieren, dass ich ein Fehler in der Matrix bin, der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der niemanden hat, der mir noch schnell zum Feierabend ein praliniertes Irgendwas ersteht, „und danke für die Blumen von der Tanke, danke danke danke“… Ich wollte maulen über Pärchen, die den Kategorischen Imperativ noch nicht einmal denken können und mich permanent belästigen mit ihrem Dasein als fleischgewordener Brockhaus-Eintrag „Kugelmensch“ und als Jeanne d’Arc der Singles auf einem glitzernden Einhorn die Phalanx der WIRus-infizierten mit dem Flammenschwert durchbrechen, um unsere Welt von den Unterdrückern zu befreien. Es ist nur … Ich kann nicht. 
Weil ich Pärchen ja eigentlich total bewundernswert finde. Was die (sich) leisten! Nehmen wir beispielsweise eine Konzertsituation. Da steht man so und versucht einsam und in sich gekehrt ein bisschen der Darbietung zu lauschen … nein, man ist gezwungen, der Darbietung ausschließlich zu lauschen, dank der vor einem stehenden Personen, die bei der ersten Ahnung eines Moll-Akkords zu Siamesischen Zwillingen verschmelzen, die sich gegenseitig im Gesicht äsen und einem damit die Sicht versperren. Toll! Oder im Restaurant: A bestellt nicht, was er möchte, sondern befragt B nach ihren Wünschen, worauf B antwortet, sie würde lieber wissen, wonach es A verlangt, damit sie dann entsprechend das Wunschgericht des Liebsten für sich ordern kann für den Fall, dass A nicht zufrieden ist mit seiner Wahl und B aufopfernd ihr Gericht zum Tausch anbieten kann. Rührend! Oder eine Party: Während die meisten Anwesenden verzweifelt versuchen, Spaß zu haben und sich zu unterhalten, genügen sich Varianten von AB gänzlich selbst und verbringen den Abend damit, sich mit verklärtem Blick in einer Ecke räkelnd Träubchen in den Rachen zu stippen. Ganz und gar bezaubernd! 
Wie auch mir größten Respekt abringende Äußerungen à la „Du, ich weiß schon, dass wir uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen und auch erst vor 25 Minuten getroffen haben, aber der Hase hat Halsweh, und deswegen gehen wir jetzt nach Hause.“ Ich meine, das muss man sich ja erst mal trauen, wie auch, all seine Vorlieben und Prinzipien über den Haufen zu werfen, von Jetzt auf Hopp „Partnerlook“ als modisch vertretbar zu betrachten oder den Umstand, urplötzlich eine nie dagewesene Liebe zu Trekking-Urlauben durch Skandinavien zu entdecken. Insofern hat das alles schon seine Daseinsberechtigung mit diesem Tag (zu dessen Ehren der erste Ball übrigens angeblich 1950 in Nürnberg abgehalten wurde), den Tankstellenblumen, dem Nonplusultra-Kreativ-Retorten-Geschenk von „MyDays“. Ergänzend dazu schlage ich noch ein „Pärchenverdienstkreuz“ vor, für herausragende Verdienste in den Bereichen Selbstaufgabe und Entindividualisierung. Ich würde das dann auch feierlich überreichen, kein Ding. Werde Online-Petition hierüber starten, das macht man ja jetzt so. 
Derweil können die Singles mal feiern gehen. Die Pärchen auch, gesetzt den Fall, der Hase hat kein Halsweh. „Der schwarze Valentinstag“ in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) oder „Rudelbums“ in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) wären passend, oder „Birdi’s Love the Love Night“ im Zentralcafé (Königstraße) oder „Freiküssen“ im Mach (Kaiserstraße). Sonst: „Pon Di Attack“ im Nano (Königstraße), „Lui Latino“ im King Lui(tpoldstraße), „Soulflight“ im Terminal (Flughafenstraße) und „Ensemble“ in der Mitte (Hallplatz). Am Samstag dann wieder für alle: „Veni Vidi Veekend“ im Stereo (Klaragasse), „Rosa Hirsch“ (Vogelweiherstraße) und „Why so serious“ beim Raketen-Nachbarn, „Retro Party“ im Parks (Stadtpark), „Bassdusche“ in der KKK (Königstraße), „Die Macht der Nacht“ im Cult (Dooser Straße) und das mit den FCN-Gedenkfeiern in den einschlägigen Etablissements kennt ihr ja. Ich pack jetzt mein Flammenschwert wieder weg. Muss die Hände frei haben für die Blumensträuße. 

