Das Unwort des Jahres 2018 war „Anti-Abschiebe-Industrie“ und stammt wie so vieles, das einen an der Abschaffung der Lobotomie zweifeln lässt, aus dem Mund eines Politikers, der als kleines Kind vielleicht einmal in einen schwarzen Weißbiertopf gefallen ist. 2017 war es „Alternative Fakten“, was überraschenderweise seinen Ursprung nicht in Bayern hat, dafür aber in einem Land, von dem es neulich erst hieß „US-Army will künftig auf künstliche Intelligenz setzen“. Eine Entscheidung, wo man angesichts des obersten Befehlshabers nur sagen kann: gratuliere! Dann kommen „Volksverräter“, „Gutmensch“, „Lügenpresse“, „Sozialtourismus“, „Opfer-Abo“ und „Döner-Morde“, und so sehr ich auch weiter und weiter zurückgehe in den Jahren erscheint einfach nicht dasjenige Wort, von dem ich meine, es hat seinen Platz wirklich redlich verdient in dieser Liste: Verschleiß. Verschleiß ist mein persönliches Unwort. Wenn du hörst „Verschleiß“, dann weißt du: Jetzt ist alles zu spät. Aus Ende Äpfel. Totschlagargument. Die Sache ist kaputt, du kannst sie nicht wiederherstellen außer mit einem übermenschlichen Einsatz von Zeit und Geld und du kannst verdammtescheißenocheinmal niemanden dafür verantwortlich machen, niemanden anbrüllen, keinen Filialleiter heranzitieren, Meisterbriefe zerreißen oder mit wehenden Wutfahnen eine Firmenzentrale aufsuchen. Also ich mein: Kannst du schon, aber dann halt mildes Lächeln und Achselzucken und „Verschleiß.“ und schon fällst du Wutballon superschnell in dich zusammen und bleibst zurück als sehr unansehnlicher Haufen Schrumpel. Jetzt hab ich also grad Verschleißwochen. Andere haben Angebotswochen oder Gratiswochen oder Fitnesswochen oder Flitterwochen, ich hab Verschleißwochen. Das fing an mit so einem leichten vorweihnachtlichen Zwicken an der Rückseite, durch das man sich protestantisch hindurchgetapfert hat bis zu einem Vorfall mit Atemnot und Bewegungslosigkeit und dann Medizinalrat und Unwortsvortrag, bei dem ich oftmals so ein diffuses Zucken im Mittelfinger verspürt hab, da muss irgendwas auf einen Nerv gedrückt haben, und Spritzen und Krankengymnastik. So viel dazu, man ist nicht mehr 20 und Kummer gewohnt. Doch damit nicht genug. „Wenn du mich fragst“, hat noch am selben Tag eine zu größtem Mitleid verknitterte Miene zu mir gesprochen und es dabei geschafft, in die Grabesstimme Beerdigungsgeläut zu mischen, „schau, dass du das Ding loswirst.“ – „Aber es ist erst 15 Jahre alt, man wirft doch keine Kinder weg, nur weil sie ein bisschen Ärger machen!“ hab ich gerufen und wild Tränenrotz im Gesicht verschmiert. „Wenn sie 300 000 Kilometer auf dem Buckel haben, schon.“ Denn, so sprach man weiter in der Trauerrede zum Thema Wirtschaftlichkeit, Antriebsmanschette, Achsbruch und Lenkaufhängung: Verschleiß. Wenn ich da einmal kurz aus Versehen das Detoxen vergessen hätt, ich hätt’s mir nicht übelnehmen können. „Sozialverträgliches Frühableben“ war übrigens das Unwort 1998. Damit kann ich mich identifizieren. Immerhin.
