Freitag, 27. September 2019

Urlaubssport

Ich hab mich grad ein bisschen umständlich hinter den Schreibtisch geklemmt. Also ich möchte fast eher von einer Art Einhaken sprechen, wegen der mitschwingenden Steifheit. Weil so ein Haken, der geschmeidigt sich ja auch eher nicht mal in die eine Form und dann in eine andere, sondern muss halt schauen wie er klarkommt. Muss ich auch. Das liegt zum einen an dem Exoskelett, in das ich mich eingeklinkt hab. Sagst du: Hey prima, Exoskelett, das würd mir den Kieser ersparen und eh überhaupt jede Ertüchtigung, weil wenn du so ein schönes Exoskelett hast, dann flutschst du deinen Gallertkörper da morgens hinein und schon bist du in Shape und abends gießt du dich selbst auf die Couch hinauf statt ins Fitness! So weit, so richtig, nur handelt es sich im vorliegenden Fall nicht direkt um eine futuristische Rüstung, sondern lediglich um eine profane Jeanshose. Ja babababaurlaubdolcevitapfft! In erster Linie ist die frisch gewaschen. Deswegen muss man jetzt eigentlich ein bisschen flach atmen und liegen. Wenn man dann eine Stunde später feststellt, dass sich am Beklemmungsgefühl nichts geändert hat, kann man immer noch in Wehklagen ausbrechen. Oder halt Prophylaxe, so wie ich, und das ist jetzt der zweite Grund für die relative Steifheit, weil ich gestern – eine Frau, ein Wort! – meine großspurigen Ankündigungen in die Tat umgesetzt hab, meine Fördermitgliedschaft im Fitnessstudio in eine aktive rückzuverwandeln. Weil es ist ja so, dass man im Sommer eh dauernd sich so viel mehr bewegt als in einem Winter oder Herbst und Frühling. Man fährt ja andauernd Fahrrad, man geht ständig mit einem Schläger auf einen Ball hinaufdreschen, man schwimmt unzählige Kilometer, und nicht zu vergessen die Unterarmkräftigung beim Grillkohlewedeln. Wo man bei genauerer Betrachtung sagen muss, dass das eigentlich der Hauptsport war, weil für alles andere war’s bekanntlich zu heiß. Um nicht vollends zu verschrumpeln hab ich im Urlaub tapfer die tägliche Teilnahme am Aqua-Gym verkündet, schön vormittags eine halbe Stunde planschen, dann hat man sich den restlichen Tag Pizzapastaprofiterol schon wieder verdient, das machen sicher alle so! Zehn Minuten später bin ich im Krebsgang heimlich aus dem Spaßpool getürmt und hab die fünf älteren Damen, die in der Mitte behäbig geturnt haben, während vorne Modelmädchen ihre Instaskills gezeigt haben und außenrum 300 kleine und große Menschen schenkelklopfend Handyfilme gedreht, zurückgelassen. Ob es später erniedrigender war, mangels Badehaube aus dem Schwimmerbecken gebademeistert zu werden oder anschließend mit einer frisch erworbenen solchen – signalblau und drei Größen zu klein – Bahnen zu ziehen, weiß ich gar nicht so genau, möchte mir aber nicht nachsagen lassen, ich hätte es nicht versucht! Die Jeanshose spannt übrigens immer noch gewaltig. Ist schon verrückt, wie schnell sich so eine Muskulatur wieder aufbaut, nach nur einmal wieder ein bisschen Pilates. 

