Freitag, 22. Dezember 2017

O du fröhliche ...

Es ist stille Nacht, heilige Nacht. Im Haus duftet es nach Maronen und Braten, die Kinder spielen friedlich unterm Baum, ein jedes haucht einer anderen handgeschnitzten Holzfigur Leben ein. Papa schaukelt friedlich Gedichte rezitierend im Stuhl, während draußen leise der Schnee rieselt und Mama liebevoll das Haar der Tochter bürstet. So schön, so harmonisch. So theoretisch. Weil bitte, wo sieht denn ein Weihnachten so aus außer ganz vielleicht in einem sehr, sehr seltsamen Bilderbuch? Eben. In Wahrheit ist das nämlich, und da müssen wir uns überhaupt nichts vormachen, folgendermaßen: Das einzige, was rieselt, sind die Nadeln von dem Baum, den man sich wegen auf den letzten Drücker hat andrehen lassen. Im Haus duftet es sehr wohl, allerdings nach Feuerzangenbowle und Glühwein und so ziemlich allem, was man eilig angereicht hat, um möglichst  bereits vor der Kindermesse einen kleinen Schwips zu haben, um das unsägliche Krippenspiel eben so heiter durchzustehen wie den Umstand, dass Herr M. wie seit Anbeginn der Zeit in der ersten Reihe nicht sehr schön, dafür aber schön laut singt. Beim Austeilen der Speisen daheim beginnt sogleich ein erbitterter Kampf der freilich längst erwachsenen Kinder, die in alter Tradition unter steter Benachteiligungs- und Verhungerungsangst leiden, derweil die Mutter tobt, dass die Küche eh immer schon zu klein war, was aber nur dem Umstand obliegt, dass sie wegen Vorgenanntem stets doppelt so viel wie erforderlich zu kochen pflegt. Der Vater hat sich heimlich in den Flur verkrümelt, um noch eilig die letzten Sonderangebotspreisschilder von den Gaben zu knibbeln, während ein anderes Kind seit Stunden nicht gesehen ward. Nach längerem Suchen findet man es ausgezehrt und mit den Nerven am Ende im elterlichen Arbeitszimmer, wo es vergeblich versucht, Mutters neuen Drucker ans Wlan zu bringen, während einem weiteren Kind eingefallen ist, dass es im Keller doch noch sein altes Schlagzeug stehen hat, woraufhin der Vater lieber mal das festliche Radio lauter dreht, damit dann auch die Nachbarn was von der schönen Musik haben. Nachdem unter großem Gewese und unter Zuhilfenahme ebensolcher Gesten mindestens drei Weihnachtsgeschichten, die allen Anwesenden bis dato freilich völlig unbekannt waren, vorgelesen wurden, entdeckt das nächste Kind seine ungebrochene Liebe zum Klavier und sogleich die restliche Familie die zum Gesang, der begleitet wird von allem, was die hauseigene Kapelle so hergibt. Zwischendurch wird freundlich dem Nachbarn gewinkt, der anscheinend was mit den Ohren hat. Also spätestens jetzt. Nach mehrmaligem Durchexerzieren des kompletten internationalen Weihnachtsliedgutes entbrennt erst ein Streit ums Gesellschaftspiel der Wahl und anschließend einer um den rechtmäßigen Gewinner, bei dem es sich, komme was wolle, keinesfalls um den Vater handeln darf, denn der hat eh immer schon geschummelt. Vergeblich versucht die Mutter zu schlichten und durch Anreichen von garantiert leichten Nachtischen und teuren Weinen den Weltfrieden wiederherzustellen. Zweimal werden wir noch wach, heissa dann ist Weihnachtstag! Ich freu mich wahnsinnig! Und hoffe wirklich, dass ihr auch ein friedliches, glückliches und gesundes Weihnachtsfest habt und ein paar ruhige, zufriedene Tage – die meinethalben ausnahmsweise gerne mal weitestgehend auf dem Sofa verbrach werden dürfen. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten, Halleluja und Habe die Ehre! 

