Große Aufregung hier im Allgemeinen seit Wochen so wie sich zuspitzenderweise um mich herum im Speziellen. „FeuZaBo@CKM!“, ruft eins aus, „da fieber ich schon das ganze Jahr drauf hin und regle alle Termine danach! Du MUSST mitkommen.“ Weiß ich natürlich sofort, was gemeint ist, weil pass auf: Wird heut später am Nachmittag nämlich eine Weibsperson mit Frisur und Kleid einen Balkon betreten, um von dort zum Volk zu sprechen. Großes Geheimnis, von dem ich so viel bereits verraten kann: Diese Person werde schon wieder nicht ich sein, weil obwohl ich mich seit Unzeiten für den Job anpreise, weil Kleid hab ich und Frisur erst recht, und zum Volk sprechen kann ich wie eine Große, werd ich einfach nicht gehört. Aber gut, ich bin ja seltsamerweise auch noch nicht auf der Straße von einer Modelagentur entdeckt worden und auch noch nicht vom Herrmanns Thomas nach Berlin eingeladen. Aber wie der Herr Cator Senior stampf ich einfach weiter zornig mit dem Stöckel auf den Boden, „ceterum censeo Katharinem esse eligendam“ oder so, wohlwissend, dass der Kelch an mir vorbeigehen wird, schon wegen Altersdiskriminierung. Also jedenfalls stehen wir dann um halb sechs alle da und recken die Hälse und sehen nichts außer Smartphones und von Elternschultern herabbaumelnde Gummistiefel und hoffen, dass endlich mal ein kleiner, nur ein klitzekleiner Versprecher ins Volk hineinprologisiert wird, und dann passiert eh wieder nichts und dann fertig und Lichter an und tja. Und jetzt? Weil wo der Pöbel sich sogleich gegenseitig durch die gestreiften Reihen schiebt oder eigenständig hindurchschlachtschifft, ertönt um mich herum vergleichsweise selten der Wunsch nach dem siebenundreissigsten Edelsteinamulett und auch das Verlangen nach dem siebzehnten „Schau wie süß der Keramikdrache dem wo man mit Dochten in den Nüstern Feuer anzünden kann!“ ist überschaubar. Früher vielleicht noch Mütze oder Lammfellsohle, aber heut auch nicht mehr nötig wegen eh zu warm. Und wegen genereller weil mainstreamiger Mainstreamverachtung natürlich auch indiskutabel, sich an einen Großglühweinproduzentenstand zu begeben weil da der Ekelstiefel zu dreifuffzich statt im Laden der Liter zu 1,33 Euro, und außerdem mittlerweile Vorglühfacebookveranstaltungen für am Ausschank und dann muss es halt Feuerzangenbowle, aber halt bloß nicht die ballermännische eine da, sondern natürlich die coole. Weil was nämlich kaum jemand weiß, deswegen auch großes Geheimnis jetzt, der viel schönere und viel nettere und viel besseresgewissenere Weihnachtsmarkt, der ist ganz dolle versteckt ganz woanders, deswegen findet da auch kaum einer hin sondern bloß die Eingeweihten stehen da und connaissieren vor sich hin und prosten den anderen fünftausend auf dem Platzerl kuschelnden verschwörerisch zu. Weil: hier cool, drüben uncool. So, und jetzt noch ein Rätsel, und wer’s löst, darf mir einen Tiroler ausgeben. „Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll … ?“ Hosianna!
