Freitag, 4. Juli 2014

Der Untergang des Abendschlandes

Als eine gewisse zahngesichtige Allzweckwaffe eines gewissen privaten Fernsehsenders im Sommermärchen 2006 deduktiv erarbeitete, der Schlachtruf eines gewissen im Nationalstolz bis dato empfindlich gestörten Volkes habe ab sofort der phonetischen Einfachheit halber „SCHLAND!“ zu lauten (was dem im Fan-Choral vermehrt anzutreffenden erhöhten Alkoholpegel und damit einhergehenden Problemen in puncto lautlicher Synchronität geschuldet ist, aber das sei nur gemutmaßt), hätte der sich wohl kaum träumen lassen, welch wortschöpferische Inspiration diese Verhunzung für uns (uns! Das ist wichtig, weil wir grade alle „wir“ sind, Torabschluss und WM-Titel couchcoachend im Visier) darstellen sollte. Aber so geht’s halt oft, und eh man sich’s versieht, ist ganz Deutschland „geschlandet“. „Geschlandet“, so lernte ich in den vergangenen Tagen, sind Menschen, die sich im Vollornat des „echten“ Fans zu schmücken wissen. 

Derweil der echte Fan frei von Nationalfarbe zurückgezogen im stillen Kämmerlein konzentriert dem Ereignis beiwohnt, um Fallrückzieher, Glanzparaden und Beißattacken zu analysieren, geht’s dem „echten“ Fan darum, möglichst kreativ dreifarbig aufzutreten, um, nachdem er mäßig spielinteressiert die Vorzüge der Fan-Meile genossen hat, die frohe Botschaft eines Sieges in die Welt hinauszuautokorsieren. So trägt beispielsweise der modebewusste Opel von heute einen „Schlandini“, der in seiner Freizügigkeit die ästhetische Verfehlung des Designs nur schwer zu verhüllen weiß, doch da birgt die Kombination Rot-Gelb ja die Tücke schon in sich, stand die doch bislang eher selten für echte Qualität und großen Geist (vgl. McDonald, Ronald). 

Zur ordnungsgemäßen „Schlandung“ gehören neben Flaggen in Saunatuchgröße außerdem Brillen, lustige Perücken, Nagel-Design und freilich die obligatorische Gesichtskreide, die den Schland-Depp gnadenlos als solchen identifiziert ab dem Moment, in dem der sich versehentlich zum Belgien-Sympathisanten kriegsbemalt hat (vgl. Becker, Boris) und außerdem erst so richtig gut ist, nachdem sie von mindestens drei schwitzigen Alt-Fans über deren haarigen Arm geschmiert wurde. 

Aber das macht nichts, wir teilen grade alles, Freud und über kurz oder lang auch Leid, spätestens dann, wenn freiwillig (vgl. Feierliches Küren des Siegerschlandes, das) oder unfreiwillig (vgl. Untergang des Abendschlandes, der) auch diese WM ein Ende findet, und „Schland“ aus dem kollektiven Rausch erwacht und sich wundert, an welchem Punkt genau man es für dringend erforderlich befand, sich die Nationalfarben ins Rückenhaar zu färben, im Discounter-Trikot zur Arbeit zu erscheinen und warum zur Hölle hängt mir eigentlich dieser wildfremde Mensch um den Hals?! Egal ob wegen Siegestaumel oder „trinken, um zu ertragen“, irgendwas is‘ immer.

