Samstag, 29. März 2014

Forsüzie

Bienenblumenbiergartensommersonneschweinebraten. Und alle so „BOAHLECK!“ und raus und Hormone und Knutschi und Cabrio und Übermut. Ja. Damit jedoch der ekelhaft-überbordend guten Laune Einhalt geboten wird, haben das Leben im Allgemeinen und die Natur im Speziellen gewisse Institutionen etabliert, die in dieser ganzen Frohsinnsinkontinenz launevergrätzend für Ordnung sorgen. Heuschnupfen, Reifenwechsel, Fensterputz und habt ihr schon diese Atommücken am Wöhrder See gesehen? Das kann ja heiter werden. Aber bevor ich mir eine mobile Umkleidekabine als portables Moskitonetz umbaue, muss ich dringend ein paar Wort verlieren über den mir von der Natur großzügig bereitgestellten Aggressor: die Forsythie. Es beginnt damit, dass ich den Namen nachschlagen und mir am schweren Brockhaus den Finger verstauchen muss. Ich meine, was soll denn das bitte sein? For-sü-zi-e. Das klingt schon wie Heinz-Eberhard, und genau so verhält sie sich auch, die alte Strebsau. Während die gesamte Welt so ganz langsam mit vom Winterschlaf schwerst verquollenem Gesicht in Erwägung zu ziehen beginnt, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, hüpft ganz vorne in der ersten Reihe schon längst die Forsüzie auf einem Bein, hat die gelben Arme schnipsend nach oben gereckt und schreit „ICH! ICH! ICH!! Ich bin schon da, ich weiß es, ich hab extra Fleiß-Hausi gemacht und lass niemanden abschreiben!“ 
Die Forsüzie ist die Lisa Simpson der Frühblüher, eine knallgelbe Nervensäge, die einzig und allein dafür verantwortlich ist, dass jedes andere Lebewesen wie ein lahmer Faulpelz erscheint und dann vermutlich, wegen self-fulfilling prophecy, auch noch zu einem solchen wird, weil wer lässt sich schon nicht einschüchtern von diesen Überpflanzen, gegen die man eh von vornherein zu verlieren weiß? Wer will denn auch nur versuchen, Emily Dickinsons Satz „Hope is the thing with feathers“ auf Anhieb fehlerfrei auszusprechen, wenn sich vorn der Heinz-Eberhard räkelt und mit dem bereits in der Vorschule absolvierten Toefl-Test hämisch den Mittelscheitel kratzt? Genau, niemand außer den anderen Heinz-Eberharden und Lisa-Maries. Und deswegen betrachte ich jede einzelne Forsüzie als persönlichen Affront. So eine Magnolie, das hat halt Stil. Ein volles Jahr divenhaft herumkaspern, und dann macht’s BÄM und alle so „BOAHLECK!“ und nach drei Tagen sagt die Magnolie „So Leute, das war’s, ich hol mir jetzt erstmal ein Glas Schampus!“ Recht hatse! 
„Prüfungsgeil“ für alle Streber der Stadt (Indabahn, Bahnhofsplatz), klar. Außerdem: „Zucker“ (360°, Adlerstraße), „Querbeat“ (KKK, Königstraße, „Anne will tanzen“ (Desi, Brückenstraße), „Bad Taste Party“ (Große Liebe, Engelhardsgasse), „Soulflight“ (Terminal, Flughafenstraße),  „Girls in Heaven“ (Bar77, Luitpoldstraße), „Lui Latino“ (beim Nachbarn), „Verschnabbelbuff“ (Stereo, Klaragasse) und „Ensemble“ (Mitte, Hallplatz). Wenn das verarbeitet ist geht’s am Samstag weiter mit „Oxyd“ (ArtiSchocken, Landgrabenstraße), „Kiss Klub“ (Rakete, Vogelweiherstraße),  „Nürnberg.Pop.Club“ (Zwingerkeller, Lorenzer Straße), „Buckshot“ (Stereo), „Swing Ding Masters“ (Nano, Königstraße), „Shinzen III“ (KKK), „Ü30“ (Löwensaal, Schmausenbuckstraße), „Mittelalter-Spektakel“ (Cult, Dooser Straße) und der Orientierungsveranstaltung für Wochentagsverwirrte: „Samstag Mach“(Nacht1, Kaiserstraße). Wenn euch im Morgengrauen Menschen sportiv entgegenjoggen, fragt sie, ob sie Heinz-Marie heißen und Forsüzien im Vorgarten kultivieren! 

