Gestern hab ich mir eine Lichterkette kaufen wollen. Um ehrlich zu sein ein bisschen wegen Gruppenzwang, weil wenn du bei mir in die Straße kommst dann denkst du, du bist auf einem Open-Air-Rave gelandet und gleich wellenhandet dir eine Love Parade entgegen, und so ganz in der Mitte von der Balkonfront ist dann so ein finsteres Loch, wo der Flaneur unten sagt „Ach schau, da wohnt also der Grinch!“ Tut er aber gar nicht, sondern es bin nur ich, und ich tu mich ein bisschen schwer damit zu verstehen, warum Menschen, die sagen wir mal sonst unterm Jahr täglich bei der Stadtverwaltung anrufen weil die Straßenlaterne flackert und das den Schlaf empfindlich stört, und die am liebsten noch der Feuerwehr das Blaulicht beim Nachteinsatz verbieten möchten, also warum die eigentlich plötzlich vier Wochen vorm Weihnachten meinen, ein Stroboskop wär die entspannendste Erfindung die die Welt überhaupt je einmal gesehen hat. Und weil es dann gar so besinnlich ist, wenn’s in zwölf Farben und halbsekundentaktlich umeinanderblinkt, muss man das nicht vielleicht so installieren, dass man sich ganz allein und nur für sich selbst, also quasi richtig vorweihnachtlich innere Einkehr, daran erfreuen kann und die Diskothekenanlage schön geizig vielleicht ein bisschen direkt unter der Bettstatt drapieren oder man könnte damit auch den Backofen auskleiden oder womöglich ja sogar den Kühlschrank, und dann am besten auch noch gleich so eine Last-Christmas-Melodie dazu wie in den Grußkarten zum Aufklappen, oder vielleicht hast du ja auch einen Safe daheim, so einen ganz superdicken ganz tief drin im Mauerwerk, und jetzt stell dir vor: Das wär dann nur deins, ganz allein! Aber nein, man muss raus damit in die Welt. Ich versteh das ja wirklich gut mit den Lichtern an sich, ich mag auch Lichter. So ein grindiger November oder Dezember, der wird schon wirklich gleich viel schöner mit Lichtern und Moosen und Zeug, die weisen dir den Weg durch Nebelschwade und Schnürlregen hin zum Glühmarkt und wenn’s dann später ein Tässchen zu viel geworden ist weisen sie ihn dir vielleicht auch wieder zurück nach Hause, und wenn du dich im Stadtpark verlaufen hast am stockfinsteren Nachmittag, dann freust du dich auch wenn du in der Ferne ein Kerzlein siehst oder vielleicht auch eine Zigarettenglut und weißt, du bist gar nicht allein. Und auch Adventskranz, ganz feine Sache, wobei mit Konfliktpotenzial und Gruppenspaltung, nämlich in diejenigen, die brav so wie sich das gehört eine Kerze nach der anderen anzünden und dann solchene, die, das musst du dir mal vorstellen, alle vier anzünden „damit die gleichmäßig abbrennen“, wo kommen wir denn da dahin? Das ist ja fast so schlimm wie „Ich hab schon meinen ganzen Adventskalender aufgemacht weil ich wollt ja wissen was drin ist!“ Naja also jedenfalls hab ich mir dann keine Lichterkette gekauft sondern überlegt, im Feuerwehrzubehörfachgeschäft ein Blaulicht zu erstehen, wegen glaub ich größerer Reichweite. Bis dahin freu ich mich leise und entspannt über meine zwei Kerzlein. Und dann bald auch schon über drei. Jessas wie die Zeit rennt … Also jetzt hab ich nochmal nachgeschaut, es heißt: „Advent Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins dann zwei dann drei dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür.“ Und nicht: „Advent Advent, ich mach ein Mordstohuwabohu und wenn dann bei mir daheim ein Flugzeug an die Terrassentür klopft wegen Landebahnverwirrung dann schrei ich umeinander wegen Sicherheitslücke und Belästigung.“