Freitag, 25. November 2016
Freitag, 18. November 2016
Smalltalk
Der Brudermensch war sommers einmal auf einem Geburtstag eingeladen. An sich nichts besonderes, wär’s nicht der Jubeltag des Vorgesetzten gewesen, und zwar jetzt nicht mit einem solchen, wo man dauernd sagt, eh Schorsch, servus, karteln später?, grüßt mir die Uschi, gell! Deswegen also Unsicherheit, Kollegenangst, Etikettensorge. Also beim Small Talk, hab ich ihm in den auf der schwesterlichen Schulter weinenden Schädel getröstet, ist eh am einfachsten, wenn du dich an simple Regeln hältst. Politik ist immer gut, gern auch mit ein bisschen Lokalkolorit und aktuellen Ereignissen der Szene, Hauptsache positionieren! Wosd jetzt auch kaum was falsch machen kannst, ist freilich Religion, weißt schon, Abendland versus Atheismus, Aufnahme der Apokryphen in den Kanon, fünfmal täglich beten nach Westen, da hat eh jeder eine Meinung, kriegst das Gespräch easy zum Laufen. Ansonsten halt auch Krankheiten, weil jetzt ist man eh in einem Alter, wo da auch ein jeder was beizumtragen hat, und dann ein Prost aufs baldige Ableben und dann noch ein JetztistehschonegalSchnaperl und juheissa! „Echt?“ blickten mich tränennasse Augen dankbar an. „Echt“, hab ich ihm den Rotz der Verzweiflung liebevoll aus dem Gesicht gewischt. „Alles ist erlaubt. Hauptsache, du stellst nie, also wirklich nienieniemals die eine, die schreckliche, die verbotenste Small-Talk-Frage der Welt.“ – „Und welche ist das?“ – „Wie geht’s.“ Diese Frage, hab ich dann nämlich weiters ausführen müssen, zieht Situationen von größtmöglicher Unsäglichkeit nach sich und bugsiert den solcherart Angesprochenen in einen Stress. Und in Folge dessen je nach Ausgang den Ansprecher. Weil was sollst denn antworten auf so eine Frage, die man vielleicht am besten noch von einem entfernten Bekannten auf der Ubahnrolltreppe gestellt bekommt? Man kann a) Lügen, knapp das eigene natürlich beste Wohlergehen kundtun, die Frage zurückgeben und hoffen, dass der Mensch auch lügt, um sich dann unter dem Vorwand eines im Ofen vergessenen Kuchens oder spontanen Todesfalls in der Familie aus der Misere schummeln. Wenn man Pech hat, hat der andere Mensch ein Redebedürfnis und berichtet in epischer Länge von allen Zipperlein und Wohlstandssorgen, die ihn so umtreiben. Oder man antwortet b) ehrlich, aber in dem Wissen, dass das Gegenüber es so genau eigentlich gar nicht hören wollte. Oder aber man hält’s amerikanisch und betrachtet das „Wie geht’s?“ als Synonym für „Hallo“, lächelt und geht weiter. Hat auch den Vorteil, dass wenn das Gegenüber nichts von dieser Unsitte weiß, man dessen verstörtes Gesicht nicht mehr anschauen muss. Mit einem Klaps hab ich den Brudermenschen in die große Welt entlassen, zum Erproben des Erlernten. Am Samstag eignet sich als Smalltalkthema ganz hervorragend die Impertinenz des Stillen Feiertages, eine damiteinhergehende Einschränkung der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, und ob man im Zuge der Abschaffung derselben nicht auch eh alle Feiertage ausradieren und stattdessen sich in der Arbeit frei entfalten möchte.
Freitag, 11. November 2016
Schnutz!
Nachdem uns die Bekleidungshändler aller Klassen seit Juli darauf vorbereitet haben, kam er diese Woche für alle überraschend auf eine Stippvisite vorbeigeschneit: der Winter. Folge: völliger Verkehrszusammenbruch wegen lustiger Kombination aus „ach, dieses ‚von O bis O‘ ist schon eine tolle Eselsbrücke, um sich endlich mal merken zu können, dass hierzulande Sommerreifen ganzjährig draufbleiben können, von Ostern bis Ostern, haha, das ist lustig“ und „OGOTTOGOTTOGOTT ein Kristallgeriesel auf der Windschutzscheibe, wie war das gleich wieder in der Fahrschule mit der Glätte und dem Aquaplaning und dem Gegenlenken und ogottogott ich fahr einfach nur 20, sicher ist sicher, notfalls schieb ich das Auto!“ Gut, jetzt muss man freilich schon auch zugestehen, dass hier eher nicht die Gegend ist, also im Nürnberg schon gleich dreimal nicht, wegen Wetterinsel, wo man sagt, da lernt der Nachwuchs schon noch vor dem Kindergarten, die Schneeketten locker im Vorbeigehen aus dem Handgelenk drüberzuzaubern.
