Freitag, 17. Januar 2020

Kiesbett

Gestern fand ich einen Mann. Lang ausgestreckt lag er auf einem Boden, nämlich einer frischen Beetanlage, neben ihm ein Fahrrad. Ich eilte hin und frug, ob Hilfe man ihm leisten könne. Doch „nein“, lupfte er die portable HiFi-Anlage vom Ohr, „ich ruhe mich nur aus.“ Ich war’s zufrieden, ließ ihn ruhen und hätt mich gerne selbst dazu gelegt, denn müde war auch ich und nicht umsonst heißt es wohl „Kiesbett“. Deren gibt es immer mehr im ganzen Stadtgebiet, denn wann immer es eine Fläche neu zu dingsen gibt und zu gestalten, wird ein Kiesbett eingebastelt. Das ist schön, und niemals hat jemand behauptet „Freiraum“ habe unbedingt mit Umwelt, Natur und Grün zu tun, da kann der Plan noch so „Master“ heißen, der wahre Meister wird’s schon wissen. Besser jedenfalls als all die Nörgler. Denn Stein ist schön, da kann die wunderbare Webseite „Gärten des Grauens“ sagen was sie will, und hier durch die Seiten geblättert lässt es sich vorzüglich zu neuen Wohltaten für die Noris inspirieren. Weil 1. wärmt sich so ein Stein schön auf in der Sonne, nicht wie böses Gras, das kühlt und feuchtelt, das weiß man doch, wenn man mal unten abends in den Auen war, so ein Bett kann niemand wollen. Und dann 2. wächst durch den Stein durch nur die Pflanze, die wir wirklich wollen, höchstens vielleicht schafft sich mal ein Löwenzähnchen an die Luft nach oben durchzubeißen, ansonsten bleibt es da schön ordentlich, bloß nicht dieses Wildwuchs, von dem die Nörgler reden, schon gar nicht vor der eigenen Haustür, es reicht doch, wenn ein Rasengleis ein bisschen wuchern darf. Außerdem ist der einst’ge schwarze Prinz und Sohn der Stadt neuerdings ein Grüner, soll er sich doch um Insekten kümmern, wir hier bleiben Rot, und wenn’s nur auf der Landeshitzekarte ist. Dann 3. lässt sich so ein Kiesbett gleich wieder besser sauberhalten, denn anstatt nur lästig händisch mit dem Rechen rumzukratzen, trompetet man einmal per Blasgerät kräftig hinein und holt mit dem Laub auch sogleich den ganzen Unrat, pardon: Zierrat hinaus und tut dann einfach neuen rein. Das ist vielleicht ein bisschen doof und teuer eh, aber so ähnlich übt man’s auf der Insel Schütt seit Jahren erfolgreich en grosso. Und 4. ist der Kies sehr wohl gut für Tiere, zumal nämlich Hunde, denn so ein Malheur ist schnell passiert, und das kompakte Defäkat kommt aus dem Kies doch gleich viel besser raus anstatt im Rasen zu verfangen, es sei denn, das arme Vieh hat am Vorabend was falsches gege… naja. Und dem natürlichen Bedürfnis „Scharren nach Geschäftsverrichtung“ wird auch gleich viel besser stattgegeben, das ist so wie ähm kennt ihr offene Katzenklos und dann die Streu überall und so? Genau. Kiesbettklo, Kiesbettklo, ja das macht die Hunde froh! Naja. Wir haben ja aber grad auch wirklich wichtigere Probleme. Zum Beispiel: „Leben am Limit – Ist eine Existenz ohne Gelben Sack möglich?“ oder „Zu wenig Platz für zu viel Müll – Der Schredderaufsatz für die Gelbe Tonne“.

