Freitag, 19. Oktober 2018

Der ewige Teig

Also das war ja so: Ich in Trauer wegen kein Horst und auch kein Hermann und deswegen Himmel verdunkelt, zumindest innerlich, wegen Seele, und Trübsinn auch nach außen tragen wegen immer gut wenn eh gleich jeder weiß: Obacht, lieber jetzt nicht ärgern, deswegen ja auch Gefahrensituation dann auf dem Spielplatz und beinahe Inkarzeration wegen vermeintlich liederlicher Umtriebe in Kindsnähe nur wegen Schwarzgewandung und Misstrauen eh generell ein bisschen viel überall grad. Und das alles nur wegen eines Teiges. Nein halt: Wegen der Abwesenheit eines solchen. Jedoch wenn du denkst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein Lichtlein her, und so hat mich ein Brief erreicht, dessen Inhalt eine glücksgleißende Gebrauchsanweisung gleicht. „Grundrezept für Hermann-Teig“ steht es geschrieben sowie von Hand auf einer Karte, wie sehr mein Schicksal berührt habe und meine Trauer auf Verständnis gestoßen sei, so dass man hoffe, meinem Leid ein Ende bereiten zu können. Der ewige Teig ist zu mir zurückgekehrt, hab ich jubiliert und sogleich alle Vorbereitungen getroffen, um in die Massenproduktion übergehen zu können. Einen winzigkleinen Wermutstropfen aber hat das Schreiben, denn mit wachsenden Augen hab ich lesen müssen, dass es vielleicht doch gar nicht ganz exakt genau so abgelaufen ist mit der Hermannzucht, wie ich das in kindlich-romantischer Verklärtheit erinnert hab. Aller Anfang ist easy: Mehl, Zucker, Hefe, Wasser, und ab geht die Luzy. Also je nachdem mit welchem Geschwindigkeitskoeffizienten man den Maßstab anlegen will. In so einer sagen wir mal Schildkrötenwelt wird’s jetzt vergleichsweise zackig. In meiner … nicht so. Aber Geduld ist die Mutter der Porzellanrührschüssel. Während der Initialhermann jetzt also an einem warmen Ort vor sich hin zellteilt und dabei auch noch gestreichelt und gefüttert wird, dass du sagst, ja, ein Hermann müsste man sein, bin ich ein bisschen tiefer eingestiegen in die Materie und hab Ahnenforschung betrieben, um meiner künftigen Großproduktion an teigbefüllter Tupperware, die man entweder wegen der weiter zunehmenden Sehnsucht nach Rückbesinnung und DIY ja ganz wundervoll im Familien- und Freundeskreis verschenken kann, halt mal mit einem Weihnachts- und mal mit einem Osterschleiferl dran, und ausgebackenen Variationen, wo du sagst, also ein Zuviel an Rosine und Schokostück und Orangeat kann es gar nicht geben, es schnapselt doch immer noch der feine Hermannduft durchs Beigewürz, also jedenfalls den Präsenten auch immer noch ein Geschichterl mitliefern zu können, wegen fürs Herz ist auch immer gut. So. Fragst du also den Onkel Doktor Oetker, weil der weiß eh alles, und dann sagt der, und du hast schon ein bisschen so ein feistes Grinsen erahnen können im teigigen Gesicht, sagt der also: Wasmeierin, jetzt wirst du gleich blöd schauen, und schon hab ich blöd geschaut. Weil es gibt nämlich noch Brüder vom Hermann. Die heißen (frage nicht!) Robert, Werner und Siegfried, unterscheiden sich im Input minimal, im Output jedoch vehement, so dass man direkt eigentlich alle vier Gemische ansetzen muss. Und dann ja aber auch verteilen … Während ich also mit dem Arm hurtig die Fensterbank abräum um darauf aufzutuppern könnt ihr euch ja schon einmal für die Warteliste anmelden. Nürnberg, der Leb(ende)kuchen! Wie schon Madame Déficit zum Volke sprach: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!

