Freitag, 26. Juli 2019

Brandschutzbeauftragte

Diese Woche war ich auf einem Fest eingeladen. So ein richtiges Fest, nix mit Facebook und so, sondern schön auf Papier und in persönlich. Da hab ich mich gefreut und war auch ein bisschen aufgeregt, weil mit neuen Sachen ist man immer ein bisschen aufgeregt weil weiß man nie genau wie’s ausschaut auf dem Tanzparkett und wie viele Fettnäpfe so für mich herumstehen. Mutig bin ich aber hingefahren und dann gab’s Tür und Begrüßung und Gästeliste, und ich sag „Servusgrüßgotthallo, ich bin die Katharina Wasmeier v…“ – „UM GOTTES WILLEN!“, hat man mich da angeschrien, „BEDECKEN SIE SICH!“ Jetzt musst man sagen, dass ich schon eine gewisse Unsicherheit wegen der Klamottenfrage gehabt hab daheim: Es hat 40 Grad im Schatten, aber spätestens seitdem ich vor sehr, sehr vielen Jahren einmal in der legeren Surferklamotte morgens ins Büro gekommen bin und dort von feingewandeten Kollegen seltsam angeschaut worden bis sich eins erbarmt und mir verraten hat, dass der allergrößte Oberchef im Haus und darob der Casual Friday per Mail als „Business as usual (zwingerzwinker)“ ausgelobt worden ist, bin ich da ein bisschen also ich möchte nicht sagen: übervorsichtig, aber ja, doch: panisch. Aber ausschauen wie direkt aus ganz unten U3-Geschoss Bank- oder Bibliotheksverwaltung willst du auch nicht, also eine Mischung versucht und toitoitoi, werden sie dir schon nicht gleich den Zutritt verweigern. Entsprechend hab ich doch vielleicht ein bisschen erschrocken geschaut bei der Begrüßung, weswegen dann geflissentlich Information nachgereicht wurde: „Sie sind ja krebsrot.“ Da bin ich fastbeinahe kurz ein bisschen spontan eingeschlafen, denn es folgte altbekannte Rede: Waren Sie in der Sonne? (Nein, ich hab von Natur aus roten V-Ausschnitt und hinten ein Schleiferl, die rote Nase kommt vom – na Sie wissen schon) Haben Sie sich nicht eingeschmiert? (Nein, in meiner Familie haben wir eine interne Wette wer zuerst Hautkrebs bekommt, der bekommt das Elternhaus. Zur Entschädigung.) Haben Sie sich geaftersunt? (Ja, aber das haben die vier Millionen Fliegen, die ich auf dem Weg hierher mit meinem Körper eingesammelt habe, gierig abgeküsst. Den Rest schmier ich OB und Chefs beim Hallo ans Revers). Kurz bevor die Empfangsfrau mir einen Security an, nein: um den Hals hat werfen können, und ich hätt nicht mit Gewissheit sagen können, ob zu meinem Schutz vor Abendsonne oder Schutz der Gäste vor Anblick des entstellten Leibs, hab ich mich einem Sektglas untergehakt und in Sicherheit vor Übergriff bringen können. Dacht ich, weil auch das Fest selbst hat nur so gestrahlt vor Besorgnis und wohlmeinenden Ratschlägen und noch nie zuvor gehörten Tipps und statt einfach einem „Hallo“ sagen Menschen „Ich hab fei Sonnencreme dabei.“ Nur eine Dame sprach: „Wow bist du braun, warum bistn du so braun? Kommst du aus dem Urlaub??“ Dafür hab ich sie geliebt und tu es immer noch. Dass die Dame selbst mit Alabasterhaut und Elfenbeinteint gesegnet ist, spricht wenn überhaupt nur für sie. Wer mich also am Wochenende finden will, der sucht einfach nach etwas, das wie Pommes Schranke aussieht und tanzt. The Rest is Silence.

