Freitag, 26. September 2025

Souvenirs

 

Souvenir, das: „Gegenstand, der als Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis, einen Ort oder eine Person mitgenommen und aufbewahrt wird.“ Typischer Vertreter dieser Gattung ist das Urlaubssouvenir, und hier gibt es unterschiedliche Arten. Zum einen dasjenige, mit dem man sich selbst erfreuen und den Urlaub so lange wie möglich strecken möchte. Hierzu gehören traditionell landestypische kulinarische Erzeugnisse (Olivenöl, weil „das kriegst du in der Qualität bei uns ja gar nicht; kistenweise Wein, weil „dieser ökologische Ansatz und wie viel Mühe sich die da machen, das müssen wir unbedingt unterstützen“; trockene Gebäckteilchen, weil „die halten sich echt ewig und das wäre doch schön wenn wir die zu Weihnachten auf den Tisch stellen könnten?“; Trüffel, weil „zu dem Preis echt unschlagbar, und wenn wir sie in fünf Tupperdosen und einen Bleikoffer verpacken müssen wir nach der Fahrt auch das Auto nicht kernsanieren …“). Kleidungsstücke, die am Urlaubsort zwar absolut unabdinglich waren, am Heimatort aber schlagartig jedwede Sinnhaftigkeit verlieren, stehen ebenfalls hoch im Kurs („Ach guck mal, die tolle Elefantenpuffhose, die ist doch prima im Sommer daheim“, „o Gott schau mal diese unfassbar cuten Boho-Kleider mit den Neon-Applikationen, die hier alle anhaben, damit bin ich Queen zu Hause“, „diese Plateau-Sandalen mit den putzigen Stickbommeln und den Zehensocken gibt’s bei uns ja noch gar nicht, da bin ich endlich mal Trendsetterin“ usw. … ). Zum anderen gibt es diejenigen Souvenirs, die man aus moralischer oder sonstiger Verpflichtung für Daheimgebliebene mitnehmen zu müssen glaubt und die meist kurz vor der Abfahrt oder spätestens an der letzten Tanke vor der Grenze erworben werden und darum eventuell ein rechter Schmarrn sind („Aber wir MÜSSEN ihr doch irgendwas mitbringen!“ – „Ja dann nimm halt diesen komischen Strand-Magneten und die Kekse für 17 Euro, die nehmen nicht so viel Platz weg!“) und sich mit den Postkarten, die man nebst horrend teurer Europabriefmarken strebsam am Urlaubsbeginn gekauft, dann drei Wochen herumgezogen und schließlich auf dem heimischen Wohnzimmertisch unter allerlei Unrat begraben hat, um sie „wenigstens zu rahmen und hübsch aufzuhängen“, zu einem hübschen Souvenir-Paket vereinen. Ich habe nichts dergleichen erworben (na gut, vielleicht ein, zwei quietschbunte Boho-Kleider) und mir nicht einmal einen prächtigen Sonnenbrand mit heim gebracht. Dafür Souvenirs der besonderen Art, die meinen  Körper schmücken und mich an die schöne Zeit erinnern. Tattoos? Also bitte! Nein: Mückenstiche! Gebissen von den fettesten, fiesesten Viechern, die sich ein Mensch nur vorstellen kann. Von Kopf bis Fuß übersäht liege ich nachts juckend wach und erinnere mich heftig kratzend an die schöne Zeit. Das ist doch auch mal was, oder?

Freitag, 19. September 2025

Urlaubsvertretung

 

