Freitag, 9. Juni 2023

Paarradfahrer

 

Schönen guten Morgen, es ist Freitag, der 87. Februar 2023, es war neulich kurz für 48 Stunden Frühling, und schon haben wir ein neues Problem. Als wäre der Straßenverkehr nicht ohnehin schon Brennpunkt genug – Roller, Autos, Rollstühle, Kinderwägen, Skateboards, Füße, Krücken sowie Berufs-, Sport- und Alltagsradler kämpfen erbittert um jeden Quadratmeter Raum, in dem tagtäglich gedrängelt, geschubst und nach allen Regeln der Kunst ausdarwiniert wird – ist dieser Raum ab dem ersten warmen Sonnenstrahl auch noch Schauplatz für eine ganz bemerkenswerte Spezies, die ausschließlich zu zweit auftritt und optisch deutlich vom Rest unterscheidet: die Paarradfahrer. Von denen gibt es zwei Gruppen. Der ersten fällt in dem Moment, in dem das Thermometer 20 Grad erstmalig übersteigt, ein, dass man sich doch letztes Jahr diese super Styloräder gegönnt hat, auf dem schon Dingens so irre sexy durch L.A. gecruist ist oder irgendwer bei Insta mal gesagt hat, damit würde radeln echt Spaß machen. Paarradler machen sich sogleich ans Werk (Youtube-Tutorial: Reifen aufpumpen), denn es stehen nicht Fort- oder gar Bewegung im Vordergrund, sondern Style und Romance, und weil man wegen Style auch sonst nicht so viel Fahrrad fährt, weil dabei Frisuren, Fingernägel oder Lippen verrutschen, das neuste Teil aus der Vanilla-Kollektion verschmutzt oder Handyketten sich in Lenkern verheddern hat man auch nicht so viel Übung auf dem Zweirad … Entsprechend erkennt man auch diese Paarradler vor allem daran, dass sie aufgedonnert wie zur Oscar-Verleihung (überall diese Paparazzi, man kennt das) instabil über die Straßen zittern und diese stets versperren, weil sie sich gegenseitig anhimmeln oder fotografieren müssen. Nach erschöpfenden drei Kilometern lassen sie sich unter einem Kirschbaum nieder und machen Fotos mit Lillet – o Schatz, so ein toller Ausflug! Die zweite Gruppe heißt Heinz und Ursel. Heinz hat den ganzen letzten Sommer damit verbracht, Testberichte zu studieren, das Wissen in Radler-Foren zu vertiefen, sich mit Verkäufern anzulegen („UND SOWAS SCHIMPFT SICH FACHMANN!!“) und sich selbst zum Experten auszubilden. Dann hat Heinz dem Sale aufgelauert, um dort das beste E-Bike zu erwerben, das das Internet zu bieten hat, sowie eine Allwetter-Ausrüstung vom Marktführer („Die sponsern die Tour de France!“) inklusive schnittig spiegelnder Rundumschutz-Brille. Anschließend bestellt Heinz für Ursel das Gleiche Paket nochmal, weil man hat ja das Optimum bereits gefunden, nur halt in anderer Farbe, damit es nicht so auffällt, aber sich auch nicht beißt. Anschließend düsen Heinz und Ursel in baugleicher, farbähnlicher Ausstattung beim Paarradausflug durch die Straßen, schauen nicht grimmig, sondern konzentriert und klingeln viel, weil ihnen der Powerakku nicht geheuer ist … Ich wünsche allen Pärchen einen schönen Frühling. Der Mann und ich gehen jetzt radeln. Ohne Akku.

Wann ist eigentlich Nachmittag?

