Freitag, 15. September 2017

Kindergeburtstag

Also früher Kindergeburtstag. Da hat man doch immer so Spiele machen müssen, gell? Also ich zumindest, weil da war nix mit Gruppenausflug zu Mäcces oder in ein Hüpfland oder zum Gemeinschaftszocken. Da wurde noch im Wald geschnitzeljagdet und dann verlaufen und Geschrei und Knie aufschürfen und schlimm und Zeug. Also bei anderen Kindern jedenfalls, bei mir nich, wegen Winterkind und da im Schneegrau bei Minus zehn Grad halt doch auch nicht so richtig juheissa bei der Schnitzeljagd, außerdem findet ja kein Mensch die Hinweise mehr wegen der Schneewehe. Jetzt wollt ich nur „Wehe“ schreiben und hab mich dann gewundert wegen der Mehrdeutigkeit. Aber „Otter“ ist auch so und macht mit „Kreuz“ und „Fisch“ ganz andere Sachen. Also jedenfalls weiß ich das noch, weil bis heut jährlich das Klagelied ertönt, wie eine gewisse Person in nächtelangen Mühen pädagogisch wertvolle Geburtstagsspiele vorbereitet hat und der undankbare Kindermob alles links liegen gelassen und stattdessen den ganzen Nachmittag „Der rote Stier jagt die Einhörner“ gespielt. Sorry, Mama! Eh glaub ich, dass das Kind diese Spieldinger überhaupt nicht sehr zu schätzen weiß, weil sind wir mal ehrlich: Am Ende allen Einsatzes steht halt immerzu eine Schokolade oder ein Würstel, und da arbeitet so ein Achtjähriger wohl gemeinhin eher zielorientiert, möchte ich jetzt mal forsch behaupten. Das ganze Potential an Peinlichkeit erschließt sich so einem gefräßigen Zwerg doch überhaupt nicht, und es ist ihm schnuppe, ob er hernach klatschnass oder in Mehl getunkt ist, Hauptsach, der Belohnungskinderriegel schmeckt. Beim Altmenschen hingegen, mein lieber Scholli! Der Gedanke an einen Haufen sogenannter Erwachsener beim Kinderquatsch bereitet mir so großes Freude, dass ich kurz ein Tränchen des Glücks wegdrücken muss. Stell dir vor, du lädst, sagen wir mal so 20 bis 30 schön mit beiden Beinen im Leben stehenden honorige Personen ein, und dann so an der Tür „Schön dass du da bist!“ und dann Clownsnase und Partyhut und ich hab da mal was vorbereitet und ab geht die Luzi, weil was ich leider versäumt hab auf die Einladung zu schreiben ist dass das Motto „Kindergeburtstag“ ist. Und dann schaust du zu, wie die Amtspersonen als Blinde Kuh auf dem Boden umeinanderkriechen und Füße statt Töpfe schlagen, Würstel schnappen, einen Apfel aus einem Wasserbad nur mit dem Mund herauszufischen versuchen, mit kompletter Wintersportausstattung Schokolade aus einer zentimeterdicken Verpackung rauswerken und sich beim Sackhüpfen einer nach dem anderen auf die Schnauze elegantet. Man müsst nur ganz vielleicht gleich zu Beginn eine große Runde mit sehr viel Wodka versetzter Götterspeise reichen, dann seh ich da überhaupt keine Probleme. Nur halt ganz vielleicht hernach die Notwendigkeit einer Grundsanierung. Haha! Das ist so saugut, ich muss sofort feiern! 