Samstag, 8. Februar 2014

Spazierenrennen

Am Freitag feiern sich die Design-Absolventen in der MUZ (Fürther Straße), das Mach1 (Kaiserstraße) begeht den „First Friday“, in der Rakete (Vogelweiherstraße) sind alle ein bisschen „Kabbala“ und im Marquee (Klingenhofstraße) auch, aber da heißt das „Große Schlagernacht“. Groß ist auch die Liebe, vor allem die zu den „Boys on Top“ (Engelhardsgasse) und im Cult (Dooser Straße) mag man lieber die „Fürsten der Dunkelheit“. Am Samstag hat der „Homebase BDay Exzess“ im Nano (Königstraße) und „Beatopia“ wird in der Desi (Brückenstraße) ein Jahr alt. Unwesentlich älter dürften die Gäste im Parks (Stadtpark) beim „80er Park“, der „Singleparty“ im Terminal (Flughafenstraße) und „Ü30“ im Löwensaal (Schmausenbuckstraße) sein, und wer zwar über ein fortgeschrittenes Alter aber etwas exklusiveren Musikgeschmack verfügt, der fährt raus zu „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) oder rein zu „Buckshot“ im Stereo (Klaragasse). 


Und endlich haben wir das auch wieder überstanden und sind dort angekommen, wo wir hinwollten: zum Sonntagsspaziergang. Der Sonntagsspaziergang ist für sehr viele Menschen obligat, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man Zeit seines Lebens in unmittelbarer Nähe einschlägiger Grünanlagen haust. Die Motivationen, sich bei Wind und vorzugsweise Wetter adäquat gewandet im Kreis zu schieben, sind mannigfaltig. Den schwer im Magen lastenden Schweinebraten verdauen. Sich die Sünden der vergangenen Nacht aus dem Kopf lüften lassen. Die krakeelenden Kinder irgendwie beschäftigen. Die krakeelende Oma irgendwie beschäftigen. Aus intrafamiliärer Dissonanz in Freiheit fliehen. Aus ehelicher Dissonanz in die vermeintlich rettenden Arme des neuen Gespielen werfen. Unangenehmes Schweigen mit dankbaren Themen („Boah schau mal, eine Ente!“) füllen. Der bedauerlicherweise angeschaffte Hund geht immer noch nicht alleine aufs Klo, das schlechte Gewissen nach mehrstündigem Horchen an der Couch muss zum Schweigen gebracht werden. 



Hier wär dann auch ich anzusiedeln. Jedoch verhält sich das bei mir so, dass ich die Fortbewegungsart „laufen“ als völlig fehlkonstruiert erachte. Gehen, um zum Ziel zu kommen, hat mir immer schon zu lang gedauert, ich beginne hurtig, mich zu langweilen. Deswegen habe ich irgendwann eingeführt, das Gehen als eine Art sportlichen Wettkampf mit mir selbst zu zelebrieren und versuche permanent, meine eigenen Bestzeiten zu unterbieten und jedweden zu absolvierenden Gang möglichst schnell hinter mich zu bringen. Hieraus folgt jedoch leider, dass ich den militärischen Stechschritt schwerlich abstellen kann, was wiederum zu höchst genervten Begleitpersonen führt, die fünf Meter hinter mir schwer atmend irgendwas von Spazierrennen und Duspinnstdoch und Niewieder keuchen. Daraus hat sich eine gewisse soziale Isolierung entwickelt, weil: Eins von zwei ist stets latent genervt (ich wegen Handbremse, der/die andere wegen Gefährdung des Ruhepulses), und dass ich im Kreis um den Schlendrian laufe, während der gemächlich vor sich hin flaniert, hat sich auch nicht direkt als optimal erwiesen. 



