Ein sehr wichtiges Thema, das Mieter im Allgemeinen und Eigentümer im Speziellen jetzt wieder umtreibt, hat mich selbst grad angefallen, deswegen hochaktueller Anlass: Lüften. „Du kannst jetzt fei das nicht mehr so haben wie die letzten Monate“, hat eins geschlaumeiert und mir sämtliche gekippten Fenster fest verschlossen, wo ich doch grad munter Pantoffeln und Wolldecken an Besucher in Funktionsjacken verteilt hatte und beschieden, man müsse sich vielleicht gar nicht so anstellen von wegen Kälte, 17 Grad sei doch durchaus noch als Raumtemperatur definiert, und anstatt sich schlotternd in die Ecken zu kauern brauche man doch bittschön bloß gymnastische Übungen am Esstisch vollziehen oder halt wenigstens ein bisschen mehr Gestik beim Gespräch. Wurde ich dann leider überstimmt und stattdessen über die gängige Praxis des Stoßlüftens belehrt. Ich: fügsam. Man lernt ja dazu. Im Früher, da hab ich gern so gelüftet, dass auch immer ein Fenster gekippt war, dazu aber die darunter befindliche Heizung auf höchster Stufe, also eine vorzüglich angenehme Mischung, die aber leider eine Beinaheenterbung oder doch mindestens akribische Gegenrechnung Taschengeld vs. Energiekosten zur Folge hatte, als der Hausverwalter das einmal spitzgekriegt hat. Dann hab ich beleidigt lieber gar nicht mehr gelüftet, was sich in den folgenden Jahren im teenageresken im Mantra „Lieber erstunken als erfroren“ manifestiert hat. Dann später war das so, dass ich mir überhaupt gar nie Gedanken hab machen müssen übers Lüften, weil die Fenster quasi eine Lüftungsautomatik eingebaut gehabt haben, wo man auch gar nicht mehr sich hat aufhalten und anstrengen müssen zum Beispiel beim Kerzen auspusten, weil die hat man einfach kurz an den Fensterrahmen gehalten und schwupps – Kerze auspustet. Dann gab’s neue Fenster und mit denen eine Lüftungsbedienungsanleitung, an die ich mich zwar streng gehalten hab, durch die aber auch eine spontane Amnesie verursacht worden ist beim Vermieter, der plötzlich wusste, dass der ewige Badezimmerschimmel überhaupt gar nicht beim Einzug schon vor sich hin geschwärzelt hat, sondern selbstverständlich alles nur durch mein missliches Lüftungsverhalten ausgelöst worden ist. Also Streit und Chlorbleiche. Danach auch gleich wieder viel Lüften. Jetzt heut ist man ja saumäßig gereift und voller Lebenserfahrung, und deswegen hat man halt einfach keine Lust mehr auf Schimmel-Ex und hoppla wie ist es jetzt plötzlich so schwarz geworden, da an der Wand hinterm Bett. Und außerdem sieht man die Nebennutzen, weil: Eine schöne Durchluft bläst dir erst den Balkonboden sauber, dann alles einmal quer durch die Wohnung und unterm Kanapee durch und unter allen Regalen auch, dabei Umfangsvermehrung wie Lawine, und dann am Ende kanapeest du einfach ganz entspannt und saugst locker aus der einen Hand den Haushaltsbelohnungscocktail und in die andere den Unrat. Bei so viel schöner Situation kann man doch schon einmal vergessen, das Fenster wieder zu schließen, erlaube mal! Die Schlappen sind in der untersten Schublade rechts.