Freitag, 15. Februar 2019
Freitag, 8. Februar 2019
Handtuch(re)anmination
Neues vom Pubertier! … Moment … Grad muss ich erst einmal geschwind ein bisschen in eine Papiertüte atmen, komm ich doch frisch aus der Höhle des Löwchens. Haha „frisch“. Frische ist das, was aus einem Kompostmülleimer herausduftet, wenn man zuletzt in der Kindeshöhle hat atmen müssen. Warum gehst jetzt du da hinein in das Zimmer, fragt ihr euch, und die ganz braven handlettern mit dem pädagogischen Zeigefinger das Wort „Privatsphäre“ in die Luft vor meinem Gesicht. Und da muss ich sagen, ich tät da nicht freiwillig hineingegangen sein, wenn ich nicht genau wüsste, dass bei der nächsten Eröffnung der Höhlentüre alle Pflanzen im Umkreis von 20 Metern den sofortigen Selbstmord begehen würden, mich eingeschlossen, und deswegen hab ich schnell hineinspurteln müssen und ein Fenster öffnen und wieder hinausspurteln. Aus dem tränenden Augenwinkel hab ich sehen dürfen, dass meine Annahme mit den Pflanzen gar nicht so verkehrt ist, denn während die Amaryllis im Wohnzimmer sich reckt und streckt und meterhohe Fröhlichkeit verkündet, versucht der Art- und Altersgenosse in der Raubtierhöhle sein Bestes, um ja nicht weiter hinauswachsen zu müssen aus dem Mulch, sondern kopfüber auf bessere Zeiten zu warten. Viel Erfolg, sag ich da, und muss beichten, dass ich doch noch einen Handgriff hab erledigen müssen. Denn mitten unter allem, was eine 15-… „FAST 16, EY!“ … pardon, Fastsechzehnjährige so braucht, hab ich ohne genauer hinschauen zu wollen ein schwaches Zucken wahrgenommen. Nanu, denkst du, welche Pausenbrotdose hat denn hier ein Eigenleben entwickelt, und dann hör ichs wimmern: „Hilfe …“ ganz unten unterm Haufen hervor „… hilfe, so hilf mir doch einer!“ Hab ich geschaut und alsgleich erkannt: Hier muss gerettet werden, und mich heldenmütig gleich dem veterinärmedizinischen Landarzt bis zur Schulter mit dem Arm in den Haufen hineingebohrt. Ja, das war auch für mich nicht schön, doch der Einsatz hat sich gelohnt. Denn zu fassen bekommen hab ich einen kleinen grauen Zipfel, der ist dann immer größer geworden und hat sich mir glücklich ans Bein geworfen. Weil das war dann vermutlich so, dass Mademoiselle nach der Körperpflege irgendeinen Denkvorgang ähnlich kompliziert wie der Zitronensäurezyklus vollzogen hat, an dessen Ende stand, dass so ein patschendnasses Handtuch am besten trocknet und lange frisch bleibt, wenn man es kompakt zusammenknüllt und unter meterhoher Textilschicht verbirgt. Ich bin da eher altmodisch und hab darum das Handtuch über einen Stuhl gehängt. Und eine Erkenntnis erlitten: Ich bin meine Mutter. Am liebsten nämlich hätt ich das Handtuch schön aufs Bett ihrer Ladyschaft geschmissen, auf dass es dort ein klammes Klima erzeuge, um ansonsten sämtliche anderen Handtücher in einem Tresor zu verschließen und den zu vergraben, damit das Pubertier so lange im schimmelnden Gatschhandtuch verbleiben muss, bis sich ein Erleuchtungs- und Lerneffekt einstellt. Nicht dass meine Mutter sowas je gemacht hätte. Aber gedacht, bin ich mir sicher, hat sie sich das ziemlich oft. Raus! Unnützes Wissen zum Wochenende: Die Gemeine Stinkmorchel trägt den Namen „Phallus impudicus“; das bedeutet: unzüchtiger Penis.