Also führe ich mich vorzugsweise selber Gassi an der iPod-Leine. Das ist schön, keiner heult, höchstens der Mensch im Ohr, aber den kann man erfreulich einfach abstellen. So zieh ich meine Kreise, die dann niemand stört außer vielleicht diese Lahmen anderen da, mit ihren Hunden, Kindern und Omas und diese schwitzigen Jogger, aber die kann man ja mit pikierter Miene überholen. Und sich dabei überlegen, was man eigentlich als nächstes so in diese Kolumne hineindichten könnte. Wenn ich nicht zu schnell laufe, gelingt es mir sogar, dass der ein oder andere Gedanke den ganzen Weg über Schritt hält.

Samstag, 1. Februar 2014

Spielwarengäste

Es war kalt, es war spät, es war ein Donnerstag. Wegen Vernunft und Ideenlosigkeit hatten mein Pluseins und ich soeben beschlossen, uns zu verabschieden, morgen sei ja auch wieder ein Tag. Da tauchten sie plötzlich aus dem Februarnebel auf. Zwei Herren, wie sagt man, gehobeneren Alters, irgendwie abgewrackt, irgendwie schick. Entschuldigen Sie, hob einer auf Französisch an und radebrechte los: Man wisse überhaupt nicht mehr, man habe sich gänzlich, und überhaupt benötige man dringend … Franzosen waren’s, die sich unvorsichtig weit vom einzigen bekannten Platz weg hinein in die fränkische Nacht begeben und darüber sowohl Orientierung als auch Auto verloren hatten. 

„Opas in Not“, da öffnet sich mein Herzlein freilich weit. Ich erbot, sie aus der Seitengasse hinaus gen Bahnhof zu geleiten, von da aus würden sie sich dann schon zurechtfinden. Das Pluseins schloss sich eifrig-besorgt an, man weiß ja nie. Plaudernd begab sich das Quartett nach Süden, bis eins der Männlein plötzlich stehenblieb, die Arme nach oben riss und jubilierte! Ich hätte, warf es sich mir um den Hals, soeben das Auto, eine Zauberin sei ich, ach was sagt er, eine Göttin! Ich wusste zwar nicht, wie mir geschah, registrierte aber doch das französische Kennzeichen des Autos neben mir. Im Überschwang hakten die Hutzelmännchen uns ein, man müsse das jetzt gebührend, und zwar sofort. Wohin? Gute Frage. Nach drei vergeblichen Versuchen der altersgemäßen Einkehr fand man sich vis-à-vis einer einschlägigen Spelunke wieder. Da, rief das Pluseins aus, gehen wir jetzt hin, und schob uns über das Geleis, und eh man sich’s versah an den großen Tresen. Und jetzt, beschloss das Pluseins (seines Zeichens jüngeres Semester) weiter, machen wir was ganz lustiges. 

Kurz darauf waren die verwirrten Knaben vom gestärkten Kragen bis zur Ledersohle in Gerstensaft getunkt, wussten sie doch wider Erwarten nicht, was man mit einer Dose Bier anstellt, die sowohl oben als auch unten über ein Loch verfügt. Während das Pluseins seinen Sieg auf Zeit feierte, nahm man mich beiseite. So ganz sicher über die Wahl der Nachtbegleitung, erwog der Senior, sei man sich grade vielleicht doch nicht mehr, ob man sie nicht einfach wieder zum Auto, in der Straße da müsste auch eine Diskothek, da täten sie gern. Gesagt getan, das vom Sieg beseelte Pluseins und ich führten die Gäste hinüber und hinab an den Tresen und überließen sie dort ihrem Schicksal. Das letzte Bild, das ich von den Findlingen habe, eingebrannt in alle Ewigkeit auf der Netzhaut: Opa1 tanzt experimentell mit ekstatisch geschlossenen Augen und golden auf der grauen Brustwolle wippender Kette inmitten einer Horde Twens, während Opa2 sich mit großem Bohei auf Knien zwischen eine andere Gruppe schlittert und sich dabei in einer einzigen fließenden Bewegung das changierende Hemd vom überreifen Körper reißt. Es war ein lustiger Abend. Es war Spielwarenmesse. Es waren Spielwarengäste. 