Eher so die Gegend, wo man sich fragt, wieso das Wort „Schnee“ überhaupt im aktiven Wortschatz vor sich hin lebt. Ich mein, der Eskimo, den man nicht mehr so nennen darf glaub ich wegen pc, aber da stellt sich so ein bisschen eine Unsicherheit ein wie beim Zigeunerschnitzel, hab ich jetzt auch noch nicht mitbekommen, dass einer ein Sinitiundromaschnitzelbittedanke bestellt hat, bleiben wir also beim Eskimo. Oder beim Angehörigen eines indigenen Volkes im nördlichen Polargebiet. Mich treibt grad eher die Frage um, warum es eigentlich eine „warme Jacke“ gibt aber keine „kalte Jacke“. Dass die da oben jedenfalls haufenweise Schneewörter haben, das versteht man dann schon eher.
Haben sie aber übrigens gar nicht weltweit die meisten, große Lüge, hat der Herr Boas uns sauber aufs Glatteis geführt. Weil nämlich die Schotten, weiß man heut, die haben viel mehr Schneewörter, über 400, stell dir mal vor! Wegen der vielen Landwirtschaft haben die’s nämlich genaugenommen mit dem Wetter. Aber ich glaub, gewissermaßen stehen wir denen in nichts nach, nur halt in anders. Weil bei uns kommen halt andere Sachen vom Himmel, die der übersichtliche Mensch vielleicht als „Schnee“ bezeichnen würde, der differenziert denkende weiß sich anders zu behelfen. Was es da die Woche gab beispielsweise, das war eindeutig ein Schniesel, der zwischendurch in einen Schnegen übergegangen ist. Wenn’s dann mal ein bisschen kälter wird, bleibt mit viel Glück was liegen, was dann als Schnatsch prima umeinanderspritzt, weswegen man dann sehr schnell voller Schnutz ist. Schnischnaschnappi, wie komm ich jetzt aus dem Text raus? Keine Ahnung.
Hauptsache, wir betrauern am Sonntag alle das Volk. Welches, sei jedem selbst überlassen.
Freitag, 4. November 2016
Käsekuchenvorfall
Neues vom Pubertier! Von einer geleiteten Experimentsituation hab ich ja Abstand nehmen müssen wegen Genfer Konvention im Allgemeinen und Erziehungsberechtigten im Speziellen, aber das brauch ich auch überhaupt nicht, weil: Das Pubertier zeigt mir alles, was ich sehen möchte, ganz von allein. „Schaumalschaumalschaumalwasichhab!“ überfiel es mich neulich und hielt mir einen Gegenstand so dicht vor die Nase, dass ich die Form einer Deoflasche nur erraten konnte. „Riech!“ befahl es, und ehe ich’s mich versah, befand ich mich in einer Masse klebrig süßen Irgendwas, das den Raum um mich gelbrosawolkig und irgendwie zähflüssig erscheinen ließ. Es handle sich, wurde mir auseinandergesetzt, um ein Deodorant in der, pardon, Geruchsrichtung „Vanillacheescake“, dessen exakte Beschreibung leider nicht rekonstruierbar ist, da das ganze Internet sich in unschuldiger Unwissenheit ob dieses Produktes präsentiert, was ich nur zu gut verstehen kann, wenn man das so interpretiert, als habe der Erfinder dieses Opus seinen fatalen Irrtum nicht nur erkannt sondern sich derart geschämt, dass er hurtig weltweit alle Spuren zu vernichten sich beeilen hat müssen. Vielleicht so ein bisschen wie der Herr Hahn und der Herr Strassmann, die ja, glaub ich, hernach auch nicht mehr so arg begeistert waren von ihrer Entdeckung. Jedenfalls war dann leider meine Spreche schneller als die Denke, und hab ich blind vor Augentränen durch die klebrige Wolke geschnappatmet, dass diese Geruchsrichtung durchwegs diskutabel sei und es mich nicht Wunder nähme, wenn in Verbindung mit Transpirat ein olfaktorisches Debakel sich ereigne. Das