Freitag, 1. Februar 2019
Detox
Hallo I bims, die Wasmeierin! Ja, so seh ich also aus. Es tut mir leid, sollten Wahn- oder Wunschvorstellungen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, hiermit zerstört sein, aber es war an der Zeit. „Willst du das wirklich machen?“, haben Chefredaktion, Feuilleton und Kantinenmitarbeiter insistiert und wohlfeil besorgte Warnungen angeboten: Der eh schon so belastende Starrummel, jetzt ist dann auch bald wieder vorbei mit Tarnmützenzeit, dauernd diese Nachfragen, erklären soll ich immer was, und dann hat’s doch auch so schon gegeben dass ich lieber mein Klingelschild hätt abschrauben wollen aus Selbstschutzgründen … Ich war ein bisschen gerührt, aber hab abgewinkt, denn ich folge einer höheren Mission! Liebe Mama, lieber Papa, liebe alle, die mich seit Wochen nicht mehr gesehen haben: Hier bin ich! Schneidet das Bildchen aus und tragt es nah am Herzen und wisset: Es wird bald alles wieder gut. Denn der Hintergrund ist der, dass ich seit einigen Wochen an einem wissenschaftlichen Experiment teilnehme. Thema der Untersuchung ist „Wie verändert sich die Psyche eines Menschen, wenn er allem Freudgebenden entsagt und nur noch nach dem Prinzip der höchsten gesundheitlichen Vernunft lebt?“, kurz: Detox. Teilnehmer der Studie ist neben mir noch exakt eine weitere Person, namentlich mein bester Freund, und das ist meine Rettung, denn könnte ich mich mit ihm nicht über die schrecklichen Qualen austauschen und im Leid überbieten, das wir gemeinsam seit Wochen durchleben, ich säße längst in einer Kellerecke und würde mich sanft von Spinnweben umhüllt selbst im Arm wiegen. Meine Familie derweil so: „Mensch, wir wollten seit Monaten mal wieder alle gemeinsam richtig opulent essen gehen, lasst und das doch unbedingt genau jetzt machen, wo du die schlimmsten Entbehrungswochen deines Lebens durchläufst!“ – „Viel Spaß, ich kann nicht.“ – „Wieso, beim Luxuschinesen gibt’s doch auch Huhn und Gemüse?“ – „Ja, aber nicht in ungesalzenen 100-Gramm-Portionen.“ – „Hm. Dann setz dich doch einfach so dazu, is‘ doch schön! Und gut für den Charakter.“ – „…“ Oder kurz und verständnisvoll: „Wie lang dauertn jetzt dein Schmarrn noch?“ Weil ich so viel Unterstützung emotional nicht gut verarbeiten kann und es außerdem erstaunlich ist, wie sehr eine Stadt nach verbotenen Speisen duften kann, habe ich mich komplett zurückgezogen, denn selbst ein harmloser Kinobesuch wird zur Folter, wenn man akkurat den Film erwischt, der neben der Burgerbraterei gezeigt wird, die auch noch ihre Betischung zur Feier meiner Anwesenheit spontan bis kurz vor die Leinwand ausgebaut hat. Nur die Lebensmittelmärkte der Umgebung kennen mich, und so wie sie zu Beginn Anstoß an mir genommen haben, so errege ich dort mittlerweile längst kein Aufsehen mehr, wenn ich dort grau, eingefallen und gebrochen die Gänge auf und ab schleiche, mein Gesicht zwischen die Salatköpfe schmiege wie in den Mutterbusen, stundenlang an Rezeptbüchern lecke und so lang abwechselnd am Bad Reichenhaller und den Zwiebeln rieche, bis mir die Tränen kommen und ich das Salz aus ihnen lecken kann … Geht ihr mal feiern, ich geh weinen. Wobei, so ein bisschen Schweiß …?
Freitag, 25. Januar 2019
Höhlentier
Ich hab mir jetzt eine Höhle gebaut. Darin ist es sehr schön. Es gibt Kissen und Decken und noch mehr Kissen, große und kleine Kissen und solche zum wo man ein bisschen draufboxen kann und dann plustern die sich so auf und wenn man den Kopf hineinlegt hat man eine Kissenmütze auf, oder ein bisschen so wie ein Liegeohrensessel, und eine Decke mit Ärmeln. Hier kann man super herumliegen. Tagsüber ist es ein bisschen heller in der Höhle, da kann man dann Bilderbücher anschauen und manchmal auch welche mit Wörtern drin, aber das ist sehr anstrengend, und man kann sehr gut Mandalas ausmalen mit sehr dicken Buntstiften und Wachsmalkreiden, das geht dann zwar nicht superakkurat aber man muss dafür nicht so oft spitzern, und andere Sachen, die im Malbuch drin sind. Oder man kann auch einfach einmal nur so schauen und dann vielleicht zählt man mal zur Abwechslung diese kleinen Stoffpopel, die so eine Decke manchmal macht. Um mich herum gibt es Stapel mit Körnern und Nüssen und manchmal tropft ein bisschen Wasser von oben, das reicht dann schon, aber wenn ich genug Tropfen gesammelt habe, muss ich mich erst einmal wieder ausruhen, denn das Höhlenleben ist sehr anstrengend. Wenn es dann dunkel ist, schau ich noch ein bisschen Bilder an, aber nur so lange, bis das Streichholz fast den Finger verbrennt, man muss da aufpassen mit dem Feuer, getrocknete Früchte und Erdnussschalen überall, nicht dass da mal