Freitag, 19. Juli 2019

Sommerkämpfe

Gerade beim Schreiben dieser Zeilen schwirrt mir ein Getier um den Kopf. Es ist groß und laut und vor allem deutlich sichtbar, nicht zuletzt dank gestreifter Signalfarbe, und deswegen kann ich es gut leiden. Exakt jetzt genau ist es verstummt, was ich schon gleich viel weniger gut leiden kann, bedeutet das doch eine mutmaßliche Rast, die bei Tieren dieser Sorte gerne einmal eine große Gefahr des Drauflatschens und Bestrafung des (haha) Ver-Gehens mit schlimmem Schmerz birgt. Nach einer sofortig eingelegten Expeditionsrunde hab ich das Tier entdeckt. Es rastet auf einem Holz, leider jedoch nicht auf einem solchen, wo man sagt: Da haut man jetzt halt einmal kurz aus Versehen mit einem Diercke Weltatlas drauf, und schon ist die Gefahr gebannt, sondern eher so eine Art Holz, wo man hernach wegen Dominoeffekt sehr lang den Raum neu dekorieren müsst, quasi eher unverhältnismäßig. Den Raum verlassen, verriegeln und warten, bis es stirbt oder gar von allein wieder hinausfindet, ist auch keine Option, denn man weiß ja: Störendes Getier findet prinzipiell immer sehr vorzüglich in eine Wohnung hinein, niemals jedoch aus dieser wieder hinaus. Nach dem selben Prinzip ist gestern ein Gschmeiß verfahren, dass sich von morgens bis abends mit dem Rücken und ungläubiger Verzweiflung ans Fensterglas geworfen hat, ganz so wie bei der Marlen Haushofer ihrem Buch, wo ja auch plötzlich eine mordsunsichtbare Mordsscheibe umeinandersteht in der Welt. Und ich muss schon sagen, ich hab dermaßen gut Fenster geputzt, dass ich selber öfter einmal aus Versehen ein bisschen den Kopf zu weit aus der vermeintlich offenen Luke streck. Jetzt sind das alles so Tagsüberepisoden, wo man mit einer Mischung aus Nachsicht, Genervtheit und wissenschaftlichem Interesse relativ entspannt beiwohnen, womöglich (wie soeben geschehen) mit einem der hier zahlreich herumliegenden Festivalbierbecher einmal beherzt durch die Luft fischen und dann das Tier vom Balkon werfen kann. Und dann gibt es aber noch diese anderen Situationen. Die finden vorzugsweise nachts statt. Da hast du grade abgeschaltet, erst das Licht und dann den Geist, und im letzten Moment grad bevor du bewusstlos wirst donnert ein Hubschrauber auf dich zu. Geradewegs reißts dich vom Halbschlaf in den Sitz, ein Licht wird eilig entzündet, doch so sehr du auch schaust und mit dem Suchscheinwerfer forschst, es ist einfach nichts zu sehen, es ist, als hätte der Hubschrauber einen Tarnumhang, der durch Nachttischlampe aktiviert wird. Irgendwann erkennst du dann, dass das mikroskopisch kleine Staubkörndl, das im Augenwinkel umeinanderstiebt, die Ursache für das Horrordröhnen ist, und es folgen unwürdige Szene aus Lauern und Jagen, in denen man sich ein Chamäleon am Stecken wünscht, um damit durch die Luft zu wedeln. Leider hat man nur eine Klatsche. Ja, auch in der Hand, und so sinkt man schweißgebadet auf die Schlafstatt, propft sich Wachs in die Ohren und reckt einen Arm empor – nicht in Siegerpose, sondern als Zeichen des demütigen Antritts zur Blutspende. Sollte ich die Anämie überleben, bau ich mir am Wochenende Gitter vor die Fenster. Ob man selbst dann ein- oder alle Unbill ausgesperrt wird, ist ja immer Ansichtssache.