Und wer demnächst mit einer ähnlichen Geschichte glänzen möchte: Auf in die City mit guten Aussichten auf ein ausgewogenes Verhältnis Spesen- versus Karma-Konto! Am Freitag bestimmt groß: „Shades of Passion“ im Marquee (Klingenhofstraße), vielleicht aber auch eher „David Morales“ in der Indabahn (Bahnhofsplatz) oder „Sonic Space Disco“ im Zentralcafé (Königstraße), „Clap!“ im Stereo (Klaragasse) und die „Resident Night“ in der Rakete (Vogelweiherstraße). Garantiert unelektronisch dagegen der röhrende Nachbar („3-2-1 HipHop Edition“) sowie „Buckshot meets More Fire“ in Zwinger Bar & Keller (Lorenzerstraße). Am Samstag mal wieder „Hände hoch!“ in der Desi (Brückenstraße), außerdem „Chilis Swingen Beats & Sweets“ im Opera (Ostermayerpassage), „Not An Alternative“ in der MUZ (Fürther Straße), „Oxyd #2“ im ArtiSchocken (Landgrabenstraße), „Dubworxx“ im Nano (Königstraße), „Fruityman“ im 360° (Adlerstraße) und … der ganze Rest halt. „Lochbier“ findet sich egal wo leider eher selten auf der Getränkekarte.