Rückschau: Es ist 1996, meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee, derweil ich – jung, schön und unverstanden – auf einem Campingplatz am Atlantik stehe und freudig auf ein Date warte mit einem der vielen Knaben, in die ich zum wiederholten Male innerhalb drei Wochen unsterblich verliebt bin, seitdem ich ihn wenige Stunden zuvor mit der untrüglichen Spürnase der weltweiten Bewegung „Teenager against Parents‘ Supremacy“ beim Abspüldienst entdeckt und nohschaloh angesprochen hatte: „Must you be on vacation wiz your parents also?“, woraufhin man sich schnell einig und für den Abend verabredet war. In der Folge starb ich nicht nur an gebrochenem Herzen, sondern lernte ein wichtiges Stück englische Linguistik: Sagt der Deutsche „halb acht“, so meint er 19.30 Uhr. Sagt der Brite jedoch „half eight“, so hat er nur das Wörtchen „past“ verschlampert und spricht ergo folgo von 20.30 Uhr. Warum erzähle ich das? Weil auch dieser Winter vermutlich irgendwann zu Ende und es „nauswärts“ geht, was unweigerlich Verabredungen mit sich bringt und demzufolge Missverständnisse, die sowohl kultureller als auch edukativer Natur sein können. Beispiel Nord-Süd-Gefälle: Der Preuße ist bekanntermaßen sowohl unkultiviert als auch weist er edukative Defizite auf. Entsprechend ungeschickt ist er beim Artikulieren von Uhrzeiten und bringt dauernd alles durcheinander. Sagt er „dreiviertel zwei“, so meint er 13.45 Uhr und tut recht gschaftig umeinander. Respondiert man dann jedoch „du, ich schaff erst Viertel drei“, so wird er bleich und zittrig und empört sich, „was soll das für eine Zeit sein“, es müsse ja wohl „Viertel nach zwei“ heißen, woraufhin du dich mit der Überlegenheit bayerischer Kultiviertheit zurücklehnst, appeasent lächelst und sagst „ja gut, dann machen wir doch gleich dreiviertel nach zwei – oder lieber halb nach zwei?“ Und dann kannst du wetten, dass es dem Preußen auch wieder nicht passt. Merke: Viertel, halb, dreiviertel der nächstfolgenden vollen Stunde, himmisakrament. Und dann das mit dem Nachmittag. Machst du aus „wir treffen uns am Nachmittag“, dann ist der eine beleidigt, weil er um 16 Uhr seit 14 Uhr wartet, derweil der andere um 16 Uhr überhaupt erst Schuhe bindet, um sich um 17.30 Uhr zu treffen. Wir (ich) einigen uns jetzt also einmal auf das, was wir schon in der Schule (Bayern) gelernt haben: Mittag = 12-13 Uhr, Nachmittag = 13-18 Uhr, Abend = 18-23 Uhr, dann unspezifische Uhrzeiten großer Dunkelheit, Morgen = abhängig vom individuellen Lebensalter 5-7 Uhr oder 10-11 Uhr, dann entsprechend unspezifische Stunden vor dem Mittagessen. Jetzt Feintuning: FRÜHER Nachmittag = 13-14.30 Uhr, SPÄTER Nachmittag = 16.30-18 Uhr. So. Ab sofort sollte nichts mehr schiefgehen. Ich wünsche viel Freude bei allen Verabredungen. Wenn irgendwo ein Brite lauert – Obacht!  