Freitag, 12. Juli 2019

Speicherkapazitäten

„Meine Hände“, wurden mir Anfang der Woche zehn Patschefingerchen ins Gesicht gehalten, „sehen aus wie die von einer alten Frau!“ Ich, milde: „Ja genau: wie meine halt auch“, und reckte die zwei Runzeln ins Gegenübergesicht. „Das könnte vielleicht einfach daran liegen, dass diese Hände grade wieder wie Hände aussehen und nicht mehr wie aufgeplatzte Weißwürste, hm?“ Das Gegenüber, die Demarkationslinie der 30er grade mal so am fernen Horizont vermutend, blickte betrübt, jedoch auch einsichtig drein. „Genau so wie Füße“, hab ich darum geholfen. „Die hab ich gestern angeschaut auf der Couch und gesagt hallo, hab ich gesagt, da seid ihr ja wieder, ihr Zehen und Sehnen!“ – „Ja genau“, hat sich das aufgehellte Frohgesicht gefreut, „und man hat nicht mehr einfach nur so einen Klumpen, wo vorne fünf Wienerle rausschauen!“ – „Pumuckl-Füße“, hab ich referiert, „ich sag immer: Pumuckl-Füße, weil der hat das auch so, völlig ohne eine Kontur und aber schön prall und patschig!“ Wir haben uns dann noch ein bisschen ausgetauscht über Melonenknie im Speziellen und Aufgedunsenheit im Allgemeinen, warum Nicht-Trinken wenig hilfreich ist, wohl aber Venen-Aktiv und Rosskastanienbalm und warum „Füße hochlegen im Büro“ hierzulande eigentlich als faule Untätigkeit so verpönt, doch aber eigentlich eine medizinische Notwendigkeit ist. Weil man muss schon sagen, bei aller Freude über Sommer und Draußen und Ole, es geht die Hitze mit einem gewissermaßen beschleunigten körperlichen Verschleiß einher, dass muss man schon auch einmal so festhalten. Große Abnutzung an sprichwörtlich allen Ecken und Enden, weswegen nicht nur der Verstand (Stichwort „Spaßverpassungsangst“), sondern auch der Leib sich grad erleichtert seufzend in die Sommerpause sinken lässt. (Notiz: Unterschiedliche Bedeutungen von „Sommerpause“ ergründen. Hierzu Fußballspieler befragen. Und -schauer.) Allem voran kann der Körper nämlich nun wieder aufhören, zu versuchen, eine Sukkulente zu sein. Oder ein Kamel, ich weiß es nicht. Jedenfalls irgendetwas, das mit aller Kraft jeden Tropfen Wasser speichert weil es könnte sein dass es lange keins mehr gibt und für die Notzeit muss man also ausgerüstet sein. Dass der Menschenkörper nun halt zwar über viel Fleischiges, leider aber keine Blätter verfügt und Höcker auf dem Rücken, da ist jetzt die Evolution leider nicht so schnell wie dieses „Klimawandel“, das sieht er halt nicht ein. Also wohin mit der Reserve? Genau, hinein in die Extremität, deren Name direkt dann auch noch eine ganz andere Bedeutung erfährt. Wegen „extrem“, gell, verstehter schon. Und es bringt auch noch andere praktische Aspekte mit sich, weil wenn so ein Ehering tief im Fingerballon verschwindet, dann beispielsweise messereist es dich doch gleich viel angenehmer durch so eine Sommernacht, oder wenn du sagst: Mei, die Sandalen, da hätt ich mir vielleicht eine andere Farbe gewünscht zu dem Gewand – schwupps versenken sich die Riemchen im Wolkenfuß und alle Sorgen sind gelöst. Naja. Oder man zieht halt Turnschuhe an. Da passt man jetzt auch wieder rein.