In einem ersprießlichen Gespräch mit einem der vielen gütigen Kollegen, die hier Woche für Woche erst dafür zuständig sind, mich mit Deadlines zu Höchstleistungen zu peitschen um dann anschließend an eben jenen zu verzweifeln, behandelten wir unlängst im launigen Diskurs das Themenfeld „Urlaubsvertretung“, denn ich sag einmal so: Selbst die lässigste aus dem Ärmel geschüttelte Glosse tät ganz prinzipiell auch einmal gern einfach so auf einem Sonnenstuhl herumliegen und nicht nur äußerlich einen mordsentspannten Eindruck machen, sondern auch innerlich wirklich und echt wahr einfach einmal nichts zu tun, zumal wenn’s außenrum gewaltig sommert. Einmal nichts zu denken – für manche friedlicher Normalzustand, für mich jedoch das leere Hirn ein unerreichter Sehnsuchtsort, an den ich zu gern einmal verreisen würde, ohne dass ich mich zuvor auf einen höchst anstrengenden Weg der Meditation und Erforschung der inneren Ruhe begeben muss. Auf meinen leichthin geäußerten Gedanken also zuckte das Gesprächsgegenüber empfindlich zusammen und schrie. „WASI!“, schrie es, „das kannst du knicken. Urlaubsvertretung! Es gibt auf der ganzen Welt niemanden, der so schreibt wie du, also vergiss es!“ Ich versuchte mich in Protest: „Aber …“ – „NICHTS ABER!“, schrie’s zurück, und mein feiner Schnittlauchpony türmte sich im Gegenwind zur ondulierten Tolle auf. „Wenn du jemanden findest, der dich vertritt und ich’s nicht merk, dann geb ich einen aus! Und soll ich dir was sagen? Das wird ein billiger Abend – für mich! Und jetzt geh denken!“ Jetzt muss ich sagen: Ich bin von Haus aus eher ökonomisch veranlagt. Der Unwissende mag das mit Faulheit verwechseln, doch der Erleuchtete weiß es besser. Mit minimalem Aufwand das maximale Ergebnis erzielen – auf diese Weise bin ich schon eher versehentlich zu Latinum und Abitur gekommen – kann nicht anders als als außerordentlich strebsam und klug beurteilt werden. Gelegentlich jedoch packt mich ein großer Ehrgeiz nah am Furor und ein „Dir werd ich’s schon zeigen!“ So auch jetzt. Meine Lieben – ein Wettbewerb! Es ist ganz einfach: Sucht euch ein beliebiges Thema, saisonal, biographisch oder völlig erfunden. Formuliert lose einen Gedanken. Blast diesen bis zur Unkenntlichkeit auf, bemalt ihn, pudert ihn, behängt ihn mit Lametta, Luftschlangen und Spaghetti. Googelt im Themenfeld, streut wahllos bildungsbürgerliche Sujets ein. Lest Asterix, verwendet lateinische Wendungen nach Gusto (gustum, -o: Geschmack, der), gelegentlich englische because it’s so amazing. Ersetzt möglichst alle Punkte durch Komma, verstrickt euch in Nebensatzstrukturen fünfter Ebene, findet nonchalant wieder heraus, vertraut auf die Verwirrungstaktik. Überrascht mit lyrischen Exzessen und Onomatopoesie. Schreibt, wie ihr sprecht und nicht wie das Amtsblatt. Niemand mag Amtsblätter. Erweitert euren mickrigen Wortschatz von 200 auf 200 Millionen (Anm. d. Red.: von dieser Aussage distanzieren wir uns nachdrücklich). Lügt. Und schickt mir das Ergebnis. Dann wollen wir mal schauen, wer hier einen billigen Abend verbringt und wer nicht. Lustig wird das allemal. Auf geht’s!

Freitag, 12. September 2025

La dure far tutti

 