Freitag, 10. Januar 2020

Detox-Galore

Wie üblich zu Jahresbeginn entdecken Menschen ihre schlechten Angewohnheiten, um sie sogleich in gute Vorsätze umzuwandeln. Oft bleibt’s dabei (Stichwort: Fitnessstudio Fördermitgliedschaft), manchmal aber auch nicht, und so hab ich also nach der erfolgreichen Bezwingung des großen steinigen Weges im Wald den aus dem letzten Jahr bereits bekannten zu erklimmen begonnen: Hello Detox, my old friend, I’ve come to talk to you again. „Ja also in der Vorweihnachtszeit, da war’s bei mir ja auch ganz schlimm!“, hat die Freundin zu Protokoll gegeben und im Sinn gehabt, mich zu beschwichtigen und im Selbstzorn einzufangen. „JA LUSTIG!“, hab ich mich wieder freigestrampelt, „Vorweihnachtszeit, Vorweihnachtszeit! Die hat aber früh angefangen, die Vorweihnachtszeit bei mir! Ungefähr nämlich im … März, glaub ich!“ und ein kleines Feuerchen entzündet aus aller schöner Kleidung, in die ich mich so stolz hineindiszipliniert hatte. Ja und dann eilig wieder gelöscht weil in Bälde passt ja wieder alles, gell. Gesamtsituativ betrachtet ist’s grad auch noch gar nicht schlimm mit dem Detox: Traditionell übt sich die Peer Group im Jänner und auch Februar in Enthaltsamkeit, man gesundet vor sich hin und freut sich über ein bisschen Bewegung und viel Couch – gut, was willst du anderes machen, wenn draußen die sibirische Eispeitsche durch die Winterstraßen wedelt. Leider tut sie das grad gar nicht, eher ist so ein bisschen Straßencaféwetter, aber wenigstens zeitig dunkel wird es, das kann uns der Klimawandel bis auf Weiteres auch nicht nehmen, also hinauf aufs Kanapee in Büßerhaltung. Zumindest innerer. Die gute Laune ungebrochen, das bisschen Detox macht sich von allein, sagt mein Mann, und ich bin zuversichtlich. Ist immerhin schon Tag 2. Von 30 bis 90. Naja. Nicht so zuversichtlich ist der diesjährige Mitstreiter. „Jetzt hab ich einen Tag geschafft. Morgen darf ich wieder Gummibärchen, gell?“ sprach’s und ich hab mild gelächelt und statt der bunten Zuckerware einen hübschen grauen Naturtofu über den Tisch geschoben. „Schau, der ist nicht so süß und auch nicht ganz so bunt, aber wenn du dich ein bisschen anstrengst, dann ist das Kaugefühl ganz ähnlich!“ und überhaupt müsse der Mitstreiter erst einmal seinen Kamelhöcker abbauen. Denn in einen solchen hat er mit großem Fleiß versucht, in der letzten Woche seines Lebens alles anzureichern, was ihm beim Detoxmogeln helfen kann, hat Aufpreis zahlen müssen im Wirtshaus wegen Salzfass geleert, hat morgens Kaffee in den Zucker mit der Pipette geträufelt und dauernd aus Versehen ein Weizenbier bestellt. „Ich glaube“, hab ich klug gewusst, „das funktioniert vielleicht nicht so gut, das mit dem Kamelhöcker. Ich glaube, es wird nur die Umstellung um so schlimmer.“ Allein es hat nicht geholfen. Dafür hat der Mitstreiterkollege hilfsbereit einen Salzleckstein auf den Bürotisch gestellt. Und ich freu mich jetzt schon auf die Vorweihnachtszeit.  

Freitag, 3. Januar 2020

Patina!