Freitag, 12. Oktober 2018

Atipico


Ich war ja urlauben, gell, und da gab’s viele schöne Bilder, eins kommt mir aber grad besonders schön wieder in die Erinnerung. Nämlich war da so ein arg beschaulicher Hafen, in dem schaukelten sehr beschaulich sehr arg viel kleine Boote vor sich hin. Allesamt waren sie blau und rot und harmonierten in ganz wunderbar nicht nur mit Sonne und Funkelmeer, sondern auch untereinander. In der Mitte des Idylls jedoch befand sich ein kleiner winziger Stördings, nämlichst ein einzelnes schwarzes Boot, auf dessen Flanke nicht wie über all sonst Maria, Giovanni oder Mamma zu lesen war, sondern hübsch ein „Atipico“ als Name aufgepinselt war. Eine Situation, mit der ich mich ganz prinzipiell gut identifizieren kann, gestern aber noch einmal spezialgut, weil ich so: Spielplatz. Ein Ort, an dem man sich zuweilen aufzuhalten hat, um dann sehnsüchtig über den lustigen Zaun zu linsen nach der Stelle zehn Meter weiter weg, wo man neulich noch mit den selben Menschen Flaschen mit sommerlicher Lustigsache kreisen lies, denen man heute zaunumringt höchstens mal beflissen ein Feuchtigkeitstuch reicht. Jetzt passieren auf so einem Spielplatz prinzipiell nicht unfeine Dinge. Kinder schlagen sich, defäkieren glücklich in anderer Kinder Sandtransport-LKW, finden lustige Zuckersachen im Dreck und halten sich nicht lang mit der Sortierung auf oder, lieb ich besonders, erleiden veritable Wutanfälle, weil sie erfahren müssen, dass die tollste Reifenschaukel der Welt zwar für eine halbe Stunde quasi die ihre war, in Wirklichkeit aber jetzt halt dann doch einmal geteilt werden muss. Tobsuchtsanfall, Komplettverweigerung, Totalspreiz in den Sand hinein, herrlich. Gut gefallen hat mir übrigens auch, als ein Zwerg unversehens so eine Hochkulturveranstaltung um eine spontane Performance bereichert hat, weil so eine wassersprudelnde Kunstsache sich zwar sehr gut als Planschort eignet, der aber irgendwann halt wieder verlassen werden muss. Die Performance war wunderbar, grad auch akustisch, und dass ich alles hilfsbereit gefilmt hab, wird die Mutter irgendwann schon noch zu schätzen wissen. Für gewöhnlich gelange ich an so einen Ort samt Kind + Mutter und verlasse ihn dann auch so wieder, was wenig Aufsehen erregt, außer vielleicht in so einem sehr schwierigen konservativen Dings, aber gut. Jetzt gestern aber problematisch, weil ich zeitlich im Verzug und deswegen erst nachgefolgt auf den Spielplatz. Schon draußen hab ich mich direkt selbst der kriminellen Handlung verdächtigt weil aus Versehen ganz in Schwarz während auf der anderen Zaunseite alles eher so Bunt und Outdoor und Selbstgefilzt und Camouflage, will sagen: fleckenresistent. Dann hab ich auch noch suchen müssen, sprich sehr konzentriertes Gesicht mit sonnengeblendetem Zusammenkneifen und dann auch noch überall so nah rangehen müssen, weil in dem Gewusel sehen alle gleich aus. Also so schwarze Mamba auf der Jagd. Quasi hab ich Sitte, Feuer- und Mütterwehr schon tatütataten gehört, deswegen erleichterter Hechtsprung zum Freundinnenkind und ersteinmal lautschreiend begrüßt. Erst ich, dann das Kind. Schreiend. Auf dem Rückweg hab ich superharmlos gelächelt und mich provisorisch mit Keksschleim beschmiert. Nächstes Mal trag ich mir den vielleicht im Vorfeld schon auf. Nix Atipico! 

Freitag, 5. Oktober 2018

Hermann ade!