eine Explosion passiert. Dann kann ich mich wieder in die Kissenmütze legen und meinen Kassettenrekorder anmachen, weil da hab ich noch eine alte Michlkassette drin und Pumuckl und Dreifragezeichen hab ich auch gefunden, aber das ist nicht gut vor dem Schlafengehen, wegen so aufregend, und Aufregung passt nicht sehr gut in so ein schönes Höhlenleben … „Wann genau“, ist mir plötzlich, als ich mich grad vom linken aufs rechte Ohr gedreht hab, eine Küchenrollenrolle ans selbige gehalten worden, denn ich habe ja verfügt, dass die Höhle nicht betreten und nicht verlassen werden darf damit es schön warm bleibt darin, und schon die Frau Lateinlehrerin früher hat immer gesagt „Lieber derstunken als derfroren“, also „Wann genau“, hat es mir also ins Ohr getrompetet, „hast du eigentlich vor, unter dem Wohnzimmertisch wieder rauszukommen? Ich wart jetzt seit heut Morgen darauf, staubsaugen zu können, und hab eigentlich schon auch noch was anderes vorgehabt! Und die Arbeit hat auch schon angerufen und gefragt, wo du bleibst!“ hat der Mitbewohner sich beschwert, um sogleich den Föhn unter meiner Höhlenwand hindurchzuschieben, was erst schön war wegen warm und die Erdnussschalen waren dann auch auf einmal kein so großes Unbequemlichkeitsproblem mehr, sich dann aber zügig als methodisches Ausräuchern herausgestellt hat. Hab ich meine Höhle also verlassen und statt der angestrebten acht Wochen nur zwei Stunden Winterschlaf gehalten. Man hat’s nicht leicht. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt der erste Jeck daher … Tröööt.
Freitag, 18. Januar 2019
Schneeengeln
Dass der Winter nicht zeigen würde, wie der Schneehase läuft, kann man ihm dieser Tage wirklich nicht nachsagen. Der Süden verwandelt sich in eine unersprießliche Mischung aus Pompeij und Atlantis, während im Norden der Bürger nur noch mit kleinen Eispickelchen bewaffnet das Haus verlässt, um kleine Löcher in Benzintank und To-Go-Kaffee zu meißeln und noch ein bisschen teilhaben zu können am Leben. Man ächzt, stöhnt und ist gefährdet, Hilfstruppen werden rohrpostgleich durchs Königreich entsandt, Spendengelder generiert, das Erste macht mehr Brennpunkt als Tagesschau. Wenn der Alex noch durchs Weltall flitzen würde, dann könnt er jetzt mit einer Wärmebildkamera schöne Sachen machen überm GottmitdirduLandderBayern, nämlich hat es endlich seinen wahren Urzustand erreicht und strahlt in schönstem Königeisblau umeinander. Er tät aber noch etwas entdecken, unser Häwelmann, nämlich innenmittendrin im Blau einen Hitzefleck in schönstem mittelfränkischen Feuerrot. Denn wie immer ist die Insel der Glückseligen von der gewaltigen Gewalt der Witter- und Wetterung weitestgehend verschont, lächelt Unwetterwarnungen und Schneestürme nonchalant ins Reich des Gossip und feilt weiter an der Petition, Biergärten verpflichtend ganzjährig zu öffnen. Um so größer die Aufregung vergangene Woche. „Mei, wie sie sich freut, dass es schneit!“ hat’s unablässig neben mir gehämt, was einen nicht weiter wundern muss, wenn man hört, dass der Hämer dem allerschlimmsten bayerisch‘ Sibirien entstammt und da die Kinder noch mit einem Fell das trübe Licht der Welt erblicken und zur Einkindergartung Rentiergeweihe bekommen, aus denen sie sich gemeinsam singend Schlittschuhkufen drechseln, um der Unbill des ewigen Winters zu trotzen. Ich hingegen: sofortige innere Dauerschleife Zukowski, Schnee, gepudert, hinaus, rodeln, alle, und so hab ich mit dem größten Vergnügen wie ein Eisbärjunges im Pulverweiß getobt und die Reise einmal um die Altstadt per pedes nicht nur zu gern, sondern direkt zweimal auf mich genommen, obwohl diese sich als nicht nur beschwerlich sondern sogar ausgesprochen gefährlich herausgestellt hat, weil der SÖR womöglich noch beschäftigt ist mit Silvesterkracherräumen, was eigentlich schad ist, könnten doch die unzähligen Glassplitter auf allen Gehwegen das Streugut vorzüglich ersetzen. Es macht auch beim Hinfallen fast keinen Unterschied. Aber gut, der Spuk ist eh vorbei, hat der Winter einmal kurz die Orientierung verloren, in die Sonnenstadt hineinflatuliert, quasi Erleichterung im Nebenzimmer, man kennt das, und sich wieder der Hauptaufgabe zugewandt. Mir soll’s recht sein, ich hab alles erledigt: schneegeengelt auf der Verkehrsinsel, Stiefelspuren auf der unbefleckten Hundewiese bestaunt, Frisur ruiniert mit Flockenflatschen, mehrfach Beinahegenickbrüche erlitten und elegante Eiskunstlauffiguren vor Publikum vollführt sowie, das allerwichtigste, entlang und dank der Stadtmauer zentnerschwere Schneeteppichkugeln gerollt. Winter ade, scheiden tut weh! Aber ich hab Stärke, deswegen bin ich bereit. En garde!