Samstag, 25. Januar 2014

Umkleidekabinen

Ich blinzele in grelles Neonlicht, kann mich kaum rühren, schwitze ein bisschen und, ja, doch, leide irgendwie. Wo bin ich? Nein, nicht auf dem kieferchirurgischen Behandlungsstuhl. Sondern: in einer herkömmlichen Umkleidekabine. Und jetzt, liebe Ladeneinrichter und Kabinenbauer, müssen wir dringend mal eine Daunenjacke miteinander rupfen. Eure Aufgabe, sollte man meinen, ist doch eine relativ einfache. Ihr sollt machen, dass ich mich in der Zeit, in der ich mich auf euren, sagen wir, bestenfalls einskommafünf Quadratmetern befinde, ausnehmend wohlfühle. Dass ich den Vorhang aufreißen und aller Welt mein unfassbares neues Selbst zeigen möchte. Dass ich die Klamotten armeweise aus eurem Geschäft trage und höchstens hinterher daheim feststelle, dass irgendwas vielleicht doch nicht so toll war, das aber auf eine ungünstige Mondphase und ergo Selbstverschuldung schieben kann. 
Das einzige aber, was ihr bewerkstelligt – das aber zugegebenermaßen sehr erfolgreich und konsequent, dem muss man ja auch einen gewissen Respekt zollen – ist, dass ich dringende Bedürfnisse entwickele, die mit Shopping Queen so viel zu tun haben wie gutes Fernsehen. Die sogenannte „indirekte Beleuchtung“ (mangels Platz stopfen wir die Neonröhre hinter den Spiegel, statt sie sinnvoll zu platzieren) von unten erzielt neben viel anderer Unbill den Haupteffekt, dass ich mich dringend nach einer Pinzette sowie einem Peeling nebst (porenverengender) Maske sehne, die ich am besten direkt drauflassen kann, auch nach dem Verlassen des Geschäftes, weil den Anblick kann man ja niemandem zumuten. 
Darüberhinaus, liebe Raumgestalter, Schreiner und Innenarchitekten, mag es ja in EURER Welt zu höchstem Ansehen gereichen, wenn, sagen wir, Fußballer XY auf dem Bierfilz schwanzen kann. Das bedeutet aber nicht, dass ein Aktionsradius eben dieser Größe dem Wohlgefühl beim Kleiderkauf zuträglich ist, wenn man sich beim Versuch, einen Reißverschluss zu betätigen, die Ellenbogen an der Pressspanwand aufschlägt. Um einem möglichen neunmalklugen Einwand zuvorzukommen: Nein, es ist keine Option, sich so larifari ins potentielle neue Gewand zu schnitzen, um dann darin die Kabine zu verlassen und sich im großen Vorraumspiegel zu prüfen. Der mag zwar zuweilen gnädiger sein, aber ganz ehrlich: Ich kenne keine Frau, die es für zwingend notwendig erachtet, sich strumpfsockig und mit herumflatterndem Etikett einer unbekannten Öffentlichkeit zu präsentieren, nachdem sie beim ersten Blick in den Kabinenspiegel der dringende Verdacht ereilt hat, das einzig tragbare Textil der Saison sei, mit Verlaub, ein Kaftan oder sonstiger zeltartiger Überwurf. Legt ihr euch doch einfach mal auf einen grell ausgeleuchteten OP-Tisch und versucht, dort mit Würde, Stolz und Wohlbefinden eine nagelneue Jeans anzuziehen, ohne herunterzufallen. 
Und während ihr, werte Planungsbeauftragte, das übt (und scheitern werdet, verdammtnochmaleins!) saus‘ ich mit dem Rest der Bagage ins Nachtleben. Da ist nämlich Platz! Also, vergleichsweise zumindest gilt das für die Rakete (Vogelweiherstraße) und den „Superklub“, „Orchid“ im Zentralcafé (Königstraße) und, ebenfalls, schräg, „Querbeat“ ein Stockwerk tiefer. Treppab geht’s auch zu den „Goodtimes“ im Mach (Kaiserstraße) und „Rhythm&Booze“ im Stereo (Klaragasse), während „Rotblau“ in der Mitte (Hallplatz), „Lui loves HipHop“ (Luitpoldstraße) sowie „Die dunkle Seite der Nacht“, die neue Anlaufstelle für lichtscheue Gewächse in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) weitgehend barrierefrei zu erreichen sind. Bequem treppauf geht es in den Festsaal des KuKuQ, wo der kleine Herr Hantel mal wieder am Leierkasten dreht, treppauf zu fallen liefert in der Indabahn (Bahnhofsplatz , „Dein Samstag“) eine Primashow, die man per Rolltreppenfahrt zur „80er/90er Party“ Terminal (Flughafenstraße) elegant vermeiden kann. Sehr viele Stufen zu bezwingen haben Besucher der wie immer rosa Großen Liebe (Engelhardsgasse), aber sollten Probleme beim Betreten der MUZ (Fürther Straße, „Muckibude“), Desi (Brückenstraße, „Tune in“) oder (Achtung, phonetische Verwechslungsgefahr!) neuen Resi (Klingenhofstraße, „Indie, Jack & Rock’n’Roll“) auftreten, sind bestimmt die anderen schuld. Genau so wie in den Umkleiden. 

Samstag, 18. Januar 2014

Überwachung

Also das mit dem Überwachungsskandal. Das war schon nicht schön. Oder ist, besser gesagt. Aber eigentlich kann ich darüber nur müde lächeln. Es gibt da nämlich einen Verein, angesichts dessen orangenem Heiligenschein überm blauen Gewand NSA, Mossad und die Stasi zu einem Häufchen Elend degenerieren. Denn besagter Verein weiß nicht nur jederzeit zu einhundert Prozent, was ich gerade will und brauche, sondern: Er weiß es, noch bevor ich auch nur daran gedacht habe. Und das treibt mich erstens in den Wahnsinn und zweitens in den Ruin. Ich nehm ein Wagerl und schieb‘ es vor mir her, nichts anderes im Sinn als es mit Lebensmitteln zu befüllen. Brot, Apfel, Wodka, was man halt so braucht. 