Vorbereitungen Silvester 2019. Circa zwanzig Jahre wenn nicht mehr war die wichtigste Party des Jahres im ähnlichen Trott verlaufen (Eckpunkte: In Schale werfen, Primaessen, befreundete Menschen, lustig, mehr Getränke, fremde Menschen, noch lustiger, Mitternacht, Sektflasche, Überschwemmung, Gsundsneues, BöllerscheißeaberRaketeschonschönirgendwie … etc. pp., Neujahrsproblematik). Dieses Jahr sollte es etwas wirklich Besonderes sein. Etwas Außergewöhnliches. Nämlich: nichts. „Party? Na!“ hatte ich ausgerufen und stattdessen „Patina!“ postuliert, mir in Windeseile eine sehr letzte Chance auf eine sehr winzige Bude in einem sehr bayerischen Wald organisiert und mich beim dortigen Hauswirt versichert, dass hier nichts, aber auch wirklich gar nichts an Silvesterbohei geboten sein wird. „Auch nicht macht die Dorffeuerwehr ein mittelheimliches Spanferkelgrillen, zufällig?“ hab ich besorgt gefragt und solches mehr, und aber „Naa!“ war die Antwort und es blieb sie auch. Sehr beruhigt bin ich einen Berg hinaufgegondelt, nur um oben keine Aussicht vorzufinden „Bestes Omen für das neue Jahr!“ hat mir das gefallen, und bin ich noch um einen See herumgekrautert und in Vorfreude aufs heimelige Couchsilvester verfallen. Und dann hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Den nämlich, bei dem man Einkehr halten musste, weil wegen der vielen Wanderschaft und großer Durst und eh schon im Ort und keine Gefahr weil das größte Remmidemmi findet vor der Dorfkirche statt, da machen die Dorffrauen nämlich Plätzchenausverkauf mit Glühwein und einer schönen Auswahl un- oder wenn dann höchstens kirschgeweihtem Wasser, so ein Silvestergottesdienst, da musst du dich schon stärken vorher oder vielleicht auch hinternach, aber die Bude ist jetzt zu, „Aber du!“, hat der kirschbegeisterte Teufel hilfsbereit souffliert, „beim Wastl-Gasthaus-Pension-mit-Hausmetzgerei ist heut Silvesterspezial mit DJ Musik, da gehen wir jetzt geschwind vorbei und erfragen was da später noch geboten ist.“ Es war 17 Uhr und ich zögernd einverstanden, und so bin ich also den Berg wieder hinuntergetapst, im Outfit hat’s an der Festlichkeit eher gemangelt, und so gelangte man zum Wastl, der zwar spärlich besetzt, jedoch vollauf reserviert und im wahrsten Sinne hochdekoriert war. „Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft“, nämlich eine erkleckliche Ansammlung von Menschengut, das mit wenig oder sichtbar zu hohen Erwartungen Platz genommen hatte. Der bestgekleidete Gast trug Nadelstreif und Fliege, es handelte sich um einen Säugling, DJ Musik trat alle Viertelstund aus den Gemächern und legte schmissiges aus der Schlagersammlung auf. Vereinzelt wippten Schultern. Ich war hingerissen. Träumte von Schieber mit dem Hausmetzger und Pogo mit der Kellnerin, vom Flipperduell mit Wastl und Entern der DJ Musik-Anlage, von Begegnung und Verbrüderung und … „Wir haben noch 7 Euro. Und außerdem dreckstehende Wanderklamotten an. Möchtest du fragen, ob wir Klamotten leihen und anschreiben lassen können?“ hat die kirschentgeisterte Stimme der Vernunft mich dann geweckt und das Halali geblasen. „ICH KOMME WIEDER!“ hab ich der Kellnerin versprochen und also das alte Jahr mit einer großen Lüge abgeschlossen. Kam ich gar nicht wieder. Dafür selig couchend im neuen Jahr an. Mach’mers gemeinsam? Dann hiev ich mich für euch wieder: runter vom Sofa!