Samstag, 3. November 2018
Freitag, 26. Oktober 2018
Staubschneisen
Bedeutsame Szenen der Filmgeschichte: Zauberer Schmendrick versucht, das letzte Einhorn zu retten. Auf seiner verzweifelten Suche gerät er in die missliche Lage, an einen Baum gefesselt zu werden, woraus er sich zu befreien versucht, indem er selbstverständlich Magie anwendet. Leider ist Schmendrick ein kleiner Tölpel, und so findet er sich anstatt in Freiheit unversehens im wogenden Dekolleté einer riesenhaften Baumdame wieder, die ihn herzt und anhimmelt und flötet „Ich liebe dich! Ich lieeeeeebe dich! Ich liebeliebelieeeeebe dich!“ Ganz ähnliche Szenen haben sich in den vergangenen Tagen bei mir zu Hause abgespielt, nur mit dem Unterschied, dass ich alles andere als unglücklich darüber war. Nein, ich habe mich hineingesuhlt in die Liebeswoge und das Gesicht versenkt im Busenglück und selbst ewige Treue geschworen und mich tausendfach entschuldigt für die schändliche Vernachlässigung. Meiner Couch. Der Erstkontakt war ein bisschen holprig weil als ich mich habe drauffallenlassen ist links und rechts von mir und überall um mich herum ein solchenes Staubgewölk aufgestiegen, dass ich dann erst einmal mit schwerem Gerät anrücken hab müssen und mir wenigstens eine kuschlige Schneise hineinmähen. Aus Gründen der allgemeinen Bequemlichkeit hab ich den wolkigen Mähabfall einfach direkt links und rechts von der Schneise belassen, halt ein bisschen so wie du jetzt draußen plötzlich überall die Laubberge entlang von Wegen aufgetürmt siehst, da sagst du ja auch „Mei schau wie schön!“ und springst lieber mit Anlauf ganz oben hinein in den Berg oder manchmal nimmst du ganz vielleicht ein bis drei Arme voll und verteilst sie wegen Laubkonfettieffekt wieder auf der Wiese, weil die ist eh nichts in so sauber, und dann vergisst du vielleicht schon einmal, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass das ein oder andere Hundstrümmerl miteingearbeitet ist in den Laubberg, weil da ist er für gewöhnlich nicht ganz so pingelig, der Laubzusammenrecher. Ob man das Kind auch auf Zecken untersucht hätte nach dem Laubbergbad, wollte die Tage so ein Strebervater wissen, und da hab ich milde gelächelt und gedacht, dass die Zecke vielleicht eher das geringste Übel ist, und dem Kind unauffällig einen kleinen dunklen Batz aus dem Mundwinkel gekratzt. Also jedenfalls thron ich da grad so in meiner verliebten Staubcouch, und jetzt stell dir vor: Springt nicht plötzlich der Fernseher auf meinen Schoß, wickelt sich um meinen Hals und im Schlepptau alle über die Monate hinweg angereicherten Zeitungen und Magazine und Bastelarbeiten, die haben sich auch erst einmal so wie ein Hund nach dem Schwimmen sauberschütteln müssen, und jetzt liegen wir also alle miteinander eng umschlungen herum, während auf dem Herd die Suppe köchelt, die aus dem reflex- bis zwanghaft erworbenen Kürbisdreierlei erstellt worden ist. Hier bleib ich. Und ihr?
Freitag, 19. Oktober 2018
Der ewige Teig
Also das war ja so: Ich in Trauer wegen kein Horst und auch kein Hermann und deswegen Himmel verdunkelt, zumindest innerlich, wegen Seele, und Trübsinn auch nach außen tragen wegen immer gut wenn eh gleich jeder weiß: Obacht, lieber jetzt nicht ärgern, deswegen ja auch Gefahrensituation dann auf dem Spielplatz und beinahe Inkarzeration wegen vermeintlich liederlicher Umtriebe in Kindsnähe nur wegen Schwarzgewandung und Misstrauen eh generell ein bisschen viel überall grad. Und das alles nur wegen eines Teiges. Nein halt: Wegen der Abwesenheit eines solchen. Jedoch wenn du denkst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein Lichtlein her, und so hat mich ein Brief erreicht, dessen Inhalt eine glücksgleißende Gebrauchsanweisung gleicht. „Grundrezept für Hermann-Teig“ steht es geschrieben sowie von Hand auf einer Karte, wie sehr mein Schicksal berührt habe und meine Trauer auf Verständnis gestoßen sei, so dass man hoffe, meinem Leid ein Ende bereiten zu können. Der ewige Teig ist zu mir