Pubertier verschwand empört und ich blieb zurück als unsensible Mistsau, wenngleich süß umwölkt. Dabei hab ich grad angesetzt gehabt, Verständnis zu demonstrieren. Weiß ich nämlich schon noch, dass seiner- oder besser: meinerzeit auch spezialwichtig: möglichst viel Auftrag von möglichst mit Schmetterlingen und Blumen bedrucktem Produkt, das übrigens, grad nachgeschaut, entsetzlicherweise auch heut noch wirbt mit „angesagte Frische (sic!) für junge Mädels“. Und dann haben Vatermenschen lautschweigend Räume verlassen oder im Auto alle Fenster aufgerissen, auch wenn draußen Minus hundert Grad. Dass der Lehrkörper nicht prinzipiell mit Gasmaske nur den Lehrraum betreten hat, mir völlig schleierhaft. Hab ich dann Abbitte leisten wollen und zur Versöhnung gemeinsam einen Käsekuchen backen. Hat’s mich sauber ausgeschmiert, das Pubertier, weil überraschend Konfi-Unterricht. Hat mir gescheit recht geschehen.Jetzt hab ich gedacht, vielleicht ein Fünferpack Vanillebackaroma zu schenken als günstige Alternative und wegen gibt’s ja grad wieder überall. Ist das fei prompt doppelt so teuer! Muss ich wohl die Waffen strecken.
Freitag, 28. Oktober 2016
Smashing Pumpkins
Unter weitestgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit hab ich letzte Woche eine Bombe entschärft. Huch, Bombe, Rasterfahndung! Dabei wär hier eher die Rastafahndung angesprochen, weil ich glaub, wenn mir die Bombe runtergefallen wär bei der Entschärfsorgung, dann hätt’s am nächsten Tag geheißen in der Zeitung „Ein Viertel ist high – Unbekannte versetzen Anwohner in Drogenrausch“. Ist aber nichts passiert, keine Sorge, muss ich vielleicht höchstens noch einen Zettel an die Tonne kleben für die Müllabfuhr, „bitte nicht schütteln“ oder so. Bei dem Gefahrengut handelte es sich um eine zentnerschwere Honigmelone, wo man sagt, ja, die hätt man gern noch essen mögen als man sie gekauft hat, so ungefähr im August muss das gewesen sein, die aber aus unerfindlichen Gründen nie angeschnitten wurde Dafür in der Obstschale einen äußerst hübschen Eindruck gemacht hat neben den zahlreichen Kürbissen, die da kamen und gingen seitdem, so dass die Melone ihre Eigenschaft als Lebensmittel gegen eine solche als Dekorationsgegenstand einbüßen und folglich damit Leben hat müssen. Bis zu dem Tag, an dem mir aufgefallen ist, hoppla, hab ich mir gedacht, das ist ja fei in Wahrheit gar keine Wachsmelone! Dann hab ich’s mit der Angst zu tun bekommen. Um den Tisch mit der darauf befindlichen Obstschale bin ich nur mehr geschlichen, Erschütterungen galt es zu vermeiden, dem Forscherdrang nachzugeben und das Objekt mit Augen- und Atemschutzgerätschaft aufzuschneiden, um das Innere zu erkunden, allerdings vorsichtshalber auch, weil Wände ja bekanntlich frisch geweißelt und Gelb eher nicht so meine Farbe. Und so wie ein Huhn, das nicht weiß, soll ich davonlaufen vor dem Fuchs oder lieber gleich tot umfallen, dann lieber gemütlich nach Körnern pickt, hab ich einfach auch weiter so getan, als wär’s ein unlebendiger Einrichtungsgegenstand, die Melone. In der Zwischenzeit hohe Fluktuation an ehrlich-hinterfotzigem Gewächs: Weintrauben kaufen, hinstellen, drei Tage später oben hui, unten pfui und Schimmelsoßensee. Birne kaufen, hindekorieren wegen steinhart, optisch tagelang keine Veränderung, dann hinlangen und Birnenmusgatsch an der Hand wegen heimlicher Zersetzung. Salat in den