Bräsigsein

So, zum Glück ist das jetzt ersteinmal ausgestanden mit diesem Sommer. Also freilich weiß man natürlich das stimmt eh nicht weil jetzt herbstelts halt ein bisschen und dann sagt der Herbst zu seinen Spezln „Boah eh, viel zu anstrengend, mir langt’s!“, weil das ist so ein dicker kastanienrunder, der Herbst, so ein gemütlicher, der eh viel lieber selbst am Federweißen nuckeln möchte und Zwiebelkuchen, und dann schauen sich der Sommer und der Winter an und seufzen und dann gibt’s wieder Doppelschicht. So. Ich find das super, weil ich war ja auf der Jagd nach Bräsigkeit, und da liest du einmal genau und denkst spitzfindig: Das klingt schwierig. War es auch. Hängst du bräsig am Poolrand und hast grad bequem den Bauch auf die Knie abgelegt krault’s hektisch an dir vorbei und atmet Vorwurf und schlechtes Gewissen bei jedem dritten Kraul. Hockst du bräsig im Biergarten muss da unbedingt vorbeigejoggt werden, einszwei einszwei, und du so: oanszwoagsuffa, und schlimmstenfalls kennt dich der Vorwurfsblickwerfer dann auch noch. Also Flucht in nördliche Gefilde und Parkanlage und so ein schöner Kiosk und so gemütlich und dann auf einmal kommen gleich ganze Schwadrone angejoggt und nerven dich im Fünfminutentakt weil im Park die Runde nicht mehr hergibt. Aber wollt ich ja eh sehr viel lieber am See umeinanderbräsen. Das ist sehr augustlich, hab ich ja gedacht, und wenn ich nur weit genug hinaus fahr und dann weitab vom Trimmdichpfad, dann joggt dich auch keiner voll. Tja … „Der Sommer hat ein neues Geräusch!“, hab ich nach dem dritten Seeversuch konstatiert. Das klingt ungefähr so, als würde man auf einem Großparkplatz stehen, auf dem lustige Kinder alle prallgefüllten Reifen zerstechen. „PFRÖÖÖÖÖÖT … PFFFFFFFFFFFRIIIIIIIIIIIEEE … PFUUUUUUUUUUUUUUUH …“ So. Sind aber keine Reifen, sondern aufblasbare Stehpaddelbretter, kurz SUPs. Mit denen der Zwangsaktive jetzt eine weitere letzte Bastion der Faulheit erobert hat, nämlich den Badesee. Weil während hinter dir gejoggt wird, wird jetzt vor dir nicht mehr gefläzt, geluftmatrazt, geplanscht und getotermannt, sondern: gesuppt. Es durchkreuzen das Gewässer unzählige Bretter, auf ihnen die menschgewordene Galionsfigur in Konzentration, Würde und freilich Körperstahl zementiert, von links nach rechts und kreuz und quer und ja, es gibt den Verdacht, dass die so schauen wegen der Runterfallangst und dass sie heimlich aufsteigen hinterm Gebüsch, aber es tut schon sehr olympionique. Du so: Ah ok, lockerer Brustschwumm zu gefährlich, rasierklingt dir noch eins den Kopf ab vor lauter Pflug. Klarer Fall für Luftmatratze! Sagen wir mal so: Im Fortfolgenden spielen sich Szenen größtmöglicher Würdelosigkeit ab, in denen du gemeint hast, dass weit weg vom Ufer ja weniger Menschen beobachten können wie du deinen LSF-30-griffigen Leib aufs Luftbett hinaufgallertest und dann wie ein ausgebüxtes Geleestück darauf herumwaberst wegen Gleichgewicht. Und dann schaust du einmal auf und um dich rum und dann sind da überall um dich herum … naja. Ich hab mich dann einfach sanft von der Luftmatratze glitschen lassen. Bald kann man ja wieder Couch. 