Freitag, 15. Dezember 2017

Schenkertypologie

So, Herrschaften. Zu meinem und hoffentlich auch eurem Entsetzen muss festgehalten werden, dass wir uns bereits im Endspurt auf die Weihnachtszielgerade befinden. Das kam auch für mich etwas überraschend, ist aber an und für sich nicht weiter verwunderlich, weil nachdem der November, wir erinnern uns, ein tiefes und vor allem endloses Tal der Tränen war, das wir gemeinsam durchwandern mussten, ist der Dezember sozusagen ratzofatzovollesrohrmäßig am Start. Folgerichtig müssen wir jetzt das wichtige Stichwort anbringen: Geschenke. Wer an dieser Stelle einen kleinen Schlaganfall, mindestens jedoch einen mittelschweren Schluckauf erleidet, dicht gefolgt von einem stroboskopartigen Heißkaltschauer, dem kann ich beruhigend den Kopf tätscheln und wohlmeinende Worte sprechen: Jetzt ist’s auch schon wurscht. Denn wir alle wissen, dass wer jetzt noch nicht mal eine Idee hat, der zaubert halt auch bis zum 24. eher keinen weißen Hasen aus dem Zylinder. Wovon dringend abgesehen werden sollte, sind Internetbestellungen jedweder außer gutscheinlicher Art. Nicht, weil der Paketbote als solcher derzeit eine gefährdete Spezies ist, sondern schlichtweg eine überarbeitet, weswegen jetzt eher eine gute Gelegenheit wäre, sich um ein pünktlich erscheinendes Ostergeschenk zu bemühen. Was sich in der Vergangenheit dafür als vergleichsweise erfolgversprechend herausgestellt hat, ist die Taktik, sich mit irgendjemandem gegen Mittag in der Innenstadt tapfer „auf einen Glühwein und dann Shopping“ zu verabreden, um zehn Glühwein später bester Laune in irgendein Ladengeschäft zu ausfallschritten, kurzerhand „einmalalles“ zu erstehen und die Verteilung auf zu beschenkende Personen hernach einfach auszuwürfeln. Weitere Glühweine nicht ausgeschlossen. Ich für meinen Teil habe zumindest mich selbst bereits beschenkt. Zum einen mit dem nunmehr dritten und bis dato herausragendsten Foto von mir und einer gewissen Dame mit Rauschgoldlocken und monströser Goldkrone, dessen Unheiligkeit vielleicht im nächsten Jahr noch getoppt werden kann, wenn ich sie huckepack oder endgültig auf den Arm nehme. Ach und die vorsorglich vor sechs Wochen bestellte Tasche kommt ganz vielleicht auch mal an zu Weihnachten. Und sonst? Eine Typologie: der Pragmatische („Ach, es gibt grad USB-Sticks / Kofferwaagen / Spielesammlung im Angebot. Nehm ich doch mal je fünf mit.“), die Resignierte („Bitte nimm das Geld und kauf dir einfach selber was!“), der Sparsame („Ich hab euch allen mal das neue Album von XY gebrannt.“), der Charmante („Ich hatte so viele Ideen und konnte mich nicht entscheiden. Jetzt hab ich nix – aber dich soooo lieb!“), der Unverbesserliche („Ich hab von 23. bis 24.12. keine Zeit weil da muss ich Fotokalender basteln.“). Ach. Jetzt hab ich auch schon eine Geschenkidee: Ich bastle ein Heilig-Abend-Bingo! Das wird super! 