Freitag, 14. Dezember 2018
Freitag, 7. Dezember 2018
Digitalisierungsnot
Man hat ja jetzt neuerdings eine rechte Digitalisierungsnot. Ich kann das sehr gut verstehen, weil die hab ich auch. Nämlich seitdem ich mich in einem kleinen, vielleicht ein bisschen impulsiven Wutanfall von meinem Telefon- und halt auch Digitalisierungsanbieter getrennt hab und dann wegen beleidigt auch gar nicht eingesehen hab, dass ich jetzt auf einmal springen soll, nur weil der Anbieter wochenlang fünfmal täglich versucht, mich anzurufen. Gestern dann Milde, und dann erfahren, dass in vier Wochen alles abgestellt wird. Jetzt also Not. Neulich hatte auch jemand anderes eine Digitalisierungsnot, weil nämlich ist die adoleszierende Puberdame in die große Stadt gereist, wegen Shopping und Cool und Gang und Yolo, und dann hat sich wegen der Durchdigitalisierung ein kleiner Vorfall ereignet, nämlich dass dann, so geht das Gerücht, auf der Heimfahrt nach dem beschwerlichen Ausflug vor lauter Insta-Flow der erforderliche Zug-Halt etwas überraschend kam, weswegen das Kind dann nicht nur vom Lebensabschnittsgefährten durch grausam sich schließende Türen getrennt sondern auch noch ein bisschen weiter in den Norden gereist worden ist. Dramatische Szenen, Tränen, gar nicht mehr erwachsen. Jetzt kannst du sagen, vielleicht tät es ja auch nicht schaden, statt der Digitalisierung ein bisschen eher so Grundsätzliches in einer Schule voranzutreiben, sprich Lebensfähigkeit vermitteln. Unterrichtseinheiten könnten also heißen „Die Toilettenpapierrolle – Wechselt sie sich selbst?“, „Der Weg des benutzten Geschirrs zur Spüle – Ist Telepathie eine Option?“, „Anleitung zum Auffinden von Gegenständen – Wie suche ich an den richtigen Stellen ohne das Haus auf den Kopf zu stellen und dabei rumzubrüllen?“, ergänzend dazu vielleicht noch „Mein Smartphone – mehr als nur Accessoire“ sowie den Aufbaukurs „ÖPNV-Plan und Straßenschilder – Überleben im Großstadtdschungel“. Damit das alles nicht zu viel wird, könnten gelegentliche Praxiseinheiten aus den Segmenten „Ernährung“, „Zwischenmenschliche Umgangsformeln“ sowie „Manieren“ eingestreut werden, in denen beispielsweise durchgenommen wird „Die Angst nehmen – Warum Bitte, Danke und Grüß Gott nicht schmerzen“, „Das Taschentuch: So benutzen wir es nicht nur richtig, sondern überhaupt“ oder „Tomate oder Ketchup – Identifizierung von Lebensmitteln leicht gemacht“. Da mir bislang keine solche Unterrichtsplanung bekannt ist, lege ich große Hoffnung in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, wenn’s mit der natürlichen schon hapert. Da kannst du dann das Kind morgens in den Ausflug verabschieden und an der Tür gibst du ihm ein schön in Butterbrotpapier eingeschlagenes Päckchen und sagst „Schau, mein Schatz, da ist deine Extraportion künstliche Intelligenz für heut, mach dir einen schönen Tag!“ oder zu Weihnachten gibt’s statt Lebkuchen eine schöne Ration künstliche Intelligenz. Oder du kannst auch, jetzt stell dir vor, mal aus Versehen vielleicht sagen wir im Feierabendverkehr ein bisschen eine kleine Phiole voller künstlicher Intelligenz auf den Boden fallen lassen und schwups muss man überhaupt gar nicht mehr so supersauviel hupen oder grindig dreinschauen weil sind nämlich plötzlich alle in der Lage, ein bisschen mehr miteinander zu denken statt dagegen. Ich wart einmal das Wochenende ab, vielleicht ist der Nikolaus ja schon weiter gewesen als die Angela.