Samstag, 22. März 2014

Katerbegegnung

Stets unverhofft sind diese Begegnungen. Nie regelmäßig, immer nachts. Da lauf ich beispielsweise nach Hause, und unvermittelt taucht er zwischen den Autos auf. Schnurstracks kommt er auf mich zu, „Hallo liebe Freundin“, ruft er, „schön dich zu sehen!“ Überrascht bin ich, und freu mich auch. Schließlich ist es schön, unbestreitbar, so ein männliches Wesen zu haben, das wartet, um mich herumstreift, sich an mich schmiegt und singt und mich toll findet. Trotz aller Freude bin ich ungehalten. Wo er denn so lange gesteckt hat, will ich dann wissen, und dass ihm doch klar sein muss, dass ich mir ein bisschen Sorgen gemacht habe. Aber so sind sie eben, die Kerle, das ist ihnen piepegal, weil jetzt, da sind sie ja hier, und da hat man gefälligst das Geschenk entgegenzunehmen, als das sie sich präsentieren. Also umgarnt und liebkost er mich und schaut mich mit seinen großen Augen an und sagt „Nimm mich mit zu dir, das wird schön, ich versprech’s!“ und „Du willst es doch auch, das weiß ich.“ 
Ja stimmt, ich will das schon auch. „Aber …“ denk ich, und als hätte er’s gehört, legt er noch einen Zahn zu, tanzt um mich im Kreis herum und gurrt mir ins Ohr, „die wird schon weich“, denkt er sich, er kennt mich leider wirklich gut. Wenn ich dann nicht nachgebe, wird Gewalt angewendet. Keine körperliche, soweit kommt’s dann doch nicht, aber eine stille Macht-Demonstration, mit der er mir zeigen will „Schau, um mich kommst du einfach nicht herum, und wenn ich das jetzt so will, dann wird das so gemacht.“ In den Weg stellt er sich mir dann oder setzt sich in die Tür, so dass ich wirklich nicht an ihm vorbeikomme und vor allem nicht hinein, ohne dass er wie der Blitz vor mir die Wohnung erreicht, und da steht er dann und jubelt und singt Liebeslieder, da hilft dann alles nichts mehr. 
Aber als Frau von Welt, meine Lieben, da muss man stark bleiben und nein sagen können, auch wenn die Verlockung, der Unvernunft nachzugeben, noch so groß ist. Also bediene ich mich einer List, die mir zwar das Herzlein bricht, und, so denk ich mir, vor allem seins, mir aber Zutritt in mein sicheres Heim verschafft. Ohne dass ich die folgenden Stunden damit verbringe, zum x-ten Mal irgendeinen einem warmen, bequemen Wohnzimmer entflohenen streunenden und vor allem verwöhnten Kater durchs Treppenhaus oder meine Wohnung zu jagen, der sich nach allen Kräften dagegen wehrt, eingefangen und auf die Straße geworfen zu werden und schreit und maunzt und dessen unendliche Liebe sich recht schnell in grantiges Krallenzeigen und wildes Gefauche wandeln kann. Verdammtnochmaleins! Da kann er dann ruhig auf der Straße sitzen und heulen, mir egal. 
Meinen Kater hol ich mir gemeinsam mit euch, wenn’s sein muss, lieber hier: „Back to the Future of Drum’n’Bass“ (Desi, Brückenstraße), „10 Jahre Viva Havanna“ (Indabahn, Bahnhofsplatz), „Berlin Calling“ (Mach1, Kaiserstraße), „Unknown Pleasures“ (Stereo, Klaragasse), „Electrified“ (Rakete, Vogelweiherstraße), „Prinzessinnen & Superhelden“ (Bar77, Luitpoldstraße), „Girlz vs. Boyz“ (360°, Adlerstraße) sowie am Samstag bei „6 Jahre Kulturkellerei“ (Königstraße), „Ich: Sascha Sonido“ (Mitte, Hallplatz), „Kings Clubbing“ (Lui_tpoldstraße), „Muckibude“ (MUZ, Fürther Straße), „80er/90er Party“ (Terminal, Flughafenstraße), „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ (Resi’s, Klingenhofstraße) und „Schwarztanz“ (Cult, Dooser Straße). Am Sonntag können dann wegen mir alle Kater im Chor heulen. 