Freitag, 5. Juli 2019

Heiße Nächte in Nürnbergo

Heiße Nächte, heiße Nächte in Nürnbergo, ohoooho …! Zum Weinen anfangen hat hoffentlich keiner müssen, aber jetzt formulieren wir’s einmal vorsichtig: Wir waren alle schon einmal ausgeschlafener und fitter, gell? Wobei man freilich zugestehen muss, dass dank dieses Gewitters, von dem das Fernsehen berichtet hat, es schon ein bisschen kühler, man möchte fast sagen: kälter geworden ist und die Idee an eine Bewegung draußen nicht mehr gar so absurd erscheint wie noch vor einer Woche, wo ich einmal abends frivol in den Park ein sehr schönes, sehr unbenutztes Speedminton mitgebracht hab und anstatt dass man mir applaudiert für Sitzen statt Schwitzen ... Nein. Schwitzen im Sitzen. Nein auch nicht. Sitzen beim Schwit… Schwitzen statt Sitzen, jetzt hab ich’s! Also anstatt Applaus gab’s Schmäh und Buh und Geisteszustandsinzweifelziehung noch bevor auch nur ein freundliches Wort des Grußes geäußert worden war. Ich hab mich dann ein paar Meter weiter weg zu anderen Menschen auf die Decke geworfen. 
Und das hätt ich wohl mal lieber besser bleiben lassen, weil wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo nicht geregnet wird, da fällt allerlei Gewächs, und zusammen mit der Schwitzerei, wo du wirklich dann nicht mehr weißt, wo das eigentlich alles herkommen kann und wieso dir jetzt einfach nur im Stehen ein Rinnsal aus der Armbeuge läuft, zusammen damit jedenfalls gibt das eine feine Melange auf der Haut wo du sagst: Ja mei, so ungefähr macht der Elefant das und das Nashorn auch, immer schön drauf mit dem Dreck und schon hab ich einen prima Sonnenschutz. Es ist halt jetzt gesellschaftlich nur leider wenig anerkannt, dass du herumläufst bei dem Wetter wie frisch paniert. Das versteh ich nicht, weil anscheinend ist es sehr wohl anerkannt, dass du aus ich weiß nicht Gründen des Umweltschutz oder auch der Ersparnis oder wegen der sensiblen Haut auf ein Deo lieber mal verzichtest. Gesamtexistenziell betrachtet schwer erschöpft lässt du dich abends hineinfallen in dein Nest. 
Der Leib verlangt nach Schlaf, nicht jedoch danach, von irgendwas berührt zu werden, nicht einmal von sich selbst, also balancierst du freischwebend auf den Pobacken im Bett, bis der Bauchmuskel reißt. Von diesen fünf Sekunden großer Anstrengung an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, versuchst du dich im Chakrasana – beim Bundesjugendspiel im Turnen hieß das „Brücke“, sagt man aber heut nicht mehr so – und stemmst dich mit Händen und Füßen empor, doch diese Haltung führt zu Blutstau im Kopf und großem Schwindel. Du resignierst. Liegst so da und wartest auf des Todes Bruder, dämmerst leise fort un … „DU GLAUBST DOCH NICHT IM ERNST DASS WIR SO AUCH NUR EINE SEKUNDE LANG SCHLAFEN DÜRFEN??“ wirst du plötzlich angeschrienen und es wedelt dein innerer Neandertaler mit dem Speer und fuchtelt Kriegsfiguren gegen Säbelzahntiger in die Luft. Seufzend nimmst du einen winzigen Lakenzipfel und legst ihn die sanft auf die Hüfte. Ruhe kehrt ein. Endlich. Bissssss … 

Freitag, 28. Juni 2019

Brandgefahr

Letzte Woche hab ich doch erzählt von dieser Stimme, die mich als Depp beschimpft und dann zum Bodenputz gezwungen hat, gell? Also, genau eben jene Stimme hat diese Woche, nämlich am Dienstag, genau in dem Moment, in dem ich eine Haustür geöffnet und einen würdevollen Schritt ins gleißende Nachmittagslicht getan hatte, laut und vernehmlich ins Straßenweit gebrüllt: „Oooch du dumme Kuh!“ Es verstummten kurz die Vögel, ein Hündchen unterbrach den Strahl, die Welt stand still. Wär ich auch gern, hab ich aber nicht, sondern, also das war so: Ich ja bekanntlich immer überallhin Fahrrad. Und natürlich Fahrrad so nah wie möglich an Zielort abstellen, weil sonst Laufen, und Laufen = Zeitverschwendung. Jetzt muss man leider feststellen, dass aktuell manche Plätze eine bislang unbekannte Perfiderie entwickeln, nämlich wegen dieser Sonne, und so wie die mancherorts Straßenlaternen in Brenngläser verwandelt und damit schöne Muster auf Rasen malt, so verwandelt sie auch bequeme Gelsättel in flammende Inferni. Du also schön rauf mit dem Hintern und los, und genau so wie wenn man sich mit der flachen Hand auf der heißen Herdplatte abstützt dauert das dann scheint’s ein paar Sekunden bis der Schmerzreiz die obersten, sofort abgestorbenen Hautschichten durch- und tief ins Fleisch eindringt. Ergo ich nach fünf Metern undamenhafte Reaktion, sofortige Brandblasenentwicklung, daraufhin sehr, wirklich sehr mühsames Standradeln sowie verzweifelte Versuche, sich in den Schatten von Ampelanlagen zu krümmen. Hier sogleich nächste Gefahr, denn wenn so ein Ampel- oder auch ein Laternen- oder Schildermast ersteinmal schön zehn Stunden Sonnenschein erhalten hat, dann steht er kurz vor der Kernschmelze. Leider nur kurz davor, deswegen siehst du’s ihm nicht an, sondern lehnst dich lässig mit dem Handballen dagegen, anstatt geschwind in der Wartephase ein Hufeneisen oder Kunst zu schmieden. Jetzt Stigmata links. Solcherart gebrandmarkt und versehrt kennst du genau eine Lösung: Hinein in ein kühles Gewässer, mit Zisch und Dampf und Getöse, eben halt wie das erwähnte Hufeisen, musst du auch abkühlen wenn’s in Form gebracht ist. In Form, will sagen: Shape hab ich mich zwar nicht gefühlt, aber egal, weil Abkühlung, und so bin ich also mit dem Fahrrad – dem Auto hab ich im Vorbeiradeln einen vernichtenden Blick zugeworfen, speziell einen Blick aufs Lenkrad, weil da wissen wir auch, dass du lieber Kühlakkuhandschuhe anhaben willst grade – ins Bad geeilt. Das war wundervoll. Ich schön vor mich hin gezischt und Bahnen geschwommen wie eine Große, und trinken muss man auch sehr viel, und vor lauter Wasser und Abkühlung hab ich dann austreten müssen. Hinein in die Schlappen, und loselegantet – nicht, weil schwarze Flipflops und Sonne … naja. Ganzkörperbrandblase die ich bin, hab ich daheim heilige Schwüre der Verhaltensänderung und Fehlermemorierung geleistet, mich in Buttermilch gewälzt und auf feuchten Handtüchern gewunden. Und jetzt ratet, wer am Tag darauf sein Fahrrad wieder exakt an der selben Stelle parkiert hat …  