Freitag, 8. September 2017

Kanapee

Wie der geneigte Leser möglicherweise zur Kenntnis genommen hat, verfügt die verehrte Zeitung derzeit über eine Leiharbeiterin, deren zauberhafter Charme im Schriftlichen wie auch Persönlichen möglicherweise auf den unüberhörbaren Zungenschlag ihres Herkunftslandes zurückzuführen ist. In errlichstöm Fronzösischdeutsch parliert die junge Dame, so dass du gar nicht anders kannst, als umgehend dahinzuschmelzen. Nun trug sie neulich an mich heran, dass bei aller Wunderbarkeit, die sie in und über Nürnberg erführe, auch die Wunderlichkeit sich daruntermische, dass der Einwohner sich französischer Wörter bediene, und das habe sie, nein wirklich, so nicht erwartet, dass da andauernd ein „Merci!“ in sie hineintrötet. Hab ich gleich einmal sagen müssen, dass die von ihr gewählte Betonung selbstverständlich völlig falsch ist und bitte statt eines fließenden „Mörsieee!“ ein gemütliches „Mersse!“ zu wählen sei, mit stampfender Betonung auf der ersten Silbe. Nachdem wir das ein paar Mal und unter großer Beachtung des Außenrums geübt hatten, hab ich angehoben zu einem umfassenden Referat über die Verbreitung des Französischen im Bairischen und dass da aber ein Nord-Süd-Gefälle herrsche, das zum einen auf den Neid des absolutistischen Münchners auf den Sonnenkönig zurückzuführen ist, dessen Glanz halt schon auch gern in der Hauptstadt hätt gesehen werden wollen, und ein bisserl mehr glänzen kann man hier und dort, wenn man sich der jeweils hippsten Sprache bedient (vgl. heute: Denglisch, das). Im nächsten Schub brach ein Männlein von kleiner Statur, doch größtem Ego in die blauweißen Landen und gab ihm schnell den Rest. Seither trägt der Bayer und auch, obgleich bedauerlich wenig, der Franke den Franzosen ganz tief in sich, zumindest, was die Linguistik angeht. Aus einer Zeit, aus der der Franzose auch sonst gern in eine Deutsche eingedrungen wär, stammt möglicherweise das Wort „Fisimatenten“ – in solche nämlich ward am End gebracht, wer der abendlichen Einladung des charmanten Besatzers ins Zelt folgte: „Visitez ma tente!“ Seitdem blamieren, schikanieren oder tratzen wir uns, fluchen „Sakradi!“, kaufen ein Billet, laufen auf dem Trottoir, holen ein Kuvert aus dem Portemonnaie, rufen den Gendarm und manchmal, da pressiert’s uns sauber. Mir jetzt beispielsweise pressiert’s runter vom Sofa – das ab sofort bitte sehr royal „Kanapee“ genannt werden möchte. Auf welches ich mich jetzt lege, mich dabei, um alsgleich ein neues Wort falsch einzuführen, von Decke, Ingwertee und womöglich dem saisonersten Kürbisgericht akkompagnieren zu lassen und dem Wochenende ein fröhliches „En garde!“ entgegenzuschmettern. Hätt ich jetzt gern noch ein schlaues frankophones Schlusswort dahergezaubert, doch fühl ich mich von all der Schlaumeierei schon ganz malad, und schlepp ich mich besser leis zurück aufs Kanapee. Au revoir und habe die Ehre! 