Samstag, 15. März 2014

Blumenbeet

Habe in den vergangenen Tagen mal wieder mehrere Sinnkrisen durchlitten. Nein, wie immer keine dem fortgeschrittenen Alter geschuldeten. Auch keine, die bedingt sind durch Familien- oder Kontostand, der Mensch ist ja leidensfähig. Was mir zu großer Not gereicht und vor allem zu großer Verspätung, das ist die Wahl der Gewänder. Jetzt verdreht ihr die Augen und winkt ab und „Wasmeierin, das ist doch ein alter Hut, mit dem Zwiebelschichten und so!“, aber das ist es auch nicht. Der moralische Zwiespalt, das Dilemma, des Pudels Kern, der mich umtreibt und verwirrt, obgleich er auf den ersten Blick so beschämend profan wirkt, ist: Welche Farben soll ich denn bloß wählen? Weil es ist ja so, dass ich und eigentlich alle Menschen –  Keine Widerworte, ich hab’s gesehen! – nach einem weiß- und pastellgehüllten Sommer alljährlich peu à peu in trauerweidenhafte Winterklöße metamorphisieren. Hier und da eine leuchtend gelbe Trutzburg gegens Nebeltrüb, ein knallroter Revoluzzer gegen Depression, und das war’s dann. 
Der Rest mutiert zum kollektiven Chamäleon, das eins wird mit der braun-grau-khaki-gewordenen Grabeslandschaft, und der Mensch kann sich glücklich schätzen, nicht versehentlich vom Laubbläser von dannen geblasen zu werden, weil er aussieht wie so ein armes Laub, ein wurmzerfressenes. Mit den ersten schüchternen Schneeglöckchen, Palmkätzchen und Kroküsschen wirft der ungestüme Mensch nach Monaten der Darbnis den Gore-Tex-Kokon empört von sich, um ihn jedoch alsgleich schlotternd wieder feste umzubinden, weil es ist kalt und der Krokus eine falsche Sau. Das geht dann ein paar Wochen so, bis sich die Welt am End verkehrt hat und zwischen lauter kurzen Leinenhosen hier und da ein Uggboot verirrt, aber wer die trägt, der, also, nun ja, sagen wir, das muss es ja auch geben. Wir fassen zusammen: Es handelt sich um einen Prozess des gemächlichen Übergangs. Und nicht, verflixt und zugenäht, so wie jetzt, dieses ganz und gar empörend eilige Frühlingsgedöns! 
Immerzu langt der Autopilot zum dunklen Oberkleid, zur Uniform des Winters, und dann ruft das sonnenblinde Auge der Hand zu „Halte ein, du Dummerchen, schau aus dem Fenster!“ und dann greift die Hand zum Weißgelbtürkisrosé und dann passt das aber auch nicht weil es ist doch eigentlich noch zu früh im Jahr und dann hab ich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Winter weil der kann doch auch nichts dafür, dass er nichts zustande gebracht hat dieses Mal, aber muss man ihn deshalb gleich so strafen und ihm höhnisch ins Gesicht lachen, während er doch eh schon mit dem Rücken zur Wand steht, der arme Wurm, muss man da noch drauftreten, wo er am Boden liegt und sich windet? Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen: Ich kann. Ich hahalach ihm ins Gesicht und dreh ihm eine lange Nase und schlüpf hinein ins Frühlingsfrisch. Die Strafe für den Übermut, die wird schon noch kommen, aber was kümmert mich morgen mein Geschwätz von heute, und nachts sind alle Katzen bunt. 
Qoud erit demonstrandum: „Sputnik“ (Mitte, Hallplatz), „Hands Up“ (Mach1, Kaiserstraße), „Dancing with tears in my eyes“ (Zentralcafé, Königstraße), „Querbeat“ (KK, ebd.), „Pon di Attack“ (Nano, ebd.), „Go!Gitarre!Go! Special“ (Stereo, Klaragasse), „Be twentyfive“ (Bar77, Luitpoldstraße), „Soul Flight“ Terminal, Flughafenstraße). Und am Samstag: „Retro Party“ (Parks, Stadtpark), „5 Jahre Indabahn“ (Bahnhofsplatz), „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ (Resis, Klingenhofstraße), „Tune in“ (Desi, Brückenstraße), „Why so serious“ (Rakete, Vogelweiherstraße), „Homemade“ (ArtiSchocken, Landgrabenstraße), „More Fire“ (Stereo), „Allnighter“ (Nano), „Kings Clubbing“ (Lui/tpoldstraße), sowie standesgemäß in den Farben der Saison „Der rosa Samstag“ (Große Liebe, Engelhardsgasse). Ich metamorphosier‘ mich jetzt in ein Blumenbeet. Und wehe, da kommt ein Laubbläser! 