Ach Leute, ich sag’s euch: Es könnte wirklich schlimmer sein … Ich fläze ohne jede Körperspannung in der Hängematte, es herrschen äußerst angenehme Temperaturen; gerade warm genug, um im Bikini nicht zu frösteln, aber auch nicht so heiß, dass die Sonnencreme in die Augen laufen oder ich gar ins Schwitzen geraten würde. Wenn ich die Augen schließe, höre ich nichts als plätscherndes Wasser und haufenweise Kindergeschrei. Gelegentlich kommt mein schöner Mann vorbei und befragt mich nach meinen Wünschen: ein kleines Sandwich, kühle Getränke oder eine Runde Karteln? Mal sehen, ob ich den Tag morgen wieder so verbringen darf oder lieber einen kulturell ansprechenden Ausflug machen muss … Was ich möchte, denn schließlich ward mir versprochen: zwei Wochen „La dolce far niente“ – das sprichwörtlich italienische süße Nichtstun: schlendern, bummeln, hier ein Spritzchen, dort ein Gelato, dazwischen sehr viel liegen und lesen und dabei wahnsinnig gut ausschauen. Ok, letzteres gelingt mir freilich mit links. Ansonsten herrscht hier ein strenges Regime. Von wegen süßes Nichtstun: „la dure far tutti“ lautet die Parole – das harte Allesmachen! „Und hast du dir schon einen Plan überlegt für Unternehmungen?“ frug der Mann kaum dass die Strada del Sole, sprich A9, betreten worden war und wedelte drohend mit dem im euphorischen Überschwang (oder schwachen Moment) erworbenen Reiseführer. Berge wollen bestiegen werden und Schiffe auch, Museen durchstriffen und Gässchen erkundet, und über allem (mir) schwebt das Damoklesschwert eines Freizeitparkbesuchs, um eine gewisse Attraktion dort zu betreten und per Konfrontationstherapie zu erkunden, ob ich die Nahtoderfahrung von vor einigen Jahren wiederholen oder mich heiter in den Wind des Schreckens stellen kann und dort heiter mit den Ohren flattern. Das ist also dieses „Urli“, von dem immer alle reden, und das einzige, was sich grad dem süßen Nichtstun hingibt, ist meine Verdauung nach einer knappen Woche monothematischer Ernährung mit Stangenweißbrot und Grissini … Immerhin: Langweilig wird mir schon allein darum nicht, weil ich mir die tätigkeitsreichste Art der Unterbringung ausgesucht habe. Camping. Schön im Igluzelt auf Luftmatratzen und Dreibeinhockern? Natürlich nicht, aber auch im festinstallierten Mobilheim hat man zwar ein Dach über dem Kopf, dafür aber auch immer was zu tun. Allem voran, sich einer reduzierten und entschleunigten Lebensweise rückzubesinnen – etwas, das einem im vollausgestatteten Luxus des Eigenheims gelegentlich abhandenkommt. Die minimalistische Ausstattung sowie der überschaubare Wohnraum machen’s möglich, und so mach ich zwar nicht niente, dafür aber tutti in großer Langsamkeit und mit Bedacht, um nicht mehrfach täglich einen kleinen Wutanfall zu erleiden, weil wichtiges Küchengerät nicht zur Hand ist oder Kleidungsstücke im Klamottenchaos verschollen sind. Alles in allem: tutto bene! Ciao!

Freitag, 5. September 2025

Strada del Sole

 