Freitag, 13. September 2019

Aussperrkarma

Ich glaub ja nicht an viel so Esofirlefanz, aber an Karma glaub ich ganz feste. Dass man da so ein Punktekonto hat und wenn man nett ist wird das voller und dann hat man manchmal Guthaben und dann kommt wieder was zurück von einem anderen Karma oder so. Und deswegen glaub ich auch daran, dass das Karma schon alles richten wird. Menschen, die blöd sind, werden schon gerichtet. Also nicht hin. Aber halt: Die kriegen es eh immer zurück, man muss nur einfach sich entspannen und abwarten und dann kommt die Karmastrafe. Das gilt natürlich auch für Menschen, die zu mir blöd sind. Blöderweise gilt das – ja, nur fair – auch für mich, wenn ich zu Menschen blöd bin. Und so muss ich jetzt leider öffentlich Abbitte leisten auf den Knien, in die mich das Karma gezwungen hat, just nachdem ich mit feisten Backen mit der Ausführung über Adoleszenz und Vaterratschläge abgeschlossen hatte. Weil genau eine Stunde später bin ich 15 Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt auf einem Parkplatz gestanden und hab gerufen. „Ja!“, hab ich gerufen, „Ist gut jetzt, ich hab verstanden!!“ und dabei dem Karma mit der Faust gewinkt. Eben jener selben, mit der ich eine Sekunde vorher grad noch mit einem Wahnsinnstaucheinsatz wo du sagst: brennender Tiger durch Zirkusreifen ist nichts dagegen, in mein Auto hineingehechtet bin und mit der Handbremse freundlich ihm erklärt hab dass wir vielleicht lieber doch nicht ohne Gang, dafür aber schön Schwung weiter versuchen, in die Besucherparkplatzschranke einzudringen, sondern einfach kurz warten, bis geöffnet wird. Gestanden bin ich auf dem Besucherparkplatz umeinander, weil – da schon ein kleines Vorschussdanke ans Karma – mein Autoschlüssel in der Hosentasche war. Nicht in der Hosentasche war jedoch der Wohnungsschlüssel, stattdessen aber der vom Keller, und deswegen bin ich vorher im Verschlag gestanden, hab aufs Kistl altes Bier geblickt und mich gefragt, ob eine Option sein könnte, einfach mich aufs Bierkistl zu legen, zu schauen, wie weit es her ist mit dem Verfallsdatum, und dort ein bisschen zu weinen. Weil in die Wohnung hinein hab ich nicht können und auch sonst nichts tun. Das war um ehrlich zu sein schon auch mal mein Ursprungsplan, „gar nichts machst du heut Nachmittag, das wird wunderbar“, und ein bisschen hab ich mir die Ohren zugehalten dabei, damit ich die freilich übrige Arbeit nicht so laut rufen hab hören müssen. Aber schau: Wünsche ans Universum funktioniert auch. Aber wie man’s macht macht man’s falsch. Jetzt ist man freilich doch ein bisschen erwachsen geworden und hat darum natürlich Wohnungsersatznotschlüssel um sich herum verteilt, also zumindest einen, und aber den schön grad über die Straße drüber, wenn’s einmal pressiert. Nur wenn’s einmal pressiert dann sind Wohnungsersatznotschlüsselinhaber leider sehr weit weg, also um genau zu sein einer von beiden in Hamburg zufällig, da hab ich also noch Glück gehabt mit den 15 Kilometern nur im Süden. Jetzt jedenfalls bin ich ganz verschwitzt. Vielleicht sollt ich mich doch einfach im Keller aufs Bierkistl kringeln und Helm tragen und abwarten, was noch so passiert. Schlimmstenfalls findet man mich dereinst als Axolotl wieder.