Samstag, 8. März 2014

Essen mit Würde


Vegan versus Schweinebauch, Demeter versus Discounter, Zero versus Zucker … Eigentlich können mir diese Kategorien gestohlen bleiben. Das einzige, was bei der Auswahl von Nahrung wirklich zählt ist: Ist ein würdevoller Verzehr in der Öffentlichkeit möglich oder nicht? Prinzipiell geeignet sind beispielsweise Salzstangen. Die kann man sich als Antennen in die Ohren oder als lustige Zähne unter die Lippe stecken, muss aber nicht. Ebenfalls prinzipiell geeignet sind Spaghetti. Die kann man sich tellerweise in den Mund schaufeln und dann alles, was raushängt, sauber mit der Schere abschneiden, muss aber nicht. Auf Milchschnitte trifft das gleiche zu: Hineinbeißen oder in einem komplizierten Nag- und Schab-Vorgang versuchen, die mittlere Schicht von den beiden äußeren zu trennen – c’est en vous. 

Und dann gibt es da aber so Sachen, die sind garstig, hinterfotzig und gemein, unzufrieden mit ihrem Dasein und darob arglistig, missgünstig und schadenfroh. Und deswegen darf man nie, niemals auf ihr schmeichelndes Äußeres hereinfallen und sich geblendet von Versuchung zu einem Verzehr an Ort und Stelle hinreißen lassen. Niemals! Beginnen wir mit dem profanen Döner und dem nicht minder profanen Burger, letzterer freilich nicht vom Schachtelwirt sondern dem Bratling unseres Vertrauens. Wenn der nämlich serviert wird, also der Burger, ist er meistens ungefähr so dick wie die Sammelausgabe „Herr der Ringe“, und hat da schon mal jemand versucht, hineinzubeißen? Eben. Man hat die Wahl, entweder schlangengleich den Unterkiefer auszuhängen und das Trumm im Ganzen zu inhalieren, oder beim Versuch, weniger gefräßig zu erscheinen, das Risiko einzugehen, hinterher nicht etwa eine Serviette, sondern direkt eine Dusche zu benötigen, weil einem die Soße bis zu den Ellenbogen hinabrinnt. 