Donnerstag, 20. April 2023

500. Jubiläum

 Ich sitze vor einem weißen Blatt Papier, habe bereits die Spülmaschine ausgeräumt, eingeräumt und lieber nochmal umgeordnet, habe die Wäsche abgehängt und wegen Spaßhaushalt und Lustigkeit die Sachen des Mannes falsch einsortiert, habe gestaubsaugt und beinahe noch die Fenster geputzt, bevor ich mich nach einem mahnenden Selbstgespräch an den Schreibtisch gesetzt habe, um mir dort nichts sehnlicher zu wünschen, als dass Dumbledore käme und mit seinem Zauberstab Gedanken aus meinem Kopf ziehen und mir so die schlimmste aller Sachen abnehmen würde: den ersten Satz. Dieses Spiel spielen wir (ich) heute zum 500. Mal, und ja, auch mir fällt angesichts dieser Zahl ein berühmter Satz ein: „Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Ganz so stimmt’s aber nicht, denn natürlich kenne ich alle Tricks und Kniffe zum Thema „Schreibblockade“. Zum Beispiel: „Habe immer ein Notizbuch bei dir, in dem du genialistische Einfälle und Alltagsbeobachtungen sogleich notierst.“ Was die vom Ratgeber nicht schreiben, ist, dass man ja oftmals bis meistens beim genialistischen Einfall gar nicht alleine ist, weil der größte Spaß kommt halt im Gespräch, und dass das Gegenüber in dem Moment, in dem du „das muhuhuhuuuss ich ahahahaaaufschreiben!“ japst, laut loskreischt: „WEHE, DU SCHREIBST DAS AUF!“ Weil ich dem argumentatorisch nichts entgegenzusetzen habe, folge ich artig bis eingeschüchtert aus Angst vor gesellschaftlichem Verstoß. Manchmal. Doch auch wenn es der genialistische Einfall auf einen Zettel geschafft hat, muss das noch lange kein Heilsbringer sein. Vor mir aufgefächert liegen just in diesem Moment sehr viele solcher Zettel, auf denen sich irgendjemand mit meiner Handschrift in Geheimsprache Notizen gemacht hat. Manches erkenne und erinnere ich (Balkon nicht betretbar weil Spinne; wollte Baden -> Whg ausmisten, Overequipment / Spikes Saustoffflaschen). Anderes – mysteriös: unverbindliche Handlungsempfehlung; Red panda pillow; ironisches Präprekariat; Dinge auf Straße; Wäsche waschen – TaTu vergessen; Schwarzarbeit/ Schwarzfahren; Papa = 1. Hipster; tight am sein so; Empörio-Armani; im Spiegel anschauen beim Sport (sexy vs. Schlaganfall); SÖDER = Franke streicht Oktoberfest!; zeitinkonsistente Präferenzen; Shampoos ≠ Schampus; Menschen, die als nervige Kinder altern; wann ist „Nachmittag“?; Gelsenkirchner Barock; Fitness vs. Fettness … Und so weiter und so fort. Jedes dieser Rätsel umgibt der sternspeiende Nimbus einer zündenden Idee – an die ich mich mit Müh und Not ansatzweise, tendenziell aber null mehr erinnern kann. Werde als künftig meine Zeit damit verbringen, diese Rätselnotizen zu entschlüsseln und damit das gefährliche Leerpapier zu füllen. Damit krieg ich nochmal 500 Sofas voll. Locker.

Freitag, 31. März 2023

Froschlaich

Mama sagt, ich habe verschiedentlich überzogene Kindheitstraumata und müsse darüber endlich mal wegkommen. Ich sage: NEIN, vielmehr muss ich sie euch unter die Nase reiben bis zu dem Tag, an dem meine Kinderseele in ihrer tiefen Verletzung gesehen und in einem feierlichen Ritus mit Luftschlangen, Pumuckl-Torte und Topfschlagen geheilt wird. Zum Beispiel durfte ich nie eine Seekuh haben. Auch keinen ollen Hasen oder so. Unmöglich! Jeder, also wirklich JEDER hatte damals nebst pinkschreiender Barbie & Ken-Vollausstattung mindestens ein Haustier, mit dem er oder sie superpflichtbewusst morgens vor der Schule, mittags nach der Schule, nachmittags nach der Hausi und dann abends nach dem Sandmännchen ellenlange Runden bei Wind und Wetter an der Leine gedreht hat, ausgefeilte Röhrensysteme durchs ganze Haus konstruiert oder unter Einhaltung höchster hygienischer Vorschriften mehrfach täglich das Wasser gewechselt, ohne dass die Eltern da auch nur ein My an Arbeit gehabt hätten, ich schwör! Dieser Schwur stieß jedoch auf Ohren, die prophylaktisch mit Katzenstreu, Hirseknödeln und Leckerli verstopft und darob ausgesprochen taub waren. „Haustier“, donnerte es vom Vaterstuhl, „bedeutet Verantwortung und Unfreiheit, und damit haben wir ja mit dir bei Gott genug zu tun!“ Ich war maximal unverständig und mittelschlimm empört, spannte meinen kleinen Bruder an die Leine und führte ihn Gassi durch die Straßen des Speckgürtels, was er dankbar annahm und artig wieherte, wann immer ich ihn „Minipony“ rief. Randnotiz: Hier bislang noch keine Beschwerden über Kindheitstraumata, scheint also alles pädagogisch korrekt gewesen zu sein. Später, als ich Punker war und mir Mühe geben musste, meiner wohlgenährten Mittelschicht auch nur ansatzweise anarchistisch-benachteiligten Anschein zu verleihen, half ich nach, indem ich statt des Bruders eine gefährliche schwarze Bestie an die Leine spannte. Die Bestie hieß „Tobi“, war der Nachbarshund und süßeste Labrador der Welt, aber nachdem ich eine Lederleine samt extra-fiesem Nietenhalsband organisiert hatte und damit die superpeinliche rote Rückholleine ersetzte, wann immer wir auf Tour gingen, war meiner 14-jährigen Street Credibility beinah durch nichts mehr beizukommen, wenn man mal von der Zahnspange absah … Warum erzähl ich das gleich wieder? Ach ja richtig. Ich hab Froschlaich gefunden. In einem Rinnsal war ein Amphib dumm genug, eine Tonne Eier abzulegen, gleichwohl jeder Dussel sieht, dass das Rinnsal austrocknet, sobald es nicht mehr Sturzbäche regnet, also morgen. Das Kind in mir schreit: NIMM ES MIT! HOL ALLE GURKENGLÄSER, DIE DU HAST, UND NIMM SO VIELE EIER, WIE DU TRAGEN KANNST! UND BALD HABEN WIR DUTZENDE HAUSTIERE!! Ich finde das einen einleuchtenden und österlichen Gedanken: Kühlschrank, Regalbretter, TV-Möbel alles voller Eier. Der Mann wird sich freuen. Soll ich … ?