Samstag, 22. Juni 2019

Wachkoma

Gestern bin ich nach Haus gekommen und dort von einem feinen Kaffeeduft empfangen worden. „Ach Gottle“, denkt ihr jetzt und neidet, „hat sie endlich eins gefunden, das daheim auf sie wartet und sie hegt und pflegt und Kaffee kocht und einen Kuchen wird’s schon auch dazu geben!“ und seht wie ich von starken Armen empfangen und in eine Seligkeitsdecke gehüllt von den Mühen des Tagwerks mich erholen kann. So ungefähr hab ich’s mir nämlich auch gedacht und mich aufs Kanapee geschmissen und Füße hoch und Augen zu und man reiche mir die Tasse! „Du Depp!“ hat’s plötzlich laut durchs Anwesen gemault, und voller Schreck hab ich erkennen müssen, dass die lieblichen Worte meiner selbst entsprungen waren. „Hast doch nicht alles erwischt beim Putzen!“ und tatsächlich hab ich dann eilig mich unter den Tisch gebeugt und krustig-braune Pfützen entdeckt. So manch ein Hundebesitzer mag jetzt spontan ein Mitgefühl entwickeln, aber leider hab ich dann mich erinnern müssen, dass ich höchstselbst schuld war an einem kleinen Malheur. Weil man ist ja manchmal morgens. Also eigentlich ist man immer morgens, aber manchmal ist man morgenserer als an anderen Tagen, und da kann dann einmal passieren, dass nach außen sichtbar so ein Körper durchaus patent tut und aufstehen und Leibhygiene und Mund auch und wundersamerweise alle Farbtöpfe und -tupfer richtig im Gesicht verteilt anstatt Rot auf die Lider und Schwarz auf den Mund, auch wenn man wenn ich’s mir recht überleg heutzutage gar nicht allzu unangenehm damit … Naja, jedenfalls nach außen patent, innen jedoch problematisch, ich würd fast sagen, es handelt sich hierbei um eine spezielle Art des Wachkomas, bei dem man erst aufwacht wenn man dann doch einmal dabei ist, sich die Föhnlotion unter die Arme und das Deo in die Frisur zu sprühen oder manchmal sich später am Tag fragt, ob überhaupt eins von beidem stattgefunden hat, oder man dabei ist, Kaffee in eine Suppenschüssel zu gießen. Dann erfolgt geschwind und kopfschüttelnd ein Tausch, doch die Gefahr ist damit nicht gebannt, weil es geht mit dem Wachkoma auch manchmal eine motorische Unsicherheit einher, und so hab ich unlängst erst einmal so eine sehr große, sehr volle Tasse, mit einem Telefonhörer verwechselt und dann sehr viel später waren der Schreibtisch sauber und der Boden, der Computer auch, und viel weniger Schmierpapier ist noch herumgelegen, dafür hat’s schön geduftet. An dem besagten Morgen jetzt hab ich im Wachkoma scheint’s von der bayerischen Tradition geträumt, leere Krüge zum Zeichen des Wunsches nach Wiederbefüllung längs auf den Tisch zu legen. Aufgewacht bin ich dann als ungefähr ein Liter Kaffee in meine Tasche geronnen ist und von der aufs Stuhlpolster und bodenwärts, während auf der anderen Seite des Tischs die Brühe sich angeschickt hat, ihren Platz auf der weißen Tapete zu erobern. Jetzt riecht es also auch abends nach morgens. Ich weiß noch nicht, ob das so gut ist. 