Freitag, 27. Dezember 2019

Fünfkampf

ახლა შემთხვევით შევჭამე ყველაფერი - Liebe Gemeinde, was ihr hier seht, sind mitnichten die lettergewordenen Laute des Jahreswechsels, kein onomatopoetisches Silvester, sondern georgische Buchstaben für einen Zustand, in dem ich mich befinde und der macht, dass vergleichsweise wenig Blut in meinem Kopf, dafür aber sehr viel davon in meinem Magen sich befindet, um dort mit größter Anstrengung der Peristaltik unter die schwitzenden Arme zu greifen, die mit hochgekrempelten Ärmeln bereitsteht, um nach Art der pamplonischen Stierläufer sich nicht allem, doch einem Teil dessen entgegenzuwerfen, was da auf sie zukommt, um nach bestem Wissen und Gewissen, aber auch einigem Todesmut Herrin der Verdauungslage zu werden. Für diese wunderlichen Buchstaben gibt es ein Wort, das dem Deutschen in all seiner kombinatorischer Pracht zu meinem größten Bedauern gänzlich abgeht, nämlich:  Shemomedjamo. Und das wiederum bedeutet „Huch, jetzt habe ich versehentlich alles aufgegessen.“ So ragt der Magen also ähnlich drohend in die weihnachtliche Wirklichkeit wie der Personaltrainer zur Mäßigung mahnt: „Ihr tägliches Ziel sind 10 000 Schritte“, erinnert mich das Display, schickt ein aufmunterndes „Machen Sie weiter!“ hinterher und weiß die Euphorie sogleich hämisch zu dämpfen: „Sie haben schon 272 Schritte.“ Ich so: Ja danke, wäwäwäh, du hast ja überhaupt keine Ahnung. Weil was das Telefon nicht aufzeichnet ist der weihnachtliche Fünfkampf in den Disziplinen Charakterbildender Mehrstimmengesang („Kannst du jetzt bitte mal den Bass singen?“ – „Bass liegt mir nicht.“ – „Was möchteste denn lieber?“ – „Sopran.“), Training der Kompromissbereitschaft („DU HAST DAS WEIHNACHTSRÄTSEL SCHON GEMACHT!!“ – „Ähm … ja …?“ – „WIR MACHEN DAS RÄTSEL IMMER ZUSAMMEN AM 25.!!“ – „Ähm ja aber also ich hab gedacht …“ – „NICHTS HAST DU GEDACHT, DU BIS GRAUSAM UND HERZLOS UND EGOISTISCH!!“ – „Puh na gut ich radier die Lösungen wieder raus, ok?“ – „Ok.“), Therapeutisch-Menschärgeredichnicht („Schmeiß den Papa!“ – „Aber der hat doch noch nicht mal eins draußen.“ – „Egal!“ oder „Während ihr hier Allianzen bildet schleicht sich der da drüben klammheimlich ins Häusl! Aber ist ja klar das war ja schon immer so dass ihr euch gegen mich …“ und „Ach Gott ach Gott mein armer kleiner Schatz es tut mir so leid aber ich MUSS dich schmeißen ich kann nicht anders, kannst du mir verziehen?“ – „Nein.“ – „Ach Gott o weh dann setz ich eben lieber eine Runde aus!“), Verzicht & Mäßigung („Ich hab doch gesagt ich möchte eine halbe Forelle.“ – „Ja und, hast du doch?“ – „Ja und aber halt noch eine komplette weitere dazu.“ sowie „Ey bitte hau bloß ab, wenn ich jetzt auch nur noch einen halben Bissen Kalbsbratwurst auch nur sehe, übergeb ich mich.“ – „Ja dann hörst du vielleicht besser auf?“ – „Ey unbedingt, sons… oh, gibst du mir doch die halbe?“) und zu guter Letzt Pazifistisch-Phlegmativity („Ey hallo, Pantomime, nicht erklären!“ – „Ich kann nicht Pantomime machen, ich muss liegen und offenen Hosenknopf haben.“ –„Schau jetzt dass du aufstehst und machst, zefix!“ und „Hörst du jetzt bitte auf, da mitzuraten? Wir sind Team, die sind GEGNER!“ – „Ja nein aber ich KANN NICHT es ist alles so AUFREGEND!“). Schrittzähler? Nimm das! Und jetzt: Rauf aufs Sofa! Halleluja! 

Freitag, 20. Dezember 2019

Die große Speisung

Wie in jedem Jahr ist jetzt kurz vor Halleluja. Und wie in jedem Jahr dominieren bei Familie W. am D. in N. an der P. nicht etwa bürgerliche Konzepte von Baum („Wozu der Stress, ich leg einen Zweig auf den Tisch und zünd den an.“) oder Schmuck desselben („Willst nicht auch was auf die Fensterseite hängen?“ – „Nein warum, ich will doch schöne Lichter, nicht die Nachbarn!“), festliche Gewandung („Am besten wird sein man hat gleich eine weite Jogginghose an.“) oder die Auswahl traditionellen Liedguts („Machst du mal bitte das Fenster zu? Die Jungs singen schon. Und versteck die Trompete!“), sondern: Essen. Damit unterscheiden sich Gesprächsinhalte vom restlichen Jahr: nicht, wenn man davon absieht, dass der Termin der großen Speisung vergleichsweise frühzeitig feststeht. Was den wunderbaren Effekt mit sich bringt, endlich einmal ausreichen Energie auf die inhaltliche Ausarbeitung verwenden zu können. Denn es sind viele Köche, die gern den Brei verderben würden, ein jeder hat Stärken, Schwächen und Finessen und möchte zwingend beitragen wie es ihm eben möglich ist („Ich kann leider überhaupt nichts einkaufen weil ich erst am 23. ganz spät aus dem wichtigen Kurzurlaub zurückkomme aber hey: Ich bring gute Laune mit!“). Für gewöhnlich reist man durch die Länderküchen und spickert auf der Weltkarte, Indien, Portugal, Afrika, und wenn der Pfeil einmal daneben trifft setzt man ihn eben geschmeidig um („Yeah, Russland!“ – „Vergiss es, da kann ich ja nicht mal die Rezepte lesen.“), zum Beispiel zufällig oft nach Italien. Von Ausflügen in die heimische Küche wird traditionell wieder abgesehen, seitdem eine erste Gans einem Stromausfall und bei einem zweiten Versuch der mediterran-verwöhnte Familienmagen kollektiv der Gans zum Opfer fiel: Sieben auf einen Streich, damit rühmt sich vielleicht das tapfere Schneiderlein, dem Weihnachtsfrohsinn jedoch ist es abträglich, wenn stundenlang sich nur noch gelegen, geächzt und verdaut werden kann. Also zurück zur leichten Küche. „Ich wünsch mir“, hab ich frivol einen Vorstoß gewagt, „dass wir ein Menü fleischlos machen.“ – „Supergut“, zeigte sich die Maîtresse de Cuisine überraschend gefügig, „dann machen wir drei Currys: mit Lamm, Fisch und eins mit Gemüse.“ Ich hab dann überlegt, dass ich mich vielleicht wieder auf meine Rolle als Sous-Chef oder vielleicht auch nur Coup de Main rückbesinne und anspruchslos bis grenzdebil und dementsprechend grienend für die niederen Arbeiten zuständig sein könnte, so denn welche anstehen. Für den Fall dass nicht hab ich mir schon eine Beschäftigung organisiert, nämlich ein großes Origami und den Bau von Tannenbäumen aus Servietten, zudem gedenke ich das Heimatradio zu bewachen und sogleich in – da hab ich meinen Willen doch noch eingemogelt! – cerberussisches Gebell zu verfallen, sollte mir jemand meine besinnliche Zithermusik gegen moderne Fischerchöre austauschen mögen. Seid besinnlich, friedvoll und liebet euch! Und die anderen bitte auch. 