Ähnliches gilt für den Döner: Beißt man links hinein, fällt alles heraus, gleiches gilt für rechts. Also entscheidet man sich notgedrungen für die Mitte, mit dem Effekt, die kommenden Minuten als Batman-Gedenk-Fratze mit joghurtsoßenbedingter Joker-Maskierung zu verbringen. Sozusagen die Königsklasse der Entwürdigung ist und bleibt jedoch der Krapfen. Kardinalsfehler 1: Puder- statt grobem Zucker wählen. Kardinalsfehler 2: Ungeduldig sein und nicht mit Kennermiene das Gebäck in der Hand wiegen, um den Schwerpunkt zu erforschen. 3: Das durchaus getan haben, jedoch dem kindlichen Zwang erliegen, löwengleich die rote Beute von außen einkreisen zu müssen. 4: Wieder nicht wissen, wann’s genug ist. Und dann passieren plötzlich Dinge gleichzeitig und mit denen unweigerlich ein großes, ästhetisches Unglück. Auf der einen Seite schießt das Hiffenmark in alle Richtungen, nur nicht in die orale, derweil’s genau in diesem Bereich aussieht, als hätte vier-Promille-Pete durch den gerollten Hunderter geblasen statt daran zu ziehen. Es gibt also einen weiteren Grund zur Freude darüber, dass die hahalustigefünfte Jahreszeit vorbei und die Phase der inneren Einkehr und Buße gekommen ist. 

Schnell die Salzletten ans Ohr gesteckt und los: „Fette Henne“ im Cult (Dooser Straße), „Wicked Game“ im Stereo (Klaragasse), „Indian Space Night“ in der Desi (Brückenstraße), „We love 90s“ in der Bar77 (Luitpoldstraße, neben an der „Lui Lipstick“, „12 Y Kabbala“ in der Rakete (Vogelweiherstraße) und „First Friday“ im Mach (Kaiserstraße). Am Samstag die „Im Zeichen der Burg“-Release-Party in der KK( Königstraße), „Renegade Snares“ im Nano (Königstraße), „Music for Devoted People“ im Parks (Berliner Platz), „Buckshot“ im Stereo, „Bloody State of Mind“ im Zentralcafé (Königstraße), „Pull the Trigger“ im Hirsch (Vogelweiherstraße), „Disco Classics“ im Terminal (Flughafenstraße) und das gute und vor allem alte „Ü30“ im Löwensaal (Schmausenbuckstraße). Wer zwischendrin à la „Last night a Döner saved my life“ dringend essen muss, dem ist vermutlich auch wurscht, wie er dabei aussieht.