Freitag, 27. Juni 2014

Ehrenamt: kommunale Gehsteigüberwachung

Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Das hält die Gesellschaft nicht nur zusammen, sondern ist ihr dabei auch noch von außerordentlichem Nutzen. Deswegen erfährt derlei Tätigkeit von mir größte Wertschätzung. Besonders verneigen muss ich mich vor Menschen, die sich ehrenamtlich als Verkehrspolizisten engagieren, insbesondere auf dem Spezialgebiet „kommunale Gehsteigüberwachung“. Wenn es die nicht gäbe – mein Gott, wo kämen wir denn da hin? Solche Helfer machen zum Beispiel sowas: Wenn man mit einem Fahrrad von einem Gebäude weg und dann auf eine irgendwo gegenüberliegende Straße möchte, wofür erforderlich ist, zweikommafünf Meter Gehweg zu missbrauchen, setzt der Ehrenamtliche den weltstrafendsten Blick auf um dem Rowdy mitzuteilen: Du böses, böses Ding du! Siehst du, wie sehr ich um mein Leben bange! Soweit so gut. Blicke können (noch) nicht töten, es sei denn, man ist ein „X-Men“. 
Der freiwillige Ordner geht zudem selbstverständlich stets mit gutem Beispiel voran: Auf einem Gehweg von circa einskommafünf Metern Breite wird das Fahrrad selbstverständlich geschoben. Um zu zeigen, wie ernst es einem mit der Vorsicht ist, geschieht das mit dem gebührenden Tempo einer, sagen wir, mittelfränkischen Weinbergschnecke, was dazu führt, dass sich hinter dem Vorbild ein prächtiger Stau (eigentlich) eiliger Passanten bildet, die am Fahrrad-Schieb-Gespann nicht vorbeigelangen, aber schon hat der Ehrenamtliche einen positiven Nebeneffekt für sich gefunden, denn schließlich ist die Gesellschaft heutzutage eh zu hektisch und man kann sich ja wohl mal in Geduld üben, kann man sich. Wenn ein Rowdy dann die Unverfrorenheit besitzt, aus der entgegenkommenden Richtung in gemäßigter Geschwindigkeit verkehrsbeflüssigend Rad zu fahren statt zu schieben, so muss der Ordnungshüter mit einem gezielten Gebell („ABSTEIGNA!“) einschreiten. 
Andere gehen da mit noch größerer Hingabe vor und nehmen den verabscheuungswürdigen Raser, der sich ganz außen auf einem fünf Meter breiten Weg nähert, gezielt ins Visier, um sich dann rechtzeitig, nämlich im Moment des Passierens, dem Radler in die Fahrt zu werfen und dabei „DES IS DOCH A BÜRCHERSTEIG!“ zu brüllen. Danke, sage ich da demütig, ich wusste nicht, dass der „Bürcher“ nicht Fahrrad fahren, sondern nur laufen darf. Die maximale Stufe der gesellschaftlichen Schassung und Maßregelung stellt die grenzenlose Verachtung dar, mit der der Profi-Überwacher dem Fahrradfahrer sein Vergehen vor Augen zu führen weiß: Man fährt in gemäßigtem Tempo (Angst!) von hinten an den Inkognito-Streifling heran, klingelt zaghaft-schüchtern, um seinem Begehr Ausdruck zu verleihen, woraufhin der Ordnungshüter sich ohne Umschauen reflexhaft über den kompletten Weg breitzumachen weiß (also doch „X-Men“?) und dann stehenbleibt. Dass er sich eigentlich selbst auf einem gemischten Gehradweg befindet, ist ihm dabei herzlich egal. Aufs Wohl des Ehrenamtes muss ich jetzt direkt ein Radler trinken.

Freitag, 20. Juni 2014

Wohnerei

Neulich beim Sonntagsspaziergang. Nachdem ich bei schönstem Wetter auf dem Weg vom Bad einen kurzen Abstecher zum Fernseher gemacht und eine frivole, aber nicht wenig anstrengende Ehrenrunde über den Kühlschrank gedreht hatte, kam ich auf meiner Flanage an einer wunderlichen Türe vorbei. Neugierig wie ich bin konnte ich freilich nicht an mich halten, diese alsgleich zu öffnen, und siehe da! Dahinter befand sich ein Wohnzimmer! Vor Schreck musste ich die Tür geschwind wieder schließen, ins Bett eilen und mich kurz erholen von den Strapazen und absonderlichen Wendungen, die der Spaziergang so mit sich gebracht hatte. Wohnzimmer. Was war das gleich nochmal? In Anbetracht anderer Räumenamen dürfen wir wohl annehmen, es handle sich hierbei um ein Zimmer, in dem man wohnt. Aber wer hat denn grade Zeit, zu wohnen? Seit Wochen ich jedenfalls nicht mehr. Wohnen, das hat was mit geschlossenen Räumen zu tun, mit Fernsehen und womöglich Bügelwäsche, schlimmstenfalls in Kombination. Wohnen ist Herbst und Winter, Serien gucken, Stollen backen, lesen, Nussknacker hören, Draußen scheiße finden.