Freitag, 13. Dezember 2019

Bastelanleitungen

Von Winterschuhen kann ich immer noch nicht künden, dafür aber wohl von Siebenmeilenstiefeln – nämlich, in denen der Advent voranschreitet. Ein-, zweimal nicht richtig aufgepasst, und schon ist das dritte Kerzlein entzündet wie auch deine Augen, die wund von Heizungs- und Geschäfteluft hineinstarren in die Kalender und Kataloge und nicht wissen, wie das noch alles klappen soll. Ich, wie immer: tiefenentspannt. „Ich kauf euch nix, ich bastel nur!“ hab ich vor Wochen schon vermeldet und bin selbstverständlich verspottet worden. „Du! Innere Einkehr! Stille! Basteln!“ hat ein ehemaliger Bekannter hämisch ausgerufen als ich sprach von handarbeitender Meditation und dass alljährlich, wenn dieser unbedingte Aktionismus endlich einer regnerischen Zwangspause unterworfen wird, mit der großen Ruhesehnsucht sogleich der unbedingte Wille zum Erschaffen in Erscheinung tritt. Eremitengleich die Anlage, die tief im Kern meines Wesens verborgen schlummert, um dann mit tosender Gewalt hervorzuexplodieren und Anschub zu bekommen von gewissen Algorithmen, die mir täglich mehrfach tolle Videos von einem tollen bayerischen Rentnersender unterjubeln, dem ich mich neuerdings sehr verbunden fühle, gekleidet in das wärmende Gewand der Nächstenliebe, und wenn auch nur ich selbst die nächste bin. So also bin ich dem Bayern 1 verfallen und schau mit kringelnden Spiralpupillen, wie einfach Schönes zu kreieren geht. Hab ich dann herausgefunden, wie’s funktioniert, stürz ich mich in die Massenproduktion, weil wenn man den großen Topf eh schon einsaut dann kann man auch „Apfelmus wie bei der Oma“ hektoliterweise machen, die originale Dahoam-is-Dahoam-Meerrettichsuppe zum portionsweise einfrieren und einen Lebkuchenlikör und Eierpunsch so, dass alle lang was davon haben. Mit eben jener Zuversicht hab ich mich ins Jahresprojekt gestürzt und verlautbart, es gebe aus Gründen der Mäßigung, Nachhaltigkeit und Upcyclerei für jeden hübsche Vogelhäuschen, und zwar handgefertigt aus Porzellan. „Was“, merkt hier mein privater Hofnarr an, „das Bayern 1 dir halt immer nicht verrät, ist, was du dafür an Werkstatt alles erstmal kaufen musst!“ und also hab ich mit wehenden Bastelfahnen zwar flugs im Sozialkaufhaus die allerschönsten Porzellane erstanden, mit gleich viel weniger wehender Beflaggung im Baumarkt würgend Eisenstangen, Glasschneider und Spezialschrauben gezahlt um noch später als begossener Schwitzpudel das Projekt ad acta legen müssen. Doch der Bayerneins, mein Freund und Helfer, wusste Rat, und so produziere ich seit Wochen parallel höchst nachhaltige Windlichter mit raffinierter Eisblumenoptik und liebevoll handgegossene Trinkschokoladen-Stücke, die ich in einer Panikreaktion allsamt schon verschenken musste, nachdem auch hier sich außerplanmäßig eine Eisblumenoptik zu zeigen begann. Wenn noch jemand Tipps und Kniffe braucht zum flugsen Weihnachtsbastel: Bitte melde dich! Ich hab ja jetzt Zeit. 