Freitag, 23. November 2018
InTeam
Naturgemäß ist mit man mit manchen Menschen intimer als mit anderen. Also intim im Sinne von vertraut und so, gell, nicht dass ihr denkt ich mach mir was aus Dings, pfui Deifi! Vielleicht ist es leichter, wenn man lieber „in-team“ schreibt, weil man wird dann schon ein rechtes Team so mit dem ein oder anderen Menschen. Ein sehr besonderes In-Team bin ich mit meinem Zahnarzt. Ich mein, das muss einen jetzt nicht weiter wundern, es gibt halt wirklich nicht so superviele Menschen, bei deren Anblick mir direkt erstens der kalte Schweiß ausbricht und dann zweitens ich in Sekundenschnelle zu einem wirklich sehr scheußlich wimmernden Schrumpelwurm zusammenschrumple. Da denkst du in der einen Sekunde noch „Mensch, plauder ich mal ein Ründchen über Kreidezähne und dass ja immer mehr Kinder, vielleicht vergisst er dann warum ich eigentlich da bin …“ und so schnell schaust du gar nicht wirst du in die Horizontale gekippt, was man ja nicht prinzipiell ablehnt, aber für gewöhnlich kann man dann Freude, Zustimmung, Ungemach oder Wünsche äußern, vielleicht auch einfach einmal kurz Politik und Weltgeschehen thematisieren. Zahnarzt so: Mund auf, Klappe halten – eine besondere Kombination, die sonst auch eher nicht so oft funktioniert, merk ich grad. Dann schauen und Routine und plötzlich Ernstfall, weil „das wundert mich nicht dass du gelegentlich einen Bissschmerz hast, da ist ja die halbe Füllung rausgebröselt und ein Mordskaries drunter, das machen wir jetzt gleich einmal neu“, und du kannst dich nicht wehren, dafür sogleich in Tränen und Winseln ausbrechen und heiß wird’s dir dann und du denkst, vielleicht hätt ich doch einmal das mit dem Autogenen Training ein bisschen besser üben sollen. Es folgen erniedrigende Minuten, die ich gern lieber nicht erzählen möchte, und dann sagt der böse Schinder, der es ja nur gut mit dir meint, ich darf überhaupt jetzt ersteinmal sehr lang nicht essen. Ich, wieder vertikal und darob Oberwasser: „Ja du, da hab ich letztes Mal schon gedacht, ich bin schlauer als du“, hab ich halbseitig gesabbert, „und dann hab ich mir mordsmäßig den Mund verbrannt beim Essen, wegen der Betäubung.“ War ich also jetzt wirklich schlauer, und deswegen hab ich gar nicht mehr so richtig hingehört beim nächsten Rat. Freilich hab ich mir daheim ein Tapferkeitsbelohnungsmahl bereitet, schön leicht auf Abend Carbonara, und dann abkühlen lassen, quasi Nudelsalat, also fein raus. Beim Essen hab ich mich gewundert: Der Speck ist aber widerspenstig, dauernd hab ich da so ein festes Teil am einen Zahn, aber das hab ich freilich einfach durchgemalmt. Erst als dann im Salat plötzlich auch Speck war, den ich durchmalmen hätt müssen, hab ich mich gewundert. Geistesdurchblitzt hab ich den Spiegel geschaut und da ist mir dann eingefallen, was der zweite Rat war, nämlich „… Gefahr groß dass du dich schlimm beißt.“ Sagen wir mal so: Der Rest des Tages verlief vergleichsweise asketisch. Der Tag darauf auch. Lieber Zahnarzt, ich bin blöd, du hast recht! Nächstes Mal bin ich gleich demütig und so still wie der sonntägliche Feiertag!