Das hört auf, sobald das Thermometer erstmals die magische 20-Grad-Marke ächzend überwunden hat. Dann ist Schluss mit der Wohnerei, wir schließen die Kiste, versiegeln den Raum, wünschen ihm eine gute Zeit, bis bald, Wohnzimmer, es war wie immer schön mit dir, aber jetzt müssen wir uns trennen. Um dem Nachdruck zu verleihen, wird der Raum zweckentfremdet. Als Picknickdecken-großflächig-zum-Trocknen-Ausbreit-Zimmer, beispielsweise, oder als Dauer-Wasch-Salon, weil man irgendwie feststellt, dass man wegen Aktionismus einen inflationären Klamottenverbrauch hat, ergo: Viel Wäsche waschen und dann feststellen, dass das Abnehmen derselben eigentlich nicht lohnt, also warum nicht das Wohn- zum Ankleidezimmer umfunktionieren, das man nur noch betritt, um sauberes Gewand direkt vom Leifheit zu pflücken. Alle anderen Räume dürfen ihren Namen behalten.

Geschlafen (oder sich schwitzend herumgewälzt, weil die Idee mit dem leichten Leintuch stets mit Verzögerung aufkommt) wird im Schlafzimmer, kalt geduscht (gerne mehrfach täglich) im Duschzimmer, und im Kochzimmer bereiten wir maximal den Morgenkaffee und dann irgendwelche schnellen und leichten Gerichte zu, die vorzugsweise im Stehen (bloß keine Zeit verlieren!) verschlungen oder in Tupperware suppdicht verstaut zu Grillfesten, auf Wiesen oder an Seen getragen werden. Eigentlich sind alle Räume ungeliebt, das liegt in der Natur der Sache der Geschlossenheit, aber das Wohnzimmer trifft’s am härtesten. Das Wohnzimmer ist wie eine Mutter: Geduldig muss es warten, bis der Nestbewohner sich ausgetobt und die Sommerhörner abgestoßen hat und sich auf die, ja, inneren Werte besinnt, um dann zutiefst erleichtert in den Schoß der Couch zurückkehren zu können und tief durchatmen und sich ins wohnzimmerliche Ladegerät legen, um das leergeräuberte Selbst wieder zu befüllen.

Freitag, 13. Juni 2014

Freibadstress

Ich bin fix und fertig. Entspannter Tag am See? Im Freibad? Dass ich nicht lache. Contradictio in adiecto, meine Lieben. Um das bewerkstelligen zu können, bedarf es eines logistischen Dauerbetriebs, der der Organisation einer mittelgroßen Hochzeit, ach was sag ich: eines Festivals alle Ehre macht! Was man da alles beachten, organisieren, vorausdenken muss, Möglichkeiten abwägen, Zeiten einteilen und Abläufe! Es beginnt bereits am Vortag. Wenn man da nicht so klug ist, daran zu denken, mindestens eine Flasche Wasser ins Gefrierfach zu legen, hat man vor Ort nach fünf Minuten nämlich warme Suppe. Nichts gegen ayurvedisch, aber erfrischend geht anders. Dann gilt es, eine Tasche zu packen, die jedem Biwak standhielte. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit hat man hinterher trotzdem zwei Hefte Kreuzworträtsel, aber keinen Kulli, drei Schüsseln Melonenschnitzen und Salat, aber keine Gabel, und statt der Sonnencreme LSF 20 die Après-Lotion eingepackt, weswegen man das benachbarte Gelage um Hilfe ersuchen und sich dann mit der blickdichten LSF 50-Penaten aus der Wickeltasche zufriedengeben muss. 