zurückgekehrt, hab ich jubiliert und sogleich alle Vorbereitungen getroffen, um in die Massenproduktion übergehen zu können. Einen winzigkleinen Wermutstropfen aber hat das Schreiben, denn mit wachsenden Augen hab ich lesen müssen, dass es vielleicht doch gar nicht ganz exakt genau so abgelaufen ist mit der Hermannzucht, wie ich das in kindlich-romantischer Verklärtheit erinnert hab. Aller Anfang ist easy: Mehl, Zucker, Hefe, Wasser, und ab geht die Luzy. Also je nachdem mit welchem Geschwindigkeitskoeffizienten man den Maßstab anlegen will. In so einer sagen wir mal Schildkrötenwelt wird’s jetzt vergleichsweise zackig. In meiner … nicht so. Aber Geduld ist die Mutter der Porzellanrührschüssel. Während der Initialhermann jetzt also an einem warmen Ort vor sich hin zellteilt und dabei auch noch gestreichelt und gefüttert wird, dass du sagst, ja, ein Hermann müsste man sein, bin ich ein bisschen tiefer eingestiegen in die Materie und hab Ahnenforschung betrieben, um meiner künftigen Großproduktion an teigbefüllter Tupperware, die man entweder wegen der weiter zunehmenden Sehnsucht nach Rückbesinnung und DIY ja ganz wundervoll im Familien- und Freundeskreis verschenken kann, halt mal mit einem Weihnachts- und mal mit einem Osterschleiferl dran, und ausgebackenen Variationen, wo du sagst, also ein Zuviel an Rosine und Schokostück und Orangeat kann es gar nicht geben, es schnapselt doch immer noch der feine Hermannduft durchs Beigewürz, also jedenfalls den Präsenten auch immer noch ein Geschichterl mitliefern zu können, wegen fürs Herz ist auch immer gut. So. Fragst du also den Onkel Doktor Oetker, weil der weiß eh alles, und dann sagt der, und du hast schon ein bisschen so ein feistes Grinsen erahnen können im teigigen Gesicht, sagt der also: Wasmeierin, jetzt wirst du gleich blöd schauen, und schon hab ich blöd geschaut. Weil es gibt nämlich noch Brüder vom Hermann. Die heißen (frage nicht!) Robert, Werner und Siegfried, unterscheiden sich im Input minimal, im Output jedoch vehement, so dass man direkt eigentlich alle vier Gemische ansetzen muss. Und dann ja aber auch verteilen … Während ich also mit dem Arm hurtig die Fensterbank abräum um darauf aufzutuppern könnt ihr euch ja schon einmal für die Warteliste anmelden. Nürnberg, der Leb(ende)kuchen! Wie schon Madame Déficit zum Volke sprach: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!
Freitag, 12. Oktober 2018
Atipico
Ich war ja urlauben, gell, und da gab’s viele schöne Bilder,
eins kommt mir aber grad besonders schön wieder in die Erinnerung. Nämlich war
da so ein arg beschaulicher Hafen, in dem schaukelten sehr beschaulich sehr arg
viel kleine Boote vor sich hin. Allesamt waren sie blau und rot und
harmonierten in ganz wunderbar nicht nur mit Sonne und Funkelmeer, sondern auch
untereinander. In der Mitte des Idylls jedoch befand sich ein kleiner winziger
Stördings, nämlichst ein einzelnes schwarzes Boot, auf dessen Flanke nicht wie
über all sonst Maria, Giovanni oder Mamma zu lesen war, sondern hübsch ein
„Atipico“ als Name aufgepinselt war. Eine Situation, mit der ich mich ganz
prinzipiell gut identifizieren kann, gestern aber noch einmal spezialgut, weil
ich so: Spielplatz. Ein Ort, an dem man sich zuweilen aufzuhalten hat, um dann
sehnsüchtig über den lustigen Zaun zu linsen nach der Stelle zehn Meter weiter
weg, wo man neulich noch mit den selben Menschen Flaschen mit sommerlicher
Lustigsache kreisen lies, denen man heute zaunumringt höchstens mal beflissen ein
Feuchtigkeitstuch reicht. Jetzt passieren auf so einem Spielplatz prinzipiell
nicht unfeine Dinge. Kinder schlagen sich, defäkieren glücklich in anderer
Kinder Sandtransport-LKW, finden lustige Zuckersachen im Dreck und halten sich
nicht lang mit der Sortierung auf oder, lieb ich besonders, erleiden veritable
Wutanfälle, weil sie erfahren müssen, dass die tollste Reifenschaukel der Welt
zwar für eine halbe Stunde quasi die ihre war, in Wirklichkeit aber jetzt halt