Ihr Lieben, ich bin in Trauer. Ich möchte euch bitten, kurz innezuhalten und mit mir gemeinsam diese schweren Stunden zu verleben, in denen die Sonne so schamlos lacht, derweil mein Herz von dunklen Wolken verhangen ist. „Horst“, so steht es in sorgfältiger Handschrift auf einer Notiz vor mir, „hat es leider nicht überlebt.“ Das ist furchtbar, noch furchtbarer ist, dass zum Beweis des vorzeitigen Ablebens des Geliebten eine leere Hülle, ein Unlebensraum zurückgeblieben ist und mich tagtäglich an diesen furchtbaren Umstand erinnert. Ich hatte mich so gefreut auf Horst, auf seine Kinder, auf unsere gemeinsame Zeit, ich wollte ihn füttern und pflegen und hegen und waschen und ihm aus Gedichtbänden vorlesen. Alles war geplant. Jetzt hab ich mich umsonst vorbereitet, und das reißt ein tiefes Loch in meine Seele. Horst ist, nein: war ein Kefir. Wie ein wunderschön in Formaldehyd eingelegtes Gehirn schwapperte er in seinem Einmachglas, in das die Freundin ihn einquartierte, nachdem sie Horst von einer Freundin geschenkt bekommen hatte, glücklich vor sich hin. Fortan galt es, das Gehirn zu wärmen, mit Zucker und Zeug zu füttern, gelegentlich zu waschen und dabei wichtige Regeln zu befolgen, auf dass der Pilz wachse und gedeihe, dem menschlichen Verzehr sein eigenes Leben opfere und ein neues den vielen Nachkommen schenke. Als ich davon erfuhr, war ich sogleich in heißer Liebe entbrannt. „Das“, rief ich mit herzblinkenden Augen aus, „brauch ich auch! Das ist ja wie der Hermann! Nur für Erwachsene!“ An dieser Stelle darf gerne ein Aufschrei durch die Groß- und Müttergeneration erfolgen. Wir erinnern uns: Eines schönen Tages bringt das Kind eine Tupperware mit nach Hause. Darin eine schwappernde Flüssigkeit, der beim Öffnen des Deckels ein widerwärtiger Schnapsgestank entsteigt. Sogleich möchte man die Dose schließen, versiegeln und verbrennen, mindestens im Sondermüll entsorgen, bekommt diesem Tun jedoch einen Riegel vorgeschoben und vom Kind die Unabdingbarkeit der neuen Lieblingsbeschäftigung beschieden. Fortan lebt und gedeiht in Küchen, Gemächern und Kellerräumen der Hermann, ein Teiggebilde, das es mittels Zugabe von Zucker zu füttern gilt und dem Ausdruck „rührende Umsorgung“ eine ganz neue Bedeutung verleiht. Drohte der Hermann seiner Kinderstube zu entwachsen, teilte man in flugs durch Sieben, verschenkte Teile, verbuk andere und behielt den Urhermann. Kuchen für immer, wie wundervoll! Leider hast du da die Rechnung ohne die Mutter gemacht, die des dauernden Schnapsgestanks überdrüssig irgendwann das Ableben des teigigen Mitbewohners verkündete, weil der versehentlich in den Ausguss gefallen war. Eine schwelende Wunde im Kinderherz seitdem, auf das sich mit dem Horst endlich ein heilendes Pflaster hätte legen können. Aber nein, es war mir nicht vergönnt, und es wird wieder kein Pilz freudig mit dem Myzel winken, wenn ich nach Hause kehre, sondern nur die Fruchtfliegen zur Begrüßung schäbig lachen. Ade! Hat jemand vielleicht noch einen Horst oder Hermann für mich? Dann tät ich den gern nehmen. Nicht dass ich mir noch aus Einsamkeit einen Fußpilz zulegen muss. 