Freitag, 24. März 2023

Forsüzie

Neulich musste ich rausgehen, weil es hat sich nicht vermeiden lassen, dabei hab ich’s daheim grad so schön gemütlich mit meiner Großbaustelle vor dem Fenster, und allein das Durchschreiten der Haustüre ist aufgrund auf dem darüberliegenden Sims nistender Tauben höchst gefährlich – wie soll also so ein Ausflug werden, wenn man ihn mit einem weißen Flatsch auf dem Scheitel zu beginnen droht? Aber ich hab’s geschafft, und draußen alle so „AUSZIEHEN!“ und Hormone und Knutschi und Cabrio und Übermut. Meine Güte, is‘ ja gut. Damit jedoch der ekelhaft-überbordend guten Laune Einhalt geboten wird, haben das Leben im Allgemeinen und die Natur im Speziellen gewisse Institutionen etabliert, die in dieser ganzen Frohsinnsinkontinenz launevergrätzend für Ordnung sorgen. Heuschnupfen, Reifenwechsel, Fensterputz und habt ihr schon diese Atommücken unten am See gesehen? Das kann ja heiter werden. Aber bevor ich mir eine mobile Umkleidekabine als portables Moskitonetz umbaue, muss ich dringend ein paar Wort verlieren über den mir von der Natur großzügig bereitgestellten Aggressor: die Forsythie. Es beginnt damit, dass ich den Namen nachschlagen und mir am schweren Brockhaus den Finger verstauchen muss. Ich meine, was soll denn das bitte sein? For-sü-zi-e. Das klingt schon wie Heinz-Eberhard, und genau so verhält sie sich auch, die alte Strebsau. Während die gesamte Welt so ganz langsam mit vom Winterschlaf schwerst verquollenem Gesicht in Erwägung zu ziehen beginnt, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, hüpft ganz vorne in der ersten Reihe schon längst die Forsüzie auf einem Bein, hat die gelben Arme schnipsend nach oben gereckt und schreit „ICH! ICH! ICH!! Ich bin schon da, ich weiß es, ich hab extra Fleiß-Hausi gemacht und lass niemanden abschreiben!“ Die Forsüzie ist die Lisa Simpson der Frühblüher, eine knallgelbe Nervensäge, die einzig und allein dafür verantwortlich ist, dass jedes andere Lebewesen wie ein lahmer Faulpelz erscheint und dann vermutlich, wegen self-fulfilling prophecy, auch noch zu einem solchen wird, weil wer lässt sich schon nicht einschüchtern von diesen Überpflanzen, gegen die man eh von vornherein zu verlieren weiß? Wer will denn auch nur versuchen, Emily Dickinsons Satz „Hope is the thing with feathers“ auf Anhieb fehlerfrei auszusprechen, wenn sich vorn der Heinz-Eberhard räkelt und mit dem bereits in der Vorschule absolvierten Toefl-Test hämisch den Mittelscheitel kratzt? Genau, niemand außer den anderen Heinz-Eberharden und Lisa-Maries. Und deswegen betrachte ich jede einzelne Forsüzie als persönlichen Affront. So eine Magnolie, das hat halt Stil. Ein volles Jahr divenhaft herumkaspern, und dann macht’s BÄM und alle so „BOAHLECK!“ und nach drei Tagen sagt die Magnolie „So Leute, das war’s, ich hol mir jetzt erstmal ein Glas Schampus!“ Recht hatse! Wenn euch nachher Menschen sportiv entgegenjoggen, fragt sie, ob sie Heinz-Marie heißen und Forsüzien im Vorgarten kultivieren!