Freitag, 1. September 2017

Puberliebe

Neues vom Pubertier! Dem ja mittlerweile, ich bedauere das irgendwie, sogar ein Film gewidmet ist, doch davon ahnt es genau so wenig wie von seiner Zeitungsprominenz, sind ja keine Emojis auf dem Plakat. Zum 18., hab ich mir gedacht, ist vielleicht ein guter Anlass, um die gesammelten Werke zu übergeben. Bis dahin darf es ruhig und vermeintlich unbeobachtet vor sich hin gehirnbaustellen, weil alles andere würde womöglich den Versuchsaufbau beeinflussen. Und das kann ja keiner wollen. So. A propos ruhig. War’s ja gewissermaßen zuletzt um den Halbling. Besorgte Nachfragen um sein Wohlergehen konnte ich stets beschwichtigen, so auch jetzt, haben wir doch seit nunmehr einem halben Jahr einen Freund. Ich sage bewusst „wir“, weil der Freund nicht von der Seite des Tierchens weicht, was freilich schön ist, gewissermaßen aber auch langweilt, ergibt sich doch aus diesem Umstand nach langjährigem Scheitern jedweder Maßregelungsversuche endlich eine probate Repressalie. Nach „Handyverbot? Mir doch egal.“, „Fernsehverbot? Wen juckt‘s?“, „Hausarrest? Dein Pech!“ zeigt allein die Androhung einer Kontaktsperre mit dem Burschen meist ganz erstaunliche Wirkung statt Tobsuchtsanfall, was neben dem überraschenden Erreichen des Klassenziels („Entweder du reißt dich jetzt zusammen oder gehst über die Sommerferien in Klausur.“) auch allerlei andere Wunderlichkeiten nach sich zieht. Die Pubertiere nämlich sind sich selbst genug. Verlangte das Kind früher dauernd nach Bespaßung und Partizipation, so stellt nun ein gemeinsames Abendessen eine ausgesprochen lästige Unterbrechung des Ganztagstelefonats dar – das übrigens in Form eines Austausches von Voicemails statt eines profanen Dialogs stattfindet. Wenn nicht miteinander gehandyt wird, so wird etwas unternommen. So zumindest heißt es im Jargon. Denn die dem Pubertier zueigene Faulheit, pardon: Dauerschwäche potenziert sich. Man liegt gemeinsam auf der Couch, gemeinsam im Bett, gemeinsam auf dem Boden, vereint im Weltschmerz der allgemeinen Gesamtungerechtigkeit, die sich in empörenden Aufforderungen wie „Kommt ihr zum essen?“ manifestiert. Hab ich sie damals auf die Blaue Nacht mitgenommen. Gesagt: Los, rumräubern, Sachen entdecken, Mist bauen, was auch immer! In drei Stunden wieder hier. Hättest von mir früher höchstens noch eine Staubwolke gesehen. Also: gesagt, getan? Denkste! Das junge Elend verbrachte den Abend in Demutshaltung, nämlich zu unseren Füßen liegend, schweigend leidend unter der Zumutung der Aufforderung, etwas zu erleben, womöglich gar ein Abenteuer. Unerhört! Zum Glück geht die Schule bald wieder los, das gibt Struktur und man muss schon nur noch den halben Tag gegen schlimmen Freizeitzwang von außen kämpfen. 

Freitag, 25. August 2017

BrotZeit

Ein Jahr ist es jetzt genau her, dass ich meine neue Wohnung bezogen habe. Seitdem ist alles ganz wunderbar. Keine gestörten Bonzenstudenten feiern mehr 24-Stunden-Parties, kein wahnsinniger Nachbar renoviert seit 20 Jahren sein Haus, niemand stößt mehr zu nachtschreienden Zeiten in ein Horn oder anderswo hinein, und anstatt der Feuerwehr rückt nur noch der Rettungsdienst mehrmals täglich aus. Es gibt Tage, an denen kein Gärtner eine Hecke stutzt, solche, an denen die ordnungsverwirrte junge Dame unter mir Wohnungs- und Balkontür geschlossen hält und ich mal die Fenster aufmachen kann, und das musikalische Nachwuchstalent irgendwo über mir darf gegen 22 Uhr ins Bett gehen und entsprechend seine Exerzitien auf einem der fünf so inbrünstig wie erfolglos zu bewältigenden Instrumente einstellen. Ich freu mich schon, wenn bald wieder damit begonnen wird, Weihnachtslieder auf der Gitarre zu misshandeln. Am allerschönsten jedoch ist, dass ich nicht mehr täglich um Punkt sieben Uhr von einem Presslufthammer geweckt werde, der gleich einem Panzer durch mein Bett und mich aus diesem heraus fährt, sondern es nur noch eine klitzekleine, entzückende, aufreizend nette Omi ist, die mir den Schlaf raubt. Und da kann man halt nichts machen. Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr geruht – nein: gelärmt die sympathische ältere Dame nämlich, eine Brotschneidemaschine direkt in meinen Schädel einzustecken. Dank der Architektur der ineinander verschachtelten Häuser ist ihr das ein Leichtes. Im Anschluss werden akkurat und deutlich vernehmbar zwischen zwei und vier Scheiben Brot geschnitten. Die Omi frühstückt, ich bin wach. Montag, Freitag, Sonntag, ob Regen oder Sonnenschein, lass mich bloß nicht schlafend sein. Manchmal verpasse ich den Zauber dieses Augenblicks, dann bin ich traurig und fühl mich leer. Hin und wieder, weil ich halt schon aufstehen hab müssen, dann würd ich gern gegen die Wand klopfen und sagen, huhu, alles gut, du kannst trotzdem broteln. Meist aber, weil die liebe Omi vermutlich ganz arg ordentlich ist, oder zornig, man weiß es nicht, und deswegen spezialgerne im Morgengrauen mit Geschirr herumwirft. Tja. Was soll man da also machen? Jüngeren Menschen tät man alsgleich das Fell über die Ohren ziehen, eh klar. So jedoch greift der gleiche „Respekt vor dem Alter“-Reflex, der mich auch im Bus hat vom Sitz aufspringen lassen, sobald ein U-Hu eingestiegen ist, obwohl ich mit frisch geschnitztem Knie selbst hätt eher liegen sollen. Vielleicht bekleb ich einfach die Trennwand mit Eierkartons. Davon gibt’s vermutlich grad recht viele, und die halten Schallwellen ab und sehen dabei auch noch saugut aus. 