... Ja, ich weiß, dass der Winter grad erst angefangen hat. Lasst mich in Ruhe!
Freitag, 11. Januar 2019
Mützenshaming
Man geht ja grad vergleichsweise gern schlafen, und da kann man gern einmal vorher ein bisschen Radio hören, wegen Beruhigung. Sehr gut eignet sich da Radio Mikro, das ist sozusagen der Sandmann für Bildungsbürgerkinder im Bayern2, und da liegt man dann sehr schläfrig spätabends um 18.30 Uhr umeinander und bildet eine gewisse Fäule aus und sich dabei aber weiter. Neulich über das Forscherleben am Südpol, das war schön, keine Eisbären weil Pinguine und aus Abwasser kann man frisches machen, und dann hat der Südpolforschermann gesagt, er wünscht sich eine Mütze, weil auf der Polarstation haben alle die gleiche Mütze und da käme man manchmal ein wenig durcheinander, weil alle rote Kopfverhüllung. Der hat Sorgen, hab ich mir gedacht. Ich hingegen, ich hab ja immer gesagt, Mütze geht nicht, weil erstens sofortige Verwechslungsgefahr mit Michl aus Lönneberga beim Aufsetzen und nachher beim Absetzen mit altem Wischmopp. Und dann gibt’s ja da Leut, die kennen gar nichts! Ich mein, erwachsene Frauen mit so einem Bommel auf dem Schädel, wo man sich fragt, ob der eigentlich größer ist als die darunter verborgene Denkstruktur oder da in Wahrheit eine kleine Brotzeit drin verpackt ist. Oder andere, wo du denkst, da muss man es vielleicht mit der Liebe und Sehnsucht nach Lappland auch nicht übertreiben, nur weil’s jetzt grad einmal nur noch fünfzehn Grad hier hat. Oder diese Kerle, denen du pfeilgrad ansiehst, dass der mit der Wollumhüllung auch nur versucht, von der frühzeitigen Alopezie abzulenken, und dann hörst du da Geschichten von Frauen und morgendlichen Überraschungen, hör mir auf! Von den saulustigen Rentiergeweihblinkbaummützen, die da grad am Abend wieder in der Innenstadt umeinanderbegeistert haben, gar nicht zu sprechen. Ich also immer ohne. Warum? Weil ich’s kann, und überhaupt Beauty first, Safety second! Gesundheit auch. Bisher. Weil jetzt stellt sich da anscheinend eine schwierige Situation im Stirn- und vor allem auch Ohrensegment ein, wo man sagt: Drei Stunden Ohrenschmerz und abends immer mit der Wärmflasche auf den Kopf gebunden, ist es das wirklich wert? Und nach vielen Stunden innerer Einkehr und Zwiegespräch hab ich mir gedacht, das ist es eigentlich nicht. In der Folge hab ich mir fünf Mützen und acht Stirnbänder gekauft, immer erst so „Jetzt stell dich nicht so an!“ und dann zum würdelosen Brezngesicht im Spiegel: „So geh ich keinesfalls aus dem Haus!!“ Krise. Jetzt hat aber eine Freundin einen guten Vorschlag entwickelt, nämlich dass man die Frisurenproblematik vielleicht lösen könnte, wenn man unter die Mütze so eine Art Reifrockgestell basteln würde. Das sieht dann vielleicht nur ein bisschen aus wie Rastafari, hätte aber den irren Vorteil, dass die sorgsam ondulierte Frisur darunter nicht zu einem erbärmlichen Gatsch gepresst würde. Oder ich mützl was Blaues drüber und dann sag ich einfach immer, ich bin Marge Simpson und auf dem Weg zu einer geheimen Spezialfaschingsfeier. Und der Vorwurf, man tät mich nicht mehr erkennen, wenn ich eine Mütze aufhab, weil dann der weißhaarige Orientierungspunkt fehlt, der güldet dann auch nicht mehr! Man könnt auch vielleicht statt des Bommels einen Meisenknödel dranheften an die Mütze und dann hoffen, dass so arg viele Vögel kommen, dass die einen über die mordsgefährliche Winterlandschaft, wegen der man sich jetzt so viel aufregen muss, einfach hinforttragen. Oder halt einfach weil Vögel und Tierliebe und so.