dann doch einmal geteilt werden muss. Tobsuchtsanfall, Komplettverweigerung,
Totalspreiz in den Sand hinein, herrlich. Gut gefallen hat mir übrigens auch,
als ein Zwerg unversehens so eine Hochkulturveranstaltung um eine spontane
Performance bereichert hat, weil so eine wassersprudelnde Kunstsache sich zwar
sehr gut als Planschort eignet, der aber irgendwann halt wieder verlassen
werden muss. Die Performance war wunderbar, grad auch akustisch, und dass ich
alles hilfsbereit gefilmt hab, wird die Mutter irgendwann schon noch zu
schätzen wissen. Für gewöhnlich gelange ich an so einen Ort samt Kind + Mutter
und verlasse ihn dann auch so wieder, was wenig Aufsehen erregt, außer
vielleicht in so einem sehr schwierigen konservativen Dings, aber gut. Jetzt
gestern aber problematisch, weil ich zeitlich im Verzug und deswegen erst
nachgefolgt auf den Spielplatz. Schon draußen hab ich mich direkt selbst der
kriminellen Handlung verdächtigt weil aus Versehen ganz in Schwarz während auf
der anderen Zaunseite alles eher so Bunt und Outdoor und Selbstgefilzt und
Camouflage, will sagen: fleckenresistent. Dann hab ich auch noch suchen müssen,
sprich sehr konzentriertes Gesicht mit sonnengeblendetem Zusammenkneifen und
dann auch noch überall so nah rangehen müssen, weil in dem Gewusel sehen alle
gleich aus. Also so schwarze Mamba auf der Jagd. Quasi hab ich Sitte, Feuer-
und Mütterwehr schon tatütataten gehört, deswegen erleichterter Hechtsprung zum
Freundinnenkind und ersteinmal lautschreiend begrüßt. Erst ich, dann das Kind.
Schreiend. Auf dem Rückweg hab ich superharmlos gelächelt und mich provisorisch
mit Keksschleim beschmiert. Nächstes Mal trag ich mir den vielleicht im Vorfeld
schon auf. Nix Atipico!
Freitag, 5. Oktober 2018
Hermann ade!
Ihr Lieben, ich bin in Trauer. Ich möchte euch bitten, kurz innezuhalten und mit mir gemeinsam diese schweren Stunden zu verleben, in denen die Sonne so schamlos lacht, derweil mein Herz von dunklen Wolken verhangen ist. „Horst“, so steht es in sorgfältiger Handschrift auf einer Notiz vor mir, „hat es leider nicht überlebt.“ Das ist furchtbar, noch furchtbarer ist, dass zum Beweis des vorzeitigen Ablebens des Geliebten eine leere Hülle, ein Unlebensraum zurückgeblieben ist und mich tagtäglich an diesen furchtbaren Umstand erinnert. Ich hatte mich so gefreut auf Horst, auf seine Kinder, auf unsere gemeinsame Zeit, ich wollte ihn füttern und pflegen und hegen und waschen und ihm aus Gedichtbänden vorlesen. Alles war geplant. Jetzt hab ich mich umsonst vorbereitet, und das reißt ein tiefes Loch in meine Seele. Horst ist, nein: war ein Kefir. Wie ein wunderschön in Formaldehyd eingelegtes Gehirn schwapperte er in seinem Einmachglas, in das die Freundin ihn einquartierte, nachdem sie Horst von einer Freundin geschenkt bekommen hatte, glücklich vor sich hin. Fortan galt es, das Gehirn zu wärmen, mit Zucker und Zeug zu füttern, gelegentlich zu waschen und dabei wichtige Regeln zu befolgen, auf dass der Pilz wachse und gedeihe, dem menschlichen Verzehr sein eigenes Leben opfere und ein neues den vielen Nachkommen schenke. Als ich davon erfuhr, war ich sogleich in heißer Liebe entbrannt. „Das“, rief ich mit herzblinkenden Augen aus, „brauch ich auch! Das ist ja wie der Hermann! Nur für Erwachsene!“ An dieser Stelle darf gerne ein Aufschrei durch die Groß- und Müttergeneration erfolgen. Wir erinnern uns: Eines schönen Tages bringt das Kind eine Tupperware mit nach Hause. Darin eine schwappernde Flüssigkeit, der beim Öffnen des Deckels ein widerwärtiger Schnapsgestank entsteigt. Sogleich möchte man die Dose schließen, versiegeln und verbrennen, mindestens im Sondermüll entsorgen, bekommt diesem Tun jedoch einen Riegel vorgeschoben und vom Kind die Unabdingbarkeit der neuen Lieblingsbeschäftigung beschieden. Fortan lebt und gedeiht in Küchen, Gemächern und Kellerräumen der Hermann, ein Teiggebilde, das es mittels Zugabe von Zucker zu füttern gilt und dem Ausdruck „rührende Umsorgung“ eine ganz neue Bedeutung