Freitag, 18. August 2017

Kinderquatsch

Beseelt von der aufrichten Anteilnahmen nach letztem Freitag, den liebevollen Glückwünschen und interessierten Nachfragen, die ich nach einem genüsslichen Schluck kühlen Biers freilich nur zu gerne beantworten wollte und nur hoffen kann, dass auch wirklich jeder, der mich am Wochenende gesehen hat beim sehr unschwangeren Auftreten, die Chuzpe und Geistesgegenwart besessen hat, mich lieber einmal selbst zu fragen anstatt das Sofa bis zum Ende durchzulesen, hab ich alsgleich lauter schöne Dinge unternehmen müssen, um herauszufinden, wie das eigentlich so ist, wenn man nicht nur Mutter vieler hübscher Tomaten, sondern eines Menschenkindes ist. Begonnen hab ich die Expedition mit dem klugen Einfall, an einem Sonntagnachmittag ein Freilandaquarium zu besuchen. Zum Einstand hat mir ein Knirps, der halt gefunden hat, dass er viel wichtiger in eine Glasscheibe hineinschauen muss als ich, zärtlich mit dem Hinterkopf die Nase gebrochen und dafür das angemessene Lob seiner Mutter erhalten. Zum Abschied hab ich einem anderen den wohlwollenden Hinweis erteilt, dass wenn eine Schlange schläft, das dann bedeutet, dass sie lieber schlafen gelassen werden möchte anstatt ohne Unterlass an die Bettstatt getockert zu bekommen. Dankbarer Blick einer Oma, immerhin, wo doch nebenan ein vermeintlich ausgewachsenes Exemplar Mensch sich daran erheiterte, wie eine dumme Schildkröte nach ihm schnappte, wann immer er ans Schaufenster schlug. Nächste Station: Minigolfanlage. Derweil ich lockerflockig meinen sogenannten Gegner besiegte und mich an seiner Schmach ergötzte, zwischendurch siegerfahnenschwenkend das Areal umrundete und kurze Tänze des Triumphs aufführte, führte sich ungefähr ein jedes Kind auf, als sei’s der einzige Mensch der Welt – ein Umstand, der ihm vermutlich elternhausseitig vermittelt wird. Spielregeln kennen wir nicht und betrachten es außerdem als unter unserer Würde, uns an solche zu halten, die „Bitte Fläche nicht betreten“-Schilder können wir nicht lesen, weil wir die Buchstaben C bis Z noch nicht gelernt haben, und unsere Eltern auch nicht, aber wir können ganz ausgezeichnet brüllen wie am Spieß, wenn wir anstatt uns zu bemühen halt schon wieder einmal verloren haben und zum Dank des darauffolgenden Ballverschlagens überraschenderweise nicht noch ein Eis bekommen. Als letzte Station fand ich mich an einem Spielplatz ein, der zu meinem Entsetzen voller Sand war, sogleich ich dann auch, als könnt man das nicht einfach alles hübsch betonieren. Als ich mich wieder ausgegraben und in Unweite ein Telefonat zu führen hatte, krachte mir unversehens mit Effet ein Skateboard in die Hacken. „Das macht gar nichts“, hab ich freundlich reagiert, „ich steh hier ja auch wirklich sehr ungünstig als einziger Mensch weit und breit auf dem Riesenplatz“ und hätt fastbeinahe dem süßen Fratz den Kopf gekrault, bevor ich merkte, dass es sich dabei um die Mutterperson gehandelt hatte. Meine Umschulung zur Kindergärtnerin muss ich vielleicht doch nochmal überdenken. Oder mit meinen Tomaten besprechen. 