Freitag, 17. März 2023

Künstliche Unintelligenz

 Ich führe mit meiner Mama ein wirklich ausgezeichnetes Mutter-Tochter-Verhältnis, das auf großem Respekt, gegenseitigem Verständnis und Interesse füreinander basiert und geprägt ist von regem Austausch und tiefen Gesprächen. Zum Beispiel so: (Mama) „Ich weiß wirklich überhaupt nicht, wie dir da jeden Freitag irgendwas einfällt, ich wüsste da ja immer nicht, was ich schreiben sollten.“ – (Ich): „Ja du, ich um ehrlich zu sein ja auch nicht.“ (Mama): „Sollen wir was kochen?“ (Ich): „Ja ok.“ Umso größer war selbstverständlich die Verlockung, diesen schlauen Textroboter auszutesten, über den sich momentan so viel gefreut, vor dem sich aber auch gefürchtet wird, weil wenn ein Roboter künftig Texte schreibt, haben Textmenschen auf lange Sicht bald außerplanmäßig viel Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Morgens lang im Bett bleiben bis ungefähr am Nachmittag, dann ein paar Briefe von Ämtern ungeöffnet wegwerfen und Ravioli warmmachen. Auf kurze Sicht könnten sie aber auch viel Stress ersparen und wie in meinem Fall viel Geld, weil ich dann keine Praktikanten mehr dafür bezahlen müsste, sich Kolumnen aus den Fingern zu saugen, während ich lang im Bett liegen bleib und .. naja. Ich also: „Hallo lieber Chatroboter, schreibe lustige Glosse über Geburtstage im Sommer und im Winter.“ Es hat dann ein bisschen gedauert und gerattert, dann schrieb der Roboter eine dialektische Erörterung über das vorgegebene Thema von Qualität und Unterhaltungswert wie Durchschnitt 5. Klasse. Ich: „Das ist nicht lustig.“ Chat: „Tut mir furchtbar leid, ich versuch’s gleich nochmal.“ Drei Versuche später, in denen meine Anweisungen so konkret wurden, dass die Glosse eigentlich fertig war, und die exakt eine sinnvolle Roboter-Idee hervorgebracht hatte („Es gibt jedoch auch Menschen, die eine andere Lösung gefunden haben – sie feiern ihren Geburtstag einfach zweimal im Jahr! … So haben sie das Beste aus beiden Welten und auch doppelt so viele Geschenke.“) schrieb ich enttäuscht: „Du bist nicht lustig. Du kannst keine Glosse schreiben.“, was den Roboter in digitale Tränen ausbrechen und um Verzeihung betteln ließ – was ich zu gewähren gewillt gewesen wäre, hätte er mir zu Beginn unserer netten Unterhaltung nicht meine eigene Existenz verleugnet und einen Anruf bei der Chefredaktion erforderlich gemacht („Wer ist Katharina Wasmeier?“ – „Es gibt keine Katharina Wasmeier.“ – „Äh doch. Katharina Wasmeier lebt in Nürnberg, ist Journalistin und schreibt für die Nürnberger Nachrichten.“ – „Kann schon sein, dass das früher mal so war, jetzt jedenfalls nicht mehr.“). Bleibt die Frage: Wie komm ich an meine Ideen? An dieser Stelle möchte ich die sendungsbewusste Dame freundlich grüßen, die letzte Woche mit mir beim Frisör war und deren Gesichtsfarbe so nett gewechselt hat, als ich mit den Worten „Na, hast du jetzt genug gehört für deine nächste Kolumne?“ von der Chefin verabschiedet worden bin. Danke! 