Freitag, 16. November 2018
Hexenborste
Donnerstag ist immer ein sehr guter Tag, um einmal ein bisschen im Augenbrauensegment nach dem Rechten zu sehen und bei gegebenem Anlass für Ordnung zu sorgen. Also eigentlich immer. Gut ist das deswegen, weil das hebt und klärt den Blick, sagt die Brigitte, und hernach kann man gleich wieder viel besser bescheiden Komplimente für den so natürlich gewachsenen Augenbrauenschwung entgegennehmen. Und außerdem kann man nicht ausschließen, dass während man den Blick so in den Zehnfachvergrößerungsspiegel schweifen lässt sich irgendwo eine gute Fee mit Hacker-Skills in den Computer hineineinwählt weil sie sich denkt, Mensch, heut hab ich einmal so richtig Lust, ein außerordentlich gutes Sofa zu schreiben, und dann drehst du dich nach drei Stunden Renovierungsarbeit wieder zum Bildschirm und plötzlich ist da ein wunderbarer Text und der ist auch schon weggeschickt und die gute Fee hat auch noch einen Zettel an den Bildschirm gezaubert auf dem steht „Mensch Wasmeierin, ich hab mir gedacht, heut genießt du einmal ein bisschen die Sonne, also ab mit dir!“ und dahinter hat sie dann noch so in ganz süß wie früher ein zärtliches *klaps* gemalt. Das passiert jetzt aber gar nicht so oft wie man meinen könnte, gute Feen sind anscheinend recht beschäftigt, also anderweitig. Aber man kann wie gesagt nicht sicher sein, und deswegen lieber sehr akribisch mit eineindreiviertel Augen im Spiegel und das übrige Viertel linst aufmerksam-verstohlen auf den Bildschirm, quasi Schneckenteleskopauge, so kann man sich das also grad bei mir vorstellen. Jetzt ist dann aber irgendwann auch der wirklich allerletzte unsichtbare Augenbalkenstoppel ausgemerzt und das Stielauge ermüdet und dann purzelt der Blick ein bisschen umeinander und jetzt stellst du dir nicht vor, was ich da entdeckt hab! Erst so: Jessas, da hat aber der neue Schal wieder eine Mordsfaser verloren, die du dir da ans Kinn geschmiert hast!, und dann plötzlich ist das aber überhaupts gar keine Wolle sondern hast du einfach spontan über Nacht sozusagen einen Rauschebart bekommen. Sofort natürlich Panik, Chlorbleiche, Flammenwerfer, Atemübung, weil beinahe wär man mit dem Mordsmakel aus dem Haus gegangen! Da fragt man sich auch schon, wie das eigentlich geht, so rein körperbiologisch. Weil da verbringst du täglich ja mehrere Stunden vor einem Spiegel mit allen ausleuchterischen Raffinessen, und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen hat sich ein schwarzes Haar zum Beispiel auch schön mittig auf dein Dekolletee hinaufexplodiert, und das winkt dir dann zu und sagt „Verleugne deine Gene nicht!“ und du sagst „Doch!“ und musst es ausreißen. Die meisten Menschen. Manche, hört man, kultivieren sowas dann und Haaröl und Streicheln und nennen es zärtlich „Mein Glückshaar!“ Aber so weit bin ich noch nicht. Ach schau, schon ist das Blatt voll. Dieses Sofa wurde geschrieben, während Frau W. vorsichtshalber noch akribisch die Nägel gefeilt hat. Herzlichen Dank und ein schönes Wochenende, Ihre gute Fee!
Freitag, 9. November 2018
Laubrächer
Unversehens werden die zuletzt bearbeiteten Themengebiete „Lüften“ und „Laubhaufen“ zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Denn ich tät gern seit Tagen einmal lüften, doch gelingt es mir nicht, ein geeignetes Zeitfenster dafür zu finden, werden doch vor dem gläsernen jenen welchen taugaus, tagein Laubhaufen gebildet. Ich hab das neulich auch gemacht, also mach ich eh immer schon herbstens, aber jetzt war’s halt wieder einmal so weit, da bin ich in die familieninterne Seniorenresidenz – Ausgedinge ist’s noch nicht, denn das würde ja bedeuten, die Alten machten Platz für die Jungen und beziehen artig die Garage anstatt sich saugnapfgleich im Hauptgehöft zu vergnügen – gereist und hab gemeinsam mit einem entfernten Verwandten mich angeschickt, die rituellen Grabungen zu tätigen, an deren Ende angeblich irgendwann einmal ein Rasen zum Vorschein kommen soll. Während ich das alles vorschriftsmäßig mit dem Rechen erledigt hab, wo man dann schon immer weiß, ja gut, morgen gibt’s dann einen sakrischen Halbseitenmuskelkater und in der Folge dann wahrscheinlich einmal wieder einen kleinen Bandscheibenprolaps, aber was tut man nicht alles zur Erfüllung des Generationenvertrages, hat der betriebswissenschaftlich ausgebildete und darob ökonomisch denkende Anverwandte befunden, dass müsse ja auch anders gehen, sich dann eines einst zum Zwecke des Grillbeschleunigens angeschafften Flammenwerfers entsonnen und erst einmal ausgiebig auf die Suche durch die gesamte Residenz gemacht. Als dann nach sagen wir wohlwollend geschätzt zwei Stunden das Arbeitsvereinfachungsgerät gefunden und einsatzbereit war, hat der Anverwandte feststellen müssen, dass jetzt in der Zwischenzeit also wirklich etwas saublödes passiert ist und nämlich aller Rasen von meiner blasenschlagenden Arbeiterhand schon vom Laub freigerecht worden. Er hat dann noch ein bisschen Unkraut verbrannt, weil bekanntlich so ein brennendes Löwenzahnblatt eh auch immer die Wurzel mit zerstört, das weiß man. Ich also fix und fertig, und nach einer Woche Erholung wollt ich mir das Werk nocheinmal anschauen, und jetzt stell dir vor: „Das kannst du nächstes Mal fei wieder selber machen!