Freitag, 6. September 2019

Seetag

Ich hatte ja nach Ende der Festivalsaison angekündigt, in ein tiefes Loch der Beschäftigungslosigkeit zu fallen, weil plötzlich soll man nicht mehr einfach mit der Schafsherde in Innenstädten, Fußballstadien und Flussbetten umeinanderlatschen und Musik lieben, sondern sich selbst um eine Freizeitgestaltung kümmern. Kurz hab ich nachdenken müssen und dem Gefühl von augustlicher Bräsigkeit nachspüren, das war irgendwo tief noch drin in mir, und dann ist mir eingefallen dass man ja unbedingt mit dieser Bräsigkeit an Badeseen fahren muss und dort genau eins tun: bräsig sein. Mit Buch und riesigen Paketen mit Reissalat und Schinkensemmeln und Melone und Ballspielen für Bewegung beziehungsweise fürs Gewissen. Und los! Meinem Wunsch, im Morgengrauen schon zu starten wurde allerdings weitestgehend nicht entsprochen, und schon war’s vorbei mit der Bräsigkeit. „DANN LOHNT SICH DAS DOCH ÜBERHAUPT NICHT!!“ hab ich gezürnt und Taschen wieder ausgepackt und Reissalate in den Ausguss und Krawall weil alles kacke und zu kurz und gleich zu Hause bleiben. Es war 12 Uhr, die Reaktionen irritiert: „Es ist fei erst 12 Uhr“, hieß es, „was willst denn du da machen bis zum Abend?“ – „BRÄSIG SEIN!“, hab ich getobt und Tränenrotz verschmiert und dann erzählt: Vom Omageburtstag im August und dass da deswegen das ganze Rudel. Vom Hasenstall und Streicheln und plötzlich Hasenbraten und Böhmische Knödel. Von Pergola und Kamin und grünem Veltliner in Zweiliterflaschen und undichter Korken offenbar wegen zügiger Verdunstung. Vom Weingut im Nachbarland und dass wegen Nachschubbeschaffung die Erwachsenen zum Vorwand Badetage anberaumen. Dass Kinder dann mitten in der Nacht (7 Uhr) aufstehen müssen und ohne Frühstück („Das gibt’s wenn wir da sind.“) unfassbare Strecken (60 Minuten) grenzüberwindend (manchmal mit, manchmal ohne Pass) vorbei an Marktl (Papst), Burghausen (Mauer), Fucking (hihi) reisen an den See. Dass Gäste dort beobachten, wie aus drei Autos 20 Personen, zwei Liegestühle (für Opa und Oma!), 100qm² Decken und Handtücher (für die anderen), Sonnenschirmebadmintonluftmatratzenbälledreiräderkinderwägen UND mehrere Kühlboxen quellen, auf die sich das ganze Rudel sogleich unter größtmöglichem südländischen Gezeter stürzt und völlig ausgehungert das komplette Tagesmahl verschlingt, weswegen später unter der strengen Omaregie ein Teller Pommes für alle reichen muss, weil es gibt ja dann nach Seedurchquerungbadmintonschwimmtrainingsonnenbadentirolernussölweißbieruno erst Veltlinerkisten auf Kinderschöße und dann im unter anderem für seine idyllische Inn-Lage bekannten Braunau Schnitzel und Kaiserschmarrn. Um dann später, viel später in einer Pergola am Lagerfeuer zu sitzen und dem Veltliner beim Verdunsten zuzusehen … „… und das ist meine Lebensschablone für ‚Seetag‘“, hab ich referiert, „Und bräsig muss man doch auch noch sein. Wie soll das gehen in nur zwei Stunden oder drei?“ Sagen wir mal so: Überzeugung kann ich. Schüssi! 

Freitag, 30. August 2019

Sommergeruch

Kennt ihr das wenn man in so ein Freundschaftsalbum hineinschreiben muss damit man nach drei Jahren Grundschule endlich einmal weiß wem man da immer Popel an den Rücken schmiert oder später bei so Fragebögen jeglicher Couleur, da steht dann sowas wie „Was ist dein Lieblingsgeruch?“ und dann schreibst du je nach Alter oder halt Erlebnishorizont hinein „Schnitzel“ oder „Jil Sander SUN“ oder „Tankstelle“. Oder es heißt gern auch einmal „Wie riecht für dich der Sommer?“, und dann krakeln die Menschen, die dir sonst auch gern einmal nachdenkliche Sprüche schicken oder sich Carpe diem auf den Steiß hinauf haben tätowieren lassen, mit Glitzergelstift auf die Zeile „Straßen nach dem Regen“ oder „Tiroler Nussöl“ oder „frische Wodkamelone“. Die vielleicht nicht ganz so romantisch angehauchten „aufgeplatzter Teer“ oder „Geschweißel in der U-Bahn“ oder „Grillfleisch“, vielleicht auch „so eine feine Melange aus fermentiertem Fisch und frisch Exkorporiertem“ (vgl. Wöhrder See, der) oder „Vanilleduftbaum“ oder ich weiß auch nicht, was einem da noch alles so einfallen könnte, Wartezimmer oder Umkleide find ich auch gut, generell eh alles was von einer Menschenansammlung verunreinigt worden ist, dazwischen ein Limonenkerzerl. Jedenfalls bei mir ist das so, dass ich schon sakrisch lang nicht mehr irgendwohinein hätt schreiben dürfen, wonach für mich der Sommer riecht, keiner möcht mich also kennenlernen, niemand fragt, und deswegen frag ich mich: „Katharina“, frag ich, „wonach riecht für dich der Sommer?“ und dann hol ich sehr, sehr tief Luft und die blas ich dann in eine große Tröte und hintnach schrei ich laut „NACH LEBKUCHEN, HIMMIHERRGOTTSAKRAMENTPFUIDEIFI!“ Weil das musst du dir einmal vorstellen, lebst du nicht nur in der Stadt die ausschließlich und der ganzen Welt nur wegen dieser Backware geläufig ist, nein, da musst du auch noch akkurat so wohnen, dass unbedingt auch ja jeder einzelne Fabrikschlot, wo du weißt, unten innendrin Wichtelgeschwader und Massenproduktionsstart und Orangeat und Zitronat und Mehl und Zimt und Nelke und Jinglebells und Honig und überhaupt der ganze klebrige Gatsch, jeder einzelne muss auch noch eine Abluft in die Stadt hinaus haben, nicht etwa vielleicht dass man die Abluft unterirdisch legt in die Westvorstadt beispielsweise oder meinetwegen in ein jedes U-Bahn-Tunnel, nein, es bläst mir alles ins Gesicht hinein! Im August!! Und du schnaufst und radelst und werkst und halluzinierst von Meeresbrisen und der Heumaht und ja meine Güte zur Not auch von Jil Sander, aber doch nicht willst du, dass der schlimmste aller Wintergerüche, weil es handelt sich hier eindeutig um einen Winter-Geruch!, mitten im August dir die Atemwege verklebt so dass du lieber in den Wöhrder See hineinatmen würdest als auch nur noch eine Sekunde die Nase aus einem Nordstadtfenster strecken! Papiertüte! Ich brauche eine Papiertüte! Mit Grillfleisch drin! 