Freitag, 10. März 2023

Märzhasen

Ich mag so meine Fehler haben, doch eines ist mir gänzlich fremd: Neid. Ich freue mich ehrlich, wenn jemand hoch im Lotto gewinnt und weiß ja, dass mein Loskauf immerhin ein soziales Projekt unterstützt. Ich finde klasse, wenn jemand zur Einschulung ein Auto geschenkt bekommt, denn schließlich kann ich dann später vielleicht mal mitgenommen werden. Ich lächle sanft, wenn man mir den Parkplatz stiehlt und finde, ein bisschen Bewegung tut mir sicher gut. Und Menschen, die ihr mittleres Einkommen in der geerbten Villa mit Park und Pool an wohlgeformte Kinder, niedliche Hunde und beige Klamotten verschleudern, sind in Wahrheit immer einsam und supertraurig, wie ja wohl ein jeder weiß. Es gibt allerdings auf meiner weißen Tugendweste einen Fleck. Der ist gallig grün und glühend rot, der stinkt und funkt und leuchtet lodernd auf, wann immer es um ein bestimmtes Thema geht: Menschen, die im Sommer Geburtstag haben. Menschen, die im Sommer Geburtstag haben sagen „Ich hab da so ein kleines Grundstück bei Freunden mit einer offenen Scheune, da machen wir Lagerfeuer und Hannes bringt die Gitarre mit, das wird schön.“ Menschen, die im Sommer Geburtstag haben, sagen „Ich hab gedacht, wir treffen uns einfach alle oben auf der Mauer unter den Kastanien, jeder bringt bisschen Wein und Käse mit, das reicht doch?“ Sie sagen „Ich würd total gern einfach nur mit dem Rad rüber zum See fahren und dann mit euch abhängen bis es dunkel wird und vielleicht ja auch noch länger, hihi“ Sie labern von Picknick und Gärten, von Deckenlagern und Lichterketten. Menschen, die im Sommer Geburtstag haben, sagen „Ich besorg Getränke und einen Grill, ach nein zwei wegen Hannes und Jule, könnt ihr euch um Salate kümmern? Mama macht ihren Erdbeerkuchen“, „ich hab ab 16 Uhr drei Tische im Schönstenbiergartenderstadt reserviert“, „ich bin gegen 17 Uhr auf Straßenfest XY, kommt doch einfach“ und „wir fahren um 10 mit der Gräfenbergbahn nach Dings, da geht’s dann total schön durch so’nen Wald und auf der anderen Seite wartet der Kajak-Verleih, das wird witzig!“ Ich: sag das nicht. Ich sage: „Ääääh kein Plan?! Eisschnee oder Sonnenschein – alles ist möglich Anfang März, wissen tut man’s nie genau. Weil ich von diesem Umstand jedes Jahr aufs Neue überrascht werde, hab ich natürlich keine Partykneipe gemietet und auf daheim feiern hab ich keinen Bock, also machen wir’s doch wie immer: Ich kümmere mich um nichts, aber weil ihr mich so liebhabt, ist euch das genug, und deswegen stehen wir beim kleinsten Sonnenstrahl draußen im Park und feiern das Wunder meiner Geburt und der Blasenentzündung – einverstanden? Super!“ Shoutout an alle März-Geborenen: Was uns nicht umbringt, macht uns härter! Und wenn irgendeine Sommernase sagt, wie schlimm alles ist, weil immer alle im Urlaub sind oder auf so viele andere Veranstaltungen, dann nehmt sie feste in den Arm. Ganz neidlos!