“, hab ich dem Residenzbewohner mitgeteilt. „Zwei Stunden Arbeit, und jetzt sieht wieder alles genau so aus wie vorher!“ Ich sag eh immer schon, es wär sehr viel praktischer, alles Grünzeug rauszureißen, schön Beton auszugießen, grüne Farbe kann man beimischen, und dann noch ein Gemäuer ringsrum und Dach drauf und vielleicht noch Waldtapete und schwupps ist immer alles schön reinlich. Jedenfalls ich so: Laubrechen. Die vor dem Fenster natürlich: Laubblasen. Nervt, eh klar. Jedoch Spezialsituation: Großes Innenhofgrün wird sich geteilt in ungefähr zehn Hausverwaltungen, und weil die alle so saugern laubblasen, bläst da nicht etwa einmal pro Woche einer alles sauber, sondern teilt man das Karree schön in faire Planquadrate, so dass jeden Tag ein anderer Bläser dran ist. Und somit haben wir die einmalige Spezialsituation erlangt, in der ich gern lüften tät aber nicht kann wegen der Mietsautorität.
Samstag, 3. November 2018
Frisches Lüft(ch)en
Ein sehr wichtiges Thema, das Mieter im Allgemeinen und Eigentümer im Speziellen jetzt wieder umtreibt, hat mich selbst grad angefallen, deswegen hochaktueller Anlass: Lüften. „Du kannst jetzt fei das nicht mehr so haben wie die letzten Monate“, hat eins geschlaumeiert und mir sämtliche gekippten Fenster fest verschlossen, wo ich doch grad munter Pantoffeln und Wolldecken an Besucher in Funktionsjacken verteilt hatte und beschieden, man müsse sich vielleicht gar nicht so anstellen von wegen Kälte, 17 Grad sei doch durchaus noch als Raumtemperatur definiert, und anstatt sich schlotternd in die Ecken zu kauern brauche man doch bittschön bloß gymnastische Übungen am Esstisch vollziehen oder halt wenigstens ein bisschen mehr Gestik beim Gespräch. Wurde ich dann leider überstimmt und stattdessen über die gängige Praxis des Stoßlüftens belehrt. Ich: fügsam. Man lernt ja dazu. Im Früher, da hab ich gern so gelüftet, dass auch immer ein Fenster gekippt war, dazu aber die darunter befindliche Heizung auf höchster Stufe, also eine vorzüglich angenehme Mischung, die aber leider eine Beinaheenterbung oder doch mindestens akribische Gegenrechnung Taschengeld vs. Energiekosten zur Folge hatte, als der Hausverwalter das einmal spitzgekriegt hat. Dann hab ich beleidigt lieber gar nicht mehr gelüftet, was sich in den folgenden Jahren im teenageresken im Mantra „Lieber erstunken als erfroren“ manifestiert hat. Dann später war das so, dass ich mir überhaupt gar nie Gedanken hab machen müssen übers Lüften, weil die Fenster quasi eine Lüftungsautomatik eingebaut gehabt haben, wo man auch gar nicht mehr sich hat aufhalten und anstrengen müssen zum Beispiel beim Kerzen auspusten, weil die hat man einfach kurz an den Fensterrahmen gehalten und schwupps – Kerze auspustet. Dann gab’s neue Fenster und mit denen eine Lüftungsbedienungsanleitung, an die ich mich zwar streng gehalten hab, durch die aber auch eine spontane Amnesie verursacht worden ist beim Vermieter, der plötzlich wusste, dass der ewige Badezimmerschimmel überhaupt gar nicht beim Einzug schon vor sich hin geschwärzelt hat, sondern selbstverständlich alles nur durch mein missliches Lüftungsverhalten ausgelöst worden ist. Also Streit und Chlorbleiche. Danach auch gleich wieder viel Lüften. Jetzt heut ist man ja saumäßig gereift und voller Lebenserfahrung, und deswegen hat man halt einfach keine Lust mehr auf Schimmel-Ex und hoppla wie ist es jetzt plötzlich so schwarz geworden, da an der Wand hinterm Bett. Und außerdem sieht man die Nebennutzen, weil: Eine schöne Durchluft bläst dir erst den Balkonboden sauber, dann alles einmal quer durch die Wohnung und unterm Kanapee durch und unter allen Regalen auch, dabei Umfangsvermehrung wie Lawine, und dann am Ende kanapeest du einfach ganz entspannt und saugst locker aus der einen Hand den Haushaltsbelohnungscocktail und in die andere den Unrat. Bei so viel schöner Situation kann man doch schon einmal vergessen, das Fenster wieder zu schließen, erlaube mal! Die Schlappen sind in der untersten Schublade rechts.