Samstag, 1. März 2014

Faschingsmuffel

„Alaaf!“ jubilierte der Mann, und „Stimmung!“ schrie die Meute. Die Korken knallten, Peter fasste der Heidi von hinten an die Schultern, um gemeinsam mit dem knallroten Gummiboot das Pferd im Flur abzuholen und nach Lodz zu fahren. Im sektseligen Konfettitaumel wollte jeder die ganze Welt umarmen, lieben und begatten, aus den Ohren quollen Luftschlangen, das Christkind knutschte mit dem Teufel, Dornröschen mit der bösen Stiefmutter und Putin, in Regenbogen gewandet, mit Obama, während die Steuerfachangestellte sich unter wohlwollendem Applaus der Altherrenmannschaft des SV Frühlingen-Chorweiler inmitten des Platzes erbrach. Man reichte ihr ein Taschentuch und einen Kümmerling, und weiter! Arbeiten? Nicht doch, fünfte Jahreszeit, da wird kein Geld verdient, sondern mit vollen Armen ausgegeben, und was dem Olympioniken die Goldmedaille, ist dem Jeck der Milleniumsherpes … 
Ich schaltete die Live-Übertragung von Radio Köln ab und blickte aus dem Fenster. Schön grau war’s da, es herrschte alltägliche Betriebsamkeit, und einziger Hinweis auf dieses „Karneval“ waren die Luftschlangen im Schaufenster des Bäckers, mithilfe derer er die alljährliche Krapfen-Box bewarb. Der Franke mag und darf sich gerne vieler Vorzüge rühmen. Ein Jeck zu sein gehört da, vorsichtig gesagt, womöglich eher nicht dazu, und ich möchte wohlreflektiert davon Abstand nehmen, mich nicht als Paradebeispiel zu bezeichnen. Wer nicht das ganze Jahr über als Funkenmariechen den Gardetanz trainiert oder sich aus Colonophilie akribisch mit der Kostümanfertigung beschäftigt, erwacht spätestens dann mit einem großen Schreck aus seiner Verkleidungslethargie, wenn die ersten Fotos aus Veitshöchheim eintrudeln. „Potzblitz!“, denkt man sich dann und schaut den grienenden Oger an, „ist es wirklich schon wieder soweit?“ , weil dass beim Discounter bereits im November die ersten Familien-Verkleidungen zu haben waren, hatte man milde belächelt und alsgleich wieder vergessen. 
Es folgen Tage der nachdrücklichen und lautstarken Verweigerungshaltung (heute), ein ironischer Besuch beim „ältesten Faschingsumzug der Welt“, der wie gewöhnlich beweist, dass ein Methusalix nicht zwingend zu den schillerndsten Vertretern seiner Spezies gehören muss, im Schlepptau jedoch hat, was man als teuflischen Bruder des Spaßbremsentums bezeichnen könnte: die Spaßverpassungsangst. Die wiederum panische Besuche in großen Warenhäusern am Rosenmontagnachmittag nach sich zieht, in denen man für ein Schweinegeld ein lustiges Erdbeer-Kostüm ersteht, das im Laufe der folgenden 48 Stunden zu einer Katastrophe in Netz-Optik zerfällt. Was aber wurscht ist, weil man hat ehe man sich’s versieht drei verschiedene Perücken auf dem Kopf, dazu Glitzer in den Ohren und ein geklautes Heman-Schwert in der einen Hand, während man in die andere den 17. Kümmerling gedrückt bekommt. Am Aschermittwoch möchte man dann zwar keinen Nubbel, dafür aber gern sich selbst verbrennen, sobald man im Spiegel des Milleniumsherpes ersichtig wird. Jedes Jahr der gleiche Schmarrn. 
Wer’s drauf anlegt, der weiß eh, wo er hinmuss. Alle anderen dürfen ihre Alltagskostümierung hierhin tragen: „Prinzessinnen & Superhelden“ (Bar 77, Luitpoldstraße), „It isn’t happening“ (Zentralcafé, Königstraße), „DESIrene“ (Brückenstraße), „Tics“ (Mitte, Hallplatz), „1 Jahr Smooth Society“ (Rakete, Vogelweiherstraße), „Stereo FM“ (Klaragasse), „Girls on Top“ (360°, Adlerstraße). Selbes Spiel am Samstag: „Buckshot – back to the boat“ (Mississippi Queen, Donaustraße), „Music for friends“ (KKK, Königstraße), „Take off 90s & more“ (Terminal, Flughafenstraße), „Indie, Jack & Rock’n’Roll“ (Resis, Klingenhofstraße), „Kings Clubbing“ (Lui, Luitpoldstraße) und der Brückenschlag zwischen den Gemütern: „Circus Beretton“ (Stereo, Klaragasse) als Aufwärmübung. 

Samstag, 22. Februar 2014

Vieraugen

Ich kenne eine Frau, die den Großteil ihres Lebens damit verbringt, mit zusammengekniffenen Augen angestrengt drein zu schauen. Weil es ihr aus kosmetischen Gründen gänzlich unmöglich ist, „diese Brille“ zu tragen. „Diese Brille“ wurde seinerzeit im einseitigen Einverständnis mit der Mutter nach deren Geschmack erworben und kurz darauf versehentlich unter einem Elefanten vergessen. Oder so. Brille, jedenfalls: nein. Ich selbst trage Brille ausschließlich gerade wegen besagter kosmetischer Gründe, wird mir doch damit ein ausnehmend intelligentes Äußeres nachgesagt (genauer: „Ah cool, jetzt siehst du auch endlich mal halbwegs klug aus.“). Aufgrund zahlreicher Facharztbesuche, die mir jeweils lustige Resttage als blinder Zombie mit auf drei Zentimeter erweiterten Pupillen beschert haben, weiß ich um meine komplizierte Hornhautirgendwas und trug die Brille mehr oder (eher) weniger artig bei der PC-Arbeit. 