Freitag, 8. Dezember 2017

Kinderbörse

Neues vom Pubertier – tät ich wirklich gern mal wieder verkünden. Und in die Tasten hauen, um all das Wirren zu verarbeiten, das aus dem Kind tagtäglich in die Welt hinausbüchst. Jedoch: Das Pubertierchen spielt da nicht mehr mit. Scheints über den Sommer hat es circa sieben Entwicklungsstufen übersprungen und präsentiert sich neuerdings als vernunftbegabtes, ja nachgerade ödes Wesen. Man verrichtet seine Schul- und Hausarbeiten, schreibt Noten, die man direkt als gut bezeichnen könnte („Ich hab ne 2 in Geschichte!“ – „Geil! Worum ging’s?“ – „Keine Ahnung.“ – „…“ – Ja irgendwas mit Grenzen.“ – „Von wem?“ – „Äh Deutschland.“ – „Und wann?“ – „Ja früher halt.“ ), nickt verständig auf die Bitte, ob ganz womöglich am Folgemorgen um 5 Uhr auf die ondulatorische Komplettbehandlung und damit einhergehende Lärmbelästigung verzichtet werden können, anstatt sich responsiv brüllend auf den Boden zu werfen. Singen die Alten verzweifelt die einzig memorierte Melodie von „Arielle“, so wird nicht augenrollend das Weite gesucht sondern hilfsbereit gegoogelt und geduldig abgewartet, bis der letzte schiefe Ton von „Unter dem Meer“ verklungen ist. Erklärungen, Mahlzeiten würden zügiger gereicht, wenn alle mithülfen statt auf dem Kanapee Ergebnisse zu fordern, haben sofortigen Dienstantritt zur Folge statt lautes „PECH!!“-Gebrüll und Bühnenabtritt, man kehrt quasi pünktlich aus dem Ausgang heim, zeigt sich nicht nur einsichtig, sondern proaktiv bei der Entscheidung „Abschlussballkleid: hochgeschlossen-elegant vs. Hugh-Hefner-Gedenkparty“, erläutert weise die fade Eindimensionalität von „Stadtmenschen“ und meint damit Altersgenossinnen, deren Leben ein stetiges und sinnloses und alkophiles Abhängen in der City beinhaltet sowie die Anfertigung von Augenbrauen mittels Nike-Schablone. Einzig der eigenmächtige und spontane Wechsel des Radiosenders von Wissensradiobayernzwei auf Hitradioichkreischdenganzentagnurschwachsinn findet statt, aber auch das, ich bin zuversichtlich, wird sich ändern. Kurzum: Gscheid langweilig ist’s geworden. Hab ich mir mal eine List überlegt. Und das Kind, das ich bald nicht mehr so nennen darf, in ein Gespräch verwickelt. Nach fast zwei Stunden, in denen weder geweint noch gebrüllt noch gemotzt noch ferngesehen noch gehandyt, sondern sich einfach nur unterhalten wurde, hab ich meinen Joker gezogen und ein hochnotpeinliches Gespräch über Körper im Allgemeinen und Vermeidung der Entstehung eines unerwünschten kleinen neuen solchen im Speziellen begonnen. Jede Wette, hab ich gedacht, jetzt steigt sie aus, das erträgt doch kein Mensch. Tja, was soll ich sagen? Auch eine halbe Stunde später saßen wir einträchtig auf dem Kanapee. Bald schauen wir gemeinsam Tagesschau statt Contouring-Tutorials, lesen Zeitung statt Jodel-Witze und gehen ins Museum statt den Ponyhof. Ich langweile mich jetzt schon zu Tode.  

Freitag, 1. Dezember 2017

Adveniat!