Freitag, 26. Oktober 2018
Staubschneisen
Bedeutsame Szenen der Filmgeschichte: Zauberer Schmendrick versucht, das letzte Einhorn zu retten. Auf seiner verzweifelten Suche gerät er in die missliche Lage, an einen Baum gefesselt zu werden, woraus er sich zu befreien versucht, indem er selbstverständlich Magie anwendet. Leider ist Schmendrick ein kleiner Tölpel, und so findet er sich anstatt in Freiheit unversehens im wogenden Dekolleté einer riesenhaften Baumdame wieder, die ihn herzt und anhimmelt und flötet „Ich liebe dich! Ich lieeeeeebe dich! Ich liebeliebelieeeeebe dich!“ Ganz ähnliche Szenen haben sich in den vergangenen Tagen bei mir zu Hause abgespielt, nur mit dem Unterschied, dass ich alles andere als unglücklich darüber war. Nein, ich habe mich hineingesuhlt in die Liebeswoge und das Gesicht versenkt im Busenglück und selbst ewige Treue geschworen und mich tausendfach entschuldigt für die schändliche Vernachlässigung. Meiner Couch. Der Erstkontakt war ein bisschen holprig weil als ich mich habe drauffallenlassen ist links und rechts von mir und überall um mich herum ein solchenes Staubgewölk aufgestiegen, dass ich dann erst einmal mit schwerem Gerät anrücken hab müssen und mir wenigstens eine kuschlige Schneise hineinmähen. Aus Gründen der allgemeinen Bequemlichkeit hab ich den wolkigen Mähabfall einfach direkt links und rechts von der Schneise belassen, halt ein bisschen so wie du jetzt draußen plötzlich überall die Laubberge entlang von Wegen aufgetürmt siehst, da sagst du ja auch „Mei schau wie schön!“ und springst lieber mit Anlauf ganz oben hinein in den Berg oder manchmal nimmst du ganz vielleicht ein bis drei Arme voll und verteilst sie wegen Laubkonfettieffekt wieder auf der Wiese, weil die ist eh nichts in so sauber, und dann vergisst du vielleicht schon einmal, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass das ein oder andere Hundstrümmerl miteingearbeitet ist in den Laubberg, weil da ist er für gewöhnlich nicht ganz so pingelig, der Laubzusammenrecher. Ob man das Kind auch auf Zecken untersucht hätte nach dem Laubbergbad, wollte die Tage so ein Strebervater wissen, und da hab ich milde gelächelt und gedacht, dass die Zecke vielleicht eher das geringste Übel ist, und dem Kind unauffällig einen kleinen dunklen Batz aus dem Mundwinkel gekratzt. Also jedenfalls thron ich da grad so in meiner verliebten Staubcouch, und jetzt stell dir vor: Springt nicht plötzlich der Fernseher auf meinen Schoß, wickelt sich um meinen Hals und im Schlepptau alle über die Monate hinweg angereicherten Zeitungen und Magazine und Bastelarbeiten, die haben sich auch erst einmal so wie ein Hund nach dem Schwimmen sauberschütteln müssen, und jetzt liegen wir also alle miteinander eng umschlungen herum, während auf dem Herd die Suppe köchelt, die aus dem reflex- bis zwanghaft erworbenen Kürbisdreierlei erstellt worden ist. Hier bleib ich. Und ihr?
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