Freitag, 28. September 2018

Affenzirkus

Soeben hab ich mir die Ohren verstöpselt. Das ist schön, hör ich doch jetzt ein lautes Meeresrauschen, das mich vergessen lässt, dass ich nicht am Strand, sondern am Schreibtisch fläze und das wiegende Geräusch von meinem erhöhten Blutdruck rührt. Noch schöner aber ist, dass ich leider überhaupt gar nicht mehr die göttergleichen Engelsgesänge hören kann, die seit dem frühen Morgen an mein wundes Ohr herangetragen werden. Die Engel sind zwischen fünf und zehn Jahre alt, drei Stück an der Zahl, schaffen es aber dank irgendeines evolutionären Fortschritts, den sich zu durchdringen ich mich noch nicht hab entschließen können, zu klingen wie ein ganzes Bataillon. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich mir doch gleich gar nicht mehr so sicher, ob da von einem Fort- oder nicht gar doch eher einem Rückschritt zu sprechen sei, zumindest, wenn man sich die doch sehr rudimentäre Kommunikation des Trios betrachtet. Denn anstatt miteinander zu reden so wie unsereins das tut, sprich wohlgeformte Laute zu klingenden Worten aneinanderzureihen und aus denen kluge Sätze zu bilden, verständigt sich die herzöffnende Dreifaltigkeit ausschließlich brüllend, so dass ich gelegentlich aus dem Fenster schauen und mich vergewissern muss, dass nicht, man weiß ja nie, was unserer lieben SÖR grad einfällt, über Nacht plötzlich ein Affengehege im Hof errichtet worden ist. Aktuell dröhnt seit geschätzt fünf Minuten ein einziger langgezogener Kreischlaut durchs Karree, das akustisch so wohlmeinend gestaltet ist, dass man sagt, vielleicht sollten da die Architekten wegen der neuen Meistersingersache einmal einen Tag hineinhorchen und sich eine Inspiration abholen. Der Kreischlaut sagt, so viel hab ich schon herausgefunden, etwas wie „Der Dings hat mir meinen Lieblingsast weggenommen!“ oder „Ich hab meinen Tretroller / Schokoriegel / Schlagstock in die Hecke geworfen und krieg ihn jetzt nicht mehr so gut raus.“ oder „Scheiße ich hab Konfetti aus geklauten Briefen gemacht aber das fliegt nicht gescheit.“ oder „Mama mein Sunkist ist leer jetzt hab ich es zwar auf den Boden geschmissen und zerfetzt aber es wird trotzdem nicht wieder voll.“ Manchmal schaut die Mama dann zum Fenster raus und dann aber lieber schnell wieder hinein. Die Affen testen auch ganz fleißig, wie viel ihre Umgebung wohl so aushält, zum Beispiel, wie viel Steine man werfen muss, bis eine Scheibe zerbirst – ein Beweis der expeditiven Tätigkeiten ruht strahlend auf meinem Fensterbrett. Neulich hat einmal wieder eins herausfinden wollen, wie dolle man ein Glasgefäß auf die Straßen schmettern kann, ohne dass es zerspringt. Ich sag mal so: Das wird wohl noch geübt werden müssen, so wie auch im Anschluss unter meiner wohlwollenden Aufsicht geübt werden musste, praktischerweise deutlich erkennbare rote Scherben sorgsam aufzulesen, auch aus der Hecke und dem Rasen, wohinein sie kurzerhand verstaut worden waren. Ich find Kinder ja toll. Die Stöpsel tu ich aber vielleicht trotzdem erst wieder raus, wenn ich an einem echten Strand liege. Was bald ist. Ätsch! 

Mittwoch, 26. September 2018

Reise(whatsapp)gruppe

Der in der Beliebtheitsskala der geistreichsten Poesiealbumssprüche mit im oberen Drittel rangierende Billigaphorismus „Freunde sind wie Familie die man sich selbst aussuchen kann“ suggeriert auf hintersinnige Art und Weise, dass Familie ein Graus ist, dem man sich höchstens aus Zwangsgründen gelegentlich annähern muss. Davon ausgehend kann ich mich scheint’s glücklich schätzen, befinde ich mich doch inmitten einer medusenhaften Familie, die zwar weitflächig verteilt ist, dank eines weiteren Sinnspruchs aber zusammenhält wie Pech und Schwefel, obgleich um ehrlich zu sein diesem Spruch eine Modifikation à la „Grüner Veltliner ist dicker als Wasser“ zugestanden werden sollte. Eben diese Familie kommt an diesem Wochenende aus, wie soll es anders sein, Festivitätsgründen zusammen, und in Anbetracht der vorausgehenden Planungen bin ich geneigt, weniger von einer „Zusammenkunft“ als vielmehr von einem „Aufeinanderprallen“ zu sprechen. Seit, ich habe nachgeschaut, sechs (!) Monaten wird auf allen verfügbaren Kanälen geplant. Hierzu zählen neben gängigen Telefonaten, mehrfachen brieflichen Aufforderungen und der Pflege einer Facebook-Seite selbstverständlich auch die Kommunikation in mindestens sieben verschiedenen Whatsappgruppen, deren Vielzahl natürlich legitimiert ist durch unterschiedliche Reiseteams, deren Zusammensetzung aber leider Spontanmutationen erleiden können, weswegen eine neue Reisewhatsappgruppe gegründet und dem oder der Hinzugekommenen alles von vorne erklärt werden muss, derweil Separatisten gelegentlich aussteigen und eigene Pläne wie eine Anreise mit dem Fahrrad ergründen, nur um nach intensiven Gesprächen die Unsinnigkeit des Unterfangens einzusehen, reuig in den Schoß der Gruppe zurückzukehren und sich alles mittlerweile Geschehene aber natürlich zusammenfassen lassen zu müssen. Vorangetrieben wird die Konstruktivität der Vorbereitungen durch vereinzelte bis mehrfache Wortmeldungen solcher Personen, die zwar nicht planen, wohl aber ein Wörtchen mitzureden haben wollen anstatt sich möglicherweise einfach leise in ein sorgfältig konzeptioniertes Schicksal zu ergeben („Wann wollt ihr morgen gleich wieder losfahren?“ – „Am Donnerstagmittag, wie ich seit einem halben Jahr sage.“ – „Ja aber wie wäre es denn eigentlich mit Freitagmorgen?“). Weil mir das zu langweilig wird, hab ich begonnen, in die Schaltzentrale neugierig-freundliche Fragen zu stellen, wie beispielsweise die nach der Unterbringung von 25 Personen und ob mich der Schein trügt, dass ich mich vorsichtshalber in einer Obdachlosenpension anmelden, sicher aber ein Zelt mitnehmen sollte. Kam nicht gut. „Es ist alles geklärt, was regst du dich so auf?“ kam prompt die Antwort. „Ich reg mich gar nicht auf!“, hab ich mich aufgeregt und weiter mit wissenschaftlichem Interesse an meiner Chaostheorie gestrickt. „Die Katharina“, hat dann jedoch ein weiser Mensch angeführt, „regt sich wirklich nicht auf. Die sammelt nur Stoff für 25 Glossen.“ Ein empörender Verdacht, ich bete sogleich drei Rosenkränze. Und erlöse mich nicht von den Bösen, sondern führe mich bitte gerne in Versuchung … 