Eine Woche ist vergangen und nichts hat sich geändert. Um sieben Uhr morgens ist es dunkel, um halb elf mittags auch und um fünf am Nachmittag schon wieder, man lässt den Schlafanzug am besten durchgängig an. Funktioniert gut, wenn man sich eine Mordsgrippe eingefangen hat, dank derer man den November weitestgehend im Bett verbracht hat. Miniwinterschlaf, sozusagen. Leider ist man dann etwas überraschend plötzlich wieder gesund und ergo aufgefordert, am täglichen Leben aktiv teilzunehmen. Dabei ist das Spannendste, was zwischen der ganzen Enttäuschung passiert, dass mir immer noch Menschen zur Schwangerschaft (Stichwort „Tomate“) gratulieren, was beim Zahnarzt noch irgendwie verständlich ist, spektakulär hingegen, wenn der Frauenarzt einem jovial auf die Schulter haut und sich erkundigt, ob der Nachwuchs wohlauf ist. Gottlob erscheint bald ein Licht am Ende des Tunnels dieser Düsternis, um nicht zu sagen ein Scheinwerfer, der mit Myriaden Lumen den Weg zum einzigen, wahren Nabel der Welt weist. Weil da kann der gesamtrestdeutsche Großkapitalist seinen Weihnachtsmarkt wegen verkürztem Advent so früh aufmachen wie er will, im zuchtundordentlichen Nürnberg wird prologisiert am Freitag vor dem ersten, basta und adveniat! Nachdem wir uns alle als Dosenheringe verkleidet und in Senf und Glühwein gebadet sowie die Hälse verrenkt und den ein oder anderen Kindergummistiefel sorgsam aus dem eigenen Auge geklaubt haben, statt ganz entspannt im Seitengasserl oder gar BR eifrig darauf zu warten, ob uns bittebittenichtendlicheinmal so ein Christkindlein ein klitzeklitzekleines minibisserl Verhaspler gönnen könnt, man tät’s ihm wirklich nachsehen, dem Engerl, und in die Annalen eingehen tät’s doch auch sogleich, hat das Leben des Nürnbergers endlich wieder einen Sinn. Urplötzlich zum Leben erweckt wünschelrutet er sich nämlich nach vollbrachtem Tagwerk hinein in den Hauptmarkt anstatt mit letzter Kraft auf ein Kanapee, wobei den Klugen die über den Straßen schwebenden, zu bizarren Leuchtformen gewundenen Kunstmose den Weg weisen, den ganz Gewitzten die Schilder für die Busse, die den Touri fröhlich jauchzend mittenhineinkarren ins heilige Bohei. Ach das klingt jetzt problematisch. Pardon. Dort angekommen widmet er sich dem Studium des Glühweinzyklus, der weit weniger kompliziert ist als der der Zitronensäue, dafür ungleich kostspieliger. Wie genau die Wunderformel aussieht, erklär ich gerne nach der nächsten Maus, jetzt findet ihr’s mal selber raus. Und was sich reimt, ist immer gut. Kleine Anleitung zum Beliebtmachen am Rande: Prolog auf dem Hauptmarkt im Beisein möglichst vieler Freunde delizieren. Sicherstellen, dass um 17.30 jeder eine volle Tasse in der Hand hat. Diese bei jedem von der Empore tönenden „Ihr Herren und Frauen“ glücklich prostend aneinanderstoßen. Motzenden Touristen mitteilen, sie hätten ja nicht herkommen brauchen. Einheimischen auch. Toi toi toi! 

Freitag, 24. November 2017

Tag der Enttäuschung

Es gibt so Tage. In deren Verlauf man von Minute zu Minute weiter schrumpft, bis man am Ende ein so kleiner Haufen Elend ist, dass man sich nichts sehnlicher wünscht, als dass der Tag bittebitte nur endlich vorbei sein möge. Diese Tage kommen mit relativer Häufigkeit im November vor, was erstens naheliegend ist und zweitens insofern äußerst günstig, als so ein Novembertag doch vergleichsweise frühzeitig vorbei geht, was man immer dann merkt, wenn man sich bei finsterster Dunkelheit im fertigen Abenddress, bestehend aus einem flauschigen Strampelanzug, Fleecesocken und Privatfrisur auf der Couch für die Tagesschau einfindet, um dann festzustellen, dass es eigentlich erst 17 Uhr und bei genauer Betrachtung eigentlich noch gar nicht wirklich zu spät für Erledigungen und gesellschaftliche Betätigungen ist. Es stellt sich alsgleich eine Enttäuschung ein, und damit endet der Tag, wie er sich gestaltet hat: enttäuschend. Morgens sieht man dabei zu, wie sich die Frühstücksleinsamen den gleichen eigenwilligen Weg suchen wie später die ölige Salatsoße: statt ins vorgesehene Gefäß hinein nämlich lieber daneben, vorzugsweise in mit Lappen schwer zugängliche Regionen wie Arbeitsplattenritzen. Man stellt fest, dass die Gangschaltung des Fahrrads eingefroren ist, verpasst den Bus, darf im nächsten Knaben beim Dönerfrühstück beiwohnen. Im Büro gibt’s statt Schwarzem oder Grünem Tee nur Kaminzauber und Vanilla Cheesecake, aus dem daraus resultierenden nervösen Jucken auf der Oberlippe entwickelt sich ein Mordsherpes, denn die Rettungssalbe liegt daheim. Dass Schuhekaufen immer eine gute Idee ist, stellt sich spätestens dann heraus, wenn man statt zehn Minuten Weg 45 Minuten Stau hinter sich gebracht hat und dann auch die dritte Verkäuferin erklärt, es gebe dieses eine Wunschmodell wirklich in allen Farben des Regenbogens, nur nicht der gewünschten, und die nächste, dass es urplötzlich beim fünften Mal leider nicht mehr geht, ein bestimmtes Teil ohne Quittung zu reklamieren und durch ein neues zu ersetzen. Eine Email teilt mit, dass die heißersehnte Taschenbestellung sich erneut in der Lieferung verspätet, vor der Haustür haben Elefanten defäkiert, beim Bäcker gibt es nur noch Dinge mit Rosinen, der Mediathekfilm darf erst ab 22 Uhr angeschaut werden, und im fortfolgenden scheint die einzige Rettung darin zu liegen, endlich Omas Sauerkrautsuppe zu kochen. Um viel Aufwand später zu erkennen, dass die Maßeinheit „1 Glas“ für Weinbrand in der Spezifizierung vielleicht noch verbesserungswürdig wäre. Immerhin: Mit einem winzigkleinen Schwips trägt sich so ein Tag der Enttäuschungen gleich viel wohliger zu Grabe. Also Bette. Da bleib ich am besten auch gleich, weil schließlich ist dieses Wochenende eh schon wieder alles sehr traurig. 