Freitag, 14. Juni 2019

Der Berg rief

Seit zwei Wochen ruft der Berg. Alles rennet, rennet kotzet, der Mensch schwankt – erst zwischen Abscheu und Sehnsucht, später stehend auf einer Bank, holleradidudeldö. Auch mich hatte unlängst der Berg gerufen, und Prophet, der ich bin, folgte ich sogleich. Allerdings nicht nach Norden, sondern tief nach Süden, mit dem Finger auf der Landkarte abwärts, topographisch jedoch ging’s rauf. Nämlich auf die Alm. Da gibt’s koa Sünd, wohl aber den Pfad der Erkenntnis, und wurd‘ sogleich beschritten. So ähnlich jedenfalls. Man kennt das: „Bergretter verunglückt!“, wird gelegentlich vermeldet, man liest dann kopfschüttelnd von irgendwelchen Gruppen, die aus einer Stadt gekommen und umeinandergekraxelt sind und dann Knöchelbruch und Absturz und auweh. Hab ich mich immer erinnert gefühlt an Menschen, die aus Bussen gespuckt am Burgberg stöckeln, und gefunden, dass das eh saudumm ist. Aber eine o.g. hochalpine Verunfallung, hab ich gefunden, das ist schon also wirklich Darwinismus par exzellohs. Jetzt sagen wir einmal so: Ich weiß jetzt vielleicht doch, wie das geht. Nämlich so: Stadtmenschen haben Geburtstag und darum Hütte. Weil. Sie sind voller Liebe, Wein und Gesang, doch auch voller Tatendrang, und so folgen sie dem „Sonnenweg“, weil die Almfrau hat gesagt „Nette kleine Wanderung, 90 Minuten, Einkehr oben möglich“, und was willst du mehr, also schön Turnschuh an und vielleicht einen Apfel und ein Keks hinein ins Tascherl, weil bist du eh gleich wieder zurück. Bist du dann noch gleicher zurück, weil Sonnenweg geht in zwei Richtungen, aber rechts war’s auch schön und wenn schon zurück an der Basis, so vielleicht doch lieber Wanderschuh und kleines Wasser – Glück auf! Bergauf zwar, doch es ist Sonne, Wiese, Wetter, und du eine Gams, eine kurzatmige zwar, doch es ist ja nicht mehr weit, denkst du an der zweiten Rast beim dritten Wasserlauf nach 90 Minuten. Doch siehe da, ein Schild verkündet „Abkürzung“, im für Bergwanderungen sehr geeigneten Google Maps siehst du dich in der Wahl bestätigt. Nach weiteren zwei Stunden bist du keine Gruppe mehr, sondern nur noch Einzelkämpfer. Du setzt einen Fuß vor den anderen, nach jeder Kurve kommt die nächste Steigung, von einem Gipfel keine Spur, von den Mitläufern findest du Kekskrumen und Schweiß am Boden; gefangen in der ewigen Step-Aerobic. Du hast großen Zorn. Auf Natur im Allgemeinen und Berg im Speziellen, auf Abkürzungen und unbefestigte Klettersteige, und während du über dem Abgrund an einer Wurzel entlang dich hangelst, sagst du im Wahn der Verzweiflung dein Mantra auf: Einkehr. Einkehr. Schnitzel. Weißbier. Einkehr. Mit letzter Kraft robbst du auf allen Vieren eine erdige Steilwand hinauf, die letzte Abkürzung, endlich winkt der Lohn nach fünf Stunden hartem Kampf. Du rennst, fliegst den festen Weg entlang. Eine weitere Stunde später bemerkst du klug, dass Bergalmen selten unten, meistens oben – und sämtliche Teilnehmer der Wanderung kurz vor dem Ziel falsch abgebogen sind. Du wirfst dich auf den Boden und weinst. Wie es weiterging, erfahrt ihr nach der nächsten: Maus. Aber nicht der Wilden!