Freitag, 11. August 2017

Mutterschutz

„Befinde mich ab sofort im Mutterschutz!“ hab ich neulich verkünden dürfen und in der dafür erforderlichen Depesche ein Bild verschicken, bei dessen Anblick mein Herz auch heut noch Purzelbäume schlägt vor Glück. Deutlich darauf zu erkennen nämlich ist ein winzigkleines Rund von so atemberaubender Schönheit, dass alles andere nicht mehr wichtig ist. Noch nur eine Andeutung vom späteren, rosigen Dasein, die entzückenden Ansätze der bald zu sehenden Pracht des Lebens, das schon schier pulsiert vor Freude. Wie lang hatte ich darauf gewartet! Ab sofort, wurde mir alsgleich empfohlen, dürfe ich nicht mehr schwer heben, müsse mich in eine Art Krankenstatus begeben, Literatur wälzen, das Internet auslesen, um ja nichts falsch zu machen, schließlich sind Mutterfreuden eh nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, und die späten schon gleich gar nicht. Seitdem bewege ich mich vorzugsweise nur noch in höchstens einem Radius von hundert Metern um meine Wohnung herum, treffe lieber kaum mehr Verabredungen, und wenn ich einer doch nicht aus dem Weg gehen kann, verabschiede ich mich unter Vorwänden frühzeitig nach Hause, nachdem ich stundenlang am als Spaßgetränk getarnten Alkoholfreien genippt habe. Man muss ja schließlich fit bleiben und ist nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch fürs schutzlose, neue Leben, das da hängt an seinem Mutterkuchen und damit auch an mir. Die Mühen, die Entbehrungen, ja völlige Selbstaufgabe haben sich gelohnt. Mein Nachwuchs wächst und gedeiht, tagtäglich beglückt er mich mit neuen Regungen und Entwicklungen. Meine Lieblingsbeschäftigung ist freilich jetzt, ins Fachgeschäft zu fahren, nichts ist mir zu teuer, kein Weg – mit dem Auto zu bestreiten, freilich. Fahrrad? Viel zu gefährlich! – zu weit, nur das Beste ist gut genug für meinen ganzen Stolz. Was freilich nicht ausbleibt, ist der unvermeidliche Rat sogenannter erfahrener Mütter. Doch da hör ich lieber gar nicht hin, schließlich weiß ich selbst am besten was uns gut tut. Und die Wirklichkeit gibt mir recht. Mehr und mehr werden es, meine kleinen, wunderschönen Kinderchen, immer röter werden sie und praller, manche gar gestreift. Platzen könnte ich vor Glück, gar nicht mehr aufhören kann ich, hinzuglotzen. Doch wie das so ist mit Müttern und gar denen von Mehrlingen, kann ich um ehrlich zu sein einen gewissen Stress nicht von der Hand weisen, gilt es doch jetzt, die Bedürfnisse von so vielen unterschiedlichen Individuen zu erfüllen. Wer braucht wann wie viel Wasser, kriegen alle genug Sonne ab oder gar zu viel, muss ich düngen, ausgeizen, schmutzige Witze erzählen?  Immerhin werden bald wir alle gleichermaßen auf eine harte Probe gestellt: Eine einwöchige Trennung steht bevor. Bin mir nicht sicher, wer davon mehr Schaden genommen haben wird. Werde berichten. Jetzt muss ich weg. Der Gießplan sagt, ich bin schon eine halbe Stunde überfällig. 