Ach Leute, ich sag’s euch: Es könnte wirklich schlimmer sein … Ich fläze elegant auf einer höchst bequemen Liege, es herrschen äußerst angenehme Temperaturen; gerade warm genug, um im Pailletten-Bikini nicht zu frösteln, aber auch nicht zu heiß, dass mein extrahübsches Makeup verlaufen oder ich gar ins Schwitzen geraten würde. Wenn ich die Augen schließe, höre ich nichts als plätscherndes Wasser und gelegentlich ein glockenhelles Kinderlachen. Gelegentlich kommt ein schöner Mann vorbei und befragt mich nach meinen Wünschen: ein kleines Sandwich, kühle Getränke oder gar eine Massage? Mal sehen, ob ich den Tag morgen wieder so verbringe oder lieber einen kulturell ansprechenden Ausflug mache, aber ich denke, ich komme einfach wieder an diesen wunderbar entspannenden Platz – im Hallenbad vom TSV Dingens, also jedenfalls dem Sportverein um die Ecke … Stimmt doch gar nicht? Ja richtig, stimmt eventuell gar nicht, und blitzgescheit, wie ihr seid, habt ihr natürlich auch schon ausgerechnet, dass ich ja noch gar nicht weg sein kann. Erwischt! Aber es gab diesen Moment, in dem ich mit hoher Sicherheit befunden habe, eben dieses Hallenbad sei DIE Lösung für meine Sorgen hinsichtlich der Urlaubsdestination. Es könnte sich bei diesem Moment um denjenigen gehandelt haben, in dem ich den 187. Booking.com-Tab am Laptop öffnen wollte, um eine weitere potenzielle FeWo einem kritischen Vergleich zu unterziehen, sich aber statt den neuen Tab zu öffnen mein Rechner mit einem vernehmlichen Seufzen geschlossen und weitere Dienstleistung verweigert hat. War es aber nicht. Sondern ein anderer. „WIR MÜSSEN ZU HAUSE BLEIBEN, DAS GEHT SO ALLES NICHT!“ hab ich geschrien und mich dabei auf dem Boden gewälzt – so gut wie es ging, denn da wo zuvor ein Boden war, liegt jetzt mein gesamter Hausstand in thematisch passenden Haufen sortiert und wartet darauf, in thematisch sinnvolle Taschen, Koffer und 37 Jutebeutel gepackt zu werden. In dem wahnwitzigen Irrglauben, am Urlaubsort angekommen nur noch zielgerichtet lässig in die passende Tasche greifen zu müssen und dort genau das eine Trum zu fassen zu kriegen, nach dem mir grad der Sinn steht; anstatt wie sonst üblich sämtliches Gepäck dreimal zu durchwühlen, anschließend mies gelaunt ins nächste Geschäft zu fahren und dort mit Todesverachtung einen scheußlichen und zu kleinen Bikini zu erwerben, da der eigene offenkundig daheim vergessen wurde (und sich dann aber beim Auspacken nach Urlaubsende daheim natürlich in der Thementasche „Baden“ wiederfindet) … Was soll ich sagen? Urlaub ist eben der blanke Stress. Aber für den Rückzug ist es jetzt zu spät. Morgen früh geht’s los. Jetzt: Reisesemmeln schmieren, die spätestens hinter Greding komplett verspeist sind. Arrivederci! Strada del sole – ich komme!

Freitag, 29. August 2025

Urlaubsstress

Homo vacarendum est – auch wenn es meinen noch nicht verblichenen Lateinlehrern an dieser Stelle jetzt womöglich die Zehennägel hochrollt, zumindest inhaltlich hab ich schon recht: Der Mensch urlaubt. Aktuell sogar sehr heftig. Man radelt über die Alpen und paddelt in Slowenien, beachlifet in Griechenland oder, ganz hoch im Kurs, an der Ostsee, räkelt sich in Infinitypools oder glampt aufs Äußerste. Und das alles weiß ich sehr gut, denn der Mensch dokumentiert all das gewissenhaft im Instagram, dessen Name nicht umsonst zumindest im zweiten Wortbestandteil frappierend an „Verdruss“ erinnert. Insta-Gram. Ich zumindest gräme mich. Denn ich urlaube auch. Jedenfalls bald. Jedenfalls, wenn ich bis zu einem nahenden Zeitpunkt X meine pathologische Angst vor Urlaubsplanung überwunden haben sollte. „Du musst doch wissen, wo du hinwillst!“ ruft man mir verblüfft zu, und ich rudere hilflos mit den Armen und sage: „Ja, doch, nein.“ Ich weiß wie so oft vor allem, was ich NICHT will (Sand, Karst, Hitze), doch selbst nach Ausschluss dieser Kriterien bleiben immer noch verdammt viele Optionen offen – und mit Optionen kann ich nicht so gut, sonst wäre ich vermutlich auch Fan von Subway und würde nicht angesichts einer schier endlosen Liste von von mir zusammenzustellenden Zutaten weinend zusammenbrechen oder vor einem angepriesenen „reichhaltigen Buffet“ schreiend davonrennen und mich wimmernd an einer alten Breze festhalten. Ich möchte das nicht. Ich möchte Struktur, Plan und jemanden, der mir Dinge vorgibt. Zuviel Freiheit macht mir Angst (gleichwohl ich bei der geringsten Ahnung eines unfreiwilligen Beschnitts derselben sogleich in großen Zorn ausbrechen kann). Das war schon in der Uni so: Du kommst heraus aus einer Schule, die dich 13 Jahre lang gelehrt hat, einen Stundenplan artig zu befolgen und ja nicht irgendwo links und rechts auszubrechen, und wirst hineingeworfen in eine Uni, die sagt: „Hallo, hier hast du 754839 Optionen, um dein Studium so zu gestalten, wie es dir taugt, wir lassen dir alle Freiheiten, komm ja nicht auf die Idee nach einer Vorgabe zu fragen, tschüssi!“ Turns out: Statt eines Magisters in Germanistik und Soziologie hab ich einen in Schlossgarten und Kneipe. Quasi. Jetzt also Urlaub. Es soll Menschen geben, die es lieben, tage- und nächtelang Länder, Menschen, Abenteuer zu recherchieren, Buchungsplattformen zu vergleichen und sich die perfekte Zeit selbst zu komponieren. Ich nicht. Ich bin Typ „Aldi Reisen“: Ein picobello geschnürtes Paket, das mich erst einmal in Sicherheit wiegt – und über dessen freiheitsberaubendes Diktat ich mich vor Ort immer noch aufregen, mich allen Plänen widersetzen und mein eigenes Süppchen kochen kann … Es soll Leute geben, die urlauben am liebsten zu Hause. Ich verstehe das, denn damit fällt auch das nächste drohende Übel flach: packen. Mal sehen, mit welcher Entscheidung ich mich überrasche. Eine Woche hab ich noch.