Freitag, 23. August 2019

Adoleszenz

Die Adoleszenz, glaub ich einmal gelernt zu haben, ist diese arg diffuse Zeit zwischen „Ich darf mich noch auf den Boden werfen und schreien wenn ich den Lolli nicht krieg“ und … ja, also eben nicht mehr. Offiziell, schau ich lieber noch einmal nach, ist es der „Zeitraum von der späten Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein“, und da würd ich einmal sagen, bis zum „vollen Erwachsensein“ hat der Mensch wie’s halt so geht gelegentlich Rückschläge zu erleiden. Oder Tiefpunkte. Es kann sein eine Scheidung vielleicht oder die Abkehr vom Lieblingsverein wegen Ruhmunreichheit, vielleicht muss eins auch einsehen, dass das ewige Talent nie gepflückt wird oder irgendwo ein anderer nicht Platz zum Nachrücken macht. Oder der persönliche Tiefpunkt in der Erwachsenenmenschwerdung lautet so: „ … ja und dann, Tochter, musst du dir auch langsam einmal überlegen, was du zum Essen mitnehmen möchtest.“ Und da hab ich grad nocheinmal genau nachgeschlagen im Brockhaus und gelesen, dass „unter anderem eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern entwickelt und eine Akzeptanz der eigenen Erscheinung erreicht (Phänotyp, Autonomie)“ werden soll, in der Adoleszenz. Und so wirst du ganz schnell wieder eingespurt auf deine Position. Weil es war so, dass ich mir einbild, ich tät einmal gern in einen Urlaub fahren. Und weil ich das zum allerersten Mal in meinem Leben mach, hab ich den großen Weis(s)en befragt ob er mich vielleicht ein bisschen unterstützen möchte. Nicht monetär, sondern mit der Weisheit eben. Sogleich hab ich in Windeseile eine Route ausgearbeitet bekommen mit allen Stops zum Wurstsemmelvorratauffrischen und wo eine Bodenwelle sein könnt oder auch ein Blitzer zum Vorherlieberbremsen und an welchem Ort der Kaffee um die Ecke günstiger ist als am großen Platz. Ich hab gehört welche Wege nur in meiner Welt funktionieren und in Echt dann aber doch gar nicht, wo man vorher was zu tun hätt um hinterher nicht blöd zu schauen. Es ging um Auslandskrankenschutz und ADAC, um Plastiktütenvorräte wegen Wetter und ob der Kühlschrank auch ganz sicher für 12 Volt, um was man vorher schon einmal ankündigen und am besten anschauen könnt wegen der Eventualitäten und Ausarbeitung von Plänen B bis F. Ich, ganz erwachsen, hab genickt und gehört und gelernt weil wie wir ja zum Beispiel auch aus der Stadtverwaltung kennen haben ältere Herren oder manchmal auch Frauen die schon lang auf der Welt umeinanderausprobieren immer recht und Neues ist gefährlich. Und dann aber eben das: „ … überlegen, was du dir zum Essen mitnehmen möchtest.“ –„ICH FAHR FEI NUR NACH ITALIEN!“, ist mir da ganz kurz die die Kontenangse ausgerutscht. „Soweit ich weiß ist das trotz aller aktuellen Entwicklungen selbst im Durchfahrtsland noch EU, und weder der Lidl noch der Hofer haben ihre Truppen abgezogen! Und es sind auch noch drei Wochen!“ Auf den Boden geworfen hab ich mich nicht. Aber … es sind ja noch drei Wochen. Ich adolesziere ganz entspannt vor mich hin. 