Neuerdings jedoch sehe ich mich gezwungen, die Brille auch auf andere Bildschirmtätigkeiten zu verwenden. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass der TV-Videotext, dessen ich mich antiquierterweise nach wie vor zur Informationseinholung hie und da bediene, einen ganz erstaunlich massiven Qualitätsverlust in puncto Schärfe der Darstellung erlitten hat. So geschieht die Informationseinholung beispielsweise über einen Spielfilm dergestalt, dass ich mich auf Text Seite 355/1 mühsam durch die sirrenden Buchstaben hangele. Sobald ich Zeile drei der Inhaltsangabe zu dechiffrieren drohe, wird jedoch abrupt auf Seite 355/2 umgeschaltet. Es erfolgt dann die Gelegenheit des intensiven Studiums von Darstellern und Charakteren (zumindest der ersten vier), bevor ich unversehens zurückgeworfen werde auf 355/1, wo ich das letztgelesene Wort wieder finden und mich durch die Zeilen mühen muss, bevor ich im Anschluss Regie und Drehbuch prüfen kann. Superlustig. Dass ich die Brille schon wieder nicht auf der Nase habe, fällt mir zumeist erst ein, wenn ich mich mit dem Videotext erneut überworfen habe und die generelle Wichtigkeit der weiterbildenden Lektüre als gänzlich überschätzt abgelegt. 

Statt die Brille zu holen, wohlgemerkt, wo kommen wir denn da hin! Weil: Vieraugen, das sind immer die blöden Spielverderberkinder gewesen, die, sobald sie sich der unmittelbaren Bedrohung durch Wasserbomben oder hübsch durchgeeiste Schneebälle ausgesetzt sahen, sofort „MEINE BRILLE!“ gekreischt und sich selbst mit Immunität versehen haben. Vermeintlich. Doofis, jedenfalls. Jetzt könnte man einwenden, aus dem Alter sei man wohl heraus, doch weiß man’s besser, schließlich hat man sich schon oft genug den Scheegraupel aus den Ohren wieder herauspulen müssen. Was hab ich also ein Glück, dass der Winter meiner bislang ebenso wenig habhaft geworden ist wie ich des Videotextes. Oder auch Pech, weil das heißt ja, dass die letzte Bastion im Kampf gegen die Alltagsbrille gefallen sein könnte. 

Auf den Schreck der Erkenntnis muss ich erstmal eins trinken und geb ein „Highfive“ in die Bar77 (Luitpoldstraße), rufe „Hands Up“ ins Mach (Kaiserstraße) oder „We want revenge“ ins Cult (Dooser Straße). Friedlicher: „Rootsgarden“ in der Desi (Brückenstraße), „Superklub“ in der Rakete (Vogelweiherstraße), „3 Jahre Mitte“ (Hallplatz), nebenan die als „Bada Bing“ getarnten Yuccas im Stereo (Klaragasse) sowie die Haha-„Hüttengaudi“ im Marquee (Klingenhofstraße). Am Samstag wird’s bärtig bei „2 Jahre WHMC“ im Zwinger Keller (Lorenzerstraße), wacklig auf der Mississippi Queen („Rock that Boat Baby“, Donaustraße), funkig in der KKK („Funk Soul Brother“, Königstraße), beschwingt im Nano („Swing Ding Masters“, ebd.), maritim bei Resi („St. Pauli Nacht“, Klingenhofstraße), teuer im Planet („Las Vagas Night“, ebd.), rosa in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) und … ähm … anders im Terminal („80er/90er Party“, Flughafenstraße). Da lass ich die Brille dann aber definitiv lieber daheim.