Kühlschrank, kaum fünf Tage keine Zeit zum Anmachen, zack! Kühlschrank voller Schleim. Auf Daumenlänge zerschrumpelte Gurken, beleidigt schimmelfrisierte Rüben, verzweifelt aus dem Netz oktopussierende Kartoffeln – ist nicht schön, vor allem olfaktorisch, aber wenigstens irgendwie authentisch. Die Melone hingegen – eine fiese Sau! Dass das ganz ähnlich übrigens in Wahrheit mit Kürbissen funktioniert, vor allem mit solchen, die man wegen Kunstschnitzerei ein bisschen zu lang den Nachbarn präsentiert: viel Spaß beim Entdecken! Und wenn wir das dann alles gemacht haben, haben wir in dem Moment, in dem wir am Sonntag in den Spiegel schauen, eh genug Grusel für ein ganzes Jahr. Und wer noch Birnen hat, hebt die halt für Montagabend auf. Wenn’s klingelt.
Freitag, 21. Oktober 2016
Brennereitag
Hab ich doch erzählt neulich vom Unfall mit dem Fußball und dem Bier, gell? Jaa, jetzt Anschluss verloren, schnell nochmal zurückgeblättert im Devotionalienordner mit den Zeitungsausschnitten und Erinnerung aufgefrischt. Das war ja so: Man wollte eigentlich Sport, hatte aber irgendwie plötzlich Alkohol. Um mich aber in meiner buddhistisch angehauchten Lebensführung zu bestärken, hat das Karma jetzt zurückgeschlagen und sich gedacht: Da zeigen wir ihr jetzt einmal, dass das auch andersrum geht. „Tag der offenen Brennereien“ stand mordsumringelt im Kalender. Hinaus aufs Land, Stamperl um den Hals gehängt, von Schnaps zu Schnaps wallfahrten, hier ein Spottpreisschäufele, dort einen Charlesmagner, je weiter der Tag, desto lauter die Lieder, Rache am Landbewohner für alle verkaufsoffenen Sonntage, später grölende Verbrüderung, gemeinsam ins Jagdhorn stoßen und so weiter und so fort. Theoretisch. Wär da nicht die (und das ist jetzt schon ein bisschen lustig weil völligst die Unwahrheit) Schnaps(!)idee hineingesprungen, man könnte das alles ja per Fahrrad, weil Wege zu weit zum Laufen und Shuttlebus zu voll zum Stehen. Supergut, so machen wir’s! Das Fahrer-Schnickschnackschnuck entfiel zu meinen Gunsten, und da muss ich jetzt schon sagen: so ein Glück! Aber nicht wegen Schnaps. Sondern wegen Pudding. Nämlich in den Beinen. Jetzt hat ja so eine Fränkische die Angewohnheit, aus ganz malerischen kleinen Anhöhen zu bestehen. Also aus Autofahrersicht. Die sich in überraschend fiese Anstiege verwandeln, wenn man meint, sie mit dem Radl besuchen zu müssen – und dabei nicht ein E-Bike sein eigen nennt, so wie die Rentnertruppe, die fröhlich winkend an mir vorbeigesegelt ist, derweil ich in die Papiertüte atmen hab müssen und nach der ADAC-Bergrettung verlangen, weil das vom Tourguide vermeldete „da geht’s dann kurz ein bisschen rauf“ sich als ungefähr zehnfacher Burgberg herausgestellt hat, und den fährt man ja schon eh nicht auch nur einmal rauf, wenn man nicht irgendwie ein bisschen gaga. Auch ungünstig: zum Einstieg direkt drei Radler und drei Schlehe, weil da hängt dir der Wasserbauch sauber am zitternden Knie umeinander. Folge: Rest des Ausflugs in Askese, stetes Bangen vor dem HinterdernächstenKurve, wildes Querackerein wegen „oh das sah auf der Karte ganz anders aus“ und den meisten Alkohol hab ich aus dem Nachwuchsbrenner herauswinken sehen, der mit blutrotem Kennerblick und all dem Wissen seiner zwölf Lenze die Vorzüge von Willi vs. Fassgereift erläutert hat. Das Beste wird wohl sein, man bleibt künftig daheim und schützt sich vor Erlebnissen.