Freitag, 17. November 2017

Drei Affen

Am Sonntag wird im Volk endlich mal getrauert. Der ein oder andere mag jetzt die alljährliche Platte der Beschneidung der persönlichen Freiheit durch garstiges Tanzverbot auflegen, doch seien all jene an dieser Stelle daran erinnert, dass man vergleichsweise selten mitbekommt, dass jemand sich an einem Ostermontag, Tag der Arbeit oder zweiten Weihnachtsfeiertag trotzig auf den Boden wirft und danach verlangt, Kirche und Staat bitteschön voneinander getrennt zu halten. Jetzt also ein stiller Feiertag, hochoffiziell, was mir grade recht kommt, weil das Volk trauert von sich aus nämlich offensichtlich eher wenig. Dabei hat es allen Grund. In den kommenden Woche wird es ausnehmend viel um Ausländer, also Nichtdeutsche gehen. Ein Franzose hat uns schon heimgesucht, die Kinder ihm dankend den Weg erhellt und eifrig die Taschen aufgehalten. Ein Türke wird bald kommen, für die einen im Gewand einer US-amerikanischen Coladose, für die anderen – Österreicher, Bayern, Kroaten, Italiener und viele mehr – in Begleitung des Krampus, der, hoffentlich, dem ein oder anderen gehörig den Hintern versohlen wird. Folgen werden ein Israeli, dessen Existenz zwar nur peripher bedeutend, aber doch nicht ganz unwichtig ist für das lebkuchenglühweinduftende Lichtergeschenkbohei, das unübersehbar grade Anlauf nimmt, sowie gewisse Afrikaner, Perser und Syrer, denen der Bürger hierzulande seltsamerweise nur zu gern die Türe öffnet statt sie zu vertreiben, weil schließlich gehört sich das so, dass dann die Initialen auf dem Türstock prangen, was sollen sonst die Leute denken. Christus segne dieses Haus. Das hat sich auch die AfD gedacht und pünktlich zum Beginn des Ausländerreigens ihren höchsteigenen Liebesbrief verteilt. Der heißt „Deutschland Kurier“, und so wie man erst meint, die „Titanic“ habe expandiert, so schnell darf man feststellen, dass in dem Gratispapier gar nicht mal so viel Witziges versteckt ist. Bis auf die bebilderte Komplettvorstellung der 92 „endlich wieder eine Opposition“-Abgeordneten, die man möglicherweise dereinst noch fürs „Ich bin kein Nazi, aber“-Bingo verwenden möchte. Nun ist es nicht das erste Mal, dass eine Gratiszeitung zweifelhaften Ursprungs und Inhalts einfach so im Postkasten steckt, ohne dass man sie bestellt hätte. Die BILD macht sowas dauernd. Ebenso dauernd jedoch barst die (soziale) Medienlandschaft vor Empörung, Wut und guten Tipps, wie sich dieser scheußlichen Hetzzeitung postwendend zu entledigen sei. Und jetzt? Seit bald acht Wochen warte ich, dass einmal einer aufsteht und sagt: Freunde, jetzt langt’s, jetzt packen wir’s mal an. Stattdessen muss ich dauernd wichtig lesen dass ein jede Frau auch schon einmal von einem Mann anzüglich angeschaut worden ist. Es ist halt einfach, couchlagernd in ein Telefon „Ihr seid nicht das Volk!“ hineinzutippen. Aber langsam muss man vielleicht sagen: Ihr aber anscheinend auch nicht. Sondern die drei Affen, das geht auch mit dem Handy. Wenn das so ist, kann man den Volkstrauertag ja abschaffen. Oder anstatt übers Tanzverbot zu maulen ein bisschen nachzudenken, wie das jetzt eigentlich alles so weitergehen soll. 