Freitag, 6. Dezember 2019

Packerlwahn

Beschwerdeanruf vergangene Woche: Es sei doch, hat es laut aus dem automobilen Dröhnsprecher getost, erstaunlich, womit man sich an so einem vermeintlich ruhigen Rententag herumschlagen müsse, sprach der Erbmassenverwalter, nur um den Willen meiner Person zu erfüllen. Ewigkeiten habe man gesucht, polterte es weiter, und dann in Erwägung gezogen, eine Exceltabelle zur ordnungsgemäßen Darstellung und ergo fortfolgend erleichterten Arbeit zu kreieren, schließlich habe man noch einige Wochen vor sich und könne nicht täglich derart viel Energie in Suche investieren, und überhaupt sei es wirklich erstaunlich, dass eine Person mit einer solch umfassend hohen Bildung und fortgeschrittenen Lebensreife wie ich immer noch nicht in der Lage sei, in Übereinklang mit den weitestgehend global akzeptierten Standards der Mathematik im Zahlraum 1 bis 50 zu agieren und dementsprechend korrekt zu zählen. Auf gut Deutsch: „Wieso muss man denn in einem Adventskalender die Tage so durcheinandermischen, Kind?“ – „Tja, Väterchen“, hab ich salomonisch gesprochen, „damit du jeden Tag genug Zeit hast, an mich zu denken“, und mich zufrieden zurückgelehnt. Das war nicht immer so. Spulen wir zwei Wochen zurück. „DU GOTTVERDAMMTES RINDVIECH!“ hat mich da jemand angefreundlicht, und man hätt gern einfach kerzengrad eine Faust geantwortet, nur leider hätt ich dann erstens einen Spiegel zertrümmert und zweitens auch nichts geändert. „Machst du halt auch einmal einen Adventskalender“, hatte ich gedacht habt, „dieser ganze kommerziell überhöhte Pärchenbullshit geht mir zwar mords auf den Senkel, aber so eine kleine Aufmerksamkeit kann nicht schaden“, außerdem gab’s eine, naja, Bringschuld gegenüber einzelnen Personen. Also einer. Person. Dann ist ein Größenwahn passiert, weil wenn du dann eh schon dabei bist, bist du ja eh schon dabei und außerdem musst du Füllsachen besorgen und 24x das gleiche ist doof aber hernach hast du 24 offene Packungen vom zuckrigen Irgendwas und speist alles selbst, dann lieber verteilen. An den besten Freund, der ist eh immer so ungeliebt. Ach und an die Brüder, da freuen die sich auch einmal, wenn die große Schwester … Ja und dann wegen der Gerechtigkeit auch an den Vater und an die Mutter ebenso, bei der ist eh gut wenn die einmal ein schlechtes Gewissen kriegt weil sie mir schließlich nie … Naja, gesagt getan, und ein paar Stunden später hab ich mit verholzter Haltung inmitten eines Packerlwahnsinns mich wiedergefunden. Im Zahlenraum über 50 bin ich unsicher, aber 6x24 ist eh viel. Und dann musst du wegen der Gerechtigkeit überall das selbe eintüten und dann aber auch noch nicht den Überblick verlieren und dann Sehnenscheidenentzündung wegen Packerlbinden und Heulkrampf und Chaos und dann noch 6x24 Packerl an eine Schnur und dann noch mit einem durcheinanderen Suchspaß, also Knoten bis zum Gichtanfall und Rindvieh. Aber schau, sie geben einem so viel zurück. Siehe Anruf oben.