Ist man angekommen und hat sich entweder mit sich selbst oder der Gruppe (und ich weiß nicht, was schlimmer ist) mit sextantischem Augenmaß darauf verständigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Wanderung von Sonne und Schatten über den Lauf des Tages hinweg zu erwarten ist (um garantiert falsch zu liegen!) und entsprechend großflächig sämtliches Utensil auf einer Fläche von 30m² verteilt, könnte man meinen, es kehre Ruhe ein. Weit gefehlt, denn nun beginnt der Orga-Stress erst richtig! Und zwar damit, in den folgenden Stunden die Tagespunkte Sonne, Schatten, Toilette, Wasser, Eincremen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Wenn man das dritte Mal den frisch aufgetragenen Sonnenschutz direkt in den Pool getragen hat, um aus diesem sofort wieder rauszuspringen, weil einem einfällt, was man zuvor dringend noch tun wollte (Toilette!), um das dann mit triefnasser Klamotte nachzuholen, kommt man langsam, aber sicher dahinter, wie das alles zu gehen hat.

Die optimale Reihenfolge (ab Lager-Aufschlagung): Entblättern. Eincremen! Sonnen. Schwitzen. Trinken. Lesen (in Gruppe: Ratschen). Trinken! Toilette. Wasser (in Abstimmung mit Gruppe). Sonne. Trinken!! Trocknen. Eincremen!! Trinken!! Schatten. Lesen. Sonne. Trinken!!! Toilette. … So kann man so einen Tag prima herumbekommen, ohne sich auch nur eine Minute nicht bewegt zu haben, weil sich das ganze Dilemma potenziert, wenn man mit mehreren Menschen anwesend ist und allsämtliche Tagesordnungspunkte auf zehn weitere Befindlichkeiten abstimmen muss. Ach, wisst ihr was? Macht einfach! Sich treiben lassen ist eh am schönsten. Auch außerhalb eines Gewässers. 

Freitag, 6. Juni 2014

Solegrotte

Tja Mädels, ich sag’s nur ungern, aber wir können hier ja ganz offen sprechen. So von Frau zu Frau. Ins Gesicht schauen muss man der Wahrheit, und die lautet: Das erste Mal tut immer weh. Da kann man sich drauf vorbereiten, so viel man will, sowohl körperlich als auch rein mental, vorher drüber sprechen mit anderen Betroffenen und sich der Unbill (vermeintlich) völlig im Klaren sein. Es. Gibt. Schmerzen. Aber muss es einen wundern? Nö, eigentlich nicht. Ich mein, was hat denn so ein Fuß schon für Möglichkeiten? 

Da wird er monatelang dick eingepackt, in Watte und Polster und Lammfell gehüllt, mit Gummi umgeben, warm gebadet und eingesalbt und führt ein Dasein sozusagen als Neugeborenes. Nein falsch. Als Fötus. Nomnom, schön kuschlig warm hier, um nichts muss ich mich kümmern, alles so hübsch schallgedämmt hier, ein ewiges Treiben in der Solegrotte. Bleiben wir doch in der Analogie. Eines Tages tut es einen Schlag. Und der Fuß wird hinausgerissen aus dem GoreTex, entfernt aus der Stricksocke und hineingehalten in die (mutmaßlich noch zu) kalte, (auf jeden Fall) grausame und (insbesondere) sehr helle Welt. Da ist der Fuß freilich erschrocken, einem Gürteltier gleich möcht‘ er sich zusammenrollen und einen Panzer bilden. Was er tun würde, wenn man ihn ließe. 

Lässt man aber (hoffentlich, bittebitte!) meistens eher doch nicht. Stattdessen muss der rosige, zarte – und irgendwie hab ich da grade das Wort „gepökelte“ im Kopf, warum auch immer – Fuß als nächstes hinein in ein Mieder, ein Korsett aus Riemchen und Bändchen und Nähtchen. Plötzlich soll er Stege mögen, die zwischen den Zehen reiben, und Lederstränge, die ihn einschnüren, und vorne zwickt der Ballen und hinten die Ferse und alles ist ganz scheußlich. 