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Freitag, 4. Januar 2019
Zorbing gegen Grippe
Ihr Lieben, nachdem ich soeben aus einer weiteren Einheit komatösen Tiefschlafs erwacht bin und einmal forsch davon ausgehe, dass wir immer noch das Jahr 2019 schreiben, komm ich endlich dazu, euch ein erquickliches solches zu wünschen und es auch so meinen zu können, deswegen auch gleich noch nachträglich frohe Weihnachten und Halleluja sowieso. Weil es war ja nämlich so dass ich als braver Bestandteil der bruttoinlandsproduzierenden Bevölkerung mich grad so über die Ziellinie getapfert hab und aber auf dieser zusammengebrochen und einer mittelschlimmen Malaise anheimgefallen bin. Weihnachtskrippe darum mit Weihnachtsgrippe, und wie das Jesulein hätt ich mich auch gern auf ein Stroh gebettet und in Frieden geruht, doch wie schon dem Messias war die Einsamkeit auch mir nicht vergönnt und sind stattdessen aufgeregte Männer mit Bart umeinandergerannt und haben einen Duft von Crémant, Blaukraut und Eau de Cologne verströmt, immerhin auch Geschenke dargebracht und zugeschaut dass mein Kreislauf in Schwung bleibt. Zugegebenermaßen hat’s immerhin keine Rindviecher gegeben, aber wo die abgeblieben sind hab ich dann jetzt auch entdeckt, nämlich eh schon am ungefähr Sonntag- bis Mittwochabend bei der großen Taschengeldverbrennung allgemein und in spezial haben nicht solchene Rindviecher bei mir vor der Haustür die Gullideckel gesprengt, wo du nur sagen kannst: Hoffentlich ist auch ein bisschen was von der Hand mit herumgeflogen. Naja, also jedenfalls vorher noch, während ich das übliche Spiel aus „Komm mir bloß nicht zu nah mit deiner Pest!“-Geschrei und mildem „Soll ich dir das noch einmal erklären, wie das geht mit dem Immunsystem und dem kaltfußigen Umeinanderstehen am Hauptmarkt und der Erkältung“-Lächeln meinerseits vollzogen, da hat sich heimlich hintenrum noch ein anderer Spezl mit auf die Silvesterpartygästeliste hineinsigniert. Nämlich hat der Herr Noro sich angekündigt und seine, wie soll ich’s sagen, sprudelnd gute Laune. Und jetzt muss ich zugeben: Da bin ich dann auch nicht mehr ganz so tolerant was Ansteckungsgefahr angeht, und so hat man dann bei der allerersten peristaltischen Intestinalbewegung sofort Ungemach ge…naja: wittert und den Doktor Google nach Übertragungswegen und Inkubationszeiten befragt. Nach der intensiven Wissenserweiterung über Tröpfcheninfektion, Händewaschen & Co. kam man zu dem Ergebnis, dass es nur eine einzige Möglichkeit gibt, sich zu schützen, und die lautet natürlich: Zorbing! Während der Forschungsteilnehmer also schon dabei war, für alle Personen im näheren und weiteren Umfeld selbstaufblasende Ganzkörperplastikbälle zu erwerben, um in den kommenden Wochen derart formschön gewandet durch die Stadt zu rollen, sich statt eines Händedrucks freundlich anzurempeln und dann dabei zuzuschauen, wie der Gegrüßte mit einem Mordseffet den nächsten Hügel hinabbollert, was die Folgekommunikation mit peinlichem Smalltalk empfindlich gestört hätte, hab ich spielverderbend einen Einwand erheben und darauf hinweisen müssen, dass man vielleicht lieber ersteinmal zwengs des Bauchgrimmens mit der Festtagsernährung ins Gericht gehen könnt. Im Ergebnis hat er dann Zorbing-Bälle und Magenbitter bestellt, damit man beim Stärke-Antrinken nicht so friert. Bis dahin ist aber überall eine schöne Schwäche. Gsunds Neues miteinander!
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