Freitag, 14. Oktober 2016
Promiversehen
Unlängst trug es sich zu, dass zwei ältere Herren, die in meinem Leben beide unterschiedliche doch nicht unbedeutende Rollen spielen, unverhofft aufeinandertrafen. Da ich es für erstens der Höflichkeit geschuldet und zweitens unumgänglich hielt, sie einander vorzustellen, schritt ich alsgleich zur Tat, ums hinter mich zu bringen. „Darf ich vorstellen, das ist der W.“, sprach ich, und weiter: „Und das hier, das ist mein P.“ Und noch bevor die aufeinanderzustrebenden haarigen Pranken sich berühren konnten, erhellte sich das Antlitz des W., und er rief aus: „Ach, SIE sind das? Von Ihnen liest man ja ständig in der Zeitung, ich weiß alles von Ihnen! Wie schön, Sie endlich mal persönlich kennenzulernen, Sie sind ja sozusagen eine Berühmtheit.“
Der P. errötete bescheiden kichernd, und ich tat’s ihm gleich, allerdings aus anderen Gründen. Und ohne Kichern. Eher mit Verschluckhusten. „Momenteinmal“, stieg die Rebellion in mir auf, „was ist jetzt das? Hat er da grad ‚Berühmtheit‘ gesagt? Jetzt langt’s aber! Da rackerst dich ab seit Wochen und Jahren und schreibst und machst und kehrst dein Innerstes nach außen, mühst dich um Witz und Inspiration und schreckst auf im Schlaf, weil ein Geistesblitz nach Niederschrift verlangt, beobachtest deine Außenwelt mit niedagewesenem Scharfsinn und ebensolcher Züngigkeit, aber ER ist die Berühmtheit? Da schlägt‘s aber 13!
Anstatt dass es heißt, ‚Ah, Sie sind das, die die arme K. immer so drangsaliert und drillt und ihr das Leben arg vergräzt, schämen Sie sich nicht?‘ heißt es ‚Juhu‘ und ‚fein‘ und bald dann ‚Kann ich vielleicht ein Autogramm von Ihnen haben?‘ und dann werden rote Teppiche ausgerollt, auf denen gewandelt und in Wurfrosen gebadet wird, und der arme Ghostwriter, namentlich meine unwürdige Person, darf froh sein, wenn er im pompösen Schatten nebenher schleichen darf, aber ach was soll’s, das tu ich doch mein Lebtag schon, jahaa mei, da simmer doch nicht so, da bau ich doch vielleicht noch einen Altar irgendwo auf, da kann der Fan dann die Devotionalien ablegen und in ein goldenes Fanbuch hineinschreiben, und dann bereit ich Bühnen vor und Signaturkarten und winde Lorbeerkränze, die halt ich dann von hinten ans weiße Haupt und souffliere ‚Wisse, auch du bist nur ein Mensch!‘, und dann …“ … hab ich nur in mich hineingeschmunzelt. Und alsgleich Beschwerden von anderen Artverwandten entgegengenommen, dass SIE ja schließlich NOCH NIE hier durch die Druckertinte gezogen worden sind. Euer Wunsch sei mir Befehl …
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