Samstag, 15. Februar 2014

Pärchenverdienstkreuz

Eigentlich wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um ausnahmsweise mal so richtig vom Leder zu ziehen. Über Pärchen im Allgemeinen und den Valentinstag im Speziellen. Ich wollte mich gerne episch über diesen oktroyierten Zwangsharmonietag echauffieren, der mir rosaumwölkt und blumenbenagelt versucht zu suggerieren, dass ich ein Fehler in der Matrix bin, der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der niemanden hat, der mir noch schnell zum Feierabend ein praliniertes Irgendwas ersteht, „und danke für die Blumen von der Tanke, danke danke danke“… Ich wollte maulen über Pärchen, die den Kategorischen Imperativ noch nicht einmal denken können und mich permanent belästigen mit ihrem Dasein als fleischgewordener Brockhaus-Eintrag „Kugelmensch“ und als Jeanne d’Arc der Singles auf einem glitzernden Einhorn die Phalanx der WIRus-infizierten mit dem Flammenschwert durchbrechen, um unsere Welt von den Unterdrückern zu befreien. Es ist nur … Ich kann nicht. 
Weil ich Pärchen ja eigentlich total bewundernswert finde. Was die (sich) leisten! Nehmen wir beispielsweise eine Konzertsituation. Da steht man so und versucht einsam und in sich gekehrt ein bisschen der Darbietung zu lauschen … nein, man ist gezwungen, der Darbietung ausschließlich zu lauschen, dank der vor einem stehenden Personen, die bei der ersten Ahnung eines Moll-Akkords zu Siamesischen Zwillingen verschmelzen, die sich gegenseitig im Gesicht äsen und einem damit die Sicht versperren. Toll! Oder im Restaurant: A bestellt nicht, was er möchte, sondern befragt B nach ihren Wünschen, worauf B antwortet, sie würde lieber wissen, wonach es A verlangt, damit sie dann entsprechend das Wunschgericht des Liebsten für sich ordern kann für den Fall, dass A nicht zufrieden ist mit seiner Wahl und B aufopfernd ihr Gericht zum Tausch anbieten kann. Rührend! Oder eine Party: Während die meisten Anwesenden verzweifelt versuchen, Spaß zu haben und sich zu unterhalten, genügen sich Varianten von AB gänzlich selbst und verbringen den Abend damit, sich mit verklärtem Blick in einer Ecke räkelnd Träubchen in den Rachen zu stippen. Ganz und gar bezaubernd! 
Wie auch mir größten Respekt abringende Äußerungen à la „Du, ich weiß schon, dass wir uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen und auch erst vor 25 Minuten getroffen haben, aber der Hase hat Halsweh, und deswegen gehen wir jetzt nach Hause.“ Ich meine, das muss man sich ja erst mal trauen, wie auch, all seine Vorlieben und Prinzipien über den Haufen zu werfen, von Jetzt auf Hopp „Partnerlook“ als modisch vertretbar zu betrachten oder den Umstand, urplötzlich eine nie dagewesene Liebe zu Trekking-Urlauben durch Skandinavien zu entdecken. Insofern hat das alles schon seine Daseinsberechtigung mit diesem Tag (zu dessen Ehren der erste Ball übrigens angeblich 1950 in Nürnberg abgehalten wurde), den Tankstellenblumen, dem Nonplusultra-Kreativ-Retorten-Geschenk von „MyDays“. Ergänzend dazu schlage ich noch ein „Pärchenverdienstkreuz“ vor, für herausragende Verdienste in den Bereichen Selbstaufgabe und Entindividualisierung. Ich würde das dann auch feierlich überreichen, kein Ding. Werde Online-Petition hierüber starten, das macht man ja jetzt so. 
Derweil können die Singles mal feiern gehen. Die Pärchen auch, gesetzt den Fall, der Hase hat kein Halsweh. „Der schwarze Valentinstag“ in Resis Nachtklub (Klingenhofstraße) oder „Rudelbums“ in der Großen Liebe (Engelhardsgasse) wären passend, oder „Birdi’s Love the Love Night“ im Zentralcafé (Königstraße) oder „Freiküssen“ im Mach (Kaiserstraße). Sonst: „Pon Di Attack“ im Nano (Königstraße), „Lui Latino“ im King Lui(tpoldstraße), „Soulflight“ im Terminal (Flughafenstraße) und „Ensemble“ in der Mitte (Hallplatz). Am Samstag dann wieder für alle: „Veni Vidi Veekend“ im Stereo (Klaragasse), „Rosa Hirsch“ (Vogelweiherstraße) und „Why so serious“ beim Raketen-Nachbarn, „Retro Party“ im Parks (Stadtpark), „Bassdusche“ in der KKK (Königstraße), „Die Macht der Nacht“ im Cult (Dooser Straße) und das mit den FCN-Gedenkfeiern in den einschlägigen Etablissements kennt ihr ja. Ich pack jetzt mein Flammenschwert wieder weg. Muss die Hände frei haben für die Blumensträuße.