Das funktioniert hervorragend bis zur ersten, scharf genommenen Rechtskurve. Wie die Pilze aus dem dampfenden Waldboden schießen sie alle vor mir auf, die Begehrlichkeiten, die Wunderbarkeiten, die Mussichhabens. Automatisch verlangsame ich mein Tempo, um das Auge über die artig und mit großen Hundeaugen auf mich wartenden Waren schweifen zu lassen, ohne die bislang gelebt haben zu können sich mir urplötzlich und gänzlich meinem Verständnis entzieht. Hier steht endlich die Erlösung im quadratischen Eisengitter bereit. Ein chromblitzendes Schüsselset? Toll, ich wollte die bunten ja eh eigentlich nicht mehr haben. Eine Präventionsbandage für Sehnenscheidenentzündung? Mensch, mich hat’s doch kürzlich so gezwickt. Eine Winter-Fitnesshose? Super, ich war zwar seit 20 Jahren nicht mehr joggen, geschweige denn im Schneeregen, aber dann fang ich doch jetzt wieder damit an. So eine Unterlagenmatte für Fitnessgeräte, die wär‘ doch was, und – nein, wie praktisch! – das Heimfitnessgerät gibt’s direkt daneben, und wenn ich’s mir recht überlege, wäre diese wahnsinnig hübsche elektrische Pfeffer-Salz-Mühlen-Kombination mit Ambilight sowie Aufweckfunktion und integriertem WLAN doch auch genau das richtige, dann muss ich auch die alte Mühle daheim nicht umständlich säubern. 

Ich freue mich über Bettschuhe, die kein Mensch braucht, und Holzschnitzel für den Kamin, den ich nicht habe. Lade Saatgut in den Warenkorb, weil kommendes Frühjahr könnt‘ ich doch vielleicht endlich mal die Verkehrsinsel, und das tolle automatische Zwiebelhackdings, was das einem an Arbeit … ach nein, das steht ja bereits seit Jahren ungenutzt im Regal daheim. Ich besitze Unmengen an Bastelkram, obwohl ich mich nicht erinnern kann, wann ich zuletzt die Muße hatte, das zu verarbeiten, doch wenn der kreative Schub mal kommt, dann muss ich schließlich vorbereitet sein, habe Badezusätze in 17 Variationen, obwohl ich niemals bade, und ausreichend Stumpenkerzen und Grablichter, um einen zweiwöchigen Einschluss im ABC-Bunker zu illuminieren. 

Oder einen Tanzkeller. Da freuen die sich bestimmt. In der KK (Königstraße) beim „Tonkonzum“ zum Beispiel oder nebenan im reanimierten Nano bei den „Swing Ding Masters“. Außerdem (streng geheime LoQation) „Warehouse“, „Winterfest“ im Terminal (Flughafen), „F**K Forever“ im Stereo (Klaragasse), „High Five“ in der Bar77 (Luitpoldstraße), zweitägig Posen beim königlichen Nachbarn sowie zweitägig rosa Elefanten in der Großen Liebe (Engelhardsgasse), die aber am Samstag mit „14 Jahre Rosa Hirsch“ (Vogelweiherstraße) konkurriert. Halb so alt, aber nicht weniger bunt: die MUZ (Fürther Straße) feiert Geburtstag. Neugeburt hingegen im Klingenhof: „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ in Resis Nachtklub“, und während die Desi (Brückenstraße) in den „Dubgrund“ taucht, ist für die Ü30er Parks (Stadtpark) und Löwensaal (Schmausenbuck) im Angebot. Ah genau, Angebot. Bin schon gespannt, was ich als nächstes endlich gebraucht haben werde …