Hilft aber nichts. Alle Jahre wieder das gleiche Theater. Kolleginnen suchen verzweifelt nach Blasenpflaster, weil der Ballerina sich über den Winter wundersamerweise um eine Größe verkleinert hat, Freundinnen müssen den Stadtbummel abbrechen, weil das mit den Riemchen-Wedges irgendwie im letzten September noch besser geklappt hatte, und dass selbst der bequemste Schlappen nach fünf Stunden Städtetourismus die äußerste Hautschicht vollständig abgeschliffen hat – eigentlich müsste man’s wissen. Tun wir aber halt nicht. So ist die Stadt jedes Jahr aufs Neue erfüllt vom Ächzen und Stöhnen und Leiden, und nur ein bisschen lindern können den Schmerz die verständnisvollen Blicke, die durch die Prärie geschickt werden und einander aufmunternd zu verstehen geben „Ich kenn das. Erstes Mal. Schlimm.“, während man versucht, sich die Muster der Zehensandale aus dem Fuß zu massieren. Bis zu den Hundstagen herrscht aber noch weitgehend sandalenfreie Zone, und ansonsten: Lasst euch bloß nicht einreden, irgendwo die Füße stillzuhalten. Tänzeln, immer schön tänzeln!

Donnerstag, 29. Mai 2014

Herrentage

Hab grad mal nachgelesen: „Die heutige Form des Vatertagsfeierns ist Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin und Umgebung aufgekommen […] Kernelement war die Einweihung der Jüngeren in die Sitten und Unsitten der Männlichkeit.“ Und weiter unten: „Aufgrund des erhöhten Alkoholkonsums […] gibt es […] erheblich mehr Schlägereien als an gewöhnlichen anderen Tagen.“ Aha. Nun gut, Jungs. Jetzt, wo ich dezidierte Informationen über diesen althergebrachten Initiationsritus habe, möchte ich euch, ohne dass das vorher der Fall gewesen wäre, keinesfalls im Wege stehen. Gottlob gibt es mit „Herrentag“ einen Alternativnamen für dieses Datum, der auch die bislang fortungepflanzten Knäblein autorisiert, ihr Dasein qua Geschlechtszugehörigkeit zu feiern. Dass irgendwer mal auf die unsinnige Idee gekommen ist, den 29. Mai in irgendwas mit Christi und Himmelfahrtskommando zu umzubenennen, muss euch dabei ja nicht stören.
Es gibt wichtigeres zu erledigen: Hackordnungen durch niedliche Rangkämpfe bestimmen(„Ey, der Theo pennt jetzt schon seit zwei Stunden im Bollerwagen, ich will auch!“ – „Halt die Klappe, Kevin, und zieh weiter!“), Feinmotorik tunen („Iff muff glaub iff umkehren, daff mit dem Bierflaffen öffnen und den Pfähnen ging früher beffer!“), Grobmotorik auch („Fünf Peso, dass du’s nicht schaffst, einen Kreis um dich zu pinkeln!“) und dem Minnegesang noch den letzten Schliff verleihen („Öööööi Aaaalter Tittenaaaaaaaaarsch WUHUUUU!“). Das kann man freilich am besten, wenn man unter sich bleibt, weil da ist die soziale Kontrolle hoch und die Schamgrenze … ähm … nicht so. Aber, liebe Knaben – das passt schon. Lasst euch bloß nicht von progressiver Rewe- oder Nivea-Werbung einreden, der Vatertag sei in irgendeiner Weise dazu angedacht, sich auf Familie zu besinnen. Radltouren zum Jazzfrühschoppen ist was für Spießer, ihr seid ja heutzutage eurer althergebrachten Rollen ohnehin gänzlich beraubt, was euch zutiefst verstört und zum Therapeuten treibt, da müsst ihr euch einmal im Jahr schon rückbesinnen dürfen.
Ganz arg wichtig ist allerdings, dass ihr euch hierfür möglichst weit von der Innenstadt entfernt, was den unbestreitbaren Vorteil mit sich bringt, sich im Zweifel in einem exquisiten Dauerfunkloch zu befinden. Wir Mädchen sitzen derweil einsam und verlassen und zu Tode betrübt in der männerfreien Stadt, in Parks und Biergärten und vermissen euch, ich schwör, ganz fürchterlich. Aber wir sollen ja auch ab und an mal wissen, was wir an euch haben, und deswegen empfehle ich euch dringend und mütterlich, erst wieder in Erscheinung zu treten, wenn ihr eurer Muttersprache wieder fähig seid. Und am Freitagabend haben wir uns dann überall wieder lieb. Fast überall … Ich persönlich mach’s ganz anders und trink jetzt aufs Wohl meines Papas. Prosit, Väterchen!