Freitag, 22. August 2025

Fehler in der Matrix

 

Der Herrgott sei gepriesen, die Hitzewelle ist vorbei – sagen manche. Ich nicht. Ich befinde mich stattdessen in einem Zustand, den man sich am besten so vorstellen kann wie eine Szene aus Matrix, wenn Neo sich dem Kontrahentenbeschuss ausweichend in Slowmotion horizontal in die Luft legt und dort schwebend den nächsten Supermove vorbereitet und man schon weiß: gleich scheppert’s gewaltig. Nur dass ich nicht bewaffnet unter Beschuss stehe, sondern in Slomo in der Luft stehe, weil mir grade jemand ruckartig die Picknickdecke unter den Füßen weggezogen hat und im nächsten Sekundenbruchteil nicht nur ich scheppernd auf dem Boden lande, sondern mit mir auch eine große Menge Sommerutensilien, die erst hoch in den Himmel stieben und dann rings um mich herum hinabregnen. Da lieg ich jetzt also inmitten eines schönen Haufens Dingen, die bis grade eben noch unabkömmlich bis existenziell wichtig waren und jetzt von einem Moment auf den anderen absolut jeden auch noch so kleinen Sinn verloren haben. Dabei war ich grade so richtig eingegroovt, nicht zuletzt dank des Turboboosters einer Hardcore-Freibadwoche, die ich dank einer derzeit auch eher arbeitsextensiven Freundin durchleben durfte. Es begann harmlos: Handtuch, Wasser, Bikini und ein Wechselschlüpper für ältere Damen – also halt in etwa so, wie Anfänger (ich) und Jugendliche (ich nicht) baden gehen. Es folgte ein großer Neid und infolgedessen eine stetige Erweiterung des Gepäcks, bis ich an Tag fünf mit zwei großen Sporttaschen und einer Kühltasche am Treffpunkt erschien und die Freundin aus dem Staunen nicht mehr rauskam, als die Freibad-Mary Poppins ihr Hab und Gut entblätterte: Ein großes Handtuch und dann noch eins plus ein kleines, drei Bikinis für je nach Stimmung und Betätigung, ein Kissen für den Kopf, eine portable Lehne, Fächer, tragbare Ventilatoren, Trivialliteratur (zum Lesen) und Intellektuelles (zum Angeben), vorgekühlte Melonenschnitzen, geeistes Wasser, belegte Semmeln, Spiele, Sonnenschirm und dergleichen mehr. Was man halt so braucht, wenn man einen ganzen Tag in Wahrheit nur bräsig im Baumschatten liegt und ratscht. Auch hinsichtlich der Ernährung war ich gänzlich angepasst: Was braucht der Mensch außer Wassermelone und Freibadpommes und hin und wieder mal ein Steckerleis? Richtig, gar nichts. Jetzt frag ich mich: Wie soll das alles gehen? Was zieht man an wenn nicht Tshirtshortsundschlappen? Was isst man so den ganzen Tag? Und vor allem: Was TUT man? Ich ahne ein tiefes Loch am Horizont herannahen. Aber das passt ja dann eigentlich ganz gut zum Tief. Und das sollte ich vielleicht dazu nutzen, die Wohnung von einem Sommerfreizeitlagerstaustall wieder in irgendwas Bewohnbares rückzuverwandeln. Hier liegt ja jetzt alles auf dem Boden herum.