Samstag, 11. Januar 2014

Haustiere

Fragt ihr euch eigentlich auch ab und zu mal, wieso urplötzlich aus dem Nichts an Zimmerdecken und –wänden diese seltsam sphärischen, im Heizungswind sich wiegenden, staubsatten Spinnwebenschlieren herkommen? Und vor allem: Wo sich der Produzent derselben eigentlich so aufhält? Unlängst fand ich eine Antwort darauf, als ich das entsprechende Fach der Kaffeemaschine mit Wasser zu füllen begann und mir kurz darauf ein Getier achtbeinig entgegenkraulte. „Wie kommst jetzt du da hinein?“ fragte ich empört, während ich den Gast aus seinem Pool fischte. Eine befriedigende Aussage erhielt ich nicht, doch selbstverschuldet, da ich den Mehrbeiner der Toilette übereignete, auf dass er dort seine Schwimmübungen fortführe. Tauchend. 
Ich bin ja generell nicht so ganz verliebt in tierische Mitbewohner, und schon gar nicht in solche, die mir Begegnungen der dritten Art verschaffen. Letztes Jahr hatte ich aus dem Mittelmeerraum eine Spinne importiert. Im Seitenspiegel. Jetzt war weniger der Zoll, was mir Sorge bereitete, sondern vielmehr der nachdrückliche Versuch des Tieres, jede Nacht mein Auto komplett zu verweben. Es entbrannte ein mehrwöchiger Kampf, der unter anderem auch zu Waschstraßen und Gartenschläuchen führte. Der Heldentod blieb aus, ich erschlug das Tier mit irgendwas. Nicht mehr erschlagen musste ich, was mir einst aus Bananen entgegenfiel. Von wegen Vogelspinnen!
Eine hübsch nach Art der herbstlichen Blätterpressung und ägyptischen Mumifizierung bestens erhaltene Eidechse war es, die mir aus der Staude purzelte. Aber blöd, das kann ich schon so sagen, blöd schaust da schon auch erstmal. Ein andermal hing die Picknickdecke, die gute mit der Thermobeschichtung, mehrere Tage überm Leifheit im Wohnzimmer. Irgendwann bekam ich Lust, das aufzuräumen, und siehe da, was ist denn das? Hat sich ein kleines Büschel Blättergrasästchen wohl verfangen in der Decke und den Wasch- wie Trocknungsvorgang unbeschadet überstanden, der kleine Racker. Ich fasse hin, und wie der Blitz transformiert sich das Büschel in einen prächtigen Achtbeiner, der sich anschickt, zügig seiner Wege zu gehen, wovon ich ihn schweren Herzens, doch nachdrücklich abhalten musste. Er zierte dann noch länger die Bastsohle meiner neuen Espadrille. 
Wer hingegen sich meinetwegen gar nicht genug bewegen kann, allein, weil das schlichtweg nicht möglich ist, das ist der kleine Schneck, den ich dieses Jahr aus dem Süden importiert und beim Kofferauspacken entdeckt habe. „Oh, ein kleiner Schneck“, dachte ich. „Aber zum Glück ist er leer und muss nicht traurig sein, dass er seine Mama verloren hat.“ Den Schneck legte ich auf die Fensterbank und fand ihn Tage später 10cm weiter links an einer Gießkanne hängend. Verwundert fragte ich den Schneck, ob er ein Wiedergänger sei, und klaubte ihn wieder ab, nur, um ihn Tage später wieder an der Gießkanne zu finden. Dort ließ ich ihn jetzt lange Zeit, er tat nichts weiter als zu kleben, womöglich auch zu leben, doch das muss er mir jetzt mal beweisen, denn ich habe ihn wieder auf die Fensterbank verlegt. 
Und geh erstmal mit euch ins Wochenende. Zum „Soulflight“ ins Terminal (Flughafenstraße) oder dem „Pon Di Attack Charity Dance“ ins Nano (Königstraße) oder, auch irgendwie karitativ, „Querbeat“ in die KK nebenan. „I love House“ ist im Mach (Kaiserstraße) und in der Rakete (Vogelweiherstraße) die „Smooth Society“. Am Samstag wird es „Laut & Illegal“ in der Desi (Brückensraße), das ganze KuKuQ (Königstraße) feiert „Radio Z Winterfest“ und die Klingenhofstraße mal wieder eine Neueröffnung: Das Loop heißt jetzt „Resis Nachtclub“ und macht Indie, Jack und Rock’n’Roll. Mehr gebounct als gewackelt wird im Stereo (Klaragasse) bei „Buckshot“ , geheadbangt dafür im Hirsch (Vogelweiherstraße). So. Punkt. Reicht ja, wenn bei mir daheim irgendwas am Boden herumkriecht.