Freitag, 10. November 2017

Sparschwein

Wie so oft an einem schönen Donnerstagnachmittag bin ich in maximaler Eile, hab ich doch aus Gründen der Prokrastination dringend meinem Lieblingshobby nachgehen müssen: dem Einkaufen. Um genau zu sein: dem Retournieren, aber das setzt naturgemäß ja einen Einkauf voraus. Beseelt vom Wahnsinnsglücksgefühl, das sich einstellt, nachdem ich Pfandflaschen zurückgegeben habe, streife ich durch die schöne Welt der Nutzlosigkeit und werf mal dies, mal jenes in den Einkaufswagen, wohlwissend, dass ich das meiste davon daheim nicht mehr besitzen, sondern schnellstmöglich wieder zurückgeben möchte. Schuld daran ist wie an so vielem eine Bank, hat die mich doch frühkindlich darauf geprägt, dass es wenig Schöneres gibt, als monatelang zu entsagen, nicht jeden, sondern nur jeden zweiten Tag die sauer erbettelten Taschengeldkröten in Süßkramtüten zu investieren, und stattdessen einmal jährlich mit stolz geschwellter Brust eine Summe unbegreiflicher Höhe aus einem Sparschweinbauch herauszutrümmern, um diese umgehend in ein rotes Buch eintragen zu lassen. Eine Angewohnheit, die ich bis heute beibehalten habe. „Es gäbe möglicherweise auch lukrativere Möglichkeiten der Geldanlage“, lästert eine Freundin gerne, „als Monat für Monat einer Stromgesellschaft Unsummen sinnlos in den Rachen zu werfen“, und palavert dann von Zins und Zinseszins und Dividenden. Wie herzlich egal mir das doch ist, denn ich weiß, dass es kaum Befriedigenderes gibt als die magischen Worte „mithin sind zuviel entrichtet“ sowie die alljahresendliche Ausschüttung meiner persönlichen Gewinnsumme. Wird der Stromanbieter frech und entscheidet eigenmächtig über eine Abschlagssenkung, sehe ich mich und meinen Frieden bedroht und veranlasse umgehend die sofortige Wiedererhöhung desselben. Weiters entledige ich mich tagtäglich aller Münzen ins gute alte Sparschwein hinein und trag das stolz wie anno dazumal auf eine Bank, um schwer gespannt dem Münzrattern zu lauschen und in kindlichen Jubel auszubrechen. So auch also die Retoure, zu der sich der sportliche Ehrgeiz gesellt, von der Rückgabe ausgeschlossene Produkte sehr wohl zurückzugeben. Dieser Wettkampf hat heute eine neue Stufe erklommen, reichte der Warenhändler meines Vertrauens doch zu jedem 10-Euro-Einkauf ein Rubbellos mit Wahnsinnspreisen. Meine Stunde war gekommen: Waren umtauschen UND dabei, todsicher, gewinnen! Nun, was soll ich sagen? Fünf Stunden später hab ich Hausverbot, dafür aber immerhin astrein eine VR-Brille gewonnen. Die restlichen Sachen geb ich dann vielleicht lieber ein andermal zurück. Und trage derweil mein Sparschwein ins Wochenende. „