Freitag, 16. August 2019

Geh-Weg!

Also, so eine Woche später würd ich einmal kurz zwischenbilanzieren mögen und sagen: Hat gut geklappt, mit dieser Ablenkungstaktik, dass der Fuss e. V. jetzt einmal ein bisschen anderweitig beschäftigt ist, aber hey, was der Frodo kann mit Auge und dem Saruman, das können wir schon lang. Schwupps Tretroller auf die Straßen und … Ach nein, ja eben nicht: Auf den Gehweg, muss das heißen, weil wenn man das einmal richtig aussprechen würde mit der Betonung nämlich auf der zweiten statt der ersten Silbe, dann wüsste man schon längst Bescheid. Jedenfalls hat also, kann ich freudig verkünden, in der letzten Woche völlig überraschend niemand versucht, mich umzubringen. Außer einmal ich mich selbst, Badewanne und so, aber da steckt man halt nicht drin. In den Mordanschlägen auch nicht natürlich, ich weiß schon, dass das jetzt eh auch gar nicht fair und der Bürgersteig ist ja nunmal für den gehenden Bürger da und für den fahrenden nicht, für den rollenden auch nicht, nur vier Räder, und für den auf dem Fahrrad sitzenden und aber mit den Füßen am Boden mitpaddelnden auch nicht, weil da ist er zwar viel langsamer als so ein Geher und noch viel schmaler als ein Schieber sowieso, aber zefix noch eins er sitzt! Und das darf nicht sein am Trott-oir, da sagt ja auch schon der Name, was gefälligst zu tun ist. In der Verteidigung des Rechts entwickelt der Trottel … Trottler … Trotter, jetzt! Also der Trotter Superspezialsuperkräfte, das musst du auch erst einmal erlebt haben. Zum Beispiel ist eine meiner Lieblingssuperkräfte, die ich wirklich auch gern hätt, die, dass wenn du von hinten so ein vorsichtiges „Achtung ich schieb mich mal vorbei, mach bitte keinen Quatsch“-Klingeln aussendest, dann ist das scheint’s ein Geheimsignal für plötzliche Ertaubung + Körperumfangsverfünffachung + Störung im Gleichgewichtssinn weil auf einmal muss der Mensch breitbeinig umeinandertorkeln. Du wärst einfach nur gern vorbeigeschlichen, aber geht dann nicht. Manchmal passiert auch dass denen blitzschnell ein langer Arm wächst, so GoGo-Gadgeto-Arme, nur leider befindest du dich in der Streckbahn und dann kann das schon einmal passieren dass der Superkraftarm dich auf die Straße schiebt. Saublöd, aber was willst du machen. Ganz besonders verrückt war einmal ganz jetzt erst, da hat eine Omi, so eine ganz hadscherte kleine würfelförmige, ganz plötzlich hinter mir einen Turbo angeschmissen wo du sagst, Sprintolympiade nix dagegen, und wie man das kennt auch aus der Formel 1, da kracht’s auch gern direkt einmal beim Start, und genau so hat die Omi mich ganz aus Versehen im Vorbeirennen vom Radl gewrestelt, wohl hat sie Wichtiges beim Einkauf vergessen und darum gerufen „Du dumme Ursel!“, fast beinahe direkt hinauf auf die Hauptverkehrsstraße wär ich geflogen. Da hab ich dann schon einmal freundlich in einen Hauseingang gebeten und gefragt, was jetzt da genau passiert ist, und stell dir vor, „Ich wollte vorbei!“ Ja schau, da kannst du nichts machen, Superkräfte kommen wie sie wollen. Wie beim Pumuckl. Dass mir neulich nahegelegt worden ist, ich soll mein Radl doch gefälligst auf der Straße schieben und nicht am Geh-Weg!, da weiß ich immer noch nicht, ob ich das geträumt hab.