Freitag, 4. August 2017

Kein! Gewitter!

Menschenskinder, hab ich da neulich ein Gewitter erlebt! Gewummst hat’s bis zum sauberen Tinnitus, die Blitze haben sich eingebrannt bis übermorgen in die Netzhaut, Baumverbiegungen hat’s gegeben wo du neugierig sagst, schon auch schön, so ein Gummibaum, wie lang das wohl noch hält? Und ein Regen wie unterm schönsten Freibadmassagestrahl. Der Wahnsinn, was ich da gesehen hab. Also auf einem Video von einem Menschen von ein bisschen außerhalb. Weil ich selbst kenn dieses „Weltuntergang“ eigentlich eher nur so vom Hörensagen, oder vielleicht einmal mit viel Glück von aus einem Urlaub, vorzugsweise dann aber von aus einem Campingzelt, wegen Feeling und Realness. Das ist aber gut so, weil sonst tät ich sagen müssen, dass „Unwetter“ fei eine nostradamus’sche Scharlatanerei ist, die’s in Wahrheit überhaupt gar nicht gibt. Leb ich schließlich auf der Insel der Glückseligen, wo man schon sehen kann, dass hier und da so eine ausgewachsene Gewitterfront uns anvisiert, sich dann aber lieber denkt: „Nein, also hier im schönen Nürnberg, da geh ich doch nicht runter, spinn ich denn? Da bieg ich lieber vorher links ab oder auch einmal nach rechts herum und veranstalte da ein Mordsunheil.“ Dann schebert’s angeblich im Norden und im Süden, manchmal auch schon vorher im Westen, da kommt’s ja schon meistens immer her, dieses sogenannte Unwetter, von dem immer alle reden, und dann ganz aufgeregt und „amtliche Warnung“ mit ganz vielen Ausrufezeichen und „bitte fei lieber nicht aus dem Haus“ und dann Apokalypse und es wird umeinandergerannt und geräumt und Balkonmöbel festgezurrt und der Biergarten lieber gleich ganz zugelassen und der Badeausflug verschoben und den ganzen Tag im Türstock gesessen. Also wenn man nicht schon ein bisschen länger Nürnberger ist, dann macht man das so. Der Altgediente hingegen hockt sich superentspannt in ein Draußen und schaut hier und da nach oben und ganz vielleicht zieht er einmal kurz den Plastikponcho an, damit ihm die fünf Nieseltropfen nicht die Frisur ruinieren. Wenn sich eins sorgt ob der Nonchalance, dann lacht er heiser auf und sagt „Gewitter? Ich bitte dich. Wir sind in Nürnberg.“ Und dann kriegt er freilich recht, und sogar auf dem Regenradar kannst zuschauen, wie so ein glutrotes Trum von links auf uns zurast, und dann so kurz vor der Insel der Glückseligen wird scharf abgebremst und sich entweder direkt aufgelöst oder halt eben vorsichtshalber abgebogen. Warum genau das so ist, hat mir bis heut niemand ausreichend erklären können oder mögen. Aber es ist mir schon auch ein bisschen gleich, weil so lang ich mordsentspannt zuschauen kann, wie sich ein schwarzer Wolkenbruch über mir teilt wie das Meer einst um Moses herum, bin ich glückselig auf meiner Wetterinsel. Das muss jetzt nur noch der Wetterbericht auch einsehen und mit der „amtlichen Warnung“ vielleicht ein bisschen dezenter umgehen. So a bisserl Regen ist fei nämlich was anderes als ein Mordsunwetter. Ich hab’s gesehen. Auf dem Video.