Freitag, 15. August 2025

Sommer Fast Forward

Schönen guten Morgen zusammen. Es ist 8 Uhr 43, und ich habe mein Tagwerk im Prinzip vollbracht – wenn man vom Schreiben einer gewissen Kolumne absieht. Aber Schwamm drüber, hierzu kann ich mir auch später noch Gedanken machen. Als fleißige Hausfrau habe ich den dazugehörigen Halt mal eben schnell im Halbschlaf erledigt, denn ich bin im Morgengrauen nachgerade aus dem Bett geschnalzt, als eine mir nicht gleich bekannte Stimme mich angeschrien hat: „WIR HABEN DOCH KEINE ZEIT!“ Richtig, hab ich mich erinnert, keine Zeit. Weil völlig unerwartet finden wir uns in etwas wieder, das wir in den letzten Wochen, als wir uns mit Wärmflasche auf dem Kanapee eingekuschelt hatten, während Regenschirme, Hosen und Socken in der Wohnung verteilt versuchten, sich von ständiger Beregnung zu erholen. „Es riecht nach Herbst!“, schrieb mir eins kürzlich am Morgen. „Das war’s, der Sommer ist vorbei. Ich weine.“ UNSINN, hab ich mir da gedacht, der Sommer geht jetzt erst richtig los – nur, und das muss man ihm bei aller Liebe schon auch einmal kritisch mitteilen dürfen, hat er’s vielleicht doch bisschen zu locker angehen lassen. Und damit bringt er uns jetzt in eine feine Bredouille. Weil der Sommer gar so lang getrödelt hat, haben wir jetzt den Nudelsalat – und müssen alles, was die jahreszeittypische ToDo-Liste so bereithält, in Hyperduperüberschallgeschwindigkeit nachholen. „Schreibt Prioritäten-Listen, startet Doodles, kalkuliert irgendwas mit Excel. Aber BEEILT EUCH!“ möchte ich seit ein paar Tagen meinem kompletten Bekanntenkreis zurufen und am besten gleich eine kuratierte Auswahl möglicher Aktivitäten anreichen: In einem Fluss baden und auf einem anderen mit dem Schlauchboot paddeln. Die gesammelten „37x Grillen ohne Bratwürste und Wammerl“-Rezepte ausprobieren. Bräsig im Garten herumliegen. Im Gartenhaus übernachten. Wassermelone essen. Ins Freiluftkino gehen. Morgens an den See fahren und erst abends wieder zurück. Leicht bekleidet in allen innerstädtischen Brunnen planschen. Dubiose Sommergetränke testen. Fahrradtouren machen. Wassermelone essen. Hängematte dabeihaben und überall aufspannen. Spaghettieis zum Abendessen. Unter freiem Himmel tanzen. Biergärten mit Kastanienschatten auskundschaften. Eselswandern. Tretboot fahren. Wassermelone essen. Durch den Rasensprenger fliegen. Ein Bett auf dem Balkon bauen. Einen Fächer dabeihaben. Nach Sonnencreme duften. Nach Autan stinken. Wassermelone essen … Und das alles in drei, vier Wochen?! Puh, da wird mir gleich ein bisschen schwindlig. Was hilft? Genau: Tun, was eine Frau tun muss. Und deswegen ist jetzt auch keine Zeit mehr, denn ich .. Was? Ich kann euch nicht hören. Das Schwimmbad ruft so laut nach mir. Tschüssi!