verleiht. Drohte der Hermann seiner Kinderstube zu entwachsen, teilte man in flugs durch Sieben, verschenkte Teile, verbuk andere und behielt den Urhermann. Kuchen für immer, wie wundervoll! Leider hast du da die Rechnung ohne die Mutter gemacht, die des dauernden Schnapsgestanks überdrüssig irgendwann das Ableben des teigigen Mitbewohners verkündete, weil der versehentlich in den Ausguss gefallen war. Eine schwelende Wunde im Kinderherz seitdem, auf das sich mit dem Horst endlich ein heilendes Pflaster hätte legen können. Aber nein, es war mir nicht vergönnt, und es wird wieder kein Pilz freudig mit dem Myzel winken, wenn ich nach Hause kehre, sondern nur die Fruchtfliegen zur Begrüßung schäbig lachen. Ade! Hat jemand vielleicht noch einen Horst oder Hermann für mich? Dann tät ich den gern nehmen. Nicht dass ich mir noch aus Einsamkeit einen Fußpilz zulegen muss.
Freitag, 28. September 2018
Affenzirkus
Soeben hab ich mir die Ohren verstöpselt. Das ist schön, hör ich doch jetzt ein lautes Meeresrauschen, das mich vergessen lässt, dass ich nicht am Strand, sondern am Schreibtisch fläze und das wiegende Geräusch von meinem erhöhten Blutdruck rührt. Noch schöner aber ist, dass ich leider überhaupt gar nicht mehr die göttergleichen Engelsgesänge hören kann, die seit dem frühen Morgen an mein wundes Ohr herangetragen werden. Die Engel sind zwischen fünf und zehn Jahre alt, drei Stück an der Zahl, schaffen es aber dank irgendeines evolutionären Fortschritts, den sich zu durchdringen ich mich noch nicht hab entschließen können, zu klingen wie ein ganzes Bataillon. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich mir doch gleich gar nicht mehr so sicher, ob da von einem Fort- oder nicht gar doch eher einem Rückschritt zu sprechen sei, zumindest, wenn man sich die doch sehr rudimentäre Kommunikation des Trios betrachtet. Denn anstatt miteinander zu reden so wie unsereins das tut, sprich wohlgeformte Laute zu klingenden Worten aneinanderzureihen und aus denen kluge Sätze zu bilden, verständigt sich die herzöffnende Dreifaltigkeit ausschließlich brüllend, so dass ich gelegentlich aus dem Fenster schauen und mich vergewissern muss, dass nicht, man weiß ja nie, was unserer lieben SÖR grad einfällt, über Nacht plötzlich ein Affengehege im Hof errichtet worden ist. Aktuell dröhnt seit geschätzt fünf Minuten ein einziger langgezogener Kreischlaut durchs Karree, das akustisch so wohlmeinend gestaltet ist, dass man sagt, vielleicht sollten da die Architekten wegen der neuen Meistersingersache einmal einen Tag hineinhorchen und sich eine Inspiration abholen. Der Kreischlaut sagt, so viel hab ich schon herausgefunden, etwas wie „Der Dings hat mir meinen Lieblingsast weggenommen!“ oder „Ich hab meinen Tretroller / Schokoriegel / Schlagstock in die Hecke geworfen und krieg ihn jetzt nicht mehr so gut raus.“ oder „Scheiße ich hab Konfetti aus geklauten Briefen gemacht aber das fliegt nicht gescheit.“ oder „Mama mein Sunkist ist leer jetzt hab ich es zwar auf den Boden geschmissen und zerfetzt aber es wird trotzdem nicht wieder voll.“ Manchmal schaut die Mama dann zum Fenster raus und dann aber lieber schnell wieder hinein. Die Affen testen auch ganz fleißig, wie viel ihre Umgebung wohl so aushält, zum Beispiel, wie viel Steine man werfen muss, bis eine Scheibe zerbirst – ein Beweis der expeditiven Tätigkeiten ruht strahlend auf meinem Fensterbrett. Neulich hat einmal wieder eins herausfinden wollen, wie dolle man ein Glasgefäß auf die Straßen schmettern kann, ohne dass es zerspringt. Ich sag mal so: Das wird wohl noch geübt werden müssen, so wie auch im Anschluss unter meiner wohlwollenden Aufsicht geübt werden musste, praktischerweise deutlich erkennbare rote Scherben sorgsam aufzulesen, auch aus der Hecke und dem Rasen, wohinein sie kurzerhand verstaut worden waren. Ich find Kinder ja toll. Die Stöpsel tu ich aber vielleicht trotzdem erst wieder raus, wenn ich an einem echten Strand liege. Was bald ist. Ätsch!