Freitag, 23. Mai 2014

Podolskis

Mit Vögeln hab ich’s ja nicht so. Keine Ahnung, warum, aber ich kann der gesamten Thematik nichts abgewinnen und finde, es gibt wichtigere Dinge im Leben. Wenn ich dann aber mal so ganz ruhig daliege, am besten noch die Augen zu, dann bekomme ich durchaus eine Ahnung davon, wieso Ornithologen diesen Viechern so erlegen sind. Das werkt und zwitschert und macht und tut in allen erdenklichen Tonlagen, dass es eine große Freude ist. Allerdings tut es auch gerne mal in unerdenklichen Tonlagen, so dass sich die Freude dann doch wieder eher in Grenzen hält. Angeführt wird dieser Missmut von einer Taube. Tauben sind eh generell so, wie soll ich sagen – schwierig. 

Tauben sind der großstädtische Hauptvogel, weswegen man sie entweder geflissentlich ignorieren oder sich mit deren unvermeidbaren Existenz gnädig arrangieren oder bei jeder einzelnen grauen Federplage angewidert abwenden kann. Füttern steht außer Frage. Ich habe eine einzige wunderbare Erinnerung an eine Taube, und zwar die, dass eine solche vor vielen vielen Jahren mit Effet aufs kunstbehaarte Haupt meiner prusselise-artigen Kinderfrau zu defäkieren beschloss und sich nicht scheute, diesen Entschluss in perfektem Timing inszeniert in die Tat umzusetzen. Da war der lästige Innenstadtausflug geschwind vorbei und ich um eine Schadenfreude reicher. Die üblichen fünf Mark habe ich an diesem Tag vermutlich eher nicht bekommen. 

Wann immer eins dieser scheußlichen Geviehder es wagt, über mich hinwegzusirren, gerne ja im Sturzflug, weil irgendwo eine einer Brotkrume auch nur im Entferntesten ähnelnde Substanz auf dem Boden aufgeschlagen ist, auf das man sich rasend vor Gier alsgleich werfen muss (mit einer Eleganz, bei der jeder Habicht vermutlich einen mittelschweren Lachanfall erleidet), muss ich mich sofort ducken und noch besser hernach sofort desinfizieren, weil ich mir sicher bin, dass bei jedem einzelnen rupfigen Flügelschlag Millionen von Flöhen, Pilzsporen und Pestbazillen auf mich hinabfallen. Die urbane Flugratte hat aber noch einen ländlichen Verwandten, einen wahren Bauerntölpel, den nicht zu mögen in meiner Familie über Generationen hinweg tradiert ist. 

Die „Podolskis“, wie sie heißen, seitdem der Großvater nicht nur eine Ähnlichkeit zwischen dem Ruf des Tieres und dem Namen des Fußballers, sondern auch zwischen beider angenommener IQs konstatierte, stören jedwedes Gartenidyll entweder dadurch, dass sie nicht geschmeidig landen, sondern sich wie ein Kürbis einfach auf einen Baum fallen lassen und hoffen, dass irgendein Ast den Sturz bremst. Da sitzen sie dann und machen ohne Unterlass „Podolski, Podolski, Podolski“, so lange, bis man nichts anderes möchte als Zwille oder Schrotflinte hervorzuholen und dem Gejaule den Garaus zu machen. Weil man ja aber so zivilisiert ist, schließt man die Augen wieder und meditiert den Hass hinfort und dann erschrickt man, weil schon wieder Freitag ist. Ein Lichtblick: Gurren beim Flirten ist natürlich ausdrücklich erlaubt!