Freitag, 14. September 2018

Hinterhofflohmarkt

Letzte Woche habe ich mir sehr frivol einen sehr nutzlosen Rucksack ertrödelt. Doch anstatt mich über meinen Kontrollverlust zu ärgern, habe ich ihm salomonisch zugelächelt und den Rucksack auf den vorgesehenen Platz gelegt, nämlich: zu den anderen Rucksäcken. Ich gedenke, mich am Wochenende zu großem Reichtum zu flohmarkten. Weil ich mir das schon sehr lange denke, hat sich vergleichsweise viel Material angesammelt. Also um genau zu sein fand ich erst, dass die drei großen Kisten im Keller, in denen sich Tand befindet, den ich seit 15 Jahren als zu scheußlich zum behalten aber zu wertvoll zum Wegwurf erachte, schon reichlich seien. Für die Vergoldung des Tands wurden schon allerlei Pläne geschmiedet, die leider immer an schlimmen Unwägbarkeiten und übermenschlichen Anstrengungserforderungen (mitten in der Nacht aufstehen, Dinge ins Auto schleppen, umeinanderfahren, unverkaufte Dinge wieder zurücktransportieren) gescheitert sind. Jetzt aber: Heureka! Habemus Hinterhofflohmarkt! Eine geniale Idee! Wir schmeißen einfach allen Trödel aus dem Fenster in den Hof, und dann kommen Menschen, die aufräumen und dafür auch noch Geld bezahlen! Ganz so einfach ist’s freilich nicht. Und so haben wir mannigfaltige Pläne, die es zu realisieren gilt, um nicht nur den schönsten Tag auf Erden zu verleben, sondern den Hundertschaften das Geld nur so aus der Tasche zu magnetisieren. In der Wunschvorstellung lenken sorgfältig im Vierteil verteilte Schnitzeljagdzettel, die Abreißgetränkecoupons beinhalten, sowie diskret auf dem Boden ausgelegte Kreide-Fuß-Spuren die ewig vielen Menschen, die bei unfassbar schönem Wetter hinauf in die unfassbar attraktive Rennweg-Zone pilgern, behutsam zu uns. Wie von Zauberhand finden sie sich im irre schönen weil grünen Karree wieder, wo sie eine entzückende Situation entdecken. Fröhliche Menschen wiegen sich zu glücklicher Musik, von den Bäumen hängen kleine Kuchen und Klamotten, im Konfettidauerregen schweben Tabletts und Getränke mit lustigen Namen heran. Beseelt von so viel Spirit verspürt der Mensch sogleich das zwingende Bedürfnis, auch noch den letzten sauhässlichen Glasuntersetzer erstehen zu müssen und nicht mehr leben zu können ohne genau diese uralte abgewanzte Tasche. Die Kasse klingelt, die Warenreihen lichten sich, jeder ist zufrieden. So das optimale Superziel, unter dessen Prämisse ich den drei Kellerkisten just noch vier große Haufen Dinge, darunter Kunstpelzmäntel, goldene Konsolen und rosa Cowboyhüte und mehr Dinge von unschätzbarem Wert, zugesellt habe. Meine Wohnung ist jetzt praktisch leer. Und ich habe Angst. Nämlichst vor der Alternativvorstellung. Die hat sehr viel mit Wintereinbruch zu tun, mit Regengüssen, mit einem einzigen winzigen Pavillon, unter dem sich 20 Personen, drei Tonnen Trödel, Getränke und Käsekuchen aufpyramiden, bis der Pavillon zusammenbricht, sich alles Wasser auf uns ergießt, und die drei Menschen, die tapfer durch das Viertel schwimmen, nur noch Käsebrei vorfinden und traurige Trödler, denen das Wasser die Haare zu einem erbärmlichen Mittelscheitel onduliert hat. Ihr kommt doch alle, gell? BITTE! 