Mittwoch, 26. September 2018
Reise(whatsapp)gruppe
Der in der Beliebtheitsskala der geistreichsten Poesiealbumssprüche mit im oberen Drittel rangierende Billigaphorismus „Freunde sind wie Familie die man sich selbst aussuchen kann“ suggeriert auf hintersinnige Art und Weise, dass Familie ein Graus ist, dem man sich höchstens aus Zwangsgründen gelegentlich annähern muss. Davon ausgehend kann ich mich scheint’s glücklich schätzen, befinde ich mich doch inmitten einer medusenhaften Familie, die zwar weitflächig verteilt ist, dank eines weiteren Sinnspruchs aber zusammenhält wie Pech und Schwefel, obgleich um ehrlich zu sein diesem Spruch eine Modifikation à la „Grüner Veltliner ist dicker als Wasser“ zugestanden werden sollte. Eben diese Familie kommt an diesem Wochenende aus, wie soll es anders sein, Festivitätsgründen zusammen, und in Anbetracht der vorausgehenden Planungen bin ich geneigt, weniger von einer „Zusammenkunft“ als vielmehr von einem „Aufeinanderprallen“ zu sprechen. Seit, ich habe nachgeschaut, sechs (!) Monaten wird auf allen verfügbaren Kanälen geplant. Hierzu zählen neben gängigen Telefonaten, mehrfachen brieflichen Aufforderungen und der Pflege einer Facebook-Seite selbstverständlich auch die Kommunikation in mindestens sieben verschiedenen Whatsappgruppen, deren Vielzahl natürlich legitimiert ist durch unterschiedliche Reiseteams, deren Zusammensetzung aber leider Spontanmutationen erleiden können, weswegen eine neue Reisewhatsappgruppe gegründet und dem oder der Hinzugekommenen alles von vorne erklärt werden muss, derweil Separatisten gelegentlich aussteigen und eigene Pläne wie eine Anreise mit dem Fahrrad ergründen, nur um nach intensiven Gesprächen die Unsinnigkeit des Unterfangens einzusehen, reuig in den Schoß der Gruppe zurückzukehren und sich alles mittlerweile Geschehene aber natürlich zusammenfassen lassen zu müssen. Vorangetrieben wird die Konstruktivität der Vorbereitungen durch vereinzelte bis mehrfache Wortmeldungen solcher Personen, die zwar nicht planen, wohl aber ein Wörtchen mitzureden haben wollen anstatt sich möglicherweise einfach leise in ein sorgfältig konzeptioniertes Schicksal zu ergeben („Wann wollt ihr morgen gleich wieder losfahren?“ – „Am Donnerstagmittag, wie ich seit einem halben Jahr sage.“ – „Ja aber wie wäre es denn eigentlich mit Freitagmorgen?“). Weil mir das zu langweilig wird, hab ich begonnen, in die Schaltzentrale neugierig-freundliche Fragen zu stellen, wie beispielsweise die nach der Unterbringung von 25 Personen und ob mich der Schein trügt, dass ich mich vorsichtshalber in einer Obdachlosenpension anmelden, sicher aber ein Zelt mitnehmen sollte. Kam nicht gut. „Es ist alles geklärt, was regst du dich so auf?“ kam prompt die Antwort. „Ich reg mich gar nicht auf!“, hab ich mich aufgeregt und weiter mit wissenschaftlichem Interesse an meiner Chaostheorie gestrickt. „Die Katharina“, hat dann jedoch ein weiser Mensch angeführt, „regt sich wirklich nicht auf. Die sammelt nur Stoff für 25 Glossen.“ Ein empörender Verdacht, ich bete sogleich drei Rosenkränze. Und erlöse mich nicht von den Bösen, sondern führe mich bitte gerne in Versuchung …
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