Freitag, 7. September 2018

Liegebad

Ich komm grade vom Sport. Über dessen Art und Weise verbitte ich mir jedweden Kommentar, zu gegebenem Anlass wird das hier noch thematisiert. Sport war wichtig, wegen 1. Nachrichten haben wieder mal gesagt, dass Sitzen das neue Rauchen ist und eh zu wenig Bewegung überall und schwierig, und 2. hat eine kurze Zwiesprache mit meinem Rücken ergeben, dass es sehr arg dringend notwendig ist, wieder ein bisschen Muskulatur auf ihn hinaufzutun. Am Ort des Geschehens bin ich mit großem Jubel empfangen worden, man hatte mich offenbar vermisst in der Zeit, in der sich meine Aktivität auf die eines Fördermitglieds beschränkt hatte, und sogleich einen ausgedehnten Urlaubsaufenthalt gemutmaßt. Reflexhaft hab ich laut geschwindelt, ich sei nicht im Urlaub, dafür aber viel in der Arbeit gewesen. Ungleich leiser hab ich dann noch sagen müssen, dass ich na gut vielleicht also um ganz ehrlich zu sein möglicherweise auch gelegentlich einmal im Schwimmbad gewesen sei. Weil man da ja schwimmt. Sonst hieße es doch natürlich Liegebad. Schwimmen soll ja grad für Rücken unglaublich gut sein, so superunglaublich gut, dass es überhaupt gar nichts ausmacht, dass Schwimmen ungefähr die langweiligste Tätigkeit der Welt ist, und wenn man deswegen erst einmal seine zehn Kilometer geschwommen ist, liegt es sich in Folge dessen auch gleich sehr viel reineren Gewissens umeinander. Bedauerlicherweise teilte das diverse Begleitpersonal meine Meinung nur zu Hälfte, nämlich exakt bis zu der mit der Langeweile. Entsprechend hab ich nur mit größter Willensanstrengung überhaupt hie und da ein bisschen mehr machen können als mich in so ein Becken hineinstellen und von dort aus wichtige Gespräche führen oder, noch wichtiger, zu entziffern versuchen, wie viel eigentlich so eine schöne Portion Schwimmbadpommes kostet und dann kalkulieren, ob es wirklich notwendig ist, abends nur ein bisschen Sommersalat zu essen oder ob ein Sommerschnitzel nicht vielleicht ähnlich glücklich machen würde. Diese Diskussion führt man dann im Liegen weiter, und am Ende des Tages blickt man stolz auf fünf Radfahrkilometer zurück und beruhigt sich damit, dass es immer noch schlimmer gehen kann, weil andere fahren ja das Stückchen zum Bad mit dem Auto. Ein vorläufiger Höhepunkt dieser Demonstration höchster Disziplin war erreicht, als das ledigliche Erspähen einer Pizza in weiter Parkferne dazu geführt hat, dass nicht nur sämtliche kalorienarmen Speisepläne kurzerhand über Bord haben geworfen werden müssen, sondern direkt das ganze mitgeschleifte Gerät zur körperlichen Ertüchtigung noch nicht mal ausgepackt hat werden dürfen, sondern alles wie’s war kurzerhand zum Pizzalokal und mit der dort eilig erstandenen Ware an einen repräsentativen Speiseort verbracht wurde. Weil es hätte ja der letzte schöne warme Abend sein können. Immerhin musste dafür der schlimmste aller Burgberge erklommen werden. Man hätte auch unten bleiben können. Gewissen: rein. Vielleicht wird’s dann jetzt trotzdem doch einmal Zeit für Kälte. Da macht der Sport dann wenigstens warm.